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Full text of "Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands"

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ZWEI  BÜCHER 


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SOCIALEN  GESCHICHTE ; 


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ADOLF  HELD. 


AUS    DEM   NACIILASS   ITKUAUSGEGEBEN 
VON    GEORG    FRIED  KI  (-11    KNAPP. 

MIT  1>KM  BILDNISS  ADOLF  HKLDS. 


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LEIPZIG, 

VKHLA(J    VON   DUXCKEK  vSc    IlLMBLOT. 

1881. 


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Verlag  von  Duncker  &  Hnmblot  in  Leipzig. 


Herausgegeben 

Ton 

Chistav  SohmoUer. 

Ei*ster  Band. 

I.  Die  Ahsbildung  der  grossen  Gnuidherrschaften  in  Deatschland  während 
der  Karolingerzeit    Von  Karl  TJieodor  von  Inuma-Stemegg.    3  M.  20  PI 

IL  Die  deutschen  Städtesteuem,  insbesondere  die  städtischen  Reichssteuem 
im  12.  und  13.  Jahrhundert    Von  Karl  Zenmer,  4  M. 

III.  Beiträge  zur  Gtischichte  des  französischen  Wirthschaftslebens  im  elften 
Jahrhundert    Von  Karl  Ijamprecht,  4  M. 

IV.  Die  innere  französische  Gewerbepolitik  von  Colbert  bis  Turgot.    Von 
Henrjf  W.  Farnam.  2  M.  40  Pf . 

V.  .Die  Gliederung  der  G^esellschaft  nach  dem  Wohlstande,  auf  Grund  der 
neueren  amtlichen  deutschen  Einkommens-  und  Wohnungsstatistik.  Von 
Richard  Michaelis.  4  M.  40  Pf . 

Preis  des  ersten  Bandes  complet:  18  Mark. 


Zweiter  Band. 

I.  Der  Kampf  um  Gewerbereform  und  G^werbefreiheit  in  Bayern  von 
1799  bis  1^68.  Mit  einem  einleitenden  Ueberblick  über  die  Entwicklung 
des  Zunftwesens  und  der  Gewerbefreiheit  in  Deutschland.  Von  Josrt' 
Kahl.  4  M.  40  Pf. 

II.  Di  e  Industrie  am  Niederrhein  und  die  Lage  ihrer  Arbeiter.    Erster  Theil : 

Die  linksrheinische  Textilindustrie.    Von  Alj>hovR  Thnn.  6  M. 

III.  Die  Industrie  am  Niederrhein  und  die  Lage  ihrer  Arbeiter.  Zweiter 
Theil:  Die  Industrie  des  bergischen  Landes.  (Solingen,  Kemsebeid, 
Elberfeld,  Härmen.)    Von  Alphonn  Thun,  6  M. 

IV.  Die  schweizerische  Allmend  in  ihrer  geschichtlichen  Entwicklung  vom 
XIII.  Jahrhundert  hin  zur  Gegenwart     Von  A.  von  Miat^howski.    6  M. 

V.  lieber  das  ältere  deutsche  Mnnzwesen  und  die  Hausgenossenscliaften, 
besonders   in  volkswirthschaftlicher  Beziehung.     Von   A'.  Th.   lüiehcrg. 

4  M.  60  Pf. 
Preis  des  zweiten  Bandes  complet:  27  Mark. 


Dritter  Band. 

I.  Landwirthschaft  und  Gewerbe  in  Mittelrussland  seit  Aufhebung  der  Leib- 
eip^enschaft.     Von  Alphoim  Thnn.  6  M. 

n.  Die  Strassburger  Goldschmiedezunft  von  ihrem  Entstehen  bis  1681. 
Urkunden  und  Darstellung.  Ein  Beitrag  zur  Gewerbegeschichtc  des 
Mittelalters.    Von  Hami  Mvycr.  6  M. 

III.  Die  Effektenbörse.  Eine  Vergleichung  deutscher  und  englischer  Zustände. 
Nebst  einem  Anhang:  Die  Entwicklung  des  Instituts  der  beeidigten 
Makler  in  Deutschland  im  19.  Jahrhundert.    Von  ICnn'l  StruH',  6  M. 

IV.  Geschichte  der  preussisch- deutschen  EiscnzöUc  von  1811  bis  zur  Gegen* 
wart.    Von  Mnx  Scring.  ca.  5  M. 


Verlag  von  Duneker  &  Humblot  in  Leipzig. 


Schriften  des  Vereins  für  Socia1politil(. 

(Preis  des  I.>-XIX.  Bandes:  72  Mark  40  Pf.) 

I.  Zur  Beform  des  ActfengetellsehaHawegemk    Drei  Gut- 
achten von  JI.  Wiener,  GoldschmidU  Behrend,    1878.    M.  2. — . 

II.  üeber  FabrUcffesetzgebiinff ,  Sohledssr^riolite  und 
EinlS^nnffflämter.    1873    M.  4.—. 

m.  Die  Penionalbesteuenmr.   Gutachten  von  E,  Nasse,  A.  Hehl 

J.  Genself  v.  Wintzingerode,  V.  Bössler.    1873.    M.  2. — . 

IV.  Verhandlmiffeii  des  Vereine  für  Sooialpolitlk  am  12.  und 

18.  October  1878.    1874.    M.  4.—. 

V.  üeber  Altem-  und  XnvalldenoaMen  für  Arbeiter.  Gut- 
achten von  F.  KoHe,  ZiUmeTf  Ludwig-Wolf,  J.  HiUrop,  G,  Behm. 
1874.    M.  4.—. 

VI.  üeber  BetheUl^rnnff  der  Arbeiter  am  üntemehmer- 
ffewlnn.  Gutachten  von  E.  r.  Plener,  M.  Weigert,  J.  Neumann, 
7.  Wertheim.    1874.    M.  1.20. 

VII.  üeber  Bestraflmg  dee  Arbeltivertragebrachee.  Gutachten 
von  F,  Knauer,  C.  Boscher,  G.  SchmoUer,  F.  W.  Brandes,  L. 
Brentano,  M.  Hirsch.    1874.    M.  4.80. 

VIII.  Ble  progreMdve  Einkommensteuer  Im  Staats-  and 
Gemeinde  -  Hanshalt.  Gutachten  von  Fr,  J.  Neumann.  1€IA. 
M.  4.80. 

IX.  Verhandlungen  der  zweiten  Oeneralversammlung  des 
Vereins  für  SoolalpoUtlk  am  11.  u.  12.  Oct.  1874.  1875. 
M.  3.60. 

X.  Ble  Beform  des  Iiehrllnsrswesens.  Sechzehn  Gutachten 
und  Berichte.    1875.    M.  4.80. 

XI.  Verhandlungen  der  dritten  Generalversammlung  des 
Vereins  für  SoolalpoUtlk  am  10.,  11.  und  12.  October  1875. 
M.  4.80. 

Xn.  Ble  Communalsteuerfirage.  Zehn  Gutachten  und  Berichte. 
1877.    M.  6.60. 

XIII.  Bas  Verfahren  bei  Enqueten  ttber  soolale  Verhältnisse. 

Di-ei    Gutachten    von  G,  Emhdin,   G,  Cohn,    W.  Stieda.     1877. 
M.  1.60. 

Xrv.  Verhandlungen  der  fünften  Generalversammlung  des 
Vereins  fttr  SoolalpoUtlk  am  8.,  9.  u.  10.  Oct.  1877.  M.  6.—. 

XV.  Bas  gewerbUohe  Fortblldungswesen.  Sieben  Gutachten 
und  Berichte.    1879.    M.  3.60. 

XVI.  Verhandlungen  der  sechsten  Generalversammlung  des 
Vereins   für  SoolalpoUtlk  ttber   die  ZoUtarIfvorlagen, 

am  21.  u.  22.  April  1879.    M.  3.20. 

XVII.  Gewerkvereine  und  üntemehmerverbände  In  Frank- 
reloh.  Ein  Beitrag  zur  Renntniss  der  socialen  Bewegung.  Von 
W  lAxis     M.  G.— . 

XVin.  Ble  amerikanischen  Gewerkvereine.  Von  Henry  W. 
Fainam,    M.  1.20. 

XIX.  Ble  Haftpflichtfrage.    Gutachten  und  Berichte.    M.  4.20. 


ZWEI  BÜCHER 


ZÜB 


SOCIALEN  GESCHICHTE 

ENGLANDS. 


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i.rciiEi; 


ZWEI  BÜCHER 

ZÜB 

SOCIALEN  GESCHICHTE 
ENGLANDS 

TON 

ADOLF  HELD. 


AUS  DEM  NACELAS8   HEBAnSGEeEBEl^ 
TON  GEORG  FRIEDRICH  KNAPP. 

WT  DEM  BILDNISS  ADOLy  HELDS. 


LEIPZIG, 

VERLAG  VON  DUNCKER  fc  HUMBLOT. 
18t*l. 


Dm  üeberaetiiugsrecht  bleibt  Torbehalten. 


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Vorrede  des  Herausgebers. 


Das  Werk  von  Adolf  Held,  das  nun  mit  dem  Titel  „Zwei 
Bücher  zur  socialen  Geschichte  Englands"  ei-scheint,  war 
ui-sprünglich  bestimmt,  den  ersten  Band  einer  „socialen  Ge- 
schichte Englands  von  der  Mitte  des  18.  Jahrhundei*ts  bis  zur 
Gegenwart"  zu  bilden.  Dieser  erste  Band  sollte  die  „Grund- 
lagen der  modemen  Verhältnisse"  schildern,  nämlich  die  Ent- 
wicklung der  politischen  und  socialen  Ideen,  welche  das  neuere 
England  beherrschen;  und  die  Entwicklung  der  Grossindustrie 
durch  deren  Uebermacht  die  wirthschaftlichen  Zustände  ihre 
jetzige  Gestalt  erhalten  haben. 

Ein  zweiter  Band  sollte  dann  die  Neubildungen  in  der 
Verfassung  und  in  der  Gesetzgebung  darstellen:  zuerst  die 
Bewegung  der  gewerblichen  und  handeltreibenden  Mittelclasse 
zur  Durchführung  der  Parlamentsreform  nebst  den  Versuchen 
der  Arbeiterclasse,  diese  Reform  zu  einer  radicalen  zu  machen ; 
dann  die  gesetzlichen  Neuerungen  im  Gebiet  des  Armenwesens, 
der  Fabriken,  der  Zölle,  des  Handels,  der  Banken  und  Finanzen; 
endlich  die  Anfänge  socialer  Organisationen  wie  Sparcassen, 
Veracherungswesen,  Gewerkvereine  und  die  Bestrebungen  zur 
sog.  Cooperation:  all  dies  jedoch  nur  so  weit  es  etwa  bis  zum 
Jahr  1832  gediehen  war. 

Die  Zeit  von  1832  bis  1850  sollte  dann  in  einem  dritten 
Bande  ähnlich  behandelt  werden  und  die  Zeit  nach  1850  war 
einem  vierten  Bande  vorbehalten.  Ueber  die  Zeit  des  Er- 
scheinens der  späteren  Bände   hat  der  Verfasser  nichts  zu 


VI  Vorrede. 

versprechen  gewagt,  er  wollte  vorläufig  nur  den  ersten  Band 
veröifentlichen. 

Der  leitende  Gedanke  des  ganzen  Unternehmens  war 
offenbar:  nicht  eine  einzelne  Ei-scheinung  des  politischen  oder 
socialen  Lebens  herauszugreifen,  sondern  so  umfassend  als 
möglich  alle  politischen  und  socialen  Regungen  in  ihrem  natür- 
lichen Zusammenhang  aufzufassen.  Schon  im  Jahr  1875  schrieb 
Held  gelegentlich  in  einem  Briefe:  ^Ich  habe  stets  die  poli- 
tische Seite  der  socialen  Frage  im  Auge  gehabt^;  und  man 
wird  sofort  bemerken,  dass  er  bei  der  Darstellung  des  Wirkens 
wesentlich  politischer  Männer  stets  den  socialen  Anschauungen 
derselben  eifrig  nachspüi*t. 

Das  Werk  sollte  eine  noch  unabgeschlossene  Entwicklung 
zum  Gegenstande  haben.  Der  Verfasser  zweifelte  daher,  ob 
es  überhaupt  möglich  sei,  sich  dabei  kühl  objectiv  als  Dar- 
steller dessen,  was  gewesen  ist,  zu  verhalten;  seinei*seits  war 
er  entschlossen,  dies  nicht  einmal  zu  versuchen:  er  sprach  es 
offen  aus,  dass  er  als  Historiker  und  Politiker  zugleich  auf- 
trete. Und  in  demselben  Gefühl  fügte  er  hinzu :  „Ich  schreibe 
über  England  —  als  Deutscher  —  für  Deutsche."  — 

Die  Vorbereitungen  zu  dem  Werke  begannen  schon  fi-üh. 
Als  erater  Schritt  dazu  ist  wohl  eine  Vorlesung  zu  betrachten, 
die  er  als  Professor  in  Bonn  für  das  Wintersemester  1874/75 
über  „Geschichte  der  socialen  und  socialpolitischen  Bewe- 
gungen in  den  letzten  hundeit  Jahren"  ankündigte.  Doch  ge- 
wann er  bald  die  Ueberzeugung ,  dass  er  die  Bücherschätze 
Englands  an  Ort  und  Stelle  kennen  lernen  müsse  und  brachte 
die  Monate  Juni,  Juli  und  August  des  Jahres  1875  in  London 
zu.  Ein  Jahr  darauf,  im  Herbste  1876,  stand  ihm  bereits  der 
Plan  des  Ganzen  fest. 

Im  Winter  1876/77  hielt  er  eine  Vorlesung  „über  sociale 
Geschichte  Englands",  und  in  jener  Zeit  entstand  bereits  ein 
Theil  der  Beiträge  zur  Literaturgeschichte,  die  jetzt  im  Ersten 
Buche  vereinigt  sind,  und  zwar  jedenfalls  die  Darstellung 
Bentham's  (Gap.  3)  und  die  der  Nationalökonomen  (Gap.  2). 
Die  übrigen  Theile  dieses  Buchs  sind  in  der  Zeit  vom  Herbst 


Vorrede.  MI 

1877  bis  Herbst  1878  entstanden,  je  nachdem  die  Bücher  zu 
erlangen  waren. 

Dann  begann  die  Sammlung  des  Stoffes  für  die  Geschichte 
der  Grossindustrie  und  dauerte  vom  Herbst  1878  bis  zum 
Frühjahr  1880  —  sie  erforderte  einen  neuen,  küraeren  Auf- 
enthalt in  London  (März  1880). 

Die  Abhandlung  selbst ,  die  jetzt  das  Zweite  Buch  bildet, 
wurde  ganz  im  Sommer  1880,  aber  freilich  nur  als  Entwurf, 
niedergeschrieben. 

Sogar  eine  Vorrede  fügte  der  Verfasser  damals  schon 
hinzu,  der  wir  folgende  Stelle  entnehmen: 

^Zum  Schlüsse  drängt  es  mich,  demjenigen  zu  danken, 
welche  mir  bei  der  langen  Arbeit  werthvolle  Unterstützung 
geleistet  haben.  Zu  gi'ossem  Danke  bin  ich  meinen  deutschen 
Fachgenossen  verpflichtet,  deren  gelehrte  Arbeiten  auf  dem 
Gebiet  der  Geschichte  socialer  Entwicklungen  Licht  ver^ 
breitet  haben,  und  denjenigen»  meiner  englischen  Freunde, 
die  mir,  wie  Mr.  Ludlow,  Generalregistrator  der  Hülfs- 
cassen,  im  Einzelnen  manchen  Weg  gewiesen  haben.  Be- 
sonders aber  danke  ich  hiermit  öffentlich  denjenigen  Biblio- 
theken, ohne  deren  liberale  Hülfe  ich  nicht  hätte  arbeiten 
können.  Zweimal  habe  ich  bei  längerem  Aufenthalt  in 
London  die  Schätze  des  British  Museum  benutzen  können, 
welche  in  so  ausserordentlich  angenehmer  Weise  auch  dem 
Ausländer  zur  Vei-fOgung  gestellt  werden.  Die  Mehrzahl 
aber  aller  von  mir  benutzten  Bücher  entstammte  deutschen 
Bibliotheken,  da  ich  ja  als  Professor  den  grössten  Theil  der 
Arbeit  an  meinem  Wohnort  in  Deutschland  leisten  musste. 

In  ei'ster  Linie  muss  ich  wohl  die  herzogliche  Bibliothek 
zu  Gotha  nennen,  die  aus  dem  Nachlass  des  Piinzen  Albert 
eine  Sammlung  älterer  englischer  Parlamentspapiere  be- 
kommen hat,  wie  sich  keine  von  gleicher  Vollständigkeit 
irgendwo  andei'S  in  Deutschland  finden  düifte. 

In  Bezug  auf  Literatur  bin  ich  der  Hof-  und  Staats- 
bibliothek in  München  und  der  Universitätsbibliothek  in 
Göttingen  zu  besonderem  Danke  verpflichtet. 


Vin  Vorrede. 

Unentbehrliche  Ergänzung  zu  den  von  den  genannten 
Orten  empfangenen  Werken  boten  mir  die  Universitäts- 
bibliothek in  Bonn  und  die  kgl.  Bibliothek  in  Berlin,  welchen 
beiden  ich  noch  speziell  für  Neuanschaffungen  zu  danken 
habe;  femer  die  beiden  in  nationalökonomischen  Kreisen 
altbertthmten  Bibliotheken :  die  Commerzbibliothek  in  Ham- 
burg und  di6^  Bibliothek  des  kgl.  statistischen  Bureaus  in 
Berlin." 

Diese  Woile  des  Dankes  waren  die  letzten,  die  der  Ver- 
fasser an  seinem  Werke  schrieb. 

In  Briefen  an  seine  Freunde  meldete  er  dann  mit  Genug- 
thuung  am  26.  Juli  1880:  ^die  Niederschrift  des  ei'sten  Bandes 
ist  fertig" ;  und  fügte  am  1.  August  hinzu :  „im  Winter  1880/81 
will  ich  das  Ganze  überarbeiten." 

Wenige  Tage  darauf  reiste  er  zur  Erholung  in  die  Schweiz 
und  fand  dort  am  25.  August  1880  bei  einer  Kahnfahrt  am 
Ausflusse  des  Thuner  Sees,  wenig  über  sechsunddreissig  Jahre 
alt,  durch  einen  Unfall  seinen  Tod  in  den  Wellen. 


Nach  dem  Begräbniss,  das  in  Bonn  stattfand,  war  die 
erste  Sorge  seiner  Witwe,  Frau  Elise  Held,  geb.  Uellenberg, 
dem  verwaisten  Werke  gewidmet,  das  in  den  Kellern  der 
Reichsbank  in  Berlin  hinterlegt  war.  Die  Veröffentlichung  schien 
möglich  wenn  ein  Herausgeber  an  die  Stelle  des  Verfassers 
trete,  und  war  erleichtert  durch  die  fortdauernde  Bereitwillig- 
keit des  schon  früher  gewonnenen  Verlegers,  HeiTU  Carl 
Geibel  jun.  Als  wünschenswerth  wurde  es  allerseits  ange- 
sehen, dass  das  Werk  spätestens  im  Herbst  1881  auf  den 
Markt  komme. 

Ich  konnte,  vom  1.  April  1881  an,  dieser  Aufgabe  hin- 
reichende Zeit  widmen  und  war  als  Freund  des  Verstorbenen 
gern  bereit  dazu. 

Wie  nicht  anders  zu  erwarten  war,  befanden  sich  die 
verschiedenen  Theile  des  Werks  in  sehr  verschiedenem  Zu- 
stande. 


Vorrede  IX 

Zunächst  erkennt  man  sofort,  dass  die  kui*ze  ^Einleitung^ 
(S.  3  bis  41)  noch  aus  der  Zeit  der  Vorbereitungen  stammt: 
sie  ist  nicht  nach  den  Quellen  gearbeitet.  Aber  als  Bindeglied 
für  die  beiden  Haupttheile  und  auch  weil  sie  manche  that- 
sächliche  Angaben  enthält,  die  später  als  bekannt  voraus- 
gesetzt werden,  wurde  sie  doch  nach  einigen  Küi*zungen  bei- 
behalten. 

Das  Erste  Buch  —  die  Literatui'geschichte  —  bereitete 
ernstere  Schwierigkeiten.  Die  einzelnen  Stücke  lagen  ge- 
trennt vor,  die  meisten  offenbar  fertig;  einige  allerdings  (z.  B. 
der  Abschnitt  über  die  Radicalen,  Cap.  4,  besonder  §  3, 
S.  322)  gewiss  nicht  in  endgültiger  Gestalt.  Aber  was  ganz  und 
gar  fehlte,  war  die  endgültige  Anordnung:  die  Schriftsteller 
lagen  in  der  Reihenfolge  der  Bearbeitung,  und  zufällig  gerade 
die  frühesten  zuletzt.  Bei  der  Leichtigkeit  des  Schreibens 
war  es  dem  Verfasser  sogar  bequem  gewesen,  sie  so  durch 
Uebergänge  mit  einander  zu  verbinden,  obgleich  die  An- 
ordnung ausdrücklich  als  eine  vorläufige  bezeichnet  war. 

Hier  blieb  dem  Herausgeber  nichts  übrig,  als  tief,  jedoch 
vomchtig,  einzugreifen.  Es  wurden  vier  Hauptgruppen  ge- 
bildet: die  politischen  Individualisten  (Cap.  1  und  3);  die 
ökonomischen  Individualisten  oder  Nationalökonomen  (Cap.  2) ; 
die  aus  dem  politischen  und  ökonomischen  Individualismus 
hervorgegangenen  Paiteihäupter  oder  Radicalen  (Cap.  4)  und 
t;ndlich  die  Socialisten  (Cap.  5).  Die  politischen  Individualisten 
wurden  noch  getrennt  in  die  älteren,  die  wesentlich  unter 
dem  Einflüsse  der  Losreissung  der  amerikanischen  Colonien 
und  der  französischen  Revolution  von  1789  gestanden  (Cap.  1), 
und  die  jüngeren,  welche  noch  die  späteren  Zeiten  mit  erlebt 
hatten  (Cap.  3). 

Aus  dieser  Umordnung  ergab  sich  die  Noth wendigkeit 
neuer  Uebergänge  —  doch  wurde  manche  Erwähnung  von 
Schriftstellern,  die  jetzt  erst  an  späterer  Stelle  stehen,  z.  B, 
Bentham's,  geschont,  um  nicht  die  ursprünglichen  ßestand- 
theile  zu  sehr  zu  zerreissen.  Hinzugefügt  wurde  nichts  — 
denn  auch  der  Rückblick  (Cap.  4  §  5 ;  S.  338),   der  nicht  in 


X  Vorrede. 

der  Handschrift  stand,  ist  fast  ganz  aus  Sätzen  des  Verfassers 
gebildet.  — 

Das  Zweite  Buch  —  Grossindustrie  —  erscheint  fast  so 
^ie  es  der  Verfasser  entworfen  hatte,  nur  etwas  eingehender 
in  Capitel  und  Paragraphen  gegliedert.  Der  stoffliche  In- 
halt desselben  macht  es  auch  an  den  Stellen  werthvoll,  wo 
man  die  Pflege  der  Form  vermisst.  Die  Sorge  des  Heraus- 
gebers war  hierbei  ganz  auf  die  richtige  Lesung  der  zum 
Theil  sehr  schwierigen  Handschrift  beschränkt 

Um  aber  doch  dem  Leser  eine  Vorstellung  davon  zu  geben, 
in  welcher  Form  dieser  Theil  hätte  erscheinen  können,  wenn  die 
letzte  Ueberarbeitung  stattgefunden  hätte,  wurde  als  erster 
Anhang  ein  Vortrag  über  Handwerk  und  Grossindustrie  bei- 
gefügt, den  allerdings  der  Verfasser  beizufügen  keinen  Ginind 
gehabt  haben  würde.  Aber  nur  so  war  es  nun  möglich,  den 
Leser  mit  der  Stilart  bekannt  zu  machen,  die  den  Verfasser 
am  besten  kennzeichnet:  es  ist  die  Rede,  mit  der  er  vor 
Allem  auf  die  Gesinnung  seiner  Hörer  wirkt 

Auch  beim  zweiten  Anhang,  der  die  Belegstellen  enthält, 
war  nur  für  richtige  Lesung  zu  soi*gen,  wobei  allerdings,  wie 
bei  dem  ganzen  Werke,  die  viel  zu  zerstreuten  Quellenschriften 
nicht  benutzt  werden  konnten:  es  lagen  nur  die  Abschriften 
oder  Uebersetzungen  vor. 

Nur  die  englischen  Gesetze  wurden  nach  den  „Statutes 
at  Large'^  auf  der  Strassburger  Bibliothek  genau  verglichen, 
worüber  in  einem  besondem  Theil  des  Registers  das  Nöthige 
gesagt  ist 

Mithin  hat  sich  die  Hemusgabe  ganz  innerhalb  der  Grenzen 
einer  philologischen  Behandlung  bewegt  Es  ist  in  das  Werk 
nichts  Fremdes  hineingetragen.  Was  hier  vorliegt,  ist  dem 
Inhalt  nach  ganz  und  gar  die  Frucht  der  Arbeit  des  Verfassers. 

Strassburg  i,  E.,\16.  September  1881. 

Georg  Friedrich  Kjiapp. 


INHALT. 


Einleitung 

Seite 

zur  socialen  Geschichte   Engjands   von  1760   bis 
1832 1-41 

§  1.    Die  Grandbesitzer      4 

§  2.    Handelspolitik 8 

§  8.    Die  unteren  Classen 16 

§  4.    Arbeitergesetze 20 

§  5.    Armen-  und  Heimalhsgesetze 28 

§  6.    Stocken  der  Gesetzgebung      88 

Erstes  Buch, 

Sociale   und   politische    Literatur    von    1776    bis 

1832       43-386 

Vorbemerkunfi:  über  den  Ursjnnmjr  der  neuen 

politischen  Ideen 45 

Erstes  Capitel.     Die  älteren  Indivichialisten. 

8  1.    Priestley  und  Price 61 

§  2.    William  Paley ,    .    .    •  76 

§  3.    William  Godwin  und  Thomas  Spence       89 

§  4.    Thomas  Paine 115 

§  5.    Burke 131 

Zweites  Capitel.     Die  National<)kon()nien. 

S  1.    Adam  Smith 154 

S  2.    David  Ricardo ' 175 

S  3.    löchert  Malthus 204 

§  4.    Die  conservativen  Nationalökonomen  (Chalmers.Sadier)  233 


xn  Inhalt. 

Seite 

Drittes  Capitel.     Die  neueren  Individualisten. 

§  1.    Jeremias  Bentham 246 

§  2.    Die  Benthamiten.    (Westminster  review)      ....    278 

Viertes  Capitel.     Die  Radicalen, 

§  1.    John  Cartwright 288 

§  2.    Cobbett 293 

§  3.    Carlile,  Attwood,  P.  Thomson,  Elliott 322 

§  4.    Letzte  Steigerung  des  Radicalismus 329 

§  5.    Rückblick 338 

Fünftes  Capitel.     Die  Socialisten. 

§  1.    Robert  Owen      343 

§  2.    Owens  Schüler  (Au  Combe  und  W.  Thompson)    .    .    378 

Zweites  Buch. 

Entwicklung  der  Grossindustrie       387—666 

Vorbemerkung   über  Quellen  und  Literatur  .   .   389 

Erstes  Capitel.     Verfall  der  alten  Handwerks- 
ordnung. 

§  1.  Die  alten  Ordnungen 407 

§  2.  Lehrlingswesen 414 

§  3  Lohnregulirungen 432 

§  4.  Technische  Vorschriften 465 

§  5.  Preistaxen  und  Marktpolizei 471 

§  6.  Competenzbegrenzungen  verschiedener  Gewerbe    .    .  477 

§  7.  Zünfte 479 

Zweites  Capitel.  Entartung  des  Mercantilsystenis. 

§  1.  Das  Mercantilsystem 493 

§  2.  Handelspolitischer  Schutz  der  Textilindustrie  .    .    .  497 

§  3.  Handelspolitischer  Schutz  der  übrigen  Industrien     .  515 

g  4.  Handelspolitischer  Schutz  des  Ackerbaus     ....  521 

§  5.  Bekämpfting  der  Schutzzölle 529 

§  6.  Rückblick  und  Vorblick 533 

Drittes  Capitel.     Der  Sieg  des  gi'osscn  Capitals. 

§  1.    Das  Capital  und  die  Formen  der  Industrie      .    .    .    536 

8  2.    Die  Herrschaft  der  Hausindustrie 650 

ä}  3.    Die  modernen  Verkehrsverhältnisse 563 


Inhalt  XUI 

Seite 

Viertes  Capitel.     Die  Fabrikindustrie. 

§  1.    Manufacturen  nnd  Fabriken 578 

§  2.    Die  Reihenfolge  der  Erfindungen 589 

§  3.    Opposition    von   Arbeitern  nnd  Capitalisten    gegen 

Maschinen  und  Fabriken 604 

§  4.    Einwirkung  der  Fabrikindostrie  auf  die  Landwirth- 

schaft 609 

Fünfte  s  Capitel.     Die  Lage  der  Fabrikarbeiter. 

§  1.    Frauen-  und  Kinderarbeit " 611 

§  2.    Gesundheits-  und  Wohnungsverh&ltnisse 682 

§  3.    Moralität 640 

§  4.    Geschäftsstockungen 651 

Sechstes  Capitel.     Rückblick     663 


Erster  Anhang. 

Vortrag   über   Handwerk  und  Grossindustrie    667—686 


Zweiter  Anhang. 

Belegstellen  (zur  Entwicklung  der  Grossindustrie)  687—756 

A.  Lehrlingswesen  bei  den  Seidenbandwebem     ....  689 

B.  Resolutionen  der   Uhrmacher    (über   Lehrlingswesen)  692 

C.  Die  Weber  wollen  das  Aufkommen  der  Fabriken  ver- 
hindern      694 

D.  Erklärung  der  Spitalfieldsfabrikanten  (über  Löhne)    .  695 

E.  Die    Hausweber    verlangen    ein    gesetzliches    Lohn- 
minimum       '   , 696 

F.  Man  strebt  nach  einem  Einigungsamt 699 

G.  Vorschlag  von  Fielden,  betr.  Einigungsamt     ....  708 

H.    Sir  Robert  Peels  Bericht  über  die  Beschäftigung  von 

Kirchspiel-  und  anderen  Kindern 706 

J.    Ueber  die  Zustände  in  den  Kohlenbergwerken    .    .    .  709 

K«    Zustände   der  arbeitenden   Kinder   in  Gewerben  und 

Manufacturen 714 

L.    Gesundheitszustand  der  arbeitenden  Bevölkerung  von 

Grossbritannien 720 


XIV  Inhalt 

Seite 

M.    Franen  und  Kinder  in  den  Gewerben. 

1.  Geistiger  Znstand  der  Kinder  in  Wolverhampton  and 
Sheffield      736 

2.  £rziehung  des  weiblichen  Geschlechts 739 

3.  Wichtigkeit  der  Schulbildung 740 

4.  Die  Arbeiter  in  den  Bergwerken 741 

5.  Zusammenfassung  über  den  moralischen  Zustand  der 
Kinder  in  Bergwerken,   Gewerben  und  Manufacturen    746 

N.    Das  Gangsystem 752 


Verzeichniss  der  angeführten  Gesetze 757 

Verzeichniss  der  benutzten  amtlichen  Schriften 761 

Verzeichniss  der  vorkommenden  Namen  und  Werke        ...    766 


Verbesserungen 778 


Einleitung 

zur  socialen  Geschichte  Englands 

von  1760  bis  1832. 


Held,  Soc.  G«»ach.  Engl. 


Einleitung 


zur  socialen  Geschichte  Englands 

von  1760—1832. 

Seit  Gneist  kennen  wir  das  Wesen  der  beiilhmten  und 
beneideten  englischen  Verfassung  des  vorigen  Jahrhunderts, 
wissen  wir,  wie  sie  sich  geschichtlich  entwickelt  hat  und  auf 
welchen  socialen  Verhältnissen  sie  beruhte.  Wir  betrachten 
sie  nicht  mehr  mit  den  Augen  Montesquieu's  und  wir  lächeln, 
wenn  in  ihr  noch  die  politischen  Wortführer  aus  der  Zeit  von 
1848  Verwirklichung  demokratischer  Ideale  erblickten. 

Es  existirte  keine  Constitution,  die  in  Artikeln  und  Para- 
graphen alle  Verfassungsbestimmungen  zusammengefasst hätte; 
die  Verfassung  wie  sie  galt  und  wie  sie  geübt  wurde,  war 
nicht  die  rationelle  Consequenz  irgend  eines  principiellen  Ge- 
dankens, sondern  das  Product  der  gesammten  Geschichte  des 
Volks  und  ebendeshalb  ihrer  Zeit  wirklich  die  beste  Verfas- 
sung, die  es  gab. 

Es  heiTSchte  eine  kleine,  aber  nach  unten  nicht  abge- 
schlossene Aristokratie  unter  einem  Königthum,  dem  es  seit 
den  Tagen  der  „Magna  Charta"  nie  gelungen  war,  unbeschränkt 
zu  sein,  und  dessen  beschränkte  Macht  1688  nicht  neu  con- 
stituirt,  sondem  nur  neu  anerkannt  und  definirt  wurde.  Die 
Aristokratie  (nobility  und  gentry)  regierte  nicht  nur  im  Parlament, 
sondern  sie  verwaltete  auch  den  Staat  durch  die  Ehrenämter 

des  Selfgovernments ,   die  sie  als  staatliche  Pflicht  übernahm. 

1* 


4  Einleitung. 

Das  Wahlrecht  der  wenig  zahlreichen  Mittelclasse  —  es 
gab  nach  Gneist  im  Durchschnitt  des  vorigen  Jahrhunderts 
nur  etwa  200,000  Wähler  —  liess  diese  indirect  an  der  poli- 
tischen Herrschaft  theilnehmen ,  wenn  es  sich  auch  nur  auf  das 
Parlament,  nicht  auf  die  Verwaltungsämter  bezog.  Die  Masse 
des  Volks  nahm  an  politischen  Hen-schaftsrechten  nicht  Theil, 
sondeiTi  ihr  waren  nur  bürgerliche  Rechte  sicher  garantirt, 
sie  war  geschützt  und  gefördeit  in  ihrem  Streben  nach  Er- 
werb. 

Wir  haben  eine  nicht  rechtlich  abgeschlossene  herr- 
schende Classe,  die  ihrerseits  durch  das  staatliche  Pflicht- 
gefühl beherrscht  wird  und  mit  dem  ganzen  Volk  organisch 
zusammenhängt,  weil  die  jüngeren  Söhne  der  Herrschenden 
ins  Volk  hinabsteigen,  die  Hellsehenden  selbst  durch  neu- 
emannte Paii*s  und  neuei'worbenen  grossen  Grundbesitz  sich 
stets  ergänzen  —  und  wir  haben  ein  freies  wohlhabendes 
Volk. 

Die  Aristokratie  war  keine  dem  Volke  gegenüberatehende 
Kaste,  sondern  die  geachtete  und  geliebte  Spitze  des  Volkes 
selbst,  und  regierte  für  das  Volk. 

Das  Detail  der  Englischen  Verfassung  zu  schildern,  ist 
nicht  Aufgabe  dieses  Buchs.  Nur  ein  Blick  auf  die  eigentlich 
sociale  Gesetzgebung  und  die  socialen  Verhältnisse  sei  ge- 
stattet. Wir  fragen,  wie  die  Dinge  zu  Zeiten  des  Regierungs- 
antritts von  Georg  IH.  (1760)  standen. 


§  1.    Die  Grundbesitzer. 

Der  Kern  der  regierenden  Aristokratie  waren  die  grossen 
Grundbesitzer  (nobility  und  gentry),  denen  sich  wenig  zahl- 
reiche Kategorien  der  städtischen  Gentry  anschlössen. 

Das  politische  Uebergewicht  des  Grossgiiindbesitzes 
beinihte  auf  seiner  gewohnheitsgemässen  Uebernahme  der 
localen  Verwaltungsämter,  und  dem  für  dieselben  bestehenden 
hohen  Gensus,  sowie  darauf,  dass  zwar  die  Städte  im  Unter- 
haus stark  vertreten  war«n,  aber  so,  dass  manche  volkreiche 
Städte  gar  keine  oder  wenige  Vertreter  wählten,   wohl  aber 


Die  Grundbesitzer.  5 

zahlreiche  wahlberechtigte  Burgflecken  bestanden  und  in  den 
Städten  die  Wählei-schaft  aufs  Aeusserste  beschränkt  und 
faktisch  in  der  Hand  benachbarter  Aristokratenfamilien  war. 
Diese  gesetzlichen  Institutionen  wären  aber  unwirksam,  ja  un- 
denkbar gewesen,  hätte  sie  nicht  die  politische  Bildung  der 
Gentry  getragen  —  und  hätte  nicht  der  Grossgmndbesitz  alter 
Familien  den  grössten  Theil  des  Grund  und  Bodens  beherrscht. 

Schon  Wilhelm  der  Eroberer  wusste  das  Feudali-echt  in 
England  so  zu  gestalten,  dass  der  Besitz  grosser  Feudalherren 
nicht  zur  Grundlage  einer  die  Staatseinheit  gefährdenden  poli- 
tischen Macht  werden  konnte.  Die  eigentliche  Leibeigenschaft 
verschwand  in  England  schon  im  Mittelalter.  Dem  Adel  ist 
es  nie  gelungen  das  formelle  Recht  auf  Begründung  yon  Fidei- 
commissen  auf  ewige  Dauer  zu  eningen.  Aber  es  ist  noch 
heute  das  allgemeine  Recht  des  Landes,  dass  nach  Intestat- 
erbfolge nur  der  älteste  Sohn  Ginind  und  Boden  erbt,  und 
es  herrscht  namentlich  unter  den  grösseren  Grundbesitzern 
die  Sitte  der  entails,  denenzufolge  der  dei*zeitige  Gmnd- 
besitzer  seinen  Grundbesitz  wenigstens  für  eine  bestimmte 
Zeit,  nämlich  bis  zum  erreichten  21.  Lebensjahre  des  ungeborenen 
Kindes  eines  der  zur  Zeit  des  Rechtsactes  lebenden  Erbberech- 
tigten auch  unveräusserlich  zu  machen  vermag.  Die  beständige 
Emeueining  dieser  entails  bewirkt  eine  factische  fideicommis- 
sarische  Gebundenheit  des  Grund  und  Bodens;  der  grosse 
Grundbesitz  wird  dadurch  erhalten,  er  kann  sich  ausdehnen, 
nur  selten  zerfallen.  Ja  das  Aufkommen  der  grossen  Industrie 
begünstigte  die  Ausdehnung  des  geschlossenen  grossen  Grund- 
besitzes, weil  die  in  der  Fabrikation  erworbenen  grossen  Reich- 
thümer  das  Zusammenkaufen  und  Festlegen  des  noch  käuf- 
lichen Bauembesitzes  ennöglichten ,  während  die  ehemaligen 
kleinen  Bauern  zu  ländlichen  Tagelöhnern  oder  zu  städtischen 
Fabrikarbeitern  degradirt  wurden.  ^) 


^)  Ein  weiteres  grosses  Hinderniss  der  Theilung  eines  vorhandenen 
Grandbesitzes  sind  die  grossen  juristisch  formellen  Schwierigkeiten  und 
die  Kosten  des  Verkaufs  von  Land.  Siehe  darüber  Wren  Hoskyns,  The 
Land  Laws  of  England,  in:  Systems  of  Land  Tenure  in  various  coun- 
tries,  published  by  the  Cobden  Club.  2.  Auflage.    London  1870.    S.  95  ff. 


6  Einleitung. 

Merkwürdiger  Weise  ist  es  noch  heute  unmöglich,  über 
das  Maass  der  Ausdehnung  des  Grundbesitzes,  d.  h.  über 
die  Zahl  der  überhaupt  vorhandenen  Besitzer  und  die  Grösse 
ihrer  Besitzungen  etwas  Genaues  zu  sagen,  obgleich  ein  neuerer 
Versuch  statistischer  Aufnahme  (von  1875)  vorliegt.^)  Denn 
sie  lehrt  uns  zwar,  dass  die  Grundbesitzvertheilung  in  Eng. 
land  nicht  so  schlimm  ist  wie  in  Irland  und  Schottland,  da 
die  Zahl  der  sogenannten  grundbesitzenden  Familien  in  Eng- 
land 22,5  <>/o,  in  Schottland  17  %,  in  Irland  5,7%  aller  Fa- 
milien ausmacht;  sie  lehrt  uns  auch,  dass  ein  neuer  städti- 
scher Mittelstand  existirt  und  allem  Anscheine  nach  aufblüht 
—  sie  sagt  uns  aber  Nichts  über  die  eigentliche  Vertheilung 
des  Grundeigenthums  zwischen  giossen  Grundherren,  mittleren 
und  kleineren  Bauern. 

ClilTe  Leslie  und  Andere  werden  wohl  fiühere  Zahlenan- 
gaben modificiren  müssen  —  jedoch  ihre  Behauptungen  über 
das  Verschwinden  des  selbständigen  kleinen  und  mittleren 
Bauern  und  über  die  fortgehende  Vei-schlechterupg  der  Ver- 
hältnisse seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  sind  keines- 
wegs entkräftet.*) 

Jedenfalls  ei*sehen  wir  auch  aus  Adam  Smith  (177G),  dass 
zu  Anfang  der  Regienmg  Georg's  III.  der  Grossgmndbesitz 


^)  Retarn  of  owners  of  Land  in  England  and  Wales  excl.  the  Metropolis, 
presented  to  both  houses  of  Parliament  London  1875.  2.  Vol.  Siehe 
darüber  Conrad  in  den  Jahrbüchern  für  Nationalökonomie  und  Statistik 
von  HUdebrand  u.  Conrad.    L  Jahrgang  II.  Bd.  5.  u.  6.  Heft.    Jena  1876. 

*)  Cliffe  Leslie,  Land  Systems  and  industrial  economy,  London  1870, 
S.  160  ff.  beweist  das  Verschwinden  der  yeomen,  spricht  davon,  der 
letzte  Census  habe  30,766  Grundbesitzer  nachgewiesen  und  die  300,000 
des  Duke  of  Argyll  beruhten  auf  Verwechslung  von  freeholders  mit  pea- 
sant  proprietors,  spricht  von  der  zunehmenden  politischen  und  ökonomi- 
schen Abhängigkeit  der  Pächter. 

Ausserdem  weisen  wir  noch  auf  folgende  Schriften  hin: 
Ein  Aufsatz  von  Shaw  Lefevre  im  Januarheft  der  Fortnightly  Re- 
view von  1877  „Economic  Law  and  English  Landownership''  sucht  die 
2iahl  der  Eigenthümer  von  landwirthschaftlich  benutztem  Land  (excl.  der 
Corporationen)  festzustellen.  Siehe  auch  Front  de  Fontpertuis  im  Journal 
des  Economistes,  August  1877.    Femer  sind  zu  nennen: 


Die  Grundbesitzer.  7 

herrschend  war,  und  dass  die  Bauern  der  Regel  nach  nicht 
Eigenthümer,  sondeni  Pächter  waren.  Es  war  den  Engländern 
lange  vor  den  continentalen  Völkern  gelungen,  den  Bauer 
bürgerlich  frei  zu  machen,  aber  ökonomische  Folgen  des 
Feudalismus  hielten  sich  dort  um  so  länger.  Die  Aufhebung 
der  Leibeigenschaft  und  Erbunterthänigkeit  ist  längst  voll- 
zogen, —  die  Schaffung  eines  wirklichen  Bauernstandes  mit 
Grundeigenthum  aber  um  so  schwieriger  geworden.  „Free 
trade  in  Land**  verlangen  heute  Cobden's  Schüler  —  wir 
sehen,  dass  diese  Frage,  zu  deren  Lösung  das  19.  Jahrhundert 
berufen  scheint,  gleich  den  meisten  grossen  socialen  Fragen 
der  Gegenwart,  um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  bereits 
geboren  war*). 


Arthur  Toong,  Political  Arithmetic*,  added  a  memoir  on  the  com 
trade  by  gOTemor  Townall.    London  1774;  und 

E.  Nasse,  Mittelalterliche  Feldgemeinschaft  und  Einhegungen  des 
16.  Jahrhunderts  in  England.    Bonn  1869; 

die  für  weitere  Studien  über  diesen  Gegenstand  wichtig  sind. 

^)  Es  handelt  sich  offenbar  um  zwei  Fragen: 

1.  um  Einrichtungen,  die  den  Landerwerb  erleichtem  und  dadurch  die 
Concentration  des  Gmndbesitzes  vermindem; 

2.  um  Einrichtungen,  welche  das  Hecht  der  Pächter  bessern,  diese  sichem 
und  zu  Meliorationen  befähigen. 

FOr  Jeden,  der  radicalen  Umwälzungen  abhold  ist,  müsste  die  zweite 
Frage  als  die  zur  Zeit  praktisch  wichtigste  erscheinen,  umsomehr,  als  gut- 
situirte  Pächter  auch  einen  starken  und  gesunden  Bauernstand  repräsen- 
tiren  können  und  die  Allgemeinheit  des  Pachtsystems  die  bei  uns  so  be- 
klagenswerthe  Ueberschuldung  der  landwirthschafttreibenden  Gmndbesitzer 
erschwert.  S.  darüber  W. E.  Bear:  The Relations  of  Landlord  and  Tenant  1876 
(Cobden  Club  Brochüre).  üeber  das  bestehende  Recht  in  Bezug  auf  Gmnd- 
eigenthum  und  seine  Vererbung  sind  die  Four  Reports  on  Real  Property 
1829,  1830,  1832  und  1833  zu  vergleichen.  —  Es  geht  daraus  hervor,  dass 
in  einzelnen  Theilen  Englands  das  Primogeniturerbrecht  ^nicht  besteht, 
dass  das  Recht  äusserst  verwickelt  und  den  Rechtsgelehrten  selbst  theil- 
weise  unklar  ist;  dass  insbesondere  der  gänzliche  Mangel  öffentlicher 
Grundbücher  eine  schwer  empfundene  Quelle  von  rechtlichen  Schwierig- 
keiten ist  (s.  report  2).  Interessant  sind  auch  die  Auseinandersetzungen 
im  3.  report  über  die  verschiedenen  Arten  von  Land  tenure  und  der  Grund- 
satz, dass  formell  kein  Unterthan  Gmndeigenthümer  sein  kann,  son- 
dern Jeder  einen  superior  Lord  haben  muss  —  eine  feudale  Anschauung, 


8  Einleitong. 

Der  grosse  Gnindbesitz  —  oder  wie  wir  wohl  sagen 
können  —  der  erbliche  gi'undbesitzende  Adel  hatte  also  bei 
allem  Wandel  der  politischen  Verhältnisse  ökonomisch  nicht 
verloren,  vielmehr  seinen  Besitz  auszudehnen  und  zu  be- 
festigen gewusst.  Auf  Ginindlage  dieses  Besitzes  trug  er 
schwei-e  politische  Lasten  —  er  besorgte  unentgeltlich  die 
locale  Verwaltung  und  die  Arbeit  im  Parlament  Es  bleibt 
ein  grossartiges  Verdienst  dieses  Standes,  dass  er  sich  der 
höheren  Pflichten  der  höheren  Stellung  immer  bewusst  blieb, 
dass  die  Selbstverwaltung  eine  wahrhaft  staatliche  war  und 
nicht  einmal  bis  zur  Decentralisation  der  Gesetzgebung,  zur 
Autonomie  der  einzelnen  Theile  des  Staats,  geschweige  denn 
zur  Staatsauflösung  fahrte.  Der  heri-schende  Landadel  hatte 
auch  fiilhzeitig  gelenit,  den  reichlichen  Genuss  gewerblicher 
Producte  unnützer  Beherrschung  unthätiger  Unfreien  voi-zu- 
ziehen.  Er  zog  die  Mitwirkung  bei  der  Regierung  eines 
gi*0S8en  Landes  der  selbständigen  Tyrannei  in  einem  kleinen 
Bauemreiche  vor  —  er  bedrohte  auch  die  Freiheiten  des 
Volks  im  Ganzen  nicht;  er  schützte  sie  vielmehr  und  beförderte 
den  Aufschwung  des  Wohlstandes  im  ganzen  Reiche  durch 
eifrige  Pflege  aller  wirthschaftlichen  Interessen. 

§  2.    Handelspolitik. 

So  gross  diese  englische  Aristokratie,  namentlich  gegen- 
über dem  gleichzeitigen  französischen  Adel  dasteht  —  den- 


die  einmal  tief  eingelebt  ist,  und  ob  sie  gleich  ihre  volle  Bedeutung  im 
alten  Sinne  nicht  mehr  hat,  doch  noch  allerlei  practische  Consequenzen 
nach  sich  zieht,  z.  B.  darin,  dass  die  Grenze  zwischen  Rechtsverhältnissen, 
die  nach  unserer  Auffassung  Eigenthum  und  solchen,  die  Erbpacht  sind, 
sehr  schwer  zu  ziehen  ist  Die  erwähnten  reports  halten  den  Zustand 
im  Allgemeinen  für  gut,  schlagen  nur  Detailreformen  vor,  und  verzichten 
gänzlich  auf  radicale  Reform.  Man  darf  auch  an  diesen  Zustand  bei  einem 
durchweg  aristokratisch  empfindenden  Volk  nicht  ohne  Weiteres  unseren 
Maassstab  anlegen.  Ueber  das  Festhalten  der  Engländer  an  ihren  historisch 
gewordenen  Institutionen  vergl.  Bemhardi,  Versuch  einer  Kritik  der 
Gründe  f&r  grosses  und  kleines  Grundeigenthum.  Petersburg  1849  —  ein 
noch  heute  nicht  übertroffenes  wissenschaftliches  Werk  über  diese  Fragen. 


Handelspolitik.  9 

noch  yergass  auch  sie  nicht,  gelegentlich  ihre  HeiTSchaft  im 
Staate  im  einseitigen  ökonomischen  Standesinteresse  auszu- 
beuten. So  sehen  wir,  dass  sie  das  Aussterben  eines  bäuer- 
lichen Grundeigenthttmerstandes ,  dessen  Existenz  f&r  den 
Staat  von  der  höchsten  Wichtigkeit  ist,  nicht  hinderte,  sondern 
in  ihrem  Interesse  förderte.  Sie  that  noch  mehr:  Sie  ver- 
schaffte und  erhielt  sich  Kornzölle.  Der  Adel  begnügte  sich 
doch  nicht  allein  mit  der  Ehre  im  Staate  zu  hen*schen  und 
den  Erwerb  der  Kaufleute  und  Industriellen  durch  Schutzzölle 
und  Schifffahrtsgesetze  zu  fördern  —  er  suchte  gleichzeitig 
auch  die  Pachtrente  der  eigenen  Güter  künstlich  zu  steigern. 

Das  freiheitliebende  und  freiheitgewohnte  englische  Volk 
begehrte  nach  keiner  Colbert'schen  Gewerbepolitik  im  In- 
nern des  Landes;  aber  gegenüber  dem  Auslande  und  den 
eigenen  Golonien  entwickelte  es  die  Grundsätze  der  merkan- 
tilistischen  Politik  bis  zum  vollendetsten  Maasse,  so  dass  nicht 
mit  Unrecht  die  heutigen  Schutzzöllner  in  anderen  Ländern 
auf  die  grosse  Jugend  des  englischen  Freihandelssystems  hin- 
weisen. 

Diese  merkantilistische  Schifffahits- ,  Zoll-  und  Colonial- 
politik  war  aber  durch  die  Komzölle  zu  einem  höchst  künst- 
lichen Bau  gegenseitiger  Benachtheiligungen  und  Begünsti- 
gungen umgestaltet,  für  den  schliesslich  die  Frage  dringend 
werden  musste,  ob  die  Gesammtvortheile  oder  die  Gesammt- 
nachtheile  überwogen.  Diese  Frage  hat  eine  spätere  Zeit 
(1846)  beantwortet  resp.  gelöst.  Hier  interessirt  uns  nur,  in 
Kürze  zu  sehen,  dass  und  wie  die  regierende  Gentry  nicht  nur 
politischen  Ehrgeiz,  sondern  auch  Erwerbssinn  besass. 

Die  merkantilistische  Politik  Englands  setzte  sich  zu- 
sammen aus  den  Navigations-,  den  Zollgesetzen,  der  Colonial- 
politik  und  den  damit  zusammenhängenden  Rechten  der  privi- 
legirten  Compagnien. 

Seit  1381  hatte  man  begonnen,  den  Handel  nach  England 
und  aus  England  auf  englische  Schiffe  zu  beschränken;  unter 
Elisabeth  wurde  das  Verbot  der  Einfuhr  auf  fremden  Schiffen 
in  einen  Zoll  verwandelt.    Es  folgte  die  berühmte  Navigations- 


10  Einleitung. 

acte  von  1651,  welche  hauptsächlich  den  Zwischenhandel  der 
Holländer  zu  veniichten  und  ihm  gegenüber  die  Selbständig- 
keit des  englischen  Seehandels  zu  befördern  bestimmt  war. 
Das  Hauptgesetz  war  dann  das  Statut  12.  KarFs  II.  Cap.  18 
(aus  dem  12.  Regierungsjahr  Karl's  H.,  vom  Tode  KarFs  I., 
1649,  an  gerechnet)  von  1660,  dem  noch  Zusätze  folgten. 
Dieses  Gesetz  bestand  bis  zu  Anfang  unserer  Periode  in  voller 
Kraft,  und  erst  der  amerikanische  Unabhängigkeitskrieg  ver- 
anlasste die  ersten  Abschwächungen ,  nach  denen  sich  sehr 
langsam  die  allmälige  Abschaffung  entwickelte. 

Adam  Smith  selbst  gesteht  zu,  dass  die  Navigationsgesetze 
die  eine  gute  Folge  gehabt  hätten,  dem  Lande  eine  starke 
Kriegsmarine  zu  verschaffen,  die  dann  mittelbar  durch  den 
gewährten  Schutz  auch  der  Handelsmarine  vortheilhaft  war. 
Unleugbar  haben  politische  Motive,  Streben  nach  selbständiger 
unanfechtbarer  Macht  des  Vaterlandes  bei  der  Ermessung  und 
Erhaltung  dieser  Gesetze  mitgewirkt.  Ebenso  gewiss  aber 
waren  dieselben  zugleich  rein  handelspolitischen  Motiven  ent- 
spiiingen,  wie  denn  in  dieser  Zeit  das  Streben,  die  Handels- 
blüthe  des  eigenen  Landes  im  Gegensatz  zu  anderen  Staaten 
zu  heben,  überhaupt  untrennbar  mit  dem  Streben  nach  poli- 
tischer Macht  zusammenhing  und  die  Handelsinteressen  als 
solche  in  der  Politik  vielfach  eine  dominirende  Stellung  ein- 
nahmen. Auch  dürfen  wir  wohl  Adam  Smith  gegenüber  be- 
haupten, dass  die  Navigationsgesetze  ihrerzeit  dem  Auf- 
blühen des  englischen  Seehandels  direet  gedient  haben.  Aehn- 
lich  wie  Schutzzölle  wirkten  sie  als  ein  Lehrgeld,  welches  die 
Nation  zahlte,  um  in  Bezug  auf  SchiflTbau  und  Schifffahrt  den 
übermächtigen  Holländeni  schneller  ebenbürtig  zu  werden,  und 
sie  zuletzt  in  Folge  der  grösseren  natürlichen  Hülfsquellen  des 
Landes  zu  überflügeln. 

Nach  dem  Gesetz  von  1660^)  wurde  zur  inländischen 
Küstenfahit  kein  Schiff  zugelassen,  das  nicht  englisches  Eigen- 


^)  Näheres  darüber  mit  Quellenangabe  bei  Kleinschrod,  Grossbritan- 
niens Gesetzgebung  über  Gewerbe,  Handel  und  innere  Communications- 
mittel  1886;  darin  jedoch  viele  Fehler  in  den  Verweisungen. 


Handelspolitik.  H 

thum  ist,  von  einem  Engländer  geführt  und  wenigstens  zu  % 
von  Engländern  bemannt  ist;  nach  späteren  Bestimmungen 
musste  es  auch  bei  Strafe  eines  Zolls  in  England  gebaut  sein. 
Der  Handelsverkehr  mit  den  anderen  europäischen  Staaten 
wurde  dahin  noimirt,  dass  Einfuhr  nach  England  theils  nur 
auf  englischen  Schiffen  gestattet  war,  theils  die  Einfuhr  auf 
fremden  SchilTen  den  Fremdensteuern  unterlag.  Gewisse  Artikel 
durften  wegen  des  Zwischenhandels  nach  dem  Gesetz  von  1662 
von  den  Niederlanden  und  Deutschland  nach  England  gar 
nicht  gebracht  werden. 

Von  Afrika,  Asien  und  Amerika  durften  alle  Güter  nur 
auf  englischen  SchilTen  und  direct  von  den  Ländeni  des  Ur- 
spinings  importirt  werden.  Aller  Ein-  und  Ausfuhrhandel  mit 
englischen  Colonien  war  auf  englische  (und  in  den  Colonien 
selbst  gebaute  aber  englisch  bemannte)  Schiffe  beschränkt 
Nicht  naturalisirte  Fremde  durften  in  den  Colonien  nicht 
Handel  treiben,  mehrere  wichtige  Artikel  duiften  nur  direct 
nach  England  oder  englischen  Colonien  gebracht  werden. 
Nach  den  Colonien  durften  nach  dem  Gesetz  15.  KarPs  H. 
Cap.  7  (1663)  europäische  Waaren  nur  von  England  aus  im- 
portirt werden. 

Der  Handel  mit  den  Colonien  war  aber  nicht  nur  in  der 
angegebenen  Weise  allgemein  beschränkt,  sondern  auch  noch 
speciell  durch  die  Privilegien  von  Handelscompagnien,  von 
denen  die  ostindische  im  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts 
nach  langem  Kampfe  mit  dem  Parlament,  das  dem  Monopol 
nicht  günstig  war,  ihr  Privilegium  gesichert  hatte. 

Monopolisirte  Handelsgesellschaften  waren  eine  Einrich- 
tung, die  zwar  im  allgemeinen  Geiste  des  Merkantilsystems 
begründet  war,  insofern  sie  Gelegenheit  gab,  durch  specielle 
Regierungsmaassregeln  den  Handelsgeist  anzusponien,  die  aber 
in  England  weniger  populär  war,  weil  sie  nicht  alle  Eng- 
länder gegenüber  dem  Auslande,  sondern  einen  Theil  der 
Engländer  gegen  den  andern  schützte.  Dennoch  wurde  im 
Jahre  1701  die  Südseegesellschaft  privilegirt,  die  1720  schmäh- 
lich zusammenbrach  und  die  schon  1600  gegründete  ostindische 


12  Einleitang. 

Ciompagilie  wurde  die  grösste  monopolisirte  Handelsgesell- 
schaft, welche  die  Welt  gesehen  hat  Die  Geschichte  dieser 
Gesellschaften  ist  sehr  lehrreich,  zunächst  weil  sie  der  factische 
Ausgangspunkt  unseres  modei-nen  Actienwesens  sind,  dann 
aber  insbesondere  deshalb,  weil  sie  zeigen,  wie  Monopole  von 
Privaten  nur  eine  yoiübergehende  Berechtigung  haben  und 
schliesslich  sich  entweder  selbst  ruiniren,  oder  aber  vom  Staate 
als  ein  Staat  im  Staate  nicht  mehr  geduldet  werden  können. 
Wir  gehen  auf  die  Geschichte  resp.  Aufhebung  der  ostindischen 
Compagnie  nicht  näher  ein;  es  genügt  hier  zu  erwähnen, 
dass  auch  diese  merkantilistische  Einrichtung  England  im 
vorigen  Jahrhundert  nicht  fremd  war,  wenngleich  das  Parla- 
ment zumeist  aus  politischen  Giilnden  die  durch  königliche 
Praerogative  geschaffenen  Monopole  stets  bekämpfte^). 

Was  Zölle  betrifft,  so  bestanden  solche  in  England  ebenso 
wie  in  anderen  Ländern  schon  fiilhzeitig  im  Mittelalter;  ein 
entschieden  protectionistischer  Charakter  derselben  zu  Gunsten 
der  inländischen  Gewerbe  trat  zunächst  unter  Eduard  IV.  her- 
vor :  1464  wurde  —  nachdem  schon  früher  der  Waarenhandel 
ausländischer  Kaufleute  verboten  worden  war,  der  Import  von 
Tuch  aus  allen  Ländern  und  der  Import  von  allen  Waaren 
ausser  Lebensmitteln  aus  den  Ländern  des  Herzogs  von  Bur- 
gund  verboten.  Es  folgten  später  unter  Karl  IL  und  Georg  I. 
zusammenfassende  Tarifirungen,  aber,  da  daneben  beständig 
eine  Masse  specieller  Zölle  aufgelegt  wurde,  so  war  das  Zoll- 
wesen keineswegs  so  einfach  und  systematisch  regulirt,  wie 
das  Schifffahrtswesen.  Eine  solche  Regulirung  erfolgte  erst 
1787  durch  Pitt's  Consolidationsacte.  Indessen  kann  man 
sagen,  dass  lange  vor  Anfang  unserer  Periode  wohl  der 
Geist  des  Merkantilsystems  bis  zum  Uebermaass  im  eng- 
lischen Zollwesen  herrschend  war.    Es  war  der  Handelsbilanz 


^)  Siehe  Macatday,  Geschichte  England,  Cap.  19.  Wichtig  ist  in 
Bezug  auf  Monopole  aUer  Art  insbesondere:  An  Act  conceming  Mono- 
polies  and  Dispensations ,  21.  James  L  G.  3  (1623).  AHe  Licenzen  und 
Patentbriefe,  «für  das  alleinige  Recht  des  Kaufs,  Verkaufs,  der  Pro- 
duction  oder  des  Gebrauchs  Yon  irgend  Etwas  im  Königreich*'  werden 
für  absolut  nichtig  erkl&rt 


Handelspolitik.  13 

ZU  Ehren  die  Einfuhr  überhaupt,  zum  Schutze  der  inländischen 
Industrie  die  Einfuhr  fremder  Manufacte  aufs  Aeussei'ste  be- 
schränkt, die  Ausfuhr  inländischer  Rohproducte  vielfach  ver- 
boten, dagegen  die  Einfuhr  gewisser  wichtiger  Rohmaterialien 
und  die  Ausfuhr  von  Manufacturartikeln  prämiirt.  Es  sollten 
dem  inländischen  Gewerbe  billige  Rohstoffe,  ausschliesslicher 
Absatz  im  Innern  des  Landes,  gewinnreicher  Absatz  pach  dem 
Ausland  gesichert  werden. 

Zu  den  Rohstoffen  gehört  nun  ganz  unbedingt  auch  das 
Getreide,  und  die  Industriellen  haben  an  billigem  Getreide 
wegen  der  Löhne  und  ihres  Einflusses  auf  die  Productions- 
kosten  das  höchste  Interesse.  Dem  merkantilistischen  System 
entspricht  daher  Ei-schwerung  der  Getreideausfuhr,  Erleichte- 
rung der  Einfuhr. 

Freilich  sind  von  allen  merkantilistischen  Maassregeln  nur 
die  Einfuhrzölle  auf  Manufacte  in  der  beabsichtigten  Weise 
wirksam  gewesen.  Die  auf  die  Ausfuhr  bezüglichen  Maass- 
r^eln  hielten  der  Erfahmng  gegenüber  weit  weniger  Stand. 
Und  was  Ausfuhrerschwerungen  von  Getreide  speciell  betrifft, 
so  ist  klar,  dass  solche  bei  guten  Ernten  dem  Inlande  nur 
schaden,  bei  schlechten  Ernten  aber  wegen  der  natürlichen 
Repressalien  anderer  Länder  erst  recht  verderblich  werden 
müssen.  Kurz,  da  die  Getreideernten  nach  Art  und  Zeit  ver- 
schieden ausfallen,  und  es  in  der  Natur  der  Dinge  liegt,  dass 
das  Land  mit  jeweilig  günstiger  Erate  dem  mit  schlechter 
Ernte  aushilft,  so  ist  das  Getreide  unter  allen  Waaren  die- 
jenige, für  welche  voller  Freihandel  zu  allen  Zeiten  und  unter 
allen  Verhältnissen  dem  Bedürfniss  der  Bevölkerung  am  un- 
bedingtesten entspricht,  bei  der  jede  künstliche  Handels- 
beschränkung stets  direct  oder  indirect  mehr  Nachtheil  als 
Vortheil  bringt. 

Indessen  solche  Erwägungen  waren  es  nicht,  die  in  früheren 
Jahrhunderten  in  England  einen  Ausschluss  des  Getreides  von 
der  allgemeinen  merkantilistischen  Zollpolitik  m  Bezug  auf 
Bobstoffe  bewirkten,  und  die  eigenthümliche  Behandlung  des 
Getreides  war  keineswegs  eine  freihändlerische. 

1360  war  Kornausfuhr,  ausser  in  besonderen  Fällen,  ver- 


14  Einleitung. 

boten,  1394  wurde  sie  allgemein,  ausser  nach  mit  England  in 
Feindschaft  lebenden  Staaten,  erlaubt.  Dies  wurde  1494  be- 
stätigt, jedoch  so,  dass  die  Ausfuhr  in  bestimmten  Fällen  zum 
Vortheil  des  Landes  beschränkt  werden  konnte  und  11  Jahre 
später  wurde  die  Ausfuhr  von  dem  Preise  des  Getreides  ab- 
hängig gemacht. 

Waren  die  bisherigen  Ausfuhi-erleichterungen  mehr  durch 
das  Agiiculturinteresse  als  durch  Freihandelsideen  durchgesetzt, 
so  wurden  diese  Anfänge  auch  nicht  zur  baldigen  Durchsetzung 
vollständigen  Freihandels  mit  Getreide  weiterentwickelt,  son- 
dern 1463  gelang  es,  die  Einfuhr  fremden  Korns  zu  verbieten, 
so  lange  der  Preis  des  Korns  nicht  im  Inlande  eine  bestimmte 
Höhe  erreicht  hatte.  Es  wurde  also  der  inländische  Grund- 
besitz gegen  zu  starkes  Sinken  dei-  Getreidepreise  geschützt 

Trotz  einiger  Schwankungen  in  der  Gesetzgebung  der 
folgenden  hundert  Jahre  stand  seit  Elisabeth  das  Princip 
freier  Getreideausfuhr  innerhalb  gewisser  Grenzen  fest. 

Wenn  auch  die  Getreidepreise,  bis  zu  deren  Erreichung 
die  Ausfuhr  gestattet  war,  wechselnd  normirt  und  dem  Weizen 
zugleich  Ausfuhrzölle  auferlegt  waren,  so  wurden  doch  die 
Einfuhi-zölle  auf  Getreide  sehr  hoch  normirt  und  fielen  nur  bei 
exorbitant  hohen  Getreidepreisen  ganz  weg. 

Gewiss  war  bei  vielen  Vertheidigern  dieses  Systems  der 
Gedanke  lebendig,  es  sollten  dadurch  gleichzeitig  die  Interessen 
der  Getreideproducenten  und  Consumenten  befriedigt,  eretere 
gegen  zu  niedrige,  letztere  gegen  zu  hohe  Preise  geschützt 
werden.  Abgesehen  aber  davon,  dass  man  zwar  den  kleinen 
und  mittleren  Getreidebauer  heben  wollte,  bei  dem  eng- 
lischen Landsystem  aber  die  gegen  zu  niedrige  Getreidepreise 
geschützte  Pei-son  immer  mehr  nicht  der  Bauer,  sondern  der 
Gnindbesitzer  war,  so  ist  klar,  dass  dadurch  der  durchschnitt- 
liche Getreidepreis  erhöht,  sehr  häufig  ein  Preis  hervorgebracht 
wurde,  der  höher  war,  als  er  bei  vollem  Freihandel  gewesen 
wäre,  fast  nie  einer,  der  niedriger  war,  als  der  Preis  bei 
vollem  Freihandel.  Es  konnten  dadurch  nur  die  Differenzen 
zwischen  dem  höchsten  und  niedrigsten  Preis  gemildert  wer- 
den ,  indem  das  mögliche  Minimum  der  Preise  erhöht  wurde. 


Handelspolitik.  15 

während  man  eine  Steigemng  des  bei  Freihandel  möglichen 
Maximums  der  Preise  nicht  zuliess.  Das  System  begünstigte 
das  Agriculturinteresse  in  den  meisten  Fällen;  das  Interesse 
der  Consumenten  wurde  nur  gegenüber  absolutem  Einfuhr- 
verbot oder  beständigen  hohen  Einfuhrzöllen  und  gegenüber 
unbedingter  einseitiger  Ausfuhrfieiheit,  nicht  gegenüber  dem 
Freihandel  begünstigt,  da  das  Ausfuhrverbot  bei  einer  ge- 
wissen Höhe  des  Preises  auf  immer  höhere  Preise  beschränkt 
wurde  und  die  Ausfuhrzölle  niedrig  waren. 

Die  einseitige  Begünstigung  des  Landbauer-  oder  richtiger 
Grundbesitzer-Interesses  tritt  noch  deutlicher  in  den  Weizen- 
ausfuhr-Prämien des  Jahres  1689  hervor,  die  bis  1773  be- 
standen. Sie  wurden  allmälig  bei  der  Lage  der  inländischen 
Nachfrage  nutzlos,  da  aber  die  Einfuhrzölle  um  so  mehr  aus- 
gebildet wurden,  so  kam  die  Begünstigung  des  Landinteresses 
durch  das  KomzoUsystem  im  Jahre  1815  auf  den  höchsten 
Punkt. 

Die  Koi-nzöUe  haben  später  die  eigentliche  Veranlassung 
zur  vollständigen  Abschaffung  des  gesammten  Protectivsystems 
gegeben.  Dies  geschah  freilich  in  einer  Zeit,  wo  die  industriellen 
Schutzzölle  den  englischen  Industriellen  ganz  werthlos  geworden 
waren,  während  ihnen  die  Kornzölle  entschieden  schadeten. 
Aber  ganz  abgesehen  von  dieser  Lage  der  Dinge  in  der  Zeit 
von  1839 — 1846,  wird  man  unbedingt  zugestehen  müssen,  dass 
industrielle  Schutzzölle  die  inländische  Industrie  auf  Kosten 
ihrer  Consumenten,  d.  h.  auf  Kosten  des  vom  Ackerbau  leben- 
den Theils  der  Bevölkerung  begünstigen,  und  dass  Zufügung 
von  Konizöllen  zu  den  Industriezöllen  die  Wirkung  der  letz- 
teren wieder  ausgleicht,  indem  Kornzölle  die  Ackerbauer  auf 
Kosten  der  Industriellen  begünstigen.  Diese  Combination  war 
sonach  geeignet  den  natürlichen  Interessengegensatz  zwischen 
Grundbesitz  und  Industrie  aufs  Aeusserste  zu  schärfen,  zu- 
gleich aber  vor  Allem  dazu,  dem  objectiven  Beobachter  das 
gesammte  Schutzzollsystem  als  einen  inneren  Widei-spruch  er- 
scheinen zu  lassen.  Man  begünstigte  die  Industriellen;  aber 
als  man  einsah,  dass  man  dieselben  nicht  einseitig  begünstigen 
dürfe,   ermässigte  man   die  Begünstigung   nicht,   sondeni  er- 


IG  Einleitung. 

gänzte  sie  durch  eine  Beschädigung  auf  anderer  Seite.  Jeder 
der  beiden  Stände  war  begünstigt  und  beschädigt  zugleich. 
Da  der  Mensch  im  Allgemeinen  sein  Interesse  als  Producent 
stärker  empfindet,  als  sein  Interesse  als  Gonsument,  so  konnte 
Vdas  System  dem  kurzsichtigen  Egoismus  beider  Stände  lange 
schmeicheln.  Für  das  Staatsganze  aber  wai'en  die  Kosten  der 
Aufrechterhaltung  des  verwickelten  Systems  jedenfalls  ein 
Nachtheil  und  die  grundbesitzende  Gentiy  untergrub  ihre 
politische  Stellung,  indem  sie  den  Interessen  der  Gewerbe- 
treibenden nicht  nur  diente,  sondeiii  damit  wetteiferte. 

Lange  Zeit  konnte  der  allgemeine  Glaube,  dass  Be- 
einflussung der  Preise  durch  die  Zollpolitik  im  allgemeinen 
Interesse  nothwendig  sei,  den  kui-zsichtigen  Egoismus  der 
Grundbesitzer  entschuldigen,  resp.  ihnen  selbst  ihre  inter- 
essirten  Motive  verhüllen,  ähnlich  wie  auch  die  Jagdgesetze 
zu  Gunsten  der  reichen  Gnindbesitzer  durch  die  Pflicht  des 
^Staats,  die  Armen  zur  Arbeit  anzuhalten  und  von  luxuriösen 
Vergnügungen  abzuhalten,  gerechtfertigt  werden  konnten.  Am 
Ende  des  vorigen  und  im  Anfang  dieses  Jahrhunderts  jedoch 
konnte  über  das  Vorhandensein  solcher  Motive  kein  Zweifel 
mehi'  herrschen. 


§  3.    Die  unteren  Glassen. 

Was  die  Gesetzgebung  über  das  Verhältniss  gewerblicher 
Arbeiter  zu  ihren  Arbeitgebern  angeht,  so  war  an  derselben 
die  regierende  Gentry  wenigstens  in  Anbetracht  der  land- 
wirthschaftlichen  Arbeiter  direct  interessirt,  indirect  aber 
durch  den  Zusammenhang  des  gewerblichen  und  des  Arbeiter- 
rechts mit  dem  Annenrecht.  Wir  werden  sehen,  dass  die 
regierende  Gentry  diese  wichtigsten  Theile  der  socialen  Ge- 
setzgebung und  Verwaltung  durch  Nachlässigkeit  verkommen, 
und  auf  dem  Gebiete  des  Annenrechts  speciell  sich  schwere 
Fehler  zu  Schulden  kommen  Hess. 

Das  Gewerbe-  und  Arbeiterrecht  beruhte  zu  unserer  Zeit 
noch  auf   der  Gesetzgebung    der   Elisabeth.     Diese   Gesetz- 


Die  unteren  Classen.  17 

gebung  ^)  war  zumeist  eine  Codificiioing  älterer  Gesetze  und 
Statuten,  und  strebte  im  Geiste  des  die  Staatseinheit  vertreten- 
den Königsthums  allen  Ständen  und  Parteien  gerecht  zu  wer- 
den; doch  ist  nicht  zu  verkennen,  dass  von  dem  Geiste  des 
älteren  Rechts,  das  in  Erinnerung  an  die  alte  Unfreiheit  den 
vermögenslosen  Arbeiter  als  ein  im  allgemeinen  Interesse  zum 
Arbeiten  verpflichtetes  Wesen  behandelte,  noch  deutliche 
Spuren  in  der  Gesetzgebung  der  Elisabeth  übrig  geblieben 
sind,  wenn  auch  einseitige  Härte  gegen  das  Proletariat  ei-st 
im  Laufe  der  Zeit  schärfer  hervoiirat. 

Blackstone,  wenngleich  englisch  conservativ,  war  doch  von 
den  Ideen  des  Individualismus  und  des  Staatsveiirags  wesent- 
lich beeinflusst.  So  sagt  er  Buch  I,  Gap.  1:  „Die  absoluten 
Rechte  jedes  Engländers,  die  man  im  politischen  und  weiteren 
Sinne  des  Worts  gewöhnlich  Freiheiten  nennt,  bei-uhen  auf 
Natur  und  Vernunft  und  sind  von  gleichem  Alter  mit  unserer 

Verfassung Die  durch  vei-schiedene  Gesetze  definiiten 

Rechte  bestehen  aus  einer  Reihe  pei^sönlicher  Freiheiten,  die 
in  der  That  nichts  Anderes  sind,  als  entweder  jener  Rest 
natürlicher  Freiheit,  den  die  Gesetze  der  Gesellschaft  dem 
allgemeinen  Interesse  nicht  zu  opfeni  brauchen,  oder  aber 
solche  bürgerliche  Privilegien,  welche  die  Gesellschaft  an 
Stelle  der  von  den  Individuen  aufgegebenen  natürlichen  Frei- 
heit begründet  hat.  Sie  waren  einst  durch  Erbschaft  oder 
Kauf  die  Rechte  aller  Menschen.  In  den  meisten  anderen 
Ländern  aber  wurden  sie  mehr  oder  weniger  beschränkt  und 
zei*stört,  so  dass  sie  jetzt  als  die  eigenthümlichen  Rechte  des 
englischen  Volks  betrachtet  werden  können.  Man  kann  sie 
in  drei  principielle  Hauptpunkte  zusammenfassen:  Das  Recht 
der  pereönlichen  Sicherheit,  der  persönlichen  Freiheit  und  des 
Privateigenthums." 

*)  Siehe  Sir  Frederic  Eden,  Biirt.,  The  State  of  the  Poor,  London 
1797,  3  Bände;  ferner  John  Wade,  History  of  the  middle  and  working 
elasses.  London  1885.  Kleinschrod ,  Grosshritanniens  Gesetzgebung  etc. 
1886.  Brentano,  Das  Arbeitsverhältniss  1877  und  Brentano,  Arbeiter- 
gilden 1871.  S.  auch  Blackstone,  Commentaries  on  the  laws  of  England. 
4  Bände,  namentlich  Band  1  u.  4.  Ich  benutzte  die  15.  Auflage, 
London  1809 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  2 


18  EiuleituDg. 

In  dieser  Blackstone'schen  Zusammenfassung  ist  der  Be- 
grifr  der  „persönlichen  Freiheit"  sehr  der  Erklärung  bedürftig. 
Es  stellt  sich  bei  dieser  Erklärung  heraus,  dass  die  pei*sön- 
liche  Freiheit  sehr  beschränkt  werden  kann  —  nur  nicht 
durch  Willkür.  Ihr  wesentlicher  Inhalt  ist  der,  dass  Niemand, 
ausser  auf  Grund  eines  Gesetzes,  verhaftet  und  ausser 
Landes  verwiesen  werden  kann ,  und  dass  in  England  keine 
Alt  von  Sklaverei  geduldet  ist  (Buch  I.  Cap.  14).  Keines- 
wegs aber  liegen  in  diesem  Recht  der  pei-sönlichen  Freiheit  alle 
diejenigen  Rechte,  die  wir  heute  in  den  Worten  „Freizügig- 
keit und  Gewerbefreiheit"  zusammenzufassen  pflegen. 

Die  Freizügigkeit  war  vielmehr  zunächst  durch  das  mit 
dem  Armenwesen  zusammenhängende  Niederlassungsrecht  be- 
schränkt, dann  aber  durch  den  Zwang  zur  Arbeit,  der  gegen 
unbeschäftigte  Vermögenslose  geübt  wurde. 

Dieser  Arbeitszwang  war  nicht  etwa  nur  ein  indirecter 
durch  Vereagung  von  Armenunterstützung,  kann  auch  nicht 
als  exceptionelle  Polizeimassregel  gegen  gefährliche  Vagabunden 
aufgefasst  werden  —  er  war  eine  principielle  Freiheits- 
beschränkung im  Interesse  der  allgemeinen  Ordnung  und  der 
Production. 

Blackstone  unterscheidet  Buch  I.  Cap.  14  vier  Arten  von 
Arbeitern,  die  er  noch  servants  (Diener)  nennt  —  ein  Aus- 
dmck,  der  erst  durch  die  neueste  Gesetzgebung  (employei-s 
and  workmen  act  von  1875)  aus  der  officiellen  Terminologie 
verschwunden  ist.  Die  vier  Arten  von  Arbeitern,  resp.  „An- 
gehörigen der  dienenden  Klasse "^  sind: 

1)  Hausgesinde  (menial  servants), 

2)  Lehrlinge  (apprentices), 

3)  Arbeiter,   die  auf  Tage  oder  Wochen  gedungen  sind 
und  nicht  im  Hause  des  Dienstherrn  wohnen, 

4)  höhere  Arbeiter  als  Aufseher,  Faktoren,  Verwalter. 
Es  können  nur  unverheirathete  zwischen  12  und  60,  ver- 
heirathete  Männer  unter  30  Jahren,  Frauen  zwischen  12 
und  40  Jahren,  wenn  ohne  sichtliche  Unterhaltsmittel,  zum 
Gesindedienst  in  Landwiithschaft  oder  gewissen  Gewerben  ge- 
zwungen,   Armenkinder    können   zwangsweise    als   Lehrlinge 


Die  unteren  Classen.  19 

untergebracht,  alle  Pei*sonen  ohne  Mittel  können  zur  Arbeit 
g^en  obrigkeitlich  festgestellten  Tagelohn  gezwungen  werden, 
und  trotz  des  entgegenstehenden  Common  Law  haben  nur 
Personen,  die  eine  7  jährige  Lehrzeit  durchgemacht  haben,  das 
Recht  zu  selbständigem  Betrieb  der  betreffenden  Gewerbe. 

Das  Aimenrecht  beioihte  auf  dem  Grundsatz ,  dass  jeder 
Arbeitsfähige  zur  Arbeit  angehalten,  jeder  Arbeitsunfähige  aus 
Gemeindemitteln  unterstützt  werden  solle.  Das  Armenwesen 
ist  in  England  mehr  als  in  irgend  einem  anderen  Lande  eine 
Fi-age  von  höchster  politischer  und  socialer  Bedeutung.  Wäh- 
rend in  Frankreich  noch  heute  die  Aimenunterstützung  der 
Hauptsache  nach  milden  Stiftungen  der  verschiedensten  Art 
obliegt  und  die  öffentliche  Armenpflege  der  Gemeinde  dem 
Nationalgeist  widerstrebt  —  während  in  Deutschland  die 
Armenpflege  in  ländlichen  Gemeinden  noch  vielfach  höchst 
patriarchalisch,  in  einzelnen  Städten  (Elbeifeld,  Crefeld)  aber 
in  mustergültiger  Weise  durch  Combination  freiwilliger  Kräfte 
und  öffentlicher  Mittel  geregelt  ist  —  ist  in  England  die 
Aimenfrage  seit  der  Sekularisation  des  Kirchenguts  unter 
Heinrich  VHL  bei  der  geringen  Zahl  ländlicher  Besitzer  und 
der  Masse  des  industriellen  Proletariats  der  wichtigste  Zweig 
der  lokalen,  d.  h.  überhaupt  der  inneren  Verwaltung  des 
Landes,  und  hängt  mit  dem  Arbeiterrecht  in  der  maass- 
gebendsten  Weise  zusammen  ^). 

Der  Arbeitszwang  und  die  Armenunterstützung  wurden 
nach  alleiniger  Maassgabe  des  allgemeinen  Staatsgesetzes  durch 
die  Organe  der  lokalen  Selbstverwaltung,  aus  Gemeinde- 
mitteln geleistet.  Die  Last  fällt  auf  die  Haus-  und  Grund- 
besitzer der  Gemeinden,  die  Vertheilung  der  Last  unter  ver- 


^)  Siehe  hierzu  ausser  den  oben  aDgegebenen  Werken: 
Eries,  Die  Englische  Armenpflege,  Berlin  1863.  Kleinschrod,  Pau- 
perism  in  England,  Regensburg  1845.  Gneist,  Selfgovernment  in  Eng- 
land, Berlin  1871.  Emminghaus ,  Armenwesen  und  Armengesetzgebung  in 
europäischen  Staaten,  Berlin  1870.  Sir  George  Nicholls,  A  History  of 
the  English  Poor  Law,  2  Bde.  London  1854.  Das  Hauptwerk  für  Ge- 
schichte des  Armenrechts  ist  Eden,  s.  oben,  Seite  17,  Anmerkung  1. 

2* 


20  Einleitung. 

schiedenen  Gemeinden  wird  durch  das  Niederlassungsrecht 
regulirt,  welches  in  einer  Unmasse  von  Fällen  zwangsweisen 
Rücktransport  des  Armen  in  die  Heimathgemeinde  gestattete, 
resp.  vollschrieb;  also  schon  dadurch,  dann  aber  auch  durch 
die  Furcht  eines  solchen  Transports  die  Freizügigkeit  aufs 
stärkste  beschränkte. 

Die  Lehrlingsgesetzgebung  und  die  Lohnregulirungen 
waren  eine  Codificiining  des  Geistes  der  älteren,  vielfach  in 
zünftischen  Statuten  verköi-perten  Gesetze.  Die  gewerbliche 
Ordnung  wurde  in  England  frühzeitig  auf  Staatsgesetz  basirt 
und  ihre  Durchfühiiing  der  Hauptsache  nach  staatlichen 
Organen  anvertraut  ^). 

Nach  dieser  kurzen  Schilderung  des  allgemeinen  Charaktere 
der  gewerblichen  Zustände,  des  Armen-  und  Niederlassungs- 
rechts mag  es  gestattet  sein,  die  wichtigsten  darauf  bezüg- 
lichen Gesetze  theilweise  im  Auszug  aufzuführen. 


§  4.    Arbeitergesetze. 

Die  allgemeine  polizeiliche  Gesetzgebung  für  freie  Arbeiter, 
die  mehr  und  mehr  an  Stelle  der  Leibeigenen  getreten  waren, 
beginnt  mit  dem  Statute  of  Labourei-s  von  1350  (25.  Eduard  HL 
abgedruckt  bei  Eden,  Appendix  CXLVII),  das  1360  vom 
Parlament  bestätigt  wurde,  und  dem  bald  viele  andere 
Regulirungen  in  ähnlichem  Geiste  folgten.  Das  Statut  war 
gegen  die  Trägheit  und  die  hohen  Lohnforderungen  der  durch 
die  Pest  von  1349  stark  decimirten  freien  Arbeiter  gerichtet  ^), 

^)  Die  Zunflstatuten  bedürfen  nach  19.  Henry  VII.  c.  7.  obrigkeit- 
licher Genehmigung  und  sind  nichtig,  „wenn  sie  den  Landesgesetzen  wider- 
sprechen^.   S.  unten  im  Abschnitt  über  die  Grossindustrie,  Cap.  1.  Si  1. 

2)  Die  Anfangsworte  von  25.  Eduard  III.  stat.  1  lauten :  Come  nadgairs 
contre  la  malice  de  senrantz  queux  furent  pareissouses  et  nient  villantz 
servir  apres  la  pestilence  sanz  trop  outrageouses  lowers  prendre  feut 
ordine  par  nostre  Seignur  le  Roi  et  par  assent  des  Prelatz  Nobles  et  autres 
de  Bon  conseil  qe  tieux  maners  de  senrantz  sibien  hommes  come  femmee 
fussent  tennz  de  servir  receyrantz  salaires  et  gages  accustumez  es  Heus 
DU  ils  deveront  servir  lan  du  regne  le  dit  nostre  Seignur  le  Roi  vintisme 


Arbeitergesetze.  21 

m 

gebot  den  Arbeitern,  jedem  Arbeitgeber  zu  dem  vor  der  Pest 
fiblichen  Lohn  zu  dienen  und  suchte  zugleich  eine  dauernde 
richtige  Vertheilung  der  Arbeiterbevölkerung  im  Lande  zu 
sichern.  1360  wurden  auf  Uebertretung  des  Statuts  Strafen 
von  14  Tagen  Gefängniss  und  Brandmarkung  gesetzt  und 
Combinationen  der  Maurer  und  Zimmerleute  für  nichtig  er- 
klärt. Es  folgten  Arbeiterluxusgesetze  und  1388  ein  neues 
zusammenfassendes  Arbeitergesetz  (12.  Richard  II.  c.  9),  das  die 
alten. Statuten  bestätigte  und  einschärfte  und  zugleich  starke 
directe  Beschränkungen  der  Freizügigkeit  und  der  Freiheit 
des  Uebeigangs  von  der  Landwirthschaft  zum  Gewerbe  brachte, 
indem  Arbeiter  ihren  Wohnort  nur  mit  ftiedensrichterlichem 
Erlaubnissschein  verlassen  durften  und  Niemand  mehr  gewerb- 
licher Lehrling  werden  durfte,  der  bis  zu  seinem  12.  Lebens- 
jahre in  der  Landwirthschaft  gedient  hatte  —  eine  Bestim- 
mung, die  nachmals,  weil  ländliche  Arbeiter  ihre  Kinder 
massenhaft  vor  dem  12.  Jahre  in  Städte  schickten,  noch  ver- 
schärft wurde. 

Daraus  und  aus  der  Bestimmung,  dass  Lehrlinge  in  den 
Gewerben  zur  Enitearbeit  gezwungen  werden  können,  ist 
deutlich  zu  erkennen,  dass  diese  ältere  Gesetzgebung  noch 
keineswegs  von  der  vorherrschenden  Tendenz  die  Schwachen 
zu  schützen  erfüllt  war,  sondern  vor  Allem  den  Interessen 
des  ritterlichen  Grundbesitzes  diente  —  nicht  unbegreiflich 
in  einer  Zeit,  wo  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft  ein  uudis- 
ciplinirtes  Proletariat  erzeugt  hatte. 

In  7.  Henry  IV.  c.  17  (1405)  tritt  nun  die  Tendenz,  dem 
Grundbesitz  Arbeiter  zu  sichern,  noch  schärfer  hervor,  indem 
allen  Leuten,  die  nicht  Land  oder  Rente  von  mindestens 
20  Schilling  Jahreswerth  haben,  verboten  wird,  ihre  Kinder 
als  Lehrlinge  in  ein  städtisches  Gewerbe  zu  geben,  was  1429 
für  London  aufgehoben  wurde  und  1495  für  Norwich. 


oa  cynk  ou  sis  annz  devant  et  qe  mesmes  les  servantz  refusantz  servir  par 
Autide  manere  fiiissent  punys  par  emprisonement  de  lour  corps  sicome  en 
mesme  lordenance  est  contenuz  plus  au  playn  sur  quoi  commissions 
fiirent  faites  as  diverses  gentz  en  chescun  counte  denquere  et  punir  touz 
ceux  qi  venissent  au  contraire.    (Besserer  Text  wäre  zu  wünschen.) 


22  EinleitoDg. 

In  dem  Gesetz  von  1388  wurden  die  Löhne  der  länd- 
lichen Arbeiter  neuerdings  festgesetzt.  Auf  das  Geben 
und  Nehmen  eines  die  gesetzlichen  Bestimmungen  über- 
steigenden Lohnes  waren  hohe  Geldstrafen  gesetzt.  Im  fol- 
genden Jahre  1389  trat  an  die  Stelle  der  gesetzlich  fixir- 
ten  Löhne  die  Beguliiomg  durch  die  Friedensrichter  zu  Ostern 
und  Michaelis^);  dabei  wurden  1416  und  1427  die  Strafen 
auf  das  Geben  eines  höheren  Lohnes  aufgehoben,  nur  die 
auf  das  Nehmen  beibehalten,  so  dass  der  Arbeitgeber,  der  den 
höheren  Lohn  selbst  gab ,  gegen  seine  Arbeiter  einseitig  ein- 
schreiten konnte.  Im  15.  und  16.  Jahrh.  wurden  aber  doch 
die  Löhne  noch  mehrmals  durch  Gesetz  bestimmt,  so  1444*), 
1496,  zuletzt  1514.  Seit  1562  ist  die  Lohnregulirung  durch 
die  Friedensrichter  als  alleinige  Regel  festgestellt  Mit  der 
obrigkeitlichen  und  gesetzlichen  Feststellung  der  Löhne  gingen 
Taxen  für  die  Preise  der  Lebensmittel  Hand  in  Hand  — 
eine  Einrichtung,  welche  die  Tendenz  dem  Volke  billige 
Nahrung  zu  sichera,  anzeigt.  Wir  haben  gesehen,  wie  diese 
Tendenz  auf  dem  Gebiete  des  auswärtigen  Handels  mit  Korn 
allmälig  dem  Gmndbesitzerinteresse  weichen  musste. 

Was  den  inländischen  Handel  mit  Lebensmitteln  betrifft, 
so  entwickelte  sich  die  obrigkeitliche  Tarifiiomg  derselben 
namentlich  von  Brod  und  Bier  (Assizes  of  Bread  and  Ale)  nach 
Gneist  seit  dem  14.  Jahrhundert.  Diese  Tarifirungen  waren 
ein  nothwendiges  Correlat  der  Lohnfestsetzungen.  Es  ist 
charakteristisch,  dass  schon  Eduard  III.  zugleich  mit  den 
Löhnen  die  Victualienpreise   gesetzlich   feststellte,   und  dass 


^)  For  as  mach  as  a  man  cannot  put  the  price  of  com  and  other 
Tictuals  in  certain,  the  jostices  should  at  Easter  and  Michaelmas,  according 
to  the  price  of  provisions,  make  proclamation,  how  much  every  mason, 
carpenter  and  other  workman  and  labourers  should  receive  by  the  day 
as  well  in  harvest  as  at  other  times  of  the  year  with  or  without  meat 
or  drink.     (Auszug  aus  13.  Rieh.  II.  c.  8  [1389]). 

*  *)  Es  wurden  aber  nur  Maxima  festgestellt;  wer  weniger  verdient, 
soll  weniger  bekommen  und  wo  nach  Ortsgebrauch  weniger  üblich  ist, 
soll  es  dabei  bleiben. 


Arbeitergesetze.  23 

1389  bestimmt  wurde,  „dass  Lebensmittel  Verkäufer  einen  bil- 
ligen (reasonable)  Gewinn  haben  sollen  nach  der  Bestimmung 
und  Beschränkung  durch  die  genannten  Richter,  und  nicht 
mehr,  bei  schwerer  Strafe/' 

Verschiedene  Gesetze  über  Lebensmittelpreise  erliess 
Heinrich  Vm.  (1532  und  1534). 

Ausserdem  bezweckten  Billigkeit  der  Victualien  die  Straf- 
gesetze gegen  das  Vorkaufen  der  Waaren,  ehe  sie  zu  Markte 
kommen  (forestalling)  seit  Eduard  IV.,  gegen  den  Wiederver- 
kauf von  Korn  etc.  auf  demselben  Markt  oder  4  Meilen  im 
Umkreis  und  gegen  das  Aufkaufen  grosser  Getreidequantitäten 
behufs  Beherrschung  des  Markts  (engrossing). 

Die  gesammten  älteren  Gesetze  über  Gewerbe-  und  Ar- 
beiterverhältnisse fasste  dann  das  beiUhmte  sogenannte  Lehr- 
lingsgesetz, nach  Gneist  richtiger  Arbeits-  und  Gesindegetz, 
von  1562  (An  Act  containing  divers  Orders  for  Artificei*s, 
Laboui'ers,  Sei^vants  of  Husbandry  and  Apprentice?,  5.  Eliz.  c.  4.) 
zusammen. 

Dieses  Gesetz  der  grossen  Königin  zeugt  wahrhaft  von 
dem  Geiste  des  erstarkten  Königthunis,  das  über  allen  Ständen 
und  ihren  Interessen  stehend,  auch  die  Schwachen  stützt. 
Die  Einleitungsworte  sind  ein  ernst  gemeintes  Progi*amm: 

„Obgleich  gegenwärtig  noch  eine  grosse  Menge  von  Ge- 
setzen und  Statuten  bestehen  und  in  Kraft  sind,  die  sich  auf 
(las  Dingen  und  Entlassen,  die  Löhnung  und  Behandlung  von 
Lehrlingen,  Dienern  und  Arbeitern,  sowohl  in  der  Landwirth- 
schaft  als  in  vei'schiedenen  anderen  Künsten,  Gewerben  und 
Beschäftigungen  beziehen;  so  können  die  besagten  Gesetze 
doch  —  theils  wegen  ihrer  Unvollständigkeit  und  des  Wider- 
spruchs, in  dem  einzelne  derselben  offenbar  mit  einander 
stehen,  und  wegen  ihrer  Vielfältigkeit  und  grossen  Menge, 
theils  aber  und  hauptsächlich  deshalb,  weil  die  in  vielen  dieser 
Statuten  in  Maxime  zugelassenen  oder  festgesetzten  Löhne 
und  Salaire  an  verschiedenen  Orten  zu  gering  und  der  Gegen- 
wart in  Anbetracht  der  Preissteigerung  aller  von  den  besagten 
Dienern  und  Arbeitern  gebrauchten  Waaren  nicht  entsprechend 
sind  —   nicht   ohne   grosse   Leiden   und    Belastung 


24  EinleituBg. 

des  armen  Arbeiters  und  Dienstmannes  richtig 
und  gebührend  ausgeführt  werden:  Und  da  die  er- 
wähnten Gesetze  und  Statuten  zur  Zeit,  da  sie  erlassen  wur- 
den, für  sehr  gut  und  dem  öffentlichen  Wohl  dieses  Beichs 
sehr  förderlich  gehalten  wurden  —  was  in  der  That  viele 
sind  —  kann  man,  wenn  so  der  Inhalt  aller  Gesetze,  die  zur 
Erhaltung  geeignet  sind,  geordnet,  in  ein  einziges  Gesetz  und 
Statut  zusammengefasst  und  so  eine  einzige  gleichmässige 
Ordnung  in  Bezug  auf  Löhne  und  sonstige  Anordnungen  für 
Lehrlinge,  Diener  und  Arbeiter  festgestellt  und  bestimmt  wird, 
mit  Becht  hoffen,  dass  dieses  Gesetz,  wohl  ausgeführt,  den 
Müssiggang  verbannen,  die  Landwirthschaft  er- 
muthigen  und  den  Lohnarbeitern  sowohl  in  Zei- 
ten der  Theuerung  als  der  Fülle  ein  geziemen- 
des Maass  des  Lohnes  gewähren  wird.*' 

Das  Gesetz  der  Elisabeth  besteht  aus  48  Artikeln.  Der 
3.  Artikel  führt  eine  Beihe  von  30  verechiedenen  Gewerben 
auf,  in  denen  Dienstverträge  mindestens  auf  ein  Jahr  geschlos- 
sen werden  müssen.  Unverheirathete  und  gewisse  unter 
SOjähr.  verheirathete  Personen,  die  in  einem  jener  Gewerbe 
aulgezogen  sind  oder  3  Jahre  gedient  haben,  können  auf 
Verlangen  eines  Meisters  durch  2  Friedensrichter  oder  den 
Mayor  und  2  Aldermen  zum  Dienst  gezwungen  werden,  wenn 
sie  nicht  eine  sichere  Jahresrente  von  40  Schilling  oder  ein 
Vermögen  von  10  Pfd.  Sterl.  haben,  nicht  in  einem  anderen  ge- 
setzlichen Dienst  stehen  oder  eine  sie  beschäftigende  Pach- 
tung haben.  Art.  4:  Dienstcontracte  können  nur  durch 
Friedensrichter  oder  städtische  Obrigkeit  nach  Billigkeit  auf- 
gelöst werden;  eigenmächtiger  Contractbruch  ist  straffällig. 
Art.  6:  Selbst  nach  Ablauf  der  Dienstzeit  kann  das  Dienst- 
verhältniss  nur  durch  vierteljährige  Kündigung  aufgelöst  wer- 
den. Nach  Artikel  7  können  alle  Personen  zwischen  12—60 
Jahren,  die  ohne  Vermögen  (was  ähnlich  wie  Art.  3  normirt 
ist)  und  in  keinem  der  einzeln  aufgezählten  Gewerbe  legaliter 
beschäftigt  sind,  zum  Dienst  in  der  Landwirthschaft  gezwungen 
werden. 

Contractbrüchige  Arbeiter  verfallen  einer  Geldstrafe  (Art.  8). 


Arbeitergesetze.  25 

Contractbrttchige  Arbeiter  und  solche,  welche  die  Dienstlei- 
stungen, zu  denen  sie  nach  dem  Gesetz  gezwungen  werden 
können,  versagen,  können  durch  Haft  zur  Arbeit  gezwungen 
werden  (Art.  9).  Kein  Arbeiter  darf  seinen  bisherigen  Wohn- 
ort ohne  obrigkeitliches  Zeugniss  der  Berechtigung  verlassen. 
Kein  Arbeitgeber  darf  ohne  solches  Zeugniss  einen  Arbeiter 
annehmen  —  der  neue  Arbeitgeber  unterliegt  im  Uebertre- 
tungsfall  der  Geldstrafe,  der  Arbeiter  wird,  wenn  er  das  Zeug- 
niss nicht  nachträglich  schaffen  kann,  als  Vagabund  behandelt. 
(Art.  10  u.  11).  Die  tägliche  Arbeitszeit  von  Mitte  Mära  bis 
Mitte  September  wird  von  5  Uhr  Morgens  (oder  fiUher)  bis 
zwischen  6—8  Uhr  Abends  mit  höchstens  in  Summa  2V8Stün- 
digen  Pausen  für  Essen,  Tiinken  und  Schlaf,  in  den  anderen 
Monaten  auf  Tagesanbruch  bis  Nacht  festgesetzt  —  bei  Strafe 
von  1  Penny  Lohnabzug  pro  Stunde  (12).  Arbeiter,  die  bei 
Hausbau  und  anderen  grösseren  Werken  gedungen  sind,  dürfen 
die  Arbeit  vor  Vollendung  des  Werkes  nicht  verlassen  bei 
Strafe  von  Haft  und  Schadensersatz  (13).  Nach  Art.  15  sollen 
die  Löhne  für  alle  Arten  von  Arbeitern  durch  die  Friedens- 
richter in  Verbindung  mit  dem  Sheriff  und  den  Stadtobrig- 
keiten in  einer  Vereammlung  unter  Zuziehung  von  Sachver- 
ständigen alljährlich  festgesetzt  werden.  Diese  Festsetzungen 
mit  Motiven  sollen  dem  Court  of  Chancery  zugesendet  und  dann 
in  den  einzelnen  Bezirken  veröffentlicht  werden.  Die  Obrig- 
keiten, die  dies  unterlassen,  werden  mit  Geldstrafe  belegt 
(Art.  15 — 17).  Das  Geben  höherer  Löhne  wird  mit  Haft  und 
Geldstrafe  geahndet,  das  Nehmen  derselben  mit  (längerer) 
Haft.  Alle  Verträge  über  höhere  Löhne  sind  nichtig,  Gewalt- 
that  und  Misshandlung  des  Arbeitgebers  oder  Aufsehers  wird 
ebenfalls  durch  Friedensrichter  oder  Stadt obrigkeit  mit  langer 
Haft  bestraft  (Art.  18—21).  Alle  Arten  von  Arbeitern  können, 
wenn  sie  tauglich  sind,  von  den  Friedensrichtern  zur  Arbeit 
bei  der  Heu-  und  Getreideernte  gezwungen  werden.  Zu  die- 
sem Zweck  ist  auch  Wandern  der  Arbeiter  gestattet  (22  u.  23). 
Art  24  gestattet  Arbeitszwang  gegen  unverheirathete  weib- 
liche Personen  zwischen  12  und  40  Jahren.  Art.  25  und  26 
bestimmen,  dass  jeder  Hausbesitzer,  der  eine  gewisse  Menge 


26  Einleitung. 

Landes  unter  dem  Pflug  hat,  einen  Lehrling  aus  den  Personen 
über  8  und  unter  18  Jahren  bis  zum  21.  i*esp.  24.  Jahre  an- 
nehmen darf;  jeder  selbständige  Gewerbtreibende  in  einer  City 
oder  Town  corporate,  der  24  Jahre  alt  und  Hausbesitzer  ist, 
den  Sohn  eines  Freien,  der  in  einer  solchen  Stadt  wohnt  und 
nicht  Landwirthschaft  treibt,  als  Lehrling  auf  mindestens  7  Jahre 
und  wenigstens  bis  zu  seinem  24.  Jahre  annehmen  darf  und 
soll.  Nach  Art.  27  und  29  dürfen  Kaufleute,  Goldschmiede  etc. 
nur  ihre  Söhne  oder  Kinder  von  Elteni  mit  einem  gewissen 
Vermögen  als  Lehrlinge  annehmen,  gleichviel  in  welcher  Art 
von  Städten  sie  wohnen.  Gewerbsmeister  in  nicht  incoi-porirten 
Marktstädten  sollen  nur  Kinder  von  Gewerbtreibenden  aus 
gleichartigen  Städten  als  Lehrlinge  annehmen  (Art.  28). 
Eine  Reihe  besonders  namhaft  gemachter  *  Gewerbsmeister 
(Schmiede,  Zimmerleute,  Leineweber,  gemeine  Wollweber  etc.) 
können  nach  Ali.  30,  wo  sie  auch  wohnen,  Jedeimanns  Sohn 
als  lehrling  annehmen. 

Niemand,  der  nicht  eine  7jährige  Lehrlingszeit  in  einem 
Gewerbe  durchgemacht  hat,  kann  in  demselben  Gewerbe  sich 
als  selbständiger  Unternehmer  aufthun  oder  als  Geselle 
angenommen  werden  (Art.  31). 

Für  Tuchweber,  mit  Ausnahme  deijenigen,  die  in  gewissen 
Grafschaften  nur  grobe  Tuche  machen,  gelten  (Art.  32)  in 
Bezug  auf  Annahme  von  Lehrlingen  noch  stärkere  Beschrän- 
kungen als  für  die  Kaufleute  etc.  nach  Art.  27  und  29. 

Alle  Gewerbsmeister  müssen  auf  3  Lehrlinge  einen  Ge- 
sellen und  auf  jeden  Lehrling  über  3  einen  Gesellen  mehr 
halten  (Art.  33).  Art.  34  enthält  Privilegien  der  Kammgarn- 
macher in  Norwich. 

Nach  Art.  35  können  unter  21jährige  Personen,  die  zur 
Lehrlingsschaft  geeignet  sind,  auf  Verlangen  von  Solchen,  die 
Lehrlinge  zu  halten  berechtigt  sind,  dazu  gezwungen  werden. 
Bei  Streitigkeiten  zwischen  Lehrling  und  Lehrherrn  vennitteln 
die  Magistrate  nach  Billigkeit,  event.  wird  der  Lehrvertrag 
aufgelöst  oder  der  Lehrling  bestraft. 

Die  Friedensrichter  und  Stadtmagistrate  sind  verpflichtet, 
die  Ausführung  des  Gesetzes  zu   überwachen  und  bekommen 


Arbeitergesetze.  27 

Diäten.  Weiter  ist  die  Verwendung  der  Strafeelder,  die  Com- 
petenz  der  städtischen  Obrigkeiten  geregelt,  die  Privilegien 
einzelner  Städte  und  Gra&chaften  werden  erhalten  etc.,  schliess- 
lich wird  noch  das  Recht  der  Verhaftung  entlaufener  Lehr- 
linge und  Arbeiter  geordnet. 

Ich  habe  das  ganze  Gesetz  ausführlich  excei*pirt,  da  das- 
selbe zwar  im  Laufe  der  Zeit  immer  lässiger  ausgeführt,  aber 
erst  unter  Georg  III.  der  Hauptsache  nach  foraiell  abgeschafft 
wurde. 

Unverkennbar  ist  in  dem  Gesetze  die  Tendenz,  in  allen 
Gewerben  incl.  der  Landwirthschaft  einen  regelmässigen  Fort- 
gang der  Production  zu  sichern,  den  Interessen  der  Arbeiter 
wie  der  Arbeitgeber  gerecht  zu  werden,  in  allen  Gewerben 
Mangel  wie  üeberfluss  der  Kräfte  zu  verhüten  und  gelernte 
dauernd  engagirte  Kräfte  zu  sichern.  Das  ganze  Volk,  mit 
Ausnahme  der  vermögenden  Familien,  soll  zwangsweise  zur 
Arbeit  erzogen  werden,  der  Ausgelemte  aber  sein  Gewerbe 
überall  betreiben  dürfen.  Das  Gesetz  ist  eine  Organisation 
der  Arbeit  im  Allgemeinen  und  im  Interesse  aller  Betheiligten, 
das  gleichmässig  Anarchie  und  exclusiven  Monopolgeist  bekämpft 
und  die  gewerblichen  Verhältnisse  durchweg  unter  die  Juris- 
diction und  Aufsicht  der  Friedensrichter  und  Stadtmagistrate, 
d.  h.  der  Organe  der  selfgovernmentalen  Staatsverwaltungs- 
organe stellt.  Mögen  die  Zwangsrechte  gegen  Arbeiter  und 
Lehrlinge  uns  heutzutage  zu  hart  erscheinen,  so  entsprachen 
sie  damals  dem  Geiste  der  Zeit  und  unzweifelhaft  litt  der 
Arbeiterstand  eben  durch  die  allmälig  einreissende  Nach- 
lässigkeit in  der  Ausführung  des  Gesetzes,  welche  dadurch 
leicht  gemacht  war,  dass  vei*schiedene  Voi^schriften  für  be- 
stimmte ausdrücklich  benannte  Gewerbe  gegeben  waren,  also 
auf  andere  nicht  angewendet  werden  konnten  und  dass  das 
Gewerbewesen  in  incorporirten  Städten  und  Marktstädten  be- 
sonders geregelt  war,  welche  Anordnungen  für  das  platte  Land 
nicht  galten.  Das  in  dem  Gesetz  nicht  erwähnte  aber  gleich- 
zeitig bestehende  seit  Eduard  III.  und  VI.M  eingeführte  Ver- 


M   2.  und  8.  Eduard  VI.   c.  15  (1548)  bestraft  alle  Verkäufer   von 


28  Einleitung. 

bot  von  Arbeitercoalitionen  verstand  sich  bei  den  Strafen  auf 
das  Nehmen  eines  höheren  als  des  gesetzlichen  Lohnes  von 
selbst  und  wurde,  so  lange  billige  Löhne  wirklich  festgesetzt 
wurden,  nicht  als  ungerecht  empfunden. 


§  5.    Armen-  und  Heimathsgesetze. 

Ehe  wir  die  Entwickelung  und  Ausfühining  dieses  Ge- 
setzes in  der  Folgezeit  schildern,  müssen  wir  die  coiTespon- 
dirende  Annengesetzgebung  besprechen,  welche  schon  wegen 
des  Arbeitszwangs  mit  der  Gewerbeordnung  zusammenhängt 
und  welche  ebenfalls  unter  Elisabeth  eine  für  lange  Zeit 
maassgebende  Zusammenfassung  eifuhr. 

Schon  1376  wurden  vagabundirende  Bettler  bestraft.  Eine 
Verpflichtung  der  Heimathgemeinde  zum  Unterhalt  der  Armen 
bestand  nach  Eden  schon  1378  und  1388;  in  letzterem  Jahre 
(12.  Richard  II  c.  7)  wurde  auch  zuerst  bestimmt,  dass  arbeits- 
unfähige Bettler  an  ihrem  letzten  Wohnort  oder  Geburlsort 
bleiben  sollen.  Die  Armen  waren,  wie  aus  einer  Bestimmung 
von  1391  hervorgeht,  hauptsächlich  auf  Kirchenmittel  ange- 
wiesen. 

Das  Verschwinden  der  Leibeigenschaft  und  das  Aufkommen 
von  Handel  und  Gewerbe  mit  ihren  freien  Arbeitern  schufen 
nicht  die  Armuth  und  das  Elend,  wohl  aber  die  Nothwendig- 
keit  einer  Armenpflege  durch  öiFentliche  Mittel. 

1530  begegnen  wir  der  durchgreifenden  Scheidung  zwischen 
arbeitsunfähigen  (aged  and  impotent)  und  arbeitsfähigen 
(vagabonds  and  idle  persons)  Aimen,  nachdem  schon   1388 


liebensmitteln,  die  nicht  mit  massigem  Gewinn  zufrieden  waren;  constatirt 
dann,  dass  „artificers,  handicraftsmen  and  labourers  have  made  confeder- 
acies  and  promises,  and  have  swom  matual  oaths,  not  only  tbat  they 
sbould  not  meddle  one  with  another's  werk,  and  perform  and  finisb  tbat 
anotber  bath  begun;  bat  also  to  appoint  bow  mucb  work  tbey  sball 
do  in  a  day  and  wbat  boars  and  times  tbey  sball  work  to  tbe  great  burt 
and  impoverisbment  of  tbe  Kings  subjects/^  Solcbe  Combinationen  werden 
für  illegal  erklärt,  mit  Geldstrafe  von  10—40  Pf.  St.,  Ebrenstrafen ,  Haft, 
Pranger,  Verlust  der  Obren  bestraft. 


Armengesetz.  29 

und  1495  zwischen  „beggars  able  to  labour**  und  „beggars 
impotent  to  serve"  unterschieden  war.  Erstere  bekamen 
Licenzen  zum  Betteln  in  bestimmten  Bezirken,  letztere  wur- 
den zur  Arbeit  an  ihren  letzten  Wohnort  gezwungen.  Bald 
trat  durch  27.  Heinrich  VIII.  Cap.  25  (1535)  an  die  Stelle 
der  Licenzen  zum  Betteln  die  Armenunterhaltung  in  den 
den  Kirchspielen  durch  Almosen,  welche  eingesammelt  werden 
und  zu  denen  die  Geistlichen  eimahnen  mussten;  dasselbe 
Gesetz  verfügt  die  Zwangs-Lehrlingschaft  von  Armenkindera. 
Durch  die  Aufhebung  der  Klöster  und  Secularisation  des 
Kirchenguts  wurde  die  Armennoth  grösser  und  es  folgten 
allerlei  harte  Gesetze  gegen  Vagabunden  etc.  Elisabeth 
machte  die  Almosen  obligatorisch  und  erliess  verschiedene 
andere  Gesetze,  z.  B.  in  Bezug  auf  Errichtung  von  Corrections- 
häuseiii,  bis  endlich  43.  Eliz.  Gap.  2  (1601)  die  Gesetze  der 
Elisabeth  und  ihrer  Vorgänger  zusammenfasste.  Da  dieses 
Gesetz  von  ähnlich  weittragender  Bedeutung  wie  das  soge- 
nannte Lehrlingsgesetz  ist,  und  bis  in  unser  Jahrhundert  her- 
ein die  Ginindlage  der  Armenpflege  blieb,  so  soll  auch  sein 
Inhalt  excei-piii;  werden. 

Der  Titel  des  aus  20  Artikeln  bestehenden  Gesetzes  ist: 
An  Act  for  the  Relief  of  the  Poor. 

Art  1  führt  die  Armenaufseher  ein,  welche  von  den 
FriedensrichteiTi  für  jedes  Kirclispiel  alljährlich  ernannt  wer- 
den. Sie  bestehen  aus  den  Kirchenvorstehern  (churchwardens) 
und  je  nach  der  Grösse  des  Kirchspiels  aus  2—4  wohlhaben- 
den Hausbesitzern  0-  Dieselben  sollen,  unter  Zustimmung  von 
mindestens  zwei  Friedensrichtern,  Kinder  von  Leuten,  die  ihre 
Kinder  nicht  behalten  und  ernähren  können ,  zur  Arbeit 
bringen;  ebenso  erwachsene  Personen  ohne  Unterhaltsmittel 
und  ohne  ständige,  den  Unterhalt  gewährende  Arbeit.  Dann 
sollen  sie  Steuern  erheben,  um  Rohstofle  verschiedener  Ai-t 
zu  kaufen,  mit  denen  die  Armen  beschäftigt  werden  sollen. 


*)  Ein  kurzes  deutsches  Wort,  das  dem  englischen  Householder  ent- 
spricht, giebt  es  nicht.  Ich  gebrauche  hier  wie  anderwärts  das  Wort 
Haasbesitzer. 


30  Einleitung. 

um  die  Arbeitsunfähigen  zu  unterstützen  und  Kinder  als  Lehr- 
linge auszuthun.  Die  Steuern  werden  auf  alle  Bewohner 
und  Realitätenbesitzer  in  der  Gemeinde,  wie  es  den  Au&ehem 
geziemend  erscheint,  vertheilt.  Die  Aufseher  mtlssen  min- 
destens allmonatlich  einmal  Sitzung  und  Berathung  halten,  ^m 
Schlüsse  des  Jahres  Rechenschaft  ablegen  (Art.  2). 

Ist  ein  Kirchspiel  zu  aim,  um  seine  Armenlast  zu  tragen, 
so  können  die  Friedensrichter  andere  Kirchspiele  in  derselben 
Hundei-tschaft,  ist  letztere  zu  arm,  in  dei'selben  Grafschaft 
heranziehen  (Ait.  3). 

Säumige  SteueiT)flichtige  werden  exequiit  und  event.  in 
das  Common  goal  gesperrt.  Mit  der  gleichen  Strafe  werden 
Solche  belegt,  die  die  aufgetragene  Arbeit  vei*weigem  und 
Armenaufseher,  die  keine  Rechenschaft  ablegen  —  Alles  unter 
Autorität  resp.  durch  Spruch  der  Friedensrichter  (Art.  4). 
Für  die  arbeitsunfähigen  Armen  sollen  die  Ai*menaufseher 
auf  Kosten  der  Kirchspiele  oder  Hundeitschaften  etc.  Häuser 
bauen  (All.  5).  Die  Friedensrichter  können  die  Ascendenten 
und  Kinder  arbeitsunfähiger  Armen  zum  Unterhalt  der  Armen 
zwingen,  wenn  sie  dazu  fähig  sind  (Art.  7).  Die  den  Friedens- 
richtern in  den  Grafschaften  zustehenden  Befugnisse  werden 
in  incorporirten  Städten  von  den  dortigen  Mayoi*s  etc.  ausgeübt 
(Art.  8).  Die  folgenden  Artikel  befassen  sich  mit  der  Rege- 
lung verschiedener  Competenz Verhältnisse ,  der  Verwendung 
der  Geldstrafen,  den  Extrasteueiii  der  Kirchspiele  für  die 
armen  Gefangenen  von  King's  Bench  und  Marchalsea,  sowie 
für  Hospitäler;  mit  Geldstrafen,  Appellation  an  die  Quartal- 
sitzungen, sowie  einer  Menge  anderer  Einzelheiten  und  Formali- 
täten. Der  letzte  Artikel  endlich  spricht  aus,  dass  das  Gesetz 
nur  pi-obeweise  bis  zum  Ende  der  nächsten  Parlamentssitzung 
gelten  solle  —  es  wurde  durch  3.  Karl  L  Cap.  4  (1627)  und 
16.  Kari  I.  Cap.  4  (1640)  enieuert. 

Das  Gesetz  macht  also  die  Aimenlast  principaliter  zu 
einer  Last  der  Kirchspiele,  jedoch  so,  dass  die  nächsten  Ver- 
wandten zuerst  vei-pflichtet  sind,  arme  und  reiche  Kirch- 
spiele sich  gegenseitig  bis  zu  gewissem  Grade  ausgleichen 
müssen;  es  verwandelt  die  Almosen  in  Steuern,  es  legt  die 


Armengesetz.  31 

Ausübung  der  Armenpflege  in  die  Hand  der  Aufseher,  die 
von  den  Friedensrichtem  eiiiannt  und  beständig  beaufsichtigt 
sind.  Es  stellt  den  Grundsatz  auf:  Arbeitszwang  gegen 
Arbeitsfähige,  Unterstützung  für  Arbeitsunfähige. 

Die  Auflage  der  Armensteuer  auf  die  einzelnen  Kirch- 
Spielsbewohner  steht  einfach  im  Eimessen  der  Aufseher  unter 
Zustimmung  von  Friedensrichtem  —  bei  den  Extrasteuern 
für  Gefängnisse  und  Hospitäler  kann  die  (6  pence  pro  Woche 
und  Kirchspiel  nicht  übersteigende)  Gesammtsumme  von  den 
Kirchspieleingesessenen  unter  ihnen  selbst  durch  Einverständ- 
niss  vertheilt  werden.  —  Das  Gesetz  spricht  nicht  davon, 
welche  Armen  jedem  einzelnen  Kirchspiel  zur  Last  fallen 
sollen  —  es  meint  offenbar,  dass  jedes  Kirchspiel  die  in  seinen 
Grenzen  vorhandenen  Armen  zu  vereorgen  hat.  —  Man  muss 
bedenken,  dass  das  Lehrlingsgesetz  alle  Arbeiter  zu  dauernd 
ansässigen  Leuten  zu  machen  strebte,  und  dass  es  Gesetze 
gegen  die  Vagabunden  gab,  so  dass  zunächst  die  Kirchspiele 
Ueberfluthung  durch  fremde  Anne  nicht  sehr  zu  befürchten 
hatten  —  engherziger  Aengstlichkeit  der  Kirchspiele  und  den 
in  denselben  heiTSchenden  Grundbesitzern  zu  schmeicheln  lag 
aber  nicht  im  Geiste  des  starken  Königthums  der  Elisabeth. 

Unter  Jacob  L  wurden  die  Gesetze  gegen  Landstreicher 
und  Vagabunden  vei"schärft,  unter  Königin  Anna  jedoch  wieder 
gemildert.  Ebenso  wurde  durch  1.  Jacob  1,  Cap.  6  (1604) 
die  Lohnfestsetzungsbefugniss  der  Friedensrichter  auf  alle 
Arbeiter  ausdrücklich  ausgedehnt,  und  zwar  so,  dass  die 
Friedensrichter  die  Löhne  in  Bezirks-  und  Grafschaftssitz- 
ungen feststellen  und  der  Sheriff  sie  veröffentlichen  solle,  ohne 
vorherige  Sendung  an  den  Lordkanzler.  Doch  durfte  kein 
Tuchmacher  als  Friedensrichter  die  Löhne  für  die  in  der 
Tuchindustrie  beschäftigten  Arbeiter  festsetzen.  Letztere  Be- 
stinunung  ist  ausdrücklich  nur  für  die  Tuchmacher  gegeben, 
deren  Gewerbe  fillhzeitig  besondere  Aufmerksamkeit  seitens 
der  Gesetzgebung  erfuhr,  zumal  es  sich  um  eine  Industrie 
handelte,  die  frühzeitig  Export  trieb,  und  im  Grossen  betrieben 
wurde.  Hier  mag  vielleicht  die  exceptionelle  Bestimmung  da- 
durch hervorgerufen  worden  sein,  dass  Tuchfabrikanten  häufiger 


32  Einleitang. 

als  Gewerbsmeister  Friedensrichter  wurden.  Zugleich  wurde 
der  Besuch  von  Wirthshäusem  beschränkt  Auch  zum  Armen- 
gesetz folgten  viele  Zusätze.  7.  Jacob  I.  Cap.  4  vei-fügt  die 
Enichtung  von  CoiTectionshäusem  für  müssige  Leute  in  allen 
Grafschaften;  denn  die  in  18.  Eliz.  Cap.  3  zuerst  erwähnten 
Correctionshäuser,  in  denen  die  Müssigen  beschäftigt,  die 
Liederlichen  bestraft  werden  und  die  sich  zumeist  durch  das 
Product  der  geleisteten  Arbeit  selbst  unterhalten  sollten,  waren 
eine  nothwendige  Ergänzung  der  Gesetzgebung  der  Elisabeth. 

Es  begannen  schon  im  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  die 
Hagen,  dass  die  obligatorische  Armenunterstützung  den  Müs- 
siggang  befördere  und  dass  das  Annengesetz  ungenügend 
ausgeführt  werde.  Im  Jahre  1622  wurde  in  vielen  Kirchspielen 
keine  Armenunterstützung  gewährt,  sondern  die  Armen  wurden 
fortgejagt  und  das  Land  mit  ihnen  überschwemmt.  1628 
(3.  Karl  I.  Cap.  5)  warmes  nothwendig  zu  bestimmen,  dass  die 
Aufseher  Armenkinder  allen  Pei-sonen,  nicht  nur  einzelnen 
Gewerben  zuweisen  können,  und  dass  die  Aufseher  einen  Ge- 
werbetrieb lediglich  zur  Beschäftigung  von  Armen,  nicht 
zu  ihrem  Gewinne  einrichten  dürfen.  Besonders  deutlich  zeigt 
die  Verordnung  Karl's  I.  von  1630,  wie  ungenügend  das  Gesetz 
ausgeführt  wurde. 

Der  wichtigste  Zusatz,  den  das  Annengesetz  im  Laufe 
der  Zeit  erfuhr,  war  das  Heimathsgesetz :  An  Act  for  the 
better  relief  of  the  Poor  of  this  Kingdom,  13.  und  14.  Charles 
II.  Cap.  12  von  1662.  Das  Gesetz  hatte  vei-schiedene  Vor- 
läufer 1388,  1494  und  1597,  in  welchen  Jahren  schon  Rück- 
transport von  Vagabunden  nach  ihrem  letzten  Wohnort 
oder  auch  nach  ihrem  Geburtsort  verfügt  wurde.  Unzwei- 
felhaft waren  auch  nähere  präcise  Bestimmungen  über  die 
Vertheilung  der  Armenlast  unter  verschiedenen  Kirchspie- 
len nothwendig.  Nichtsdestoweniger  zeugt  das  Heimaths- 
gesetz von  1662  von  der  erstarkten  Tendenz  der  Gentry  in 
den  einzelnen  Bezirken,  sich  von  der  Armenlast  zu  befreien, 
und  da  das  Heimathsrecht  im  Laufe  der  Zeit  mit  weit  mehr 
Energie  und  Leidenschaft  ausgeführt  wurde  als  die  allgemeinen 
Bestimmungen  des  Armengesetzes  selbst,  so  verkam  dabei  die 


Ileimathsgesetz.  33 

ganze  Armenpflege.  Das  Gesetz  wurde  erlassen  in  einer 
Zeit,  in  der  der  allgemeine  Keichthum  bedeutend  gewachsen 
war.  Die  Löhne  waren  gestiegen,  der  Zinsfuss  gesunken, 
Handel  und  Gewerbe  hatten  einen  gewaltigen  Aufschwung  ge- 
nommen. Die  Soldaten  der  republikanischen  Armee,  denen 
zu  Ehren  die  Pflicht  der  7jährigen  Lehrlingszeit  aufgehoben 
wurde,  kehrten  sich  dem  productiven  Gewerbe  zu  und  fanden 
ohne  Schwierigkeit  lohnende  Arbeit  —  und  eben  in  dieser 
Zeit  wirthschaftlichen  und  speciell  gewerblichen  Fortschritts 
gelang  es  dem  Grossgrundbesitz  -  Interesse  ein  kleinlich 
reactionäres  Gesetz  durchzusetzen.  Es  war  dieselbe  Zeit,  in 
der  (22.  Karl  IL  c.  13;  1670)  bestimmt  wui-de,  dass  Korn 
stets  gegen  die  Zölle  der  Tonnage  and  Poundage  Act  ausge- 
führt werden  könne  ohne  Rücksicht  auf  den  inländischen  Preis, 
während  die  Korn  -  Einfuhrzölle  erhöht,  und  (1663)  für  die 
zweite  Jahreshälfte  hohe  Vieh-Einfuhi-zöUe  auferlegt  wurden. 
Ich  lasse  nun  das  Heimathsgesetz  im  Auszug,  den  Artikel  1 
(mit  Auslassungen)  im  Wortlaut  folgen: 

„In  Erwägung,  dass  die  Bedürfnisse,  die  Zahl  und  die 
beständige  Zunahme  der  Armen  sehr  gross  sind  und  ausser- 
ordentliche Lasten  verursachen,  was  von  einigen  Mängeln 
der  Gesetzgebung  in  Bezug  auf  das  Heimathsrecht  der 
Armen  und  von  dem  Mangel  gehöriger  Maassregeln  zur 
Regulirung  der  Unterstützung  und  Beschäftigung  der  Armen 
in  ihren  gesetzlichen  Heimathsgemeinden  herrührt; 

in  Erwägung,  dass  dadurch  Manche  zu  unverbesserlichen 
Landstreichern  werden,  Andere  Hungers  sterben; 

in  Einwägung,  dass  ältere  Gesetze  und  Statuten  in  Bezug 
auf  Ergi'eifung  von  Landstreichern  und  Vagabunden  und 
für  das  Wohl  der  Armen  nicht  getreulich  ausgeführt  werden ; 
in  Erwägung,  dass  in  Folge  von  Mängeln  des  Gesetzes 
arme  Leute  nicht  verhindert  sind,  von  einem  Kirchspiel  in 
das  andere  zu  wandeni  und  daher  streben,  sich  in  solchen 
Kirchspielen  niederzulassen,  wo  der  grösste  Reichthum  ist, 
die  ausgedehntesten  Gemeindeländereien,  um  Häuser  darauf 
zu  errichten  und  die  meisten  Wälder  zum  Verbrennen  und 
Zei-stören  sind; 

Held,  Soc  Gesch.  Engl.  3 


34  Einleitang. 

in  Erwägung,  dass  die  Leute,  wenn  sie  das  Alles  ver- 
zehi*t  haben,  dann  in  ein  anderes  Kirchspiel  wandern  und 
zuletzt  Landstreicher  und  Vagabunden  werden  —  — 
soll  es  gesetzlich  erlaubt  sein,  dass  auf  Klage  der  Kirchen- 
vorsteher oder  Aufeeher  eines  Kirchspiels  von  einem  Friedens- 
richter innerhalb  40  Tagen  nach  erfolgter  Niederlassung  einer 
solchen  Person  in  einem  Besitzthum  unter  dem  Werthe  von 
10  Pfund  jährlich ,  je  zwei  Friedensrichter  —  Personen ,  die 
voraussichtlich  dem  Kirchspiel,  in  das  sie  einziehen,  zur  Last 
fallen  werden,  ausweisen  und  in  das  Kirchspiel  spediren  dürfen, 
in  dem  diese  Pei'sonen  zuletzt  heimathsberechtigt  waren  durch 
Geburt,  Haushaltung,  Aufenthalt,  Lehrlingsschaft  oder  Dienst- 
verhältniss  von  mindestens  40  Tagen,  es  sei  denn,  dass  diese 
Personen  eine  nach  der  Ansicht  der  Friedensrichter  genügende 

Sicherheit  für  Entschädigung  des  Kirchspiels  geben ." 

Gegen  einen  solchen  Sprach  von  zwei  Friedensrichtern 
ist  Appellation  an  die  nächsten  Quaitalsitzungen  nach  Art  2 
gestattet.  Art.  3  verfügt,  dass  Arbeiter  behufs  Uebernahme 
bestimmter  Arbeiten  ihren  Heimathsort  verlassen  dürfen,  wenn 
ihnen  durch  Atteste  des  geistlichen  Kirchenvorstehers  und 
Armenaufsehers  bezeugt  war,   dass  sie  ein  Wohnhaus  haben, 

• 

in  dem  sie  Familienangehörige  zurücklassen  und  dass  sie  Ein- 
wohner sind.  Sie  erwerben  aber  an  dem  Orte,  wo  sie  arbeiten, 
kein  Heimathsrecht ,  können  vielmehr  nach  Vollendung  der 
Arbeit  oder,  wenn  sie  arbeitsunfähig  werden,  zuillckspedirt, 
im  Weigerungsfall  in  ein  Con'ectionshaus  oder  öflfentliches 
Arbeitshaus  eingespeiTt  werden.  Kirchenvorstände  und  Auf- 
seher der  Heimathsgemeinde,  welche  die  Aufnahme  verweigern, 
können  vor  den  Assisen  belangt  werden. 

Danach  konnte  sich  jede  Gemeinde  aller  Zuwandernden 
innerhalb  40  Tagen  wieder  entledigen  —  vorausgesetzt,  dass 
der  Zuwandeinde  ein  Heimathsrecht  in  England  b^sass.  Die 
Strenge  des  Ausweisungsrechts  war  also  auf  Ausländer  nicht 
anwendbar. 

Die  40  Tage  Aufenthalt,  durch  die  man  Heimathsrecht 
gewann,  sollten  seit  Jacob  H.  erst  von  der  Anmeldung  bei 
den  Kirchenvorstehern  und  Aufsehern  des  neuen  Wohnorts, 


Heimathsgesetz.  35 

seit  Wilhelm  und  Maria  ei-st  von  der  Veröffentlichung  dieser 
Anmeldungen  in  der  Kirche  ab  gerechnet  werden.  Indem  so 
der  Erwerb  von  Heimathsrecht  durch  Aufenthalt  ganz  in  das 
Belieben  der  neuen  Gemeinde  gestellt  wurde,  wurden  dafür 
andere  Kechtsgründe  für  Erwerbung  von  Heimathsrecht  ein- 
gefahrt,  nämlich: 

Zahlung  von  Steuern^), 

Uebei-nahme  eines  öffentlichen  Amts  in  dem  Eii-chspiel 

während  eines  Jahras, 
Durchmachen  einer  Lehrlingsschaft, 
Einjähriges  Dienstverhältniss, 

woran  sich  durch  Gerichtspraxis  die  weiteren  Titel  für  Erwerb 
des  Heimathsrechts  durch  Geburt  und  Heirath  schlössen. 

~  Da  durch  das  Heimathsrecht  nicht  bestimmte  Gemeinden 
verpflichtet  wurden,  bestimmte  Arme  zu  unterhalten,  sondern 
jeder  Arbeiter,  ehe  er  wirklich  aim  war,  ausgewiesen  werden 
konnte,  so  artete  das  Heimathsrecht  in  volle  Aufhebung  der 
Freizügigkeit  für  Vermögenslose  aus.  Der  Erwerb  des  Heimaths- 
rechts durch  einjähriges  Dienstverhältniss  statt  durch  40tägigen 
Aufenthalt  durchkreuzte  sogar  direct  die  Tendenzen  des  so- 
genannten Lehrlingsgesetzes,  indem,  wie  schon  A.  Smith  be- 
merkt, in  Folge  dessen  einjährige  Dienstkontrakte  seltener 
wurden,  die  früher  die  Regel  waren  und  welche  das  Gesetz 
wesentlich  begünstigte.  Da  die  Ausweisung  auch  erfolgen 
konnte  und  wirklich  erfolgte,  weil  Jemand  bald  Kinder  be- 
kommen wird,  die  der  Gemeinde  zur  Last  fallen,  so  schreckte 
das  vom  Heirathen  ab  und  bewirkte  Vermehning  der  unehe- 
lichen Kinder.  Die  Frage,  ob  Jemand  in  einer  bestimmten 
Gemeinde  heimathsberechtigt  war  oder  nicht,  war  in  vielen 
Fällen  ausserordentlich  schwer  zu  beantwoi'ten  und  gab  zu 
zahllosen  widerlichen  Rechtsstreitigkeiten  Veranlassung ,  in 
deren  Verfolgung  sich  Scharfsinn  und  Willenskraft  der  Ge- 
meindehäupter ei"schöpften.    Das  Recht,  fremde  Arbeiter,  so- 


*)  W^ozu  aber  nach   9.  Georg  I.  c.  7  Strassen-  und  Strassenkehr- 
gelder  nicht  mehr  gerechnet  werden  (1722). 


36  Einleitong. 

wie  sie  arbeitsunfähig  werden,  auszuweisen,  bewirkte  un- 
menschllchp  Behandlung  von  Kranken.  Da  die  Beschränkung 
der  Freizügigkeit  die  Armenlast  direct  erhöhte,  indem  häufig 
Personen  nur  unterstützungsbedüiftig  wurden,  weil  sie  sich 
anderawo  nicht  Arbeit  suchen  konnten,  wurde  durch  8.  u.  9. 
W.  III.  c.  30  das  auswärtige  Arbeiten  mit  Attesten  erleichtert, 
indem  bestimmt  wurde,  dass  solche  Personen  nur  ausgewiesen 
werden  dürfen,  wenn  sie  wirklich,  nicht  wenn  sie  nur  wahr- 
scheinlich dem  Kirchspiel  zur  Last  fallen.  Dafür  aber  konnten 
Personen  mit  Attesten  in  ihrem  neuen  Wohnort  auf  keine 
Weise  heimathsberechtigt  werden,  es  sei  denn  durch  ein  An- 
wesen von  10  Pfund  jährlicher  Rente  oder  durch  Ausübung 
eines  Kirchspielamtes.  Lehrlinge  und  Diener  von  Personen  mit 
Attesten  können  kein  Heimathsrecht  erwerben  (9.  u.  10.  W.  III. 
c.  11 ;  und  12.  Anne  stat.  1.  c.  18).  Nach  dem  Gesetz  8  u.  9  W.IIL 
c.  30  (1697)  mussten  Personen,  die  Armenunterstützung  em- 
pfangen, ein  Merkmal  auf  der  rechten  Schulter  tragen.  Unver- 
heirathete  konnten  Heimathsrecht  nicht  durch  einjährigen 
Dienstcontract,  sondern  nur  durch  wirkliches  Aushalten  eines 
einjährigen  Dienstes  erwerben.  Die  Pflicht,  Armenkinder  als 
Lehrlinge  anzunehmen,  wurde  eingeschärft. 

Erst  durch  35.  Georg  HI.  c.  101  wurde  das  Recht,  Per- 
sonen, die  voraussichtlich  dem  Kirchspiel  zur  Last  fallen  wer- 
den, auszuweisen,  gänzlich  abgeschafft.  Bis  dahin  bewegte  sich 
die  Armengesetzgebung  voraehmlich  in  Künsteleien  an  dem 
Niederlassungsrecht  (Gneist)  und  die  ganze  Armenpflege 
sank  zu  einem  gemeinschädlichen  Wettkampf  von  Kircli- 
spielsinteressen  herab.  31.  Georg  II.  c.  11  (1757)  musste 
speciell  die  Ausweisung  von  Lehrlingen  bekämpfen,  da  es 
immer  häufiger  vorkam,  dass  Kirchspiele  zu  ihrer  Erleichtenmg 
Kinder  als  Lehrlinge  nach  auswäi*ts  schickten  und  die  aus- 
wärtigen Kirchspiele  dann  ihrerseits  wieder  chikanöse  Mass- 
regeln ergriffen.  Der  Zwang  zur  Arbeit  gegen  Arbeitsfähige 
wurde  nur  sehr  lässig  ausgeübt,  man  begnügte  sich  mit  der 
bequemen  Erhebung  und  Vertheilung  der  Annenßteuer,  deren 
Gesammtertrag    1776    auf    1530  800    Pfd.    Steri.    gestiegen 


Heimathsgesetz.  37 

war,  um  von  da  ab  noch  weiter  rapide  zu  steigen^).  Eine 
reichliche  Literatur  voll  Klagen  über  das  Unwesen  in  der 
Armenpflege  entstand  seit  Ende  des  17.  Jahrhundert*).  Be- 
.trefifs  der  Vertheilung  der  Armenlast  unter  die  Bewohner  des 
Kirchspiels  blieb  es  bei  der  vagen  Bestimmung  des  Gesetzes 
der  Elisabeth,  welche  durch  die  Praxis  zu  einer  proportionalen 
Besteuerung  des  Einkommens  der  Inhaber  von  Liegen- 
schaften, Häusern,  Zehnten  etc.  wurde.  Es  wurden  zwar  vor 
Georg  in.  noch  Gesetze  über  das  Aimenwesen  erlassen,  die 
aber  die  Selbständigkeit  der  localen  Selbstverwaltungsbehörden 
und  das  Niederlassungsrecht  nicht  alterirten,  so  dass  sie  gleich 
den  früheren  Gesetzen  unter  Georg  IIL  selbst  vergebens  gegen 
die  herrschenden  Missbräuche  ankämpften.  Von  diesen  Ge- 
setzen ist  zu  erwähnen:  13.  Anne  stat.  2,  c.  26  (1713),  ein 
Gesetz,  das  den  Begriff  der  Landsti-feicher  und  Vagabunden 
erweitert  und  Razzia's  gegen  dieselben  anordnet  etc.,  ferner 
5  Georg  L  c.  8  (1718),  wonach  Confiscation  der  Güter  von 
Ehemännern  und  Eltern,  die  ihre  Frauen  resp.  Kinder  ver- 
lassen, zur  Entlastung  des  Kirchspiels  angeordnet  wird,  endlich 
9.  Georg  L  c.  7  (1722):  danach  sollte,  um  Verschwendung  der 
Mittel  zu  verhüten ,  kein  Friedensrichter  Unterstützung  eines 
Annen  ohne  eidliche  Bekräftigung  eines  gerechtfertigten  Grun- 
des anordnen;  es  sollte  Buch  über  alle  Armen  geführt  wer- 
den; einzelne  oder  verbundene  Kirchspiele  dürfen  und  sollen 
Arbeitshäuser^)  kaufen  oder  miethen,  so  dass  die  den  Ein- 
tritt verweigernden  Armen  des  Unterstützungsrechtes  verlustig 
werden.  Ausserdem  beschäftigt  sich  das  Gesetz  mit  dem 
Niederlassungsrecht,  indem  unter   Anderem   bestimmt   wird, 

^)  NichoUs  schätzt  die  Armenlast  schon  1688  auf  2  Schilling  6  pence 
pro  Kopf  der  Bevölkerung. 

*)  S.  Auszüge  aus  dieser  Literatur  bei  Eden  I.  c  (oben  S.  17,  Anm.) 
")  Die  Arbeitshäuser  als  obligatorische  Einrichtung  empfahl  schon 
Haie  in  seinem  1683  veröffentlichten,  aber  früher  geschriebenen  Werke 
^A  discourse  touching  Provision  for  the  Poor'*.  Die  Gesetzgebung  hatte 
sich  auch  schon  früher  mit  Arbeitshäusern  beschäftigt  und  die  Errichtung 
einzelner  Arbeitshäuser  war  durch  Gesetz  verfugt  worden,  z.  B.  1703  in 
Worcester,  1707  in  Plymouth,  wo  sogar  Unterricht  der  armen  Kinder  ein- 
geführt ward. 


38  Einleitimg. 

dass  man  durch  Kauf  eines  Anwesens  nur  heimathsberechtigt 
wird,  wenn  der  bona  fide  bezahlte  Kaufpreis  mindestens 
30  Pf.  Sterl.  beträgt,  und  nur  so  lange  man  auf  dem  Anwesen 
wohnt. 


§  6.    Stocken  der  Gesetzgebung. 

Das  Unwesen  in  der  Aimenpfiege  steigerte  sich  aufs 
Höchste  unter  Georg  III.  Seit  dieser  Zeit  wurden  auch  die 
Versuche  gesetzlicher  Reform  häufiger,  die  wir  nicht  im  Ein- 
zelnen verfolgen.  Hier  war  nur  zu  zeigen,  dass  die  er- 
leuchtete und  am  Ende  des  16.  Jahrhundeits  zeitgemässe 
Gesetzgebung  der  Elisabeth  einige  Gnindsätze  von  dauerndem 
Werthe  enthielt,  für  die  das  rechte  Vei-ständniss  allmälig  ab- 
handen kam.  Sie  löste  das  Problem  des  gleichmässigen 
Schutzes  von  Freiheit  und  Ordnung  für  ihre  Zeit;  sie  hätte 
weiter  entwickelt  werden  müssen  in  dem  Sinne,  dass  die 
Ordnungen  unter  wachsender  Aufhebung  der  localen  Gebunden- 
heit ausgebildet  worden  wären  —  statt  dessen  vei*schärft  das 
Gesetz  aber  die  Gebundenheit  an  die  Scholle,  während  gleich- 
zeitig Anarchie  eintrat.  Engherzige  Classenpolitik  machte 
sich  breit  an  Stelle  eines  wahrhaft  staatlichen  Geistes.  Auch 
die  Arbeitshäuser  bewirkten  nur  voillbergehend  eine  Besse- 
rung der  Zustände  und  Vei-minderung  der  Armenlast.  Sie 
wurden  Manufactumntemehmungen  auf  Rechnung  der  Annen- 
kasse, beschäftigten  jede  Art  schlechter  Arbeiter  und  ent- 
muthigten  die  guten  —  kurz  sie  wurden  zu  Nationalwerk- 
stätten im  Kleinen  (s.  Eden,  Vol.  I.  S.  269  ff.).  Dass  die 
Strenge  gegen  die  Elteni  unehelicher  Kinder  und  die  Findel- 
häuser (unter  Georg  H.)  nicht  helfen  konnten,  ist  selbstver- 
ständlich. Das  Gebot  der  Veröffentlichung  der  Armensteuer- 
auflagen (1744)  zeugt  nur  von  der  bisherigen  Vei-wirning  und 
Rechtlosigkeit  auf  diesem  Gebiet.  Die  beständigen  Gesetze 
gegen  Landstreicher  und  Vagabunden  (so  17.  Georg  IL  c.  5, 
das  Prämien  auf  das  Ergreifen  von  Vagabunden  setzt)  sind 
auch  ein  beredtes  Zeugniss  für  die  Unwirksamkeit  der  Armen- 
gesetze. 


Stocken  der  Gesetzgebung.  39 

Gleichzeitig  mit  der  Lässigkeit  der  Friedensrichter  und 
Armenaufseher  in  Ausfilhining  des  Zwanges  zur  Arbeit  ge- 
riethen  auch  die  Lohnfestsetzungen  durch  die  Friedensrichter 
vielfach  ausser  Gebrauch.  Adam  Smith  bezeichnet  sie  Buch  1 
c.  10  als  ganz  abgekommen.  Der  Zwang  zur  7jährigen  Lehr- 
lingszeit wurde  auf  Städte  mit  Goi*porationsrechten  und  Markt- 
flecken und  auf  die  Gewerbe,  die  zur  Zeit  des  Erlasses  des 
Gesetzes  der  Elisabeth  bestanden,  beschränkt.  Die  mangel- 
hafte Durchführung  des  Gesetzes  in  diesen  Punkten  lag  nament- 
lich im  Interesse  derjenigen  Gewerbe,  in  denen  sich  Produc- 
tion  im  grösseren  Maassstab  zu  entwickeln  begann,  sie  unter- 
grub aber  die  Sicherheit  der  Stellung  des  Arbeitei-s.  Dies 
und  die  Verknöcherung  der  Zünfte  führte  schon  fiühzeitig, 
wie  namentlich  Brentano  nachweist,  zu  Coalitionen  der  Arbeiter, 
deren  Tendenz  zumeist  auf  Erhaltung  der  alten  zugleich  sie 
schützenden  Ordnungen  gerichtet  ist. 

All  dies  trat  unter  Georg  III.  ei-st  recht  deutlich  hervor; 
der  Process  der  Auflösung  der  alten  Ordnungen,  die  man 
fruchtlos  in  falscher  Richtung  zu  stärken  und  verschärfen 
versuchte,  begann  aber  schon  mit  dem  17.  Jahrhundert.  Eine 
irgendwie  bemerkenswerthe  Weiterentwickelung  des  Arbeiter- 
rech ts  fand  seit  dem  Lehrlingsgesetz  der  Elisabeth  über- 
haupt nicht  statt.  Zahlreich  waren  die  Zollgesetze,  deren 
protectionistischer  Charakter  seit  der  Zeit  der  Stuaits  immer 
schärfer  hervortrat;  auf  die  eigentliche  Gewerbe-  und  Arbeiter- 
polizei beziehen  sich  aber  nur  wenige  Gesetze,  wie  z.  B.  das 
wohlthätige  Verbot  des  Tmcksystems  (der  Lohnzahlung  in 
anderen  Waaren  als  Geld).  Das  Gesetz  1.  Anne  stat.  2,  c.  18, 
führt  im  Geiste  der  Elisabeth  als  Motiv  an,  „Unterdrückung 
der  Arbeiter  zu  verhüten".  Andere  unter  die  Gewerbepolizei 
fallende  Gesetze  beförderten  den  Abfluss  müssiger  Arbeits- 
kräfte nach  den  Colonien  (4.  Geo.  L  c.  11  [1717])  oder  in  den« 
Schiffsdienst.  7.  Georg  I.  stat.  1,  c.  13  (1720)  verbietet  Coalitionen 
der  Schneider,  setzt  aber  zugleich  deren  Löhne  und  Arbeits- 
stunden fest.  12.  Georg  I.  c.  34  (1725)  verbietet  Coalitionen 
der  Tuchmacher,  erhöht  aber  zugleich  die  Geldstrafe  für 
Truck.    20.  Georg  IL  c.  19  (1747)  überträgt  die  Entscheidung 


40  Einleitung. 

in  allen  Streitigkeiten  zwischen  Arbeitern  und  Arbeitgebern 
den  Friedensrichtern,  auch  wenn  in  diesem  Jahre  keine 
obrigkeitlicheLohntarifirung  stattgefunden  hat 
22»  Georg  n.  c.  27  (1749)  dehnt  die  Coalitionsverbote  auf  alle 
Arbeiter  aus  —  lauter  Gesetze,  welche  die  Mängel  der  älteren 
Gesetzgebung  nicht  durch  principielle  Refonnen ,  sondern  meist 
nur  durch  fi'uchtlose  Versuche  gi'össerer  Strenge  zu  heben 
suchten. 


Nur  die  wichtigsten  Theile  der  eigentlich  socialen  Gesetz- 
gebung konnten  in  dieser  Einleitung  etwas  eingehender  be- 
sprochen werden.  Wir  sehen,  der  regierende  Grossgrundbesitz 
missbrauchte  seine  Macht,  um  seinen  Besitz  zu  befestigen  und 
auszudehnen,  um  sich  Konizölle  zu  verschaffen,  um  die  über- 
mässig decentralisirte  Verwaltung,  namentlich  auf  dem  Gebiete 
des  Almen-  und  Gewerbewesens,  verknöchern  und  verkommen 
zu  lassen. 

Es  kam  dazu,  dass  die  regierende  Gentry  keineswegs 
bedacht  war,  die  Mittelclassen  politisch  zu  erziehen.  Viel- 
mehr liess  sie  die  Pflichten  des  Dienstes  in  der  Juiy  und 
der  Miliz  einschlummern,  dachte  nicht  an  Reform  der  Muni- 
cipalverfassungen ,  und  herrschte  um  so  unbedingter  auf  poli- 
tischem Gebiete  gegenüber  dem  erwerbenden  BürgerthuÄ. 

In  gloiTeichem  Kampfe  war  es  der  englischen  Nation  ge- 
lungen, den  Absolitismus  fern  zu  halten.  Die  aristokratische, 
wenngleich  freie  Verfassung,  die  seit  der  Entsetzung  der 
Stuarts  unbedingt  zu  Recht  bestand,  litt  aber  an  dem  Gebre- 
chen, dass  der  Egoismus  einer  der  herrschenden  Classen  sich 
in  wachsendem  Maasse  Geltung  verschaffte. 

Dennoch  hat  diese  regierende  Gentry  eben  noch  unter 
^Georg  ni.  die  grössten  politischen  Thaten  vollbracht.  Wir 
erlebten  noch  in  der  2.  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  die 
grossartigste  Entfaltung  parlamentarischer  Intelligenz,  die  ge- 
waltigste Action  nach  Aussen.  Die  öffentlichen  Zustände 
litten  an  grossen  Gebrechen  —  indessen  ein  erleuchteter 
Staatsmann,  ein  energischer  König  hätte  bei  dem  unerschöpf- 


VorbUck.  41 

liehen  Fond  politischer  Tüchtigkeit  in  der  Gentry  und  gesetz- 
licher Freiheitsliebe  im  ganzen  Volke  durch  eine  Reformgesetz- 
gebung  von  ähnlicher  Kraft  wie  die  der  Elisabeth  war,  ohne 
durchgreifende  Umwälzungen  alle  gerechtfeitigten  Wünsche 
befriedigen  können,  denn  nirgends  war  uneiträglicher  Dinick, 
nirgends  waren  unheilbare  Missstände. 

In  der  That  hat  auch  England  weder  am  Ende  des 
vorigen  Jahrhunderts,  noch  1830  oder  1848  eine  Revolution 
erlebt;  aber  es  haben  sich  seit  Mitte  des  vorigen  Jahrhun. 
derts  erst  in  kleinen  Anfängen,  dann  immer  gewaltiger  Massen- 
bewegungen und  Agitationen  kämpfender  Parteien  und  Stände 
entwickelt,  die  allmälig  die  socialen  und  politischen  Zustände 
des  Landes  völlig  umgestalteten.  Es  kam  keine  Revolution; 
es  genügte  aber  auch  nicht  die  eigene  und  freie  Einsicht  der 
herrschenden  Klassen  und  das  aufgekläi-te  Anknüpfen  an  die 
alten  Traditionen. 

Diese  langsam  und  gesetzlich  vollzogenen,  aber  doch  ge- 
waltigen Umwälzungen  haben  ihren  Gnind  nur  sehr  theilweise 
in  der  Verknöchening  der  alten  politischen  und  socialen  In- 
stitutionen. Die  hauptsächlich  treibenden  Mächte  waren  das 
Eindringen  demokratischer  Ideen  und  die  Entwickelung  der 
Grossindustrie. 

Eine  geistige  Bewegung,  die  sich  zu  den  Traditionen  der 
Nation  in  Widersprach  setzte  und  eine  materielle  Entwicke- 
lung, die  mit  unwiderstehlicher  Kraft  alle  Verhältnisse  umge- 
staltete, so  dass  sie  von  Vielen  selbst  als  eine  Revolution  be- 
zeichnet wird  —  sie  waren  es,  die  den  Charakter  des  neuen 
Englands  bestimmten. 


Erstes  Buch. 


Sociale  und  politische  Literatur 

von   1776  bis  1832. 


Vorbemerkung 
über  den  Ursprang  der  neuen  politischen  Ideen. 

Am  Schluss  des  vorigen  Abschnitts  sprach  ich  von  dem 
Eindringen  demokratischer  Ideen.  Allerdings  handelte  es  sich 
der  Wirkung  nach  vorzugsweise  um  eine  Uebertragung  der 
politischen  HeiTschaft  „von  den  Wenigen  auf  Viele".  Aber 
dies  war  doch  nur  die  Folge  einer  tieferen  principiellen  Um- 
wälzung aller  Anschauungen  über  Natur,  Ui-sache  und  Zweck 
des  menschlichen  Zusammenlebens  —  einer  Umwälzung,  die 
noch  zu  keinem  Punkte  des  Abschlusses  gekommen  ist,  ja  ver- 
möge ihres  vorwiegend  negativen,  kritischen  Charakters  auch 
zu  keinem  Abschluss  kommen  kann,  wenn  sie  rein  bei  ihren 
Ausgangspunkten  bleibt. 

Um  es  mit  einem  Wort  zu  sagen:  es  handelt  sich  um 
die  Auflehnung  des  Individuums  gegen  die  traditionellen  Ord- 
nungen. Das  menschliche  Individuum  verlangt  und  bethätigt 
das  Recht  über  alle  Fragen  des  inneren  und  äusseren  Lebens 
frei  und  voraussetzungslos  zu  denken,  zu  forschen,  zu  piHfen. 
Es  beugt  sich  dabei  keiner  Autorität  irgend  einer  äusseren 
Macht  oder  einer  unantastbaren  Idee.  Es  erkennt  nur  die 
Thatsachen  an,  die  es  selbst  sieht  und  beobachtet  und  erklärt 
daraus  das ,  was  ist.  Und  wenn  es  nach  Einrichtungen  fragt, 
die  getroffen  werden  sollen,  so  fragt  es  nur,  ob  diese  den  In- 
teressen  und  natürlichen  Zwecken  seiner  selbst  dienlich  sind. 

Die  Idee  der  „freien  Persönlichkeit"  ist  den  gennanischen 
und  romanischen  Völkern  angeboren.    Aber  sie  war  verbunden 


46  Erstes  Bach,  Yorbemerkiuig. 

mit  dem  Triebe,  sich  idealen  Zielen  opferfreudig  hinzugeben 
und  mit  der  Neigung,  sich  mit  Genossen  in  unauflöslicher 
Treue  zu  verbinden.  Das  mittelalterliche  Ghristenthum  und 
der  Goi'porationsgeist  des  Feudalismus  legten  dem  Freiheits- 
tiiebe  der  Individuen  immer  engere  Schranken  auf,  bis  dieser 
in  der  Renaissance  wieder  erwachte^)  und  in  beständigen 
Kämpfen  seine  Kraft  steigernd,  zuletzt  in  den  Excessen  der 
gi'ossen  französischen  Revolution  der  Welt  das  Gefährliche, 
ja  Unmögliche  seiner  einseitigen  Herrschaft  bewies. 

Die  Lostrennung  der  Niederlande  von  Spanien,  die  mit 
1688  abschliessende  englische  Revolution,  die  Gonstituirung 
der  Republik  in  Nordamerika  und  die  französische  Revolution 
sind  die  vier  grossen  Etappen,  in  denen  der  kämpfende  Frei- 
heitstrieb seinen  Siegeslauf  durch  die  Gultui-welt  vollzog.  Jede 
dieser  geschichtlichen  Umwälzungen  rief  eine  reinere,  extre- 
mere Ausbildung  der  individualistischen  Anschauungen  hervor. 
In  jeder  ihrer  Entwicklungsphasen  hatte  sie  den  Kampf  mit 
den  Vertretern  der  alten  Autoritätslehren  zu  bestehen;  aber 
erst  spät  nach  der  grossen  französischen  Revolution  begann 
man,  das  dauernd  Berechtigte  in  diesen  Anschauungen  von 
dem  unberechtigten  Einseitigen  zu  sondern,  sie  durch  die 
organische  Staatslehre  zu  reinigen  und  zu  reformiren,  statt 
ihnen  abgelebte  Theorien  fruchtlos  gegenüberzustellen. 

Es  ist  bekannt,  welche  mächtige  Stütze  diese  aufstrebende 
Geistesrichtung  in  den  aufblühenden  Naturwissenschaften  fand, 
welche  dem  voraussetzungslosen  Forschen  die  Krone  des  Er- 
folges verliehen  und  die  Gewohnheit,  bei  allem  Denken  ledig- 
lich von  Erfahrung  und  Beobachtung  auszugehen,  mächtig 
verbreitete.')  Ebenso  bekannt  ist,  dass  in  dieser  ganzen 
Bewegung  der  Kampf  gegen  herrschende  kirchliche  Dogmen, 
schliesslich  der  Kampf  gegen  das  Ghristenthum  und  die  Gottes- 
idee selbst  der  principiell  wichtigste  Theil  alles  Kampfes  war 
und  sein  musste. 

Die  modernen  Ideen,  die  wir  kurz  als  Individualismus 


^)  Burckhard,  Caltur  der  Renaissance.    2.  Auflage.    Leipzig  1869. 
4.  Abschnitt:  Die  Entdeckung  der  Welt  und  des  Menschen. 

')  Siehe  Hettner,  Literaturgeschichte  des  18.  Jahrhunderts.    Bd.  I. 


Die  neaen  politischen  Ideen.  47 

bezeichnen  wollen,  wurden  zuerst  in  England  zu  einer  grossen 
Literatur  ausgebildet,  die  in  Locke  ihren  Höhepunkt  hatte. 
Von  da  kamen  sie  nach  Frankreich  herüber,  wo  sie  reiner, 
extremer,  systematischer,  allseitiger  ausgebildet  wurden,  bis 
BouBseau  nicht  ihr  originellster,  aber  ihr  wirksamster  und  wohl 
charakteristischer  Prophet  wurde.  Sie  hatten  inzwischen  in 
England  nicht  geschlummert,  erfuhren  dort  aber,  wenigstens 
in  politischer  Hinsicht,  eine  principiell  wichtige  Weiterbildung 
erst  wieder,  nachdem  der  Geist  der  französischen  Literatur, 
b^ttnstigt  durch  die  Ereignisse  von  1776  und  1789,  auf  Eng- 
land stark  gewirkt  hatte.  Der  charakteristischste  Vertreter 
dieser  neuesten  Entwickelungsphase  des  Individualismus  in 
England  ist  und  bleibt  Jeremias  Bentham. 

So  einflussreich  indessen  die  französischen  Vorbilder  auch 
waren,  immer  blieb  die  englische  Literatur  bis  zu  einem  hohen 
Maasse  eigenthümlich.  Es  wirkte  und  wirkt  bis  zum  heutigen 
Tage  in  England  die  Eigenthümlichkeit  des  Nationalcharak- 
ters, derzufolge  der  Engländer  der  consequenten  Entwicklung 
einer  abstracten  Theorie  von  Natur  abgeneigt  ist  und  seine 
Kraft  lieber  auf  einzelne  praktische  Ziele  concentrirt.  Es 
blieb,  bei  dem  Mangel  irgend  eines  unerträglichen  Drucks  der 
äussereren  Verhältnisse,  eine  auch  in  der  Literatur  sich  spie- 
gelnde starke  Tendenz  trotz  aller  platonischer  Anerkennung 
extremer  Doctrinen  mit  dem  Gefühl  und  mit  der  That  an 
einem  guten  Theil  lalter  Institutionen  festzuhalten.  Deshalb 
spielt  zu  allen  Zeiten  in  der  englischen  Literatur  die  Frage, 
I  ob  eine  einzelne  Reform  den  Interessen  der  Individuen  förder- 
lich sei,  eine  tonangebende  Rolle,  während  der  Drang,  aus 
eii^em  allgemeinen  Princip  unbedenklich  die  vollen  Gonsequen- 
zen  zu  ziehen,  praktisch  schwach  bleibt.  Die  Absicht,  die 
ganze  englische  Verfassung  umzustürzen  und  durch  eine  Re- 
publik zu  ersetzen,  trat  zwar  auf,  blieb  aber  gegenüber  dem 
Willen,  die  Verfassung  auf  friedlichem  Wege  in  wichtigen 
Punkten  zu  reformiren,  ohne  praktische  Macht 

Besonders  aber  bleibt  der  englische  Individualismus  eigen- 
thümlich in  Bezug  auf  seine  Stellung  zu  Kirche  und  Religion. 
Hier   ist  noch   heute   der  englische   Geist  factisch  auf  dem 


48  Erstes  Bach,  Yorbemerkuog. 

Standpunkt  Locke's  stehen  geblieben  —  das  »äcrasez  Tinfame« 
hat  in  England  nur  sehr  vereinzelt  ein  Echo  gefunden. 

Gewiss  hat  auch  England  seine  Deisten,  Atheisten  und 
Materialisten  und  die  englischen  Deisten  sind  von  besonderem 
Einfluss  auf  die  Entwickelung  der  gesammten  Aufklärungs- 
literatur in  Emopa  gewesen.  Aber  für  England  selbst  sind 
practisch  die  protestanischen  Bissen tei*s  vom  grössten  Einfluss 
geblieben.  Aus  ihren  Reihen  gingen  die  begeistertsten  und 
wirksamsten  Vertreter  der  individuellen  Freiheit  auf  religiösem 
und  politischem  Gebiet  hervor.  Sie  blieben  aber  auf  dem 
Boden  des  Christenthums  und  bewahrten  ein  gutes  Theil  der 
alten  sittlichen  Strenge  der  Puritaner.  So  hatte  ihr  Freiheits- 
dui*st  eine  starke  praktische  Schranke,  der  sie  vor  der  Leiden- 
schaft nach  Auflösung  und  Zerstöining  um  jeden  Preis  be- 
wahrte. Bentham  selbst  war  freilich  kein  Dissenter.  Aber 
dem  starken  religiösen  Gefühl  der  Massen  gegenüber ,  das  ja 
auch  in  den  socialen  Kämpfen  nach  der  Keformbill  noch  deutr 
lieh  wirksam  hervortrat,  verstieg  auch  er  sich  nicht  zum  An- 
griff auf  die  Religion  an  sich,  sondern  er  steigerte  nur  die 
Toleranz  zum  Indifferentismus  und  behandelte  politische  und 
sociale  Fragen  ohne  Rücksicht  auf  Religion. 

Abneigung  gegen  extreme,  abstracto  Doctrinen,  Festhalten 
an  gewissen  national-englischen  Traditionen,  fortgesetzte  Ehr- 
furcht vor  den  Grundlagen  des  Christenthums,  das  waren  die 
oft  mehr  gefühlten  als  durchdachten  Gesichtspunkte,  welche 
den  Individualismus  in  England  praktisch  an  jenen  Excessen 
verhinderten,  zu  denen  er  in  Frankreich  gelangte.  Es  war 
dies  ein  gi-osses  Glück  für  England,  insofern,  als  dadurch 
trotz  aller  Umwälzung  der  Ideen  und  trotz  aller  Kämpfe  der 
Parteien  eine  organische  Weiterentwickelung  und  Fortbildung 
der  innem,  namentlich  der  socialen  Gesetzgebung  möglich 
wurde.  Andererseits  entstand  daraus  der  Nachtheil,  dass  die 
schablonenhaften  Theorien  des  politischen  Individualismus  sich 
wegen  ihrer  praktischen  Ungefährlichkeit  um  so  ruhiger  und 
unangefochtener  festsetzten  und  der  an  sich  einseitigen,  nur 
durch  praktische  Kräfte  und  Volksinstincte  im  Zaume  gehal- 
tenen politischen  Theorie    keine  andere  bessere  productive 


Die  neuen  politischen  Ideen.  49 

Theorie  gegenübertrat.  Während  die  Gesellschaft  vor  zer- 
störenden Erschütterungen  bewahrt  blieb,  ging  dem  Volke 
die  wahre  Staatsidee  um  so  sicherer  verloren. 

Man  kann  sagen,  dass  England  noch  heute  den  grössten 
Gewinn  und  zugleich  einen  unverkennbaren  Schaden  davon 
hat,  dass  die  glorreiche  Revolution  nur  beschränkte  Zwecke 
anstrebte  und  erreichte,  zu  diesen  nothwendigen  Zwecken 
aber  doch  die  Ideen  des  Individualismus  einfach  benutzte, 
l^och  heute  stehen  ein  verständiger  praktischer  Conservatis- 
mus  und  eine  flache,  einseitige  Staatsauffassung  unvermittelt 
nebeneinander. 

Die  Reformation  unter  Heinrich  VUI.  war  ja  zunächst 
nur  ein  politischer  Act  gewesen.  Nachher  erst  drangen  calvi- 
nistische  Ideen  ein,  und  es  entwickelte  sich  das  Puritanerthum, 
das  in  seinem  starken  Individualismus  eine  natürliche  Oppo- 
sition gegen  weltliche  und  geistliche  Obrigkeit  machte.  Die 
Zurücksetzung,  welche  diese  religiöse  Partei  unter  Elisabeth 
erfuhr,  drängte  sie  weiter  in  der  Opposition  —  dennoch  blieben 
sie,  da  sie  in  England  immer  besser  behandelt  wurden,  als 
auf  dem  Continent,  und  auch  •  in  Folge  ihres  leidenschaftlichen 
Antipapismus,  treue  Engländer.  Die  extremste  politische 
Partei  war  zugleich  die  extremste  religiöse  Richtung  —  sie 
war  noch  voll  von  religiösem  Glauben.  Nicht  das  individuelle 
Gewissen  allein,  sondeni  die  Bibel  zugleich  waren  die  Gnmd- 
lagen  all  ihres  Wollens.  Berief  sich  —  unter  der  Herrschaft 
der  Stuarts  —  der  Vertreter  des  Absolutismus  Filmer  auf 
Gott  und  die  Bibel,  so  thaten  Milton  und  seine  Anhänger  das 
Gleiche  und  so  hatten  alle  Engländer  noch  einen  gemeinsamen 
Boden,  auf  dem  sie  standen. 

Während  des  nun  folgenden  Bürgerkrieges  und  als  auf 
kurze  Zeit  die  Cromweirsche  Republik  gegründet  wurde,  ver- 
stieg sich  der  Individualismus  der  Puritaner  allerdings  zum 
Tyrannenhass  und  zur  Abschaffung  des  Eönigthums  ^).    Allein 


^)  Macaulay,  Geschichte  Englands  1.  Cap.:  „Ihrem  (der  Puritaner) 
Haas  gegen  die  Kirche  ward  Hass  gegen  die  Krone  ziigefögt;  beide  Ge- 
fühle vermischten  sich  und  machten  sich  gegenseitig  immer  bitterer.    Die 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  4 


50  Bntes  Bach,  Yorbemerkang. 

auch  damals  bändigte  die  strenge  Zucht  der  Puritaner  ihre 
Begierde  nach  Zerstöi-ung  verhasster  Institutionen  und  als 
sie  zur  Herrschaft  gekommen  waren,  mässigte  sich  ihre  Leiden* 
Schaft  Die  siegende  Revolution  wurde  i*egierungsfähig,  sie 
vernichtete  durch  den  Sieg  ihre  eigene  Macht,  nicht  aber  die 
Ordnung  und  Blüte  des  nationalen  Gemeinwesens.  Der  weise 
Protector  selbst  suchte  mit  aller  Macht  an  die  Vergangenheit 
anzuknüpfen  und  bald  kehlte  das  Volk  begeistert  zur  legiti- 
men Monarchie  zurück. 

Die  bald  folgende  zweite,  die  „glorreiche  Revolution''  von 
1688  wai-  keine  Volkserhebung,  sondern  eine  vom  Parlament 
vollzogene  nothgedrungene  Aenderung  der  gesetzlichen  Thron- 
folge und  eine  Wiederherstellung  der  alten  constitutionellen 
Grundsätze  durch  die  Majorität  der  herrschenden  Classe.  Die 
„Declaration  of  rights""  bestätigte  die  beschränkte  Monarchie 
wie  sie  dem  Wesen  nach  seit  der  Magna  Charta  bestand. 

Der  Geist  der  Puritaner  lebte  nach  der  Wiederherstellung 
der  Monarchie  unter  den  Dissenters  fort.  Aber  nicht  nur  die 
Befriedigung,  welche  die  theil weise  Anerkennung  ihrer  Prin- 
cipien  im  Jahre  1688  gewährte,  bewirkte  bei  ihnen  eine  ge- 
wisse Mässigung,  sondern  vor  allem  der  Umstand,  dass  sie 
den  christlichen  Boden  nicht  verliessen. 

Das  Jahr  1688  brachte  die  Whigs  zur  Hen-schafl.  Auch 
der  jetzt  immer  mehr  verschwimmende  Gegensatz  zwischen 


Ansichten  der  Puritaner  über  das  Yerhältniss  des  Regenten  zum  Unter- 
thanen  waren  sehr  verschieden  von  denjenigen,  welchß  die  Homilien  ein-  ^ 
pr&gten;  ihre  Lieblingsgeistlichen  hatten  durch  Wort  und  Beispiel  zmn 
Widerstände  gegen  Tyrannen  und  Verfolger  ermulhigt  Ihre  calvinisti- 
schen  Brüder  in  Frankreich,  Holland  und  Schottland  standen  gegen  ab- 
göttische und  grausame  Fürsten  unter  Waffen.  Ihre  Begriffe  über  Staats- 
regierung hatten  eine  Färbung  von  ihren  Begriffen  über  Eirchenregimenl 
angenommen.  Manche  bittere  Reden,  welche  das  Volk  gegen  die  bischöÜ» 
liehe  Verfassung  schleuderte,  konnten  ohne  viele  Schwierigkeit  gegen  das 
Königthum  gewandt  werden  und  viele  Gründe,  deren  man  sich  bediente 
um  nachzuweisen,  dass  die  geistliche  Macht  am  besten  in  einer  Synode 
residire,  schien  zu  dem  Schlüsse  zu  führen,  dass  die  weltliche  Gewalt  am 
besten  in  einem  Parlament  ihren  Sitz  aufschlage. 


Die  neaen  politUchen  Ideen.  51 

Whigs  und  Tones  war  ursprünglich  ein  zugleich  kirchlicher 
und  politischer  und  behielt  diese  zwiefache  Natur  immer.  ^) 

Die  Neubegründer  des  englischen  Verfassungsstaates  von 
1688  schufen  in  der  wiederhergestellten  respective  reformirten 
Verfassung  gleichzeitig  die  Basis  alles  organischen  Fortschritts 
and  einer  foi-Uebenden  aufgeklärt-conservativen  Gesinnung. 

Sie  beriefen  sich  auf  die  Theorie  von  Staatsvertrag  %  zu- 
gleich aber  auf  die  historischen  Rechte  und  waren  durchaus 
principiell  von  den  ein  Recht  auf  beständig  zu  erneuernde 
Revolution  begehrenden  Ideen  der  Volkssouveränetät  entfernt  — 
wie  das  später  Burke  glänzend  nachgewiesen  hat 

Unklar  über  die  logischen  Gonsequenzen  der  Staatsvertrags- 
ideen, aber  principiell  abgeneigt  solche  überhaupt  zu  ziehen, 
zahlten  sie  durch  die  Beinifung  auf  den  Staatsvertrag  dem 
individualistischen  Zeitgeist  ihren  Tribut,  ohne  diesen  zur 
vollen  Herrschaft  zu  bringen. 

Der  moDarchische  Absolutismus,  der  auf  dem  Gontinent 
dauernd,  in  England  vorübergehend  und  unvollkommen  unter 
den  Stuarts  zur  Herrschaft  gelangte,  hat  selbst  das  seinige 
zur  Ausbreitung  des  Individualismus  beigetragen,  indem  er 
die  Tendenz  hatte,  das  ständisch  gegliederte  Volk  in  ein 
Aggregat  gleichartiger,  d.  h.  zunächst  gleich vei-pflichteter 
Unterthanen  aufzulösen.  Einer  der  ältesten  und  bedeutendsten 
Vertreter  der  Vertragstheorie,  Hobbes,  hat  diese  auch  im 
Interesse  des  Absolutismus  verwerthet,  nachdem  vorher  die 
Jesuiten  sie  zuerst  benutzt  hatten,  den  Staat  als  Mensehen- 
werk  unter  die  Autorität  der  auf  göttlicher  Einsetzung  be- 
ruhenden Kirche  zu  stellen.    Allein  die  natürliche  Consequenz 

>)  C.  y.  No Orden,  Europäische  Geschichte  des  18.  Jahrhunderts 
1870.  1.  Bd.,  S.  56  ff.  Nach  Noorden  hat  Delbrück,  ohne  sich  auf 
Noorden  zu  berufen,  den  Gedanken  in  den  Preussischen  Jahrbüchern  1876 
weiter  ausgeführt. 

*)  Am  28.  Januar  1689  erklärten  die  Gemeinen  ,,König  Jacob  hat  — 
indem  er  den  ursprünglichen  Vertrag  zwischen  König  und  Volk  brach  — 
Abgedankt"  und  auch  das  Oberhaus  entschied,  es  gebe  einen  ursprünglichen 
Vertrag  zwischen  König  uud  Volk  (s.  Da  hl  mann,  Geschichte  der 
englischen  Revolution.  2.  Auflage,  S.  384  u.  385)  -  aber  man  verlangte 
kein  „Wahlrecht  für  immer"  und  berief  sich  für  jetzt  auf  Nothwehr. 

4* 


5^  Erstes  Bnch,  Yorbemerkang. 

der  von  einem  urspi-ünglich  staatslosen  und  ganz  ungebun- 
denen Individuum  ausgehenden  Vei-tragstheorie  ist  die  Idee  der 
Volkssouveränetät  und  natunechtlichen  MajoritÄtsherrschaft. 
Und  so  sehen  wir  denn  Locke,  in  dessen  Schriften  sich  der 
Geist  von  1688  am  vollkommensten  wiederepiegelt,  die  Ver- 
tragstheorie zur  Rechtfertigung  der  Einsetzung  Wilhelm's  ni. 
und  zur  Rechtfertigung  der  liberalen  Elemente  der  englischen 
Verfassung  benutzen.  Sie  diente  nunmehr  vorhergehend  der 
Tendenz,  Rechte  des  Volks  gegenüber  der  jeweiligen  Regierung 
zu  vertreten.  Und  wenn  Locke  factisch  das  Recht  des  Wider- 
standes auf  den  Fall  von  1688  beschränkte  und  die  Theorie 
nur  soweit  benutzte,  als  sie  diesen  Fall  motivirte,  so  war  dies 
im  Grunde  ebensowenig  logisch  consequent,  als  wenn  er  von 
dem  Grundsatz  der  Toleranz  die  beiden  Ausnahmen  zu  Un- 
gunsten der  Atheisten  und  Katholiken  machte. 

Lassen  wir  die  religiöse  Seite  der  individualistischen 
Weltanschauung,  die  in  England  zumeist  als  eine  praktische 
Schranke  wirkte,  zunächst  ausser  Betracht,  so  concentrirt  sich 
in  politischer  und  socialer  Hinsicht  der  schon  von  Locke, 
wenngleich  etwas  inconsequent '  ausgebildete  Individualismus 
dahin,  dass  man  den  Staat  und  jede  sociale  Ordnung  im  Staat 
als  das  Pi-oduct  des  vereinigten  Willens  urspi-ünglich  souveräner 
Individuen  und  als  eine  von  den  Individuen  in  ihrem  Interesse 
geschaffene  Einrichtung  betrachtet. 

Im  Treatise  of  Civil  Government  geht  Locke  von  einem 
„Naturzustand  mit  vollkommener  Freiheit  innerhalb  der  Grenzen 
der  Gesetze  der  Natur  und  mit  einem  Zustand  der  Gleichheit" 
aus,  wobei  die  Gesetze  der  Natur  offenbar  wegen  der  Will- 
kürlichkeit ihrer  Fassung  in-elevant  sind.  Da  zwar  auch  der 
Ausdruck  „Gesetz  Gottes  und  der  Natur"  vorkommt  und  die 
Menschen  als  „Eigenthum  Gottes"  bezeichnet  werden,  der 
Begriff  „Gesetz  der  Natur"  aber  ausdrücklich  mit  „reason" 
identificirt  wird,  so  ist  klar,  dass  der  Freiheit  des  individuellen 
WoUens  und  Denkens  eine  principielle  Schranke  von  An- 
fang an  nicht  gesteckt  wird.  Es  stimmt  vollständig  mit  der 
Annahme  der  ui-sprünglichen  Souveränetät  des  Individuums, 
wenn  an  vielen  Stellen  die  Erhaltung  und  der  Schutz  des 


Die  neaen  politischen  Ideen.  53 

(individaellen)  Eigenthums  als  Zweck  des  Staates  hinge- 
etellty  wenn  behauptet  wird,  Jedermann  werde  Mitglied  des 
Staates  durch  „his  own  consent'^;  ebenso  wenn  Locke  der 
Gewalt  der  Legislative  naturrechtliche  Grenzen  steckt,  diese 
als  „fiduciary  power"  bezeichnet,  der  gegenüber  das  Volk  eine 
souveräne  (supreme)  Macht  behält,  die  Legislative  zu  entfernen 
oder  zu  ändera;  wenn  er  endlich  die  Mitglieder  der  L^slative, 
welche  ihre  Pflicht  (das  Eigenthum  zu  schützen)  verletzen, 
selbst  Rebellen  nennt. 

Kurz,  wenn  man  einmal  davon  ausgeht,  dass  ursprünglich 
die  Lidividuen  fi-ei  und  souverän  waren,  und  den  Staat  und 
die  Begierungsgewalt  durch  Uebereinstimmung  vieler  individu- 
eller Souveräne  eingesetzt  haben,  so  ist  der  Consequenz  nicht 
zu  entgehen,  dass  die  Summe  der  Individuen  nach  wie  vor 
der  eigentliche  Souverän  bleibt  und  die  Verfassung  durch  das 
Belieben  dieser  Summe,  d.  h.  praktisch  ihrer  Majorität  jeder- 
zeit geändert  werden  kann.  Dieser  Consequenz  ist  nur  zu 
entgehen,  wenn  man  den  Naturzustand  und  Vertrag  ganz  ver- 
wirft und  den  Menschen  als  solchen  für  natumothwendig  staat- 
lich und  durch  den  Staat  gebunden  erklärt,  so  dass  die 
Anfänge  des  einzelnen  Menschen  und  der  staatlichen  Ord- 
nung zusammenfallen. 

Statt  dessen  behauptet  Locke  nur,  das  aus  der  Volks- 
souveränetät  abgeleitete  Revolutionsrecht  sei  praktisch  un- 
gefährlich. Er  entwirft  die  gezwungene  und  offenbar  unhalt- 
bare Theorie,  der  einmal  durch  Vertrag  begründete  Staat 
würde  durch  stillschweigende  Unterwerfung  derjenigen,  die 
im  Staate  volljährig  werden,  foi-tgesetzt ,  indem  sie  ihren 
Besitz  unter  dem  bestehenden  Gesetz  antreten. 
Wie  aber,  wenn  die  jetzt  Volljährigen  auf  ihren  Besitz  ver- 
zichten und  mit  der  Neubegiilndung  des  Staates  eine  Neu- 
ordnung der  Besitzverhältnisse  verbinden  wollen? 

Dem  Staat  unterwirft  man  sich ,  sagt  Locke ,  wegen  der 
dadurch  geschaffenen  Sicherheit.  Daher  darf  der  Staat  nur 
nach  dem  allein  Sicherheit  gewährenden  Gesetz  für  „Friede, 
Sicherheit  und  öffentliches  Wohl  des  Volks"  regieren.  Die 
Regierung   wird   rebellisch,    wenn    sie   diese    Grenze    über- 


54  Erstes  Bach,  Vorbemerkung. 

schreitet  —  und  dann  ist  offenbar  der  Nothfall  erlaubter 
Revolution  gegeben;  dagegen  wären  die  Unterthanen  im  Un- 
recht, wollten  sie  sich  gewaltsam  gegen  eine  diese  Grenzen 
einhaltende  Staatsgewalt  auflehnen  —  wovon  sie  schon  ihr 
Interesse  abhalten  wird;  also  ist  die  Lehre  von  der  Volks- 
souveränetät  ungefährlich. 

Am  Schluss  der  citirten  Schrift  fasst  dies  Locke  noch  ein- 
mal zusammen:  „Die  Gewalt,  die  jedes  Individuum  der  Gesell- 
schaft bei  seinem  Eintritt  in  dieselbe  übertragen  hat,  kann 
nie  zu  den  Individuen  zurückkehren,  sondern  bleibt,  solange 
die  Gesellschaft  besteht,  immer  bei  der  Gesammtheit,  weil 
ausserdem  keine  Gesammtheit  (community),  kein  Gemein- 
wesen bestehen  kann,  was  ein  Widerspruch  gegen  den  ur- 
sprünglichen Vertrag  wäre:  Wenn  also  die  Gesellschaft  die 
gesetzgebende  Gewalt  einer  Versammlung  von  Menschen  über- 
tragen hat,  so  dass  sie  bei  dieser  und  ihren  Nachfolgern 
bleiben  soll,  und  wenn  sie  Maassregeln  und  Autorität  zur  Be- 
schaffung solcher  Nachfolger  verliehen  hat  —  so  kann  die 
gesetzgebende  Gewalt ,  so  lange  diese  Regierung  besteht,  nie 
zum  Volke  zuiilckkehren.  Denn  indem  die  Menschen  eine 
gesetzgebende  Gewalt,  mit  der  Macht  für  ewig  fortzubestehen, 
eingefühlt  haben,  haben  sie  ihre  politische  Macht  auf  die 
gesetzgebende  Gewalt  übertragen  und  können  sie  nicht  wieder 
nehmen.  Wenn  sie  aber  der  Dauer  der  gesetzgebenden  Ge- 
walt Grenzen  gesetzt  und  irgend  einer  Person  oder  Vereamm- 
lung  nur  zeitweise  die  höchste  Gewalt  gegeben  haben, 
oder  wenn  diese  Gewalt  durch  Missbrauch  der  Hen*schenden 
vei-wirkt  wird ;  —  dann  kehrt  nach  der  Verwirkung  oder  nach 
dem  Ablauf  der  Zeit  die  Gewalt  zu  der  Gesellschaft  zurück 
und  das  Volk  hat  das  Recht  als  höchste  Gewalt  zu  handeln, 
selbst  die  Gesetzgebung  fortzusetzen,  diese  in  neuer  Form 
zu  errichten  oder  sie  unter  der  alten  Form  nach  Gutdünken 
in  neue  Hände  zu  legen. 

Man  sieht.  Locke  will  praktisch  die  ungestörte 
Herrschaft  des  Gesetzes,  er  will  diese  schützen  gegen 
Willkür  von  Oben  und  gegen  rohe  Gewalt  von  Unten.  Ihm 
schwebt  das  wahre  Ideal  des  Rechtstaats  vor,  nicht  des  Staats, 


Die  Deaen  politischen  Ideen.  55 

der  nur  die  Privatrechte  der  Individuen  schützt,  sondern  der 
Staat,  dessen  geheiligtes  Recht  die  störende  Willkür  aller 
Individuen  dauernd  bindet,  ohne  ihre  Kräfte  in  Fesseln  zu 
schlagen.  Er  hat  ja  auch  praktisch  recht,  dass  eine  Revo- 
lution von  Unten  unveimeidlich  und  daher  moralisch  ent- 
schuldigt ist,  wenn  die  Hen*schenden  das  Recht  gi*öblich  verletzt, 
d.  h.  Revolution  von  Oben  gemacht  haben.  Nur  ist  dann  von 
Recht  überhaupt  nicht  mehr  die  Rede,  sondern  von  einer 
nothwendigen  That  zur  Neubegi'ündung  der  Rechtsordnung, 
nachdem  die  alte  bereits  vernichtet  ist.  Die  Behauptung  von 
einem  'Wiederaufleben  der  ursprünglichen  Volkssouveränetät 
nach  vollzogenem  Rechtsbruch  der  HeiTschenden  lebte  ja  1688 
auch  unter  den  handelnden  Whigs,  ihre  That  selbst  aber  war 
noch  weniger  revolutionär  als  selbst  die  Theorie  Locke's  — 
denn  nicht  das  souveräne  Volk,  sondei-n  das  legitime  Parla- 
ment vollzog  die  nothwendige  Umwälzung. 

Kurz,  was  Locke  und  seine  Zeit  wollte,  war  durchaus 
berechtigt,  weil  nothwendig.  Die  Mässigung  dieses  Wollens 
war  praktische  Weisheit.  Aber  es  war  ein  theoretischer  Irr- 
thum,  dass  man  sich  dabei  auf  die  Principien  des  extremen 
Individualismus  berief,  und  diesen  durch  theoretisch  inconse- 
qnente  Lehren  massigen  wollte.  Man  musste  sagen:  der 
Mensch  ist  ohne  staatliche  Ordnung  undenkbar,  die  Erhaltung 
und  die  organische  Weiterentwickelung  des  Staats  ist  so  noth- 
wendig, wie  die  Erhaltung  des  Lebens  und  der  Gesundheit 
jedes  Einzelnen.  Im  Leben  des  Einzelnen  kommen  Krank- 
heiten und  Krisen  vor  —  diese  muss  man  verhüten  und  im 
Nothfalle  so  rasch  wie  möglich  heilen.  Ebenso  kommen  auch 
im  Staatsleben  gewaltthätige  Erschütterungen  durch  die  Un- 
vollkommenheit  aller  menschhchen  Dinge  vor;  aber  diesen 
muss  man  vorbeugen  und,  wenn  sie  doch  unveimeidlich  wer- 
den, so  muss  man  möglichst  rasch  den  alten  normalen  ge- 
sunden Zustand,  d.  h.  das  Gesetz,  wieder  heimstellen  und  dann 
weiter  entwickeln.  Statt  dessen  berief  man  sich  auf  die  natür- 
liche und  ui*sprüngliche  Souveränetät  des  Volks,  d.  h.  aller 
Individuen,  und  man  wollte  die  Gefährlichkeit  dieser  Fiction 
durch   die   andere  Fiction  abstumpfen,    dass  das  Volk   sich 


56  Erstes  Bach,  Vorbemerkung. 

dieses  Rechts  ein  für  alle  Mal  b^eben  habe.  Die  erste  Fiction 
ist  der  Ausfluss  eines  gesteigeiten  Freiheitsdranges,  die  zweite 
ein  Ausdruck  f&r  einen  noch  gleichzeitig  vorhandenen  ängst- 
lichen Ordnungssinn.  Aber  es  sind  zwei  Fictionen  und  noch 
obendrein  zwei  sich  einander  widersprechende  Fictionen,  von 
denen  die  erstere  deshalb  den  stärkeren  und  einen  wachsen- 
den Glauben  fand,  weil  sie  mit  der  allgemeinen  Bewegung  der 
Geister  harmonirte  und  für  sich  allein  ausserordentlich  einfache 
und  dem  erwachten  Selbständigkeitstrieb  schmeichelhafte 
Consequenzen  ergab. 

Es  ist  hauptsächlich  das  Werk  der  Franzosen  und  ins- 
besondere Rousseau's,  dass  sie  die  zweite  Fiction  strichen,  die 
Unveräusserlichkeit  der  individuellen  Freiheit  und  damit  ein 
Recht  auf  ewig  erneuerte  Revolution  behaupteten.  Diesen 
kOhnen  aber  doch  nur  consequenten  Schritt  über  Locke  hin- 
aus hat  der  englische  Volksgeist  nicht  vollständig  mitgemacht, 
wenigstens  hat  die  einfache  Theorie  Rousseau's  nie  die  Majorität 
englischer  Denker  und  nie  praktisch  die  Massen  ergriffen. 
Es  blieben  mässigende  Schranken,  wenn  auch  von  abnehmen- 
der Kraft  und  es  fehlte  der  Versuch,  die  Inconsequenz  Locke's 
zu  entfernen. 

1776  erklärten  die  Enkel  der  ausgewanderten  Puritaner 
in  Amerika:  „Wir  halten  es  für  eine  unleugbare  Wahrheit, 
dass  alle  Menschen  in  ihrem  Ursprung  gleich  sind,  dass  sie 
von  ihrem  Schöpfer  unverletzliche,  unveräusserliche  Rechte 
erhalten  haben,  zu  denen  namentlich  das  Leben,  die  Freiheit, 
das  Eigenthum  und  das  Verlangen  nach  Glückseligkeit  ge- 
hören; dass  die  Regierungen  zum  Schutz  dieser  Rechte  an- 
geordnet und  von  Niemand  anderem  als  von  den  Völkeni  mit 
der  obrigkeitlichen  Gewalt  ausgestattet  worden  sind;  dass 
demnach  die  Unterthanen  das  Recht  haben,  eine  R^erung, 
die  sich  von  ihrer  Bestimmung  entfernt,  zu  verändern  oder 
abzuschaffen,  und  nach  den  Ginindsätzen  bleibender  Sicherheit 
wie  wahrhaften  Wohlstands  ein  neues  Regiment  einzurichten. 
Wenn  nämlich  eine  lange  Reihe  von  Missbräuchen  und  Ge- 
waltthätigkeiten  Knechtschaft  herbeizuführen  strebt ,  freie 
Staatsbürger  unter  das  Joch  der  Willkührherrschaft  zu  bringen 


Die  neuen  politischen  Ideen.  57 

sucht  —  dann  hat  das  Volk  ein  unverjflhrbares  Recht  und 
die  heOigste  Verpflichtung  neue  Wächter  für  seinen  künftigen 
Schutz  zu  bestellen."  — 

Man  vergleiche  dies  mit  der  Stelle  aus  Locke,  die  ich 
pben  anfQhile.  Es  ist  derselbe  Gedankengang,  aber  man 
spürt  den  Einfluss  Rousseau's.  Noch  soll  nur  die  Regierung, 
die  sich  von  ihrer  Bestimmung  entfernt,  abgesetzt  werden, 
aber  es  vrird  nicht  mehr  betont,  dass  das  Volk  sich  durch 
den  ersten  Staatsvertrag  unwiderruflich  seiner  Souveränetät 
begeben,  sondern  es  ist  schon  von  unveräusserlichen  Rechten 
die  Rede. 

Es  ist  bekannt,  dass  auch  die  Amerikaner  diese  Theorien 
lediglich  zu  einem  beschränkten  Zweck  benutzten  und  die 
Republik,  nicht  weil  sie  dieselbe  principiell  allein  für 
richtig  hielten,  sondern  desshalb  einführten,  weil  sie  praktisch 
kaum  eine  andere  Wahl  hatten.  Dennoch  wurde  dadurch, 
dass  in  Amerika  eine  demokratische  Republik  wirklich  gegründet 
wurde,  der  Ausbreitung  des  extremen  Individualismus,  der 
sieh  von  der  erwähnten  zweiten  Locke'schen  Fiction  immer 
mehr  losmachte,  bedeutender  Voi*schub  geleistet  und  in  noch 
höherem  Grade  geschah  dies  durch  die  französische  Revolution. 
In  dem  Jahr  1776,  in  dem  die  Amerikaner  mit  Rousseau's 
Worten  sprechen  und  Turgot  die  Abschaffung  der  Frohnden 
und  Einfühi-ung  der  Gewerbefreiheit  in  Frankreich  versuchte  — 
in  demselben  Jahre  veröfientlichte  Adam  Smith  sein  die 
individualistische  Nationalökonomie  begiilndendes  Werk,  und 
Jeremias  Bentham  schrieb  seine  ei*ste  politische  Broschüre. 
Der  sociale  und  politische  Individualismus  Locke's  hatte  auf- 
gehört lediglich  die  Revolution  von  1688  zu  rechtfertigen; 
man  war  nunmehr  entschlossen  weitere  und  grössere  Conse- 
quenzen  daraus  zu  ziehen. 

Ich  werde  die  einzelnen  bedeutendsten  Vertreter  dieser 
neuesten  Entwicklungsphase  des  Individualismus  in  Folgen- 
dem monographisch  schildern.  So  weit  auch  Einzelne  schliess- 
lich den  Franzosen  entgegenkamen,  im  Ganzen  verstieg  man 
sich  nicht  bis  zur  Leidenschaft  für  die  Revolution  an  sich  und 
die   Inconsequenz  Locke's   lebte   doch   in    neuen   und  abge- 


58  Erstes  Buch,  Yorbemerkimg. 

schwächten  Foimen  fort.  Selbst  in  seiner  extremsten  Ent- 
wicklung erkannte  z.  B.  Bentham  die  Menschenrechte  nicht  an. 
"Wie  Locke  die  Zeit  von  1688 ,  so  repräsentirt  Bentham  — 
freilich  weniger  klar,  weniger  vielseitig  und  originell  ala 
Locke  —  doch  am  schäi-fsten  die  Zeit  seit  1776  in  England. 
Man  kann  an  ihm  sehen,  welche  Schranken  selbst  diesem 
abstractesten  und  doctrinärsten  aller  Engländer  die  angebome 
und  anerzogne  Denkweise  der  Engländer  gegenüber  Rousseau 
anlegte.  Allein  man  kann  auch  an  Bentham  am  deutlichsen 
sehen^  in  welcher  Weise  die  Abneigung  zu  consequenter  und  all- 
seitiger Ausbildung  eines  theoretischen  Princips  zugleich  schäd- 
lich wirkte^). 

Der  Individualismus  betrachtet  das  Individuuum  nicht 
nur  als  souveräne  Ursache  aller  Ordnungen  und  Einrichtungen 
des  Zusammenlebens,  er  betrachtet  die  Lebenszwecke  des  iso- 
lirten  Individuums  auch  als  einzige  Zwecke  alles  isolirten 
und  socialen  menschlichen  Thuns.  Und  da  die  Lebenszwecke 
des  isolirten  resp.  isolirt  gedachten  Individuums  unbedingt 
egoistisch  sind  und  sich  vorzugsweise  auf  das  physische  Dasein 
beziehen,  so  muss  sich  bei  ausschliesslicher  Betrachtung  dieser 
Zwecke  ein  ethischer  Materialismus  entwickeln. 

Der  praktische  Engländer,  der  ja  immer  im  Grunde 
einzelne  bestimmte  Refoimen  von  irgend  einem  nachweislichen 
Nutzen,  und  nicht  allgemeine  politische  Ideale,  resp.  Utopien 


')  In  der  That  sind  Rousseaa  (1712—1778),  Bentham  (1748—1882), 
und  Kant  (1724 — 1804)  die  drei  Philosophen,  welche  ihren  Völkern  bei 
dem  Uebergang  zur  neuesten  Zeit  mit  der  Fackel  des  Geistes  prophetisch 
Yorangeleuchtet  hahen.  Mit  feuriger  Empfindung  und  mit  den  allgemein- 
sten Sätzen  beginnend,  hat  Rousseau  den  Franzosen  nicht  endende 
Revolutionen,  mit  unermüdlicher  Zähigkeit  und  vom  Kampf  gegen  einzelne 
Misshräuche  ausgehend,  hat  Bentham  den  Engländern- Bruch  mit  der  Ver- 
gangenheit durch  aufgeregte  Reform,  mit  umiassendster  Bildung  und  tief- 
ster Forschung  hat  Kant  den  Deutschen  den  wahren  Rechtsstaat  —  nicht 
den  Interessenstaat  —  prophezeit.  Aus  der  Anschauungswelt  des  Indivi- 
dualismus sind  die  politischen  Ideen  der  drei  Philosophen  herausgewachsen 
—  und  doch  wie  verschieden  sind  die  Philosophien  des  Volkes  der  Revo- 
lution, des  Volkes  der  Reform  —  und  des  Volkes  der  Denker,  das  erst 
nachdem  es  alles  durchdacht  hatte,  zur  politischen  That  konmien  soUte! 


Die  neuen  politischen  Ideen.  59 

im  Kopfe  hatte,  unterliess  es  leicht,  die  CoDsequenzen  der 
begründenden  Souveränetät  des  Individuums  systematisch  zu 
ziehen.  Aber  um  so  Vollkommneres  leistete  er  darin,  die 
greifbaren,  berechenbaren  (materiellen)  Zwecke  resp.  Interessen 
des  Individuums  zur  alleinigen  Richtschnur  bei  Untei*suchung 
jeder  Frage  der  Privatmoral  und  des  öffentlichen  Wohls  zu 
iidiroen.  Nicht  die  Notzlichkeitslehre  an  sieh  —  denn  was 
kann  man  Alles  unter  Nützlich  verstehen!  —  sondeiii  dass 
man  das  dem  isolirten  Individuum  Nützliche  zur  Richtschnur 
Bahm,  das  macht  das  Wesen  des  Utilitarianismus  aus,  der  bei 
Bentham  ausgebildet  vorliegt  und  der  in  der  Form,  wie  ihn 
der  gef&llige  Mill  schliesslich  formulirt,  heute  die  Engländer 
beherrscht  Dieser  Utilitarianismus  ist  nur  eine  Seite  des 
Individualismus  —  und  ihm  untei-werfen  sich,  wie  wir  sehen 
werden,  faktisch  auch  die  principiellen  Gegner  der  Volks- 
Bouveritnetätslehre  in  England,  ihm  zog  selbst  der  stärkste 
christliche  Sinn,  sogar  unter  den  Anhängern  der  Staat&kirche, 
keine  Schranken. 

So  kam  es,  dass  eine  Inconsequenz  das  modeine  Eng- 
land vor  gewaltiger  Revolution  und  Anarchie  bewahi-te,  — 
eine  in  dieser  Hinsicht  praktisch  segensreiche  Inconsequenz, 
die  aber  nicht  die  Kraft  besass ,  dem  englischen  Volke  neue 
lebensfähige  und  lebensvolle  ethische  und  politische  Ideale 
zuzuführen. 

Auch  das  Dissenterthum,  welches  die  politische  Opposition 
in  einer  gewissen  heilsamen  christlichen  Zucht  erhielt  und 
dem  Revolutionsgelüste  Zügel  anlegte,  vermochte  nicht  den 
ethischen  Materialismus  zu  bekämpfen,  sondern  bahnte  ihm  — 
in  oft  naiver  Weise  die  Wege.  Man  sieht  dies  deutlich  an 
Priestley,  dem  vielleicht  interessantesten  unmittelbaren  Vor- 
gänger von  Bentham. 

Wie  schon  Hobbes  trotz  aller  höchst  materialistischen  Auf- 
fassung des  Staats  etc.  ^seinen  Frieden  mit  der  Kirche  gemacht 
hatte*^  0 ;  wie  Locke  bei  seiner  Auffassung  vom  Staat  von  utili- 

^)  Siehe  Lange,  Geschichte  des  Materialismus,  2.  Aufl.  Bd.  1, 
S.  249  o.  254. 


60  Erstes  Bach,  Yorbemerkong. 

tarischen  Anschauungen  erfüllt  war,  so  haben  später  Paley 
und  PnesÜey  höchst  rationalistische  und  praktisch  materiali- 
stische Anschauungen,  der  eine  mit  energischer  Yeilheidigung 
der  Staatskirche,  der  andere  mit  warmen  Dissenterglauben  zu 
verbinden  gewusst.  Der  Engländer  vermochte  nicht  sich 
aus  dem  ihm  natürlichen  Materialismus  zu  einer  idealen  Welt- 
anschauung durchzuarbeiten,  wohl  aber  vermochte  er  den 
absolut  auflösenden  und  zersetzenden  Gonsequenzen  seines 
Materialismus  zu  entgehen  ^). 


^)  Von  den  Engländern  überhaupt  gilt  was  Leslie  Stephen  ^Engliah 
Thouc^t  in  the  Eighteenth  Century**.  Bd.  1  S.  71  sagt:  „The  votary  of 
common  eense  sometimes  refoses  to  ask  the  ultimate  qaestions  at  alL*' 
(Der  Anhänger  des  gesunden  Menschenverstandes  geht  mitunter  den 
letzten  Fragen  geflissentlich  aus  dem  Wege). 


Erstes  Capitel. 
Die  älteren  Individualisten. 

§  1.    Priestley  und  Price. 

Unter  den  englischen  Schriftstellern,  an  deren  Werken 
die  Einwirkung  der  französischen  Literatur  zu  erkennen  ist, 
ist  David  Hume  gewiss  deijenige,  der  für  die  Geschichte  der 
Philosophie  die  giösste  Bedeutung  hat.  Eine  solche  Bedeutung 
hat  der  Dissentei-prediger  Joseph  Priestley  in  viel  geringe- 
rem Grade,  obwohl  er  immerhin  bemerkenswerth  ist  als 
deijenige,  der  über  Hartley  hinausgehend,  die  materialistische 
Erklärung  des  Denkens  in  der  schroffsten  Weise  ausbildete. 
Von  grösserer  Bedeutung  und  allgemein  anerkannt  sind 
seine  Verdienste  um  die  Naturwissenschaft.  Was  die  socialen 
und  politischen  Wissenschaften  betrifft,  so  kann  man  ihm 
weder  gi-osse  Verdienste  noch  Originalität  nachrühmen.  Den- 
noch sind  seine  Schriften  in  dieser  Hinsicht  sehr  beachtens- 
werth,  weil  er  von  Bentham  und  Paine  die  weitestgehenden 
Consequenzen  des  Individualismus  zog,  immer  unter  Beachtung 
einer  praktischen  Scheu  vor  gewaltthätiger  Revolution,  und 
weil  diese  seine  Schriften  allein  die  Erkläiimg  der  seltsamen 
Verbindung  von  philosophischem  Materialismus,  politischem 
Individualismus  und  freiem  christlichem  Gottesglauben  möglich 
machen.  Eben  in  Folge  dieser  Verbindung  ist  Priestley  ein 
viel  chai*akteristischerer  Vertreter  der  englischen  Anschau- 
ungsweise als  Paine,  obwohl  dieser  während  und  nach  der 
französischen  Revolution  viel  mehr  Aufsehen  eiTegte. 

Die  Verbindung  scheinbar  unvereinbarer  Anschauungen 


62  Erstes  Bocb,  Gap.  1. 

bei  Priestley  ist  nicht  einfach  die  Folge  ungeschälten  Denkens  ^), 
nicht  einmal  nur  die  Wirkung  nationaler  Traditionen,  sondern 
ist  vor  allem  erklärbar  durch  sein  Dissenterthum.  Ein  im 
Kampfe  gegen  die  staatlich  geschützten  kirchlichen  Autori- 
täten befindliches  Christenthnm  konnte  alle  oppositionellen 
und  extremen  liberalen  politischen  Theorien  acceptiren,  es 
konnte  fQr  das  Individuum,  das  allein  nach  seinem  Gewissen 
sein  Yerhältniss  zu  Gott  festsetzte,  das  unbedingte  Recht  des 
freien  Forschens  und  Denkens  beanspruchen  und  ausüben  — 
und  konnte  doch  Christenthnm  bleiben,  d.  h.  das  freie  indi- 
viduelle Bedürfniss  des  Glaubens  an  einen  Gott  konnte  un- 
gestört befriedigt  bleiben. 

Ein  Christenthnm,  das  principiell  Opposition  machte,  das 
nach  Gleichberechtigung  und  Freiheit  rang ,  das  principiell  nicht 
daran  dachte^  Autoritäten  auszubilden  zur  Bindung  des  indivi- 
duellen Willens  —  ein  solches  Christenthum  war  der  natürliche 
Bundesgenosse  von  Freidenkern  und  politischem  Individualismus, 
und  es  war  nicht  unnatürlich,  dass  Politiker  und  Philosophen, 
die  von  dem  Boden  solchen  Christenthums  ausgingen,  ihren 
Ausgangspurikt  mit  Begeisteiiing  festhielten,  zumal  er  ihnen 
Anhänger  verschaffte,  ohne  sie  in  der  Ausbildung  ihrer  Ideen 
irgendwie  zu  stören.  Ein  wichtiger  Theil  von  Priestley's 
materialistischer  Philosophie,  die  Leugnung  der  Willensfrei- 
heit, Hess  sich  sogar  mit  der  puritanischen  Prädestinations- 
lehre sehr  leicht  und  natürlich  vereinigen. 


^)  So  erscheint  es  zwar  Leslie  Stephen  1.  c.  Bd.  1  S.  431 :  „Priestley 
carikirt  die  übliche  englische  Tendenz,  einen  Compromiss  zwischen  an- 
vereinbaren Dingen  zu  machen.  Ein  Christ  und  ein  Materialist 
Leidenschaftlich  sympathisirend  mit  der  französischen  Revolution  und 
doch  festhaltend  an  einem  Rest  der  Doctrinen,  denen  diese  Revolution 
wesentlich  entgegengesetzt  war;  ein  politischer  Bundesgenosse  und  religö- 
ser  Gegner  des  Geistes,  den  Paine  aussprach.  Aufgebend  die  mystischen 
nnd  doch  beibehaltend  die  übematOrlicben  Elemente  des  Christenthums. 
Rasch  die  Oberfläche  einer  Ansicht  überblickend,  aber  unfähig,  ihre 
tieferen  Tendenzen  zu  würdigen  —  so  wirft  er  gelegentlich  in  scharfsich- 
tiger und  belehrender  Weise  Licht  auf  eine  Seite  einer  Streitfrage  —  nur 
um  im  nächsten  Moment  in  rohe  Dogmen  und  abgelebten  Aberglauben 
zurückzufallen.^ 


Priestley.  63 

Die  Puritaner  sind  fbr  Priestley  die  Ahnen  der  gegen- 
w&itigen  DissenterSf  die  zwar  die  Engherzigkeit  der  alten 
Puritaner  aufgegeben  haben,  aber  sich  immer  bewusst  bleiben 
sollen,  dass  alle  Freiheit  in  England  den  Puritanern  zu  ver- 
danken ist  Priestley's  Ghristenthum  ist  ihm  also  nicht  nur 
die  Grundlage  all  seiner  begeisterten  Freiheitsliebe,  da  es 
lehrt:  „dass  kein  Herr  auf  Erden  sein  soll,  denn  nur  Einer 
ist  Herr,  Christus  selbst"  0  —  sondern  dies  mit  der  politischen 
Freiheit  verbündete  Ghristenthum  hat  bereits  seine  Geschichte 
und  weithvoUe  Tradition  und  wird  darum  um  so  wärmer  fest- 
gehalten. Die  meisten  politischen  Schriften  Priestleys  fallen 
in  die  Zeit  vor  der  französischen  Bevolution;  sie  knüpfen  an 
Locke  an,  dessen  Lehren  in  Rousseau's  Sinn  weiter  gebildet 
und  auf  den  Kampf  der  Amerikaner  angewendet  werden; 
aber  es  wird  kein  Revolutions- ,  ja  nicht  einmal  ein  ausgebil- 
detes Beformprogramm  für  England  festgestellt.  Li  der  spä- 
teren Schrift  gegen  Burke  geht  Priestley  alleidings  weiter, 
aber  doch  nicht  soweit,  wie  Paine  und  später  Bentham,  die 
sich  auch  von  dem  Ghristenthum  der  Dissenter  losmachten 
und  in  ihren  Postulaten  vielfach  ganz  kosmopolitisch  wurden. 
Priestleys  ältere  Schriften  stellen  den  Uebergang  von  den 
alten  englischen  Freiheitslehren  des  Bürgerkriegs  und  der 
glorreichen  Bevolution  zu  der  neuen  durch  die  französische 
Revolution  beeinflussten  Entwicklungsphase  des  englischen 
Individualismus  dar. 

In  den  älteren  Schriften  2)  überwiegen  die  Eröi-tei-ungen 
Ober  die  Verhältnisse  der  Dissenters  und  die  AusfUhiningen 
zu  Gunsten  des  Postulats  religiöser  Toleranz  und  der  Tren- 
nung von  Kirche  und  Staat  schon  dem  Baume  nach  bedeutend. 
In  den  „Bemarks  on  some  paragraphs  in  the  4*^  Volume 
of  Blackstone's  Gommentaries  relating  to  Dissentere"  von  1769 
wird  die  Loyalität  der  Dissenters,  namentlich  seit  Wilhelm  HL, 
in  Schutz  genommen,  behauptet,  der  Calvinismus  sei  principiell 

^)  S.  Motto  zu  der  Schrift  ,,Principle8  and  Conduct  of  the  Protestant 
Dissenters  etc."    2.  Aufl.  1769. 

*)  Ich  citire  nach  der  Gesammtausgabe  von  Priestle/s  Works  ed« 
Butt,  Bd.  22. 


64  Erstes  Bach,.  Gap.  1. 

nicht  republikanisch,  nur  ein  Gegner  der  Despotie.  In  der  Schrift 
„A  View  of  the  Prindples  and  Gonduct  of  the  Protestant 
Dissenters  with  respect  to  the  Civil  and  Ecclesiastical  Consti- 
tution of  England^'  2.  Aufl..  1769  kehrt  die  gleiche  Behaup- 
tung wieder,  man  dürfe  nicht  in  falscher  VeraUgemeinerung 
von  Cromwells  Handlungsweise  die  Dissentei*s  filr  gleichheits- 
histig  und  republikanisch  halten.    Sie  beugten  sich  sogar  auch 
solchen  Gesetzen,  die  sie  für  schlecht  hielten,  weil  im  Allge- 
meinen ein  7,Zustand  geordneter  Gesellschaft  besser  ist  als 
Anarchie^',  ja  die  Dissentei-s  seien  der  jetzigen  Dynastie  sogar 
besonders  zugethan  und  principiell  Anhänger  der  beschränk- 
ten Monarchie,  sie  seien  nur  gegen  Ausdehnung  der  königl. 
Prärogative    und    gegen    willkürliche   Regieining    und    seien 
durchgängig  liberal,  schon  weil  sie  sich  nicht  aus  den  Reichen 
und  Hochgeborenen  rekrutiren.     Aber  sie  seien  sogar  »fi'oh, 
ihre  religiöse  Freiheit  mit    dem  Ausschluss  von  Staatsämtem 
zu  erkaufen"  (S.  361).    Als  Schriftsteller  und  Philosophen  mach- 
ten sie  keinen  Unterschied  zwischen  irgend  welchem  religiösen 
Bekenntniss.    Doch  wenn  wider  ihren  Willen  die  Debatte  auf 
Religion  käme,  so  würde  wohl  zu  Tage  treten,  dass  sie  mit 
fi*eiem  wissenschaftlichen  Sinn  eifriges  Christenthum  verbänden. 
Priestley  schreibt  hier  eine  Apologie  der  Dissentei*s;  er 
beschönigt,  insofern  er  nicht  zugesteht,  dass  das  Dissenter- 
thum  ein  Heerd  weitgehender  revolutionärer  Agitation   war 
und  werden  konnte  —  aber  er  ist  gewiss  aufiichtig  für  seine 
Person;  es  ist  wahr,  dass  die  damaligen  Dissenters  eine  Ab- 
sicht zu  thatsächlicher  Revolution  nicht  hatten,  dass  es  also 
ungefährlich,  ja  klug   gewesen   wäre,  sie  politisch  gleichzu- 
stellen. Die  Dissenters  als  eine  freigeistige ,  politisch  freisinnige^ 
und    wahrhaft    christliche,   aber   nicht  revolutionäre    Partei 
waren  damals  möglich  als  eine  geduldete  Minorität.    Priestley 
bringt  in  dieser  Schrift  viel  über  die  Geschichte  der  Dissen- 
ters und  über  ihren  damaligen  Zustand  —  AUes  freilich  etwas 
aphoristisch.    Er    ermahnt  zur  Einheit  der   Dissenters  und 
eifeit  gegen   religiöse    Gleichgültigkeit;   die  Verschiedenheit 
des  Dogmas  der  einzelnen  Secten  hält  er  für  unbedenklich, 
ja  nützlich.    Einig  seien  sie  darin,  dass  sie  jede  menschliche 


Priebüey.  65 

Autorität  in  religiösen  Fragen  verwerfen,  dass  sie  das  neue 
Testament,  in  dem  Jeder  sich  selbst  seinen  Glauben  und  Moral 
suchen  kann,  für  die  ausschliessliche  Grundlage  aller  Religion 
halten,  dass  sie  eine  Hierarchie,  namentlich  eine  solche  mit 
politischen  Rechten,  dass  sie  römische  Ceremonien  und 
Liturgie  unbedingt  verwerfen  —  als  echte  Fortsetzer  der 
Reformation  des  16.  Jahrhunderts. 

Als  ein  besonders  illhmenswerther  Fortschritt  der  heu- 
tigen, gebildeteren  Dissentei*s  gegenüber  den  alten  PuritaneiTi 
erscheint  es  Priestley,  dass  erstere  unbedingte  Toleranz  auch 
für  Atheisten  und  Katholiken  verlangen  —  was  auch  zweck- 
mässig sei,  da  das  wahre  Christenthum  sich  durch  eigene 
Kraft  halte.  Es  ist  kein  Widei-spruch  gegen  diese  Toleranz, 
wenn  die  Irreligiosität  von  Voltaire  und  Rousseau  heftig  b^ 
kämpft  wird  (s.  A  Free  Adress  to  Protestant  Dissenters  by  a 
Dissenter,  erste  Aufl.  1769;  zweite  1771.  Works  Bd.  22. 
S.  247  flF.i) 

In  den  beiden  dem  Titel  nach  rein  politischen  Schriften 
„The  Present  State  of  Liberty  in  Great  Britain  and  her  Co- 
lonies  by  an  Englishman"  (1769)  und  der  Hauptschrift  „Essay 
on  the  first  Principles  of  Goveniment**  (erste  Aufl.  1768, 
zweite  1771)  nimmt,  wie  schon  erwähnt,  die  Vertretung  der 
Dissenterinteressen  ebenfalls  grossen  Raum  ein. 

Aus  der  erstgenannten  Schrift  ist  die  Parteinahme  für 
die  Amerikaner  hervorzuheben,  besonders  aber,  dass  Priestley 
zwar  an  der  damaligen  Parlaments  Verfassung  viel  auszusetzen 
hat,  aber  doch  das  allgemeine  gleiche  Wahlrecht  nicht  will« 
Die  rotten  boroughs  und  die  WahlcoiTuption  sind  ihm  ein 
Greuel,  er  verlangt  aber  nur  Ausschluss  aller  Hofpensionäre 
und  Söhne  von  Adeligen  aus  dem  Haus  der  Gemeinen,  kür- 
zere Wahlperioden ,  Abschaffung  der  kleinen  Wahlflecken, 
Vereidigung  der  Candidaten  gegen  Coriniption,  und  geheime 
Abstimmung,  während  er  gegenüber  dem  allgemeinen  Wahl- 
recht sagt,  „es  sei  genügend,    wenn  die  Wahl  der  Obrigkeit 


^)  Zu  Tergleichen  auch  die  kleineren  Schriften,  Adressen  etc.    Works 
Bd    22.  S.  399— 499. 

Ueld,  Soc.  Gesch.  Enfi^l.  5 


QQ  Erstes  Bach,  Cap.  1. 

(incl.  Parlament)  von  der  Majorität  derjenigen  ausgehe,  deren 
Verhaltnisse  sie  über  die  Gefahr  der  Comiption  erhaben 
machen''.  Die  allgemeinen  theoretischen  Grundlagen  sind 
dieselben  wie  in  dem  Essay  on  the  first  Prineiples. 

In  dieser  Schrift  sind  einfach  die  älteren  Rousseau'schen 
Staatsvertragsideen  und  die  jüngeren  utilitarischen  Nütz* 
lichkeitstheorien  verschmolzen  —  beide  aber  zu  weniger  ex- 
tremen Consequenzen  ausgebildet. 

Der  Mensch  untei-scheidet  sich  von  den  Thieren  durch 
seine  unbeschränkte  Fähigkeit  zur  Ausdehnung  des  Wissens, 
zu  Vervollkommnung  und  Fortschritt.  Vervollkommnung  und 
Fortschritt  (improVement)  sind  aber,  echt  praktisch  materia- 
listisch, identisch  mit  „grösserer  Macht  glücklich  zu  werden**. 
Die  Aussicht,  dass  das  Ende  der  menschlichen  Entwicklung 
paradiesisch  sein  wird,  beruht  auf  den  Wirkungen  der  Arbeits- 
theilung.  Das  grosse  Mittel,  wodurch  Gott  seinen  Zweck,  die 
Menschheit  zu  einer  grösseren  Vervollkommnung,  d.  h.  Glück, 
zu  führen,  erreichen  will,  ist  Gesellschaft,  d.  h.  Regierung. 
Also  ist  die  Frage,  auf  die  es  ankommt,  die,  welche  Form 
der  Regierung  am  meisten  Glück  erzeugt.  Das 
ist  also  derselbe  Utilitarianismus,  den  wir  später  bei  Bentham 
finden  und  der  hier  mit  einem  Gottesglauben  ebenso  ober- 
flächlich, aber  auch  ebenso  ungezwungen  verbunden  wird, 
wie  denn  der  materialistische  Philosoph  Gott  gleichsam  als 
Maschinenmeister  resp.  Erbauer  des  Weltmechanismus  be- 
handelt. 

Also  Gott  will  das  GlUck  der  Menschen,  diese  streben 
mit  Recht  nach  ihrem  Glück  —  und  in  diesem  natürlichen 
Streben  schliessen  sie  den  Staatsvertrag.  ^AUe  Menschen 
leben  in  Gesellschaft  zu  Ehren  ihres  gegenseitigen  Voitheils. 
Deshalb  ist  der  Nutzen  und  das  Glück  der  Mitglieder,  d.  h. 
der  Majorität  der  Mitglieder  jedes  Staats  der  grosse  Maass- 
stab, nach  welchem  jede  diesen  Staat  berührende  Frage  end- 
gültig entschieden  werden  muss"  (1.  c.  S.  13). 

Einen  Beweis  für  die  Richtigkeit  dieses  Glücksprincips 
versucht  Priestley  ebensowenig  als  für  die  damit  verbundene 
Lehre  von  dem  Zustand  ursprünglicher  Freiheit,  aus  dem  man 


Priestley.  67 

durcn  Veflrag  in  den  des  Staats  übergeht  Das  Princip  ist 
einfach  eine  selbstverständliche  Folge  der  Anschauung,  dass 
Priestley  nur  einzelne  Individuen  mit  ihren  pei'sönlichen  Inter- 
essen und  eine  Summe  von  solchen  Individuen  kennt.  Für  den 
Dissenter,  der  für  das  Individuum  das  Recht  verlangt,  dass 
es  sich  allein  seinen  Gott  suche,  der  in  den  höchsten  Fragen 
^das  Individuum  allein  auf  seine  Füsse  stellt,  giebt  es  auch 
bei  Betrachtung  des  Staats  keine  Menschheit,  keine  Nation, 
die  als  ein  eigenes  Gesammtwesen  den  Einzelnen  gegenüber- 
treten könnte.  Wahrlich  nicht  die  Verbindung  eines  trockenen 
Gottesglaubens,  dem  Gott  einfach  die  Ui'sache  des  sichtbaren 
Lebens  von  Natur  und  Mensch  ist,  mit  einer  materialistischen 
Weltauffassung  ist  eigenthümlich  oder  wunderbar  bei  Priestley 
—  von  durchschlagender  Bedeutung  ist  nur  die  Anschauung, 
dass  Gottes  Wille  und  des  Menschen  Zweck  nur  wachsen- 
des Glück  der  Individuen,  nicht  Vervollkommnung  der 
Menschheit  im  Dienst  von  Idealen  ist. 

Priestley  unterscheidet  scharf  zwischen  politischer  Frei- 
heit, d.  h.  directer  oder  indirecter  Theilnahme  des  Einzelnen 
an  der  Macht  im  Staat,  und  bürgerlicher  Freiheit,  d.  i.  un- 
gestört freier  Verfügung  über  die  eigenen  Handlungen.  Im 
Naturzustande  hat  Jeder  die  volle  bürgerliche  Freiheit  —  durch 
den  Staatsvertrag  giebt  man  einen  Theil  der  bürgerlichen 
Freiheit  gegen  einen  Antheil  an  der  Macht  im  Staate  auf. 
Hierin  und  in  der  starken  Betonung  der  natürlichen 
Rechte,  des  unveräusserlichen  Rechts  gegen  jede  wider 
den  eigenen  Willen  auferlegte  Herrschaft  zeigt  sich  der  Schüler 
Rousseau's.  Das  Ideal  der  Vertheilung  der  politischen  Frei- 
heitsrechte ist  volle  Gleichheit  derselben.  Dies  ist  aber  nur 
in  kleinen  Staaten  möglich,  in  grossen  können  sich  die  Mit- 
glieder der  Staatsgesellschaft  nur  durch  Repräsentanten  an  der 
Herrschaft  betheiligen. 

Den  Schluss,  dass  Jeder  wenigstens  gleichen  Antheil  an 
der  Wahl  der  Repräsentanten  haben  solle,  zieht  Priestley  auch 
in  dieser  Schrift  nicht,  sondern  er  ist  für  Census,  abgestuftes 
Wahlrecht,  so  dass  die  unteren  Klassen  nur  die  niederen 
Staatsdiener  wählen;  für  Erblichkeit  der  Krone  etc.  ~  kurz, 


98  Erstes  Bach,  Gap.  1. 

er  ist  praktisch  nur  für  massige  Reformen  der  englischen 
Verfassung,  die  im  Allgemeinen  ein  richtiges  Maass  politischer 
Freiheit  für  einen  grossen  Staat  gewährt.  Dagegen  geräth 
Priestley  bei  den  Principien  über  Volkssouveränetät,  Verant- 
wortlichkeit aller  Staatsdiener  incl.  des  Königs  in  sehr  extreme 
Lehren,  deren  Mittelpunkt  in  Reminisceuz  an  die  Zeiten  Locke's 
das  Recht  des  Widei-stands  gegen  die  Regierung  ist.  Auch 
hier  wieder  sind  die  Theorien  Rousseau's  und  Bentham's  ver- 
einigt Die  Republik  mit  gleichen  Rechten  Aller  ist  das  Ur- 
sprüngliche und  lebt  auf,  sowie  die  jeweilige  Regierung 
pflichtwidrig  handelt  —  also  das  Recht  zur  Revolution 
wird  aus  dem  Rousseau'schen  NatuiTOcht  abgeleitet;  und 
die  Revolution  ist  erlaubt,  wenn  ihre  schlimmen  Wir- 
kungen weniger  schlimm  sind  als  die  bekämpften  Zustände. 
Uebrigens  hält  Priestley  mit  Locke  diese  Theorie  für  unge- 
fiüiirlich,  da  faktisch  Revolution  nur  in  vei-zweifelten  Fällen 
gemacht  wird. 

Das  richtige  Mass  bürgerlicher  Freiheit  im  Staat  kann 
nur  durch  Experiment  festgestellt  werden.  Es  liegt  aber  zu 
Tage,  dass  Priestley  möglichst  geringe  Ausdehnung  der  Staats- 
gewalt wünscht;  so  soll  auch  Erziehung  und  Bildung  Privat- 
sache bleiben  und  namentlich  soll  sich  der  Staat  möglichst 
wenig  um  Religion  kümmem.  „In  bürgerlichen  Angelegen- 
heiten wird  ein  gewissenhafter  Christ  der  bürgerlichen  Obrig- 
keit gehorchen,  wo  aber  Religion  in  Frage  kommt,  wird  er 
nur  auf  die  Gebote  seines  eigenen  Gewissens  und  die  Eimah- 
nungen  seines  erwählten  geistlichen  Führere  hören"  (1.  c.  S.  85). 
Die  Staatskirche  ist  daher  weder  nützlich  noch  nöthig,  soll 
aber  vorei-st  doch  nicht  abgeschafft,  sondeni  nur  refoimirt  wer- 
den, ebenso  wie  die  ganze  englische  Verfassung  nur  schritt- 
weise verbessert  werden  soll. 

Den  Schluss  bilden  dann  pathetische  Ausführungen,  in 
denen  der  Schüler  Rousseau's  und  Vorläufer  Bentham's  Pa- 
triotismus, monarchisches  Gefühl  und  allgemeine  Freiheits- 
schwäimerei  weniger  consequent  und  scharf  als  ehrlich  mit- 
einander verbindet. 

Priestley  behält  sein  Dissenterchristenthum  als  nützliche 

/ 


Priesüey.  69 

Grundlage  des  Freiheitsgefbhls  bei  und  er  bleibt  bei  der 
englischen  Verfassung,  weil  er  von  ihrer  allmäligen  Aendeiiing 
mehr  hofft,  als  vom  plötzlichen  Umsturz.  Auch  in  einer  spä- 
teren Adresse  von  1774  wird  die  englische  Verfassung  wohl- 
weislich zu  den  fi-eien  Verfassungen  gerechnet,  aber  schon 
bricht  die  Leidenschaft  der  Freiheit  in  wilder  Weise  gegen 
erobernde  Despotien  aus,  wobei  die  Ehrerbietung  gegen  das 
Königthum  gewaltigen  Schaden  leidet.  ,fDie  Hoffnung  der 
Menscheit  ist,  dass  im  Laufe  der  Zeit  das  schreckliche  Uebel 
(Freiheitsvernichtung  durch  Despotie)  sein  eigenes  Gegengift 
und  Heilung  finden  wird.  Da  Könige  immer  schlechter  er- 
zogen werden  als  andere  Menschen ,  so  wird  ihre  Rasse  vor- 
aussichtlich degeneriren,  bis  sie  nicht  viel  besser  sein  werden, 
als  Idioten,  so  dass  diejenigen,  welche  nicht  der  Gegenstand 

der  Verachtung  sind,  der  Gegenstand  des  Hasses  werden '* 

In  den  Briefen  an  Burke  von  1791  hat  sich  Priestley 
weiter  entwickelt.  Die  Ziele  der  französischen  Revolution, 
„eine  totale  Refoim  der  Verfassung",  sind  nach  ihm  un- 
bedingt richtig  und  jedem  Freiheitsfi*eund  eine  Wonne.  Eine 
legale  Regierung  ist  die,  welche  wirklich  vom  Volk  gewählt 
ist  Dennoch  verlegt  sich  Priestley  weniger  auf  Rechtferti- 
gung der  einzelnen  neuen  Institutionen  in  Frankreich,  als  auf 
Veitretung  des  Rechts  zur  Revolution  im  Allgemeinen,  wobei 
es  ihm  nicht  übel  gelingt,  die  Schwächen  von  Burke's  Stand- 
punkt aufzudecken.  Auch  der  Satz,  die  französische  National- 
versammlung sei  eine  wahre  Volksvertretung,  das  englische 
Unterhaus  nur  eine  Caricatur  einer  solchen,  wird  nicht  weiter 
verfolgt.  Burke  erkennt  Revolution  als  erlaubt  an  in  äusser- 
sten  Nothfällen,  Priestley  constatirt  ein  allgemeines  Revolu- 
tionsrecht an  sich,  das  man  in  Folge  praktischer  Rücksichten 
nicht  oft  gebrauchen  solle  und  werde  —  das  ist  der  Unter- 
schied der  beiden  Anschauungen;  und  Priestley  kann  seine 
Anschauung  wenigstens  durch  eine  höchst  einfache  Theorie  mo- 
üviren,  die  im  Grunde  die  alte  ist  und  die  er  in  den  Worten 
zusammenfasst :  „Alle  Gewalt  im  Staate  ist  vom  Volke  abge- 
leitet und  der  grosse  Zweck  aller  Regierung  ist  das  öfifentliche 
Wohl." 


70  Erstes  Bach,  Cap.  1. 

Die  extreme  Tendenz  der  Theorie  Priestley's  hat  durch 
die  französische  Bevolution  an  Kraft  gewonnen,  sein  prakti- 
scher Conservatismus  an  Kraft  abgenommen.  Die  amerika- 
nische und  die  fi*anzösische  Revolution  sind  beide  hocherfreu- 
liche Ereignisse,  die  mehr  wirken  als  tausend  Bücher.  Nun 
wächst  auch  die  Feindschaft  gegen  die  Staatskirche,  Religion 
ist  für  den  Staat,  der  sich  durch  seine  eigene  Nützlichkeit 
erhält,  unnöthig,  sie  soll  nur  Privatsache  sein,  da  sie  für 
den  Einzelnen  nützlich  ist  als  „an  additional  motive  to  good 
behaviour". 

Das  mit  der  französischen  Revolution  sympathisirende 
Dissenterthum  untergräbt,  wie  man  sieht,  seine  eigene  Existenz, 
indem  es  die  Unwichtigkeit  der  Religion  lehrt.  Gleichzeitig 
nimmt  die  Liebe  zu  der  englischen  Verfassung  ab,  indem  die 
Staatsschuld  und  die  ungleiche  Volksvertretung  leidenschaft- 
lich als  Uebel  gegeisselt  werden,  welche  geändert  werden 
müssen.  Für  den  Fall  dies  nicht  geschieht,  wird  Revolution 
in  England  prophezeit.  Feme  aber  liegt  es  dabei  Priestley, 
eine  sociale  Revolution  des  Arbeiterstandes  zu  prophezeien, 
denn  ganz  im  Geiste  der  bürgerlichen  Liberalen  tadelt  er  das 
bestehende  Aimenrecht  als  eine  Einrichtung,  welche  Faulheit 
aneifert  und  Voi'sicht  tödtet.  Auch  die  Hoffnung  auf  Ver- 
nichtung nationaler  Voiiirtheile  und  Abschaffung  aller  Kriege 
ist  bekanntlich  kein  specifisches  Arbeiterpostulat. 

Uebrigens  hofft  Priestley  die  prophezeite  Revolution  ernst- 
lich durch  „freie  Discussion''  zu  beschwören  und  zu  den  vor 
Allem  erhofften  Refoimen  gehört  nur  Einschränkung,  nicht 
Abschaffung  der  königlichen  Gewalt.  Es  ist  von  den  An- 
sichten Priestley's  in  seiner  letzten  Entwicklungsphase  nur 
ein  kleiner  Schritt  bis  zu  dem  Wunsche  nach  Einführung  der 
demokratischen  Republik  um  jeden  Preis  —  doch  ist  in 
Priestley  noch  immer  ein  Rest  von  der  sittlichen  Zucht  des 
alten  Puritanerthums  übrig  und  wie  bei  der  Mehrzahl  der 
späteren  Radicalen  bleibt  die  Beinifung  auf  Gott  eine  faktische 
Schranke  der  politischen  Leidenschaften.  Noch  hören  wir 
den  Nachfolger  Milton's  und  Locke's,  wenn  Priestley  am 
Schluss  der  Briefe  an  Burke  sagt: 


R.  Price.  71 

„In  dieser  neuen  (d.  h.  aus  der  französischen  Revolution 
allmälig  folgenden)  Verfassung  der  Welt  mag  es  noch  Könige 
geben,  aber  sie  werden  nicht  mehr  Souveraine  und  allerhöchste 
HeiTen  sein,  keine  Menschen,  denen  man  solche  Titel  wie 
höchst  geheiligte  und  höchst  erhabene  Majestät  giebt  Es 
wird  keine  solche  Profanation  von  Namen  mehi-  geben,  die 
Gott  allein  gehören  und  jetzt  Sterblichen,  die  unseres  Gleichen 
sind,  beigelegt  werden.  Es  wird  Obrigkeiten  geben,  die  be- 
stellt und  bezahlt  werden  zur  Aufrechterhaltung  der  Ordnung, 
aber  sie  werden  nur  als  die  ersten  Diener  des  Volks  und  als 
verantwortlich  betrachtet  werden.  Stehende  Heere,  diese 
Werkzeuge  der  Tyrannei,  werden  unbekannt  sein,  wenn  auch 
das  Volk  im   Gebrauch  der  Waffen  behufe  Zurückweisung 

barbarischer  Einfälle  eingeübt  werden  mag. Es  wird 

noch  Religion  geben  —  aber  keine  Herren  Bischöfe. 

Jedermann  wird  sich  selbst  seine  Religion  besorgen.  —  Ist 
so  die  Regierung  vereinfacht  in  ihren  Zwecken,  so  wird  sie 

weniger  kostspielig  und  doch  wirksamer  sein. Es  wird 

dann  wenig  mehr  zu  besoi*gen  geben  ausser  der  Verwaltung 
der  Justiz  und  der  Erhaltung  des  Friedens/^ 


Ein  Freund  und  Zeitgenosse  von  Priestley  war  Richard 
Price,  der  bekannte  politische  Arithmetiker,  dessen  begeisterte 
Wiederaufnahme  der  alten  Ideen  von  Walpole  und  Anderen  die 
Wiedereinfühi-ung  des  Staatsschulden  -  Tilgesystems  nach  den 
Regeln  des  Zinseszinses  durch  Pitt  zur  Folge  hatte.  Der  viel- 
seitige Mann  beschränkte  sich  aber  nicht  darauf,  sich  für  seine 
mathematischen  Berechnungen  zu  erwäimen  und  seinen  nach 
der  Formel  wachsenden  Tilgefonds  wie  ein  pei-sönliches  Wesen 
zu  lieben  und  zu  feieni  —  auch  er  war  Theologe  und  Philosoph. 
Er  erkannte  im  Gegensatz  zu  Priestley  die  menschliche  Willens- 
freiheit an,  er  bekämpfte  die  Anschauung,  dass  Recht  und  Un- 
recht nur  vom  Nützlichkeitsbegriff  abgeleitete  Voi-stellungen 
seien  —  kurz  er  setzte  sich  zu  der  materialistischen  Welt- 
anschauung in  theoretischen  Gegensatz:  allein  das  war  ohne 
Erheblichkeit.    In  Bezug  auf  die  politischen  Principien  und 


72  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

Postalate  huldigt  Price  ganz  denselben  Anscbauungen  wie 
Priestley,  er  ist  nur  noch  schärfer  und  consequenter.  Und 
wenn  man  seine  ethischen  und  religiösen  Anschauungen  genau 
untersucht,  so  seilt  sich  heraus,  dass  er  im  Gininde  noch  mehr 
die  natürliche  Tendenz  hatte,  alle  Fragen  nach  der  berechen- 
baren Nützlichkeit  für  das  Individuum  zu  beurtheilen. 

Auch  Price's  politische  Theorie  hat  gleich  den  Schriften 
von  Priestley  ausserordentlich  wenig  originelles  Verdienst. 
Wenn  man  aber  bedenkt,  wie  wenig  selbständig  seit  Locke 
überhaupt  die  allgemeinen  politischen  Probleme  in  England 
erfasst  wurden,  wie  sehr  selbst  die  wirksamsten  Schriften, 
z.  B.  die  beiUhmten  Junius  -  Briefe ,  sich  in  der  Behandlung 
von  Einzelheiten  und  Persönlichkeiten  verloren,  so  ist  zu  be- 
greifen, dass  eine  allgemeine  einfache  und  abstracte  Theorie, 
wie  sie  Price  und  Priestley  immerhin  darboten,  ti'otz  ihrer 
Fehlerhaftigkeit  und  ihres  Mangels  an  historischem  Sinn  von 
Bedeutung  sein  musste.  Price's  Observations  on  the  Nature 
of  Civil  Liberty ')  tinigen  dem  Verfasser  sofort  gi-osse  Aner- 
kennung selbst  officielle  Seitens  der  City  of  London  ein. 

Price  untei-scheidet  physische,  moralische,  religiöse,  bürger- 
liche Freiheit.  Eine  Idee  ist  allen  Arten  von  Freiheit  ge- 
meinsam, die  Idee  der  Selbstleitung,  der  Selbstbeheii'schung. 
Wenn  irgend  eine  Kraft,  über  die  wir  keine  Macht  haben, 
unsere  Bewegungen  regiert,  so  leben  wir  in  Knechtschaft. 
Der  Gegensatz  zur  bürgerlichen  Freiheit  liegt  vor,  „wenn  irgend 
ein  von  der  Mehrheit  der  Gesellschaft  verschiedener  Wille 
die  Macht,  Gesetze  für  die  Gesellschaft  zu  machen  und  über 
ihr  Eigenthum  zu  verfügen,  beansprucht"  —  wobei  die  Identität 
des  Willens  der  Majorität  mit  dem  der  Gesammtheit  als  selbst- 
verständlich gilt.  Für  die  Freiheit  nun  ist  Price  glühend  be- 
geistert und  aus  ihrem  Begriff  heraus  mehr  als  aus  der  Fiction 


^)  Der  volle  Titel  ist: 
Observations  on  the  Nature  of  Civil  Liberty,  the  Principles  of 
Government  and  the  Justice  and  Policy  of  the  War  with  America:  to  which 
is  added  an  Appendix  and^Postscript  containing  a  State  of  the  National 
Bebt  by  Richard  Price  D.  D.  F.  R.  S.  7  «l  Ediüon  1776.  (Die  erste  Auflage 
vom  Februar  1776.) 


R.  Price.  73 

des  Staatsvertrags  wei^den  dann  die  Lehren  der  Volks- 
souveränetät  abgeleitet  und  mit  der  utilitarischen  Glückstheorie 
wie  bei  Priestley  verbunden :  ^ Alle  bürgerliche  Regierung,  so- 
weit sie  frei  genannt  werden  kann,  ist  das  Geschöpf  des 
Volks,  wurzelt  im  Volk.  Sie  wird  unter  Direcüon  des  Volks 
geführt  und  hat  nur  das  Glück  des  Volks  im  Auge.  Alle  ver- 
schiedenen Regierungsformen  sind  nichts  weiter  als  verschiedene 
Arten,  auf  die  das  Volk  beliebt,  seine  Angelegenheiten  zu  ver- 
walten und  den  ruhigen  Genuss  seiner  Rechte  zu  sichern. 
In  jedem  freien  Staat  ist  Jedeimann  sein  eigener  Gesetzgeber. 
Alle  Steuern  sind  freie  Gaben  für  den  öffentlichen  Dienst. 
Alle  Gesetze  sind  specielle  Einrichtungen  oder  Maassregeln,  die 
durch  allgemeine  Uebereinstimmung  zum  Zwecke  von  Schutz 
und  Sicherheit  festgestellt  sind.  Und  alle  Obrigkeiten  sind 
beauftragte  Veitrauensmänner  oder  Vertreter,  welche  diese 
Maassregeln  ausführen  sollen.  Es  ist  also  eine  unvollständige 
Definition,  wenn  man  sagt,  Freiheit  sei  die  Regierung  durch 
Gesetze  statt  durch  Menschen.  Wenn  die  Gesetze  durch  einen 
Menschen  oder  eine  Verbindung  von  Menschen  im  Staate  ge- 
macht werden  statt  durch  allgemeine  Uebereinstimmung,  so 
ist  solche  Regierung  von  Sklaverei  nicht  verschieden." 

Die  volle  Freiheit  kann  nur  in  kleinen  Staaten  verwirk- 
licht werden;  in  grossen  Staaten  kann  man  sich  ihr  durch 
Repräsentativsystem  in  praktisch  genügender  Weise  annähera. 
Geschieht  dies,  so  steht  allgemeiner  Weltfriede,  Conföderation 
der  freien  europäischen  Staaten  mit  internationalem  Schieds- 
gericht in  Aussicht. 

Zunächst  werden  für  England  demgemäss  kürzere  Wahl- 
perioden und  Ausdehnung  des  Wahlrechts  verlangt;  die  ge- 
wählten Volksvertreter  müssen  alle  Steuern  bewilligen  und 
ein  Veto  in  allen  Fragen  des  öffentlichen  Lebens  haben  — 
dann  aber  kann  ihnen  als  wohlthätige  Schranke  (check)  ein 
erblicher  Rath  als  höchste  Executive  beigesellt  werden  —  die 
wahre  Freiheit  liege  zwischen  Anarchie  und  Despotismus  in 
der  Mitte.  Es  giebt  zwar  unveräusserliche  Rechte  der  „mensch- 
lichen Natur**,  wozu  das  Recht,  seine  Religion  selbst  zu  be- 
stimmen, gehört,  aber  die  englische  Verfassung  mit  König 


74  Erstes  Bach,  Cap.  1. 

Lords  und  Gemeinen  ist  doch  die  vollkommenste  Verfassung, 
wenn  nur  die  Gemeinen  eine  wahre  Volksvertretung  sind  und 
ihre  Macht  nfcht  auf  unrepräsentirte  Länder  oder  Völker 
ausgedehnt  wird  —  denn  das  Fundamentalprincip  unserer  Ver- 
fassung ist  ^das  Becht  des  Volks  sein  eigenes  Geld  zu 
bewilligen." 

Man  sieht,  Price  stellt  sich  auf  einen  principiellen,  ab- 
stract  rationalistischen  Standpunkt  und  proclamirt  sogar,  ledig- 
lich von  diesem  Standpunkt  aus  (by  the  general  principles  of 
civil  libeily  and  not  by  the  practice  of  foimer  times),  sein 
Hauptthema,  den  Streit  mit  Amerika  behandeln  zu  wollen. 
Indem  er  aber  findet,  dass  die  englische  Verfassung  in  ihrem 
wahren  Inhalt  praktisch  mit  dem  abstracten  Ideal  zusammen- 
fällt, wird  er  ein  Anhänger  derselben  und  sucht  einzelne 
Postulate  unter  Berufung  auf  sie  zu  motiviren. 

Der  Streit  mit  Amerika  ei*scheint  Price  als  ein  solcher, 
der  nur  nach  „Vernunft  und  Gerechtigkeit^  zu  entscheiden 
ist.  Er  will  den  Krieg  durch  Nachgiebigkeit  und  Vei-söhnlich- 
keit  beschworen  haben,  weil  England  kein  natürliches  und 
kein  verfassungsmässiges  Becht  auf  Besteuerung  der  Amerikaner 
hat  —  und  weil  England  keinen  Vortheil  von  dem  Krieg  hat, 
der  nur  das  Unheil  von  Papiergeld  und  wachsender  Staats- 
schuld herbeiführen  kann. 

In  Bezug  auf  letzteren  Punkt  ist  Price  ein  Vorläufer  von 
Gobbett.  Seine  allgemeine  politische  Theorie  ist  die  des  utili- 
tarischen  Individualismus  und  der  Volkssouveränetät,  die  scharf 
und  klar  ausgesprochen  und  dann  hauptsächlich  zu  Gunsten 
der  amerikanischen  Colonisten  angewendet  wird.  Bei  der 
praktischen  Anwendung  wirkt  die  Anhänglichkeit  an  die  eng- 
lische Verfassung  und  ihre  Geschichte  faktisch  als  mässigende 
Schranke.  Und  wie  bei  Priestley  so  wirkt  bei  Price  als  eine 
weitere  wichtige  praktische  Schranke  seines  extremen  Badicalis- 
mus  ein  starker  Best  des  alten  puritanischen  Glaubenseifers: 

„In  dieser  Stunde  schrecklicher  Gefahr  würde  es  uns  ge- 
ziemen, unseren  Sinn  auf  den  Himmel  zu  richten.  Das  thun 
unserer  Biilder  in  den  Colonien.  Von  einem  Ende  Nord- 
amerika's  bis  zum  anderen  fasten  und  beten  sie.    Aber  was 


R.  Price-  75 

thun  wir?  Entsetzlicher  Gedanke!  Wir  verhöhnen  sie  als 
Fanatiker  und  spotten  über  Religion.  Wir  jagen  nach  Ver- 
gnügungen und  vergessen  allen  Ernst  und  Anstand  über  Masken- 
scherzen. Wir  spielen  in  Spielhäusem,  treiben  Handel  mit 
Wahlflecken,  werden  meineidig  bei  Wahlen  und  verkaufen 
uns  selbst  für  Stellen.  Welche  Partei  wird  da  die  Vorsehung 
voraussichtlich  begünstigen?  In  Amerika  sehen  wir  eine  An- 
zahl aufetrebender  Staaten  in  der  Kraft  der  Jugend,  eiibllt 
Ton  der  edelsten  aller  Leidenschaften,  der  Leidenschaft  fQr 
Freiheit  und  beseelt  von  Frömmigkeit !  Hier  sehen  wir  einen 
alten  Staat,  gross  zwar,  aber  aufgeblasen  und  iri'eligiös,  ent- 
nervt durch  Luxus,  belastet  mit  Schulden,  hängend  an  einem 
Faden  —  kann  man  ohne  Schmerz  nach  dem  Ausgang  blicken? 
Mtkssen  wir  nicht  Unglücksfälle  erwarten,  welche  unsere 
Freigeister  und  Atheisten  wieder  zum  Nachdenken,  vielleicht 
zur  Frömmigkeit  bringen  werden?" 

Wir  sehen  hier  in  der  That  nicht  nur  eine  gefUhlsmässige 
Ehrfurcht  vor  dem  traditionellen  Recht,  sondern  geradezu  ein 
sittliches  und  religiöses  Pathos,  verbunden  mit  dem  zer- 
setzendsten ,  schrankenlosesten ,  politischen  Rationalismus. 
Aber  diese  Gefühle  entstammen  nicht  einem  durchdachten 
Idealismus,  der  einen  wirklichen  Gegensatz  zu  dem  materia- 
listischen Rationalismus  bilden  würde.  Alle  öfifentlichen  Ein- 
richtungen  sollen  den  Interessen  der  Einzelnen  nützlich  sein 
und  Price  glaubt,  dass  die  englische  Verfassung  und  dass 
ein  warmer  Gottesglaube  in  gleicher  Weise  nützlich  seien. 
Einem  politischen  Individualisten  gegenüber,  der  dies  eben  nicht 
glaubt,  würde  Price  kein  Argument  haben;  er  glaubt  es  aber 
noch  und  unterscheidet  sich  dadurch  von  seinen  französischen 
Vorgängeni,  während  er  sich  seinen  englischen  Vorgängeni 
dadurch  anschliesst.  Er  glaubt  es,  ohne  dass  dies  eine 
nothwendige  Consequenz  seiner  sonstigen  Doctrinen  wäre, 
aber  er  kann  es  glauben,  ohne  positiv  inconsequent  zu  sein. 
Er  glaubt  es  ernstlich ,  aber  dieser  Glaube  ist  nicht  die  vor- 
herrschende Kraft,  die  ihn  als  Politiker  beherrscht. 

WMe  wenig  eine  principiell  durchdachte  ideale  Weltauf- 
fassung die  Wurzel  dieses  Glaubens  bei  Price  ist,  geht  aus  seiner 


76  Erstes  Bach,  Cap.  1. 

Schrift  „  A  Beview  of  the  principal  Questions  and  Difficulties  in 
Morals"  (2.  Aufl.  1769)  hervor.  Der  philosophische  Verfechter 
der  Selbständigkeit  der  Begriffe  von  Recht  und  Unrecht  ver- 
wandelt sich  hier  am  Schlüsse  der  Schrift  in  den  nüchternen 
politischen  Arithmetiker  und  Wahi-scheinlichkeitsrechner  und 
beweist,  dass,  wenn  Mr  auch  an  das  ewige  Leben  mit  Lohn 
und  Strafe,  welches  die  Religion  lehil,  nicht  fest  glauben, 
schon  die  Möglichkeit  seiner  Existenz  nach  der  richtigen  Be- 
rechnung^ der  Chancen  es  als  klug  und  vortheilhaft  erscheinen 
lässt,  tugendhaft  zu  leben.  „Es  besteht  nicht  nur  eine  gleiche 
Chance,  sondem  eine  grosse  Wahrscheinlichkeit  für  die  Wahr- 
heit der  Religion.  Durch  Laster  kann  man  Nichts  gewinnen, 
sondern  man  verliert  dadurch  gewöhnlich  den  besten  Theil 
gegenwärtiger  Vortheile.  Die  Tugend  verlangt  von  uns  nicht, 
das  Glück  des  Lebens  aufzugeben,  sondern  nur  unsere  Thor- 
heiten,  Krankheiten  und  unser  Elend.  Was  müssen  wir  bei 
solchem  Stand  der  Frage  von  der  NaiTheit  einer  sündigen 
Wahl  denken!"  —  —  Solche  Motivirung  ethischer  Postulate 
erscheint  uns  als  abstossend  und  unbegreiflich,  wenn  nicht  als 
geradezu  kindisch  naiv  —  und  doch  war  sie  echt  englisch; 
der  ähnliche  utilitarische  Gedankengang  kehrt  auch  bei  Paley» 
dem  eifrigen  Anhänger  der  Staatskirche,  wieder. 

§  2.    William  Paley. 

Dies  führt  uns  zur  Betrachtung  eines  ausserordentlich 
beliebten  und  wirksamen  Schriftstellers,  der  ein  strammes 
kirchliches  Christenthum  mit  dei-  grössten  Energie  vertrat, 
der,  obwohl  kein  politischer  Parteimann,  doch  principiell  Zu- 
friedenheit mit  dem  Bestehenden  predigte,  der  also  in  kirch- 
licher und  politischer  Hinsicht  von  Natur  ein  Conservativer  — 
und  doch  zugleich  der  unbedingteste  Anhänger  und  vielleicht 
der  erfolgreichste  Vertreter  des  ütilitarianismus  war. 

William  Paley  war  1743  geboren,  begann  seine  literarische 
Thätigkeit  1774  und  starb  1805.  Ein  Zeitgenosse  des  Dissen- 
tera  Priestley,  des  Freigeists  Bentham  und  des  alten  Whig's 
Burke  hat   er  den  ethischen  Materialismus  der  Utilitätslehre 


Paley.  77 

mit  den  Lehren  der  Bestrebungen  der  Staatskirche  innig  ver- 
bunden. Er  war  kein  origineller  Denker,  aber  er  besass  eine 
durch  mathematische  Studien  geschulte  Klarheit  der  Dar- 
stellung, welche,  oft  mit  Flachheit  gepaart,  darum  nicht  weni- 
ger wirkte.  Durch  seine  Lebensstellung  sowie  durch  seine 
ganze  Lebensweise  und  Lehre  war  er  ein  Vertreter  alles  des- 
sen, was  die  nüchterne  „respectability"  des  Engländere  ver- 
langt Er  gab  den  Principien  der  ütilitarier  den  kirchlichen 
Segen,  —  dass  er  ein  so  allgemein  beliebter  und  anerkannter 
Schriftsteller  werden  konnte  und  dass  ihn  namentlich  auch  die 
alten  Conservativen  als  Autorität  verehrten  —  diese  That- 
sache  beweist  vielleicht  am  deutlichsten,  dass  und  wie  die 
Weltanschauung  eines  rationalistisch  -  materialistischen  Indi- 
vidualismus zum  Siege  in  England  gelangt  war.  Paley  schrieb 
sein  erstes  grösseres  Werk  ehe  Bentham's  Principien  der 
Moral  und  Gesetzgebung  ei*schienen  waren.  Er  kam  offenbar 
ohne  directe  Beeinflussung  Bentham's  auf  seine  Theorien;  sie 
wuchsen  aus  der  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  im 
Niedergang  befindlichen  Theologie  heraus  0»  von  der  Paley 
wie  seine  nächsten  Vorgänger  und  seine  Schüler  die  äusseren 
Formen  des  Kirchenthums  und  den  Glauben  an  die  Hölle  bei- 
behielt, während  er  im  Grunde  ein  klarer  aber  flacher  Rationalist 
war,  der  nur  zu  bequem  war,  seine  Theorien  in  den  Dienst 
des  Strebens  nach  socialer  und  politischer  Refoim  zu  stellen. 
Als  Meisterwerk  von  Paley  in  Bezug  auf  Klarheit  und 
Schönheit  der  Darstellung,  zugleich  als  diejenige  Schrift,  in 
der  die  Methode  des  Verfassei*s  am  charakteristischsten  ent- 
wickelt ist,  gelten  allgemein  die  Horae  Paulinae  von  1790  — 
ein  Buch,  in  dem  die  Echtheit  der  Paulinischen  Briefe  nach- 
gewiesen wird.  Die  „Evidences  of  Christianity**  von  1794 
trugen  ihm  gix)sse  Ehren  in  weiten  Kreisen  und  fette  Pfrün- 
den ein,  welche  in  der  seinen  gesammelten  Werken*)  vorge- 
druckten kurzen  Lebensgeschichte  Paley's  als  besonders  wichtig 
für  das  Verständniss  seiner  Ideen  und  als  besonders  rühmlich 


^)  üeber  Paley's  Stellung  zur  zeitgenössischen  Theologie  s.  Leslie 
Stephen  1.  c.  bes.  cap.  8  §  38  ff.  u.  cap.  9  §  131  ff. 

«)  The  Works  of  William  Paley  D.  D.  A  new  Edition.    London  1849. 


78  Erstes  Bach,  Cap.  1. 

für  ihn  vom  Herausgeber  vollständig  aufgezählt  werden.  Sein 
letztes  grosses  Werk,  die  „Natural  Theology"  enthält  die  voll- 
kommenste Zusammenfassung  des  Paley'schen  Gottesglaubens 
und  Christenthums  —  seine  für  uns  bedeutungsvollste  grössere 
Schrift  ist  aber  die  erste,  nämlich  die  „Principles  of  Moral 
and  Political  Philosophy"  von  1785. 

.  Um  zuerst  einen  kurzen  Blick  auf  die  späteren  Werke 
zu  werfen ,  so  enthält  die  „Natural  Theology"  in  äusseret  ge- 
schickt populärer  Darstellung,  in  verschiedenen  angenehm  an- 
regenden Variationen  und  mit  Aufwand  einiger  naturwissen- 
schaftlicher Kenntnisse  den  alten  trivialen  Satz,  dass  es  einen 
Gott  geben  müsse,  weil  alle  Naturgesetze  einen  Gesetzgeber, 
weil  alles  Kunstvolle,  Schöne  und  Zweckmässige  einen  Grund 
und  eine  Ursache,  einen  schaffenden  Willen  voraussetzt. 
Wenn  wir  die  Welt  ansehen,  so  müssen  wir  gerade  so  einen 
denkenden  Schöpfer  der  Welt  annehmen,  als  uns  der  Anblick 
der  Uhr  zur  Annahme  der  Existenz  eines  Uhrmachere  zwingt. 
Denn  jede  sinnreiche  Schöpfung  muss  einen  sinnreichen  Schöpfer 
haben  („a  contrivance  must  have  a  contriver'*). 

Diese  äusseret  nüchterne  und  von  Paley  ohne  jeden  prak- 
tischen oder  theologischen  Schwung  ausgeführte  Betrachtung 
ist  an  sich  nichts  Weiteres  als  eine  Anwendung  des  allgemei- 
nen Causalitätsgesetzes,  sie  sagt  uns  des  Näheren  über  das 
Wesen  Gottes  und  seine  fortgesetzten  Beziehungen  zur  Welt 
Nichts.  Man  gewinnt  im  Grunde  nur  einen  Namen  für  die 
unbekannte  Ursache  aller  Dinge  und  die  Vorstellung,  dass 
diese  Ursache,  genannt  Gott,  eine  mit  Selbstbewusstsein  be- 
gabte und  mit  bewussten  Absichten  erfüllte  Persönlichkeit 
sein  müsse.  Dabei  ist  aber  nur  die  Nothwendigkeit  einer  Ur- 
sache überhaupt  strikte  beweisbar  und  bewiesen,  während  für 
die  Behauptung,  dass  der  schaffende  Gott  in  der  That  „an 
intelligent  Creator"  sein  müsse,  sich  nur  eine  grosse 
Wahrecheinlichkeit  beweisen  lässt. 

Indessen  Paley  ist  der  Ansicht,  dass  sein  auf  rein  rationa- 
listischem Wege  bewiesener  Gottesglaube  das  religiöse  Gefühl 
überhaupt  belebe  und  eine  Neigung  zum  Glauben  an  Offen- 
barung  hervoiTufe.      Aus   dem    Theismus    der   „natürlichen 


Paley.  79 

Theologie^^  entspringe  der  Wunsch  nach  weiterer  Belehrung 
und  die  Betrachtung  der  Natur  liefere  sogar  direete  Mittel 
zur  Stärkung  des  Glaubens  an  einzelne  Lehren  der  Offen- 
barung, wie  z.  B.  die  Auferstehung  nach  dem  Tode  durch  die 
Analogie  mit  der  Entwicklung  des  Schmetterlings  aus  der 
Larve  unterstützt  werde. 

Doch  es  ist  nicht  die  Aufgabe  jenes  Werks,  das  positive 
Christenthum  hi  beweisen.  Es  wird  nur  die  Existenz  eines 
Gottes  bewiesen.  Dass  Religion  und  Gottesglaube  im  tiefsten 
Innern  unseres  Gefühls  ihre  Wurzel  haben  müssen,  dass  leben- 
diger innerer  Glaube  und  objectiver  wissenschaftlicher  Beweis 
sich  gegenseitig  ausschliessen,  dass  durch  ein  voraussetzungs- 
loses Betrachten  der  Natur  mit  dem  Auge  der  kritischen  Ver- 
nunft allein  nie  die  Religion  den  Menschen  näher  gebracht, 
sondern  höchstens  die  Tendenz,  sich  bei  gewissen  Dogmen  zu 
beruhigen,  erzeugt  werden  kann  —  das  Alles  sind  Paley  unbe- 
kannte Dinge. 

Uebrigens  ist  die  Theorie  von  dem  Uhrmacher  des  grossen 
Weltuhrwerks  Etwas,  worin  sich  ein  prosaisch  foi-schender 
Geist  ohne  weitere  Inconsequenzen  versenken  kann,  wenn  er 
eben  nur  die  philosophische  Zulässigkeit  des  Gottesbegriffs 
und  nicht  Religion  lehren  will.  In  den  Evidences  of  Christianity 
unternimmt  Paley  die  schwierigere,  ja  im  Grunde  ganz  un- 
mögliche Aufgabe,  das  Christenthum  seinem  ganzen  Inhalte 
nach  als  wahr  auf  rationalistischem  Wege  beweisen  zu  wollen,  — 
ein  Versuch,  der  nothwendig  mit  einer  höchst  traurigen  Ver- 
kfimmeioing  des  Inhalts  des  Christenthums  endigt 

Paley  hält  es  zunächst  (Hume  gegenüber)  für  wahrschein- 
lich, dass  Gott  die  Menschen  durch  Wunder  und  Offenbarung 
belehrt  hat,  nachdem  er  sie  einmal  geschaffen  und  zu  ewigem 
Leben  bestimmt  hat.  Die  überlieferten  Wunder  sind  also  zu- 
nächst nicht  unglaublich.  Dass  sie  aber  auch  wirklich  wahr 
sind ,  das  folgt  zumeist  aus  der  Entstehung  und  Ausbreitung 
des  Christenthums  trotz  aller  äusseren  Schwierigkeiten.  Die 
wunderbare  Wirkung  weist  also  auf  eine  wunderbare  Ursache 
hin.  Dass  dieser  Gioind,  der  auf  jede  andere  weithin  ver- 
breitete Religion  ebensogut  angewendet  werden  kann,   unge- 


80  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

nügend  ist,   leuchtet  ein.     Paley  selbst  scheint  zu  fühlen, 
dass  die  Thatsache    einer  speciellen  göttlichen   Offenbarang 
des  Christenthums  durch  die  innere  Wahrheit  und  Schönheit 
des  Ghnstenthums  selbst  wahrscheinlich  gemacht  werden  muss. 
Aber  dies  Bedüi-fniss ist  doch  nur  wieder  ein  rein  rationalistisches; 
die  innere  Empfindung  des  Einzelnen  von  der  Wahrheit  der 
christlichen  Heilslehre,  die  auf  Eifahrung  des  eigenen  Gemüths 
beruht,  fQr  das  einzig  Wichtige  und  Massgebeide  zu  halten, 
das  liegt  Paley  fei*ne.  Er  findet,  dass  der  ganze  Inhalt  des 
Christenthums  sehr  geeignet  sei ,  Glück  zu  befördern  und  dass 
insbesondere  die  Hauptlehre  des  Christenthums,  die  Hoffnung 
auf  den  Himmel  und  die  Furcht  vor  der  Hölle,  so  ausser- 
ordentlich nützlich,  heilsam  und  nothwendig  zur  Aufrechter- 
haltung  der  Ordnung  in  der  Welt  sei,  dass  diese  Lehre  offen- 
bar vom  Weltsehöpfer  aufgestellt  und  den  Menschen  mitge- 
theilt  worden  sein  müsse.    Paley  theilt  dem  Gott  des  Christen- 
thums also  etwa  die  Rolle  eines  Wächters  der  jetzt  bestehenden 
gesellschaftlichen  Ordnung  zu.    Dei*selbe  Grund,  aus  dem  Price 
empfiehlt,  für  alle  Fälle  sei  es  gescheidter,  tugendhaft  zu  sein, 
wird  bei  Paley  Beweis  für  die  Wahrheit  des  Christenthums, 
Price  meint,  es  sei  vortheilhaft,  tugendhaft  zu  sein,  weil  doch 
ein  Jenseits  sein  könne;  Paley  meint,  die  berechnende  Specu- 
lation  auf  das  Jenseits  sei  so  unentbehrlich  für  ein  verstän- 
diges Leben  der  Menschen,  dass  Gott  diese  Speculation  ge- 
wollt haben  müsse:  —  bei  dem  Dissenter  und  dem  Staats- 
kirchler,  und  bei  letzterem  noch  viel  ausführlicher  und  cyni- 
scher,  ist  das  Christenthum  nicht  nur  vor   den  Richterstuhl 
der  menschlichen  Kritik  gestellt  und  zu  einem  Object  wissen- 
schaftlicher Frage  gemacht  —  sondern  es  ist  geradezu  zu  einem 
Posten  im  kaufmännischen  Hauptbuch  jedes  Menschen  degra- 
dirt.    Man  lese  die  Schlussworte  der  „Evidences":  Wenn  ein 
Leben  nach  dem  Tode  und  die  Offenbamng  eines  solchen  Lebens 
nicht  nur  völlig  mit  den  Eigenschaften  des  Wesens  überein- 
stimmen, welches  das  Weltall  beherrscht,  sondera  wenn  noch 
das  Grössere  dazu  kommt,  dass  diese  Annahme  allein 
denSchein  des  Widerspruchs  entfernt,  derseinem 


Paley.  81 

Willen  gegenüber  von  Geschöpfen  anhaftet,  die 
des  Verdienstes  und  der  Schuld,  des  Lohnes  und 
der  Strafe  fähig  sind;  wenn  eine  grosse  Menge  historischer 
Beweise,  bekräftigt  durch  viele  innere  Unterpfänder  von  Wahr- 
heit und  Echtheit,  uns  gerechten  Grund  dafür  giebt,  dass 
solch  eine  Offenbarung  wirklich  stattgefunden  —  so  können 
wir  unseren  Geist  beruhigen  mit  der  sicheren  Ueberzeugung, 
dass  es  der  Weisheit  des  Schöpfers  nicht  an  Mitteln  fehlen 
kann,  die  Absicht  Gottes  auszuführen ;  dass  entweder  ein  neuer 
und  mächtiger  Einfluss  in  die  Menschenwelt  herabgelangen  wird, 
das  erstorbene  Gewissen  wieder  zu  wecken,  oder  dass  unter 
den  anderen  wunderbar  sinnreichen  Einrichtungen  im  Weltall, 
von  denen  einige,  wie  wir  sehen,  das  thierische  Leben  in  ver- 
vollkommnete Daseinsfonnen  umwandeln auch  Voi-sorge 

getroffen  ist,  wenn  auch  durch  uns  verborgene  Mittel,  dafür, 
dass  die  Unterthanen  von  Gottes  moralischer  Hen^schaft  durch 
die  nothwendigen  Wandlungen  ihrer  äusseren  Gestalt  zu  jenen 
endgültigen  Untei-schieden  von  Glück  und  Elend  hindurch- 
gefbhrt  werden,  die  uns  nach  seiner  Erklänmg  für  Gehorsam 
und  Ungehorsam  bevorstehen,  für  Tugend  und  Laster,  für 
Gebrauch  und  Veniachlässigung ,  für  richtige  und  unrechte 
Verwendung  der  Eigenschaften  und  Kräfte,  mit  denen  es  ihm 
gefallen  hat  uns  auszurüsten  und  zu  prüfen."  —  D.  h.  der 
Strafrichter  auf  Erden  muss  durch  Gott  in  seiner  ungenügen- 
den Wirksamkeit  ergänzt  werden.  Desshalb  ist  es  nothwendig, 
zu  glauben,  dass  Gott  das  Christenthum  geoffenbart  hat,  dessen 
wesentlicher  Bestandtheil  die  Höllenfurcht  ist  —  wahrlich  ein 
solches  Christenthum  steht  tief  unter  jeder  Sittenlehre  eines 
Freigeists,  der  das  Gute  um  seiner  selbst  willen  zu  lieben 
lehrt!  Das  Buch  ist  gegen  Paine  gerichtet,  aber  selbst  ein 
Paine  hatte  mehr  Idealismus  als  dieser  Geistliche  der  Staats- 
kirche. 

Doch  wenden  wir  uns  zu  den  „Principles  of  Moral  and 
Political  Philosophy",  die  Law  dedicirt  sind  und  in  denen 
Paley  selbst  sich  als  Nachfolger  ton  Tucker  bezeichnet  und 
keinen  Anspruch  auf  grosse  Originalität  erhebt.  Mit  Recht 
hält  Paley  es  für  nöthig,  Moral  und  Politik  vereinigt  zu  be- 

Held,  Soe.  Gascb.  Engl.  6 


82  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

bandeln.  Er  beginnt  mit  den  moralischen  Untersuchungen 
und  bezeichnet  die  Moralphilosophie  als  die  Wissenschaft,  die 
uns  unsere  Pflichten  und  deren  Gründe  lehrt.  Die  Regeln  sind 
das  Gesetz  der  Ehre,  das  Gesetz  des  Landes  und  das  Gesetz 
der  Schrift;  angeborene  moralische  Instinkte  giebt  es  nicht, 
wenigstens  kann  die  Morallehre  nicht  darauf  begründet  werden. 
Der  grundlegende  Begiiff  ist  das  Glück  (Buch  I  Gap.  4)  und 
glücklich  ist  nach  Paley,  ganz  wie  nach  Bentham  (vergl. 
unten)  jeder  Zustand,  in  dem  die  Summe  von  Lust  die  Summe 
von  Leid  übeitiifft.  In  der  Au&ählung  der  einzelnen  pleasures 
und  pains  ist  er  dann  allerdings  Bentham  überlegen,  indem 
Sinnengenuss,  Freiheit  von  Arbeit,  hoher  Bang  etc.  nicht  die 
wesentlichen  Bestandtheile  des  Glücks  sind,  sondern  die  Be- 
thätigung  unserer  gesellschaftlichen  Neigungen,  die  Uebung 
unserer  Kräfte  in  Verfolgung  von  Zwecken,  die  weise  Reglung 
unserer  Gewohnheiten  und  unsere  Gesundheit.  Daher  ist  das 
Glück  so  ziemlich  in  allen  Ständen  gleich  vertheilt  und  schon 
in  dieser  Welt  macht  die  Tugend  glücklicher  als  das  Laster. 
Tugend  ist  den  Menschen  Gutes  thun  im  Gehorsam  gegen 
Gott  und  um  ewigen  Glückes  willen. 

Soweit  Paley  hierbei  Bentham  überlegen  ist,  ist  er  es 
doch  eigentlich  nur  durch  grössere  Menschenkenntniss ,  denn 
im  Grunde  ist  der  Gottesbegriff  nur  äusserlich  beigefügt  und 
es  herrscht  eine  materialistisch-individualistische  Anschauung, 
was  gleich  im  IL  Buche  deutlicher  hervortritt  Hier  heisst 
es,  „der  Untei*schied  zwischen  Klugheit  und  Pflichtgefühl  sei 
lediglich  der,  dass  wir  im  ersten  Fall  überlegen,  was  wir  in 
dieser  Welt  gewinnen  oder  verlieren ,  im  letzteren  Fall  auch 
in  Betracht  ziehen,  was  wir  in  der  künftigen  Welt  gewinnen 
oder  verlieren."  In  beiden  Fällen  überlegen  wir  lediglich, 
„was  wir  selbst  durch  eine  Handlung  gewinnen  oder 
verlieren  und  Verpflichtung  ist  nichts  weiter  als  eine  Ver- 
anlassung von  genügender  Stärke." 

Der  moralische  Mensch  ist  also  der  Spielball  gewisser 
Berechnungen  und  denkt  nur  an  sich  allein. 

„Die  Methode,  den  Willen  Gottes  in  Bezug  auf  eine  Hand- 
lung aus  der  Natur  zu  erkennen,  ist  die,  dass  wir  nach  der 


Paley.  83 

Tendenz  der  Handlung,  das  allgemeine  GlQck  zu  ver- 
mehren oder  zu  vermindern,  fragen.  Diese  Regel  be- 
ruht auf  der  Annahme,  dass  der  allmächtige  Gott  das  Glück 
seiner  Gsschöpfe  will  und  wünscht  —  und  diese  Annahme  ist 
die  Grundlage  unseres  Systems''.  (Gap.  4):  „Was  zweckmässig 
ist,  ist  recht.  Die  Nützlichkeit  einer  moralischen  Regel  macht 
sie  allein  verpflichtend"  —  natürlich  die  „Nützlichkeit  im 
Ganzen  unter  Beiücksichtigung  aller  Nebenwirkungen  und  ent- 
fernteren Folgen." 

Das  ist  Bentham  unter  Zufügung  einer  unnöthigen  und 
unbewiesenen  Annahme.  Im  ei*sten  Buch  definirt  Paley  den 
Glücksbegriff  so,  dass  die  Utilitätslehre  als  ungenügend  er- 
scheinen muss,  da  sein  menschliches  Glück  sich  aus  Factoren 
zusammensetzt,  die  nicht  gemessen  und  gewogen  werden  können. 
Aber  der  Gedanke,  dass  es  für  das  Glück  nicht  auf  das  be- 
rechenbare Erreichte,  sondern  auf  das  unschätzbare  Streben 
ankomme,  wird  nicht  verfolgt  Da  Paley  nur  an  das  indi- 
viduelle Glück  denkt,  so  bleibt  er  in  der  Voi-stellung  von 
der  mechanischen  Wirkung  des  Gedankens  an  Lohn  und  Strafe 
stecken. 

Die  Geistesverwandtschaft  mit  Bentham  zeigt  sich  wo 
möglich  noch  deutlicher,  wenn  Paley  nun  einzelne  Institutionen 
des  Rechts  und  politische  Fragen  untersucht.  Er  erkennt 
zwar  ursprüngliche  „gleiche  Rechte  der  Menschen"  an,  diese 
sind  aber  sehr  allgemeiner  Art,  wie  z.  B.  das  Recht  von 
Pflanzen  und  Thieren  zu  leben;  das  Wahlrecht  (s.  Cap.  6) 
gehört  nicht  zu  diesen  Rechten.  Die  Yeimögensungleichheit 
scheint  auf  den  ersten  Blick  (Cap.  3)  paradox  zu  sein,  ebenso 
das  Privateigenthum.  Letzteres  aber  ist  doch  richtig,  weil 
es  durch  Anspomung  der  Productivität  der  Menschen  über- 
wiegenden Nutzen  ei*zeugt.  Auch  das  Grundeigenthum  ist 
deshalb  zu  rechtfertigen;  es  beiuht  auf  dem  Gesetz  des 
Landes,  nicht  auf  der  Gerechtigkeit  der  ursprünglichen  An- 
eignung. 

Der  Staat  beiuht  nach  Paley's  wie  nach  Bentham's  An- 
sicht nicht  auf  Vertrag;   die  Widerlegung   der  Fiction   des 

6* 


84  Erstes  Buch,  Gap.  1. 

Staatsvertrags  (Buch  6,  Cap.  3)  gehört  unbedingt  zu  den 
besten  Leistungen  Paley's  und  er  macht  sogar  einen  Ansatz, 
den  Staat  historisch  und  organisch  zu  erklären.  Der  Staat 
sei  aus  der  Familie  oder  aus  militärischer  Führerschaft  heraus- 
gewachsen, Gewohnheit  und  Verjährung,  Vernunft  und  Egois- 
mus bewirkten  den  fortgesetzten  Gehorsam  der  Regierten. 
Aber  worauf  beiuht  die  Pflicht  des  Gehorsams  gegen  die 
Regieiaing?  Antwort:  „Auf  dem  Willen  Gottes,  abgeleitet 
aus  Erfahrung."  Nämlich:  Gott  will  das  Glück  der  Menschen; 
Staatseinrichtungen  befördern  diesen  Zweck ;  sie  können  nicht 
bestehen,  wenn  nicht  jeder  Einzelne  sich  dem  Interesse  des 
Ganzen  unterwirft  Also:  „So  lange  als  es  das  Interesse  der 
ganzen  Gesellschaft  verlangt,  d.  h.  so  lange  man  der  bestehen- 
den Regierung  nicht  Wideretand  leisten  oder  sie  ändera  kann 
ohne  öffentlichen  Nachtheil ,  so  lange  und  nicht  länger  ist  es 
Gottes  Wille,  dass  man  der  bestehenden  Regierung  gehorche. 
Dies  zugestanden,  reducirt  sich  die  Frage  nach  der  Gerechtig- 
keit jedes  einzelnen  Falls  von  Widerstand  auf  eine  Abwägung 
der  Menge  von  Gefahr  und  Leiden  auf  der  einen  Seite  mit 
der  Wahrscheinlichkeit  und  den  Kosten  der  Abhülfe  auf  der 
anderen  Seite.  Aber  wer  soll  dies  entscheiden?  Wir,  jeder 
Mann  für  sich  selbst." 

Diese  Regel  ist  ungefährlich,  da  jede  andere  in  der  Aus- 
fühi-ung  auch  von  privatem  Urtheil  abhängt.  „Jeder  Ge- 
brauch, jedes  Gesetz  kann  abgeschafft  werden,  selbst  die 
hen-schende  Dynastie  kann  entsetzt  werden  auf  legalem  Weg 
oder  durch  Revolution,  wenn  es  für  die  Gesammtheit  vor- 
theilhaft  ist."  —  Und  darauf  folgen  dann  wieder  allgemeine 
Sätze,  dass  alle  rechtliche  Vei*pflichtung  sich  in  Nützlichkeits- 
fragen auflöse,  dass  das  Interesse  der  Gesammtheit  das  des 
Einzelnen  binde,  dass  aber  der  öffentliche  Nutzen  sich  aus 
dem  Vortheil  jedes  Einzelnen  und  der  Zahl  dieser  Einzelnen 
berechne.  — 

Was  nützt  es,  dass  Paley  sich  dabei  auch  auf  die  Bibel 
beruft?  Der  schärfste  principielle  Gegensatz  gegen  die  Staats- 
vertragstheorie  ist  die  Begründung  der  Staatsgewalt  auf  Gottes 
Willen  oder  auf  das  Sittengesetz,  das  die  göttliche  Autorität 


Paley.  85 

gesetzt  hat.  Aber  für  Paley  giebt  es  keine  der  Majorität  ent- 
gegengesetzte Autorität.  Denn  sein  Gott  ist  nicht  das  der 
Menschheit  vorschwebende  sittliche  Ideal,  sondern  nur  ein  Name 
für  ein  wichtiges  Motiv  zu  individuell  betrachtet  nützlichen 
Handlungen.  So  tritt  er  praktisch  den  auflösenden  Staats- 
vertragstheorien so  wenig  entgegen  wie  Bentham  und  es  ist 
ein  nur  in  seinem  Naturell  und  seinen  anei-zogenen  Neigungen 
nicht  ein  in  seinen  Grundanschauungen  basirter  Unterschied, 
dass  er  faktisch  keine  leidenschaftliche  Vorliebe  für  Revolution 
hat,  sondeiTi  gesetzliche  Entwicklung  meist  für  vortheilhafter 
hält.  Die  Untei-werfung  unter  nützliche  und  heilsame  Gesetze 
ist  der  bürgerlichen  Freiheit  nicht  zuwider  (Cap.  5),  weil  sie 
dem  Interesse  der  Gesammtheit  dient  Von  den  ver- 
schiedenen Staatsformen  hat  jede  ihren  Nutzen  und  Schaden; 
Strafe  für  Verbrechen  ist  nöthig  nicht  wegen  der  Gerechtig- 
keit, sondern  um  Verbi'echen  zu  verhüten  (Gap.  9).  Eine 
Staatskirche  mit  unbedingter  Toleranz  gegen  politisch  unge- 
fährliche Dissentei-s  ist  eine  äussei-st  weise  Einrichtung  (Cap.  10). 
Stehende  Heere  sind  zu  empfehlen,  weil  sie  gleiche  Wehrkraft 
mit  geringeren  Kosten  sichern,  und  sie  müssen  allein  unter 
dem  Monarchen  stehen  (Cap.  12).  Man  sieht,  Paley  folgert  aus 
seinem  Princip  keine  umwälzenden  Postulate,  aber  das  Princip 
selbst  bleibt  immer  das  Gleiche  wie  bei  Bentham  und  der 
Gedanke  des  organischen  Staats  wird  von  ihm  schroff  abge- 
wiesen : 

„Wenn  wir  auch  von  Gesammtheiten  wie  von  lebenden 
Wiesen  reden,  so  existirt  doch  in  Wirklichkeit  Nichts  und 
Nichts  empfindet  als  die  Individuen.  Das  Glück  eines 
Volks  besteht  aus  dem  Glück  der  einzelnen  Menschen"  (Cap.  11). 

In  der  Bevölkerungsfrage  erkennt  Paley  an,  dass  die 
Vermehioing  durch  die  Subsistenzmittel  beschränkt  sei,  aber 
er  hält  Steigei-ung  der  Production,  namentlich  durch  Er- 
muthigung  des  Ackerbaues,  sowie  gute  Vertheilung  der  Güter 
für  möglich  und  wichtig.  Er  ist  also  nicht  so  schroff  wie 
Malthus.  Ueberhaupt  fehlt  es  Paley  keineswegs  an  praktisclier 
Einsicht  und  er  erkennt  bei  einzelnen  Fragen  ohne  Vorein- 
genommenheit das  wirklich  Nützliche  oft  sehr  richtig.   Es  ist 


86  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

ja  auch  durchaus  erlaubt,  ja  unvermeidlich,  einzelne  frag- 
liche Massregeln  auf  ihre  Nützlichkeit  zu  prüfen  —  der  Fehler 
ist  nui*  der,  dass  Paley  die  Nützlichkeit  zum  ausschliesslichen 
obersten  Princip  aller  Moral  und  Politik  erhebt,  weil  dadurch 
die  Grundbestimmungen  aller  Moral  und  Politik,  ja  der  Staat 
selbst  zu  einer  Frage  der  individuellen  Willkür  werden ,  weil 
dadurch  beschränkte,  engherzig  egoistische,  materialistische 
Rücksichten  die  einzig  leitenden  Motive  werden,  nirgends  mehr 
eine  wirklich  zusammenhaltende,  belebende  Kraft  und  eine 
feste  unwegräumbare  Schranke  oppositioneller  Willkür  besteht. 

Hervorzuheben  sind  noch  Paley's  Ansichten  über  die  eng- 
lische Verfassung  (Buch  6,  Cap.  7).  Diese  ist  nach  Paley 
nicht  nach  planvollem  Princip  symmetrisch  aufgebaut,  sondern 
aus  Zufälligkeit  und  Nothwendigkeit  im  Laufe  der  Zeit  heraus- 
gewachsen. Refoimpläne  dürfen  nicht  nach  speculativen 
Idealen,  sondern  durch  Vergleich  der  Thatsachen  beurtheilt 
werden.  Demgemäss  solle  man  weder  alles  Bestehende  blind 
bewundem,  noch  ungeduldig  neueiaingssüchtig  sein.  Das  Wahl- 
recht für  das  Haus  der  Gemeinen  zu  refonniren,  sei  verfehlt, 
denn  es  komme  nicht  darauf  an,  wer  wählt,  sondern  ob  die 
geeignetesten  Leute  gewählt  werden,  und  das  jetzige 
Haus  der  Gemeinen  enthalte  faktisch  die  denkbar  geschäfts- 
kundigsten und  solche  Leute,  die  das  denkbar  höchste  Interesse 
an  der  allgemeinen  Wohlfahrt  hätten. 

Die  Idee  der  historisch  -  organischen  Entwicklung  der 
Staatsverfassung  wird  also  nicht  weiter  verfolgt,  sondeni  aus 
Nützlichkeitsgitinden  wird  Zufriedenheit  mit  den  bestehenden 
Zuständen  gepredigt.  Welche  Antwort  aber  hätte  Paley  für 
diejenigen,  welche  behaupten,  das  aristokratische  Haus  der 
Gemeinen  kenne  und  vertrete  nicht  das  Interesse  der  Mas- 
sen und  das  ganze  Volk  müsse  durch  seine  wirklichen  Ver- 
treter für  sein  nur  von  ihm  selbst  erkanntes  Wohl  sorgen? 
Was  könnte  Paley  denjenigen  antworten,  die  behaupten,  dass 
die  200  000  Wähler  bei  der  Wahl  nur  an  ihre  eigenen 
Interessen  denken?  Er  könnte  den  Anhängern  dieser  Meinung 
nicht  einmal  antworten,  dass  die  Erhaltung  der  Rechtsconti- 
nuität  ein  über  allen  Interessen  stehendes  höchstes  Postulat 


Paley.  87 

sei ,  da  er  ja  selbst  nützliche  und  erfolgi*eiche  Revolution  für 
erlaubt  erkläi-t  Und  eine  i*adicale  Aendemng  des  Wahl- 
rechts auf  gesetzlichem  Wege  könnte  er  noch  weniger  ab- 
lehnen, wenn  man  ihm  bewiese,  dass  allgemeines  Wahlrecht 
für  die  Zukunft  nützlich  sei,  denn  plötzliche  radicale  Aende- 
rungen  sind  ihm  nicht  an  sich  als  Widerspmch  gegen  organische 
Entwicklung,  sondern  höchstens  wegen  ihrer  wahrscheinlichen 
störenden  Wirkungen  verwei-flich.  Wie  aber  wenn  Jemand 
fest  überzeugt  ist,  dass  in  einem  besonderen  Falle  diese 
störenden  Wirkungen  gering  sind  im  Vergleich  mit  den  zu- 
künftigen Vortheilen? 

Bentham  verrannte  sich  in  sein  Nützlichkeitsprincip,  weil 
er  überhaupt  nicht  nach  Rechts  und  Links  blickte,  sondeiii 
in  seiner  Einsamkeit  immer  ausschliesslicher  und  einseitiger 
sich  darauf  warf,  die  Folgerungen  einer  einmal  empirisch  er- 
kannten Wahrheit  zu  ziehen.  Paley  hatte  einen  offenen  Blick 
für  das  wirkliche  Leben  und  ein  ungewöhnliches  Talent 
scharfer,  klarer,  einfacher  Erfassung  und  Darstellung  aller 
Probleme.  Aber  die  Möglichkeit,  aus  seinem  überaus  be- 
schränkten Princip  heraus  eine  scheinbar  befriedigende  und 
populär  einleuchtende  Lösung  aller  schwebenden  Fragen  abzu- 
leiten, gewann  er  doch  nur  dadurch,  dass  er  in  der  Betrach- 
tung des  wirklichen  Lebens  ebenso  kurzsichtig  blieb,  als  er 
in  der  Conception  leitender  Ideen  höchst  beschränkt  war. 

Dass  das  bestehende  Wahlrecht  bei  der  mächtigen  Ent- 
wicklung neu  aufstrebender  Stände  unmöglich  unverändert 
bleiben  konnte,  erkannte  er  nicht,  weil  er  diese  neuen  socialen 
Bewegungen  nicht  sah  und  empfand  und  so  blieb  er  dabei, 
dem  radicalen  Drängen  nach  Wahlrechtsform  nur  einen  un- 
motivirten  selbstzufriedenen  Conservatismus  entgegenzustellen, 
was  noch  unwirksamer  sein  musste  als  Burke's  schwungvolle 
VerheiTlichung  der  Lichtseiten  der  guten  alten  Zeit. 

In  einer  kleinen  Schrift:  „Gründe  für  Zufriedenheit  an 
den  larbeitenden  Theil  des  britischen  Volks  gerichtet"  be- 
kämpft Paley  den  Neid  der  Armen  gegen  die  Reichen  als  un- 
vernünftig.   Man  solle  nicht  immer  vergleichen,  sondern  ruhig 


gg  Erstes  Buch,   Cap.  1. 

seine  eigenen  Angelegenheiten  verfolgen.  Das  Gesetz  schtltze 
grossen  und  kleinen  Besitz,  schütze  den  Schwachen  sogar  be- 
sonders, grosse  Reichthümer  könnten  nur  Wenigen  zufallen, 
wenn  das  Gesetz  ausserdem  jedem  eine  gesunde  Existenz  er- 
mögliche, so  seien  die  Dinge  „vollkommen"  geordnet  Die 
Handarbeiter  seien  auch  ohne  Reichthum  glücklich,  weil 
Arbeit  und  Massigkeit  zufrieden  machen,  weil  Mahlzeit  und 
Ruhe  nach  der  Arbeit  doppelten  Genuss  bereiten  etc. 

Dies  sind  Sätze,  in  denen  gewiss  eine  Wahrheit  enthalten 
ist,  aber  wer  kann  glauben,  dass  sie  willig  angenommen  wer- 
den, wenn  ein  Mitglied  der  herrschenden  Klasse  in  satter 
Selbstzufriedenheit  sie  leidenschaftlich  erregten  Massen  predigt? 
Gewiss  ist  der  Neid  hässlich  und  unvenitinftig.  Aber  wenn 
neue  Reichthümer  massenhaft  und  in  bisher  ungeahnter 
Schnelligkeit  entstehen,  wenn  gleichzeitig  heimathlose  Arbeiter 
in  Massen  an  einzelnen  Punkten  concentrirt  werden  und  in 
eine  hülflose,  unsichere  Lage  gerathen,  sind  dann  nicht  neue 
Verhältnisse  da,  welche  den  arbeitenden  Armen  den  Vergleich 
ihrer  Lage  mit  der  ihrer  Lohnherren  aufdrängen?  Ist  der 
Neid  dann  nicht  ein  wohl  verwerflicher,  aber  unvermeidlicher 
Begleiter  des  natürlichen  Strebens,  selbst  gleich  den  bisher 
Begünstigten  emporzukommen  ? 

Die  Empfindung  des  Glücks  wird  unvermeidlicR  durch 
den  Vergleich  bestimmt  und  Paley's  Pi'edigt. der  Zufriedenheit 
auf  Grundlage  einer  nüchternen  philosophischen  Betrachtung 
beweist,  dass  er  für  die  in  der  Grossindustrie  geschaffene  neue 
Lage,  für  die  natürlichen  Empfindungen  und  Bestrebungen  der 
Arbeiter  ebensowenig  Verständniss  hatte  als  für  das  natürliche 
Begehren  der  aufstrebenden  Capitalisten  nach  grösserem  Antheil 
an  der  politischen  Herrschaft.  Er  gab  der  Nützlichkeitslehre 
den  kirchlichen  Segen,  weil  er  ein  Theologe  war,  ohne  zu  ver- 
stehen was  Religion  ist.  Er  goss  wenige  unwirksame  Tropfen 
beiTihigenden  Oels  in  die  aufgeregten  Wogen  neuer  socialer 
Bewegung,  weil  er  ein  politischer  Philosoph  war,  der  für  den 
ruhigen  Genuss  einer  dem  Individuum  zugetheilten  Pfininde 
mehr  Verständniss  hatte  als  für  Standesgefühle  und  Standes- 


Godwin.  89 

interessen  einer  Volksklasse,  deren  Lage  imGesammtorganismus 
eine  bedeutende  Verändeiiing  erlitten  hat. 

In  leicht  fasslicher  aber  ganz  kritikloser  Weise  stiftete 
Paley  einen  Compromiss  zwischen  der  individualistischen  Nütz- 
lichkeitslehre,  aus  der  Bentham  consequent  das  Verlangen 
nach  den  i*adicalsten  Reformen  ableite,  und  der  natürlichen 
Neigung  des  Engländei*s,  besondei*s  des  Engländei*s  aus  den 
herrschenden  Klassen,  an  bequemen  und  durch  Alter  würdigen 
Einrichtungen  festzuhalten. 


§  3.    William  Godwin  und  Thomas  Spence. 

William  Godwin  war  kein  Schriftsteller,  der  sich  an  prak- 
tische Bewegungen  anschloss  und  diese  beförderte.  Sein 
directer  Einfluss  war  daher  gering  —  er  verschmähte  es  nicht 
nur,  der  Neigung  seiner  Landsleute,  einzelne  praktische  Fragen 
zu  entscheiden,  entgegenzukommen,  sondern  er  vermied  es 
sogar  principiell,  an  irgend  welche  allgemeine  Leidenschaft  zu 
appelliren.  Er  stellt  die  höchste  Potenz  eines  reinen  Rationalis- 
mus dar  —  der  dann  naturgemäss  in  utopischen  Mysticismus 
umschlägt. 

Godwin  war  nicht  ohne  Gelehrsamkeit  und  obwohl  er 
sehr  energisch  der  Ansicht  ist,  dass  man  nur  mit  Gründen, 
nicht  mit  Autoritäten  beweisen  dürfe ,  so  bezieht  er  sich  doch 
oft  auf  seine  Vorgänger.  Diese  sind  vor  Allem  Locke,  Hume 
und  Hartley.  Zugleich  unterlag  er  französischen  Einflüssen, 
namentlich  dem  von  Rousseau,  über  den  er  zwar  weit  hinaus- 
geht, dem  er  aber  das  Verdienst  zuschreibt,  er  habe  zuerst 
gelehrt,  wie  wenig  Gutes  eine  Regierung  bewirken  könne. 
Am  häufigsten  tritt  in  seinen  Schriften  Uebereinstimmung  mit 
Paine  hervor,  von  dem  er  sich  aber  vor  Allem  durch  die 
völlige  Abwesenheit  jedes  praktisch  agitatorischen  Charaktere 
unterecheidet. 

Gleich  Priestley  war  er  ursprünglich  Dissenterprediger. 
In  vieler  Beziehung  erscheint  er  einfach  als  eine  consequente 
und  extreme  Fortsetzung  von  Priestley,  indem  seine  äusserst 
ruhig  und  leidenschaftslos  ausj^^esprochenen  Ideen  in  seinem 


90  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

fi-üheren  Hauptwerk  „Political  justice"  die  äussei-ste  Linke  der 
modernen  englisch-französischen  Geistesrichtung  repräsentiren. 
Da  er  zugleich  durch  seinen  seltsamen  friedlichen  Communis- 
mus  manche  Vergleichspunkte  mit  Robert  Owen  darbietet,  so 
erschien  es  passend,  ihn  hier  gleichsam  als  eine  belehi*ende 
Curiosität  zu  besprechen,  welche  zeigt,  wie  weit  es  mit 
philanthropischem  Rationalismus  und  Individualismus  in  Eng- 
land überhaupt  kommen  konnte.  Die  „Political  justice"  er- 
schien zuei*st  1793  und  hat  dann  rasch  noch  zwei  weitere 
Auflagen  erlebt.  Schon  die  erste  Auflage,  nac|i  welcher  ich 
citire,  schwebt  über  der  französischen  Revolution  wie  der 
Geist  über  den  Wassern:  dieselbe  wird  zwar  mit  Sympathie 
behandelt,  lenkt  aber  die  viel  weiter  gehenden  utopischen  Ideen 
unseres  Stubengelehrten  keineswegs  in  ein  praktisches  Fahr- 
wasser und  bewirkt  auch  in  den  späteren  Auflagen  nirgends 
eine  Correctur  dieser  Ideen. 

Godwin  entwickelt  einen  abstrakten  Doctrinarismus,  wie 
er  stärker  in  England  kaum  jemals  vorgekommen  sein  dürfte. 
Hinter  den  abstrakten  Formeln  Rieardo's  ist  die  praktische  Ten- 
denz deutlich  zu  erkennen,  bei  Owen  tiberwog  die  Absicht  prak- 
tischen Schaffens  in  den  schwännerisehen  Spielen  der  Gedanken, 
Bentham  hatte  immer  einzelne  Gesetzgebungsfragen  im  Auge. 
Godwin  dagegen  schwelgt  förmlich  im  Ausmalen  der  von  ihm 
geglaubten  Wahrheit,  verachtet  alle  Untei-suchung  historischer 
Entwicklungen  und  betrachtet  es  als  Pflicht  aller  Menschen, 
sowie  als  seine  besondere  Lebensaufgabe,  die  auf  abstraktem 
Wege  gefundene  Wahrheit  auszusprechen,  worauf  diese 
durch  die  ihr  innewohnende  Allmacht  sicher  siegen  werde. 
Er  hat  absolut  keine  andere  Absicht,  als  die,  die  „Wahrheit" 
zu  foimuliren. 

Man  kann  ihm  dabei  keine  besonders  gix)sse  Consequenz 
nachrühmen.  Es  ist  nicht  einzusehen,  warum  man  trotz  der 
von  ihm  verlangten  Verdrängung  aller  Leidenschaften  durch 
vernünftige  Erwägung  die  Wahrheit  doch  lieben  soll  und 
waiiim  Godwin  dies  selbst  thut  Seine  Ansicht,  dass  es  nur 
auf  „individuelles  Glück"  ankomme  und  der  Mensch  ein 
von    in    ihm    angeregten    Gedankenketten    bestimmter    gei- 


Godwin.  91 

stiger  Mechanismus  sei,  ist  schwer  zu  vereinbaren  mit  seiner 
Anschauung,  dass  der  Mensch  nicht  ausschliesslich  egoistisch, 
sondern  mit  Gemeinsinn  begabt  sei,  sowie  mit  der  beständigen 
Empfehlung  von  philanthropischem  Wohlwollen.  Der  Glaube 
an -die  Allmacht  der  alleinigen  und  unbedingten  Wahrheit 
steht  im  Widei'spi'uch  mit  den  praktisch  gemachten  Con- 
cessionen,  dass  der  Fortschritt  allmälig  sein  müsse;  der  Glaube 
an  die  natürliche  Gleichheit  der  Menschen  harmoniit  nicht 
mit  der  Meinung,  dass  es  der  Beruf  der  Weisen  sei,  die 
übrige  Menschheit  allmälig  zu  belehren.  Vielfach  kann  con- 
statirt  werden,  dass  Godwin  im  Verlauf  des  Werkes  stärkere 
Extreme  entwickelt,  als  er  im  Anfang  ausspricht.  Dennoch 
muss  man  ihm,  namentlich  im  Gegensatz  zu  Bentham  und 
Owen,  den  Ruhm  lassen,  dass  er  seine  Probleme  philosophisch 
tiefer  auffasst. 

Ganz  im  Geiste  Bentham's  und  seiner  Zeit  beginnt  Godwin 
damit,  dass  es  der  vornehmste  Zweck  der  Wissenschaft  sei 
das  „Glück  der  Menschheit  zu  befördeni".  Der  Begiiff  des 
Glücks  wird  nun  freilich  nicht  eingehend  definirt,  |aber  es 
wird  doch  gleich  gesagt,  dass  intellectuelle  und  moralische 
Fi^euden  die  wichtigsten  seien ;  es  wird  nicht  wie  bei  Bentham 
eine  Catalogisirung  der  Freuden  und  Leiden  vei-sucht  und  es 
fehlt  die  Tendenz,  auf  die  nach  Geldwerth  berechenbaren 
Lebensfreuden  das  Hauptgewicht  zu  legen.  Jedenfalls  fühlt 
Godwin  sofort  das  Bedürfniss,  seine  Theorien  über  Glück, 
Moral  und  Staat  durch  eine  Theorie  über  das  Wesen  des 
menschlichen  Geistes  zu  begründen. 

Der  Hauptsatz  ist,  dass  der  moralische  Charakter  der 
Menschen  die  Folge  seiner  Wahniehmungen  (perceptions)  sei 
(S.  11),  d.  h.  es  giebt  keine  angeborenen  Principien  und 
Ideen  (S.  12),  sondern  die  Ideen  werden  in  dem  menschlichen 
Geist  durch  eine  Reihe  von  Eindrücken  eraeugt  und  dann 
durch  Verbindung  und  Nachdenken  verdaut  und  geordnet 
(S.  14):  die  äusseren  Eindrücke,  welche  unmittelbar  auf  den 
Menschen  wirken,  wie  Hitze  und  Kälte,  sind  untergeordneter 
Art;  durchaus  die  Hauptsache  sind  die  Eindrücke,  welche 
Stoff  zum  Nachdenken  liefern  und  den  Charakter  von  Beweg- 


92  Erstes  Buch,   Cap.  1. 

gründen  zum  Handeln  annehmen  (S.  60).  Daher  ist  Laster 
nur  ein  in  die  Praxis  übersetzter  In-thum  (S.  31)  und  die 
Menschheit  kann  durch  Literatur,  Erziehung  und  insbesondere 
durch  richtige  politische  Institutionen  zur  Vollkommenheit  ge- 
bracht werden  (S.  19).  Es  ist  leicht  zu  erkennen,  wie  die 
Theorie  von  den  Wahniehmungen  und  Eindrücken  durch 
Locke's  Anregung  entstanden  ist,  und  dass  Godwin  durch  ^ 
seinen  Glauben  an  die  Allmacht  der  Bildung,  sowie  die  Identi- 
ficiiiing  von  Laster  und  Irrthum  als  Vorgänger  von  Robert 
Owen  erscheint. 

Die  Erziehung  der  Menschheit  durch  Bildung  und  Auf- 
klärung einerseits,  durch  weise  politische  Institutionen  anderer- 
seits hat  nun  ausschliesslich  auf  dem  P^-incip  der  Gerechtig- 
keit zu  beiiihen.  Die  Theorie  des  menschlichen  Geistes  ist 
lediglich  entwickelt  um  zu  beweisen,  dass  die  Gerechtigkeit 
von  allen  Menschen  erkannt  werden  kann  und  dann  unfehlbar 
geglaubt  werden  wird.  Die  Gerechtigkeit  selbst  ist  aber  ein 
unbewiesenes  Axiom,  das  abwechselnd  in  der  Form  der  Defini- 
tion und  des  Postulats  auftritt  Der  Begriff  der  Gerechtigkeit 
wird  mit  dem  der  Nützlichkeit  und  mit  dem  der  Wahrheit 
identificirt.  Gerechtigkeit  ist  die  grösstmögliche  Rücksicht 
auf  das  allgemeine  Wohl  der  menschlichen  Gesellschaft  (S.  88); 
sie  ist  die  einzige  Lebensregel  für  ein  veniünftiges  Wesen 
und  fällt  mit  der  Nützlichkeit  zusammen  (S.  120).  Tugend 
ist  der  Wunsch,  das  Wohl  der  Menschheit  zu  befördern 
(S.  253  ff.),  eminente  Tugend  setzt  tiefe  Kenntniss  über  die 
Mittel,  Glück  zu  befördeni,  voraus,  daher  fallen  Tugend  und 
Wahrheit  zusammen  (S.  236)  —  natürlich  nicht  die  historische, 
sondern  die  abstrakte  Wahrheit,  durch  deren  beständiges  Aus- 
sprechen Alles  in  der  Welt  sich  gut  gestalten  wird  (S.  197). 
Ausdrücklich  bekämpft  Godwin  die  Ansicht,  dass  der  Mensch 
von  Natur  aus  nur  egoistisch  sei;  er  sei  vielmehr  ein  „der 
Gerechtigkeit,  der  Tugend  und  des  Wohlwollens  fähiges  Wesen" 
(S.  359),  d.  h.  fähig,  den  eigenen  (kleineren)  Vortheil  dem  all- 
gemeinen Interesse  unterzuordnen;  diese  Fähigkeit  müsse 
nun  durch  Ei-ziehung  entwickelt  werden,  und  das  sei  möglich, 
da  man  nur  den  Menschen  beweisen  müsse,  dass  die  Ausübung 


Godwin.  93 

der  Tugend  zugleich  die  wahre  Basis  des  eigenen  individuellen 
Glücks  sei  (S.  363,  468). 

Man  sieht,  Godwin  leugnet  zwar  angeborene  Principien 
und  Ideen,  aber  nicht  angeborene  Fähigkeit  zur  Aufnahme 
von  Ideen.  Angeborene  Gefühle  und  Neigungen  braucht 
Godwin  nicht  anzuerkennen,  da  Tugend  und  Gemeinsinn  im 
Grunde  ja  doch  nur  veniünftige  „Berechnung  der  Zukunft" 
(S.  468),  d.  h.  der  Folgen  einer  Handlung  sind.  Durch  die 
Behauptung,  dass  der  Mensch  fähig  sei,  unegoistisch  und  un- 
interessirt  zu  handeln,  erhebt  sich  Godwin  über  die  engher- 
zige Nationalökonomie  seiner  Zeit;  dieselbe  ist  freilich  mit 
seinem  Individualismus  und  seiner  im  Grunde  materialistischen 
Nützlichkeitslehre  schwer  zu  vereinigen,  aber  dies  gelingt 
Godwin  dadurch,  dass  er  —  seiner  Natur  entsprechend  — 
das  Glück  des  Lebens  hauptsächlich  in  pereönlicher  Bedüif- 
nisslosigkeit  und  in  kühler  Beschauung  der  Dinge  erblickt. 
„Vernunft  und  Ruhe"  (S.  887)  sind  ihm  die  beiden  idealen 
Pflichten  des  Menschen. 

Doch  davon  später.  Um  zunächst  noch  bei  Godwins 
Theorie  über  die  Natur  des  Menschen  zu  bleiben,  so  ist  es 
eine  consequente  Folge  seiner  Auffassung  des  menschlichen 
Geistes  als  einer  durch  Eindiiicke  in  Thätigkeit  versetzten 
Vorrichtung,  dass  er  den  Begriff  der  Willensfreiheit  leugnete. 
Dies  Problem  bemhrte  Bentham  nicht,  Owen  beantwoitete  es 
ohne  Untersuchung  und  Beweis,  Godwin  untersucht  es  weit 
eingehender  als  Priestley  und  ich  möchte  sagen,  dass  gerade 
in  dieser  Frage  Godwins  abstrakte  Denkweise  die  innerlich 
consequentesten  und  klarsten  Resultate  erzeugt  —  wenn  ich 
sie  auch  wegen  des  verschiedenen  Ausgangspunkts  nicht  ac- 
ceptiren  kann. 

Man  muss  unbedingt  sagen,  dass  Godwin  das  Problem 
besser,  weit  philosophischer  eifasst  hat,  als  manche  Neuere,  die 
von  der  Regelmässigkeit  statistischer  Zahlen  einfach  geblendet 
waren  0 «  und  es  ist  von  Interesse,  dass  die  Frage  überhaupt 


')  Gegen  die  Yerimingen  der  Quetelef  sehen  Statistik  wendet  sich 
meine  Besprechung  der  „Physique  sociale**   des  genannten  Verfassers,  in 


94  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

lange  voi*  der  Zeit  der  modernen  Statistik  sogar  schon  in 
socialpolitischen  (nicht  nur  in  philosophischen  und  naturwissen- 
schaftlichen) Werken  besprochen  worden  ist 

Die  Fi-age  wird  wohl  nie  definitiv  gelöst  w^den,  sondern 
immer  wieder  neu  auftauchen,  weil  sie  zu  denjenigen  gehört, 
bei  welchen  wir  an  der  Grenze  des  Erkennbaren  ankommen. 
Alles  was  geschehen  und  vollbracht  ist,  erscheint  uns,  wenn 
wir  es  als  vollendete  Thatsache  betrachten  und  beobachten, 
als  das  Produkt  von  (wenn  auch  unbekannten)  Ursachen,  die 
es  hervorbringen  mussten.  Dadurch,  dass  es  geschehen  ist, 
erscheint  es  als  nothwendig;  es  kann  jetzt  nicht  anders  sein, 
als  es  eben  ist  und  so  konnte  es  auch  nicht  anders  sein,  nur 
dass  wir  vorher  wegen  mangelnder  Allwissenheit  das  Noth- 
wendige  nicht  vorher  sehen  konnten.  Künftiges  dagegen,  das 
ei*st  geschehen  kann  oder  soll,  ist  für  uns  noch  nicht  noth- 
wendig und  wenn  es  sich  um  unsere  eigenen  Handlungen 
handelt,  so  erscheint  uns  ihre  Ungewissheit  als  Nichtnoth- 
wendigkeit  oder  Freiheit.  Aber  wenn  wir  uns  nicht  als 
wollende  und  handelnde  Wesen  fühlen,  sondern  lediglich  be- 
obachten und  denken,  so  ei*scheint  in  der  That  die  Freiheit 
nur  als  ein  anderes  Wort  für  Unkenntniss  und  Unsicherheit, 
als  Folge  des  Unterschieds  zwischen  Vergangenheit  und  Zu- 
kunft, der  für  uns  vorhanden  ist.  Für  eine  höhere  Intelli- 
genz, von  der  Laplace  so  schön  spricht,  und  auf  deren 
Standpunkt  wir  uns  vorübergehend  und  theilweise  in  reiner 
Betrachtung  stellen  können,  würde  diese  Unkenntniss  und  da- 
her die  Freiheit  nicht  existiren,  sondern  Alles  wäre  noth- 
wendige  Folge  (bekannter)  Ursachen. 

Als  wollende  und  handelnde  Menschen  jedoch  müssen  wir 
mit  der  Annahme  einer,  wenn  auch  durch  nachweisliche  Einflüsse 
ausserordentlich  stark  beeinflussten  Willens-  i-esp.  Wahl-Frei- 
heit operiren  und  können  bei  der  Betrachtung  der  Dinge  vom 
Standpunkt  des  Gausalgesetzes  nicht  stehen  bleiben,  weil  wir 
eben  jene  höhere  Intelligenz  nicht  haben.  Auch  in  den  socialen 

Hildebrands  Jahrbüchern,  Band  14  (1870)  S.  81  fil  Vgl.  auch  Knappes 
eingehende  Kritik  ebenda  Bd.  16(1871)  S.  237  ff.,  Bd.  17  (1871)  S.  167  ff., 
S.  342  £,  S.  427  ff.  und  Bd.  18  (1872)  S.  89  ff. 


Godwin.  95 

Wissenschaften  können  wir  nicht  anders,  weil  diese  die  wol- 
lende und  handelnde  Menschheit,  in  der  wir  selbst  mitten 
drinnen  stehen,  behandeln.  Der  Godwin'sche  Standpunkt  der 
leidenschafts-  und  willenlosen  Beobachtung  und  des  Ausspre- 
chens der  abstrakten  Wahrheit  ist  eine  Yennessenheit  und  zu- 
leich  ein  Stückwerk.  Aber  wenn  und  weil  er  sich  einmal  auf 
diesen  Standpunkt  stellte,  war  es  ganz  consequent,  dass  er 
die  Willensfreiheit  leugnete.  Ueberdies  brauchte  er  diese 
Theorie  zur  Rechtfertigung  seiner  Lehre  von  der  allein  noth- 
wendigen  Wirkung  der  Belehi-ung  in  der  Wahrheit. 

Ganz  richtig  entwickelt  er,  dass  wir  Nothwendigkeit  der 
Wirkungen  erkennen  können  resp.  müssen,  ohne  die  Ursachen 
und  die  Art  ihres  Wirkens  zu  kennen  (S.  285),  dass  wir  auch 
beim  menschlichen  Geist  eine  nothwendige  Verknüpfung  der 
Ereignisse,  ohne  ihre  Ui*sache  zu  kennen,  annehmen  können. 
Die  Annahme  der  Freiheit  beruht  nur  auf  der  Unkenntniss 
eines  Theils  der  Einflüsse;  Freiheit  und  Zufall  sind  identisch, 
beide  gleich  Unkenntniss  der  zwingenden  Ui*sachen  —  ganz 
richtig,  wenn  man  eben  nur  fragt,  was  der  Mensch  weiss- 
Der  menschliche  Geist  wird  nicht  ausdrücklich  als  Bewegung 
von  Materie  bezeichnet,  nur  überhaupt  in  Bezug  auf  unsere 
Frage  mit  den  Objekten  der  Naturwissenschaft  auf  eine  Stufe 
gestellt.  Dies  muss  hervorgefioben  werden,  weil  man,  wie  ja 
auch  der  Calvinismus  zeigt,  die  Freiheit  leugnen  kann,  ohne 
die  Eigenthümlichkeit  des  Geistes  zu  leugnen.  Das  Eigen- 
thümliche  des  menschlichen  Geistes  ist  nach  Godwin,  dass  er 
in  Folge  verschiedener  Anregungen  durch  Motive,  d.  h.  be- 
rechnende Gedanken  bewegt  wird ,  die  in  unser  Bewusstsein 
übergehen  —  und  daraus  folgt,  dass  der  Mensch  tugendhaft 
und  glücklich  wird  durch  Ausbildung  seiner  Fähigkeit,  ver- 
nünftig zu  denken.  So  wirkt  also  die  Leugnung  des  freien 
Willens  nicht  unmoralisch,  sondern  die  Lehre  macht  vielmehr 
leidenschaftslos  und  ruhig  und  giebt  eben  die  stärkste  Veran- 
lassung, die  Wahrheit  und  Gerechtigkeit  zu  lehren  und  zu 
verbreiten. 

In  dieser  Nutzanwendung  liegt  nun  freilich  eine  Inconse- 
quenz,  weil  die  reine  Theorie  der  Nothwendigkeit  im  Grunde 


96  Erstes  Buch,   Cap.  1. 

überhaupt  keine  Nutzanwendung  verträgt.  Godwin  sagt  (S.  305) : 
„Im  Leben  jedes  Menschen  ist  eine  Kette  von  Ursachen,  die 
ihren  Ursprung  in  der  seiner  Gebuit  vorangehenden  Ewigkeit 
hat  und  in  regelmässiger  Aufeinanderfolge  die  ganze  Periode 
seines  Daseins  durchzieht,  so  dass  es  für  ihn  unmöglich  war, 
in  irgend  einem  Moment  andei's  zu  handeln,  als  er  wirklich 
handelte."  Dies  ist  eine  Voretellung ,  die  sich  an  und  für 
sich  nicht  widerlegen  lässt,  so  lange  wir  eben  lediglich  den 
Menschen,  der  gehandelt  hat,  betrachten. 

Aber  Godwin  glaubt  nicht  nur,  dass  die  Menschheit  sich 
vervollkommnen  wird,  dass  also  die  Kette  von  Ui'sachen 
in  der  ganzen  Menscheit  immer  mehr  Tugend  hervorbringen 
wird,  sondern  er  selbst  will  durch  die  Lehre  der  Wahrheit 
und  Tugend  eine  neue  allmächtige  Ui*sache  in  das  mensch- 
liche Leben  einführen.  Er  glaubt,  wie  später  Owen,  an  ein 
mit  seinen  Lehren  beginnendes  tausendjähriges  Reich  des 
Friedens  und  des  Glücks  und  schreibt  Bücher,  um  diesen 
Zustand  herbeizuführen. 

Gesetzt  nun,  er  denke  sich  alle  anderen  Menschen  als 
von  seinen  Lehren  willenlos  bewegte  geistige  Apparate,  so  ist 
doch  wenigstens  er  selbst  ein  Theil  jener  selbständigen  ewigen 
Urkraft,  von  der  alle  Bewegung  ausgeht.  Sowie  wir  an  der 
Voi*stellung  dieser  letzten  Ursache  der  Bewegung  angekommen 
sind,  sind  wir  auch  an  der  Grenze  des  Erkennbaren  und  Be- 
greiflichen und  gerathen  unvermerkt  aus  dem  Bereiche  der 
wissenden  Betrachtung  in  das  des  Glaubens  —  bei  Godwin 
des  Glaubens  an  die  eigene  Mission,  der  doch  wohl  noch  ver- 
wegener und  unwissenschaftlicher  ist,  als  der  Glaube  an  einen 
Gott,  der  den  einzelnen  Menschen  eine  gewisse  Willensfi'ei- 
heit  lässt. 

Wer  in  der  Betrachtung  des  noth wendigen  ursächlichen 
Zusammenhangs  aller  Dinge  stecken  bleibt,  muss  consequent 
bei  der  thatenlosen  Betrachtung  des  Lebens  stehen  bleiben. 
Wenn  man  dann  doch  handeln  will,  d.  h.  durch  Aeusserung 
seiner  Gedanken  die  Welt  umgestalten  will^  so  muss  man  sich 
entweder  selbst  für  die  alleinige  Urkraft  halten,  oder  für  ein 
von  unbekannten  Ursachen  auserlesenes  Werkzeug,  das  selbst 


Godwin.  97 

willenlos  und  nothwendiger  Weise  handelt  resp.  spricht  und 
schreibt,  wie  es  muss.  Aber  wie  verträgt  sich  jede  dieser 
Annahmen  mit  der  Gleichheit  der  Menschen  ?  Und  wenn  man 
sieh  der  letzteren  weniger  veimessenen  Annahme  anschliesst, 
so  kann  doch  offenbar  jeder  andere  Mensch  sagen,  seine  diver- 
girenden  Ansichten  seien  ihrerseits  nothwendig  in  ihm  ent- 
standen. Hat  nun  eine  der  tausenderlei  nothwendig  entstan- 
denen Ansichten  gerechtfertigten  Anspruch  auf  absolute  Wahr- 
heit? Kann  irgend  ein  Mensch  seine  Ansichten  für  etwas 
anderes  halten  als  das  an  sich  weithlose  Resultat  unbekannter 
Ursachen?  Und  wenn  Einer  sie  doch  für  unbedingt  wahr  und 
der  allgemeinsten  Verbreitung  für  würdig  hält,  mischt  er  dann 
nicht  einen  unmotivirten  Glauben  und  ein  inconsequentes 
Wollen  in  die  kühle  Betrachtung  von  der  Nothwendigkeit 
alles  Seienden?  / 

So  beweist  Godwin  selbst,  dass  seine  zunächst  aus  seiner 
vorherrschenden  Anschauungsweise  consequent  abgeleitete 
Theorie  ungenügend  und  unhaltbar  ist;  er  widerlegt  unbewusst 
seinen  Standpunkt 

Die  Tendenzen,  denen  diese  Theorie  dient,  sind  nun  zu- 
nächst sehr  allgemeiner  Art  und  zwar  theils  höchst  löblich, 
theils  überaus  utopisch. 

Zu  den  löblichen  Tendenzen  gehört  vor  Allem  die,  dass 
Godwin  auft-ichtig  und  ernstlich  von  jeder  Gewaltthat  zur 
Durchführung  seiner  Ideale  abmahnt;  ja  er  hält  sogar  (S.  212) 
Agitatiorisvereine  für  bedenklich,  und  will  nur,  dass  Jedermann 
die  erkannte  Wahrheit  frei  und  unverhohlen,  ganz  und  voll- 
ständig, eventuell  mit  dem  Muthe  des  Märtyrers  äussere. 
Speciell  verwirft  er  den  Tyrannenmord  und  predigt  Aufrich- 
tigkeit und  Wahrheitsliebe  in  allen  Lagen  des  Lebens  mit 
solchem  Eifer,  dass  er  es  sogar  für  unrecht  hält,  sich  ver- 
leugnen zu  lassen,  wenn  man  zu  Hause  ist.  Er  gesteht  freilich 
zu,  dass  die  Durchführung  der  aus  seinen  Wahrheiten  folgen- 
den Reformen  Zeit  brauche  und  empfiehlt  geduldiges  Abwarten. 
Damit  steht  dann  in  seltsamem  Widerspmch ,  dass  er  keine 
Unterschiede  der  Völker  nach  Ort  und  Zeit  anerkennt  (S.  61, 
91),  sondern  glaubt,  die  eine  unabändei-liche  Wahrheit  könne 

Held,  Soc  Gesch.  Engl  7 


gg  Erstes  Buch,  Cap.  1.  / 

Überall  und  immer  gleichmässig  zum  Siege  gebracht  werden 
und  eipe  Staatsform  sei  überall  und  immer  die  allein  rich- 
tige: „Wenn  es  nur  eine  Wahrheit  giebt,  so  kann  es  auch 
nur  einen  Codex  unserer  gegenseitigen  Pflichten  geben  und 
die  Erforschung  der  Wahrheit  ist  nicht  nur  die  beste  Methode« 
das  Wesen  politischer  Einrichtungen  zu  erkennen,  sondern 
auch  sie  einzuführen  und  einzurichten/' 

Der  'unverwüstliche  Glaube  an  die  Fähigkeit  des  Menschen 
zu  Fortschritt  und  Vervollkommnung  (S.  50)  hat,  so  sehr 
er  manchmal  zu  absolut  lächerlichen  Consequenzen  führt,  etwas 
Rührendes  und  giebt,  wie  die  Liebe  zur  Wahrheit,  Zeugniss 
von  einer  tief  sittlich  angelegten  Natur.  In  diesem  Glauben 
liegt,  wie  bei  Owen,  eine  Art  von  religiösem  Element  — 
allerdings  von  sehr  bedenklichem  praktischen  Weith.  Denn 
Godwin  hält  es  nicht  nur  für  unrathsam,  Vei-sprechungen  zu 
geben,  sondern  für  unnöthig,  sie  zu  halten,  da  man  in  jedem 
Moment  der  jetzt  erkannten  Wahrheit  und  Gerechtigkeit 
folgen  soll.  Aehnlich  wie  bei  Owen  verdrängt  dieser  höchst 
individuelle  Glaube  die  Liebe  zu  allen  bestehenden  Religionen. 
Er  ist  nicht  nur  als  alter  Dissenter  ein  Feind  aller  Priesterschaft 
(S.  62)  und  aller  Staatskirchen  (S.  603),  sondern  die  Religion 
selbst  wird  (anders  als  in  dem  späteren  Werke  gegen  Malthus) 
mit  entschiedener  Feindseligkeit  behandelt,  indem  die  Religio- 
nen streben,  der  Menschheit  die  ganze  Wahrheit  zu  verhüllen 
und  sie  durch  allerlei  Betiiig  zum  Guten  bringen  wollen 
(S.  504  ff.);  indem  sie  die  Menschen  als  Kinder  behandeln, 
statt  als  vernünftige  Wesen  und  lehren,  aus  freiwilliger  Liebe 
zu  thun,  was  doch  die  vernunftgemässe  Gerechtigkeit  unbe- 
dingt fordert  (S.  793). 

Das  EigenthQmlichste  bei  Godwin  ist,  dass  er  den  denk- 
bar extremsten  Individualismus  mit  dem  Postulate  der  Ver- 
mögensgleichheit verbindet  Er  will  Gommunismus  ohne  jeg- 
lichen Zwang  und  weiss  mit  Hülfe  seiner  Utopien  die  extremste 
Freiheitsliebe  mit  dem  ausschweifendsten  Gleichheitsdui*st  zu 
verbinden. 

Was  zunächst  seinen  Individualismus  betrifft,  so  bezeich- 
net  er    ausdillcklich  die  Gesellschaft   nur  als  eine  Summe 


Godwin.  99 

(aggregate)  von  Individuen  (S.  90) ;  die  Gesammtheit  ist  kein 
Wesen  für  sich;  Vaterlandsliebe  als  solche  ist  eine  Illusion, 
das  Glück  der  Gesammtheit  als  eines  von  den  Einzelnen  unter- 
schiedenen Wesens  ist  eine  Chimäre ;  es  giebt  nur  Individuen 
und  ihr  Glück  (S.  514).  Buhm  der  Nation,  Ausdehnung  des 
Landes  etc.  sind  purer  Schwindel,  das  Glück  Aller  ist  das 
Interesse  Aller  (d.  h.  Einzelner)  (S.  559),  das  einzige  gerecht- 
fertigte (legitimate)  Ziel  politischer  Institutionen  ist  der  Vor- 
theil  der  Individuen  (S.  558).  Deutlicher  als  irgend  ein  An- 
derer spricht  Godwin  den  Gegensatz  zu  der  organischen  Staats- 
anschauung aus,  die  den  Einzenen  als  organisches,  dienendes 
Glied  des  Staats,  den  Staat  als  eine  Phase  in  der  Entwicke- 
lung    der  höheren  Zielen    zustrebenden  Menscheit   auffasst. 

Weniger  erfolgi*eich  und  durchschlagend,  aber  noch  nack- 
ter und  vollendeter  als  Bentham  treibt  Godwin  den  Götzen- 
dienst des  Individuums,  gerade  wie  bei  Bentham  aber  setzt 
doch  die  eigene  Vernunft  allen  anderen  Individuen  das  Gesetz 
ihres  Daseins,  was  nur  schlecht  durch  die  ernst  gemeinte 
Phrase  von  der  Wahrheit  verhüllt  wird.  „Die  Gesellschaft  ist 
nichts  weiter  als  eine  Summe  von  Individuen.  Ihre  Rechte 
und  Pflichten  müssen  sein  die  Summe  der  Rechte  und  Pflich- 
ten der  Individuen. Was  hat  die  Gesellschaft  von  mir 

zu  verlangen  ein  Recht?  —  Alles,  was  meine  Pflicht  ist, 
nicht  mehr.    Kann  sie  die  ewige  Wahrheit  ändern,  die  Natur 

der  Menschen  und  ihrer  Handlungen  umwälzen? Was 

ist  die  Gesellschaft  verpflichtet ,  für  ihre  Mitglieder  zu  thun  ? 
Alles )  was  zu  ihrem  Wohlsein  beitragen  kann.  Die  Natur 
ihres  Wohlseins  ist  vorgeschrieben  durch  die  Natur  ihres 
Geistes.  Daher  wird  am  meisten  unser  Wohl  befördern,  was 
unseren  Verstand  ausdehnt,  Anregung  zur  Tugend  giebt,  uns 
mit  edlem  Unabhängigkeitssinn  eifüllt  und  sorgfältig  Alles 
entfernt,  was  unsere  Bethätigung  hindern  kann.'' 

Aus  diesem  extremen  Individualismus  folgt  nun  zunächst 
dieselbe  Gonsequenz  wie  bei  Bentham,  dass  jeder  Einzelne 
der  Staatsgewalt  zu  widerstehen  berechtigt  sei,  wenn  diese 
nach  seinem  individuellen  Urtheil  Ungerechtes  verlange 
(S.  191) :  daraus  entstehe  keine  unerträgliche  Unordnung,  weil 


I 
1 
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100  Erstes  Bach,  Cap.  1. 

ja  die  Staatsgewalt  im  Gininde  überhaupt  fast  nichts  befehle 
solle  —  und  weil  man  sich  meist  mit  Protest  zu  begnüge 
habe.  Aber  dabei  bleibt  Godwin  nicht  stehen,  indem  er  gan 
consequent  aus  dem  Princip  des  Individualismus  folgeit,  da^ 
der  Staat  überhaupt  so  gut  wie  abgeschafft  werden  müss< 
und  dass  sogar  jede  geordnete  wirthschaftliche  Cooperatio 
(selbst  die  des  Zusammenwirkens  bei  einem  Concert)  verweil 
lieh  sei.  Das  Ideal  ist  ein  Nebeneinanderleben  ganz  unat 
hängiger  Individuen,  das  dadurch  ohne  ewige  Störung  un 
Unfrieden  möglich  wird,  dass  all  diese  Individuen  ganz  vol 
und  beherrscht  sind  von  der  Godwin'schen  Wahrheit,  durc! 
die  sie  vollkommene  Wesen  werden. 

Doch  wir  wollen  nicht  vorgreifen.  Alle  Regierung,  (d.  l 
überhaupt  Staatsgewalt)  wird  unter  Beiiifung  auf  Paine  al 
ein  Uebel  bezeichnet  (S.  78),  das  man  leider  noch  nicht  gan 
entbehren  kann,  weil  es  einzelne  unzweifelhafte  Nothfälle  giebi 
in  denen  eine  Zwangsgewalt  nothwendig  ist.  Diese  Fälle  sin( 
der  eines  Angriffs  von  Aussen  und  der  des  Vorkommens  gan; 
verkommener  gewaltthätiger  Verbrecher  im  Lande.  Indessei 
bleibt  auch  dieser  Zwang  in  Folge  der  derzeitigen  Unvoll 
kommenheit  der  Menschen  immer  ein  bedenkliches  Uebel  um 
die  Gesammtheit  hat  eigentlich  gar  keine  Rechte,  sowenig  wii 
der  Einzelne  selbst,  denn  selbst  die  sogenannten  Freiheits 
rechte  der  Individuen  sind  nur  Nicht-Rechte  der  Gesellschaf 
und  die  einzige  Art  von  Ordnung,  die  eigentlich  gerechtfer 
tigt  ist,  ist  die  nothwendige  Unterordnung  aller  Einzelnei 
unter  die  von  ihnen  erkannten  Gebote  der  Gerechtigkeit  un( 
Wahrheit  in  jedem  einzelnen  Fall.  Eine  Pflicht  des  Gehör 
sams  gegen  die  Staatsgewalt  giebt  es  nicht  (S.  169),  das  Wor 
Unterthan  im  eigentlichen  Sinne  des  Worts  ist  verkehrt.  In 
Grunde  giebt  es  nur  die  Pflicht ,  der  Gerechtigkeit  zu  dienei 
und  eine  faktische  Nothwendigkeit,  sich  der  stärkeren  Ge 
walt  zu  untei*werfen,  wenn  man  sich  ihrer  nicht  erwehret 
kann.  Unterthan  ist  deijenige,  den  die  Regierung  veipflichtei 
ist,  zu  schützen  (S.  174). 

Es  folgt  daraus,  dass  die  Staatsgewalt  möglichst  schwacl 
und  mit  möglichst  wenig  Competenzen  ausgerüstet  sein  muss 


Godwin.  101 

Da  dieselbe  nur  das  allgemeine  Wohl  in  gewissen  Nothfällen 
zu  wahren  hat,  so  soll  ferner  jedes  Mitglied  der  Gesammtheit 
an  der  Staatsgewalt  betheiligt  sein.  In  die  Praxis  übersetzt 
heisst  dies,  dass  jede  Art  von  Monarchie  und  Aristokratie 
ein  Unding  ist.  „Jeder  König  ist  in  Folge  unabweislicher 
Nothwendigkeit  ein  Feind  der  Menschheit"  (S.  399).  „Monarchie 
ist  eine  unnatürliche  Institution",  der  König  selbst  ist  in  einer 
bemitleidenswerthen  Lage  und  wer  ihre  Abschaffung  wünscht, 
daher  ein  Freund  der  Könige,  diese  als  Menschen  betrachtet. 
„Es  giebt  keine  wichtigen  Functionen  allgemeiner  Oberauf- 
sicht, die  man  richtiger  Weise  einem  einzelnen  Individuum  über- 
tragen könnte."  Daher  sind  nicht  nur  erbliche  Monarchie,  die 
allerdings  in  Folge  der  höchst  verweiflichen  Prinzenerziehung 
besondere  schlimm  ist,  sondern  auch  Wahlmonarchie,  beschränkte 
Monarchie  und  Präsidentschaft  mit  königlichen  Rechten,  ein 
Unding.  „Der  Name  König  ist  das  Grab  der  menschlichen 
Tugend,  ein  Monument  des  Wahnsinns,  der  Feigheit  und  des 
Elends  der  Menscheit"  (S.  458),  auch  jede  Aristokratie,  d.  h. 
jede  „erbliche  hervorragende  Stellung  ist  eine  Beleidigung 
der  Vernunft  und  Gerechtigkeit  (S.  461);  denn  es  ist  ein 
wichtiges  Princip  der  Gerechtigkeit,  dass  Jedermann  nur  in 
Folge  seines  persönlichen  Verdienstes  ausgezeichnet  werden 
kann." 

Dagegen  ist  Demokratie  das  einzig  Wahre,  d.  h.  das 
System,  „demzufolge  jedes  Glied  der  Gesellschaft  als  ein  Mensch 
und  als  nichts  mehr  betrachtet  wird,  jeder  Mensch  gleich 
ist,  soweit  positive  Satzung  reicht"  (S.  489).  Man  wirft  frei- 
lich der  Demokratie  vor,  dass  sie  Demagogie,  Unbeständigkeit, 
aUgemeines  Misstrauen  etc.  heiTornife,  allein  selbst  mit 
diesen  Fehlem  wäre  sie  besser  als  Monarchie  und  Aristokratie, 
aus  denen  Kriege,  Geldgier  und  andere  Uebel  hervorgehen, 
und  diese  Uebel  der  Demokratie  sind  nur  Folge  des  Verderbs 
der  Menschheit  durch  Monarchie  und  Aristokratie.  Sie  wer- 
den mit  der  Verbreitung  der  Wahrheit  schwinden. 

Nun  bleiben  aber  auch  in  der  Demokratie  allerlei  Ein- 
richtungen übrig,  die  dem  Einzelnen  einen  leidigen  Zwang 
auflegen.     Dahin    gehört   vor   Allem   die   Unterwerfung  der 


102  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

Minorität  unter  die  Majorität  Ferner  kann  es  auch  in  Demo- 
kratien disciplinirte  Heere,  eine  gesetzgebende  und  eine  aus- 
übende Gewalt,  Steuern  und  Criminaljustiz,  überhaupt  Gesetze 
und  speciell  Veifassungsgesetze  geben.  Mit  all  diesen  Ein- 
richtungen wird  Godwin  leicht  fertig,  indem  er  sie  entweder 
von  voniherein  für  unnöthig  erklärt,  oder  doch  meint,  sie 
könnten  und  müssten  wegfallen,  wenn  erst  die  Menschheit  durch 
Demokratie  uncP  Wabrheitslehre  weiter  veiTollkommnet  sei. 

Es  ist  charakteristisch,  dass  Godwin  nicht  nur  die  Theo- 
rien der  Entstehung  des  Staats  kraft  göttlichen  Rechts  und 
durch  Gewalt  bekämpft,  sondeni  auch  den  Staatsveilrag  an- 
gi*eift,  weil  auch  ein  solcher  die  Individuen  nicht  binden 
kann  und  soll  (S.  152).  Eine  besondere  gesetzgebende  Ge- 
walt giebt  es  nicht,  sondern  „Veniunft  ist  der  einzige  Gesetz- 
geber", d.  h.  die  Gesellschaft  kann  gar  keine  Gesetze  geben, 
sondern  nur  erklären  was  die  Natur  schon  festgesetzt  hat. 
Aehnlich  hat  ja  auch  Bentham  den  Staatsvertrag  vei*worfen 
und  das  Nützlichkeitsprincip  zur  einzigen  Richtschnur  ge- 
macht. Aber  er  folgerte  daraus  Majoritätsherrschaft  und  die 
Nothwendigkeit  nützlicher  Gesetze,  während  Godwin  principiell 
jede  Unterordnung  des  vernünftigen  Individuums  verwii-ft 
und  trotz  dessen  an  die  Möglichkeit  friedlichen  Nebeneinander- 
lebens der  Individuen  glaubt,  indem  in  jedem  Individuum  die 
gleiche  und  gleichartige  von  Godwin's  Lehren  behen-schte 
VeiTiunft  lebt 

Wenn  keine  gesetzgebende  Gewalt  nöthig  ist,  so  ist  noch 
weniger  eine  davon  getrennte  selbstständige  Executive  am 
Platz,  d.  h.  es  darf  keine  Minister  etc.  geben,  die  in  gewissen 
Dingen  ohne  oder  gegen  den  Willen  der  Volksvertretung 
handeln  (S.  554).  Ehe  alle  Menschen  und  alle  Völker  weise 
und  glücklich  geworden  sind,  können  noth wendige  Ver- 
theidigungskriege  zwar  vorkommen;  aber  deshalb  braucht 
man  kein  stehendes  Heer,  ja  nicht  einmal  eine  Miliz,  die  in 
Friedenszeiten  exerciit  und  disciplinirt  wird.  Ein  freies  Volk 
wird  durch  seine  Begeisterung  für  die  Freiheit  ohne  alle 
Waffenübung  über  Veteranenheere  siegen,  die  nicht  wissen, 
wofür  sie  kämpfen  (S.  538).    Selbst  der  Obergeneral  bedarf 


Godwin.  103 

keiner  militärischen  Erfahiiing;  es  genügt  „die  allgemeine 
Macht  eines  gebildeten  Geistes"  —  man  sieht,  mit  dem  Glauben 
an  die  Allmacht  der  Vernunft  kommt  Godwin  über  alle 
Schwierigkeiten  weg. 

Luxusgesetze,  Schutzzölle,  Pressgesetze  aller  Art  sind 
natürlich  höchst  verwerfliche  Eingi-iffe  in  die  individuelle 
Fi-eiheit  (S.  603  ff.),  besonders  heilige  und  dauernde  Ver- 
fassungsgesetze sind  wegen  des  ewigen  Fortschritts  der  Mensch- 
heit ein  Unsinn  (S.  654).  Selbst  wenn  diese  etwa  die  Prin- 
cipien  der  ewigen  Gerechtigkeit  formuliren  wollten,  wären  sie 
ja  nach  Godwin's  Meinung  ganz  unnöthig,  da  übei-haupt  nach 
durchgedrungener  Wahrheit  jedes  Gesetz  unnöthig  ist,  — 
ebenso  wie  auch  eben  alle  Steuern  wegfallen  würden  (S.  681). 
Auch  ein  Codex  des  Privatrechts  ist  überflüssig,  es  genügt 
„die  Veniunft,  die  eine  uncontrollirte  Gerichtsbarkeit  nach 
der  Sachlage  im  einzelnen  Fall  übt.'*  Das  Ideal  der  Demo- 
kratie besteht  darin,  dass  lauter  selbständige  kleine  Kirch- 
spiele oder  Communen  nebeneinander  bestehen,  die  dann  ganz 
gelegentlich  z.  B.  im  Falle  eines  Angriff's  von  Aussen  coope- 
riren  resp.  zu  loser  Confoederation  zusammentreten.  Die  Depu- 
tirten  der  Confoederation ,  ebenso  wie  die  (gewälilten)  Juries 
in  den  einzelnen  Distrikten  oder  Communen  brauchen  auch 
kaum  zu  befehlen,  sondern  können  sich  mit  Appellen  an  die 
Vernunft  (invitations)  begnügen.  Zu  allerletzt  erscheinen 
Godwin  auch  die  Distrikte  und  ihre  Conföderation  unnöthig 
und  er  löst  die  ideale  Gesellschaft  in  lauter  selbständige 
Einzelne  ohne  jedes  äussere  zwingende  Band  auf  (S.  857)  — 
weit  consequenter  als  Bentham  erklärt  er  Sfhliesslich  alle 
Ordnung  als  solche  für  verwerflich. 

Es  heiTScht  manchmal  einige  Unklarheit  darüber,  welcher 
Zustand,  d.  h.  welches  Maass  von  Mangel  an  Ordnung  sofort 
und  unbedingt  und  welches  erst  in  späterer  Zukunft  hergestellt 
werden  kann  und  soll.  Jedenfalls  aber  ist  einei-seits  klar, 
dass  das  letzte  Ziel  Wegfall  aller  zwingenden  Gewalt  und 
Ordnung  ist,  und  dass  andererseits  Godwin  für  die  nächste 
Zeit  schweren  Herzens  eine  Staatsgewalt  als  nothwendig  an- 
erkennt,  aber  nur  zu  den  beiden  Zwecken,  Vertheidigungs- 


104  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

kriege  zu  führen  und  gewaltthätige  Verbrecher  im  Inland  un- 
schädlich zu  machen.  Letzterem  Zwecke  zu  Ehren  beschäftigt 
er  sich  gleich  Bentham  eingehend  mit  der  Frage  der  CriminaJ- 
justiz.  Er  verwirft  die  Gerechtigkeits-  und  die  Abschreckungs- 
theorie, und  erkennt  als  einzige  Rechtfertigung  der  Strafe 
die  Nothwendigkeit,  absolut  unverbesserliche  Individuen  zeit- 
weilig unschädlich  zu  machen.  Allein  auch  dies  ist  nur  eine 
zeitweilige  Nothwendigkeit  und  im  Gmnde  ein  Widersprach 
mit  der  Natur  und  dem  Genius  des  menschlichen  Geistes 
(S.  746).  Es  wird  diese  Nothwendigkeit  wegfallen,  indem  im 
richtigen  socialen  Zustand  der  Zukunft  alle  Vei*suchung  zum 
Verbrechen  und  damit  dieses  selbst  wegfallen  und  höchstens 
noch  eine  individuelle  Nothwehr  vorkommen  wird. 

Die  Lehre,  die  in  all  diesen  oft  geradezu  auf  kindlichem 
oder  kindischem  Glauben  beruhenden  Sätzen  liegt,  ist  die: 
Ein  extremer  consequenter  Individualismus  bedarf  nothwendig 
der  utopischen  Annahme  einer  unmöglichen  Vervollkommnung 
des  Menschen.  Ein  schroffer  Individualismus  ohne  diese  An- 
nahme, der  willkürlich  irgendwo  Halt  macht,  z.  B.  Majoritäts- 
herrschaft will,  ist  dagegen  innerlich  inconsequent.  Letzteres 
gegenüber  Rousseau  und  damit  implicite  auch  gegenüber 
Bentham  aufgedeckt  zu  haben,  ist  das  Verdienst  von  Godwin's 
abstrakten  Träumereien. 

Dieser  ganz  extreme  und  eben  deshalb  utopische  Indivi- 
dualismus ist  nun  auch  mit  Communismus  vereinbar. 

Obwohl  Godwin  anerkennt,  dass  ein  Mensch  weiser  sein 
könne  als  der  andere,  so  sind  ihm  doch  im  Grunde  die  Men- 
schen gleich  beanlagt  und  es  kommt  nur  darauf  an,  dass 
Jedem  die  Lehren  der  Wahrheit  vermittelt  werden,  worauf 
er  sie  mit  seiner  Veniunft  aufnehmen  wird  (S.  104  u.  a.  a.  0.). 
Diese  Behauptung  der  vorhandenen  Gleichheit  ist  natürlich 
unbewiesen.  Sie  hängt  einerseits  mit  Godwin's  Ansichten 
von  der  Natur  des  menschlichen  Geistes  überhaupt  zusammen, 
andereeits  ist  sie  zugleich  eine  andere  Form  für  den  vorhan- 
denen Wunsch  nach  Gleichheit,  d.  h.  das  Postulat  rein  und 
höchst  demokratischer  Institutionen  —  die  wir  schon  kennen 
gelernt  haben. 


Godwin.  105 

Nun  verlangt  Godwin  zwar  hier  zunächst  nur  rechtliche 
Gleichheit  und  will  faktische  Vei-schiedenheiten  des  Einflusses 
selbst  in  Folge  von  Reichthum  noch  zulassen  (S.  489)  —  doch 
hat  er  uns  schon  vorher  (S.  32)  verrathen,  dass  nach  seiner 
Meinung  die  Ungleichheit  des  Besitzes  die  Quelle  von  Ver- 
brechen ist,  und  dass  man  nach  dem  Princip  der  „justice"  ver- 
pflichtet ist,  von  dem  eigenen  Besitz  dem  Kachbar  abzugeben 
was  immer  dieser  nöthiger  braucht  als  man  selbst  (S.  88  ff.). 
Diese  Gedanken  werden  nun  im  8.  Buch  (S.  787)  zum  Schlüsse 
besonders  ausgeführt.  Sie  bilden  nicht  nur  den  Schluss, 
sondern  wirklich  den  Schlusstein  des  ganzen  Gebäifdes.  Denn 
durch  die  hier  auf  den  Höhepunkt  getriebenen  Utopien  ver- 
steht man  erst  recht,  dass  und  wie  Godwin  manches  Voran- 
gehende selbst  glauben  konnte. 

Wie  Fourier  seine  Vorschläge  zur  Umgestaltung  aller 
Production  unwillkürlich  selbst  widerlegte,  indem  er  zugleich 
eine  wunderbare  Umgestaltung  des  Menschen  und  der  ganzen 
Natur  prophezeite  und  so  unbewusst  zugestand,  dass  nur  durch 
ein  Wunder  sein  System  ohne  allen  Egoismus  verwirklicht 
werden  könne  —  so  verlor  sich  auch  Godwin  in  Träumereien, 
denenzufolge  nach  Verwirklichung  seines  Systems  der  Mensch 
frei  werden  würde  von  Krankheit,  Schlaf  und  Tod  —  ja  er 
gestand  sogar  gewissem) assen ,  dass  diese  Wunder  zur  voll- 
kommenen Verwirklichung  seines  Gleichheitssystems  nöthig 
seien.  Indessen  interessanter  als  diese  Verwandtschaft  mit 
Fourier  ist  dies,  dass  Godwin  ein  System  der  absolutesten 
faktischen  Gleichheit  vor  Baboeuf  predigte. 

Wenn  ei-st  jüngst  wieder  v.  Scheel  ^)  unsere  modenie  sociale 
Entwicklung  von  der  französischen  Revolution  datirt  und  den 
englischen  Vorbildeni  weder  als  Anregungen  noch  als  Musteni 
für  den  Continent  erhebliche  Bedeutung  zugesteht,  so  muss 
dem  gegenüber  sehr  betont  werden ,  dass  alle  die  Ideen  von 
Freiheit  und  Gleichheit,  die  in  unserer  socialen  und  politischen 
Geschichte  der  Neuzeit  eine  so  gi-osse  Rolle  spielen,  in  Eng- 


*)  In   dem  durchaus   sehr  interessanten  und    verdienstvollen  Buch: 
Unsere  socialpolitischen  Parteien,  1878. 


106  Erstes  Bach,  Cap.l. 

land  am  Ende  des  vorigen  und  im  Anfang  dieses  Jahrhunderts 
zu  bedeutender  Entwicklung  gelangt  sind.  Gewiss  war  Adam 
Smith  von  den  Physiokraten,  waren  Bentham,  Paine,  Cobbett 
und  Godwin  von  der  französischen  Aufkläiiingsliteratur  und 
der  Revolution  selbst  bedeutsam  angeregt.  Aber  diese  Literatur 
ging  ja  von  der  älteren  englischen  aus  und  die  jüngere 
englische  knüpfte  nicht  nur  an  die  französische,  sondern  immer 
zugleich  wieder  an  Locke  an  und  bewahrte  sich  eine  be- 
deutende Eigenartigkeit  und  Selbständigkeit.  Zugleich  ging 
dieselbe,  was  Ausbildung  eines  extremen  Individualismus  be- 
trifft, reichlich  so  weit  wie  die  französische;  in  der  Ausbildung 
der  Gleichheitsidee  steht  Godwin  hinter  den  Franzosen  durch- 
aus nicht  zurück  und  die  Erkenntniss  des  socialen  Gegen- 
satzes der  Neuzeit  zwischen  Besitz  und  Arbeit  entwickelte 
sich  in  England  ganz  selbständig.  Schon  der  Umstand,  dass 
in  England  die  Grossindustrie  zuerst  zur  mächtigsten  Ent- 
faltung gelangte,  macht  es  unzulässig,  die  Vorgänge  in  Eng- 
land gegenüber  den  französischen  als  unerheblich  zu  be- 
trachten. 

In  seinem  classischen  Buch  über  den  Socialismus  und 
Communismus  in  Frankreich  hat  Stein  so  trefflich  ausgeführt, 
dass  nach  Wegräumung  aller  alten  ständischen  Ordnung  die 
Institution  des  Privateigen thums  als  eine  mächtige  Säule 
socialer  Ordnung,  d.  i.  Unterordnung,  übrig  geblieben  sei  und 
dass  daher  um  dieselbe  ein  neuer  Kampf  entbrennen  musste. 
Diese  Erkenntniss  —  freilich  mit  der  extremsten  und  selt- 
samsten Tendenz  —  findet  sich  schon  bei  Godwin  1793,  indem 
er  gleich  im  Anfang  des  8.  Buchs  sagt,  es  müsse  das  Eigen- 
thum  auf  eine  gerechte  Basis  gestellt,  d.  h.  es  müsse  das 
hen'schende  System  des  Sondereigenthums  abgeschafft  werden, 
wenn  das  Ideal  „der  Gesellschaft  ohne  Regierung",  ohne  alle 
Staats-  und  Zwangsgewalt  erreicht  werden  solle.  — 

Er  hat  nicht  den  Grundsatz  einer  Zwangsgemeinschaft 
der  Production  und  Consumtion,  auch  nicht  den,  dass  Jeder 
im  Verhältniss  zu  seiner  Arbeit  und  Leistung  erwerben  und 
gemessen  solle,  sondern  sein  Grundsatz  lautet  einfach:  Jedem 
nach  seinen  Bedürfnissen. 


Godwin.  107 

Das  jetzige  System  des  Eigentbums  ist  nach  Godwin  noch 
schlimmer  als  Monarchie  und  Aristokratie;  alle  Abhängigkeit 
in  Folge  von  Verschiedenheit  des  Besitzes  mQsse  vei-schwinden, 
Trailer  Reichthum  und  insbesondere  aller  erbliche  Reichthum 
ist  wie  der  Gehalt  für  eine  Sinecure,  für  welche  die  Arbeiter 
die  Pflichten  erfüllen  und  der  Principal  das  ganze  Einkommen 
in  Luxus  und  Trägheit  consumiil"  (S.  804).  Dagegen  ver- 
langt die  Gerechtigkeit,  dass  ,jedes  Ding  Demjenigen  gehören 
soll,  der  es  am  meisten  braucht  oder  dem  der  Besitz  am 
meisten  Vortheil  bringt"  (S.  790).  „Die  natoriichen  Bedürf- 
nisse eines  Jeden  sind  der  einzige  Rechtstitel,  sich  irgend 
eine  Art  von  Waaren  anzueignen." 

Wie  soll  dies  ohne  Gewaltthat  erreicht,  wie  ohne  be- 
ständiges bellum  omnium  contra  omnes  erhalten  werden? 

Einzuführen  ist  es  natürlich  nur  durch  Uebei-zeugung 
Aller  von  der  Trefflichkeit  des  Systems.  Hat  sich  diese 
üeberzeugung  einmal  gebildet,  so  wird  das  System  auch  er- 
halten bleiben.  Die  Üeberzeugung  muss  nun  vor  Allem  darauf 
beruhen,  dass  die  Bedürfnisse  der  Eitelkeit  und  des  Luxus 
wegfallen.  Man  muss  und  wird  einsehen,  dass  der  Mensch 
zunächst  Nahiiing  und  Obdach  braucht  —  und  dass  ausserdem 
zum  wahren  Glück  nur  Ausdehnung  unserer  geistigen  Fähig- 
keiten, Kenntniss  der  Wahrheit,  Uebung  der  Tugend  gehört 
(S.  833).  Dies  ist  an  sich  leicht  erreichbar,  da  es  ja  im 
Leben  des  Menschen  im  Grunde  keine  Leidenschaften,  nur 
Gedankenketten  giebt  (S.  835).  Man  sieht,  Godwin  wünscht 
und  ei-wartet  allgemeine  Bedürfnisslosigkeit  im  Sinne  eines 
idealen  Epicuraeismus.  Streit  würde  dann  nicht  entstehen, 
indem  Jeder,  geleitet  von  den  Ideen  der  Gerechtigkeit,  stets 
es  erkennen  und  danach  handeln  würde,  wenn  ein  Anderer 
Etwas  nöthiger  hat  (S.  857).  Gemeinsame  Arbeit  wird  durch 
Verbessemng  der  Technik  unnöthig  werden,  gemeinsame 
Consumtion,  auch  Zusammenwohnen  sind  verwei-flich,  weil 
mit  der  individuellen  Selbständigkeit'  im  Widei-spruch. 
Deshalb  ist  auch  die  Ehe  ein  verkehrtes  Institut,  an  ihre 
Stelle  müssen  ungebundene  Freundschaftsverhältnisse  treten, 
in  denen  der  Geschlechtsverkehr  als  etwas  Triviales  in  den 


108  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

Hintergi-und  tritt.  Die  Kinderei*ziehung  wird  dann  eine  ganz 
freie  nach  Wunsch  der  Kinder  durch  Jedermann  werden. 

Man  braucht  kein  Wort  darüber  zu  verlieren,  dass  dies 
Alles  auf  gänzlicher  Verkennung  der  menschlichen  Natui*  be- 
ruht. Doch  ist  es  eine  richtige  Consequenz  der  Idee,  dass 
von  Natur  alle  Menschen  in  gleicher  Weise  ganz  vor- 
heiTSchend  oder  ausschliesslich  geistige  resp.  denkende  Wesen 
seien.  Es  liegt  sogar  ein  missleiteter  Idealismus  darin  und 
der  Kampf  gegen  die  Ehe  wird,  ohne  jede  Beimischung  sinn- 
licher Gemeinheit  gefuhrt.  All  dies  ist  eine  lächerliche  aber 
an  sich  richtige  Folgerung  aus  dem  Princip,  dass  das  ganz 
fi-eie  selbständige  Individuum  ein  vollkommenes  Wesen  wer- 
den müsse  —  und  was  ist  dies  anders  als  das  Extrem  der 
Idee,  dass  wir  durch  unbedingtes  laissez  faire  die  vollkom- 
menste der  Welten  erreichen  würden? 

Nun  bleibt  aber  noch  eine  Schwierigkeit,  und  um  diese 
zu  überwinden,  verliert  sich  Godwin  in  absoluten  Wahnsinn. 
Wenn  auch  Jeder  nur  die  nöthige  Nahiiing  und  Obdach  be- 
gehrt, Glanzliebe  und  Luxus  nicht  durch  Zwang,  sondern  in 
Folge  ihrer  Lächerlichkeit  aussterben,  wird  nicht  die  Be- 
völkerung dereinst  so  anwachsen,  dass  eben  nicht  mehr  Alle 
auch  die  nöthigste  Nahrung  finden  und  dass  dann  doch 
Streit  entsteht? 

Diese  Frage  zu  beantworten,  schrieb  Godwin  später  ein 
Buch  gegen  Malthus  ^).  Dieses  Buch  schrieb  Godwin  am  Ende 
seiner  Tage  und  es  trägt  deutlich  die  Zeichen  der  Alters- 
schwäche. Es  ist  äusserst  langweilig,  enthält  zahllose  Stellen 
aus  den  Psalmen  und  andere  Bibelspiiiche ,  ermüdende  Aus- 
brüche eines  unverwüstlichen  Optimismus,  den  Glauben,  dass 
der  Mensch  'durch  seinen  Willen  aller  üebel  Herr  werden 
könne  etc.  Die  Hauptsache  ist  der  selbstvei*ständlich  miss- 
lungene  Beweis,  dass  die  Bevölkerung  faktisch  keine  Tendenz 
habe,  sich  progressiv  zu  veimehren,  sondern  die  stationär  zu 
bleiben,  dass  es  also  keiner  schmerzlichen  „checks"  zur  Ver- 


^)  Ich  kenne  dasselbe  aus  der  französischen  Uebersetzong  von  1821. 
Es  ist  von  1820. 


Godwin.  109 

hinderung  der  Uebei-völkemng  bedürfe.  Es  ist  eines  jener 
vielen  Bücher,  die  durch  ihre  Uebertreibungen  verhindert 
haben,  die  wirklichen  Schwächen  der  Malthus'schen  Theorien 
zu  erkennen. 

Weit  übertriebener,  aber  interessanter  und  charakteri- 
stischer ist,  was  Godwin  schon  1793  über  die  Bevölkerungs- 
frage sagte.  Zunächst  meint  er,  es  sei  noch  so  viel  Grund 
und  Boden  unbewohnt,  dass  die  Angst  vor  Uebervölke- 
rung  vorläufig  ganz  unpraktisch  sei.  Für  die  weitere  Zu- 
kunft aber  gelte  Franklin's  Satz,  fiass  der  Geist  allmächtig 
werden  wird  über  den  Stoff  —  wämm  nicht  auch  über  den 
Stoff  unserer  eigenen  Körper?  d.  h.  Alter,  Krankheit  und 
Tod  beruhen  im  Grunde  auf  unserer  Unkenntniss,  auf  unserer 
derzeitigen  Unfähigkeit,  schädliche  Einwirkungen  auf  den 
Körper  zu  vermeiden.  Dies  können  wir  überwinden,  und  dann 
wird  die  Gesellschaft  aus  lauter  gesunden!,  weisen,  unsterb- 
lichen, erwachsenen  Menschen  bestehen,  die  einsehen,  dass 
der  Geschlechtstrieb  Unsinn  ist  und  daher  aufhören  sich  fort- 
zupflanzen (S.  871). 

Godwin  selbst  gesteht  zu,  dies  sei  eine  Conjectur,  die  zur 
Aufrechterhaltung  seines  sonstigen  Systems  nicht  nöthig  sei. 
Hiei'zu  ist  in  der  That  nur  eine  bedeutende  Verminderung 
des  „trivialen"  Geschlechtstriebes  nöthig  —  in  Verbindung 
mit  allgemeinem  Aussterben  egoistischer  Leidenschaften.  Es 
bleibt  jedoch  immerhin  dabei,  dass  Godwin's  System  auf  dein 
utopischen  Glauben  an  Umgestaltung  der  Natur  des  Menschen 
durch  die  Wahrheit  beruht. 

Zum  Schluss  kommt  Godwin  nochmals  auf  die  praktische 
Frage,  wie  der  Uebergang  zu  seinem  System  anzubahnen  sei. 
Natürlich  durch  Lehren  der  Wahrheit!  Indessen  müssten 
wir,  selbst  wenn  der  Weg  durch  Anarchie,  Blut  und  Gewalt 
ginge,  doch  immer  „einen  Moment  des  Schreckens  abwägen 
gegen  Zeitalter  von  Seligkeit"  (S.  876).  Also  friedliche 
Mittel  ohne  gewaltthätige  Revolution  —  aber  doch  keinen 
Schrecken  vor  Revolution.  Wenn  nur  erst  die  (demokratische) 
Republik  eingeführt  ist,    so  würde  der  Wegfall  ständischer 


110  Erstes  Bach,  Cap.  1. 

Monopole  unfehlbar  auch  den  Reiz  übei-flüssigen  Besitzes  ver- 
schwinden machen,  indem  Jeder  nur  stolz  ist  auf  das,  was  er 
ist ,  nicht  auf  das,  was  ihm  die  Gewalt  gegeben  hat  (S.  891). 
Die  Reichen  werden  freiwillig  immer  mehr  ihren  Ueberfluss 
abgeben  und  der  Demokratie  wird  von  selbst  die  Güter- 
gleichheit folgen! 

England  hat  bei  Beginn  der  Neuzeit  keine  Revolution 
ähnlich  der  gi-ossen  französischen  erlebt.  Aber  Godwin's 
Schriften  zeigen,  in  welchem  extremen  Maass  die  gleichen 
Ideen,  welche  die  grosse  französische  Revolution  beheiTSchten, 
auch  in  England  Eingang  fanden.  Es  lässt  sich  ein  extremerer 
Individualismus  und  ein  vollkommnerer  selbstgenQgender, 
Rationalismus  als  der  von  Godwin  nicht  denken.  Und  dass 
er  nicht  eine  ganz  vereinzelte  zufällige  Erscheinung,  sondern 
ein  Product  des  Zeitgeistes  war,  das  beweist  nicht  nur  die 
äusserliche  Thatsache,  dass  die  „Political  Justice'^  in  kurzer 
Zeit  drei  Auflagen  erlebte,^ sondern  man  beachte  vor  Allem, 
dass  seine  Justice**  identisch  mit  „utility^  ist,  dass  bei  ihm 
wie  bei  Anderen  das  Wohl  des  Individuums  das  Ziel  aller 
öffentlichen  Einrichtungen  bleibt.  Sein  Buch  ist  eine  Caricatur 
in  vielen  seiner  Theile  —  aber  eine  lehn-eiche  Caricatur  des 
Zeitgeistes  in  seiner  englischen  utilitarischen  Färbung.  Godwin 
löst  die  sociale  Frage  der  Neuzeit  in  der  radicalsten  Weise, 
indem  er  lediglich  aus  seinen  Annahmen  über  die  Natur  des 
Menschen  und  aus  den  Ideen  der  Freiheit  und  Gleichheit 
deducirt,  ohne  sich  im  Mindesten  um  die  gegenwärtigen 
socialen  Zustände  zu  bekümmeiii.  Politische  und  rechtliche 
Institutionen  sind  die  einzigen  Thatsachen,  die  er  bespricht 
resp.  bekämpft. 


Durch  seine  Theorien  der  Gütergleichheit  hat  Godwin 
eine  gewisse  Beziehung  zu  Thomas  Spence,  der  unter  den 
radicalen  Agitatoren  Englands  eine  nicht  bedeutende  aber 
eigenthümliche  Rolle  als  bewusster  und  einseitiger  Vertreter 
einer  Ait  von  agrarischem  Communismus  spielt. 


Th.  Spence.  111 

Godwin  war  ein  reiner  Denker,  in  dem  sich  das  Wollen 
und  Streben  seiner  Zeit  wiederspiegelt,  Spence  dagegen  ein 
wenig  gebildeter  und  überaus  bornirter  Agitator,  der  einen 
einzigen  Gedanken  in  zahllosen  Flugschriften  veitrat  und  da- 
durch eine  kleine  Anzahl  von  Anhängern  gewann,  die  dann 
in  den  geheimen  revolutionären  Gesellschaften  Englands  wäh- 
rend der  Zeit  der  französischen  Revolution  die  äusserste  Linke 
darstellten,  ähnlich  wie  in  der  Zeit  von  1848  die  Anhänger 
von  Weitling,  Marx  und  Engels  ein  extremstes  Anhängsel  der 
revolutionären  Schwänner  für  politische  Freiheit,  Gleichheit  und 
Einheit  in  Deutschland  waren.  Das  Interesse  der  Spence'schen 
Schriften  liegt  ausschliesslich  darin,  dass  er  in  vergleichsweise 
früher  Zeit  die  wirthschaftliche  Ungleichheit  der  Men- 
schen als  solche  in's  Auge  fasste  und  durch  einen  gewalt- 
thätigen  Vorschlag  entfernen  wollte. 

Als  Sohn  eines  Schustei-s  in  Newcastle  upon  Tyne, 
kurz  vor  dem  amerikanischen  Secessionskrieg  geboren  und 
mit  Opfern  zum  Schullehrer  erzogen*),  erlebte  er  es,  dass 
ein  Process  über  ein  eingehegtes  Gemeinfeld  (inclosed  common) 
dahin  entschieden  wurde,  dass  die  Rente  dieses  Landes  unter 
alle  Freemen  von  Newcastle  vertheilt  werden  sollte. 

Dies  veranlasste  ^Spence  zu  einem  Vortrag  in  der  Philo- 
sophical  Society  von  Newcastle  1775  *),  der  ihm  viele  Feinde 
eintrug,  so  dass  er  nach  London  übei-siedelte,  wo  er  Buch- 
händler wurde.  Als  solcher  betrieb  er  selbst  den  Verkauf 
seiner  kleinen  Schriften  und  edirte  1793 — 99  eine  periodische 
Schrift   „Pigs  Meat  or  Lessons  for   the  Swinish  Multitude" 


^)  Life,  Writings  und  Principles  of  Thomas  Spence  by  Allen  Daven- 
port,  1836.  Der  Verfasser  schwor  noch  1836  auf  die  Richtigkeit  Ton 
Spenoe's  Ideen. 

<)  Neu  edirt  1796  unter  dem  Titel:  „The  Meridian  Sun  of  Liberty 
or  the  Whole  Rights  of  Man  displayed  and  most  accurately  defined  in  a 
Lecture  read  at  the  Philosophical  Society  in  Newcastle  on  the  8th  No- 
Tember  1775,  for  printing  of  which  the  Society  did  the  Author  the  honor 
to  expel  him.  To  which  is  now  first  prefixed  by  way  of  Preface  a  most 
important  Dialogue  between  the  Citizen  Reader  and  the  author.  By 
T.  Spence  London  1776.    Price  one  Penny. 


112  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

(Burke!)^).  Er  wurde  mehiinals  verhaftet  und  processirt  und 
starb  1814  unter  Hinterlassung  einer  kleinen  Zahl  von  An- 
hängern, die  man  über  Gebühr  fürchtete^).  Durch  Owen*s 
Auftreten  und  Wirken  gerieth  seine  Lehre  allmälig  gänzlich 
in  Vergessenheit. 

Diese  seine  Lehre  ist  nun  schon  in  dem  Vortrag  von 
1775  fast  vollständig  enthalten.  Sie  lautet  einfach  dahin,  dass 
aller  Grund  und  Boden  behandelt  werden  solle  wie  der  er- 
wähnte Common  von  Newcastle.  Jeder  Mensch  hat  ein  Recht 
zu  leben,  dessen  ihn  die  Voreltern  nicht  berauben  können. 
Lidividuelle  Occupation  des  Bodens  ist  eine  Usurpation,  die 
keine  Zukunft  anerkennen  kann.  Die  Gesellschaft  ist  „ein 
gegenseitiger  Vertrag  unter  den  Einwohnern  eines  Landes  zur 
Aufrechterhaltung  ihrer  gegenseitigen  natürlichen  Rechte." 
Deshalb  muss  aller  Grund  und  Boden  den  Gemeinden  unver- 
äusserlich gehören  und  diese  sollen  ihn  möglichst  selbständig 
verwalten.  Die  Staatseinheit  kann  durch  ein  Parlament  da- 
bei gewahrt  bleiben.  Berechtigtes  Gemeindemitglied  soll  man 
schon  durch  einjährigen  Aufenthalt  werden.  In  den  Gemein- 
den heri-scht  allgemeines  Wahlrecht  und  Milizsystem.  Die 
Gemeinden  verpachten  allen  Boden  und  alle  Gebäude  in 
kleinen  Parzellen  auf  je  7  Jahre  dui-ch  öffentliche  Ver- 
steigerung. 

Die  späteren  zahlreichen  Schriften,  meist  nur  kleine  Flug- 
blätter und  aufrührerische  Gedichte,  variiren  diesen  Voi-schlag 
und  führen  ihn  gelegentlich  näher  aus.  Hervorzuheben 
ist,    dass  die  Ginindherren   nicht  entschädigt  werden  sollen, 


^)  Diese  Zeitschrift  besteht  aus  geschickt  ausgewählten  Excerpten  aas 
Priestley,  Godwin,  Swift,  D'Alambert  eta 

')  Diese  Angst  spiegelt  sich  deutlich  in  dem  Report  from  the  com- 
mittee  of  Secrecy  on  certain  violent  proceedings,  Juli  1812,  und  namentlich 
dem  Beport  from  the  committee  of  Secrecy  or  Papers  presented  to  the 
House  by  lord  Castlereagh,  Februar  1817,  aus  den  Übrigens  hervorgeht, 
dass  die  Anhänger  von  Spence  sich  zu  einer  kleinen  und  schwachen,  aber 
stark  und  wild  revolutionären  Gruppe  entwickelten,  die  einfach  als  extrem 
sodaldemokratisch  bezeichnet  werden  kann,  weil  sie  Revolution  zu  Ehren 
bewusster  socialer  Ziele  wollte. 


Th.  Spence.  113 

wenn  die  Gemeinde  den  Boden  übernimmt,  denn  die  ei*sten 
Occupanten  sind  Diebe  und  diejenigen,  die  von  ihnen  gekauft 
haben,  sind  gerade  so  schlimm,  sie  sind  Hehler^).  Auch 
die  Verwendungen  des  GrundheiTen  zur  Verbesserung  des 
Bodens  sind  kein  Grund,  ihn  zu  entschädigen,  denn  „die 
arbeitenden  Klassen  sind  es,  denen  man  in  ei'ster  Linie  fbr 
alle  Verbesserungen  Dank  schuldet"  *).  Dazu  ist  zu  bemerken, 
dass  auch  bei  Spence,  obwohl  er  nur  die  Grundherren  an- 
greift und  von  dem  Gegensatz  zwischen  Arbeit  und  Kapital 
ganz  schweigt,  schon  der  Gedanke  vorkommt,  dass  die  Arbeit 
allein  allen  Werth  schafife. 

Die  Pachtrente,  welche  die  Gemeinden  aus  dem  Boden 
ziehen ,  soll  so  vertheilt  werden  ^) ,  dass  zunächst  nach  Parla- 
mentsspruch gewisse  Pi-ocente  als  Ei-satz  aller  Steuern  für 
Erhaltung  des  Staats  abgegeben  werden,  dann  soll  ein  anderer 
Theil  an  Stelle  aller  Zehnten  und  Loealtaxen  zur  Bestreitung 
der  Gemeindeausgaben  verwendet  und  der  Rest  unter  alle 
ansässigen  Gemeidemitglieder  zu  absolut  gleichen  Theilen 
vertheilt  werden,  ohne  Unterschied  zwischen  Ann  und  Reich, 
Männern  und  Frauen,  Erwachsenen  und  Kindern*).  —  Es  ist 
merkwürdig,  wie  der  englische  Agrarcommunist  sich  nicht 
davon  losmachen  kann,  seine  Pläne  auf  einem  System  von 
Verpachtung  aufzubauen. 

Diese  Pläne  als  unberechtigt  nachzuweisen,  ist  um  so 
weniger  der  Mühe  werth,  als  der  Verfasser  sie  selbst  nie 
weiter  motiviit  als  durch  das  Recht  auf  Existenz.  Die  Frage, 
warum  nur  der  Boden,  nicht  anderes  Kapital  gemeinsam  wer- 
den soll,  wird  nie  gestellt  und  dies  allein  beweist  die  Ge- 


*)  S.  The  End  of  Oppression  (wie  es  scheint  von  1796). 

*)  T.  Spence.  The  Rights  of  Infants,  or  the  Inprescriptible  Right 
of  Mothen  to  sach  a  share  of  the  Elements  as  is  soffident  to  suckle  and 
bring  np  their  yoong.    London  1797. 

*)  So  besonders  deutlich  in  einer  Note  zu  dem  Gedicht:  The  Rights 
of  Man  first  published  1788. 

*)  S.  auch  A  Receipt  to  make  a  Millennium  or  Happy  World,  being 
extracts  from  the  Constitution  or  Spenceonian  Declaration  of  Rights  1805* 
Articie  6. 

Held,  Soc  Gesch.  Engl.  8 


114  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

dankenlosigkeit  des  Mannes,  der  nichts  weiter  vei*stand,  als 
für  Gleichheitsideen  bereits  empfängliche  Gemüther  an  ßinem 
bestimmten,  Vielen  praktisch  einleuchtenden  Punkte  zu  packen. 
Wenn  Andere  den  Gegensatz  zwischen  Arbeit  und  K&pital 
nicht  in  seiner  Bedeutung  erkannten,  so  erklärt  sich  dies  daraus, 
dass  ihr  Augenmerk  überhaupt  auf  politische  Fragen  gerichtet 
war.  Spence  aber  waif  sich  auf  das  sociale  Gebiet  und  blieb 
doch  bei  dem  Angriff  auf  die  Grundherren  stehen.  Dadurch, 
dass  er  überhaupt  eine  Leidenschaft  für  Gleichheit  hatte  und 
entzündete  und  dadurch,  dass  er  zur  Verwirklichung  dieses 
Zieles  Revolution  anwenden  will,  zeigt  er,  dass  er  unter  der 
Herrschaft  gewisser  Zeitideen  steht,  ohne  dass  er  jedoch 
irgendwie  tief  in  dieselben  eingediningen  wäre. 

Er  freut  sich^),  dass  Paine  überhaupt  die  Erde  als  all* 
gemeines  Erbe  der  Menschheit  anerkennt,  erklärt  aber  Paine's 
Plan  in  der  Agrarian  Justice  als  „fluchwürdiges  Pi-oduct  von 
Compi-omiss  und  Zweckmässigkeit."  Dagegen  citiit  er  mit 
Genugthuung  *)  eine  Stelle  aus  Swift's  Briefen  und  documen- 
tirt  dadurch  eine  gewisse  geistige  Verwandtschaft  mit 
Bentham  ^) : 

„In  Bezug  auf  das  sogenannte  Revolutionsprincip  geht 
meine  Meinung  dahin,  dass  das  öffentliche  Wohl  eine  Revo- 
lution rechtfertigt,  so  oft  die  üblichen  schlimmen  Folgen  eines 
gewaltsamen  Regieiiingswechsels  wahrscheinlich  weniger 
verderblich  sind  als  die  Leiden,  die  wir  unter  der  bestehenden 
Gewalt  erdulden."  Anderswo  spricht  er  einmal  davon,  dass 
die  Gnmdbesitzer,  wenn  sie  nicht  auf  legalem  Wege  entsetzt 
werden  können,  eben  nach  Paley  durch  das  Volk  entsetzt 
werden  müssen. 

Man  sieht,  obwohl  Spence's  einziger  Voi-schlag  praktisch 
auffallend  extrem  ist  —  seine  Principien  sind  dieselben 
und  nicht  gefährlicher   wie  die  bedeutenderer  Zeitgenossen. 


^)  S.  Rights  of  Infants. 

*)  Rights  of  Man. 

^  Wie  sehr  er  gleich  anderen  Zeitgenossen  geneigt  war,  Alles  rein 
rationalistisch  und  unhistorisch  aufzufassen,  das  zeigt  unter  anderem  auch 
sein  harmloser  Versuch,  eine  rein  phonetische  Orthographie  einzuführen. 


Th.  Paine.  115 

Dies  mag  zum  Schluss  eine  Stelle  aus  dem  Receipt  to  make 
a  Millennium  beweisen: 

Art.  3.  „Alle  menschlichen  Wesen  sind  von  Natur  und 
vor  dem  Gesetz  gleich  und  haben  ein  fortgesetztes  unveräusser- 
liches Recht  auf  die  Erde  und  dei*en  natürliche  Fiilchte. 

Art  4.  „Das  Gesetz  ist  der  freie  und  feierliche  Ausdruck 
des  allgemeinen  Willens.  Es  soll  gleich  sein  fQr  Alle,  mag 
es  schützen  oder  strafen.  Es  kann  nur  befehlen  was  für  die 
Gesellschaft  gerecht  und  nützlich  ist.  Es  kann  nur  verbieten 
was  schädlich  ist. 

Art  5.  „Sociale  Gesetze  können  daher  nie  natürliche 
Rechte  aufheben.  Und  jeder  Mann,  Weib  oder  Kind  haben 
nach  dem  Tag  ihrer  Geburt  bis  zu  dem  ihres  Todes  ihr  ur- 
sprüngliches Recht  auf  den  Boden  ihrer  Gemeinde." 

^  4.    Thomas  Paine. 

Thomas  Paine  gehört  zu  den  in  England  relativ  so  häu- 
figen Autodidakten,  die  sich  aus  niedrigem  Stande  durch  eigene 
Kraft  zu  einflussreichen  Schriftstelleni  emporarbeiten.  1737 
geboren,  erlernte  er  das  Handwerk  des  Vatei-s,  der  Schnür- 
brustmacher war,  und  übte  das  Handwerk  unter  Abrechnung: 
einer  kurzen  Zeit  des  Seelebens  als  Arbeiter  und  Meister; 
dann  war  er  Acciseinnehmer,  Tabakhändler  und  Copist  1774 
kam  er  nach  Amerika  und  wurde  daselbst  bald  Schriftsteller. 
Nach  Begründung  der  amerikanischen  Freiheit  ging  er  nach 
England  und  Frankreich,  lebte  daselbst  die  französische  Re- 
volution mit  durch  und  machte  für  ihre  Grundsätze  in  Eng- 
land Propaganda. 

Er  war  der  wirksamste  literarische  Vorkämpfer  für  Seces- 
sion  und  Einfühining  der  Republik  in  Amerika  gewesen;  nun 
wurde  er  der  bekannteste  Vei1;i*eter  der  französischen  Revo- 
lutionsideen in  England :  gegen  ihn  ergriff  Burke  die  Feder. 

1802  kehrte  er  nach  Amerika  zurück,  nicht  ohne  in  Frank- 
reich mannigfache  Enttäuschung  erlebt  zu  haben  und  starb 
1809,  nachdem  er  sich  noch  bis  zuletzt  an  den  öffentlichen 
Angelegenheiten  Amerikas  betheiligt  hatte. 


116  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

Viele  spätere  Artikel  u.  dgl.  untei*schrieb  er  mit  dem 
Titel  seines  ereten  grösseren  Werkes:  „Gesunder  Menschen- 
verstand''. Diese  Gabe  besass  er  entschieden  im  höchsten 
Maass.  Er  ergriff  die  Ideen  des  Individualismus  mit  Feuer- 
eifer und  gab  ihnen  einen  äusserst  scharfen,  vei'ständlichen, 
wirksamen  Ausdruck.  Es  fehlte  ihm  an  ausgebreiteter  Kennt- 
niss  der  Literatur,  an  wirklich  wissenschaftlicher  Schulung. 
Aber  die  Ide^n,  die  er  einmal  hatte,  wusste  er  mit  grösster 
Eindiinglichkeit,  einfach  und  doch  erschöpfend,,  klar  und  nie- 
mals langweilig  darzustellen. 

Er  appellirte  immer  nur  an  den  gesunden  Menschenver- 
stand, an  diesen  aber  mit  Erfolg,  und  der  wissenschaftlich  ge- 
bildete Leser  selbst  muss  zugestehen,  dass  Paine  gewisse  Zeit- 
ideen in  eine  ungewöhnlich  charakteristische  und  deshalb 
interessante  Fonn  gebracht  hat. 

So  roh  er  war,  er  hatte  doch  etwas  Geniales,  wie  Leslie 
zugesteht.  In  manchen  Punkten  freilich  vertrat  er  nicht  nur 
höchst  einseitige  Principien,  sondern  liess  sich  einfache  Irr- 
thümer  zu  Schulden  kommen,  wie  z.  B.  in  Fragen  des  Staats- 
schuldenwesens u.  dgl.  Aber  es  ist  doch  in  der  That  stau- 
nensweith,  wie  richtig  er  die  Kräfte  Englands  und  Amerikas 
abwog,  wie  er  betreffs  der  Frage  der  Secession  praktisch 
immer  den  Nagel  auf  den  Kopf  traf.  Nicht  minder  staunens- 
werth  ist,  wie  der  von  Hause  ungelehrte  Schriftsteller  bei 
seinen  Beweisen  für  die  Unechtheit  der  Bibel  zwar  auch  immer 
nur  an  den  gesunden  Menschenverstand  appellirt,  eine  oft 
merkwürdige  Unkenntniss  der  Literatur,  ja  sogar  (im  ei*sten 
Theil  des  Zeitaltei-s  der  Veniunft)  der  Bibel  selbst  an  den 
Tag  legt,  aber  doch  Beweismittel  anwendet,  die  dem  Ge- 
dankengange nach  von  einem  historischen  Kritiker  der  neue- 
sten Schule  ausgehen  könnten. 

Paine's  Schriften  zerfallen  in  politische  und  religiöse^); 
sie  sind  erst  in  jüngster  Zeit  neuerdings  in  deutscher  Ueber- 
setzung  herausgegeben  und  werden  in  Amerika  noch  stark 


^)  Die  politischen  Schriften  citire  ich  nach  der  Stereotypaosgabe  in 
2  Bänden.    Philadelphia  ISTCf. 


Th.   Paine.  117 

gelesen  —  kein  geringer  Beweis  für  die  Bedeutung  Paine's, 
da  gleiche  Verbreitung  und  gleiche  Dauer  .der  Wirksamkeit 
den  Schriften  anderer  zeitgenössischer  Agitatoren  nicht  zu 
Theil  wurde. 

In  diesen  Schi*iften  kommen  eigentlich  sociale  Gedanken 
nur  ganz  ausnahmsweise  vor,  und  von  einem  Eintreten  für  die 
Rechte  und  Interessen  des  Arbeiterstandes  als  solchen  ist  nicht 
die  Bede.  Paine  schwärmt  für  die  demokratische  Republik 
im  Gegensatz  zu  jeder  anderen  Regieinngsform,  und  für  den 
reinen  Deismus  im  Gegensatz  zu  jedem  kirchlichen  Dogma. 
Das  sind  seine  beiden  Hauptideen,  die  er  immer  wieder  und 
wieder  verficht  und  zwar  stets  mit  rein  rationalistischen  Waffen. 
Diese  beiden  principiellen  Ideen  werden  als  absolut  ver- 
nünftig einleuchtend  gemacht. 

Innerhalb  der  demokratischen  Republik  verlangt  Paine 
natürlich  das  allgemeine  Wahlrecht  und  ist  gegen  jeden 
Census.  Indessen  ist  ihm  die  republikanische  Verfassung,  der 
Ausschluss  von  Monarchie  und  Aristokratie,  doch  die  Haupt- 
sache, und  das  allgemeine  Wahlrecht  als  solches  ei*scheint 
nicht  als  das  Hauptpostulat. 

Bentham  kam  vom  allgemeinen  Wahlrecht  schliesslich 
zur  repräsentativen  demokratischen  Republik ;  Paine  geht  von 
letzterer  aus  und  verlangt  nur  innerhalb  derselben  allgemei- 
nes Wahli-echt. 

Dabei  wird  vielfach  ein  Wahlrecht  aller  Steuerzahler 
verlangt,  und  der  Census  nur  verboten,  weil  auch  diejenigen, 
die  indirecte  Steuer  zahlen,  Steuei-zahler  seien. 

Bei  dem  Kampf  gegen  den  Census  fehlt  jede  Gehässig- 
keit gegen  das  Eigenthum ;  es  wird  sogar  umgekehrt  behauptet, 
das  Eigenthum  bedürfe  zu  seiner  Sicherheit  des  allgemeinen 
Wahlrechts. 

Das  allgemeine  gleiche  Wahlrecht  ist  die  einfache  Folge 
des  Postulats  der  Rechtsgleichheit  —  nicht  die  Folge  bewuss- 
ten  Emporstrebens  des  Arbeiterstandes  im  Gegensatz  zu  einer 
socialen  Aristokratie: 

„Eine  Regieiiing  hat  Kenntnissnahme  von  allen  Dingen 
und  von  jedem  Menschen   als  einem  Gliede   der  nationalen 


118  Erstes  Bach,  Cap.  1. 

Gesellschaft,  möge  er  Eigenthum  haben  oder  nicht,  nöthig; 
nnd  daher  erfordert  das  Princip,  dass  jeder  Mann  und  jede  Art 
von  Recht  repräsentiit  sei,  wovon  das  Recht,  Eigenthum  zu 
erlangen  und  zu  haben,  nur  eines  und  zwar  nicht  von  der 
wesentlichsten  Art  ist.  Die  Beschützung  der  Pei-son  eines 
Menschen  ist  heiliger  als  die  Beschützung  des  Eigenthums; 
und  ausserdem  hat  auch  das  Vermögen,  irgend  eine  Art  Ar- 
beit oder  Dienste  zu  vollbringen,  wodurch  man  einen  Lebens- 
unterhalt erwerben  oder  seine  Familie  unterhalten  kann,  die 
Natur  des  Eigenthums  an  sich. 

„Ich  habe  stets  geglaubt,  dass  die  beste  Sicherheit  für 
das  Eigenthum,  sei  es  viel  oder  wenig,  darin  besteht,  jede 
Ursache  zur  Klage  und  jeden  Beweggrund  zur  Gewalt  von 
jedem  Theile  der  bürgerlichen  Gemeinschaft  soweit  als  mög- 
lich zu  entfernen;  und  dies  kann  nur  durch  Gleichheit  der 
Rechte  geschehen ;  wenn  Rechte  sicher  sind,  so  ist  das  Eigen- 
thum in  Folge  dessen  sicher.  Aber  wenn  das  Eigenthum 
zum  Vorwand  für  ungleiche  oder  ausschliessliche  Rechte  ge- 
macht wird,  so  schwächt  dies  das  Recht,  Eigenthum  zu  besitzen, 
und  reizt  zu  Unwillen  und  Tumult;  denn  es  ist  unnatürlich, 
zu  glauben,  dass  Eigenthum  unter  der  Bürgschaft  einer  Ge- 
sellschaft sicher  sein  könne,  welche  in  ihren  Rechten  durch 
den  Einfluss  jenes  Eigenthums  verletzt  ist."  (S.  316  Band  II 
der  politisch.  Sehr.) 

Diese  Stelle  findet  sich  in  der  kleinen  Schrift  von  1795: 
„Abhandlung  über  die  ersten  Ginindsätze  der  Regierung*', 
einer  Schrift,  die  entstand ,  nachdem  Paine  nicht  nur  die  ameri- 
kanische Revolution  dui-chgemacht  hatte ,  sondern  auch  durch 
die  französische  schon  angeregt  war.  Sie  enthält  alle  politi- 
schen Ansichten  Paine's  in  der  gi-össten  Schärfe  und  Klarheit 
und  genügt,  um  den  ganzen  Standpunkt  des  Verfassers  rasch 
zu  erkennen.  Gleich  im  Anfang  heisst  es,  die  „Regierung  sei 
für  den  Menschen  der  interessanteste  Gegenstand ,  seine 
Sicherheit  und  seine  Wohlfahrt  stehe  damit  in  Ver- 
bindung". Doch  „sei  bis  zur  amerikanischen  Revolution  keine 
VerbesseiTing  in  der  Regierungswissenschaft  eingetreten", 
obwohl  sie  „von  allen  Wissenschaften  am  wenigsten  geheim- 


Th.  Paine.  119 

nissvoU  und  am  leichtesten  zu  verstehen  sei''.  Dann 
folgt  der  in  allen  anderen  Schriften  zu  findende  Satz,  es  gebe 
nur  zwei  Gmndformen  der  Regieiiing  (oder  wie  wir  heute 
sagen  würden:  Verfassungsfoimen)  nämlich:  „die  Regiemng 
durch  Wahl  und  Volksvertretung  und  die  Regieining  durch 
Erbfolge".  Die  Revolutionen  der  Neuzeit  verlangen  Reprä- 
sentativregiemng  gegenüber  der  Erbfolge,  d.  h.  demokratische 
Republik  im  Gegensatz  zur  Monarchie;  und  dies  ist  nach 
Paine  ein  absolut  berechtigtes  Ziel,  denn  er  glaubt,  „dass  es 
im  Euklid  kein  Problem  giebt,  das  mathematisch  richtiger  ist, 
als  dass  die  erbliche  Regieining  kein  Recht  zu  existiren  hat. 
Wenn  wir  daher  einem  Manne  die  Ausübung  seiner  erblichen 
Macht  nehmen,  so  entziehen  wir  ihm  das,  was  er  nie  ein 
Recht  zu  besitzen  hatte,  und  wozu  ihm  weder  Gesetz  noch 
Gebrauch  eine  Berechtigung  geben  konnte  oder  je  geben  kann." 
Die  erbliche  Monarchie  wird  aber  nicht  nur  wegen  ihrer 
praktischen  Folgen ,  wegen  der  Möglichkeit  minderjähriger 
und  sonst  unfähiger  Monarchen  verworfen,  sondern  vor  Allem 
deshalb,  weil  sie  sich  mit  den  angeborenen  gleichen  Rechten 
aller  Menschen  nicht  verträgt: 

„Da  es  unmöglich  ist,  den  Ursprung  von  Rechten  anderswo 
als  in  dem  Urspioing  des  Menschen  aufzufinden,  so  folgt,  dass 
die  Rechte  dem  Menschen  nur  als  Recht  seines  Daseins  zu- 
gehören, und  deshalb  für  jeden  Menschen  gleich  sein  müssen. 
Der  Grundsatz  einer  Gleichheit  der  Rechte  ist  klar  und 
einfach.  Jeder  Mann  kann  ihn  verstehen  und  durch  das  Ver- 
ständniss  seiner  Rechte  lernt  er  seine  Pflichten.  —  — •  — 
In  einem  Naturzustand  sind  alle  Menschen  gleich  an  Rechten, 
aber  nicht  gleich  an  Gewalt.  Die  bürgerliche  Gesellschaft 
hat  den  Zweck,  eine  Gleichmässigkeit  der  Gewalt  herzustellen, 
welche  der  Gleichheit  der  Rechte  entsprechen  und  eine  Ga- 
rantie derselben  sein  soll.  Die  Gesetze  eines  Landes  dienen, 
wenn  sie  gehörig  aufgebaut  sind,  diesem  Zwecke.  Jedermann 
nimmt  den  Arm  des  Gesetzes  zu  seinem  Schutze,  weil  er  wirk- 
samer als  sein  eigener  ist,  und  daher  hat  Jedermann  gleiches 
Recht  an  der  Bildung  der  Regierung  und  der  Gesetze,  nach 
denen  er  regiert  und  beurtheilt  werden  soll.    In  ausgedehnten 


120  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

Ländern  kann  dieses  Recht  der  Person  nur  durch  Uebertra- 
gung  ausgeübt  werden,  d.  d.  durch  Wahl  und  Repräsentation 
und  daraus  entsteht  die  Einrichtung  der  Repräsentativregie- 
rung." (S.  318  1.  c) 

„Dass  jede  Nation  ftlr  ihi*e  Zeit  das  Recht  hat,  sich  nach 
Belieben  zu  regieren,  muss  stets  zugestanden  werden,  aber 
Regierung  durch  Erbfolge  ist  Regierung  für  ein  anderes  Ge- 
schlecht des  Volkes  und  nicht  für  sich  selbst :  und  da  die  Leute 
bei  denen  sie  Wirksamkeit  haben  soll,  noch  nicht  vorhanden 
oder  Minderjährige  sind,  so  ist  auch  das  Recht  noch  nicht 
vorhanden,  um  sie  für  dieselben  einzusetzen  und  die  Anmaas- 
sung  eines  solchen  Rechts  ist  Verrath  an  den  Rechten  der 
Nachwelt.  —  —  Wenn  man  nach  dem  Ausschliesslichkeits- 
princip  urtheilt,  so  ist,  wenn  die  erbliche  Regierung  kein 
Recht  zu  existiren  hat  (und  dass  dies  nicht  der  Fall,  ist  be- 
weisbar) die  Repräsentativregierung  als  sich  von  selbst  ver- 
stehend zugegeben."  (S.  312  1.  c.) 

„Ob  die  Rechte  des  Menschen  gleich  sein  sollen,  ist  keine 
Sache  der  Meinung,  sondern  des  Rechts  und  folglich  des 
Princips,  denn  die  Menschen  besitzen  ihre  Rechte  nicht  als 
Bewilligung  von  einander,  sondern  Jeder  als  Recht  seiner 
selbst.  Die  Gesellschaft  ist  der  Hüter  aber  nicht  der  Geber. 
—  —  Aber  was  den  organischen  Theil  oder  die  Art  und 
Weise  betiifft,  in  welcher  die  vei^schiedenen  Regierungsabthei- 
lungen zusammengesetzt  werden  sollen,  so  ist  dies  ganz  und 
gar  Sache  der  Meinung. In  allen  Meinungsangelegen- 
heiten erfordert  der  Gesellschaftsvertrag  oder  das  Princip, 
nach  welchem  die  Gesellschaft  zusammengehalten  wird,  dass 
die  Majorität  der  Meinungen  Regel  für  das  Ganze  wird, 
und  dass  die  Minorität  derselben  praktischen  Gehoi-sam  leistet. 
Dies  ist  vollkommen  übereinstinmiend  mit  dem  Princip  glei- 
cher Rechte." 

Diese  Stellen  zeigen  deutlich,  wie  Paine  von  den  ange- 
borenen gleichen  Menschenrechten,  von  einem  Urzustand  und 
Staatsvertrag  ausgehend  zum  Postulat  der  demokratischen  Re- 
publik und  zur  Souveränetät  der  Mehrheit  gelangt.  Er  ist  nicht 
so  specifisch  englisch  wie  Bentham   mit  seinem  empirischen 


Th.  Paine.  121 

Nützlichkeitsprincip,  sondern  schliesst  sich  direct  an  Rousseau 
an.  Doch  erkennt  man  immer  den  praktischen  Angloameri- 
kaner,  der  sein  Ideal  bereits  verwirklicht  weiss. 

Auch  darin  untei*scheidet  sich  Paine  von  Bentham,  dass 
während  seiner  schiiftstellerischen  Lautbahn  wenig  Entwick- 
lung und  Yerändeining  seiner  Ideen  eintrat. 

Seine  ei*sten  Schriften  in  Amerika,  „Der  gesunde  Men- 
schenvei'stand"  und  die  „Krisis"  enthalten  schon  ganz  die- 
selben Gedanken  wie  die  späteren  Schiiften.  Schon  im  „ge- 
sunden Menschenvei*stand^^  finden  wir  jene  leichtmanchester- 
liche  Färbung  der  demokratisch-republikanischen  Postulate, 
die  später  oft  zu  entdecken  ist.  Da  Paine  jeder  entwickelte 
Sinn  für  sociale  Classengegensätze  fehlt  und  ihm  die  Titel 
der  englischen  Aristokratie  höchst  widerwärtig,  die  Unter- 
schiede zwischen  Reich  und  Aim  relativ  gleichgültig  sind  — 
gegenüber  dem  Unterschied  zwischen  König  und  Unterthanen 
(S.  6  Bd.  I),  so  ist  es  ganz  natürlich,  dass  in  seinen  Schriften 
viele  Stellen  sind,  die  später  Gobden  hätte  citiren  können  — 
mehr  als  solche,  auf  die  sich  O'Gonnor  hätte  berufen  können. 

Im  ;, Gesunden  Menschenverstand"  finden  wir  einen  war- 
men thatkräftigen  Patriotismus,  ein  beständiges  Drängen  zu 
energischen  kriegerischen  Maassregeln,  heiligen  Zoni  gegen  die 
kriegsunlustigen  Quäker.  Es  wird  sogar  zugestanden  (S.  33), 
dass  „der  Handel  so  wohl  den  Geist  des  Patriotismus  als  den 
Geist  militärischer  Vertheidigung  vermindert.'' 

Allein  wir  finden  auch  schon  den  Satz,  dass  Neigung 
zum  Krieg  eine  besonders  schlimme  Seite  der  Monarchie  ist 
(S.  25).  Das  Handelsinteresse  erscheint  als  ein  Hauptgi'und 
für  die  Emancipation  Amerika's  (S.  18)  und  es  fehlt  nicht  in 
den  ersten  Worten  der  Schrift  an  Anklängen  an  die  Idee 
des  Staats  als  einer  Assecuranzgesellschaft  mit  möglichst  bil- 
ligen Prämien: 

„Da  Sicherheit  der  wahre  Zweck  und  das  Ziel  eines 
Staates  ist,  so  folgt  unwiderstehlich,  dass  jede  Form  desselben, 
die  sie  uns  am  wahrscheinlichsten  mit  den  geringsten  Kosten 
und  dem  gi^össten  Nutzen  sichert,  allen  anderen  vorzuziehen 
ist  (S.  1). 


122  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

Zwischen  den  Theorien,  die  den  Staat  auf  den  Zweck 
des  Rechtsschutzes  oder  den  der  Wx)hlfahrt  gründen,  unter- 
scheidet Paine  niemals  schaif.  So  heisst  es  in  der  Krisis 
S.  98:  „Die  Ermuthigung  und  Beschützung  der  guten  Unter- 
thanen  eines  Staats  und  die  Unterdrückung  und  Betrafung 
der  schlechten  ist  der  Hauptzweck,  weshalb  eine  Regierung 
hingestellt  wird"  und  S.  325:  „die  öffentliche  Wohlfahrt  ist 
Zweck  der  Regierung  einer  Republik.  Es  ist  daher  noth wen- 
dig, zu  wissen,  was  man  unter  öffentlicher  Wohlfahrt  vei-steht. 
Dieser  Ausdmck  hat  keine  dem  Wohle  der  einzelnen  Indi- 
duen  feindliche  Bedeutung,  sondern  umfasst  im  Gegentheil 
das  Wohl  eines  jeden  Individuums.  Die  öffentliche  Wohl- 
fahrt  ist  das  Wohl  von  Allen,  weil  sie  das  Wohl 
eines  jeden  Einzelnen  ist,  denn  wie  der  Staatskörper 
alle  Einzelnen  in  sich  begreift,  so  umfasst  er  auch  das  öffent- 
liche Wohl,  das  Wohl  aller  seiner  einzelnen  Theile.  Das  Grund- 
princip  der  öffentlichen  Wohlfahrt  ist  die  Ge- 
rechtigkeit und  wo  man  diese  unparteiisch  ausübt,  wird 
jene  befördert;  denn  wie  es  zum  Wohle  eines  Jeden  gereicht, 
dass  ihm  nicht  Unrecht  geschieht,  so  ist  es  auch  zu  seinem 
Besten,  dass  der  Grundsatz,  der  ihn  beschützt,  nicht  in  der 
Person  eines  Anderen  verletzt  wird,  weil  eine  derartige  Ver- 
letzung seine  Sicherheit  schwächt,  und  das  dem  Zufall  über- 
lässt,  was  ihm  ein  fester  Fels  sein  soll." 

Es  kommt  Paine  nur  darauf  an,  dass  der  Staat  überhaupt 
von  den  ursprünglich  alleinberechtigten  Individuen  geschaffen 
wird,  dass  ihm  Gleichheit  der  Rechte  und  billige  Regierung 
gesichert  sind. 

Im  „gesunden  Menschenverstand"  kommt  vielfach  sittliches 
Pathos  nebst  biblischen  Citaten  vor.  Indessen  wird  auch  schon 
hier  unbedingte  Gewissensfreiheit  verlangt,  und  man  kann  nicht 
sagen,  dass  der  „gesunde  Menschenvei-stand"  im  Widei-spmch 
mit  dem  späteren  „Zeitalter  der  Vernunft'',  das  die  Autorität 
der  Bibel  unbedingt  vei'wirft,  steht,  denn  die  Bibel  wird  nur  zu 
dem  Nachweise  benutzt,  dass  auch  aus  ihr  keine  Rechtfertigung 
für  die  Monarchie  folge. 

In  der  „Krisis*'  kommen  trotz  alles  starken  Patriotismus 


Th.  Paine.  123 

die  Stellen,  welche  den  künftigen  Weltfrieden  als  Folge  der  Re- 
publik preisen,  und  die  Unabhängigkeit  Amerika's  des  Geld- 
vortheils  halber  fördera,  häufiger  vor.  S.  83  wird  die  Unab- 
hängigkeit verlangt,  weil  sie  den  Frieden  wenigstens  fttr  einen 
Welttheil  verbürgt,  Handelsfreiheit  mit  allen  Landein,  fi*eien 
Besitz  von  Ländereien  u.  s.  w.  vei-spricht  S.  151  ruft 
Paine  den  Engländera  zu:  „Es  kann  Euch  gleich  sein,  wer 
Amerika  regiert,  wenn  Eure  Manufakturwaaren  dort  einen 
Absatz  finden"  —  Worte ,  die  fast  gleichlautend  sind  mit  den- 
jenigen, die  später  Cobden  über  Indien  aussprach.  S.  149 
spricht  Paine  über  die  Kosten  des  Krieges  ganz  ähnlich  wie 
Cobden :  „Indem  Ihr  auf  Siegestöne  horchtet  und  durch  un- 
sinnige Waffenfreude  geleitet  wurdet,  vernachlässigtet  Ihr  es, 
die  Kosten  und  die  Folgen  des  Kriegs  zu  bedenken.''  S.  144 
eifert  Paine  gegen  Kriege ,  deren  Ursache  die  unrichtig  ver- 
standene Nationalehre  ist,  und  verräth  kosmopolitische  Ge- 
danken, indem  er  sagt,  seine  Liebe  sei  der  ganzen  Welt  ge- 
weiht, alle  Eigenschaften,  die  an  einem  Individuum  die  lobens- 
vrürdigsten  sind,  seien  es  auch  au  einer  Kation. 

Derartige  Gedanken  werden  aber  immer  nui*  mehr  gegen- 
über England  verwendet;  da  Paine  einer  eminent  praktischen 
Bewegung,  der  berechtigten  Unabhängigkeit  Amerika's,  dient, 
so  geht  sein  staatsmännischer  Sinn  in  kosmopolitischen  Schwächen 
nicht  unter,  was  sich  namentlich  in  seinem  Eifer  für  die  Stärke 
des  Staatenbundes  gegenüber  den  Einzelstaaten  (S.  198  u.  227) 
zeigt.  Es  handelte  sich  in  Amerika  nicht  um  Revolution  an 
sich,  sondern  um  eine  positive  politische  That,  um  die  Schaffung 
eines  neuen  Staatswesen.  Die  an  sich  staatsauflösende  Lehre 
vom  Staatsvertrag,  der  Volkssouveränetät  und  den  angeborenen 
Menschenrechten,  die  überall  durchklingt  (z.  B.  S,  151,  323 
u.  a.  a.  0.)  wird  daher  auch  insofern  eingeschränkt,  als  der 
Staat  selbst  und  seine  principiellen  Ordnungen  als  übe  r  dem 
Belieben  der  Inviduen  stehend  betrachtet  werden.  Es  ist  das 
freilich  eine  Inconsequenz ,  da  der  consequente  extreme  Indi- 
vidualismus eine  unwandelbare  Ordnung  und  ein  dauemdes 
unanfechtbares  Gesetz  überhaupt  nicht  anerkennen  kann. 
Allein  als  praktischen  staatlichen  Sinn  verrathende  Einschrän- 


124  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

kung  eines  übertriebenen  einseitigen  Princips  muss  es  aner- 
kannt werden,  wenn  Paine  in  der  Krisis  S.  326  die  Grund* 
rechte  der  Amerikaner  anfühii;,  denen  zufolge  „alle  Menschen 
gleich  frei  und  unabhängig  geboren  sind  und  gewisse  natür- 
liche angeborene,  unveräusserliche  Rechte  besitzen;  die  Be- 
wohner des  Staats  das  alleinige  ausschliessliche  und  angeborene 
Becht  haben,  denselben  zu  regieren ;  alle  gesetzgebenden  und 
vollstreckenden  Beamten  verantwortlich  sind;  die  Regiemng 
zum  allgemeinen  Nutzen,  Schutz  und  Sicherheit  des  Volkes 
emchtet  ist;  das  Volk  das  Recht  hat,  die  Regiei-ung  zu  ver- 
ändern oder  abzuschaffen  etc.  etc.*'  —  und  dann  behauptet, 
dass  diese  Gmndrechte  als  solche  unantastbar  seien:  „In 
diesem  Versprechen  und  Bunde  liegt  die  Giiindlage  der 
Republik;  die  Sicherheit  der  Reichen  und  der  Trost  der 
Annen  ist,  dass  der  Besitz  eines  Jeden  sein  Eigenthum  ist, 
das  kein  despotischer  Monarch  ihm  entreissen  kann  und  dass 
ihn  auch  das  allgemein  bindende,  alle  Theile  der  Republik 
zusammenhaltende  Princip  vor  der  Despotie  der  Mehrheit 
schützt;  denn  Despotie  kann  manchmal  durch  die  Macht 
Vieler  drückender  als  durch  die  eines  Einzelnen  über  Alle 
ausgeübt  werden."  Aus  diesen  Grundsätzen  folgert  Paine 
unter  Anderem  auch,  dass  die  Regierung  einen  Vertrag  mit 
Privaten,  z.  B.  einen  der  Bank  gewährten  Freibrief,  nicht 
einseitig  durch  Gesetz  ändern  könne.  Gerade  bei  diesem 
Beispiel  zeigt  sich  allerdings  sehr  deutlich,  dass  Paine  die 
Constanz  gewisser  principieller  Ordnungen  dadurch  beweisen 
will,  dass  ihm  die  wichtigsten  Naturrechte  der  Individuen 
über  dem  verfassungsmässigen  Rechte  der  Staatsorgane  stehen, 
dass  also  das  Individuum  und  nicht  die  staatlich  verbun- 
denen Individuen  der  eigentliche  Souverän  ist.  Die  Auffassung 
ist  an  sich  unhaltbar,  weil  die  principiell  feststehenden  natür- 
lichen Grundrechte  selbstvei'ständlich  willkürlich  gefasst  sind 
und  alle  Rechte  einer  sie  anerkennenden  und  aufrechterhalten- 
den sichtbaren  Autorität  bedürfen.  Die  Unhaltbarkeit  von 
Paine's  Auffassung  tritt  klar  in  den  Consequenzen  hei-vor, 
denen  zufolge  ein  der  Bank  gewährter  Freibrief  die  Regierung 
ewig  bindet,  dagegen  ein  Vertrag  zwischen  Volksvertretung 


Th.  Paine.  125 

und  einem  Monarchen,  der  erbliche  Monarchie  festsetzt,  nicht. 
Dennoch  bleibt  der  Vei-such,  nicht  alle  Ordnung  zum  Spiel- 
ball wechselnder  Majorität  machen  zu  wollen,  anerkennens- 
werth  als  Ausfluss  des  Strebens  nach  einem  festen  Princip  der 
Autorität. 

In  Europa  und  namentlich  in  England  hat  von  Paine's 
politischen  Schriften  das  Buch  über  die  „Menschenrechte"  am 
meisten  Aufsehen  gemacht.  Für  die  Unabhängigkeit  Amerika's 
hatten  sich  Paine  und  Burke  erklärt;  nunmehr  vertheidigte 
Paine  die  französische  Revolution  gegen  Burke. 

In  den  „Menschenrechten"  finden  wir  jene  wohlthuenden 
Spuren  staatsmännischer  Einsicht  wie  im  „gesunden  Menschen- 
verstand'' und  in  der  „Krisis"  nicht  mehr.  Ueberhaupt  ist 
dieses  Buch  nicht  mehr  mit  der  gleichen  Frische  geschrieben. 
In  den  Principien,  was  Staatsvertrag,  Volkssouveränetät,  Hass 
gegen  Monarchie  und  Adel  etc.  betrifft,  enthält  es  nur  Wieder- 
holungen. Die  Tendenz,  die  Monarchie  als  Quelle  aller  Uebel, 
die  Republik  dagegen  als  Quelle  alles  Guten  hins^ustellen,  wird 
in  ihrer  Uebertreibung  ermüdend.  Dass  Paine  in  seiner 
Polemik  Burke  nicht  gerecht  wird ,  vei-steht  sich  von  selbst. 
Beide  reden  einfach  in  verschiedenen  Sprachen  und  Paine 
kann  Burke  gar  nicht  verstehen.  Eine  historische  Ent- 
wicklung staatlicher  Einrichtungen  kennt  er  überhaupt  nicht, 
es  giebt  für  ihn  nur  Menschenrechte,  die  seit  dem  Urspning 
des  Menschengeschlechts  bestehen  und  dieses  Zuiückgehen 
auf  einen  (fingirten)  Ursprung  aller  Dinge  ei-scheint  Paine 
als  die  allein  berechtigte  und  gründliche  Forschungsweise. 
Er  fragt  nicht,  was  ist  und  wie  es  geworden  ist,  sondern  wie 
Alles  vernünftiger  Weise  werden  soll.  England  hat  gar  keine 
Constitution,  weil  nicht  das  ganze  Volk  auf  Grundlage  seiner 
Menschenrechte  einen  Staatsvei-trag  geschlossen  hat  Nur  der 
Staatsvertrag  auf  Giiindlage  der  gemeinsamen  Interessen  und 
der  Veniunft  kann  eine  rechtmässige  Regierung  begründen, 
die  Menschenrechte  der  französischen  Revolution  (S.  70,  Bd.  II) 
machen  Paine  gegen  jede  organische  Entwicklung  staatlicher 
Institutionen  platterdings  blind.  „Die  Menschheit  ist  nach 
meiner  Ansicht  immer  reif  genug,  ihr  wahres  Interesse  zu 


126  Erstes  Buch,  Gap.  1. 

verstehen,  wenn  es  nur  ihrem  Verständniss  klar  und  in  einer 
Weise  vorgestellt  wird,  die  nicht  durch  Sell^stsucht  Argwohn 
eiTegt,  noch  beleidigt,   indem  sie  sich  zu  viel  herausnimmt/* 

Wir  haben  also  scharf  ausgeprägt  die  doctrinäre  Unduld- 
samkeit des  rationalistischen  Radicalismus.  Da  Paine  die 
Menschenrechte  hauptsächlich  für  die  Engländer  schreibt,  so 
finden  wir  ihn  hier  mehr  als  in  den  früheren  Schriften  geistes- 
verwandt mit  Bentham  und  Gobbett.  Die  manchesterlichen 
Ideen  treten  noch  häufiger  auf  als  in  der  Krisis. 

Aehnlich  wie  es  Bentham  thut,  stellt  auch  Paine  die 
Autorität  von  Adam  Smith  hoch ;  stark  tritt  der  Gedanke  der 
Einschränkung  der  Befugnisse  der  Regierung  hervor:  „Es 
thut  die  Gesellschaft  für  sich  selbst  fast  Alles,  was  der  Regie- 
rung zugeschrieben  wird  —  die  Regierung  ist  nicht  weiter 
nothwendig  als  zur  Ergänzung  bei  den  wenigen  Fällen,  wo 
Gesellschaft  und  Civilisation  nicht  bequem  ausreichen.  —  Je 
höher  die  Civilisation  vorgeschritten  ist,  um  so  weniger  bedarf 
sie  einer  Regierung.  —  Die  Regierung  ist  Nichts  weiter 
als  eine  nationale  Verbindung,  welche  nach  den 
Grundsätzender  Gesellschafthandelt"  (S.  113—117). 

Schon  in  der  Vorrede  spricht  Paine  von  der  ewigen  Ver- 
bannung des  Krieges;  S.  156  von  „dem  friedlichen  System 
des  Handels,  das  eine  Verbrüderung  des  Menschen  anbahnt*' ; 
„das  wirksamste  Verfahren  ist  das,  die  Lage  des  Menschen 
durch  BefÖrdemng  seines  Interesses  zu  verbessern  und  auf 
diesem  Boden  nehme  ich  meine  Stellung.  Wäre  dem  Handel 
gestattet,  in  der  allgemeinen  Ausdehnung,  deren  er  fähig  ist, 
wirksam  zu  sein,  so  würde  er  das  Kriegssystem  vertilgen  und 
eine  Revolution  in  dem  uncivilisiiten  Zustand  der  Regie- 
rungen ei*zeugen"  —  wahrlich  eine  Stelle,  welche  die  Fest- 
redner im  Cobden  Club  1875  hätten  citiren  können.  Der 
kosmopolitische  Zug  wird  nun  ebensoviel  stärker  als  die  Sym- 
pathie mit  dem  Handelsinteresse:  „Mein  Vaterland  ist  die 
Welt,  meine  Religion  Gutes  thun"  (S.  171). 

Ganz  im  Geiste  solcher  manchesterlich  kosmopolitischer 
Friedensliebe  ist  es,  wenn  S.  144  gesagt  wird:  „Jedermann 
wünscht  seinem  Geschäfte  nachzugehen,  die  Fi-üchte  seiner 


Th.  Paine.  127 

Arbeit  und  den  Eitrag  seines  Eigeuthums  in  Frieden  und 
Sicherheit  und  mit  den  geringsten  Ausgaben  zu  gemessen. 
Wenn  dieses  erreicht  ist,  dann  ist  allen  Zwecken,  für  welche 
eine  Regieiimg  eingesetzt  werden  sollte,  entsprochen."  — 
Ebenso  entspringt  diesem  Geiste  die  häufige  Klage  über  die 
Höhe  der  Civilliste  (S.  148),  der  hervorragende  Eifer  gegen 
das  Landinteresse  (S.  170)  etc.  etc. 

Für  die  Massen  des  Volks,  namentlich  die  Armen,  hat 
Paine  freilich  ein  warmes  Gefühl.  Aber  die  Feinde  des 
Volks  und  der  Armen  sind  nie  die  Kapitalisten,  sondern, 
ähnlich  wie  bei  Cobbett,  der  Monarch,  die  Beamten,  die 
Pensionäre,  die  Adeligen,  die  Vertreter  der  Staatskirche. 

Die  Schrift  schliesst  mit  einem  detaillirten  Finanz-  und 
Steuerreformplan,  durch  den  die  Steuern  vermindert  und  die 
Armen  unteretützt  werden  sollen,  —  die  Armen,  nicht  die 
Arbeiter.  „Der  Hauptzweck  dieser  progressiven  Steuer 
(ausser  der  Gerechtigkeit,  die  schon  in  der  grösseren  Gleich- 
machung  liegt)  besteht,  wie  schon  erwähnt,  darin,  dass  sie 
den  Qbergrossen  Einfluss,  der  aus  dem  unnatürlichen 
Gesetz  der  Erstgeburt  entspringt  und  eine  der  Haupt- 
quellen der  Wahlbestechungen  ist,  austilgt"  (S.  195).  Nur 
ganz  nebenbei  ist  statt  von  Armen  von  Arbeiteni  die  Rede, 
indem  die  obrigkeitliche  Regulimng  der  Löhne  bekämpft  wird. 

Das  Steuerprojekt  selbst,  das  natürlich  ohne  Grundlage 
einer  irgendwie  genauen  Finanz-,  Bevölkerungs-  und  Vermögens- 
statistik entwickelt  wird,  erinnert  allerdings  mehrfach  an 
extrem  socialistische  Programme.  Allein  es  fehlt  dabei  an 
jeder  Ahnung  des  Classengegensatzes  zwischen  Kapital  und 
Arbeit,  es  sollen  die  Armen  als  solche  begünstigt  werden  durch 
Verminderung  des  Staatsaufwandes,  Abschaffung  der  hohen 
Civilliste,  Entlassung  von  Soldaten  und  eine  progressive  Ver- 
mögenssteuer, die  aber  factisch  nur  gegen  die  durch  Primo- 
genitur concentriiten  Veiinögen  gerichtet  ist.  Durch  die  also 
gewonnenen  Mittel  soll  eine  sehr  weitgehende  Unterstützung 
aller  Armen  bewirkt  werden  (S.  198).  Ausserdem  soll  die 
Staatsschuld  durch  Besteuei-ung  der  Staatsgläubiger  selbst 
allmälig  weggeschafft  werden  (S.  203). 


128  Erstes  Buch,  Gap.  1. 

Dieser  Plan  könnte  veifahi-en,  Paine  zu  den  halben  Com- 
munisten  zu  rechnen.  Allein  wenn  man  die  ganze  Richtung 
und  Tendenz  eines  Schriftstellers  richtig  verstehen  will,  so 
muss  man  immer  zuei*st  fragen,  gegen  welche  Institutionen 
sich  seine  Leidenschaft  wendet.  Es  können  im  Einzelnen 
weitgehende  Pläne  vorkommen,  die  doch  nur  ein  gelegent- 
liches Spiel  der  Phantasie  des  Yeifassers  sind  und  nicht  das 
Wesen  seiner  Richtung  bezeichnen.  So  muss  man  bei  diesem 
Finanzplan  Paine's  immer  im  Auge  behalten,  dass  billige 
republikanische  Regiemng  und  AbschaflFung  der  bevorrechteten 
Stellung  des  Adels  seine  eigentlichen  Ziele  sind  und  bleiben.  — 
Den  Armen  wird  nur  bewiesen,  dass  sie  von  Eireichung  dieser 
Ziele  materiellen  Voilheil  fttr  sich  erhoffen  können.  Nivel- 
lirung  des  Besitzes  an  sich  ist  aber  nicht  ein  Ziel  von  Paine. 

Dies  gilt  auch  von  derjenigen  Schrift  Paine's,  die  aus- 
schliesslich socialen  Inhalts  ist;  in  der  „agrarischen  Gerechtig- 
keit'' heisst  es  allerdings:  „Es  ist  unrecht,  zu  sagen,  dass 
Gott  Reiche  und  Arme  schuf,  er  schuf  nur  Mann  und  Weib 
und  gab  ihnen  die  Erde  zu  ihrem  Erbe"  und  Paine,  führt 
aus,  dass  die  Aimuth  ein  Product  der  Civilisation  sei,  dass 
jeder  Mensch  Anspruch  auf  einen  gleichen  Theil  des  von  der 
Natur  geschaffenen  Werths  des  Bodens  habe  —  nicht 
auf  den  durch  Bebauung  entstandenen.  Daraus  wird  gefolgert, 
dass  jeder  Grundeigenthümer  einen  Grundzins  zahlen  sollte, 
der  dann  zum  Besten  der  Armen  verwendet  werden  soll.  Prak- 
tisch wird  aber  eine  allgemeine  starke  Erbschaftssteuer  vor- 
geschlagen. 

Paine  geht  also  wieder  einseitig  von  der  Antipathie  gegen 
den  grossen  (adeligen)  Grundbesitz  und  von  der  Sympathie 
mit  den  Annen  aus  —  er  kommt  aber  schliesslich  zu  einem 
praktischen  Vorschlag,  der  mindestens  mit  dem  St.  Simonismus 
geistesvei-wandt  ist.  Dabei  kommt  dann  sogar  eine  Stelle 
vor,  die  wie  eine  Vorahnung  der  heutigen  socialdemokratischen 
Lehre  vom  Werth  der  Waaren  und  der  Arbeit  klingt.  S.  382 
heisst  es: 

„Ich  habe  die  in  diesem  Plan  angegebenen  Berechnungen 
sowohl  auf  sogenanntes  persönliches  als  auf  Landeigenthum 


Th.  Paine.  129 

gemacht.    Der  Grund,  ihn  auf  Land  zu  stützen,  ist  bereits  er- 
klärt, und    pei-sönliches  Eigenthum  in  die   Berechnung  auf- 
zunehmen,   ist    ebenfalls   wohl    begründet,    wenn   auch   auf 
einem  anderen  Princip.    Land  ist,  wie  oben  gesagt,  die  freie 
Gabe  des  Schöpfers  als  Gemeingut  an  das  Menschengeschlecht 
Persönliches  Eigenthum   ist  die  Folge  der  Gesellschaft 
und  es  ist   ebenso   unmöglich  für   den  einzelnen  Menschen 
ohne  Hülfe  der  Gesellschaft  persönliches  Eigenthum  zu  er-' 
langen,  als  es  unmöglich  ist ,  Grund  und  Boden  ui'sprünglich 
zu  schaffen.    —   Alle   Ansammlung  persönlichen   Eigenthums 
über  das  hinaus,  was  ein  Mensch  mit  seinen  eigenen  Händen 
erzeugt,  ersteht  ihm  durch  das  Leben  in  der  Gesellschaft ;  und 
er  schuldet,  jedem  Princip  der  Gerechtigkeit,  der  Dankbarkeit 
und  der  Civilisation  nach,  einen  Theil  jenes  Veimögens  wieder 
der  Gesellschaft,  von   welcher  das  Ganze  herrührt.    Hiermit 
wird  die  Sache  auf  einen  allgemeinen  Gi-undsatz  gestellt  und 
es  ist  vielleicht  am  besten,  dies  zu  thun;  denn  wenn  wir  die 
Sache  genau  untersuchen,  so  werden  wir  finden,  dass  die  An- 
sammlung pei-sönlichen  Eigenthums   in   vielen  Fällen   davon 
heiTtthrt,  dass  zu  wenig  für  die  Arbeit,   die  es  her- 
vorbrachte, bezahlt  wurde;  und  die  Folge  davon  ist, 
dass  der  Arbeiter  im  späten  Alter  umkommt  und  der  Arbeit- 
geber im  Uebei-fluss  schwelgt.    Es  ist  vielleicht  unmöglich, 
den  Preis  der  Arbeit  dem  Nutzen,  den  sie  hervorbringt,  genau 
anzupassen;   und  man  wird  feiner  sagen,  als  Entschuldigung 
für  die  Ungerechtigkeit,  dass,  wenn  ein  Arbeiter  einen  höheren 
Tagelohn    empfinge,   er    denselben    nicht    für    sein   höheres 
Alter  sparen,  noch  inzwischen  viel  besser  gestellt  sein  würde. 
Man  mache  also  die  Gesellschaft  zum  Schatzmeister,  um  den 
Lohn  für  den  Arbeiter  in  einem  gemeinschaftlichen  Fonds  aufzu- 
bewahren; denn  es  ist  kein  Ginind,  dass,  weil  der  Eine  viel- 
leicht keinen  guten  Gebrauch  davon  macht,  der  Andere  ihn 
nehmen  sollte. 

„Der  Zustand  der  Civilisation,  der  in  ganz  Europa  ge- 
herrscht hat,  ist  ebenso  ungerecht  in  seinem  Princip  als 
schauderhaft  in  seinen  Folgen,  und  es  ist  das  Bewusstsein 
davon  und  die  Befürchtung,  dass  ein  solcher  Zustand,  wenn 

Held.  Soc.  Gesch.  Engl.  9 


130  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

einmal  in  einem  Lande  die  Untersuchung  beginnt,  nicht 
fortdauern  könne,  welche  die  Besitzer  von  Eigenthum  jeden 
Gedanken  an  eine  Revolution  fürchten  macht  Es  ist  das 
Wagniss  und  nicht  das  Princip  einer  Revolution,  welche  ihren 
Fortschritt  verzögert.  Da  dies  der  Fall  ist,  so  ist  es  sowohl  zum 
Schutz  des  Eigenthums  als  um  der  Gerechtigkeit  und  Humanität 
willen  nothwendig,  ein  System  zu  bilden,  welches,  während  es 
einen  Theil  der  Gesellschaft  vor  Elend  bewahi-t,  den  anderen 
vor  Beraubung  sichert."  Man  muss  diese  Stelle  im  Zusammen- 
hang mit  der  ganzen  Schrift  und  mit  der  ganzen  literarischen 
Thätigkeit  Paine's  beurtheilen  —  und  danach  muss  man  sagen, 
dass  Paine  keineswegs  ein  Vorarbeiter  von  Owen  war,  da 
sein  eigentliches  Princip  immer  die  politische  Revolution 
blieb.  Nur  zur  Sicherung  des  Erfolges  der  politischen  Revo- 
lution will  er  ganz  gelegentlich  scharf  einschneidende  sociale 
Reform;  aber  er  will  keine  sociale  Revolution  an  sich,  und 
wenn  er  auch  vorübergehend  die  individualistische  Erklärung 
der  Entstehung  des  Sondereigenthums  bekämpft,  so  denkt  er 
doch  nicht  daran,  das  Sondereigenthum  überhaupt  anzugi-eifen, 
sondern  will  es  nur  durch  ein  der  Humanität  gebrachtes  Opfer 
schützen. 

In  den  übrigen  (kleineren)  politischen  Schriften  Paine's 
kommen  keine  Gedanken  von  principieller  Bedeutung  vor,  die 
nicht  in  den  bereits  erwähnten  Schriften  auch  enthalten  wären. 
Interessant  ist  in  den  letzten  amerikanischen  Schriften  die 
Abneigung  gegen  die  Sklaverei;  in  den  mit  Frankreich  und 
Europa  sich  beschäftigenden  Reden  und  Schriften,  Paine^s 
eneigisches  Eintreten  gegen  die  Hinrichtung  Ludwig's  XVI.^ 
sowie  seine  spätere  Stellung  zu  Napoleon,  der  ihm  offenbar 
doch  weniger  verhasst  ist  als  die  englische  Politik,  die  nach 
Paine's  Meinung  Napoleon  zum  Kriege  zwang,  üeberall  kommt 
der  alte  Grundgedanke  der  Abneigung  gegen  die  Monarchie 
vor,  nebenbei  Angriffe  auf  die  Staatsschuld,  das  Papiergeld, 
das  beschränkte  Wahlrecht  in  England  etc. 

Paine  hat  nicht  wie  Cobbett  einer  sich  bildenden  eng- 
lischen Partei  die  Schlagworte,  oder  gar  ein  politisches  oder 
sociales  Programm  gegeben.    Er  hat  nur  in  einer  Anzahl  von 


Burke.  131 

Engländern  die  durch  die  amerikanische  Secession  belebte 
Sympathie  mit  radical  individualistischen  Freiheits-  und  Gleich- 
heitsideen erhalten  und  dieselben  zur  Sympathie  mit  der  fran- 
zösischen Revolution  und  der  Republik,  zur  principiellen  Feind- 
schaft gegen  die  Kriegspolitik  der  Tories  gesteigert.  Er  hat 
wesentlich  dazu  beigetragen,  bei  Besitzenden  und  Arbeitern 
die  Auflfassung  zu  verbreiten,  dass  der  Staat  nur  ein  Diener 
wirthschaftlicher  Interessen  sei,  hat  aber  nicht  einem  dieser  * 
beiden  Stände  ein  mit  Leidenschaft  empfundenes  Bewusstsein 
seiner  Sonderinteressen  eingetlösst.  Alles  zusammen  genommen 
dient  er,  trotz  vereinzelter  Anklänge  an  extremen  Socialismus, 
dem  politischen  Radicalismus  des  vereinst  noch  als  einheitlich 
gedachten  dritten  Standes.  Was  seine  religiösen  Ansichten 
betrifft,  so  popularisirte  er  nur  Gedanken,  die  der  englische 
Deismus  längst  entwickelt  hatte.  Die  rücksichtslose  Anwen- 
dung des  Rationalismus  aber  zur  populären  Rechtfeiligung 
der  demokratischen  Republik  war  eine  einflussreiche  That, 
weil  sie  geschah,  unterstützt  durch  die  grossen  Thatsachen 
der  Revolutionen  in  Amerika  und  Frankreich. 


§  5.    Burke. 

Der  gi'össte  Gegner  der  Ideen  der  französischen  Revolution 
in  England  ist  Edmund  Burke.  Er  wandte  sich  zunächst  gegen 
Paine  und  andere  mehr  populäre  Schriftsteller  und  Politiker. 
Wollen  wir  aber  die  zwei  wichtigsten  geistigen  Strömungen,  die 
an  der  Wende  des  Jahrhunderts  in  England  herrschten,  in 
ihren  bedeutendsten  und  charakteristischsten  Vertretern  er- 
kennen, so  müssen  wir  Bentham  und  Burke  einander  gegen- 
über stellen.  Bentham  ist  ein  zurückgezogener  Philosoph,  der 
rücksichtslos  die  Consequenzen  eines,  wenn  auch  empirisch 
gefundenen,  ersten  Satzes  zieht ;  der  weder  redend  noch  han- 
delnd je  in's  praktische  Leben  eingriff,  der  jedes  Gefühl 
principiell  aus  seinen  nüchtern  rechnenden  Betrachtungen 
ausschloss  —  Burke  dagegen  ein  wirksamer  Parlamentarier, 
der  grösste  politische  Redner  aller  Zeiten,   der  stets  nur  von 

der  Fülle  der  Thatsachen  ausgeht  und  bei  jedem  Satz,  den 

9* 


132  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

er  ausspricht,  nur  einen  bestimmten  praktischen  Zweck  hat; 
dessen  Kraft  hauptsächlich  darin  besteht,  dass  er  sein  eigenes 
Gefühl  zum  höchsten  Affect  steigert  und  stets  an  die  Gefühle 
seiner  Hörer  und  Leser  appellirt. 

Die  Zeiten  sind  vorbei,  in  denen  es  liberale  Parteisache 
war,  Burke  zu  schmähen  oder  gar  seine  Parteinahme  gegen 
die  französische  Revolution  mit  pei-sönlichem  Interesse  zu  er- 
klären i).  Burke  ist  einfach  der  alte  englische  Whig  in  sitt- 
licher Empörung  und  thatkräftiger  Auflehnung  gegen  einen 
schrankenlosen  Radicalismus.  Er  ist  genau  so  viel  resp.  so 
wenig  inconsequent  wie  jene  Radicalen,  die  trotz  aller  Volks- 
souveränetätslehre  Revolution  praktisch  zu  venneiden  wünsch- 
ten —  wenn  auch  bei  ihm  die  Abneigung  gegen  Revolution 
viel  stärker  war  und  sich  im  Erfolg  oft  zu  einem  staiTen 
Conservatismus  steigerte.  Seine  Schwäche  liegt  nicht  darin, 
dass  er  nur  die  traditionelle  gemässigte  Freiheit  wollte. 
Was  er  wollte,  war  vielmehr  überaus  weise  und  richtig  und 
eine  Schwäche  seines  Intellects,  nicht  seines  Charakters  liegt 
nur  in  der  Art  und  W^eise  der  Motivirung  seines  Willens. 
Diese  enthält  eine  überraschende  Fülle  praktischer  Weisheit, 
entwickelt  eine  unerreichte  Kunst  in  der  Beschreibung  der 
wirklich  wirkenden  Kräfte  und  der  Ableitung  allgemeiner 
Erfahrungssätze,  aber  sie  verzichtet  überhaupt  auf  eine  Philo- 
sophie des  Staats  und  des  Rechts  und  macht  daher  der 
Theorie  des  Individualismus  allerlei  Concessionen. 

Burke  ist  eine  überaus  edle  sittliche  Kraft  und  er  ist  ein 
künstlerisches  Genie,  das  auf  dem  Gebiet  der  Politik  wirkt  — 
aber  er  ist  kein  Denker,  der  einer  Partei  oder  einem  Volke 
durchdachte  Formeln  als  lange  brauchbare  Grundlage  ihres 
politischen  Denkens  und  Glaubens  darbietet.  Er  beobachtet 
die  Thatsachen  und  lehrt  Andere  sie  beobachten;  er  verateht 
die  Empfindungen  Anderer  und  spricht  in  schönsten  Worten 


>)  S.  H.  Y.  Sybel  in  der  AUgemeinen  Zeitschrift  für  Geschichte 
Bd.  7,  Berlin  1847,  über  Burke  und  die  französische  Revolution  —  und 
später  über  Burke  und  Irland.  Vgl.  auch  Hillebrand,  Deutsche  Rund- 
schau, Dcbr.  1879,  und  Morley's  Biographie  von  Burke.  Sowie  F.  Gents, 
Eduard  Bnrke's  Rechtfertigung  — -  mit  Vorrede,  Berlin  1796. 


Burke.  133 

aus,  was. er  selbst  heiss  empfindet,  er  weckt  die  Gefühle  und 
regt  zur  Thatkraft  an  —  aber  er  klärt  keine  Gedanken.  Er 
ist  ein  ganzer  Mann ,  der  durch  den  sittlichen  Muth  seiner 
Ueberzeugung  wirkt,  leider  nicht  zugleich  ein  durchdringen- 
der philosophischer  Geist ,  der  gefährliche  Theorien  für  den 
kritischen  Verstand  definitiv  zu  veniichten  vermochte. 

Wie  unser  Heinrich  von  Treitschke,  war  Burke  eine 
aristokratische  Natur  und  im  besten  Sinne  des  Worts,  einer 
gemässigt  liberalen  Pai*tei  aufrichtig  ergeben,  veitrat  aber  in 
dieser  Partei  mehr  die  gerechtfertigten  Anspillche  des  natio- 
nalen Staats  als  die  Freiheitsrechte  der  Individuen.  Aehnlich 
wie  Treitschke  hochgebildet  in  jedem  Sinn  des  Worts  und  vor 
Allem  besser  als  irgend  Einer  die  Geschichte  seines  Volks 
verstehend,  wirkte  er  doch  mehr  als  Mann  der  That  und  des 
GefQhls,  denn  als  Mann  der  Wissenschaft.  Wie  Treitschke 
war  er  ein  Idealist,  der  mit  seiner  ganzen  Person  far  seine 
Ueberzeugung  lilcksichtslos  eintrat,  der  im  Kampfe  für  diese 
allein  Befriedigung  fand,  der  dem  Volke  die  edelsten  Gefühle, 
die  in  ihm  schlummerten,  vorhielt  —  und  doch  praktische 
Zwecke  auf  praktischem  Wege  anstrebte.  Aber  er  war  nicht 
wie  Ti-eitsche  bei-ufen,  der  gefeierte  Prophet  des  grossartigsten 
Aufschwungs  zu  sein,  sondern  seine  Aufgabe  war  es.  Gefahren 
aufzudecken,  Unheil  zu  verhüten,  neue  Ideen  zurückzudämmen. 

Viel  bewundert  ist  Burke's  Kunst,  Erfahi'ungssätze  blen- 
dend^ zu  formuliren;  allein  es  sind  nie  allgemeine  Sätze, 
die  die  Grundlage  weittragender  nothwendiger  Consequenzen 
sein  können  oder  wollen.  Es  sind  geistreich  formulirte,  ernst 
gemeinte,  künstlerisch  vollendet  stylisirte  geflügelte  Worte, 
—  es  sind  poetische  Wahrheiten,  die  der  erfahrene  Psy- 
chologe entdeckt  und  der  praktische  Politiker  jedesn^al 
nur  zu  einem  ganz  bestimmten  concreten  Zweck  ausspricht. 
Burke  sagt:  „Bei  aller  Pflichterfüllung  muss  Etwas  ge- 
wagt werden"  (Bd.  IL  S.  217),  oder:  „Festigkeit  ist  nur 
eine    Tugend,   wenn   sie    mit  der  vollkonmiensten   Weisheit 


^)  Ich  citire  nach  der  Ausgabe  von  The  Works  of  the  right  hono- 
rable  Edward  Burke.    London  ldl5  ff.,  12  Bde. 


134  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

verbunden  ist"  (Bd.  IL  S.  223).  „Wahrhaftig,  Inconsequenz 
ist  eine  Art  natürlichen  CoiTectors  von  Thorheit  und  Un- 
wissenheit'* (ebenda).  „Ich  weiss,  dass  Spai'samkeit  mit  Mangel 
an  Güte  verwandt  ist  und  dass  jede  Reform  auf  einzelne 
Personen  wie  eine  Strafe  wirken  muss"  (Bd.  III.  S.  232) 
„Der  individuelle  Vortheil  einer  allgemeinen  Wohlthat  ist 
vergleichsweise  so  klein  und  ergiebt  sich  aus  einem  Labyrinth 
verworrener  widerwärtiger  Umwälzungen ;  während  ein  gegen- 
wärtiger persönlicher  Nachtheil  so  schwer  gefühlt  wird,  da 
wo  er  trifft,  und  so  rasch  wirkt,  dass  die  kühle  Betrachtung 
eines  öffentlichen  Vortheils  niemals  das  lebendige  Gefühl  eines 
persönlichen  Verlusts  aufgewogen  hat  und  aufwiegen  wird.  — 
Nichts  ist  gewöhnlicher  als  dass  die  Menschen  laut  eine  Refoim 
verlangen  und  wenn  sie  kommt,  dann  keineswegs  ihre  strenge 
Erscheinung  lieben"  (Bd.  IIL  S.  234).  „Wer  nivelliren  will, 
wird  nie  ausgleichen"  (Bd.  V.  S.  104).  „Sie  (d.  h.  die  Gegner 
Burke's)  sind  weit  entfernt,  das  Wort  Volk  scharf  zu  definiren, 
sie  verstehen  aber  darunter,  wie  aus  vielen  Umständen  klar  zu 
einsehen  ist,  ihre  eigene  Partei,  wenn  sie  durch  Verrath  oder 
Gewalt  das  Uebergewicht  erlangt  haben  wird"  (Bd.  V.  S.  147). 

In  solchen  Sätzen  legt  Burke  seine  Lebensweisheit  nieder; 
daran  schliessen  sich  dann  Geftihlsergüsse  voll  des  schönsten 
Pathos,  die  nur  in  den  letzten  Schriften  in  Folge  des  langen 
Kampfes  und  mancher  harter  Erlebnisse  den  Charakter  ^einer 
bitteren,  leidenschaftlichen  Einseitigkeit  annehmen. 

Es  ist  ganz  unmöglich,  aus  Burke's  Schriften  eine  an  sich 
consequente  politische  Grundanschauung  zu  entnehmen,  welche 
ein  klares  einheitliches  System  des  NatuiTOchts  wäre.  Er  ver- 
tritt überhaupt  nur  einen  praktischen  Standpunkt  von  an  sich 
beschränktem  Umfang  und  ist  ein  principieller  Gegner  von 
„metaphysischen  Theorien".  Insofern  ist  er  inconsequent,  als 
er  für  seine  Zwecke  Anklänge  von  entgegengesetzten  Staats- 
theorien benutzt.  Er  hat  gar  keine  allgemeine  consequente 
Theorie,  aber  er  wird  nie  sich  selbst  inconsequent  und  er  hat 
in  den  praktischen  Zwecken,  die  er  verfolgte,  im  Laufe  seines 
langen  Lebens  nicht  gewechselt.  Verschiedene  einzelne  Zwecke 
hat  er  ja  nach  der  Zeiten  Lauf  angestrebt,  aber  alle  aus  der- 


Burke.  135 

selben  Ueberzeugung  heraus,  alle  als  Mittel  zur  EiTeichung 
des  Hauptzwecks.  Er  war  von  Anfang  und  blieb  bis  zum  Ende 
der  Feind  der  Willkürherrschaft,  sei  es  dass  diese  von  einer 
absolutistischen  Krone,  sei  es  dass  sie  von  erregten  Massen 
geübt  wird.  Er  wollte  die  Herrschaft  des  Gesetzes  statt  der 
Herrschaft  momentaner  Interessen  und  Leidenschaften,  er 
wollte  die  mit  der  Ordnung  verbundene  Freiheit,  er  wollte 
jenes  Maass  verfassungsmässiger  Freiheit,  wie  es  die  gloiTeiche 
Revolution  festgestellt  hatte,  jenes  Maass  historisch  geheiligter 
Freiheit,  das  die  alten  Whigs  seit  1688  vertreten  hatten,  er 
wendete  sich  gegen  Alle,  die  dieses  Maass  einschränken  oder 
ausdehnen  wollten.  Und  der  Grund  dafür  war  nicht,  dass 
diese  Verfassung  einem  theoretischen  Ideal  entsprach  —  son- 
dern dass  Burke  sie  mit  aller  Macht  liebte  und  dass  sie  nach 
seiner  Meinung  durchaus  bewährt  war  und  das  Wohl  des 
Volks  am  besten  sicherte  —  sie  sollte  erhalten  bleiben,  weil 
sie  dem  Gefühl  des  echten  Engländers  werth  war  und  seinem 
praktischen  Verstand  zweckmässig  ei-schien. 

Das  war  Burke's  Standpunkt;  ehrenwerth  und  stark,  wo 
er  sympathisch  gestimmte  Seelen  fand  —  aber  unfähig  Gegner 
zu  bekehren,  die  mit  der  Kraft  des  Glaubens  eine  andere 
Theorie  erfasst  hatten  und  die  eine  andere  Verfassung  für 
nützlicher  hielten. 

Charakteristisch  ist,  dass  Burke's  erste  Schrift  die 
„Vindication  of  Natural  Society'  gegen  Bolingbroke  ge- 
richtet, bereits  eine  principielle  Stellung  gegen  revolutionären 
Radicalismus  einnimmt.  Durch  witzvolle  deductio  ad  absur- 
dum beweist  Burke,  dass  man  mit  denselben  Argumenten, 
mit  denen  man  die  positive  Religion  angreift ,  jede  staatliche 
Ordnung  einstüi-zen  könne;  dass  die  Uebel,  über  welche  die 
anarchischen  Gegner  der  bestehenden  Ordnung  klagen,  in  jedem 
Staat  unvermeidlich  sind.  Die  herkömmlichen  conservativen 
Anschauungen  von  Staat  und  Religon ,  Thron  und  Altar  wer- 
den in  Schutz  genommen  gegen  rationalistische  Naturzustands- 
ideen, die  falsch  sind,  weil  sie  praktisch  schädlich  sind 
(Bd.  I.  S.  4). 

In  der  Schrift  „Thoughts  on  the  Cause   of  the  Present 


136  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

Discontents"    von   1771    wendet  sich    der    aufrichtige  Whig 
gegen   absolutistische   Tendenzen,   die  sich   unter   der   Idee 
verbei*gen,    man    müsse    das    Königthum    frei    machen    von 
dem    Einfluss    der   Parteien.      Der   natürliche    Liberalismus 
versteigt    sich    zu    dem    Satze,     dass    im    Zweifelsfall    bei 
Streit  zwischen  Volk  und  Regieiung  das  Volk  recht  habe  — 
natürlich     aber    das    conservative ,    loyale    englische    Volk. 
Das  Volk  soll  die  Minister  nicht  wählen,  aber  das  Parlament, 
welches  in  Wahrheit  die  öffentliche  Meinung  repräsentirt,  soll 
Uebergiiffen    der  Krone   begegnen,    indem    es    unpopulären 
Ministem  Geld  verweigert.     Die    einflussreichen  Classen  im 
Staate  müssen  für  eine  Regieiiing  sorgen,   die  nicht  Alle  be- 
friedigt, aber  dem  Volke  ein  grosses  Maass  von  Zuü'iedenheit 
gewährt.     Das  Haus  der  Gemeinen  muss  eine  Conti-ole  der 
Regierung  für  das  Volk,   nicht  eine  Controle  des  Volks 
ausüben  (Bd.  II.  S.  288).   Burke  vertheidigt  Wilke  und  klagt 
über  die  Corniption  des  Parlaments  —  er  will  ein  Haus  der 
Gemeinen,  das  die  öffentliche  Meinung  repräsentirt,  mit  fest 
zusammenhaltenden  Parteien,  keine  Hofregierung,  sondern  eine 
aus  der  Mehrheit  des  Parlaments  hervorgehende  Regierung, 
die  dann  das  Vertrauen  des  Volks  nothwendig  hat.    Um  dies 
zu  erreichen  und  die  „Königsmänner"  aus  der  Regierung   zu 
entfernen,   braucht   man    demonstrative  Versammlungen    der 
Grafschaften  und  Corporationen ,   aber  ja  keine  radicale  Ver- 
fassungsändemng,  nicht  einmal  kürzere  Wahlperioden.    „Jeder 
Plan  einer  wesentlichen  Acnderung  einer  Verfassung,   die  so 
complicirt  ist  wie  die  unserige ,  und   gar  in  einem  Moment 
womöglich  noch   complicirterer   äusserer  Verhältnisse  ist  eine 
Sache  voll   der  gi'össten  Schwierigkeiten,   in   der   ein   über- 
legender Mann   nicht  zu  schneller  Entscheidung,    ein  kluger 
nicht  zu  raschem  Wagen,  ein  ehrlicher  nicht  zu  raschen  Ver- 
sprechungen geneigt  sein  kann." 

Wie  im  Kampf  gegen  die  Hofcamarilla  so  tritt  uns  Burke 
als  Vertreter  der  loyalen  Opposition  namentlich  entgegen  in 
seiner  Stellung  gegenüber  der  amerikanischen  Frage.  Das 
Mutterland  soll  die  Colonien  nicht  besteuern  —  aber  nicht 
weil  dies  gegen  die  Menschenrechte  der  Colonisten  vei*stösst, 


Burke.  137 

sondern  weil  es  gegen  das  Herkommen  ist  und  schädlich 
wirkt.  In  seinem  „Speech  on  American  taxation"  1774  (Bd.  II. 
S. 343  ff.)  sagt  Burke:  „Noch  einmal  kehren  Sie  zu  Ihren  alten 
Principieu  zurück.  Suchen  Sie  Frieden  —  lassen  Sie  Amerika, 
wenn  es  steuerbare  Objecto  hat,  sich  selbst  besteuern.  Ich 
lasse  mich  nicht  auf  rechtliche  Unterscheidungen  ein  und 
versuche  nicht  die  Grenzen  von  Rechten  festzustellen;  ich 
befasse  mich  nicht  mit  solchen  metaphysischen  Fragen,  ja  ich 
hasse  schon  ihren  Klang.  Lassen  Sie  die  Amerikaner  in  ihrem 
alten  Zustand  und  diese  Untei-suchungen,  die  unser  Streit  er- 
zeugt hat,  werden  unter  uns  aussterben.  Sie  und  wir,  ihre 
und    unsere    Vorfahren    waren    glücklich    unter   dem    alten 

System begnügen   Sie  sich,    Amerika    Handelsgesetze 

aufzulegen,  das  haben  Sie  immer  gethan.  Lassen  Sie  dies 
den  Grund  sein  für  Handelsgesetze.  Aber  belasten  Sie  sie  nicht 
mit  Steuera.  Sie  waren  von  Anfang  an  nicht  gewöhnt,  dies 
zu  thun  —  lassen  Sie  dies  den  Gmnd  sein,  nicht  zu  besteuern. 
Das  sind  die  Gründe  von  Staaten  und  Königreichen  —  über- 
lassen Sie  das  Andere  den  Schulen" und  nun  wendet 

er  sich  eifrig  gegen  Theorien  von  Volkssouveränetät,  die  man 
leider  durch  Versuch  der  Knechtung  gross  ziehe,  statt  die 
legale  Souveränetilt  des  Staats  und  die  Freiheit  der  Coloni- 
sten  zu  vei*söhnen. 

Diese  Parteinahme  für  Amerika  ist  kein  Widerspruch 
mit  dem  Hass  gegen .  die  französische  Revolution.  Das  eng- 
lische Parlament  hat  das  Recht,  Amerika  zu  besteueni,  aber 
es  soll  aus  wohlverstandenem  Interesse  davon  keinen  Ge- 
brauch machen.  Der  gleiche  Gedankengang  kehrt  in  den 
folgenden  Reden  im  dritten  Bande  der  Works  immer  wieder: 
„Mein  Zweck  ist,  britische  Souveränetilt  und  amerikanische 
Freiheit  zu  versöhnen'*  —  „die  einzige  Freiheit,  die  ich 
meine,  ist  die  Freiheit  mit  Ordnung''  —  „die  Frage  ist  nicht, 
ob  Sie  das  Recht  haben,  Ihr  Volk  elend  zu  machen,  sondern 
ob  es  nicht  Ihr  Interesse  ist,  es  glücklich  zu  machen.'* 

Und  in  gleichem  Sinne  eifert  Burke  gegen  Sineouren  und 
gegen  die  ungerechte  Verfolgung  der  Katholiken  schon  1780. 

Nach  Beendigung  des  Streits  mit  Amerika  beginnt  Burke 


138  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

seinen  Feldzug  gegen  die  ostindische  Compagnie.  Die  echt 
englische  Abneigung  gegen  Monopole,  vor  allem  aber  das 
sittliche  Gefühl,  das  sich  gegen  Unterdnickung  und  Ausbeu- 
tung von  Menschen  empört,  entflammten  Burke  zu  diesem  ge- 
waltigen Kampf,  in  dem  er  zwar  im  Eifer  wohl  über  das 
praktisch  mögliche  Ziel  hinausschoss ,  dennoch  aber  sei- 
nem Vaterland  die  wei-thvoUsten  Dienste  leistete.  Nach  seiner 
eigenen  Meinung  hat  Burke  auf  dem  Gebiete  der  indischen 
Angelegenheiten  das  Grösste  und  Dankenswertheste  geleistet 
Seine  darauf  bezüglichen  Reden  und  Schriften  gewähren  aber 
geringere  Ausbeute  für  die  Beurtheilung  seiner  politischen 
Grundanschauungen.  So  wenden  wir  uns  gleich  zu  den  be- 
lilhmten  „Reflections  on  the  Revolution  in  France"  von  1790. 

Derselbe  Burke,  der  die  Amerikaner  mit  ihren  massigen 
beschränkten  Zwecken  vertheidigt  hatte,  wendet  sich  nun  mit 
Entsetzen  von  den  extremen  anarchischen  Freiheitsideen 
der  Franzosen  ab.  Er  kann  sich  nicht  für  Freiheit  im  AU- 
gemeioen  begeistern,  denn  „Freiheit  ist  Macht,  wenn  Menschen 
in  geschlossenen  Massen  handeln''.  Er  sieht,  dass  in  der  so- 
genannten Constitutional  society  und  in  der  Revolution  society, 
die  ein  Dissenterclub  war,  der  alljährlich  den  Jahrestag  der 
glorreichen  englischen  Revolution  feierte,  Sympathien  mit  der 
französischen  Revolution  um  sich  griffen  und  ist  der  Meinung, 
„dass,  wenn  unseres  Nachbars  Haus  in  Brand  steht,  es  nicht 
schaden  kann,  dass  die  Feuerspritzen  auch  ein  wenig  das 
eigne  Haus  treff'en."  Man  habe  1688  in  England  eine  kleine 
Abweichung  von  der  regelmässigen  Erbfolge  durchgeführt, 
keineswegs  aber  ein  Princip  der  Wahl  des  Königs  durch  das 
Volk  aufgestellt.  Dies  sei  ein  specieller  Act  der  Nothwehr 
gewesen  unter  Berufung  auf  die  Vorfahren  und  unter  Feststel- 
lung der  Erbfolge  für  die  Zukunft  —  die  französische  Revo- 
lution aber  sei  eine  grässliche  tragikomische  Scene. 

Der  Freund  der  mit  Ordnung  verbundenen  Freiheit,  der 
Mann,  der  Revolution  nur  als  ein  in  Nothfällen  unvermeid- 
liches Uebel  zulassen  will,  wendet  sich  gegen  anarchische  Frei- 
heit und  principielle  Revolution.  Er  erkennt  alle  Schwächen 
der   Franzosen,   alles   innerlich   Unhaltbare   ihrer    Theorien. 


Burke.  139 

Er  erkennt  richtig,  welche  Gefahr  es  sei,  in  England  mit 
diesen  Theorien  zu  cokettiren.  Er  ist  kein  Revolutionär,  er 
ist  kein  Alannist,  der  sich  vor  Gespenstern  fürchtet.  Er  hat 
richtig  vorhergesehen,  dass  ein  Umsichgreifen  der  rationalistisch- 
individualistischen Staatsauffassung  in  ßousseau's  Geist  die 
alten  Ginindlagen  der  englischen  Verfassung  zerstören  müsse. 
Dies  ist  ja  im  Laufe  der  Zeiten  geschehen  —  nur  hat  der 
ruhigere  Nationalcharakter  verhindert,  dass  es  plötzlich  auf 
dem  Wege  jakobinischer  Revolution  geschah.  Richtig  ist 
Burke's  Kritik,  wahr  ist  seine  Meinung,  dass  der  altenglische 
Freiheitssinn  und  der  der  französischen  Revolution  ihren 
Zwecken  nach  principiell  verschieden  sind. 

Aber  er  hat  nicht  erkannt,  dass  in  Frankreich  die  Ver- 
hältnisse unheilbar  verwint  waren  und  eine  gesetzliche  Re- 
form durch  Schuld  der  Vergangenheit  unmöglich  war,  dass 
dort  ein  Extrem  das  andere  mit  einer  gewissen  Nothwendig- 
keit  hervorrief  und  —  was  der  schwerete  Vorwurf  nicht  gegen 
seinen  Charakter,  aber  gegen  seine  Einsicht  ist  —  er  hat 
nicht  erkannt,  dass  in  Englandjseit  dem  Entstehen  der  Gross- 
industrie sich  eine  Aenderung  der  socialen  Verhältnisse  voll- 
zog, die  auch  hier  allmälige  Aenderung  der  Verfassung  nach 
sich  ziehen  musste.  Diese  sollte  nicht  im  französischen  Geiste 
durchgeführt  werden,  aber  Burke  vergass  anzugeben,  wie  die 
dauernd  haltbaren  Principien  den  neuen  Verhältnissen  ange- 
passt  werden  sollten  und  wähnte,  dass  einfache  Auflehnung 
des  conservativen  Gefühls  und  energischer  Krieg  gegen 
Frankreich  den  Geist  der  Neuerung  definitiv  niederschlagen 
könnten. 

So  war  er  ein  grosser,  ein  wahrer,  ehrlicher,  sich  selbst 
consequenter  Kritiker  der  französischen  Revolution ,  aber  die 
Beschränktheit  seines  Standpunkts  verhinderte  ihn,  ein  schöpfe- 
rischer Staatsmann  zu  sein.  Gering  sind  seine  Irrthümer 
in  Berechnungen  einzelner  diplomatischer  und  militärischer 
Maassregeln,  die  er  vorschlug.  Seine  Grundirrthümer  sind, 
dass  er  von  socialen  Verhältnissen  nichts  verstand  und  dass 
er  gegenüber  den  Doctrinen  der  französischen  Revolution  eine 
Staatsauffassung,   aus  der  ein  bestimmtes  Maass  von  Freiheit 


140  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

mit  Nothwendigkeit  folgte,  aus  der  sich  eine  Richtschnur  für 
positive  Reform  überhaupt  ableiten  Hess,  nicht  entwickelte. 

Von  socialen  Verhältnissen  ist  in  den  „Reflections"  über- 
haupt unendlich  wenig  die  Rede.  Der  wirthschaftliche  Druck, 
unter  dem  die  französischen  Bauern  seufzten,  die  Fesseln,  in 
die  das  alte  Corporationswesen  das  gewerbliche  Leben  schlug, 
kümmern  Burke  nicht.  Er  spricht  nur  von  der  freiheits- 
widrigen Wirkung  der  in  Frankreich  geschaffenen  Unsicher- 
heit des  Eigenthums  und  feiert  den  ritterlichen  Geist  des 
alten  Adels,  ohne  der  unvermeidlichen  neuen  Aristokratie 
des  beweglichen  Besitzes  ihre  Stellung  anzuweisen  —  eine 
Unterlassung,  die  um  so  wunderbarer  ist,  als  Burke  richtig 
erkennt,  dass  die  Gleichheitsbestrebungen  mit  nichtswürdiger 
Herrschaft  einer  Assignaten-Geldaristokratie  endigen  mussten. 

Auch  in  den  späteren  Schriften  ist  von  Verständniss  socia- 
ler Fragen  und  socialer  Umwälzungen  nichts  zu  vereptiren. 
Burke  veitheidigt  die  Primogenitui'gesetze,  ohne  die  Gefahr 
zu  erkennen,  die  in  dem  Aussterben  eines  Standes  kleiner 
grundbesitzender  Baueni  liegt.  Im  „Appeal  from  the  new  to 
the  old  Whigs"  von  1791  findet  sich  eine  in  der  That  wunder- 
schöne Stelle  (Bd.  VI.  S.  217)  über  die  Bedeutung,  die  Pflich- 
ten und  Aufgaben  der  Aristokratie  überhaupt.  Aber  es  bleibt 
bei  einer  sozusagen  poetischen  Verherrlichung  des  aristokati- 
schen  Gefühls,  das  tief  im  ganzen  englischen  Volk  lebt,  und 
Burke  denkt  nicht  daran,  das  Verhältniss  näher  zu  präcisiren, 
in  das  nach  Maassgabe  neuer  Besitz-  und  Erwerbsverhältnisse 
die  verschiedenen  Gruppen  der  herrschenden  Classen  zu  ein- 
ander und  zum  ganzen  Volke  treten  sollen: 

„Eine  wahre  natürliche  Aristokratie  repräsentirt  nicht 
ein  Sonderinteresse  im  Staat  und  kann  vom  Staat  nicht  ge- 
trennt werden.  Sie  ist  ein  wesentlicher  integrirender  Theil 
jedes  richtig  constituirten  grossen  Gemeinwesens.  Sie  ent- 
wickelt sich  aus  einer  Summe  legitimer  Vorurtheile,  die  im 
Allgemeinen  für  wirkliche  Wahrheiten  gelten  müssen.  Geboren 
werden  in  geachteter  Stellung;  von  Kindheit  an  nichts  Nie- 
driges und  Schmutziges  sehen;  Selbstachtung  lernen;  an  die 
kritische  Beobachtung  durch  das  Auge  der  Oeflfentlichkeit  ge- 


Burke.  141 

wohnt  werden;  frühzeitig  auf  die  öffentliche  Meinung  sehen; 
auf  so  hohem  Boden  stehen,  dass  man  einen  grossen  Blick  über 
die  weitverzweigten  und  unendlich  vei-schiedenartigen  Combina- 
tionen  von  Menschen  und  Interessen  in  einer  gi-ossen  Gesellschaft 
gewinnt;  Zeit  haben  zum  Lesen,  Nachdenken  und  Besprechen ;  im 
Stande  sein,  höfliche  Beachtung  den  Weisen  und  Gelehrten  zu 
erzeigen,  wo  immer  sie  sich  finden;  im  Heere  gewohnt  wer- 
den zu  befehlen  und  zu  gehorchen;  gelehrt  werden  im  Stre- 
ben nach  Ehre  und  Pflichteiftillung  die  Gefahr  zu  verachten; 
gebildet  werden  zum  höchsten  Grad  von  Wachsamkeit,  Vor- 
sicht und  Umsicht  in  einer  Lage,  in  der  kein  Fehler  straflos 
begangen  wird  und  die  kleinsten  Irrthümer  die  vernichtend- 
sten Folgen  nach  sich  ziehen;  angeleitet  werden  zu  einem 
-wohlgehüteten  und  wohlgeordneten  Verhalten  aus  dem  Gefühl 
heraus,  dass  man  als  ein  Lehrer  seiner  Mitbtlrger  in  den 
höchsten  Fragen  gilt  und  dass  man  als  Mittelsmann  zwischen 
Gott  und  Menschen  handle;  verwendet  werden  als  Verwalter 
von  Gesetz  und  Recht  und  dadurch  zu  den  höchsten  Wohl- 
thätem  der  Menschheit  gehören ;  hohe  Wissenschaft  oder  freie 
geistvolle  Kunst  berufsmässig  treiben;  zu  den  reichen  Kauf- 
leuten zählen,  deren  Erfolg  die  Annahme  eines  scharfen  und 
energischen  Verstands,  der  Tugenden  des  Fleisses,  der  Ord- 
nungsliebe, der  Behan'lichkeit  und  Beständigkeit  und  der  ge- 
wohnheitsmässigen  Pflege  wechselseitiger  Gerechtigkeit  be- 
gründet   das  sind  die  Verhi\ltnisse ,  in   denen  sich   das 

bildet,  was  ich  natürliche  Aristokratie  nenne  und  ohne  das 
es  keine  Nation  giebt" 

Man  sieht,  Burke  ahnt,  dass  auch  der  mobile  Reichthum 
in  Folge  seiner  Bevorzugung  besondere  Pflichten  hat;  er  erkennt 
auch  1792,  dass  es  in  Irland  das  grösste  Uebel  ist,  dass  dort 
durch  XJnterdiUckung  ein  Pöbel  ohne  aristokratische  Gliede- 
rung entsteht  —  aber  wie  unentwickelt  bleiben  diese  Ansätze 
von  Gedanken  über  sociale  Verhältnisse!  In  den  „Thoughts 
and  Details  on  Scarcity"  von  1795  beweist  Burke,  dass  er 
keine  Ahnung  von  der  grossen  Aufgabe  des  aristokratischen 
und  monarchischen  Staats  hat,  das  materielle  Elend  der  unteren 
Classen  zu  mildern.    Der  Staat  könne,  so  meint  Burke,  über- 


142  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

haupt  und  namentlich  in  Theuerungsfi*agen  nichts  positiv  Gutes 
schaffen ;  die  Reichen  seien  nicht  zahlreich,  ihr  Reichthum  sei 
im  Gesammtinteresse  zu  erhalten  —  öffentliche  Zwangs- Annen- 
pflege, Lohnregulimng  und  Beschränkung  des  Koiiihandels 
seien  Verirrungen.  Man  klage  über  das  Monopol  der  Kauf- 
leute; aber  nur  Monopol  der  Autorität  sei  schlimm,  Monopol 
des  Kapitals  sei  eine  grosse  Wohlthat  für  die 
Armen.  „Nicht  durch  Brechen  der  Gesetze  des  Handels, 
d.  h.  des  freien  Handels,  welche  die  Gesetze  der  Natur 
und  also  die  Gesetze  Gottes  sind,  können  wir  hoffen, 
die  göttliche  Ungnade  zu  besänftigen  und  irgend  ein  Uebel, 
unter  dessen  Druck  wir  seufzen,  zu  entfeiiien.  Der  Staat 
müsse  sich  auf  die  wahrhaft  öffentlichen  Angelegenheiten  be- 
schränken, zu  viel  Regieren  und  besondei*s  Einmischung  des 
Staats  in  Nahrungsfragen  sei  vom  Uebel.  Eben  das  sei  der 
Fehler  der  sonst  so  heiTlichen  [französischen  Monarchie  ge- 
wesen, dass  sie  zu  viel  regiert  und  das  Volk  daran  gewöhnt 
habe,  die  Regierung  für  Alles  verantwortlich  zu  machen. 

Burke  predigt  einfach  unbedingte  Zufriedenheit  Aller  mit 
der  im  Princip  anerkannten  individuellen  Freiheit  auf  wirth- 
schaftlichem  Gebiet.  Auch  hier  ist  er  —  in  deutlich  hervor- 
tretender Geistesverwandtschaft  mit  Malthus  —  einfach  um 
jeden  Preis  gegenüber  den  bestehenden  englischen  Einrich- 
tungen conservativ ;  er  sieht  nicht  und  will  nicht  sehen,  dass 
das  neu  entstandene  wachsende  Proletariat  dem  Staat  und  den 
herrschenden  Classen  neue  Aufgaben  auflegt,  neue  Sorgen  be- 
reitet. Es  bleibt  demgegenüber  praktisch  unerheblich,  wenn 
Burke  in  idealem  Schwung  des  Gefühls  1796  (Bd.  Vin.  S.  88) 
sagt:  „Wenn  der  Reichthum  der  gehoi-same,  arbeitsame  Die- 
ner von  Tugend  und  Ehre  ist,  dann  ist  er  an  seinem  Platz 
und  von  Nutzen:  Wenn  aber  diese  Ordnung  umgekehrt  und 
die  Ehre  der  Erhaltung  des  Reiehthums  geopfert  wird,  so 
kann  der  Reichthum,  der  weder  Augen  noch  Hände  noch  sonst 
wahrhafte  Lebenskraft  in  sich  hat,  nicht  lange  das  Dasein 
seiner  belebenden  Kräfte,  legitimen  Herren  und  mächtigen  Be- 
schützer überleben.  Wenn  wir  unseren  Reichthum  beherrschen, 
werden  wir  reich  und  frei  sein  —  wenn  er  uns  beheiTScht, 


Burke.  143 

80  sind  wir  wahrhaft  arm.  Oft  hat  Jemand  seinen  ganzen 
Besitz  verloren,  weil  er  sich  nicht  dazu  verstand,  Alles  zu 
seiner  Vertheidigung  zu  wagen." 

Auch  andere  Zeitgenossen  Burke's  haben  die  sociale  Be- 
deutung der  6i*ossindustri6  und  des  Proletariats  noch  nicht 
verstanden.  Burke  beschäftigt  sich  auch  principiell  nur  ganz 
nebenbei  mit  socialen  Fragen;  sittliche  Fragen  und  Fragen 
der  Verfassung  sind  immer  seine  Hauptthema.  Aber  auch 
in  dieser  Beziehung  blieb  er,  wie  erwähnt,  beschränkt. 

Schon  in  den  „Reflections"  erklärt  Burke,  dass  das  Recht 
der  Krone  nicht  auf  einem  Vertrag  zwischen  Volk  und  König 
beruhe,  aber  gerade  wie  die  Whigs  von  1688  die  Staatsver- 
fassungstheorien doch  nebenbei  benutzten,  so  erkennt  er  doch 
den  Staatsvertrag  als  das  an,  wodurch  der  Staat  überhaupt 
begründet  worden  sei:  „Das  gemeine  und  das  statutarische 
Recht  entspringen  beide  aus  derselben  Autorität,  welche  durch 
die  allgemeine  Uebereinstimmung  und  den  ursprünglichen 
Staatsvertrag  begründet  ist,  „communi  sponsione  reipublicae'' 
—  und  sind  deshalb  gleichmässig  bindend  für  König  und  Volk 
so  lange,  als  die  Punkte  der  Uebereinkunft  eingehalten  wer- 
den und  dieselbe  politische  Köi-perschaft  bestehen  bleibt." 

Also  wenn  einmal  der  Staatsvertrag  geschlossen  ist,  so 
bindet  er  alle  künftigen  Generationen.  Wanim?  Wenn  man 
einmal  einen  Vertrag  ursprünglich  staatloser  Individuen  als 
möglich,  ja  als  faktisch  anerkennt,  warum  ist  nicht  Wieder- 
auflösung dieses  Vertrags  und  Schliessung  eines  neuen  mög- 
lich? Wo  hat  je  ein  Vertrag  ewiges  unabänderliches  Recht, 
unauflösliche  Bande  geschaffen?  Wamm  begründet  Burke 
denn  nicht  die  Entstehung  des  Staats  auf  innere  natürliche 
Nothwendigkeit,  warum  schliesst  er  sich  der  unseligen  Fiction 
vom  Staatsvertrag  trotz  aller  Antipathie  gegen  metaphysische 
Doctrinen  doch  an? 

Er  ist  noch  immer  der  alte  Whig  und  will  nichts  von 
dem  besonderen  göttlichen  Rechte  der  Krone  wissen,  das  die 
„alten  Enthusiasten  der  Prärogative''  verfechten.  Aus  Gegen- 
satz zu  dieser  Auffassung  constatirt  er  einen  menschlichen  Ur- 
sprung des  ganzen   Rechts,   des  ganzen  Staatsgesetzes  und 


144  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

bedient  sich  hiezu  mit  einer  absolut  nicht  zu  rechtfei-tigenden 
Gleichgültigkeit  dei*  Staatsvertragslehre,  da  es  ihm  überhaupt 
wenig  darauf  ankommt,  wie  der  Staat  entstanden  ist,  sondern 
nur  darauf,  wie  er  jetzt  fortgeführt  werden  soll.  Burke  miss- 
billigt metaphysische  Theorien,  ohne  sie  in  ihren  Consequen- 
zen  zu  verstehen  und  dies  rächt  sich  an  ihm,  indem  er  ihnen 
selbst  theilweise  verfällt. 

Die  theilweise  Anerkennung  der  Staatsvertragslehren  ist 
keineswegs  ein  einmaliger  lapsus  calami,  der  sich  im  momen- 
tanen Eifer  einschlich.  Der  Gedanke  kehrt  vielmehr  in  un- 
erlaubter und  kaum  begreiflicher  Naivetät  öftei*s  wieder: 
„Wenn  die  bürgerliche  Gesellschaft  sich  aus  Vertrag  ent- 
wickelt hat,  so  muss  dieser  Vertrag  Gesetz  sein.  Dieser  Ver- 
trag muss  alle  Theile  der  durch  ihn  gebijdeten  Verfassung 
bestimmen''  (Bd.  V  S.  120).  —  „Die  behaupteten  Rechte  die^ 
ser  Theoriker  sind  alle  extrem.  Sie  sind  in  demselben  Maasse 
als  sie  metaphysisch  wahr  sind,  politisch  und  moralisch  falsch". 

In  der  That  Burke  erklärt  sich  selbst  gegenüber  jeder 

Staats-  und  Rechtsphilosophie  für  incompetent!  —  „Die  Ge- 
sellschaft ist  in  der  That  ein  Vertrag.  Untergeordnete  Ver- 
träge in  Bezug  auf  mehr  zufällige  Interessen  können  nach 
Belieben  aufgelöst  werden,  aber  der  Staat  ist  mehr  als 
eine  Handelsgesellschaft,  er  ist  eine  Genossenschaft  in  aller 
Wissenschaft,  Kunst,  Tugend  und  Vervollkommnung,  eine 
Genossenschaft   zwischen    denen   die  jetzt  leben,   die  gelebt 

haben  und  leben  werden"  (Bd.  V  S.  183) sehr  richtig, 

aber  warum  dann  der  Vordersatz,  dass  die  Gesellschaft  ein 
Vertrag  sei?  „Wenn  die  Verfassung  eines  Landes  einmal 
durch  einen  stillschweigenden  oder  ausdrücklichen  Vertrag 
festgestellt  ist,  so  kann  keine  Gewalt  sie  ändern,  ohne  Bmch 
des  Vertrags  oder  TJebereinstimmung  aller  Parteien^'  (Bd.  VI. 
S.  200).  Doch  genug  dieser  Stellen  —  sie  sind  unhaltbar, 
erklären  sich  aber,  wenn  Burke  selbst  sagt:  „Ob  meine  Theo- 
rie (vom  „mos  majorum")  mit  der  neuen  Staatsphilosophie  in 
Uebereinstimmung  gebracht  werden  kann,  weiss  ich  nicht, 
das  kümmert  mich  aber  auch  nicht,  da  ich  wenig  Respect 
vor  aller  solcher  Philosophie  habe"  (Bd.  VI  S.  165).     Wie 


Burke.  145 

kann  man  mit  dem  Gefühl  allein  eifolgreich  gegen  Etwas 
kämpfen  wollen,  das  man  eingehend  kennen  zu  leinen  ver- 
schmäht? 

Der  Staat  mit  seiner  ererbten  Verfassung  ist  einmal  vor- 
handen; wie  er  entstanden  ist,  das  ist  Burke  ziemlich  gleich- 
gültig und  er  will  nicht  sehen,  dass  die  All  seiner  Entstehung 
die  Art  seines  Fortlebens  bestimmt.  Es  kommt  ihm  lediglich 
darauf  an ,  auszuführen ,  dass  die  natürlichen  Freiheitsrechte 
der  Individuen,  nachdem  der  Staat  einmal  da  ist,  nicht  wie- 
der aufleben  können,  d.  h.  dass  eine  radicale  Neugestaltung 
der  Staatsverfassung  unzulässig  ist.  Und  dies  vertritt  Burke 
mit  der  höchsten  Energie.  Bei  der  Revolution  von  1688 
handelte  man  in  den  alten  organisirten  Ständen  ^  innerhalb 
der  Formen  der  alten  Organisation,  nicht  durch  die  „Mole- 
küle" eines  entfesselten  Volks  —  die  Rechte  des  Volks  und 
der  Krone  werden. in  England  wie  Familienvermögen  fort- 
geerbt, wie  es  für  eine  dauernde  Körperschaft  das 
natürliche  ist.  —  „Ein  bestimmter  Antheil  an  Macht,  Autorität 
und  Leitung,  der  jedem  Individuum  bei  der  Staatsvei*waltung 
zukäme,  gehört  nicht  zu  den  ursprünglichen  Rechten  der 
Menschen  in  der  bürgerlichen  Gesellschaft,  denn  ich  betrachte 
nur  den  bürgerlichen  ^lenschen  in  der  Gesellschaft,  keinen 
anderen''  (Bd.  V.  S.  120).  „Ich  habe  das  ewige  Gerede  von 
Widerstand  und  Revolution  nie  leiden  können,  das  heisst 
die  Arznei  der  äussei-sten  Noth  zum  täglichen  Brod  machen" 
(Bd.  V.  S.  127).  „Verjährung  ist  ein  wichtiger  Theil  des 
natürlichen  Rechts"  (Bd.  V.  S.  276).  —  „Die  neuen  Whigs 
behaupten,  dass  die  Souveränetät,  sei  es  dass  sie  einer  Person 
zusteht  oder  vielen,  nicht  nur  aus  dem  Volke  entspringt  — 
ein  Satz,  den  man  nicht  leugnet,  den  zu  leugnen  oder  dem 
zuzustimmen  aber  gleichgültig  ist  —  sondeni  dass  die  Sou- 
veränetat beständig  und  unveräusserlich  beim  Volke  bleibt.  — 
Diese  Theorie  führt  meines  Erachtens  zum  vollständigen  Um- 
turz  aller  Regiei-ung  —  sowie  auch  aller  Moral.'*  —  Die 
Iten  Whigs  hatten  hiervon  principiell  verschiedene  Grundsätze, 
e  machten  Revolution  nur  in  Folge  des  Nothfalls,  weil  „sie 
IS  einzige  Mittel  war,   die  alte  Verfassung,  die  durch  den 

H-ld.  .«00.  Gesch.  Encl.  10 


146  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

ursprünglichen  englischen  Staatsveilrag  begründet  war,  wieder- 
herzustellen und  sie  für  die  Zukunft  zu  erhalten'*  (Bd.  VI. 
S.  147).  —  „Für  mich  ist,  was  die  Alten  ,mos  majorum* 
nannten,  wenn  nicht  die  einzige,  so  doch  die  Hauptregel  der 
Politik"  (Bd.  VI.  S.  165). 

Diese  Stellen  sind  aus  dem  „Appeal  form  the  new  to  the 
old  Whigs"  entnommen,  einer  Schrift,  die  ich  für  die  charak- 
teristischste und  bedeutendste  von  allen  halte.  Burke  be- 
weist hier  schlagend,  dass  sein  Standpunkt  in  Bezug  auf  die 
französische  Revolution  nicht  mit  seiner  früheren  Parteistellung 
im  Widerspruch  stehe  und  die  Nothwendigkeit,  sich  mit  seinen 
früheren  Parteifreunden  auseinanderzusetzen,  zwingt  Burke  zu 
der  eingehendsten  Vertiefung  seiner  politischen  Gnindan- 
schauungen.  Hier  findet  sich  die  classische  Stelle  „Kunst  ist 
des  Menschen  Natur",  hier  macht  Burke  einen  Ansatz,  die 
ganzen  Lehren  von  Naturzustand  und  Staatsvertrag  principiell 
und  total  wegzuwerfen.  —  Schade  nur,  dass  es  bei  dem  An- 
satz bleibt  und  die  alten  Locke'schen  Inconsequenzen  doch 
nicht  völlig  überwunden  werden: 

„Pflichten  sind  nicht  Sache  des  freien  Willens.  Pflicht 
und  freier  Wille  sind  sogar  Gegensätze,  und  wenn  auch  die 
bürgerliche  Gesellschaft  zuerst  ein  freiwilliger  Act  gewesen 
sein  mag  (was  sie  in  vielen  Fällen  unzweifelhaft  war)  so 
findet  ihre  Fortsetzung  unter  der  Heri*schaft  einer  mit  der 
Gesellschaft  coexistirenden  dauernden  festen  Uebereinstimmung 
statt.  Das  wird  bestätigt  durch  die  allgemeine  Praxis  und. 
entspringt  aus  dem  allgemeinen  Gefühl  der  Menschen.  Ohne 
ihre  Wahl  haben  die  Menschen  Vortheil  von  dieser  Asso- 
ciation —  ohne  ihre  Wahl  unterliegen  sie  Pflichten  in  Folge 
dieser  Vortheile.  Ohne  ihre  Wahl  gehen  sie  eine  thatsächliche 
Verpflichtung  ein,  die  eben  so  bindend  ist,  wie  nur  irgend 
eine.  —  Ich  gestehe  zu,  dass  es  keine  Sanction  irgend  eines 
Vertrags  giebt,  wenn  kein  höchster  Gesetzgeber  existirt,  der 
die  Macht  hat,  das  Sittengesetz  zu  geben  und  die  Kraft,  es 
zu  erzwingen.  —  Wir  haben  Pflichten  gegen  die  Menschheit 
im  Ganzen,  die  aus  dem  Verhältniss  des  Menschen  zum  Men- 
schen und  des  Menschen  zu  Gott   entstehen,    welches  Ver- 


Burke.  147 

hältBiss  nicht  Sache  freier  Wahl  ist''  (Bd.  VI.  S.  205). 

,Jin  rohen  Naturzustand  giebt  es  kein  Volk.  Eine  Anzahl 
von  Menschen  an  sich  hat  nicht  die  Eigenschaft  eines  Col- 
lectivwesens.  Der  Begriff  des  Volks  ist  der  Begriff*  einer 
Corporation.  Er  ist  durchaus  künstlich  und  wie  alle  anderen 
legalen  Fictionen  durch  allgemeine  Uebereinstimmung  fest- 
gestellt" (S.  211).  —  „Die  angeblichen  Menschenrechte  können 
nicht  die  Rechte  des  Volks  sein.  Ein  Volk  sein  und  diese 
Rechte  haben  sind  unvereinbare  Dinge.  Das  eine  setzt  die 
Existenz,  das  andere  das  Nichtvorhandensein  eines  Zustands 
bürgerlicher  Gesellschaft  voraus"  (S.  234). 

Man  sieht,  Burke  versucht  den  Staat  auf  das  ewige,  gött- 
liche Sittengesetz  zu  basiren,   den  Naturzustand  ohne   allen 

Staat  als  eine  inhaltslose  Vorstellung  zu  beweisen und 

vermengt  mit  diesen  Ideen  doch  immer  die  vom  ursprünglichen 
Vertrag. 

Dem  Manne,  dessen  Herz  für  alles  Gute,  Wahre  und 
Schöne  so  warm  schlägt,  bei  dem  sittliche  Motive  beständig 
mit  Leidenschaft  wirken,  musste  es  nahe  liegen,  bewusst, 
consequent,  systematisch  von  der  Idee  des  Sittlichen  auszu- 
gehen —  aber  es  ist  eben  nur  das  sittliche  Gefühl  stark, 
und  sowie  Burke  sittliche  Postulate  im  Einzelnen  mit  dem  Ver- 
stände untei-sucht,  so  verfällt  er  der  Herrschaft  von  oberfläch- 
lichen Nützlichkeits-  und  Zweckmässigkeitsideen.  Ja  man  kann 
sagen,  der  durchschlagendste,  am  häufigsten  wiederkehrende 
Grund,  weshalb  Burke  keine  Revolution  und  keinen  Radicalis- 
mus  will,  ist  der,  dass  nach  seinem  festen  Glauben  radicale 
Neuerungen  für  das  Volk  schädlich  sind,  während  die  be- 
stehende Verfassung  im  Ganzen  und  im  Einzelnen  nützlich  ist. 

„Keine  Erfahrung  hat  uns  gelehrt,  dass  unsere  Freiheiten, 

auf  anderem  Wege  regelmässig  fortgesetzt,   erhalten   und  als 

unser  erbliches  Recht  geheiligt  werden  können  als  unter  einer 

erblichen  Form''  (Bd.  V.  S.  64).  —  „Könijje  sind   in  einem 

Sinn  unzweifelhaft  die  Diener  des  Volks,  weil  ihre  Macht  keinen 

anderen   vernünftigen  Zweck  als  das  allgemeine  Wohl   hat'* 

(S.  72).  —  „Wenn  die   bürgerliche  Gesellschaft  zum  Vortheil 

der  Menschen  eingerichtet  ist,  so  werden  alle  Vortheile,  denen 

10* 


148  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

ZU  Ehren  sie  errichtet  ist,  ihr  Recht"  (S.  120).  —  „Die  ei-ste 
aller  Tugenden  ist  Klugheit.  Die  Menschen  haben  kein  Recht 
auf  das ,  was  nicht  veniünftig  und  was  gegen  ihren  Voitheil 
ist"  (S.  127).  Noch  deutlicher  wird  dereelbe  Gedanke  im 
Appeal  ausgeführt,  wo  (Bd.  VI.  S.  96  ff.)  ausgeführt  wird,  man 
könne  keine  allgemeine  Regel  darüber  aufstellen,  wann  Revo- 
lution zulässig  sei.  Die  höchste  der  moralischen  und  poli- 
tischen Tugenden,  die  Klugheit,  müsse  im  einzelnen  Fall  be- 
stimmen, ob  eine  Ausnahme  von  der  allgemeinen  Regel  zu- 
lässig sei  —  wer  die  Revolution  wolle,  den  treffe  aber  immer 
die  Beweislast.  „Politische  Fragen  haben  in  ei*ster  Linie 
nichts  zu  thun  mit  Wahrheit  oder  Irrthum :  Es  fragt  sich,  was 
gut  oder  schädlich  ist.  Was  im  Erfolg  wahrscheinlich  Schaden 
erzeugt,  ist  politisch  falsch,  was  Nutzen  erzeugt,  ist  politisch 
wahr"  (S.  210).  Schon  1782,  als  Burke  in  einer  Parlaments- 
rede gründliche  Reform  des  Wahlrechts  bekämpfte,  entwickelte 
er  (Bd.X.  S.96,  97),  dass  alle  rechtlichen  Institutionen  auf  Ver- 
jährung beruhen,  welche  der  stärkste  aller  Rechtstitel  sei.  Die 
Verjährung  werde  begleitet  von  einer  zweiten  Quelle  von  Auto- 
rität, dem  Vorurtheil  —  von  dem  ausserordentlich  heilvollen 
Voruitheil  zu  Gunsten  aller  feststehenden  Einrichtungen.  Die 
Anhänger  der  Parlamentsreform  verlangen  von  uns,  „dass  wir 
ihre  Speculationen  der  glücklichen  Erfahrung  wachsender  Frei- 
heit und  wachsenden  Wohlstands  in  500  Jahren  vorgehen 
lassen.  Das  aber  werde  ich,  so  viel  Achtung  ich  vor  ihren 
Talenten  habe,  nicht  thun.  Denn  was  ist  der  Maassstab  des 
Nützlichen?  —  Nützlich  ist,  was  für  die  Gesammtheit  und 
jedes  einzelne  Mitglied  derselben  vortheilhaft  ist.  Nach  dieser 
Nützlichkeit  verlangen  wir,  die  Frage  ist,  ob  wir  sie  mit 
oder  ohne  Erfahrung  über  die  Mittel  anstreben  sollen  etc.'* 
(S.  100). 

Weder  die  Staatstheorie  auf  Grund  eines  Vertrags  noch 
die  Moraltheorie  auf  Grund  der  Nützlichkeit  werden  von  Burke 
durch  eine  durchgearbeitete  Auffassung  entgegengesetzter  Art 
ersetzt.  Auch  Burke  selbst  schwimmt  unbewusst  im  Strome 
der  Ideen,  deren  extreme  Consequenzen  zu  bekämpfen  er  sich 
zur  Lebensaufgabe  gesetzt  hat.    Er  bot  seinem  Volke  Nichts, 


Burke.  149 

daS  noch  künftige  Generationen  als  Gegengewicht  gegen  die 
materialistische  Humanität  und  den  selbstgefälligen  flach  indi- 
vidualistischen Liberalismus  eines  Mill's  benutzen  könnten. 
Seine  Wirksamkeit  ist  darauf  beschränkt ,  dass  er  seiner  Zeit 
die  Augen  über  das  Schlimme  vieler  einzelner  Thaten  der  fran- 
zösischen Revolution  öffnete  und  seinen  Landsleuten  das  Vor- 
treffliche in  den  Eigenthümlichkeiten  ihrer  Verfassung  wieder 
stärker  zum  Bewusstsein  brachte. 

In  der  Kritik  der  französischen  Revolution  ging  Burke 
nicht  nur  wie  erwähnt,  insofern  zu  weit,  dass  er  ihre  Ui'sachen 
verkannte,  sondern  auch  z.  B.  darin,  dass  er  Anfangs  den 
ungeheuren  Krafteffect,  dessen  die  revolutionii-te  Nation 
namentlich  nach  Aussen  fähig  werden  sollte,  nicht  vorhersah, 
sondern  lediglich  ZeriHttung  der  Kraft  der  Nation  nach  Innen 
und  Aussen  prophezeite.  Treftlich  zeigt  uns  Burke,  wie  die  fran- 
zösische Revolution  eine  Tyrannei  der  Massen  geschaifen  habe, 
obwohl  sie  (schon  in  der  ersten  Verfassung)  in  inconsequenter 
Weise  bei  dem  Wahlrecht  eine  Rücksicht  auf  das  Eigenthum 
genommen  habe.  Die  Eintheilung  in  Departements  ohne  Rück- 
sicht auf  Geschichte  ist  ihm  ein  Gräuel.  Das  ganze  Treiben 
ist  ihm  so  gründlich  verhasst,  dass  er  es  schon  1791  ausge- 
rottet haben  will.  „Nie  werde  ich  ein  Land  in  Europa  für 
sicher  halten,  so  lange  im  Herzen  Europas  ein  Staat  (wenn 
wir  ihn  so  nennen  dürfen)  auf  den  Grundsätzen  der  Anarchie 
aufgebaut  und  in  der  That  eine  Versammlung  bewaffneter 
Fanatiker  ist  zur  Propaganda  der  Grundsätze  von  Mord, 
Raub,  Rebellion,  Betrug,  Unterdrückung  und  Gottlosigkeit" 
(Bd.  VI.  S.  20).  Rousseau  ist  Burke  der  verächtliche  Prophet 
dieses  Thuns.  „Was  in  Frankreich  geschehen  ist,  war  ein 
wilder  Vei*such,  die  Anarchie  zu  niethodisiren,  die  Unordnung 
festzustellen  und  zu  verewigen  —  ein  wahnsinniges,  gottloses, 
ungeheuerliches  Ding  etc.''  (Bd.  VI.  S.  85).  Man  sage,  Fox 
sympathisire  nicht  mit  der  neuen  französischen  Verfassung, 
nur  mit  der  Abschaffung  der  absoluten  Monarchie,  allein  man 
könne  nicht  den  Ei-satz  einer  Barbarei  durch  die  andere 
billigen  (Bd.  VI.  S.  93).  Es  handle  sich  in  Frankreich  um 
eine  „Revolution   von  Doctrinen   und  theoretischen  Dogmen" 


150  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

(Bd.  Vn.  S.  13),  „um  die  Doctrin,  dass  die  jeweilige  Majorität 
der  Steuerzahler  der  einzige  Souverän  sei,  eine  Doctrin,  der 
alle  Atheisten,  Deisten,  Socinianer,  Feinde  des  Kleinis  und 
des  Adels,  viele  Geldleute  und  die  Ostindienmänner  zu- 
neigten —  eine  grosse  Gesellschaft,  die  jetzt  noch  ruhig,  bald 
aber  voraussichtlich  England  gefährlich  sei"  (Thoughts  on 
French  Aflfairs  1791).  Immer  eifriger  verlangt  er  „allgemeinen 
Krieg  gegen  die  Jacobiner  und  den  Jacobinismus  als  das 
einzige  Mittel,  Europa  und  England  vor  Revolution  zu  retten'* 
(Observations  etc.  1793).  Er  „betrachtet  den  Jacobinismus 
als  das  schrecklichste  und  schändlichste  Uebel,  das  je  die 
Menschheit  bedrückt  hat"  (ebenda).  „Es  ist  eine  gemeine 
Schule,  die'derfi-anzösischen  Sansculotten,  von  der  kein  Gentle- 
man etwas  lernen  kann"  (Bd.  VIII.  S.  37).  „Meine  Ideen 
und  Principien  führten  mich  in  diesem  Streit  dazu,  Frank- 
reich nicht  als  Staat,  sondern  als  Partei  zu  bekämpfen'' 
(Bd.  VIII.  S.  213). 

Schrittweise  Eefonn  hätten  die  Franzosen  erstreben  sollen 
und  die  alte  französische  Verfassung  mit  einem  starken  König- 
thum,  einem  reichen,  wohlwollenden,  gebildeten,  ritterlichen 
Adel,  mit  einer  glänzenden  wohlsituirten  Kirche  ei-scheint 
Burke  ebenso  herrlich  wie  entwicklungsfähig.  Dagegen  ist 
aber  die  Theorie  von  den  Menschenrechten  sein  beständiger 
Angriffspunkt.  Nicht  Menschenrechte,  sondern  Rechte  der 
Engländer  mtissten  wir  vertreten  und  die  Beständigkeit  (con- 
sistency)  des  Gesetzes  unbedingt  aufrechterhalten.  „Ich  strebte 
das  Volk  vor  dem  grössten  aller  Uebel  warnen  —  vor  einem 
blinden  leidenschaftlichen  Geist  der  Neuerimg  unter  dem 
Namen  von  Refoi-m"  (Bd.  VII.  S.  365). 

Jederzeit  war  Burke  daher  gegen  Parlamentsreforai  in 
England.  „Die  bisherige  Volksvertretung  ist  als  völlig  ent- 
sprechend für  alle  Zwecke  befunden  worden,  denen  eine 
Volksvertretung  dienen  kann*'  (Bd.  V.  S.  116).  Die  Agita- 
tionen gegen  das  Unterhaus  führten  zum  Umsturz  der  ganzen 
Verfassung  (Bd.  VII.  S.  276). 

Er  hatte  gewiss  recht,  wenn  er  ein  Wahlrecht  atomisirter 
Staatsbürger  gegenüber  dem  alten  Wahlrecht  der  Verwaltungs- 


Burke.  151 

corporationen  perhoiTescirte.  Es  grenzt  aber  wirklich  an  bor- 
nirten  Conservatismus,  wenn  Burke  nicht  einsah,  dass  die  alte 
Vertheilung  des  Wahlrechts  gegenüber  den  veränderten  Ver- 
haltnissen modificii-t  werden  musste,  und  hier  zeigt  sich  prak- 
tisch seine  Schwäche,  dass  er  zwar  das  Falsche  extremer 
Theorien  erkennen,  aber  keine  Richtschnur  fttr  neue  positive 
Schöpfungen  geben  konnte.  Die  principielle  Abneigung  gegen 
Parlamentsreform  in  England  geht  über  das  Princip  der  Frei- 
heit mit  Ordnung,  des  gemässigten  Fortschritts  unter  mög- 
lichster Erhaltung  des  Bestehenden  unnöthig  hinaus.  Er 
schwächt  dadurch  nur  die  Wirkung  dieser  praktisch  so  werth- 
vollen  Lehren,  die  er  an  vielen  Stellen  glänzend  entwickelt: 
„Es  erfordert  nicht  viel  Klugheit  eine  Regierung  zu 
machen;  Freiheit  zu  geben  ist  noch  leichter;  aber  eine  freie 
Regierung  zu  bilden,  d.  h.  diese  entgegengesetzten  Elemente 
von  Freiheit  und  Zwang  in  ein  festes  Werk  zusammenzufügen, 
das  erfordert  viel  Denken  und  tiefes  Sinnen"  (Bd.  V.  S.  434). 
Man  brauche  keine  auf  „imaginäre  Rechte  gegründete  Theorie", 
sondeiTi  nur  „eine  aus  der  Thatsache  unserer  Verfassung  ab- 
geleitete Theorie",  es  handle  sich  darum,  „private  und  öffent- 
liche Freiheit  mit  öffentlicher  Macht  zu  vereinigen  —  und 
vor  Allem  mit  Institutionen,  welche  Dauer  und  Beständigkeit 
für  Generationen  gewährleisten'*  (Bd.  VI.  S.  263),  man  müsse 
die  englische  Verfassung  bewundern,  auch  wenn  man  sie  nicht 
versteht,  gerade  wie  ein  Kunstwerk  von  Michel  Angelo  (S.  265). 
Auch  hier  ist  die  Liebe  zur  gemässigten  Freiheit  und  die  An- 
hänglichkeit an  alte  Institutionen  oft  mit  einem  gedankenlosen 
Lob  des  Bestehenden  verbunrlen.  Dies  zeigt  sich  am  stärksten, 
wenn  Burke  geradezu  Vorurtheile  als  Tugend  preist.  „Vor- 
urtheil  macht  des  Menschen  Tugend  zur  Gewohnheit  statt  zu 
einer  Reihe  unverbundener  Handlungen.  Durch  richtige  Vor- 
urtheile wird  seine  Pflicht  ein  Theil  seiner  Natur"  (Bd.  V. 
S.  168).  „Die  moralischen  Gefühle  sind  so  nahe  mit  altem 
VoiTirtheil  verwandt,  dass  sie  fast  identisch  sind"  (Bd.  VI. 
S.  256).  Angewendet  auf  Politik,  heisst  dies:  eine  etablirte 
Kirche,  Monarchie,  Aristokratie  und  Demokratie  sind  noth- 
wendig,  jede  genau  in  dem  Maass,  wie  sie  in  England  existiren 


152  Erstes  Buch,  Cap.  1. 

(Bd.  V.  S.  175).    „Ich  sehe  mit  kindlicher  Ehrfurcht  auf  die 
Verfassung   meines   Landes   und    werde    sie    nie    in   Stücke 

schlagen sondern  im  Gegentheil  ihr  ehrwürdiges  Alter 

hegen  und  pflegen"  (Bd.  X.  S.  108). 

Bei  solchen  Gefühlen  ist  es  natürlich,  dass  Burke  vor 
Allem  für  zwei  Grundsäulen  der  alten  Ordnung,  Adel  und 
Kirche,  schwärmt.  Man  soll  dem  Talent  und  Verdienst  den 
Weg  zur  Regieining  offen  lassen,  aber  das  Aufsteigen  zu  her- 
vorragender Stellung  und  Macht  von  niedriger  Lage  nicht  zu 
leicht  machen  (Bd.  V.  S.  107).  Der  Adel  ist  das  „korinthische 
Capital  der  Gesellschaft."  Der  französische  Adel  selbst  hatte 
keine  unverbesserlichen  Laster  und  verdiente  keine  Strafe  — 
vielmehr  beklagt  Burke  in  einer  der  rhetorisch  schönsten,  der 
Sache  nach  schwächsten  Stellen  der  „Reflections''  das  Ver- 
kommen des  alten  ritterlichen  Geistes  in  Frankreich  und  von 
diesem  Standpunkt  aus  allein  bespricht  er  das  rohe  Vorgehen 
der  Revolution  gegen  Frankreichs  Königin.  Die  europäische 
Civilisation  beruhte  Jahrhundeile  lang  auf  „zwei  Principien, 
dem  Geist  des  Edelmanns  und  dem  Geist  der  Religion"  —  in 
ihrem  Schatten  erblühten  auch  Handel  und  Gewerbe,  wo  sie 
schwinden  tritt  Rohheit  an  ihre  Stelle  (Bd.  V.  S.  154).  „Wir 
wissen,  und,  was  besser  ist,  wir  fühlen  in  unserem  Innern, 
dass  Religion  die  Basis  der  bürgerlichen  Gesellschaft  ist.''  — 
„Wir  wissen  zu  unserem  Stolz,  dass  der  Mensch  von  Natur 
ein  religiöses  Geschöpf  (animal)  ist"  (Bd.  V.  S.  174).  Damm 
erbost  sich  Burke  ganz  besonders  gegen  den  Atheismus  und 
gegen  die  Silcularisation  in  Frankreich  und  will  Nichts  von 
einer  Trennung  von  Staat  und  Kirche  wissen.  Doch  ist  er 
in  diesem  Punkte  nicht  so  bornirt  wie  z.  B.  gegenüber  der 
Parlamentsreform,  sondern  es  gehört  gerade  zu  den  schönsten 
Seiten  seines  reichen  Wirkens,  dass  sein  unbeugsames  Gefühl 
für  Recht  und  Billigkeit  stets  —  und  gerade  noch  in  seinen 
alten  Tagen  —  Gerechtigkeit  gegen  die  Katholiken  und 
Irländer  verlangte. 

Das  war  Burke,  der  grösste  Vorkämpfer  gegen  das  Ein- 
dringen des  Individualismus  von  französischer  Farbe  in  Eng- 
land!   Gebeugt  durch  pei-sönliche  Schicksalsschläge,   tief  be- 


Burke.  153 

trübt  dui'ch  den  Abfall  seiner  alten  politischen  Freunde,  starb 
Burke  mitten  während  der  Zeit  des  beginnenden  Kriegs  gegen 
Frankreich.  Er  war  in  der  That  der  letzte  glänzendste  Ver- 
ti"eter  der  alten  Whigs,  ein  echter  Engländer  durch  und  durch, 
mit  allen  Tugenden  und  mit  allen  Schwächen  seiner  Partei 
und  seines  Volkes.  Dem  freien  aber  aristokratischen  Ver- 
fassungsstaat, der,  1688  neu  begillndet,  im  18.  Jahrhundert 
zur  höchsten  Blüthe  gelangte,  sang  er  ein  ergreifend  schönes 
Grablied  und  rief  seinem  Volk  mit  mächtiger  Stimme  noch 
einmal  alles  dauernd  Gute  dieser  Verfassung  zum  Bewusstsein. 
Aber  er  vermochte  nicht  die  Grundsätze  anzugeben,  nach 
denen  sich  die  alten  Whigs  in  eine  gemässigt  liberale  Partei 
mit  zeitgemässem  Programm  umwandeln  konnten.  Die  alte 
Loyalität,  der  alte  staatliche  Sinn,  die  Neigung  zu  gemässigtem 
Foitschritt,  sie  konnten  und  sollten  erhalten  werden,  sie 
mussten  sich  aber  in  der  Zeit  der  Gi'ossindustrie  theilweise 
in  neuen  Formen  äussern.  Und  Burke  verwechselte  zu  oft 
Form  und  Inhalt,  sein  gefühlsmässiger  Consei-vatismus  über- 
lieferte den  gemässigten  Liberalen  des  19.  Jahrhunderts  kein 
durchdachtes  Programm,  sondeni  überliess  es  ihnen,  tastend 
principlose  Comproniisse  zwischen  alten  Traditionen  und  neuen 
Bedürfnissen  zu  machen.  Seine  Genügsamkeit,  derzufolge  er 
auf  dem  Boden  des  Bestehenden  vorsichtig  das  Zweckmässige 
suchte,  wurde  die  Schwäche  der  Zukunft. 


Zweites  Capitel. 
Die  Nationalökonomen. 

§  1.    Adam  Smith. 

Wir  haben  gesehen,  wie  namentlich  seit  1776  ein  zersetzen- 
der Individualismus  in  neuem  Anlauf  sich  in  der  politischen 
und  socialen  Literatur  Englands  mit  wachsender  Kraft  geltend 
machte.  Bei  vielen  seiner  Vertreter  finden  wir,  dass  prak- 
tische Schranken  dieser  Anschauung  im  Anschluss  an  alte 
Traditionen  in  Kraft  bleiben,  aber  theoretische  Schranken 
konnten  wir  nicht  entdecken. 

Indessen  gehört  die  Gruppe  der  Schriftsteller,  die  wir  im 
ersten  Capitel  kennen  gelernt  haben,  im  Wesentlichen  der 
theoretischen  Staatslehre  an.  Die  Einwirkung  der  individuali- 
stischen Giamdgedanken  auf  die  theoretische  Gesellschaftslehre 
werden  wir  erst  jetzt  genauer  verfolgen  können ,  indem  wir 
uns  den  englischen  Nationalökonomen  zuwenden. 

Die  Nationalökonomie  proclamirt  nicht  gerade  offen  radical- 
politische  Ideen,  aber  sie  setzt  solche  im  Stillen  voraus  und 
erkennt  dieselben  durch  Ignoriren  rein  staatlicher  Fragen 
thatsächlich  an.  Sie  erörtert  nicht  die  Fragen  des  Wahl- 
rechts oder  des  Rechts  zum  Widerstand  und  dergleichen;  sie 
entwickelt  keine  Philosophie  über  Grund  und  Zweck  des 
Staats;  aber  sie  lässt  den  Staat  factisch  lediglich  als  eine 
nicht  sehr  wichtige  Anstalt  bestehen,  neben  welcher  die  Ein- 
zelnen in  der  Hauptsache  mit  der  Erreichung  ihrer  wiith- 
schaftlichen    Zwecke    beschäftigt    erscheinen.      Und   bei   der 


A.  Smith.  155 

Verfolgung  ihrer  wirthschaftlichen  Zwecke  werden  die  Indi- 
viduen als  abgesondert  von  einander,  als  unabhängig  neben 
einander  stehend  betrachtet  Alle  wirthschaftlichen  Verbände 
werden  als  nicht  vorhanden  oder  als  schädlich  angesehen. 

Die  Gedanken  der  „classischen'^  Nationalökonomen  wer- 
den später  mit  Vorliebe  vom  Mittelstand  erfasst,  wodurch  sich 
eine  vorläufig  nur  geistige  Trennung  desselben  von  den  Bestre- 
bungen des  Arbeiterstandes  vorbereitet. 

Hierdurch  wird  es  gerade  für  eine  social -politische  Be- 
trachtung unerlässlich ,  den  Anfängen  der  Nationalökonomie 
nachzuspüren. 

Die  classische  Nationalökonomie  Englands  beginnt  mit 
dem  Werk  „Wealth  of  Nations''  von  Adam  Smith  1776. 

Kaum  ein  Werk  des  menschlichen  Geistes  hat  grös- 
sere Anerkennung  erfahren,  als  das  Buch  von  A.  Smith; 
Hildebrand  schon  vergleicht  A.  Smith  mit  Kant,  er  wie 
Röscher  bezeichnen  das  Buch  als  ein  solches,  das  die  Ge- 
schichte des  Fachs  in  zwei  Hälften  zerlegt.  Ja  man  wird 
sagen  können,  dass  mit  diesem  Buch  die  Nationalökonomie 
als  solche  erst  beginnt.  Es  gab  vorher  eine  Wirthschafts- 
polizei,  es  gab  eine  Vorgeschichte  der  Nationalökonomie  in 
der  Philosophie  der  Physiokraten.M  So  wenig  originell  A.  Smith 


^)  Die  Anlehnung  Smith's  an  die  Physiokraten  beweist  eingehend 
und  gut  Leser  ,,Der  Begriff  des  Reichthums  bei  Adam  Smith".  Heidel- 
berg 1874.  Den  Zusammenhang  von  A.  Smith  mit  der  Theologie  der  Zeit 
bespricht  Giffe  Leslie  in  der  Fortnightly  Reriew,  November  1870.  Was 
das  Princip  der  individuellen  Freiheit  auf  wirthschaftlichem  Gebiete  be- 
trifft, so  hatte  A.  Smith  auch  unter  den  englischen  Nationalökonomen, 
nicht  nur  unter  den  Physiokraten  und  englischen  Philosophen,  bedeutende 
Voriäufer.  Abgesehen  von  den  von  Röscher  beschriebenen  Freihändlern 
des  17.  Jahrh.  sei  hier  nur  an  Josiah  Tucker  und  an  Steuart  erinnert. 
Tncker  verficht  in  dem  ersten  der  „Four  tracts  on  Political  and  Commercial 
Bubjects,  3.  Aufl.;  Glocester  177 6'S  der  schon  1758  geschrieben  wurde, 
den  Satz,  dass  jede  Nation  nur  durch  Arbeit  und  Fleiss  reich  wird,  und 
jede  an  dem  wirthschaftlichen  Aufschwung  der  andern  interessirt  ist  etc. 
Steuart  sagt  (s.  deutsche  Uebersetzung  seiner  „Grundsätze  der  Stantswirth- 
schalt  1769,  Buch  2,  cap.  31):  „Man  muss  voraussetzen,  dass  in  Dingen, 
die  das  Publikum  betreffen,  jeder  aus  dem  Beweggründe  des  Privatnutzens 


156  Erstes  Buch,    Cap.  2. 

gegenüber  Locke,  Hijine,  Quesnay  und  Turgott  in  Bezug  auf 
seine  einzelnen  Sätze  ist ,  die  Art  und  Weise,  wie  er  die  einzel- 
nen Grund-  und  Lelu'sätze  über  wirthschaftliche  Verhältnisse 
zusammenfasste ,  das  ganze. Ei*scheinungsgebiet  ausschied  und 
systematisirte,  begründete  erst  die  Disciplin,  die  wir  National- 
ökonomie oder  politische  Oekonomie  zu  nennen  pflegen,  — 
d.  h.  die  Wissenschaft,  welche  den  natürlichen  Zusammenhang 
zwischen  den  vei-schiedenen  gesellschaftlichen  Erscheinungen 
darstellt,  welche  aus  dem  Streben  der  Menschen  nach  Gütern 
heiTorgehen.  Die  von  A.  Smith  erst  eigentlich  begillndete 
Nationalökonomie  folgte  der  Wirthschaftspolizei;  sie  hinwieder- 
um abzulösen,  schickt  sich  die  entstehende  Socialwissenschaft 
der  neuesten  Zeit  an.  Sie  war  die  natürlichste  Betrachtungs- 
weise über  wirthschaftliche  Dinge  in  der  Zeit,  welche  die 
alten  Staatsformen,  namentlich  den  Absolutismus  auflöste,  — 
sie  verliert  ihren  Boden  in  der  Zeit,  die  den  organischen 
Staat  neu  aufzubauen  die  Aufgabe  hat. 

So  allgemein  und  unbedingt  die  hohe  Bedeutung  des 
Buchs  von  A.  Smith  zugestanden  wird,  so  verschieden  lauten 
die  Urtheile  über  die  Nützlichkeit  seiner  Wirkung.  Adam 
Müller  bekämpft  Smith's  Tendenzen  für  Deutschland,  gesteht 
relative  Berechtigung  derselben  für  England  zu.  Bei  Friedrich 
List  und  H.  Rössler  erscheint  A.  Smith  aus  sehr  verschie- 
denen Gründen  als  eine  Art  Verköii)erun^'  des  bösen  Princips. 
Carey  dagegen  beruft  sich  gerne  auf  Smith  und  malt  Ricardo 
und  Malthus  dafür  in  um  so  düsterem  Farben. 

Buckle  zwängt  A.  Smith  in  seine  Schablonen  von  deduc- 
tiven  und  inductiven  Geistern  ein,  beachtet  aber  mit  Recht, 
(lass  ,,Wealth  of  Nations"  nicht  A.  Smith's  einziges  Werk 
ist,  also  auch  nicht  seine  ganze  Weltauffassung  enthält. 
Neuere,  wie  Leser,  Inama  Sternegg  und  jüngst  Nasse  (in 
den  Preussischen  Jahrbüchern)  suchen   dem  grossen  Schotten 


bandeln  werde.  Der  Staatsmann  hat  kein  Hecht,  von  seinen  Unterthanen 
eine  andere  patriotische  Gesinnung  als  einen  genauen  Gehorsam  gegea 
die  Gesetze  zu  erwarten.  Die  Vereinigung  sämmtlicher  PrivatintereBsen 
macht  die  gemeine  Wohlfahrt  aus ;  diese  zu  befördern,  ist  des  Staatsmanns 
Ptiicht'* 


A.  Smiih.  157 

iD  objectiver  Weise  gerecht  zu  werden ,  zuletzt  hat  ihn  Aug. 
Ooelcen  mit  Kant  in  Parallele  gestellt  und  wieder  eingehend 
nachgewiesen,  wie  A.  Smith  neit  aber  seinen  Nachfolgern 
steht,  freilich  nicht  ohne  in  das  Buch  manches  mit  Kunst 
hineinzutragen . 

In  der  That  ist  streng  zu  scheiden,  wie  A.  Smith  ge- 
wirkt und  wie  er  selbst  gedacht  hat,  Stellen  wir  erstere 
Frage,  so  werden  wir  uns  vielfach  gegen  A,  Smith  auflehnen 
müssen,  obwohl  die  einseitig  individualistische  Nationalökonomie 
doch  viel  mehr  durch  Ricardo  als  durch  Smith  begründet 
wurde'),  Stellen  wir  aber  die  letztere  Frage,  so  ist  zuzu- 
gestehen, dSss  A.  Smith  zu  jenen  grossen  Geistern  gehört, 
die  ihre  Zeit  fahren,  doch  Über  ihr  stehen  und  Einseitiges 
vielfach  nur  deshalb  anregen ,  weil  ihre  Schüler  ihnen  nicht 
ganz  nachfolgen  können.  Nur  Geister  von  solcher  Grösse, 
(iass  sie  mit  einer  gewissen  Souveränetät  über  ihrer  Zeit 
stehen,  sind  im  Stande,  die  Ideen  derselben  in  bahn- 
brechender Weise  zu  formuliren,  während  den  Sklaven 
des  Zeitgeistes  der  Ruhm  des  Populaiisirens  zu  Theil  wird. 
Und  so  kommt  es,  dass  heute  noch  Gegner  und  Anhänger  des 
Manchesterthums  sich  cleichmässig  auf  A.  Smith  bemfen,  in- 
dem die  Anhanger  allerdinjis  sattsam  ans  A.  Smith  Forrau- 
lirung  ihrer  einseitigen  Tendenzen  entnehmen  können,  während 
er  in  seinem  weitblickenden  Geist  doch  zugleich  in  Menge  die 
Keime  einer  höheren  Anschauung  entliillt,  welche  die  jüngste 
Zeit  auszubilden  berufen  ist  In  den  Schriften  tier  grössten 
Geister  finden  wir  nie  nur  den  geschlossensten  Ausdruck 
einer  beschränkten  Anschauungswelt,  sondern  immer  zugleich 
die  Biücken  für  den  künftigen  Fortschritt  in  der  Erkenntnis^ 
der  Wahrheit.  Und  ganz  besonders  ist  das  bei  A.  Smith  der 
Fall,  dessen  Ausdmcksweise  stets  so  zu  sagen  weich  und 
elastisch  ist.  Manche,  namentlich  rein  theoretische  Fragen, 
z,  B.  die  nach  der  richtigsten  Definition  eines  technischen 
Ausdrucks,  hat  sich  A.  Smith  niemals  schaif  gestellt  und  über 


')  S,  Cliffe  Leetie's  Ao&atc  „Political  econom;  imd  Sociology"   im 
Fortiüghtlf  Review,  Juur  1879. 


158  irrstes  Buch,  Cap.  2. 

seine  eigentliche  Meinung  wird  man  immer  streiten  können, 
weil  er  sich  die  betreffende  Frage  als  ihm  minder  wichtig -gar 
nie  scharf  gestellt  hat.  Sehr  häufig  liegt  aber  bei  A.  Smith 
keine  Vieldeutigkeit  und  Unscharfe,  sondern  nur  seine  Viel- 
seitigkeit vor,  die  auf  dem  Bewusstsein  beruht,  dass  absolute 
Schärfe  der  Formulirung  socialer  und  politischer  Wahrheiten 
nur  erreichbar  ist,  wenn  man  einen  Theil  der  in  Betracht 
kommenden  Thatsachen  ignorirt. 

E  i  n  Schriftsteller  aus  der  Schule  von  A.  Smith  hat  darin 
Aehnlichkeit  mit  A.  Smith  selbst,  nämlich  Heimann;  Heimann 
brachte  die  Methode  der  klassischen  Nationalökonomie  zur 
höchsten  Vollendung,  und  keiner,  der  zur  Schule  von  A.  Smith 
gehört,  hat  eine  reichere  Fülle  origineller  Resultate  aufzu- 
weisen. Aber  eben  er  bezeichnet  in  unverkennbarster  Weise 
den  Punkt,  wo  die  classische  Nationalökonomie  auf  dem  Zenith 
ihrer  Entwicklung  angekommen,  einer  veränderten  Anschauungs- 
weise weichen  muss.  Seine  Lehre  vom  Gemeinsinn,  seine 
Definition  des  Einkommens,  seine  Art,  die  Preise  auf  ver- 
schiedene Bestimmungsgründe  zurückzuführen,  bilden  den 
Ausgangspunkt  für  die  sogenannte  ethische,  die  Arbeiter- 
interessen beachtende  und  realistische  Nationalökonomie.  Und 
so  kommt  es,  dass  Brentano,  der  Verfechter  der  Organisation 
der  Gewerbetreibenden,  sich  überall  auf  A.  Smith  und  Hermann 
berufen  kann,  während  Brentano  und  seine  Gesinnungsgenossen 
von  Gegnern  als  Revolutionäre  gegen  die  unfehlbare  Autorität 
von  A.  Smith  angegritfen  wurden.  Wenn  man  bedenkt,  dass 
A.  Smith  im  Jahre  1789  eine  Theorie  der  moralischen  Gefühle 
geschrieben  hat,  dass  seine  Lehrthätigkeit  sich  auf  verschiedene 
philosophische  Disciplinen  erstreckte,  und  dass  in  dem  „Wealth 
of  Kations'*  selbst  eine  Masse  politischer,  religiöser  und  ethischer 
Betrachtungen  vorkommen,  die  von  einer  ganz  selbständigen 
Durchdenkung  der  betreffenden  Fragen  zeugen  —  so  kann 
man  nicht  zweifeln,  dass  es  bei  ihm  bewusste  Abstraetion 
war,  wenn  er  bei  Erklärung  wirthschaftlicher  Erscheinungen 
den  richtig  rechnenden,  frei  waltenden  Egoismus  der  Einzelnen 
zu  Grunde  legte,  freilich  eine  Abstraetion,  die  A.  Smith  in 
hohem  Maass  für  berechtigt  liielt,   und  in   der  er  sich  ohne 


A.  Smith.  159 

Weiteres  gehen  liess,  ohne  sich  über  sie  und  ihren  Grund  aus- 
drücklich zu  erklären.  Bei  der  entschieden  hochpatriotischen 
Gesinnung,  die  an  vielen  Stellen  durchbricht  und  der  abso- 
luten Abwesenheit  jeder  kosmopolitischen  Schwärmerei,  bei 
dem  bitteren  Tadel,  den  der  Egoismus  der  Kaufleute  oft  er- 
fähi-t,  ist  es  ganz  unverkennbar,  dass  auch,  während  A.  Smith 
den  „Wealth  of  Kations"  schrieb,  er  niemals  der  Ansicht  war, 
dass  der  individuelle  Egoismus  den  ganzen  Menschen  allein 
behen-sche  oder  beherrschen  solle.  Er  entwickelt  nie  allge- 
meine philosophische  Principien  und  äussert  sich  nirgends  über 
seine  wissenschaftliche  Methode  und  über  ihre  Gründe.  Aber 
es  kann  nichtsdestoweniger  als  ausgemacht  gelten,  dass  er  in 
dem  „Wealth  of  Kations"  die  egoistischen  Triebe  des  Menschen 
nur  deshalb  in  den  Vordergrund  schob  und  von  ihrer  Be- 
grenzung durch  andere  Triebe  nur  deshalb  nicht  sprach  — 
weil  er  annahm,  dass  das  Gebiet  wirthschaftlicher  Erscheinungen 
zunächst  isoliit  werden  müsse,  um  verstanden  zu  werden,  und 
weil  er  der  Ansicht  war,  dass  man  sich  vorerst  an  die  Haupt- 
ursachen des  wirthschaftlichen  Handelns  halten,  die  Keben- 
ursachen  ignoriren  müsse,  um  zu  klaren  Resultaten  zu  ge- 
langen. — 

A.  Smith  hat  auch  nie  daran  gedacht,  aus  der  bewusst 
einseitigen  Prämisse  vom  menschlichen  Egoismus  allein  das 
ganze  Lehrgebäude  seiner  Wissenschaft  durch  logische  Schlüsse 
abzuleiten.  Er  hat  zwar  nicht  andere  psychologische  Aus- 
gangspunkte ebenfalls  in's  Auge  gefasst,  aber  seine  Ansichten 
überall  in  der  eingehendsten  Weise  auf  vergangene  und  gegen- 
wärtige Thatsacheu  begründet.  Viele  Ansichten,  wie  z.  B.  die 
über  die  finanzielle  Unergiebigkeit  der  Domänen,  sind  fast 
ausschliesslich  durch  praktische  Erfahrungen  begründet;  bei 
allen  einzelnen  Fragen,  die  er  ül)erhaupt  behandelt,  sind  Bei- 
spiele aus  der  Praxis  ein  Hauptmittel  zum  Beweisev.  Oft 
kommen  lange  erzählende  Excurse;  die  Steuerlehre  schliesst 
sich  nach  Aufstellung  der  obersten  Grundsätze  fast  ganz  an 
die  faktischen  Zustände,  namentlich  in  England  an.  Wer  das 
Buch  aufmerksam  liest,  wird  darin  eine  ausgezeichnete  Schilde- 
rung der  gesammten  socialen  Verhältnisse,   des  Standes  der 


160  Erstes  Buch ,  Cap.  2. 

wirthschaftlichen  und  finanziellen  Gesetzgebung  Englands  um 
die  Mitte  des  vorigen  Jahrhundeits  finden  0- 

Ganz  besonders  aber  ist  hervoi'zuheben ,  dass  A.  Smith 
über  der  gi-ossen  Mehrzahl  seiner  Nachfolger  stand  *) ,  indem 
er  immer  nur  an  das  Wohl  der  Gesammtheit  dachte,  und  nie, 
auch  nicht  aus  Irrthum  oder  unbewusst,  in  einer  einzelnen 
Frage  seine  Theorie  den  Interessen  des  Capitals  dienstbar 
machte.  Da  er  zugleich  den  Staat,  seinen  Bestand  und  seine 
Grösse  unbedingt  über  alle  wirthschaftlichen  Interessen 
einzelner  Stände  oder  Personen  stellte,  so  war  er  principiell 
himmelweit  vom  Manchesterthum  entfernt.  Auch  die  Lehre 
von  der  natürlichen  und  nothwendigen  Harmonie  aller  In- 
teressen fehlt  bei  A.  Smith  als  ein  allgemeines,  ginindlegendes 
Piincip,  wenn  sie  auch  gelegentlich  vorkommt,  z.  B.  Buch  4, 
Cap.  2,  wo  ausgefQhi-t  wird,  dass  zwar  jeder  nur  nach  grösstem 
eigenen  Gewinne  strebt,  dabei  aber  durch  eine  unsichtbare 
Hand  zur  Beförderung  eines  Endzwecks  geleitet  wird,  den  er 
sich  nicht  vorgesetzt  hatte.  In  der  Tliat,  wenn  materialistische 
AufkläiTingsapostel  und  optimistische  Capitalanbeter  späterer 
Zeit  seinen  Namen  beständig  im  Munde  führen,  so  können  sie 
nur  damit  entschuldigt  werden,  dass  sie  ausser  den  wenigen 
Phrasen,  die  einmal  ihr  dürftiges  Hirn  beherrschen.  Nichts 
mehr   sehen  und  hören. 

Es  ei^scheint  A.  Smith  natürlich  und  nothwendig,  dass 
die  Gesellschaft  in  drei  grosse  Stände  zerfällt:  Grundeigen- 
thümer,  Capitalisten  (Pächter,  Handel-  und  Gewerbetreibende) 
und  Arbeiter.    Diese  Scheidung  trat  namentlich  in  England 


^)  Dass  A.  Smith  vorzugsweise  „induktiv^  geforscht  habe,  siehe  auch 
bei  Ingram:  „Present  condition". 

*)  Die  Ueberlegenheit  von  A.  Smith  über  seine  Nachfolger,  nament. 
lieh  Say  und  Ricardo,  betont  besonders  stark  Lorenz  von  Stein :  die  Volks- 
wirthschaftslehre,  2.  Aufl.,  1878  —  der  es  aber  bei  aller  Anerkennung  des 
grossen  Standpunkts  und  der  umfassenden  Weltanschauung  des  Mannes 
doch  für  nothwendig  hält,  eine  zweite  Methode  neben  die  von  A.  Smith 
hinzustellen.  Dagegen  sucht  ein  anderes  neues  Werk:  „Dr.  Witold  von 
Skarzguski:  Adam  Smith  als  Moraljthilosoph  und  Schöpfer  der  National- 
ökonomie, Berlin  1878,  Adam  Smith's  Bedeutung  ungebührlich  herabzu- 
setzen. 


A.  Smith.  161 

SO  scharf  hervor,  dass  A.  Smith  sie  ohne  Weiteres  hinnahm 
und  danach  auch  die  Einkommensarten  unterschied,  ohne 
zu  untersuchen,  in  wie  weit  Grund-  und  Gapitaleigenthum  zu- 
sammengehören. 

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  zu  untei-suchen ,  in  wie  weit 
diese  Scheidung  in  drei  Stände  in  einer  allgemeinen  Theorie 
der  Nationalökonomie  der  Lehre  von  den  Productionsfactoren 
und  Einkommensarten  mit  Becht  zu  Grunde  gelegt  werden 
darf.  Aber  es  muss  hervorgehoben  werden,  dass  nach  A.  Smith 
selbst  Ginrndeigenthum  und  Capital  historische  Kategorien 
sind,  indem  sie  ei-st  entstehen  nach  dem  ursprünglichen  Zu- 
stand, in  welchem  Alle  Arbeiter  sind. 

„In  jenem  ursprünglichen  Zustand  der  Dinge,  der  sowohl 
vor  der  Einführung  des  Landeigenthums  als  dem  Anhäufen 
der  Capitalien  hergehet,  gehört  das  ganze  Product  der  Arbeit 
dem  Arbeiter  zu;  er  hat  weder  Landeigenthümer  noch  Meister, 
die  sich  mit  ihm  darein  theilen!*' ^). 

Von  diesen  drei  Ständen  ist  nun  der  Stand  des  Capita- 
listen  keineswegs  derjenige,  der  das  grösste  Verdienst  hat, 
dessen  Interessen  am  meisten  gepflegt  werden  müssen  und 
dessen  Einfluss  der  grösste  sein  soll.  Zwar  erkennt  A,  Smith 
(Buch  III.  Cap.  2)  an,  dass  „Handlung  und  Manufacturen 
allmälig  Ordnung  und  ordentliche  Regieioing  und  mit  denselben 
Freiheit  und  Sicherheit  der  Privatleute  unter  den  Einwohneni 
des  Landes  einführten,  welche  zuvor  in  einem  fast  beständigen 
Kriege  mit  ihren  Nachbarn  und  in  einer  sclavischen  Abhän- 
gigkeit von  ihren  Obeni  gelebt  haben."  Er  schreibt  also 
diesen  Zweigen  der  Production  ein  civilisatorisches  Verdienst 
zu,  und  an  vielen  andern  Stellen  führt  er  aus,  dass  die  Ver- 
mehrung des  Kapitals  die  Bedingung  alles  wirthschaftlichen 
Fortschritts  ist  —  aber  keineswegs  veiftllt  er  in  die  Tendenz 
späterer  Freihändler,  die  Interessen  des  Capitals  als  die  der 
Menschheit,  und  die  Capitalbesitzer  als  Träger  aller  Cultur 
sowie  als  unbedingt  edle  Menschenfreunde  hinzustellen.  Viel- 


*)  S.  Buch  I,  Cap.  8.     Ich  citire   immer  nach  der  1776  uod  1778 
erschienenen  deutschen  Uebersetzung  der  ersten  Ausgabe  des  Originals. 

Held,  Soc.  Ot>sch.  Engl.  11 


162  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

mehr  führt  er  am  Schlüsse  des  1.  Capitels  des  1.  Buchs  aus, 
dass  die  Interessen  der  Grundeigenthümer  und  Arbeiter  natur- 
gemäss  und  immer  mit  den  Interessen  der  ganzen  Gesellschaft 
und  des  Staates  zusammenfallen,  dagegen  nicht  das  Interesse 
Derjenigen,  die  vom  Capitalgewinne  leben.  „Da  sich  ihre 
Gedanken  gemeiniglich  lieber  mit  dem  Interesse  ihres  eigenen 
besonderen  Gewerbes  als  mit  dem  Interesse  der  Gesellschaft 
beschäftigen,  so  kann  man  sich  auf  ihr  Urtheil,  selbst  wenn 
sie  es  aufs  aufrichtigste  äussern  (welches  nicht  allemal  ge- 
schehen ist),  in  Ansehung  ihres  eigenen  besondern  Interesses 
weit  mehr  verlassen,  als  in  Ansehung  der  öffentlichen  An- 
gelegenheiten.'' Adam  Smith  sagt,  Kaufleute  und  Fabrikanten 
hätten  oft  „die  Grossmuth  der  Grundeigenthümer  hintergangen", 
ihr  und  des  Staates  Interesse  dem  des  Capitals  als  dem 
vermeintlichen  Interesse  des  Staats  zu  opfeni.  An  einer  an- 
deren Stelle  (Buch  III,  Cap.  6)  tadelt  er  den  Mangel  an  Patrio- 
tismus von  Kaufleuten  und  Gewerbetreibenden,  die  überall 
hingingen,  wo  der  Handel  gedeiht,  zeigt,  dass  Grundeigen- 
thümer dem  elenden  Monopolgeiste  weniger  ergeben  seien  als 
Fabrikanten  (Buch  IV,  Cap.  2);  und  besonders  weist  er  an 
dem  Beispiel  der  ostindischen  Compagnie  nach,  wie  unfähig 
Kaufleute  zur  Regierung  eines  Staates  seien.  Bei  seiner  Em- 
pfehlung des  Freihandels  und  dem  Kampfe  gegen  das  Pi-o- 
tectivsystem  ist  A.  Smith  keineswegs  der  Ansicht,  die  Manu- 
factui-schutzzölle  seien  ein  geringes  Uebel  gegenüber  den  Koin- 
zöUen,  sondern  er  betrachtet  letztere  als  eine  verfehlte  Ein- 
richtung, zu  der  die  Giiindeigenthümer  durch  das  Beispiel 
der  Gewerbetreibenden  verführt  worden  seien ;  er  will  Handels- 
und Gewerbefreiheit  unverkennbar  im  allgemeinen  Interesse, 
gegenüber  dem  Sonderinteresse  des  monopolsüchtigen  Capitals. 
Der  Capitalist  ei-scheint  bei  A.  Smith  als  klug  und  ver- 
schlagen, der  Ginindeigenthtimer  als  nobel  und  ehrlich,  aber 
oft  unklug,  der  Arbeiter  als  wenig  urtheilsföhig.  Der  Inter- 
essen des  Arbeitei's  nimmt  sich  A.  Smith  mit  Wärme  an. 
Der  noth wendige  Unterhaltsbedarf  ist  nur  der  Minimallohn, 
nicht  der  natürliche  Lohn,  der  Lohn  steigt  und  fällt  nicht  mit 
dem   Getreidepreis,   sondern   oft  umgekehrt;   er  steigt  durch 


A.  Smith.  163 

das  Anwachsen  des  Capitals,  nicht  durch  die  absolute  Menge 
des  letzteren ;  gut  bezsJilte  Arbeiter  leisten  mehr  als  schlecht 
bezahlte ;  hoher  Lohn  befördert  also  sogar  den  Export ;  Mensch- 
lichkeit und  Interesse  sollen  die  Arbeitgeber  zu  guter  Behand- 
lung der  Arbeiter  veranlassen ;  selbständige  Arbeitende  leisten 
mehr  als  Lohnarbeiter;  die  Meister  haben  ein  natürliches 
üebergewicht  über  die  Arbeiter  (Buch  I,  Cap.  8);  die  Coalitions- 
gesetze  sind  parteiisch  gegen  die  Arbeiter  (Buch  I,  Cap.  10). 
Auch  die  etwas  verworrene  Lehre,  dass  das  in  der  Landwirth- 
schaft  angelegte  Capital  am  meisten,  das  im  Handel  angelegte 
am  wenigsten  hervorbringe,  (Buch  II,  Cap.  5)  zeugt  nicht  von 
Voriiebe  für  den  Stand  der  Capitalisten. 

In  der  Lehre,  dass  die  Landrente  durch  den  Culturfoil- 
schritt  ohne  Verdienst  der  Grundeigenthümer  wachse  (Buch  I, 
Cap.  11),  liegt  freilich  der  Grundgedanke  der  Ricardo'schen 
Grundrentenlehre,  ebenso  wie  sich  Buch  I,  Cap.  8  der  Keim 
der  Malthus'schen  Bevölkei-ungslehre  findet: 

„Jede  Art  Thiere  vermehrt  sich  natürlicher  Weise  in 
der  Proportion  ihrer  Nahmngsmittel ;  und  keine  Art  kann 
sich  über  diese  Proportion  hinaus  vennehren.  In  civilisirten 
Gesellschaften  kann  aber  der  Mangel  an  Unterhalt  nur  unter 
den  niedigeren  Ständen  des  Volkes  der  ferneren  Verniehi-ung  des 
Menschengeschlechts  Grenzen  setzen"  —  indessen  nirgends 
finden  wir  eine  Spur  von  Feindseligkeit  gegen  die  grund- 
besitzende Aristokratie  oder  von  Härte  gegen  die  Arbeiter. 

Deutlich  sogar  lässt  sich  erkennen,  dass  der  Gewinn  des 
Capitals  nicht  als  eine  naturgemäss  nothwendige  Vergeltung 
gewisser  Dienste,  sondern  als  etwas  betrachtet  wird,  das  die 
Macht  des  Besitzes  der  Arbeit  abringt.  Es  kommen  Aus- 
drücke vor,  die  man  heute  als  socialistisch  brandmarken 
würde ;  z.  B.  Buch  V,  Cap.  1 :  „Auf  einen  sehr  reichen  Mann 
muss  es  wenigstens  fünfhundert  Arme  geben  und  der  Ueber- 
fluss  einiger  Weniger  setzt  die  Dürftigkeit  Vieler  voraus." 
Oder  Buch  V,  Cap.  1:  „Insofern  die  bürgerliche  Regierung 
eingeführt  ist ,  um  das  Eigenthum  sicher  zu  stellen ,  ist 
sie  wirklich  zum  Schutze  der  Reichen  gegen  die  Armen,  oder 


164  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

derer,  die  einiges  Eigenthum  haben,  gegen  diejenigen  ein- 
geführt, die  gar  keines  haben."  Oder  Buch  I,  Cap.  8:  „Die 
Rente  des  Landeigenthümers  macht  den  ersten  Abzug  vom 
Producte  der  Arbeit  aus ,  die  auf  das  Land  verwendet  wird." 
"„Der  Meister  nimmt  einen  Antheil  am  Producte  ihrer  Arbeit 
(nämlich  der  Arbeiter)  oder  am  Werthe,  den  sie  den  Mate- 
rialien, worauf  sie  verwendet  wird,  zusetzen." 

In  der  That,  Adam  Smith  ist  der  erste,  welcher  aus  der 
Lehre,  dass  die  Arbeit  allein  Werth  schaffe,  den  Satz  folgerte, 
dass  natürlicher  Weise  dem  Arbeiter  dieser  Werth  allein  ge- 
höre, und  die  Besitzrente  ein  Abzug  zu  Ungunsten  des  Ar- 
beiters sei.  Freilich  er  hat  dies  nicht  consequent  ausgebildet, 
da  er  Eigenthum  und  Rente  vom  Besitz  als  eine  selbstver- 
ständliche Nothwendigkeit  in  civilisirten  Gesellschaften  be- 
trachtet, und  den  Rechtsgiiind  des  Eigenthums  nicht  imter- 
sucht.  Es  ist  ein  entschiedener  Mangel  bei  Adam  Smith,  dass 
er  den  Einfluss  der  Wiilhschaft  auf  Cultur  und  Recht  ein- 
gehend erörtert^),  dass  es  ihm  aber  dabei  niemals  einfällt, 
auch  den  beherrechenden  Einfluss  des  Rechtssystems  auf  die 
wirthschaftlichen  Verhältnisse  zu  untersuchen. 

Zeigen  die  angeführten  Stellen,  dass  Adam  Smith  keine 
Vorliebe  für  einzelne  Stände  hat,  so  will  er  unbedingt  die 
Interessen  aller  Stände  dem  Interesse  des  Staats  unterordnen. 
Ein  stehendes  Heer  erscheint  ihm  nicht  als  Gefahr  für  die 
Freiheit,  Kanonen  sind  ihm  ein  Hebel  der  Civilisation.  Neben 
dem  stehenden  Heere  will  er  alle  Bürger  einexerciren.  Be- 
sonders Oncken  hat  A.  Smith's  wannen  Eifer  für  die  Landes- 


^)  Z.  B.  auch  Buch  V,  C.  1  Th.  2,  wo  er  ausführt,  dass  durch  das  An- 
wachsen der  Reichthüxner  staatliche  Ordnung  immer  nothwendiger  wird: 
„der  Erwerb  eines  kostbaren  oder  weitläufigen  Eigenthums  erfordert  dem- 
nach nothwendig  die  Einführung  einer  bürgerlichen  Regierung ;  wo  es  kein 
Eigenthum  oder  wenigstens  kein  anderes  giebt  als  ein  solches,  das  nicht 
mehr  als  eine  zwei-  oder  dreitägige  Arbeit  kostet,  da  ist  eine  bOrgerliche 
Regierung  weniger  nothwendig.  Die  bürgerliche  Regierung  setzt  eine  ge- 
wisse Unterordnung  voraus.  Wie  aber  eine  bürgerliche  Regierung  all- 
mälig  mit  dem  Erwerbe  kostbarer  Besitzungen  aufwächst,  so  wachsen  auch 
die  Hauptursachen,  welche  natürlicher  Weise  eine  Unterordnung  ein- 
führen, allmälig  mit  dem  Anwachsen  dieser  kostbaren  Besitzungen  heran." 


A.  Smith.  165 

vertheidigung  hervorgehoben;  freilieh  muss  dazu  bemerkt 
werden,  dass  er  die  Ueberlegenheit  stehender  Heere  aus- 
schliesslich aus  den  natürlichen  Yortheilen  der  Arbeitsthei- 
lung  und  der  dadurch  entstehenden  Uebung  erklärt,  dass  er 
kriegerische  Siege  durchaus  nicht  dem  Wirken  ethischer 
Kräfte  zuschreibt.  Auch  seine  Lehre,  dass  für  UnteiTicht, 
namentlich  für  Elementarschulen,  öflFentliche  Mittel  verwendet 
werden  müssen,  und  dass  Elementarschulzwang  am  Platze  sei, 
wird  in  ihrer  Bedeutung  sehr  eingeschränkt  durch  den  in 
vielen  Variationen  wiederkehrenden  Satz,  dass  die  Güte  des 
Lehrers  von  der  Bezahlung  der  Schüler  abhänge.  Aber  es 
bleibt  wahr,  dass  A.  Smith  weder  zu  den  krämerhaften 
Friedensaposteln  wie  später  Bentham  und  Cobden  gehörte, 
noch  den  Staat  unbedingt  auf  den  Nachtwächterdienst  redu- 
ciren  wollte.  Indessen,  so  gross  Adam  Smith  in  all  diesen 
Fragen  gegenüber  seinen  Nachfolgern  dasteht,  dennoch  hat  er 
auf  seine  Nation  in  ethischer  Hinsicht  ganz  anders  gewirkt 
als  Kant,  und  es  lässt  sich  nicht  leugnen,  dass  er  selbst  von 
dem  Geiste  des  Individualismus  stark  ergiiifen  war.  Er  war 
es  nicht  ausschliesslich,  aber  gerade  bei  seinen  einfachsten 
und  deshalb  wirksamsten  nationalökonomischen  Lehren  zahlte 
er  dem  Geiste  der  Zeit  seinen  Tribut  —  gerade  wie  auch 
Colbert  persönlich  über  viele  Schwächen  des  Merkantilsystems 
erhaben  demselben  dennoch  in  der  erfolgreichsten  Weise  diente. 
Wenn  auchOncken  zu  beweisen  versucht,  dass  Friedrich 
List  aus  Adam  Smith  Beweise  für  seine  Tendenzen  hätte 
entnehmen  können,  so  kann  doch  kein  Voi-urtheilsfreier  ver- 
kennen, dass  es  vor  Allem  vier  rein  negative  Reformen  waren, 
für  deren  Durchfühioing  resp.  Vorbereitung  Adam  Smith  ar- 
beitete, nämlich  Freizügigkeit,  Gewerbefreiheit,  Freihandel 
und  freies  Eigenthum  an  Grund  und  Boden.  Ebenso  ist  un- 
verkennbar, dass  Adam  Smith  zwar  das  Wort  „Laissez  faire 
et  passer"  nicht  ausspricht,  diese  Regel  aber  in  Bezug  auf 
wirthschaftliche  Dinge  als  ein  aus  dem  Naturrecht  sich  er- 
gebendes Princip  behandelt,  und  dass  er  dabei  vielfach  in 
einen  ethischen  Materialismus  verfällt.  Gewiss  hat  Adam 
Smith  recht,  wenn  er  das  englische  Heimathsrecht  seiner  Zeit 


166  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

bekämpft.  Es  ist  aber  charakteristisch,  dass  er  das  Recht, 
überall  nach  Belieben  Arbeit  zu  suchen,  als  einen  Ausfluss 
der  Freiheit  verlangt.  „Schon  länger  als  ein  ganzes  Jahr- 
hundert über  hat  das  gemeine  Volk  in  England,  das  sonst 
auf  seine  Freiheit  so  eifei'süchtig  ist,  aber  wie  gemeine  Leute 
in  den  meisten  andern  Ländern,  niemals  recht  begreift,  worin 
sie  eigentlich  besteht,  sich  unter  diese  Unterdrückung  ge- 
schmiegt, ohne  auf  die  Abschaffung  derselben  zu  dringen/'  Im 
Buch  I  Cap.  10  wird  die  Vorschrift  der  7jährigen  Lehrlings- 
zeit, und  es  werden  alle  Zünfte  verworfen.  Freie  Verbände 
der  Handwerksgenossen  seien  zwar  nicht  zu  verhindern ;  aber 
Verbände  zu  erleichtern  oder  nothwendig  zu  machen,  sei  ganz 
verkohlt,  denn  „ein  Arbeiter  wird  eigentlich  nicht  durch  seine 
Zunft,  sondern  durch  seine  Kunden  im  Zaume  gehalten^^ 
Zünfte  sind  A.  Smith  nur  Ausgebuiten  des  Monopolgeistes, 
für  den  Werth  coiporativer  Oi'ganisation  hat  er  kein  Ver- 
ständniss.  Er  will  zwar  merkwürdiger  Weise  die  Ausdehnung 
der  allgemeinen  Bildung  dadurch  fördern,  dass  jeder,  ehe  er 
in  eiuem  Städtchen  Bürger  wird  und  ein  Handwerk  betreiben 
darf,  in  den  wesentlichsten  Kenntnissen  (Lesen,  Schreiben 
und  etwas  Geometrie)  gepiUft  werde,  und  auch  die  Ausbrei- 
tung höherer  wissenschaftlicher  Kenntnisse  als  Gegengewicht 
gegen  religiösen  Fanatismus  wünscht  er  durch  zahlreiche  Prü- 
fungen zu  begünstigen,  aber  Meisterpiüfungen  u.  dergl.  durch 
Zünfte  erscheinen  ihm  als  überflüssig  und  schädlich.  In  Be- 
zug auf  Freihandel  wagt  A.  Smith  die  Erreichung  seines 
Ideals  kaum  zu  hoffen ;  und  er  schlägt  sogar,  offenbar  deshalb, 
weil  er  glaubt,  man  könne  des  Monopolgeistes  nicht  ganz 
HeiT  werden,  Buch  V  Cap.  2  massige  Taxen  auf  alle  Manufactur- 
waaren,  nur  Aufhebung  aller  EinfiihiTerbote  vor.  Er  gesteht 
auch  zu,  dass  es  gerechtfeiügte  protectionistische  Maassregeln 
giebt,  vor  Allem  zu  Ehren  der  Landesvertheidigung.  „Da  an 
der  Sicherheit  und  Vertheidigung  eines  Landes  weit  mehr  als 
an  seinem  Reichthum  gelegen  ist,  so  ist  die  Schifffahrtsacte 
vielleicht  unter  allen  englischen  Handelsverordnungen  die 
weiseste'*  (Buch  IV  Cap.  2.).  Auch  Manufacturen ,  die  zur 
Landesvertheidigung  nöthig  sind,  dürfen  zu  Ehren  der  Unab- 


A.  Smith.  167 

hängigkeit  des  Landes  Schutzzölle  i*esp.  Prämien  erhalten 
(Buch  IV,  Cap.  5).  Ferner  erklärt  A.  Smith  Zölle  zur  Ausglei- 
chung inländischer  Steuern,  und  unter  Umständen,  d.  h.  bei 
Aussicht  auf  Erfolg,  Retorsionszölle  für  zulässig,  und  ist  jeden- 
falls nur  für  langsame  und  schonende  Abschaffung  bestehender 
Schutzzölle.  Aber  trotz  dieses  Maasses,  das  der  Freihändler 
sich  aus  Patriotismus  und  praktischen  Rücksichten  auflegt  — 
kann  man  sich  nicht  darin  täuschen,  dass  A.  Smith  das  ganze 
Protectivsystem  als  eine  gemeinschädliche  Uebervortheilung 
Vieler  durch  Wenige  principiell  verwirft,  dass  ihm  „der  Schutz 
der  nationalen  Arbeit''  eine  Phrase  ist ,  und  er  die  Arbeits- 
theilung  unter  den  Völkern  als  das  grösste  Glück  betrachtet 
Und  bei  dieser  Giiindansicht ,  an  der  die  von  Oncken  ent- 
schieden überschätzten  Ausnahmen  nichts  ändeiii,  geht  A.  Smith 
ganz  unbedingt  von  rein  privatwirthschaftlichem  Standpunct 
aus  (Buch  IV  Gap.  2): 

pWas  aber  im  Beti-agen  einer  jeden  Privatfamilie  Klug- 
heit ist,  kann  wohl  schwerlich  im  Betragen  eines  giossen 
Königreichs  Thorheit  sein.  Kann  ein  fremdes  Land  uns  mit 
irgend  einer  Waare  wohlfeiler  versehen,  als  wir  selber  sie 
fertigen  können,  so  ist  es  besser,  sie  mit  irgend  einem  Theile 
des  Productes  unseres  eigenen  Fleisses  zu  kaufen,  der  auf 
irgend  eine  Art  angewendet  wird,  worin  wir  einigen  Voi*zug 
haben.  Da  die  ganze  Industrie  des  Landes  allezeit  dem  Ca- 
pital, das  sie  beschäftigt,  propoitionirt  ist,  so  wird  sie  dadurch 
ebensowenig^  als  die  der  oben  erwähnten  Handwerksleute  ver- 
mindert werden,  sondeiii  nur  den  Weg  aufsuchen  dürfen, 
worauf  sie  sich  am  vortheilhaftesten  beschäftigen  kann/' 

Was  die  Durchfühi-ung  des  Princips  der  wirthschaftlichen 
Freiheit  im  Gebiete  der  Landwirthschaft  angeht,  so  handelte 
es  sich  hier  auf  dem  Gontinent  vorerst  um  Abschaffung  der 
Leibeigenschaft  und  um  die  Ablösung  der  Lasten  des  bäuer- 
lichen Besitzes.  In  England  dagegen  waren  diese  Wirkungen 
des  Feudalismus  überwunden.  Aber  A.  Smith  kämpft  gegen 
die  englischen  Vorrechte  des  Grossgrundbesitzes  und  ist  sonach 
der  Vorkämpfer  derjenigen,  die  heute  „freetrade  in  Land^ 
verlangen.    Er  bekämpft  das  Erstgeburtsrecht  und  die  Entails 


168  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

UDd  der  Mann,  welcher  sonst  die  „natürliche  Grossmuth''  der 
Gi-undbesitzer  preist,  entpuppt  sich  bei  dieser  Gelegenheit  als 
Feind  des  Adels  (Bd.  II,  S.  579) :  „Die  Entails  werden  für  nöthig 
gehalten,  um  das  ausschliessende  Vorrecht  des  Adels  (nobility) 
auf  die  hohen  Ehrenstellen  und  Aemter  ihres  Landes  zu  be- 
haupten; und  da  dieser  Stand  einmal  sich  einen  ungerechten 
Vorzug  vor  seinen  übrigen  Mitbürgern  angemaasset  hat,  so  hält 
man  es,  damit  er  nicht  durch  Armuth  verächtlich  werden 
möchte,  für  gut,  ihm  noch  einen  andeni  Vorzug  einzuräumen." 

Die  vier  negativen  Refoimen,  deren  Vorbereitung  A.  Smith 
diente,  waren  Zeitbedtirfnisse:  selbst  die  Gewerbefreiheit 
war  gegenüber  verrotteten  alten  Schranken  nöthig  und  die 
Aufrichtung  neuer  Ordnungen  konnte  erst  später  beginnen. 
Aber  A.  Smith  fordert  diese  Reformen  nicht  als  zeitweilige 
Nothwendigkeiten,  sondern  als  unbedingt  berechtigte  Folge- 
i-ungen  des  Princips  wirthschaftlicher  Freiheit;  ja  es  lässt  sich 
nicht  leugnen,  dass  dabei  die  Freiheit  der  Bewegung  des 
Capitals  als  die  wichtigste  Forderung  ei-scheint.  Buch  IV 
Cap.  2  sagt  A.  Smith: 

„Jedermann  bestrebt  sich  allezeit,  die  voitheilhafteste 
Anwendung  irgend  eines  Capitals,  das  in  seinem  Vermögen 
steht,  zu  entdecken ;  zwai*  ist  es  sein  eigener  Vortheil,  und 
nicht  der  der  Gesellschaft,  den  er  sich  dabei  voi-setzt.  Allein 
das  Befleissigen  auf  seinen  eigenen  Vortheil  führt  ihn  natür- 
licher oder  nothwendiger  Weise  dahin,  dass  er  demjenigen  Ge- 
schäfte ,  das  auch  für  die  Gesellschaft  am  vortheilhaftesten 
ist,  den  Vorzug  giebt.'^ 

„Jedermann  bestrebt  sich  nothwendiger  Weise,  das  jähr- 
liche Einkommen  der  Gesellschaft  so  gross  zu  machen,  als 
ihm  immer  möglich  ist  —  er  hat  dabei  nur  seinen  eigenen 
Gewinn  vor  Augen  —  durch  Bedachtsein  auf  seinen  eigenen 
Vortheil  jedoch  befördert  er  den  der  Gesellschaft  oft  nach- 
drücklicher, als  wenn  er  diesen  selbst  verfolgte.'*  Buch  IV 
Cap.  8  wird  Colberts  Bevormundungssystem  verworfen  gegen- 
über „dem  edelmüthigen  Plane  der  Gleichheit,  Gerech- 
tigkeit und  Freiheit,  jedem  zu  erlauben,  seine  eigenen 
Angelegenheitennach  seinem  eigenen  Gutdünken  zu  betreiben." 


A.  Smith.  169 

Solcher  Stellen  liessen  sich  noch  viele  anführen,  und  es  ist 
das  gegenüber  übertriebenen  Verehrern  von  A.  Smith  nicht 
nnnöthig.  Er  war  kein  bornirter  Freihandelsfanatiker,  er 
woUte  den  Staat  den  wirthschaftlichen  Interessen  der  Unter- 
thanen  nicht  unterordnen,  aber  er  hielt  das  „laissez  faire^  für 
das  natürlichste  Princip  der  wirthschaftlichen  Politik.  Dies 
zeigt  namentlich  auch  folgende  zusammenfassende  Stelle  aus 
Buch  IV  Cap.  8,  wobei  zu  bemerken  ist,  dass  die  dritte  Pflicht 
des  Landesherm  der  weitern  Ausführung  zufolge  sich  doch 
auf  wenige  Fälle  beschränkt:  „Da  nun  alle  Systeme  sowohl 
von  parteiischen  Begünstigungen,  als  von  Einschränkungen 
solchergestalt  aus  dem  Wege  geräumt  worden  sind,  so  tritt 
daseinfache  und  deutliche  System  einer  natür- 
lichen Freiheit  von  selbst  an  ihre  Stelle.  Einem 
Jeden  wird,  so  lange  er  die  Gesetze  der  Gerechtigkeit  nicht 
übertritt,  die  vollkommene  Freiheit  gelassen,  seinen  eigenen 
Vortheil  auf  dem  ihm  selber  beliebigen  Wege  zu  suchen,  und 
sowohl  seine  Industrie  als  sein  Capital  mit  denjenigen  eines 
jeden  andern  Menschen  oder  mit  denen  einer  jeden  andern 
Classe  von  Leuten  mitwerben  zu  lassen.  Der  Landesfürst 
wird  ganz  eines  Amtes  überhoben,  dessen  Vollziehung  er  nie- 
mals versuchen  kann,  ohne  unzähligen  Täuschungen  ausgesetzt 
zu  sein,  und  zu  dessen  gehöriger  Vollstreckung  keine  mensch- 
liche Einsicht  noch  Weisheit  jemals  hinreichen  würde:  des 
Amtes,  über  die  Industrie  der  Privatleute  zu  wachen,  und 
ihre  Aufmerksamkeit  auf  diejenigen  Gewerbe  zu  lenken,  die 
dem  Vortheile  der  Gesellschaft  am  zuträglichsten  sind.  Dem 
Systeme  der  natürlichen  Freiheit  zufolge  hat  der  Landesherr 
nur  auf  drei  Pflichten  zu  merken :  auf  drei  Pflichten,  die  zwar 
höchst  wichtig,  aber  auch  zugleich  für  gemeine  Verstandes- 
kräfte deutlich  und  verständlich   sind. 

Erstlich  auf  die  Pflicht,  die  Gesellschaft  oder  den  Staat 
vor  der  Gewaltthätigkeit  und  dem  Einbi-uche  anderer  unab-# 
hängiger  Staaten  zu  schützen.  Zweitens  auf  die  Pflicht,  so 
viel  wie  möglich  jedes  Mitglied  der  Gesellschaft  vor  der  Un- 
gerechtigkeit oder  Unterdrückung  eines  jeden  andern  Mitglieds 
dei-selben  zu  bewahren  oder  die  Pflicht,  eine  genaue  Verwal- 


170  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

tung  der  Gerechtigkeit  einzuführen  und  zu  behaupten;  und 
drittens  auf  die  Pflicht,  .gewisse  öffenüiche  Werke  und  An- 
stalten anzulegen  und  zu  unterhalten ,  deren  Anlegung  und 
Unterhaltung  dem  Interesse  irgend  einer  Privatpei'sen  oder 
einer  kleinen  Anzahl  von  Privatpei*sonen  niemals  vortheilhaft 
sein  würde,  weil  der  davon  zu  machende  Gewinn  den  Auf- 
wand irgend  einer  Privatperson  oder  einer  Privatgesellschaft 
niemals  vergüten  könnte,  ohnerachtet  er  ihn  oft  einer  grossen 
Gesellschaft  oder  einem  Staate  weit  mehr  als  blos  vei*güten 

kann." 

Betreffs  der  hier  dem  Staate  (oder  wie  A.  Smith  sagt, 
dem  Landesheim)  ^)  zugewiesenen  Aufgaben  habe  ich  die  Be- 
schränktheit der  unter  drittens  Zusammengefassten  schon 
hervorgehoben.  Es  kommt  dazu^  dass  Smith  die  Kosten  der 
Aufgaben  ad  2)  und  ad  3)  in  höchstmöglichem  Maass  durch 
besondere  Beiträge,  d.  h.  Gebühren  nach  dem  Princip  eines 
Entgelts  für  individuelle  Vortheile  decken  will,  dass  er  bei 
den  Gerichten  die  Macht  der  Concurrenz  für  sehr  günstig 
wirkend  hält,  dass  er  zwar  Justiz  und  vollziehende  Gewalt 
zu  trennen  wünscht,  aber  keineswegs  zu  einer  Erfassung  der 
weiten  Culturaufgabe  der  innem  Verwaltung  gelangt  Beson- 
ders aber  ist  zu  bemerken,  dass  A.  Smith  die  Steuern  ent- 
schieden nach  dem  Aktiengesellschaftsprincip  vertheilen  will, 
wenn  dann  auch  in  praxi  seine  Vorschläge  der  Hauptsache  nach 
auf  Gonsumtionssteuem  auf  entbehrliche  Gegenstände  allge- 
meinen Consums  hinauslaufen.  Diese  Vorliebe  fttr  indirecte 
Steuerp  beruht  zumeist  auf  einer  Abneigung  gegen  directe 
Besteuerung  der  Production  und  des  Capitals,  das  theoretische 
Steuervertheilungsprincip  auf  einer  durchaus  privatwirthschaft- 
licheu  Auffassung  der  öffentlichen  Angelegenheiten :  „Der 
Aufwand  der  Regierung  ist  in  Rücksicht  auf  die  Privatleute 
in  einer  grossen  Nation  den  Verwaltungskosten  eines  grossen 


^)  Die  mehrfach  vorkommende  Verwechslung  von  Landesherr  und 
Staat  —  wenn  sie  sich  auch  nur  auf  den  Ausdruck  bezieht,  zeugt  von  der 
gänzlichen  Abwesenheit  der  Absicht,  über  Verfassungsfragen  zu  philo* 
sophiren. 


A.  Smith.  171 

Guts  fOr  die  verschiedenen  Inhaber  desselben  ähnlich,  wozu 
sie  insgesammt  nach  Maassgabe  ihres  jederseitigen  Antheils 
am  Gute  das  Ihrige  beitragen  müssen.^ 

Rechnen  wir  noch  dazu,  dass  Adam  Smith  Freiheit  und 
Gleichstellung  aller  religiösen  Bekenntnisse  verlangt  und  davon 
Toleranz  und  Annäherung  der  Confessionen  unter  einander 
erwartet,  ohne  Uebergewicht  der  mächtigsten  und  best  dis- 
eiplinirten  Kirche  zu  befürchten,  so  ergiebt  sich  die  Noth- 
wendigkeit,  Oncken's  Dai*stellung  von  A.  Smith's  Staatsauf- 
auffassung bedeutend  einzuschränken.  Er  war  nicht  so  bomirt 
wie  seine  Nachfolger,  und  auf  dem  Boden  seiner  Theorie  lässt 
sieh  eine  Menge  von  positiv  organisirender  Staatsthätigkeit 
rechtfertigen.  Der  Giiindzug  seiner  Auffassung  war  aber  doch 
individualistisch. 

Betrachten  wir  nun  noch  die  Einleitung  und  die  zwei 
ersten  Capitel  des  ersten  Buchs  von  A.  Smith^s  Werk,  die 
ja  ganz  besonders  stark  gewirkt  haben,  so  basirt  er  hier 
zweifellos  alle  wirthschtiftliche  Thätigkeit  auf  den  Eigennutz 
der  Individuen,  und  er  beeinträchtigt  den  ethischen  Ge- 
halt seiner  Lehre  von  der  Arbeit  als  alleiniger  Quelle  aller 
Werthe  sehr  bedeutend  durch  Zusätze  von  materialistischer 
Färbung. 

Der  Fortschritt  der  Production  beiiiht  zumeist  auf  der 
Arbeitstheilung,  diese  auf  der  natürlichen  Neigung  des  Men- 
schen zum  Tauschverkehr  und  diese  Neigung  wieder  auf  dem 
Eigennutz.  „Nicht  vom  Wohlwollen  des  Fleischers,  Brauei-s 
oder  Bäckers,  sondern  von  ihrem  Eigennutz  erwarten  wir 
unsere  Mahlzeit.  Wir  wenden  uns  nicht  an  ihre  Menschen- 
liebe, sondern  an  ihre  Selbstliebe,  und  stellen  ihnen  niemals 
unsere  eigenen  Bedürfnisse,  sondern  ihre  Vortheile  vor." 
(Buch  I  Cap.  2.)  Obendrein  werden  ebenda  die  angeborenen 
Naturgaben  der  Menschen  als  wenig  vei-schieden  dargestellt. 
Kurz,  die  wirthschaftende  Menschheit  erscheint  hier  als  ein 
Aggregat  von  ursprünglich  ziemlich  gleichartigen  Atomen,  die 
vom  Eigennutz  bewegt  werden. 

In  der  Einleitung  heisst  es,   dass   die  jährliche  Arbeit 


172  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

einer  jeden  Nation  der  ui-sprüngliche  Fond  ^)  ist,  welcher  sie 
mit  allen  Bedürfhissen  und  Bequemlichkeiten  des  Lebens  ver- 
sieht, und  es  ist  ein  Verdienst  von  A.  Smith,  dass  er  die  ein- 
seitige Bevorzugung  der  gewerkhchen  oder  landwirthschaft- 
lichen  Arbeit  zurückgewiesen  hat.  Aber  auch  schon  in  der 
Einleitung  heisst  es ,  dass  „die  Zahl  nützlicher  und  produc- 
tiver  Arbeit  allenthalben  der  Quantität  des  Gapitals  propor- 
tionirt  ist'S  ^^d  diese  tonangebende  Herrschaft  des  Gapitals 
wird  als  eine  natürliche  Nothwendigkeit  an  vielen  Stellen  an- 
erkannt, z.  B.  in  der  Einleitung  zum  zweiten  Buch,  wo  direct 
von  der  Zunahme  des  Gapitals  der  Fortschritt  der  Production 
abhängig  gemacht  wird.  Dass  die  die  Gapitalvermehrung 
begünstigende,  wirthschaftliche  Freiheit  vor  Allem  nöthig  sei, 
ist  ein  überall  wiederkehrender  Grundgedanke. 

Nur  die  vom  Gapital  beschäftigte  Arbeit,  welche  dem 
Werth  des  Gegenstands,  auf  welchen  sie  verwendet  wird, 
etwas  zusetzt,  ist  productiv  (s.  Einleitung  und  Buch  11  Gap.  3). 
Unproductive  Arbeiten  erscheinen  zw^r  unter  Umständen  als 
nützlich  und  edel,  aber  der  Gedanke,  dass  es  doch  vor  Allem 
auf  Vermehrung  der  productiven  Arbeit,  d.  h.  derjenigen, 
die  stoffliche  Werthe  schafft  und  vom  Gapital  abhängt,  an- 
komme, klingt  unverkennbar  durch. 

Viele  Widersprüche  bei  A.  Smith  sind  nur  scheinbar, 
d.  h.  Ausflüsse  der  hochberechtigten  Tendenz,  gewisse  nothwen- 
dige  Gonsequenzen  der  Deduction  aus  allgemeinen  Principien 
durch  praktische  Rücksichten  einzuschränken,  und  andern 
als  den  wirthsckaftlichen  Lebensgebieten  ihr  Recht  nicht  zu 
verkümmern.     Einen  Widerspruch   aber,    eine   Unklarheit 

^)  Es  heisst  freilich  nicht,  sie  sei  4^e  alleinige  Quelle.  Es  wird 
gleich  angefügt,  dass  Boden,  Himmelsstrich  und  Grösse  des  Gebiets  Ver- 
schiedenheiten des  Gesammtresultats  bedingen.  Aber  dieser  Ausspruch 
vom  „natürlichen  Fond**,  so  vieldeutig  er  sein  mag,  sagt  einmal,  dasB 
jedenfalls  ohne  Arbeit  keine  Güter  entstehen,  und  in  späteren  Stellen 
(s.  unten)  werden  auf  die  Arbeit  allein  die  Werthrelationen  der  Güter 
zurückgeführt  Ueber  die  Lehre  von  der  Arbeit  als  Werthmaass  in  der 
Nationalökonomie  von  A.  Smith  vergl.  Marx,  zur  Kritik  der  politischen 
Oeconomie,  Berlin  1859,  S.  29  ff.  und  Marx,  Das  Capital,  1867. 


A.  Smith.  173 

kann  selbst  der  grösste  Bewunderer  von  A.  Smith  nicht  weg- 
disputiren.    Man  vergleiche  folgende  Stellen: 

Im  5.  Capitel  des  1.  Buchs  erscheint  Arbeit  als  der  eigent- 
liche Maassstab  aller  Preise.  Es  bleibt  unklar,  ob  die  Arbeit, 
die  der  Producent  aufgewendet  hat,  oder,  die  Arbeit,  welche 
der  Verkäufer  eintauscht,  maassgebend  ist,  oder  vielmehr  diese 
beiden  Arbeitsquantitäten  werden  ohne  Angabe  von  Gründen 
einander  gleichgesetzt;  jedenfalls  ist  Arbeit  das  allein  den 
Werth  bestimmende: 

„Der  wirkliche  Preis  einer  jeden  Sache,  oder  das,  was 
jede  Sache  demjenigen,  der  sie  erlangen  will,  wirklich  kostet, 
ist  die  Mühe  und  Beschwerlichkeit,  sie  zu  erwerben.  Was 
jedes  Ding  demjenigen,  der  es  ei^worben  hat,  und  es  ver- 
äussem  oder  gegen  etwas  Anderes  vertauschen  will,  werth 
ist,  ist  die  Mühe  und  Beschwerlichkeit,  die  es  ihm  selber  er- 
spai'en  und  andern  auflegen  kann.  Das,  was  mit  Geld  oder 
Waare  erkauft  werden  kann,  wird  ebensowohl  durch  Arbeit 
erworben,  als  das,  was  man  im  Schweisse  seines  eigenen  Leibes 
erwirbt.  Jenes  Geld ,  oder  jene  Güter  ersparen  uns  wirklich 
Mühe.  Sie  enthalten  den  Werth  einer  gewissen  Quantität 
Arbeit,  den  wir  gegen  etwas  vertauschen,  das  unseres  Er- 
achtens  zu  dei*selben  Zeit  den  Werth  einer  gleich  grossen 
Quantität  Arbeit  enthält.'' 

Dagegen  heisst  es  im  7.  Capitel:  „Beträgt  der  Preis 
irgend  einer  Waare  weder  mehr  noch  weniger  als  das,  was 
hinreicht,  um  die  Landrente,  den  Arbeitslohn  und  den  Gewinn 
für  das  Capital,  das  auf  den  Anbau,  auf  das  Verarbeiten  und 
zu  Markte  Bringen  verwendet  wird,  ihren  natürlichen  Pro- 
portionen gemäss  zu  bezahlen,  so  wird  die  Waare  zu  ihrem 
natürlichen  Preis  verkauft.'' 

Besitzrenten  bilden  also  ein  Element  des  natürlichen 
Preises,  aber  Arbeit  allein  bestimmt  den  wirklichen  Preis. 
Die  Erklärung,  nicht  die  Lösung  des  Widei-spruchs  liegt  in 
den  bereits  citirten  Stellen,  wonach  nur  in  ursprünglichen, 
nicht  im  civilisirten  Zustand  dem  Arbeitenden  sein  ganzes  Pro- 
duct  gehört. 


174  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

Es  liegt  in  diesen  Widersprüchen  bereits  die  Grund- 
lage für  jene  socialdemokratische  Theorie,  welche  eben  aus 
den  Sätzen  der  classischen  Nationalökonomie  das  Unrecht- 
mässige des  werbenden  Besitzes  ableitet.  Bei  Adam  Smith 
war  der  Widei^spi-uch  zwischen  der  Arbeitslehre  und  der  Pro- 
ductionskostenlehre,  zwischen  dem  Lobpreisen  der  Arbeit  und 
dem  Dienste  des  Gapitals  kein  Sophisma,  es  fehlt  bei  ihm  die 
Tendenz,  der  Arbeit  das  Capital  unbemerkt  zu  substituiren 
und  auf  diese  Weise  aus  dem  natuiTechtlichen  Satze,  dass 
jeder  nur  nach  Verdienst  erwerben  solle,  die  Hen-schaft  des 
Gapitals  abzuleiten. 

Aber  es  liegt  hier  bei  A.  Smith  eine  Schwäche  und  Ver- 
woiTenheit  vor,  die  sich  bei  Späterem  schwer  gerächt  hat, 
und  die  sich  einfach  daraus  ergiebt,  dass  es  unmöglich  ist, 
die  wirthschaftlichen  Ei-scheinungen  aus  naturrechtlichen  Po- 
stulaten  und  aus  der  Betrachtung  historischer  W^erdeprocesse 
zugleich  zu  erklären.^) 

Kurz,  so  hoch  A.  Smith  über  seiner  Zeit  steht,  so  viel 
weniger  einseitig  er  war  als  seine  Nachfolger,  seine  Vielsei- 
tigkeit brachte  gelegentlich  Widersprüche  mit  sich,  die  dann 
in  der  Weise  wirkten,  dass  nur  die  eine  der  widersprechenden 
Ansichten  von  den  Nachfolgern  aufgenommen  wurde.  Er 
schränkte  die  Tendenz,  Alles  den  wirthschaftlichen  Interessen 
der  Individuen  dienstbar  zu  machen,  ein,  jedoch  brächte  er 
diese  Einschränkungen  nicht  in  ein  System,  und  selbst  wenn 
man  die  „Theorie  der  moralischen  Gefühle*'  mit  in  die  Betrach- 

^)  Wenn  Leser  a.  a.  0.  behauptet,  nach  A.  Smith  sei  nur  die  ein- 
getauschte, nicht  die  Produktionsarbeit  das  Maass  der  Werthe,  so  dürtten 
die  citirten  Stellen  doch  beweisen,  dass  der  Gedanke,  die  Produktions- 
arbeit sei  massgebend,  bei  A.  Smith  nicht  völlig  fehlt.  Den  Werth  gleich- 
zusetzen der  Arbeitsmenge,  welche  man  eintauschen  kann,  ist  überhaupt 
ein  Satz  ohne  Inhalt,  etwas  Selbstverständliches,  und  Leser  selbst  erklärt 
ja  Smith's  Tauschwerthstheorie  als  ungenügend.  Das  ist  sie  auch  nach 
meiner  Ansicht,  aber  ich  finde ,  dass  in  derselben  der  ungenügend  ent- 
wickelte Keim  der  Lehre  von  der  Herstellungsarbeit  als  Werthmaass  liegt, 
—  eine  Lehre,  die  ich  auch  für  falsch  halte,  die  aber  jedenfalls  die  conse- 
qnente  Ausführung  eines  naturrechtlichen  Pos  tulates,  nichts  Selbstverständ- 
liches, ist. 


D.  Ricardo.  175 

taug  zieht,  so  kann  man  doch  nur  mit  grösster  KüDStlichkeit 
ans  A.  Smith  ein  System  der  Ethik  und  Politik  ableiten,  das 
wirklich  im  bewussten  Gegensatz  zum  Manchesterthum  stände, 
und  welches  die  Ableitung  manchesterlicher  Ansichten  aus 
einem  Theile  der  A.  Smith'schen  Sätze  unmöglich  machte. 

Jedenfalls  verfiel  er  dem  Individualismus  in  so  vielen 
Lehren,  jedenfalls  ist  die  praktische  Tendenz  seines  Buchs  so 
vorwiegend  auf  Befördemng  der  wiithschaftlichen  Freiheit  ge- 
richtet, dass  er  der  Entwicklung  des  Manchesterthums  dienen 
musste.  Und  so  stehen  doch  Bentham  und  Smith  zugleich 
als  FQhrer  jener  Bewegungen  da,  die  den  Staat  zu  Gunsten 
socialer  Interessen  aufzulösen  trachten,  wenn  auch  die  un- 
interessirte  Wahrheitsliebe  und  unbedingte  Hingabe  Beider 
an  das  Gesammtwohl ,  wenn  auch  der  vorurtheilsfreie  weite 
Blick  von  A.  Smith  insbesondere  die  Werke  dieser  Führer 
ganz  unendlich  lehrreicher  ei*scheinen  lässt,  als  die  Schriften 
der  Epigonen. 

Adam  Smith  hat  noch  bei  seinen  Lebzeiten  in  England 
und  auf  dem  Continent  nicht  nur  Anerkennung  und  Bewun- 
derung gefunden  —  es  wurden  auch  seine  Ansichten  in  der 
theoretischen  Literatur  sehr  bald  unbedingt  die  herrschenden. 
Nachfolger ,  die  das  von  ihm  geschaffene  System  der  Volks- 
wirthschaftslehre  in  einigermaassen  origineller  Weise  weiter 
entwickelten,  fand  er  in  England  in  den  ersten  Decennien  nach 
Erscheinen  seines  Wealth  of  Nations  nicht  Erst  gegen  Ende 
des  vorigen  Jahrhunderts  trat  Malthus  auf,  im  Anfange  un- 
seres Jahrhunderts  Ricardo. 

Nur  diese  zwei  Schriftsteller  können  hier  bei  Betrachtung 
der  classischen  Nationalökonomie  noch  besprochen  werden, 
da  es  sich  ja  um  keine  Literaturgeschichte,  sondern  nur  um 
eine  Geschichte  der  Entwicklung  der  nationalökonomischen 
Ideen  bei  den  maassgebendsten  Autoren  handelt. 

§  2.     David  Ricardo. 

Ricardo's  Schriften  haben  so  stark  und  direct  auf  Theorie 
und  Praxis  gewirkt,  dass  dieselben  sogar  den  Einfluss  von 


176  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

A.  Smith  bis  zu  einem  gewissen  Grade  verdunkelten,  indem 
Kicardo's  scharfgefasste  Lehi*sätze  weithin  als  Aeusserungen 
einer  unfehlbaren  Autorität  acceptiit  wurden  und  man  dabei 
vielfach  sogar  ohne  weitere  Kritik  annahm,  sie  seien  zu- 
gleich die  eigentliche  Meinung  von  A.  Smith  selbst. 

David  Ricardo  war  in  England  als  Sohn  eines  holländi- 
schen Juden  1772  geboren.  Ein  gewiegter  Geschäftsmann, 
schwang  er  sich  zu  ansehnlichem  Reichthum  empor.  Seit 
1799  warf  er  sich  auf  nationalökonomische  Studien,  seit  1809 
trat  er  als  Schriftsteller  auf.  Er,  der  Praktiker,  nicht  der 
stille  Gelehrte  Adam  Smith,  bildete  die  rein  abstracte  Methode 
der  Entwicklung  wirthschaitlicher  Gesetze  aus  und  wusste 
seine  Sätze  durch  ihre  knappe  Form  mit  dem  Schein  mathe- 
matischer Gewissheit  zu  umgeben.  Aber  er  war  es  zugleich, 
unter  dessen  Hand  die  rechtgläubige  Nationalökonomie  zu  einer 
gefügigen  Dienerin  der  ausschliessenden  Interessen  des  mobilen 
Capitals  wurde. 

Es  ist  wunderbar,  wie  sehr  auch  eine  nur  scheinbar  der 
Mathematik  verwandte  Präcision  des  Ausdrucks  imponirt.  Hat 
man  doch  das  Ricardo'sche  Gi-undrentengesetz  allen  Ernstes 
mit  dem  Newton'schen  Gesetz  der  Schwere  verglichen,  und 
wie  viele  deutsche  Gelehrte  haben  in  ihrer  Harmlosigkeit  dieses 
Gesetz  ganz  objectiv  vom  Standpuncte  der  Wissenschaft  ge- 
prüft^) resp.  gerechtfertigt,  ohne  auch  nur  zu  ahnen,  dass 
diese  Lehre  einfach  von  dem  Hass  des  Geldcapitalisten  gegen 
den  Grundbesitzerstand  dictirt  war! 

^)  In  der  ersten  Nummer  des  Literarischen  Centralblatts  von  1878 
bespricht  W.  R.  (Röscher)  die  neue  Auflage  der  Baumstark'schen  üeber- 
setzung  von  Ricardo's  Principles.  Der  gelehrte  Kritiker  nimmt  Ricardo 
und  seine  Methode  stark  in  Schutz  gegenüber  den  historisch-statistischen 
und  praktisch  politischen  Neueren  und  führt  aus,  ein  Mann  wie  Ricardo 
habe  doch  wohl  gewusst,  dass  und  warum  er  Abstractionen  anwendet, 
dass  seine  Sätze  nur  hypothetische  Gültigkeit  haben;  —  sie  seien  aber 
als  solche  wissenschaftlich  höchst  werthvoU.  Das  ist  vom  Standpunkte  des 
gelehrten  Nationalökonomen  richtig  —  und  ich  erkenne  ja  selbst  Ricardo  als 
geistig  hochstehend  an.  Wer  ihn  aber  vom  Standpunkt  einer  Geschichte 
des  englischen  Volks  betrachtet,  der  musB  zu  dem  Roscher'schen  ürtheil 
zufügen,  dass  die  Ricardo'sche  Methode  nicht  nur  scharfe  Resultate  er- 


D.  Ricardo.  177 

Und  doch  gestehe  ich  gerne  zu,  dass  Ricardo  ein  grosses 
wissenschaftliches  Verdienst  hat  Er  hat  wenigstens  nie  seinem 
Mangel  an  Humanität,  Gemeinsinn  und  Staatsauffassung  mit 
klingenden  Phrasen  beschönigt.  In  nackter  Klarheit  hat 
er  gezeigt  y  wohin  der  einseitige  Ausgangspunct  eines  dem 
Capital  dienenden  Individualismus  führen  muss  und  wider  Willen 
diesen  Ausgangspunct  ad  absurdum  geführt.  Wer  selb- 
ständig denkt,  kann  durch  Kritik  aus  Ricardo  leinen  und  wird 
in  ihm  wenigstens  den  geistig  hochstehenden  Gegner  achten. 

Will  man  Ricardo  wirklich  verstehen,  so  muss  man  ausser 
seinen  allbekannten  „Principles^  auch  seine  kleineren  Schriften 
berücksichtigen,  in  denen  die  praktische  Tendenz  deutlicher 
hervortritt.  Es  ist  in  der  That  ein  Verdienst  des  schreib- 
seligen Epigonen  Mac-Culloch,  dass  er  dies  durch  Ver- 
anstaltung einer  Gesamlntausgabe  von  Ricardo's  Werken  Jeder- 
mann leicht  gemacht  hat.     (The   Works  of  David   Ricardo 


möglicht,  sondern  vor  Allem  ermöglicht,  tendenziös  zu  sein,  da  die  zu 
Grunde  liegenden  Hypothesen  his  zu  gewissem  Grade  willkürlich  sind. 
Aach  ein  interessanter  Aufsatz  von  „C"  (Cohn?)  in  No.  308  der  Beilage 
der  Allgemeinen  Zeitung  von  1878  weist  mir  gegenüber  auf  den  „hypo- 
thetischen Charakter**  von  Ricardo's  Sätzen,  sowie  darauf  hin,  dass  Ricardo 
ja  lediglich  Anmerkungen  zu  einzelnen  Sätzen  von  A.  Smith  machen 
wollte.  —  Gewiss  kann  man  viele  Sätze  von  Ricardo  als  hypothetisch  sehr 
verständig  interpreüren.  Allein  man  darf  nicht  vergessen,  dass  er  seihst 
seine  Abstractionen  keineswegs  als  rein  wissenschaftliche  Geistesgymnastik 
betrachtete,  sondern  sehr  bestimmte  praktische  Zwecke  damit  verfolgte, 
wie  namentlich  ans  den  kleineren  Schriften  hervorgeht.  Ferner  darf  man 
nicht  unbeachtet  lassen,  dass  er  den  Leser  an  den  nur  hypothetischen 
Charakter  vieler  Sätze  keineswegs  allzuoft  erinnert,  und  dass  dieselben  jeden- 
£Uls  auf  die  Epigonen  nicht  als  hypothetische  gewirkt  haben.  Wenn  man 
aber  bedeutende  Schriftsteller  als  Erscheinungen  im  Leben  der  ganzen 
Zeit  und  des  ganzen  Volkes  betrachtet,  so  gilt  auch  von  ihren  Werken 
das  Wort:  „An  ihren  Früchten  werdet  ihr  sie  erkennen".  Scharfe  Logik 
ist  eine  Geisteskraft,  die  jeder  Mann  der  Wissenschaft  besitzen  und  üben 
muss,  aber  sie  allein  macht  noch  nicht  den  Nationalökonomen.  Dieser 
hat  Erscheinungen  des  wirthschaftlichen  Lebens  zu  erklären  und  muss 
diese  zuerst  richtig  und  vorurtheilsfrei  sehen  nnd  dadnrdi  richtige  Aos- 
gangspuncte  fOr  seine  logischen  Deductionen  gewinneiL 
höchst  einseitige  Ausgangspuncte  genommen.  Mm 
Bemhardi,  „Kritik  der  Gründe  für  grosses  und  kleilM 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl. 


178  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

by  Mac-Culloch.  New  edition  London  1871.)  Doch  wollen 
auch  wir  die  Principles  zuerst  für  sich  allein  betrachten,  um 
den  Untei'schied  gegenüber  Adam  Smith  scharf  heiTortreten 
zu  lassen  und  die  Erklärung  der  Tendenzen  aus  den  anderen 
Schriften  nachfolgen  lassen. 

Die  Principles  beginnen  in  ihrem  ersten  Kapitel  mit  der 
Lehre  vom  Werth.  Sofort  begegnen  wir  jener  rein  abstrakten 
Methode,  die  früher  imponiren  mochte,  auf  den  heutigen 
Nationalökonomen,  der  die  Wirklichkeit  zu  erfassen  strebt, 
aber  geradezu  abschreckend  wirkt.  Wenn  bei  zwei  Waaren 
so  viel  Arbeit,  so  viel  fixes  und  circulirendes  Capital  an- 
gewendet wird,  wenn  der  Zinsfuss  steigt  oder  fällt  etc.  — 
auf  solche  natürlich  möglichst  einfach  gestellte  Hypothesen 
werden  alle  Folgei-ungen  aufgebaut.  Und  doch  machen  sie 
den  Anspruch,  das  gesammte  vielgestaltete  Leben  wirklich  zu 
U'eflfenl  In  den  Hypothesen  steckt  von  Anfang  an  die  gix>88e 
Unwahrheit,  dass  die  Menge  von  Arbeit  und  Capital,  die  bei 
Production  einer  Waare  angewendet  werden,  gegebene  feste 
Grössen  seien  und  die  enormen  Differenzen  dieser  Mengen  bei 
den  einzelnen  Productionsstätten  werden  einfach  ignorirt. 
Ebenso  ist  es  fast  unbegreiflich,  wie  Ricardo  den  A.  Smith'schen 
Unterschied  zwischen  dem  ursprünglichen  Zustand,  in  dem 
die  Arbeit  allein  maassgebend  ist,  und  dem  civilisirten,  in  dem 
Capital  dazukommt,  berühren,  und  doch  gänzlich  über  die 
Entstehung  des  Capitaleigenthums ,  noch  mehr  des  Boden- 
eigenthums  schweigen  kann.  Dass  die  Besitzer  des  Capitals 
und  die  Arbeitenden  total  getrennte  Pei-sonen  seien,  wird  ein- 
fach vorausgesetzt;  dass  es  von  Einfluss  sei,  wie  weit  diese 
Trennung  wirklich  vollzogen  ist,  fällt  Ricardo  nicht  bei. 

Und  trotz  all  dieser  mehr  als  gewaltthätigen  Abstractionen 
ist  die  Schärfe  der  Deduction  doch  nur  eine  scheinbai-e.  Die 
Grundbegriffe,   von  denen  Ricardo  ausgeht,  Werth,  Arbeit, 


In  diesem  Buche  (S.  254  £f.)  wird  Ricardo  in  sehr  belehrender  Weise 
kritisirt  Berohardi  erkennt,  dass  Ricardo's  Gnindrentenlehre  darauf 
hinausläuft,  die  Grundrente  als  einen  Raub  an  den  anderen  Classen  bin» 
zusteUen. 


D.  Ricardo.  179 

Capital  werden  nicht  definirt,  der  Hauptsatz  wird  absolut 
nicht  bewiesen  —  nur  mit  Airoganz  als  sicher  hingestellt, 
und  der  Beweis  für  die  Wahrheit  kann  höchstens  in  der 
formalen  Einfachheit  des  Satzes  liegen.  Aber  auch  diese  ist 
nicht  vorhanden.  Denn  der  zuerst  einfach  hingestellte  Satz 
wird  sofort  weitläufig  modificirt  und  von  Anfang  an  ist  eine 
starke  Unpräcision  in  der  Fassung  wahrzunehmen. 

Der  Hauptsatz  spricht  aus,  dass  der  Werth  der  Waaren 
(commodities)  regulirt  wird  durch  die  Quantität  der  Hervor- 
bringungsarbeit ,  nicht  der  eingetauschten  Arbeit.  Ob  die 
wirklich  aufgewendete  Hervorbringungsarbeit  oder  die  nach 
dem  jetzigen  Stande  nothwendige  Hervorbringungsarbeit  ge- 
meint sei,  bleibt  unentschieden;  es  heisst  bald  „labour 
expended"  und  „labour  realized",  bald  „labour  required'*  und 
„necessary  labour".  Dass  die  Arbeitsleistungen  qualitativ  ver- 
schieden seien,  wird  berührt,  jedoch  nicht  weiter  ausgeführt. 
Kurz,  erst  Marx  hat  den  Satz  scharf  gefasst,  indem  er  sagte, 
der  Werth  werde  bestimmt  durch  die  Quantität  gesellschaft- 
lich nothwendiger  Arbeitszeit  (verschiedene  Arten  von  Arbeit 
auf  gemeine  Handarbeit  reducirt)  während  bei  Ricardo  Alles 
noch  verschwommen  ist. 

Der  Satz  bezieht  sich  nur  auf  beliebig  vermehrbare 
Waaren^),  d.  h.  solche,  die  durch  Arbeit  vermehrt  werden 
können  und  bei  deren  Production  keine  Beschränkung  der 
Concurrenz  stattfindet.  Doch  wird  derselbe  gleich  modificirt, 
indem  es  heisst,  dass  zwar  im  Allgemeinen  der  Stand  des 
Lohnes  und  Zinsfusses^)  nur  eine  vei-schiedene  Vertheilung 
des   Ertrags   der    Production   zwischen  Capital   und   Arbeit, 

^)  Dies  bebt  unter  Anderen  aucb  Knies  bervor  (s.  Knies,  Der  Credit, 
2.  H&lfte  S.  61).  Es  ist  durcbaos  ricbtig,  dass  Ricardo  bei  einem  kleinen 
Theil  der  Waaren  die  Seltenbeit  als  Wertbbestimmungsgriind  mit  gelten  lässt. 
Es  ändert  dies  aber  nichts  daran,  dass  Ricardo,  „weil  er  sieb  über  die 
Frequenz  der  Seltenbeitsquelle  so  sebr  get&uscbt  bat",  dennocb  der  Vater 
der  Marx-Rodbertas'scben  Wertblebre  ist  —  welcbe  Knies  übrigens  vor- 
trefflich kritisürt. 

<)  Eigentlich  des  Procentsatzes  von  Zins  und  UAtemehmefgewimi 
(profit).    Der  Kürze  halber  gebrauche  ich  dai  Wocl 


180  Erstes  Bach,  Cap.  2. 

nicht  den  Weith  der  Pi*oducte  bedinge,  dass  aber  doch  bei 
Waai-en,  zu  deren  Production  fixes  und  umlaufendes  Capital 
in  verschiedenem  Verhältniss  oder  Capital  von  ungleicher 
Dauerhaftigkeit  etc.  angewendet  wird,  der  Preis  trotz  gleicher 
Hervorbringungsarbeit  diflferire. 

Das  Gesetz  über  den  Werth  gilt  also  nur  für  einen  Theil 
der  Waaren  und  für  diesen  um  so  weniger  vollständig,  je 
wichtiger  das  fixe  Capital  wird.  Ricardo  rettet  den  Satz  iJs 
eine  allgemeine  Regel,  indem  er  behauptet,  die  beliebig  ver- 
mehrbaren Waaren  seien  bei  Weitem  die  Majorität  der  Waaren 
und  die  Preisbeeinflussung  durch  die  Höhe  des  Zinsfusses  in 
Folge  verechiedenaitigen  Capitals  sei  geringfügig  im  Vei^leich 
mit  der  Preisbestimmung  durch  die  Arbeitsmenge. 

Wie  kläglich  ist  das  Resultat,  trotz  der  einfachen  Hypo- 
thesen, von  denen  der  Verfasser  ausgeht!  Er  selbst  wirft 
seinen  Satz  factisch  gleich  wieder  um.  Warum  stellt  er  ihn 
zuerst  auf? 

Es  mag  bei  ihm  der  Drang  nach  einfachen  Formeln  über- 
haupt sehr  wirksam  gewesen  sein ;  dass  er  aber  gerade  diese 
Formel  erfand,  das  kam  nicht  nur  daher,  dass  er  den  ein- 
fachsten der  vei*8chiedenen  bei  Adam  Smith  vorkommenden 
Gedanken  herausgriff.  In  dem  Naturrecht  des  vorigen  Jahr- 
hunderts ,  an  das  ja  auch  Ricardo  unbewusst  anknüpft ,  lag 
die  Auffassung  begründet,  dass  die  unbeschränkte  individuelle 
Freiheit  auf  wirthschaftlichem  Gebiete  die  absolute  natürliche 
Gerechtigkeit  verwirklichen  müsse. 

Was  nun  ist  dem  unkritischen  Gerech tigkeits-  und  Billig- 
keitsgefühle entsprechender  als  die  Fordeiiiug,  dass  Jeder  um 
so  mehr  erwerben  solle,  als  er  leistet?  Basirt  man  das 
Eigenthum  auf  Arbeit  und  betrachtet  das  Eigenthum  eines 
jeden  Einzelnen  als  Product  seiner  Arbeit,  so  ist  das  er- 
worbene Eigenthum  der  Entgelt  für  die  Leistung  jedes  Einzelnen, 
Ist  der  Werth  dieses  erworbenen  Eigenthums  oder  Arbeits- 
products  von  der  Arbeitsmenge  allein  abhängig,  so  ist  die 
volle  Gerechtigkeit  erreicht. 

D.  h.  der  Satz,  dass  die  Herstellungsarbeit  allein  den 
Werth  aller  Güter  bestimme,  ist  ein  Postulat  einer  nicht  durch- 


D.  Ricardo.  181 

dachten  Gerechtigkeit  in  Form  einer  Behauptung.  Und  da 
die  freie  Goncurrenz  Vorbedingung  für  die  Wahrheit  des  Satzes 
ist,  so  ist  die  ganze  Behauptung  identisch  mit  einer  Ver- 
heiTÜchung  der  freien  Goncurrenz.  Wenn  die  Socialdemokraten 
heute,  um  Gonflicte  mit  dem  Staatsprocurator  zu  vei-meideu; 
Wünsche  und  Aufforderangen  gern  in  die  Form  von  Prophe- 
zeiungen kleiden,  so  haben  es  Ricardo  und  seine  Anhänger 
nicht  verschmäht,  ihr  Begehren  nach  freier  Concun-enz  in  die 
Form  einer  axiomatischen  Behauptung  über  deren  wohlthätige 
Folgen  zu  kleiden. 

Ein  anderer  Urspiiing  des  merkwürdigen  Satzes  (von  der 
Hervorbringungsarbeit  als  Werthmaass)  als  dieser  lässt  sich 
nicht  denken.  Die  Ansicht  wird  unterstützt  durch  das  gelegent- 
liche Auftauchen  des  Satzes  in  der  vom  Geiste  des  Natur- 
rechts erfüllten  Literatur,  die  A.  Smith  voranging,  namentlich 
aber  durch  die  allein  folgerichtigen  Consequenzen ,  welche 
Marx  daraus  zog.  Ohne  eine  solche  Voreingenommenheit  und 
Tendenz  hätte  Ricardo  unmöglich  auf  seinen  Satz  kommen 
können.  Denn  was  er  unter  Werth  versteht,  ist  einfach  das, 
was  wir  genauer  Preis  nennen,  das  Quantitätsverhältniss, 
nach  welchem  Waaren  vertauscht  werden.  Wenn  Ricardo, 
statt  die  £i*scheinung  des  Preises,  wie  sie  sich  auf  dem  Markte 
vollzieht,  zu  beobachten,  und  ihre  vei'schiedenen  Bestimmungs- 
gründe aus  dieser  Beobachtung  nachzuweisen,  sofort  ohne 
jeden  Beweis  einen  Grund  angiebt,  der  allein  die  Höhe  der 
Preise  bestimmt,  und  der  unmöglich  von  den  tmnsigirenden 
Parteien  der  Käufer  und  Verkäufer  bewusst  in  Rechnung  ge- 
zogen werden  kann,  so  muss  er  von  irgend  einer  vorgefassten 
allgemeinen  Anschauung  ausgegangen  sein. 

Aus  dem  Satze,  dass  die  freie  Goncurrenz  die  Preise 
aller  Waaren  auszugleichen  strebt,  so  dass  dieselben  den  an 
der  Production  Betheiligten  allgemein  den  durchschnittlichen 
Lohn  und  Profit  (und  die  Giiindrente)  gewähren,  folgt  nur, 
dass  die  Productionskosten  den  Preis  reguliren.  Diese 
Behauptung  enthält  selbst  eine  nur  sehr  annähernd  gültige 
Wahrheit,  weil  die  Goncurrenz  ihre  Tendenz  nie  vollständig 
erreicht.    Indessen  diesen  Satz  von  den  Productionskosten  $iß 


182  Erstes  Bach,  Cap.  2. 

Preisregulator  konnte  man  beweisen  und  folgern,  wenn  man 
den  klug  und  richtig  rechnenden  Egoismus  bei  Allen  als  un- 
beschränkt wirksam  annahm  und  wenn  man  weiter  alle 
Arbeitskräfte  und  Gapitalien  als  unbedingt  beweglich  be- 
trachtete. Es  lässt  sich  weiter  auch  das  bei  der  Production 
benutzte  Capital  theoretisch  in  Arbeitsquantitäten  auflösen. 
Der  aus  dem  Preise  der  Waaren  zu  entnehmende  Entgelt  für 
die  Benutzung  des  Capitals  aber  lässt  sich  in  Arbeitsmengen 
nicht  auflösen,  und  wenn  ein  solcher  Entgelt,  der  Profit,  bei 
Ricardo  dennoch  als  etwas  Selbstvei*ständliches  ei*scheint,  so 
liegt  eben  ein  unlösbarer  Widerspruch  zwischen  der  Lehre 
von  den  Productionskosten  und  von  der  Arbeit  als  Preis- 
regulator vor.  Ricardo  löst  denselben  nicht,  aber  er  sucht 
ihn  zu  veituschen  durch  die  Behauptung,  dass  durch  die 
Verschiedenartigkeit  des  bei  der  Production  von  Waaren  be- 
nutzten Capitals  nur  eine  „considerable  modificaüon^  der 
Regel  von  der  Arbeit  als  Preismaass  bewirkt  werde,  so  dass 
die  Regel  als  solche  bestehen  bleibt.  Dass  er  aber  den  Wider- 
spruch selbst  kennt,  geht  eben  daraus  hervor,  dass  er  die 
Regel  als  Axiom  hinstellt  und  nicht  erst  aus  der  Prämisse 
von  der  Wirkung  der  Concurrenz  unter  Ein  Schiebung  der 
Productionskostenlehre  ableitet.  Im  vierten  Capitel  wird  aller- 
dings nachträglich  in  aller  Kürze  eine  solche  Ableitung  ver- 
sucht ;  doch  wird  lediglich  bewiesen,  dass  die  freie  Concurrenz 
nach  Preisen  strebt,  welche  dem  bei  der  Production  ver- 
schiedener Waaren  engagirten  Capital  gleichen  Profit  ge- 
währen, und  die  Frage,  wie  es  komme,  dass,  obgleich  die 
Preise  von  zwei  Waaren  gleichen  Profit  und  gleichen  Lohn 
ermöglichen,  dennoch  die  auf  die  Production  verwendeten 
Arbeitsmengen  verschieden  sein  können  und  umgekehrt, 
wird  nicht  mehr  berührt.  Das  ganze  Capitel  scheint  nur 
geschrieben  worden  zu  sein,  um  darzuthun,  dass  Ricardo 
nur  vom  natürlichen  (d.  i.  abstracten)  Lohn  und  Gewinn, 
nicht  von  den  Ei-scheinungen  der  Wirklichkeit  reden  will. 
Mai-x  volleieht  dem  gegenüber  die  richtige  Kritik,  indem 
er  aus  dem  Ricardo'schen  Axiom  die  Verwei-flichkeit  alles  Ein- 
kommens von  Besitz  ableitet  und  sonach  das  Axiom  offen  zu 


D.  Ricardo.  183 

dem  Postulat  einer  Gütervertheilung  nur  nach  der  Arbeit  um- 
wandelt. 

Da  man  bei  Ricardo*s  scharfem  Geist  plumpe  Selbst- 
täuschung nicht  annehmen  darf,  so  kann  man  unmöglich  seine 
ganze  Werthlehre  für  etwas  Anderes  ansehen  als  für  den  Ver- 
such, die  Hen*schaft  und  den  Gewinn  des  Capitals  unter  dem 
Schein  des  Strebens  nach  naturrechtlicher  Gerechtigkeit  zu 
rechtfertigen.  Gleich  das  erste  Capitel  der  Principles  er- 
scheint sonach  trotz  all  seiner  formalen  Schärfe  als  ein  be- 
wusstes  Sophisma,  das  sich  rächen  musste.  Wahrlich,  die- 
jenigen liberalen  Wirthschaftspolitiker ,  die  an  Ricardo's 
Autontät  festhalten  zu  müssen  glauben,  können  nicht  wider- 
sprechen, wenn  Christlich  -  Sociale  und  Social -Konsei*vative 
ihnen  vorwerfen,  der  Socialismus  sei  die  Consequenz  des 
Liberalismus.  Und  doch  kann  sich  unter  Ricardo's  Fonneln 
nur  derjenige  beugen,  der  selbst  Sophismen  in  die  Welt 
schleudern  will,  oder,  eimüdet  von  den  abstracten  Fonneln, 
zu  träge  ist,  diese  kritisch  zu  untersuchen. 

Nicht  minder  bei*ühmt  und  einflussreich  als  das  erste  ist 
das  zweite  Capitel  der  Principles,  das  von  der  Gmndrente 
handelt.  —  Hierbei  ist  es  eine  ganz  gleichgültige  Frage,  ob 
in  Wirklichkeit  zuerst  das  fi'uchtbarste,  oder,  wie  Carey  meint, 
das  unfruchtbarste  Land  dem  Anbau  unterworfen  wird.  Die 
Carey 'sehe  Opposition  gegen  Ricardo  hält  sich  an  einen  Neben- 
punkt und  hat  keinen  weiteren  Effect,  als  eine  Ricardo'sche 
Consequenz,  die  dem  Optimisten  unangenehm  ist,  hinweg  zu 
disputiren.  Das  Ricardo'sche  Schema,  dass  der  Reihe  nach 
Boden  erster,  zweiter,  dritter  Classe  etc.  in  Anbau  genommen 
wird,  ist  eine  das  Verständniss  erleichternde  Formel,  die  von 
der  Abneigung  des  Autors,  wirklich  sich  vollziehende  Ent- 
wicklungen zu  verfolgen,  zeugt  —  und  weiter  nichts.  Das, 
worauf  es  ankommt^  ist  Folgendes: 

Ricardo  sagt,  der  Preis  des  Korns  bestimme  sich  durch 
die  Arbeitsmenge,  die  auf  dem  schlechtesten  Boden  zur  Pro- 
duction  des  Eorns  aufgewendet  werden  muss,  dessen  Anbau 
zur  Vereorgung  der  Bevölkerung   mit  Nahrungsmitteln  noch 


184  Erstes  Bach,  C14).  2. 

nöthig  ist.  Das  ist  zunächst  wieder  ein  ganz  abstracter  Satz, 
da  in  allen  Ländern  schlechter  Boden  durch  Gapitalverwendung 
fiiichtbar  gemacht  und  fortgesetzt  angebaut  wird,  obwohl  das 
verwendete  und  nun  nicht  mehr  hei*ausziehbare  Capital  sich 
nicht  zum  landesüblichen  Profit  rentirt.  Indessen  sei  dem, 
wie  ihm  wolle;  in  dem  Satze  liegt  das  Zugeständniss ,  dass 
die  natürliche  Werthregel  bedeutend  modificirt  werden  muss, 
SQ})ald  bei  der  Pi-oduction  der  Waare  ein  nur  in  beschränkter 
Menge  vorhandenes  Naturgut  unentbehrlich  ist  In  diesem 
Falle  regulirt  nicht  die  Hervorbringungsarbeit  überhaupt* 
sondern  die  ganz  unfassbare  Grösse  der  nothwendigen  Arbeits- 
menge des  unter  ungünstigsten  Bedingungen  Producirenden  den 
natürlichen  Preis,  und  da  offenbar  nicht  nur  beim  Korn, 
sondern  indirect  bei  fast  allen  Waaren  irgend  ein  in  be- 
schränkter Menge  vorhandenes  Naturgut  in  Betracht  kommt, 
so  zerfliesst,  wenn  man  dies  betrachtet,  die  ganze  natürliche 
Preisregel  in  Nichts. 

Ricardo  aber  beschränkt  den  Fall  auf  den  der  landwiith- 
schaftlichen  Producte,  d.  h.  das  Monopol  des  Grundherra  ist 
das  einzige  natürliche  Monopol,  welches  die  Regel,  dass  alle 
Waaren  so  viel  Werth  haben ,  als  auf  ihre  Production  Arbeit 
verwendet  wird,  durchbricht.  Damit  ist  implicite  gesagt,  dass 
das  Grundeigenthum  im  Widerspruch  mit  der  natürlichen 
Gerechtigkeit  steht,  das  Capitaleigenthum  nicht. 

Dies  wird  nicht  deutlich  ausgesprochen,  aber  wie  Marx 
die  Consequenzen  aus  der  allgemeinen  Weithlehre  richtig  ge- 
zogen hat,  so  ist  auch  diese  Folgeiiing  von  socialdemokrati- 
scher  Seite  richtig  gezogen  worden,  indem  die  Abschaffung 
des  Gmndeigenthums  vom  Baseler  Gongi*ess  der  Inteiiiationalen 
und  von  vielen  extrem  - socialistischen  Schriftstellem  zuerst 
oder  allein  gefordert  wurde. 

Dass  die  ganze  Lehre  die  Tendenz  hat,  die  Ginindbesitzer 
unbeliebt  zu  machen,  geht  schon  aus  der  Definition  hervor: 
;, Rente  ist  jener  Theil  des  Productes  der  Erde,  der  dem  Grund- 
herrn für  den  Gebrauch  der  ui*sprünglichen  und  unerschöpf- 
lichen Bodenkräfte  gezahlt  wird."  Damit  ist  gesagt,  dass  es 
Bodenkräfte  giebt,  die  man  nicht  durch  festgesetzten  Capital- 


D.  Ricardo.  185 

aufwand  zu  erhalten  braucht;  dass  fUr  diese  Bodenkräfte  etwas 
gezahlt  wird,  das  allenthalben  gegenüber  dem  Profit  von  dem 
mit  dem  Boden  untrennbar  verbundenen  fixen  Capital  von 
erheblicher  Höhe  ist;  dass  die  eigentliche  Landrente  lediglich 
Folge  der  Appropriation  des  6i*und  und  Bodens  ist.  Dass 
diese  ganze  unhaltbare  Abstraction  von  den  unerschöpflichen 
ursprünglichen  Bodenkräften  in  der  That  erfunden  ist,  um 
die  Stimmung  hervorzubringen ,  dass  das  Einkommen  der 
Grundherren  mit  Recht  beneidet  werde,  beweisen  eine  Menge 
von  Stellen  in  den  Principles  selbst,  z.  B: 

„Wenn  das  überschüssige  Product  (der  Mehrei*trag),  wel- 
ches der  Boden  in  der  Form  von  Rente  abwirft,  ein  Voitheil 
wäre,  so  müsste  es  auch  wünschenswerth  sein,  dass  die  neu 
construiilen  Maschinen  alljährlich  weniger  wirksam  wären 
als  die  alten,  da  dadurch  unzweifelhaft  der  Tauschwerth  der 
Producte  der  Maschinenindustrie  steigen  und  den  Besitzern 
der  productivsten  Maschinen  eine  Rente  gezahlt  werden  würde "". 
—  „Das  Steigen  der  Rente  ist  immer  die  Wirkung  von  zu. 
nehmendem  Nationalreichthum  und  von  der  Schwierigkeit,  die 
wachsende  Bevölkerung  mit  Nahrungsmitteln  zu  versehen.*'  — 
f,Der  Nationalreichthum  wächst  am  schnellsten   —    wo    das 

Steigen  der  Grundrente  am  langsamsten  vor  sich  geht." 

„Indem  wir  von  der  Rente  des  Giiindherm  sprachen,  haben 
wir  sie  als  einen  Theil  des  Produetes  betrachtet,  das  mit  be- 
stimmtem Capital  auf  einem  beliebigen  Landgute  erzielt  wird, 
ohne  Rücksicht  auf  seinen  Preis.     Da  aber  derselbe  Grund 
(die  Schwierigkeit  der  Produclion)  den  Preis  des  i-ohen  Pro- 
ducts ,  und  zugleich  den  dem  Grundherrn  als  Rente  gezahlten 
Theil  des  Rohproduktes  erhöht,  so  profitirt  der  Grund- 
herr doppelt  durch  die  Schwierigkeit  der  Production."  — 
Es  gehört  nicht  hierher,  zu  zeigen,   dass  in   der  ganzen 
Darstellung  eine  beschränkte  Wahrheit  liegt,  dass  die  Giiind- 
^igenthümer    in  alten  Ländern  in   der  That   durch  Zuwachs 
er  Bevölkerung  und  des  Gesammtreichthums  gewinnen  können 
hne  jedes  Verdienst,  dass  dies  aber  durch  ausländische  Con- 
irrenz  aufgehoben  werden  kann;   dass  diese  Gewinne  durch 
verhältnissmässige   Gewinne   des   beweglichen   Capitals   oft 


186  Erstes  Bach,  Cap.  2. 

übertroffen  werden ;  dass  dieselben  durch  beständigen  Verkauf 
des  Bodens  sich  unter  alle  Stände  vertheUen;  dass  sie  durch 
hohe  Ankaufspreise  des  Bodens  dem  Bodenbesitzer  vielfach 
ganz  verloren  gehen  und  jedenfalls  durch  vermehrte  Verwen- 
dung von  niedrig  verzinstem  Capital  auf  Gi-und  und  Boden 
mehr  als  aufgewogen  werden.  Hier  genügt  es,  hervorzuheben, 
dass  Ricardo  ganz  einseitig  den  Grundbesitzer  als  einen  Mann 
hinstellt,  der  auf  Kosten  seiner  Mitbürger  gewinnt. 

Und  welches  ist  der  Zweck  dieser  auf  seltsame  Abstrac- 
tionen  aufgebauten  Lehre? 

Die  Antwort  geben  vor  Allem  die  kleineren  Schriften, 
auf  die  wir  nun  zu  sprechen  kommen.  Es  sind  das  die  Schriften : 
„Essay  on  the  Influence  of  a  low  price  of  com  on  the  pro- 
fits  of  stock"  (erschienen  1815,  zwei  Jahre  vor  den  Principles) 
und  „On  Protection  to  Agriculture"  (erschienen  1822). 

Ricardo  war  freilich  selbst  Grundbesitzer  geworden ;  aber 
er  folgte  offenbar  nur  dem  Drange  seiner  Landsleute,  durch 
solchen  Besitz  mit  dem  Reichthum  höheres  politisches  und 
sociales  Ansehen  zu  verbinden.  In  seiner  ganzen  Anschau- 
ungsweise und  den  Interessen,  die  er  empfand  und  verstand 
—  blieb  er  Vertreter  des  Geldinteresses  und  kaum  einer  sei- 
ner Nachfolger  repräsentirt  so  schari  wie  er  den  Antagonis- 
mus des  beweglichen  Capitals  gegen  den  Grundbesitz. 

Die  erste  der  beiden  genannten  Schriften  ist  gegen  Mal- 
thus  gerichtet,  welcher  Komzölle  im  Interesse  der  Unabhän- 
gigkeit des  Landes  vertheidigte.  Schon  in  dieser  Schrift  ent- 
wickelt Ricardo  seine  ganze  Grundrentenlehre,  die  in  den 
Sätzen  gipfelt:  „Die  Ginindrente  ist  nie  ein  neu  geschaffenes 
Einkommen,  sondern  nur  ein  Theil  eines  schon  geschaffenen 
Einkommens."  —  „Das  Interesse  des  Ginindhei-rn  ist  jederzeit 
dem  Interesse  aller  andern  Stände  in  der  Gesellschaft  ent- 
gegengesetzt." In  der  That,  der  GmndheiT  erscheint  bei 
Ricardo  ebenso  als  Bedrücker  des  Capitals  wie  bei  den  Social- 
demokraten  das  Capital  als  Bedrücker  der  Arbeit;  und  wie 
die  Socialdemokraten  behaupten,  dass  eine  beständige  Tendenz, 
den  Lohn  herabzudi*ücken  namentlich  bei  Zunahme  des  all- 


D.  Ricardo.  187 

gemeinen  Beichthums  bestehe,  so  stellt  Ricardo  schon  hier 
den  Satz  auf,  dass  der  Profit  unabhängig  von  der  Höhe  des 
Lohnes  stets  bei  wachsender  Bevölkerung  zu  fallen   strebe. 

Auch  in  dieser  kleineren  Schrift  hen-scht  die  Methode  ab- 
stracter  Deduction  wie  in  den  Principles.  Diese  Deduetionen 
einzeln  zu  widerlegen,  ist  ganz  nutzlos.  Denn  je  nach  der 
Hypothese,  von  der  man  ausgeht,  kann  man  geradezu  Alles 
beweisen,  was  man  will,  und  jede  Deduction  ist  von  selbst 
widerlegt,  so  wie  man  nachweist  resp.  nur  ausspricht,  dass 
das  specielle  „Wenn^,  von  dem  Ricardo  ausgeht,  nicht  die 
einzige  Thatsache  ist,  die  in  der  Wirklichkeit  von  Bedeutung 
ist,  oder  dass  dasselbe  uns  überhaupt  ein  völlig  schiefes  Bild 
der  wirklichen  Verhältnisse  giebt  Ich  fahre  daher  fort,  nur 
die  Resultate  und  ihre  Tendenz  hervorzuheben. 

Ricardo  führt  aus,  dass  der  Profit  des  Capitals  stets  sinke, 
wenn  die  Kompreise  steigen,  dass  also  die  Interessen  des 
Capitals  mit  denen  des  ganzen  Volkes  gegen  die  des  Gi-und- 
herm  zusammengehen.  Und  speciell  wird  trotz  des  „ehernen 
Lohngesetzes "^  behauptet,  dass  bei  niedrigem  Eornpreis  der 
höhere  Profit  des  Capitals  Capitalvermehrung  und  damit  auf 
lange  Zeit  eine  reelle  Verbesserung  der  Lage  der  arbeitenden 
Classen  herbeiführen  müsse  —  d.  h.  in  abstracten  Formeln 
wird  der  Arbeiter  zum  Bunde  mit  dem  Capital  gegen  den 
Grundbesitz  aufgefordert.  Freilich  heisst  es  dann  auch  wie- 
der ganz  oflFen:  „fällt  der  Kompreis  in  Folge  von  Import,  so 
wird  nur  der  Tauschwerth  des  Konis  sinken,  der  keiner 
anderen  Waare  wird  beeinflusst  werden.  Und  wenn  dann, 
wie  es  nothwendig  ist,  mit  dem  Kompreis  der  Preis  der  Ar- 
beit fällt,  so  müssen  die  Profite  aller  Art  steigen,  und  Nie- 
mand wird  so  viel  reellen  Vortheil  haben,  als  „der  Gewerbe 
und  Handel  treibende  Theil  der  Gesellschaft."  Ganz  oflfen  wird 
ausgesprochen,  das  Steigen  des  Geldwerthes  verbilligere  alle 
Waaren,  das  Sinken  des  Kompreises  dagegen  nur  die  Waare, 
welche  der  gewerbliche  Unternehmer  kauft,  nämlich  Arbeit, 
nicht  die,  welche  er  verkauft. 

An  solchen  Stellen  veiTäth  sich  Ricardo;  da  man  aber 
mit  abstracten  Formeln  Alles  beweisen  kann,  so  kann  er  mit 


188  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

Sätzen,  die  den  ausschliesslichen  Vortheil  des  Gapitals  bei 
Freigebung  des  Komimpoils  anerkennen,  und  solchen,  die 
den  Capitalisten  als  edlen  Menscbenfieand  dai-stellen,  dem 
Alle  sich  verbinden  sollten,  abwechseln.  In  summa  läuft  Alles 
darauf  hinaus,  der  Arbeiter  thue  eines  voiHbergehenden  Vor- 
theils  halber  gut,  sich  mit  dem  Capital  zu  verbinden,  das 
zwar  durch  die  Wiederherstellung  der  Baarvaluta  gewonnen, 
aber  auch  während  des  Kriegs  am  meisten  verloren  habe ! !  — 

Der  Kampf  zwischen  Grundbesitz  und  beweglichem  Capital 
fand  seinen  schärfsten  Ausdiiick  in  dem  grossen  Kampf  gegen 
die  Kornzölle  seit  1839,  der  sich  literarisch  langsam  vorbe- 
reitete. 

So  ist  auch  die  zweite  der  erwähnten  kleineren  Schiiften 
Ricardo's:  „On  Protection"  gegen  die  Komzölle  gerichtet. 
Wenn  später  die  praktischen  Freihandelsagitatoren  alle  belie- 
bigen Argumente  zu  Gunsten  ihres  Postulates  anwendeten, 
abw  echselnd  alle  Stände  gegen  die  grossen  Renten  der  Grund- 
besitzer aufriefen,  und  dann  wieder  diesen  versicherten,  die 
Renten  würden  bei  freier  Komeiufuhr  gar  nicht  sinken,  so 
hat  auch  Ricardo  sich  der  gleichen  ergötzlichen  Abwechs- 
lung schon  bedient,  indem  er  in  der  von  dem  getreuen  Mac- 
Culloch  so  hoch  gepriesenen  Schrift  On  Protection  behauptet: 
der  derzeitige  niedrige  Kornpreis  sei  zum  guten  Theil  durch 
die  Komzölle  selbst  verschuldet,  welche  dazu  anreizten,  zu 
viel  Land  mit  Korn  zu  bestellen ;  und  weiter  sagt  er,  bei  freiem 
KoiTihandel  würde  der  Kornpreis  in  Deutschland  und  anderen 
Ländern  auch  steigen,  sodass  England  voraussichtlich  gar 
keine  sehr  grossen  Quantitäten  von  Kom  einführen  werde! 

Doch  wenden  wir  uns  wieder  zu  den  Principles.  Das 
5.  Capitel  behandelt  den  Lohn.  Arbeit  ist  eine  Waare  und 
hat  ihren  natürlichen  Preis  wie  jede  Waare.  Dieser  beträgt 
soviel  als  „nothwendig  ist,  dass  die  Arbeiter  leben  und  ihr 
Geschlecht  fortpflanzen  können,  so  dass  die  Gesammtzahl  im- 
mer gleich  bleibt." 

Ricardo  untei-scheidet  sich  sehr  von  Adam  Smith  durch 
seine  scharfe,  knappe  Form ;  aber  sein  Buch  ist  durchaus  kein 
systematischer  Aufbau  der  ganzen  Wirthschaftslehre  und  in 


D.  Ricardo.  189 

gewisser  Hinsicht  zeigt  sich  Ricardo  noch  viel  elastischer  als 
Adam  Smith.  Nicht  nur,  dass  er,  wie  ich  schon  zeigte,  augen- 
fällig nach  Bedürfhiss  zu  wechselnden  Schlüssen  gelangt:  er 
hat  besonders  auch  ein  ganz  merkwürdiges  Geschick,  seine 
allgemeinen  knappen  Sätze  nachträglich  so  zu  modificiren, 
dass  fast  nichts  mehr  von  ihnen  übrig  bleibt  That  er  dies 
mit  dem  Werthgesetz,  so  macht  er  es  mit  dem  Lohngesetz 
gerade  so.  „Der  Marktpreis  der  Arbeit  kann  in  einer  vor- 
wärtsschreitenden Gesellschaft  für  unbegrenzte  Zeit  über  dem 
natürlichen  Preis  stehen/'  Das  Unterhaltsminimum  ist  keine 
fixe  Grösse,  sondern  wechselt  nach  Oi*t  und  Zeit,  ;,und  hängt 
wesentlich  von  den  Gewohnheiten  des  Volkes  ab.** 

Damit  ist  das  ganze  eherne  Lohngesetz  inhaltslos  gewor- 
den. Wenn  es  Besitzende  und  Nichtbesitzende  giebt,  so 
müssen  letztere  —  abgesehen  von  unterstützten  Armen  — 
von  allen  Ständen  nothwendig  das  kleinste  Einkommen  haben ; 
dieses  kleinste  Einkommen  muss  identisch  mit  dem  gewohn- 
heitsgemässen  Unterhaltsminimum  selbständiger  Leute  sein,  und 
die  Frage,  auf  welches  Alles  ankommt,  nämlich,  wie  gross 
eben  dies  Minimum  sein  könne  oder  müsse,  bleibt  unbeant- 
wortet. Oder  wenn  die  Antwort,  dass  die  Sitte  den  Lohn 
bestimme,  ernst  gemeint  ist,  so  ist  damit  die  ganze  Lehre 
von  dem  natürlichen  Preis  über  den  Haufen  geworfen. 

Allein  Ricardo  verbindet  mit  seinem  Lohngesetz  doch 
einen  ganz  deutlichen  Sinn.  Zunächst  ist  er  gleich  Malthus 
ein  erbitterter  Gegner  des  Princips  der  Annengesetze,  denn 
er  ist  gegen  alle  gesetzliche  Lohnregulirung  und  will,  dass 
die  ConcuiTenz  des  Marktes  allein  wie  alle  Contracte,  so 
auch  den  Lohn  bestimme,  —  d.  h.  ein  natürliches  Gesetz 
muss  aufgestellt  werden,  damit  man  Staatsintervention  als  ver- 
werflich erklären  kann.  Vor  Allem  aber  dient  das  Lohngesetz 
demselben  Zweck,  wie  das  Grundrentengesetz.  Es  soll  zeigen, 
dass  der  Grundherr  der  natürliche  Feind  des  Arbeiters  ist. 

Ricardo  setzt  auseinander,  es  sei  gut,  wenn  der  gewohn- 
heitsgemässe  Lebensbedarf  des  Arbeiters  gross  ist ;  das  schütze 
gegen  überschüssige  Bevölkerung,    und   der   Arbeiter   könne 


190  Erstes  Bach,  Oap.  2. 

dann  in  seiner  Lebenslage  herabsinken ,  ohne  gleich  zu  ver- 
hungern. Im  natürlichen  Fortschritt  der  Entwicklung  werde 
der  Zuwachs  zum  Capital  immer  kleiner;  damit  fielen  die 
Löhne,  bis  endlich  Capital  und  Löhne  stationär  werden.  Die 
Geldlöhne  stiegen  aber  bei  dieser  Entwicklung  wegen  des 
gleichzeitigen  Preissteigens  der  Lebensmittel;  dieses  Steigen 
des  Geldlohnes  bleibe  jedoch  hinter  dem  Steigen  der  Kornpreise 
zurück,  so  dass  der  Arbeiter  doch  weniger  kaufen  könne. 
Das  Steigen  des  Geldlohnes  vermindere  die  Profite  des  Ca- 
pitals;  der  reelle  Lohn  aber  sinke  doch,  und  so  ist  der  letzte 
Erfolg  der  natürlichen  Tendenz  des  Lohnes,  auf  den  noth- 
wendigen  Unterhaltsbedarf  herabzusinken,  der,  „dass  die  Lage 
des  Arbeitei-s  im  Allgemeinen  schlechter,  die  des  Grundherrn 
immer  besser  wird." 

Und  ganz  dieselbe  Tendenz  finden  wir  im  6.  Capitel 
über  den  Profit,  wo  vor  Allem  mit  besonderer  Ausführlich- 
keit die  Identität  der  Interessen  des  Pächtei*s  mit  denen 
der  Fabrikanten  bewiesen  wird  —  natürlich  namentlich  in- 
sofern beide  niedrige  Giiindrenten  und  niedrige  Eornpreise 
wünschen  müssen.  Weiter  wird  ausgefühit,  dass  hohe  Löhne 
niedrigen  Profit  bedingen.  Indessen  daraus  wird  nicht  gefol- 
gert, dass  Arbeit  und  Capital  im  natürlichen  Interessengegen- 
satz stehen,  und  die  Arbeiter  natürlicher  Weise  danach  stre- 
ben müssen ,  dem  Capital  möglichst  viel  abzuringen ,  sondern 
da  die  Löhne  von  dem  Preise  der  nothwendigen  Waaren,  ins- 
besondere der  Lebensmittel,  abhängen,  so  haben  Arbeit  und 
Capital  in  durchschlagender  Weise  das  Interesse  an  niedrigem 
Kornpreis  —  gegenüber  dem  Grundherrn. 

Dieser  Gedanke  wird  vielfach  variirt.  „In  allen  Ländern 
und  zu  allen  Zeiten  hängen  die  Profite  von  der  Menge  Arbeit 
ab,  welche  nöthig  ist,  um  die  Arbeiter  mit  ihrer  Lebensnoth- 
duift  zu  versehen ,  auf  jenem  Land  oder  mit  jenem  Capital, 
das  keine  Giiindrente  abwirft.  —  Mag  ein  Land  noch  so  gross 
sein,  so  werden,  wenn  der  Boden  schlecht  und  Import  von 
Lebensmitteln  verboten  ist,  die  massigsten  Ansamm- 
lungen von  Capital  mit  grosser  Abnahme  des  Procentsatzes 
des  Profits  und  rapidem  Steigen  der  Grundrente  verbunden 


D.  Ricardo.  191 

sein.  Dagegen  in  einem  kleinen,  aber  fruchtbaren  Lande, 
besonders  wenn  freie  Korneinfuhr  gestattet  ist,  mag 
man  grosse  Gapitalmassen  ansammeln,  ohne  starkes  Sinken 
des  Procentsatzes  der  Profite  oder  starkes  Steigen  der  Grund- 
rente." 

Oder:  „die  natürliche  Tendenz  des  Profits  ist  zu  fallen; 
denn  bei  Fortschritt  der  Gesellschaft  und  des  Reichthums 
wird  die  zunehmende  Menge  von  nothwendigen  Nahrungs- 
mitteln durch  Aufwendung  von  mehr  und  mehr  Arbeit  er- 
langt.*' Darauf  folgt  der  Beweis,  dass  von  einem  gewissen 
Puncto  der  Capitalvermehrung  ab  nicht  nur  der  Profit  im 
Verhältniss  zum  Capital,  sondern  in  absoluter  Summe  ab- 
nehme. 

Difficile  est  satiram  non  scribere.  Der  Capitalist  müht 
sich  ab  und  veimehrt  das  Capital;  dadurch  wird  es  möglich, 
dass  immer  mehr  Arbeiter  ihren  Lebensbedarf  erhalten ,  der 
Capitalist  wird  aber  bei  dem  allgemeinen  Foitschritt  immer 
ärmer,  der  unthätige  Grundherr  steckt  allen  Gewinn  ein,  und 
der  Arbeiter  leidet  mit  dem  Capitalisten  unter  dem  aussaugen- 
den Grundherrn !  Das  etwa  ist  Ricardo's  Voi-stellung  über  die 
Vertheilung  des  Nationaleinkommens  in  einer  fortschreitenden 
Gesellschaft,  in  welcher  das  Capital  allein  gerechten  Ginind 
zur  Klage  hat,  und  vor  Allem  Abschaffung  der  mörderischen 
Komzollprivilegien  des  Grundbesitzes  verlangen  muss. 

Im  weiteren  Verlauf  des  Werks  behandelt  Ricardo  nun 
einzelne  Fragen,  wie  den  internationalen  Handel,  das  Steuer- 
und  Bankwesen  etc.  und  treibt  vei-schiedene  Polemik  mit 
A.  Smith  und  Malthus.  Dabei  kehren  die  Principien  der 
ersten  Capitel,  insbesondere  die  Missgunst  gegen  den  Grund- 
herrn immer  wieder.  Interessant  ist  aber  nicht  nur,  was 
Ricardo  sagt,  sondeiii  auch,  was  er  nicht  sagt.  Er  spricht 
niemals  von  andei-n  Interessen  als  wirthschaftlichen  der  Indi- 
viduen, niemals  von  der  Nothwendigkeit ,  dem  Staate  und 
höheren  Ideen  etwas  zu  opfern. 

Nur  ganz  ausnahmsweise  wird  eine  andere  Rücksicht  er- 
wähnt, so  bei  der  Ausführung,  dass  internationaler  Handel 
auf  der  Differenz  der  relativen,  nicht  der  absoluten  Productions- 


192  Eni&B  Buch,  Cap.  2. 

kosten  der  Waaren  bei-uhe,  weil  das  Capital  aus  löblichem 
Patriotismus  nicht  immer  gleich  auswandere,  wenn  auch  sein 
Vortheil  es  erheischt.  Allein  das  ist  nur  eine  ganz  gelegent- 
liche Bemerkung  über  eine  factische  Störung  der  natürlichen 
wirthschaftlichen  Ordnung,  und  wie  wenig  es  Ricardo  auf  den 
Staat  ankommt,  geht  insbesondere  aus  der  Steueriehre  hervor. 
Hier  ei*scheinen  alle  Steuern  als  ein  Uebel,  weil  sie  jeden- 
falls die  Capitalvermehrung  beeinträchtigen  und  es  ist  die 
Hauptregel  in  Sachen  der  Steuern,  dass  dieselben  möglichst 
klein  sein  sollen.  —  Die  Frage,  wie  die  Steuern  den  Fortschritt 
der  Production  und  des  Capitals  beeinflussen,  erscheint  viel 
wichtiger  als  die  nach  ihrer  Vertheilung,  und  von  einer  Unter- 
suchung oder  Würdigung  der  Staatsaufgaben  ist  einfach  nicht 
die  Rede.  Charakteristisch  ist  in  der  Steuerlehre  der  Satz, 
dass  es  ganz  einerlei  sei,  ob  die  Steuem  auf  Lohn  oder  Profit 
gelegt  werden,  da  die  Lohnsteuern  doch  auf  das  Capital  über- 
gewälzt werden.  Hier  wird  also  mit  dem  „natürlichen  Lohn 
gleich  den  Unterhaltsmitteln"  Ernst  gemacht.  Auch  sonst  wer- 
den die  Arbeiter  vielfach  als  eine  Masse  geschildert,  die  eben 
nur  das  Nothwendigste  haben  können  und  von  deren  Wohl 
deshalb  nicht  weiter  die  Rede  sein  kann.  Das  Naturgesetz 
des  Lohnes  wii-ft  ihnen  ein  lasciate  ogni  speranza  zu,  sie  selbst 
sind  wehrlos  und  die  Nation  hat  über  ihr  Schicksal  einfach 
zur  Tagesordnung  überzugehen.  Man  mag  sie  gegen  die 
Grundhen-en  aufreizen  —  helfen  kann  man  ihnen  nicht.  Die 
Profite  fallen,  wenn  die  Löhne  steigen,  d.  h.  wenn  die  Nahrungs- 
mittel theurer  werden  (Cap.  26);  und  somit  bleibt  der  In- 
teressengegensatz zwischen  Grundbesitz  und  Capital  der  einzig 
wichtige,  und  natürlich  ist  es  wünschenswerth,  dass  der  Kampf 
zu  Gunsten  des  Capitals  entschieden  werde. 

Merkwürdigerweise  gesteht  Ricardo  zu,  dass  die  Einfüh- 
rung neuer  Maschinen  den  Arbeitern  wirklich  schädlich  sein 
könne.  Natürlich  dürfe  die  Einführung  dei'selben  dennoch 
nicht  gehemmt  werden  —  auch  anderer  Massregeln  zu  Gun- 
sten der  Beschädigten  wird  weiter  keine  Erwähnung  gethan, 
sondern  Ricardo  fügt,  wie  um  seine  abstracte  Methode  selbst 
zu  verhöhnen,    bei,  dass    nur  in    dem    Falle  plötzlicher 


D.  Ricardo.  193 

Maschineneinführung  der  Schaden  eintrete,  nicht  aber  bei 
der  in  Wirklichkeit  stattfindenden  allmäligen  Einführung  der- 
selben. Es  ist  nicht  möglich,  Ricardo  in  all  seinen  Deductionen 
und  Hypothesen  zu  folgen;  dass  Handels-  und  Gewerbefrei- 
heit unbedingt  gefordert  werden,  versteht  sich  von  selbst.  Nur 
auf  das  26.  Capitel  muss  ich  noch  einen  Blick  werfen,  weil  das- 
selbe den  cynischen  Materialismus  Ricardo's  am  Allerdeutlichsten 
zeigt,  weil  es  von  allen  späteren  die  grösste  principielle  Be- 
deutung hat  und  den  Unterschied  zwischen  Adam  Smith  und 
Ricardo  am  schärfsten  hervortreten  lässt. 

Adam  Smith  operirt  nicht  mit  genau  definirten  technischen 
Ausdrücken.  Doch  ist  kein  Zweifel,  dass  er  unter  Einkommen 
resp.  Reineinkommen  etwa  dasselbe  versteht  wie  Hermann, 
nämlich  AJles,  was  Menschen  ohne  Vermindeiiing  des  an- 
fänglich vorhandenen  Capitals  während  eines  Zeitabschnitts 
verehren  können:  und  namentlich  rechnet  er  den  Consum 
der  Arbeiter,  soweit  derselbe  keinen  unersetzten  Capital  ver- 
brauch veiiii*sacht,  unbedingt  zum  Reineinkommen  der  Nation. 
Wo  immer  A.  Smith  von  Einkoramen  spricht,  giebt  es  für  ihn 
nur  einen  Unterschied  zwischen  Einnahme  und  Einkommen  ^). 
Ricardo  dagegen  unterscheidet  scharf  zwischen  Roh-  und  Rein- 
einkommen; Roheinkommen  ist  bei  ihm  das,  was  wir  heute 
kui*zweg  Nationaleinkommen  nennen,  d.  h.  Alles,  was  nach 
W^iederersatz  des  verbrauchten  Capitals  verzehrt  werden  kann. 
Dafür  gebraucht  Ricardo  den  Ausdruck  „the  whole  produce  of 
land  and  labour"  in  offenbarem  Anschluss  an  A.  Smith  und 
die  Physiokraten.  Dem  gegenüber  steht  das  Reineinkommen 
welches  den  Consum  der  Arbeiter  nicht  urafasst;  "letzterer  ist 
vielmehr  lediglich  Productionsaufvvand. 

*)  Dies  hat  Leser  in  dem  oben  citirten  Buch  über  A.  Smith  S.  112 
mit  Recht  hervorgehoben  und  gezeigt,  dass  Spätere  mit  Unrecht  die 
Einkommensdefinition  von  A.  Smith  und  Ricardo  verwechselt  haben.  In- 
«lessen  es  ist  unleugbar,  dass  die  Ricardo'sche  Auffassung  in  der  ganzen 
A.  Smith-Ricardo'schen  Schule  bis  auf  Hermann  maassgebend  wurde ,  nnd 
dass  besondere  Anstrengungen  deutscher  Nationalökonomen,  nicht  ein  ein- 
faches llückgehen  auf  A.  Smith  die  Ricardo'sche  Auffassung  überwun- 
den haben. 

Held,  .Soc.  Gesch.  Engl.  13 


194  Erstes  Buch,   Cap.  2. 

Der  Untei-schied  zwischen  Roh-  und  Reineinkommen  ist 
bei  Ricardo  nicht  etwa  eine  harmlose  theoretische  Unter- 
scheidung, zusammenfallend  mit  unserem  Untei-schied  zwischen 
nothwendigem  und  freiem  Einkommen  bei  allen  Menschen. 
Es  ist  vielmehr  eine  in  aller  Kürze  und  Schäi-fe  ausgefühlte 
Lehre,  die  den  Zweck  hat,  den  Arbeiter  vollständig  als  ein 
unwesentliches  Mitglied  der  Gesellschaft,  als  ein  reines  Mittel 
zum  Zweck  hinzustellen ;  es  wird  denn  auch  an  einer  spätei*en 
Stelle  einmal  ausgeführt,  wie  ein  Theil  des  Roheinkommens 
statt  auf  den  Unterhalt  von  Menschen  auf  den  Unterhalt  von 
Pferden  verwendet  werden  könne.  Zugleich  liegt  in  dieser 
Lehre  am  deutlichsten  ausgesprochen,  dass  der  Zweck  der 
Capitalvermehrung  und  des  möglichst  grossen  Capitalgewinnes 
der  maassgebende  Zweck  alles  menschlichen  Zusammenlebens 
sei.  Die  berüchtigte  Stelle  aus  Cap.  26  möge  hier  wörtlich 
folgen : 

„Das  ganze  Product  des  Bodens  und  der  Arbeit  eines 
jeden  Landes  zerfällt  in  drei  Theile :  Der  eine  wird  für  Löhne, 
der  andere  für  Profit,  der  dritte  für  Grundrente  verwendet. 
Nur  von  den  zwei  letzten  Theilen  können  Abzüge  für  Steuern 
oder  Ersparnisse  gemacht  werden;  der  erste,  wenn  massig, 
stellt  immer  die  nothwendigen  Productionskosten  dar^). 

„Für  eine  einzelne  Person  mit  einem  Capital  von  20  000  i?, 
deren  Profit  jährlich  2  000  £  beträgt,  ist  es  ganz  gleichgültig, 
ob  ihr  Capital  100  oder  1000  Menschen  beschäftigt,  ob  die 
producirten  Waaren  für  10  000  oder  20  000  £  verkauft  wer- 
den, wenn  nur  in  allen  Fällen  der  Profit  nicht  unter  2  000  £ 
sinkt.  Ist  nicht  das  wahre  Interesse  der  Nation  dem  ähnlich? 
Wenn  nur  ihr  wahres  Reineinkommen,  ihre  Rente  und  Pi-ofite 
gleich  bleiben,  so  ist  es  ohne  Bedeutung,  ob  die  Nation  aus 
10  oder  12  Millionen  Einwohnern  besteht.  Ihre  Kraft,  Flotten 
und  Heere  und  alle  Art  unproductiver  Arbeit  zu  unterhalten, 


^)  In  einer  Anmerkung  heisst  es  allerdings,  dass  dem  Arbeiter  unter 
dem  Namen  Lohn  gewöhnlich  mehr  gewährt  werde  und  er  dann  auch 
Steuern  zahlen  und  sparen  könne,  aber  daraus  werden  gar  keine  Folgen 
gezogen. 


D.  Ricardo.  195 

inuss  im  Verhältniss  zu  ihrem  Reineinkommen  und  nicht  zu 
ihrem  Roheinkommen  stehen.  Wenn  5  Millionen  Menschen  so 
viel  Nahrung  und  Kleidung  produciren  können,  um  dem  Be- 
darf von  10  Millionen  zu  entsprechen,  so  sind  Nahrung  und 
Kleidung  für  5  Millionen  das  Reineinkommen.  Würde  es  von 
irgend  einem  Vortheil  für  das  Land  sein,  wenn  zur  Production 
dieses  selben  Reineinkommens  7  Millionen  Menschen  noth- 
wendig  wären,  d.  h.  wenn  7  Millionen  Menschen  beschäftigt 
würden,  Nahrung  und  Kleidung  für  12  Millionen  zu  produ- 
ciren? Immer  würde  Nahining  und  Kleidung  für  5  Millionen 
das  Reineinkommen  sein.  Die  Beschäftigung  einer  grösseren 
Zahl  von  Menschen  würde  uns  weder  in  den  Stand  setzen, 
unserer  Flotte  oder  unserem  Heer  auch  nur  einen  Mann  bei- 
zufügen, noch   eine  Guinee  mehr  Steuern   zu   zahlen.'^ 

Darauf  folgt  eine  Auseinandersetzung,  dass  in  reichen 
Ländern  das  Capital  naturgemäss  in  jene  Beschäftigungen  fliesst, 
in  welchen  die  geringste  Menge  Arbeit  im  Inland  ernährt  wer- 
den muss  —  in  Gewerbe,  in  denen  die  Profite  im  Verhältniss 
zum  Capital,  nicht  zu  der  angewendeten  Menge  von  Arbeit 
stehen. 

Diese  Ansicht,  die  im  innigsten  Zusammenhang  mit  dem 
ehernen  Lohngesetz,  der  Capital  Vergötterung  und  absolut 
privatwirthschaftlichen  Auffassung  aller  Fragen  steht,  bildet 
den  Höhepunct  einer  wahrhaft  cynischen  Vorstellung  von  Staat 
und  Gesellschaft.  Nicht  nur,  dass  es  keine  anderen  allge- 
meinen Interessen  giebt  als  die  des  Capitalgewinnstes  —  es 
ist  sogar  ganz  einerlei,  ob  überhaupt  Menschen  leben.  In 
der  That,'  Mai*x  und  seine  Schüler  haben  solchen  Lehren 
gegenüber  recht,  wenn  sie  sagen,  das  todte  Capital  sei  der 
Beherrscher  des  lebendigen  Menschen  geworden.  —  Hier  wie 
überall  besteht  das  Verdienst  der  Abstractionen  und  Deduc- 
tionen  Ricardo's  darin,  dass  die  Consequenzen  in  fast  er- 
schreckender Weise  die  Einseitigkeit  der  grundlegenden  Aus- 
gangspuncte  richten.  — 

Wir  können  von  Ricardo  nicht  scheiden,  ohne  noch  seine 

Ansichten  über  zwei  Fragen  kennen  zu  lernen,  bei  denen  wir 

uns  an  die  kleineren  Schriften  halten  müssen  —  nämlich  seine 

13* 


196  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

Auffassung  von  Geld-  und  Bankwesen  und  seine  Meinung  über 
die  politische  Frage  des  Wahlrechts.  —  Ueber  Geld-  und 
Bankwesen  spricht  Ricardo  auch  in  den  Principles  auf  Grund- 
lage der  vorherrschenden  Ansicht,  dass  Gold  und  Silber  eine 
Waare  wie  jede  andere  Waare  seien.  Ebenso  spricht  er  sich 
in  den  Principles  gegen  die  Staatsschuld,  d.  h.  für  deren 
Tilgung  aus.  Indessen  verbreitet  er  sich  über  Geld-  und 
Bankfragen  in  anderen  Schriften  ausführlicher,  über  das  Wahl- 
recht enthalten  die  Piinciples  gar  nichts.  Seine  Ansichten 
über  beide  scheinbar  weit  auseinanderliegende  Fragen  stehen 
insofern  im  Zusammenhang,  als  sie  den  praktischen  Gegen- 
satz zwischen  Ricardo  und  den  gleichzeitigen  radicalen  Volks- 
resp.  Arbeiterführern  hervortreten  lassen.  Wir  werden  auch 
hier  wieder  sehen,  wie  bei  Ricardo's  Abstractionen  nicht  vor- 
urtheilsfreies  Forschen  nach  der  objectiven  Wahrheit  vor- 
waltete, sondern  wie  bestimmte  Interessen  eines  Standes 
maassgebend  waren.  Es  spiegelt  sich  in  dieser  Literatur  der 
Gegensatz  zwischen  Capital  und  Arbeit,  der  erst  später  zum 
praktischen  Kampf  werden  sollte. 

Ricardo's  Schriften  über  Geldwesen^)  sind  vom  theore- 
tischen Standpunkte  aus  seine  besten  Arbeiten,  und  praktisch 
haben  sie  ganz  besonders  gewirkt.  Nicht  nur  der  Bullion 
Report  basirt  auf  Ricardo's  Schrift  von  1800,  auch  die  spätere 
Bankgesetzgebung  knüpft  daran  an,  und  selbst  in  unserer 
deutschen  Bankgesetzgebung  sind  noch  die  Spuren  von  Ricardo's 
Geist  nachweisbar. 

Wenn  ich  diese  als  seine  besten  Schriften  nenne,  so 
stimme  ich  deshalb  den  Resultaten  doch  nicht  bei.  Diese 
sind  höchst  einseitig  und  durch  die  Erfahrung  und  Literatur 
der  späteren  Zeit  längst  widerlegt;  aber  das  Geldwesen  ist 


')  1)  Iligh  Price  of  Bullion  a  proof  of  the   depreciation   of  Bank- 
notes;  I.Auflage  1809,  4.  Auflage  1811. 

2)  Reply  to  Mr.  Bosanquet's  practical  observations  on  the  report 

of  the  Bullion  committee,  1817. 

3)  Proposais  for  an  economicul  and  secure  currency  with  observa- 

tions on  the  Profits  of  the  Bank  of  England,  181G. 

4)  Plan  for  the  establishment  of  a  national  Bank,  1824. 


D.  Ricardo.  197 

ein  Gebiet,  ia  dem  sich  an  und  für  sich  die  abstracte  Methode 
mit  dem  grössten  Erfolg  anwenden  lässt,  indem  die  Prämisse 
von  dem  klug  rechnenden  Egoismus  der  Einzelnen  die  grösste 
relative  Berechtigung  hat;  überdies  ein  Gebiet,  in  welchem 
Ricardo  grosse  praktische  Erfahrungen  besass,  und  auf  dem 
er  namentlich  in  den  polemischen  Theilen  nicht  verschmähte, 
wirkliche  Thatsachen  anzuführen  und  zu  benutzen.  Da  er 
hierbei  nicht  direct  auf  die  Grundbesitzer  zu  sprechen  kommt, 
so  ist  auch  die  sociale  Tendenz  weniger  hervortretend,  und 
somit  sind  diese  Schriften  diejenigen,  in  denen  Ricardo  ver- 
gleichsweise am  wenigsten  tendenziös  im  Einzelnen  ist  und 
am  häufigsten  in  ganz  objectiver  Weise  aus  seinen  wissen- 
schaftlichen Principien  rücksichtslose  Forderungen  zieht.  Die 
Einfachheit  und  knappe  Form  seiner  Darstellung  ist  gerade 
hier  auch  am  meisten  angebracht. 

Schon  die  Schrift  von  1809  entwickelt  die  Quantitäts- 
theorie. Jedes  Land  bedarf  im  Verhältniss  zu  andern  einer 
gewissen  Menge  von  Circulationsmitteln,  die  von  der  Aus- 
dehnung des  Handels  und  der  des  geldei-sparenden  Credits  ab- 
hängig ist.  Diese  Menge  von  Circulationsmitteln  reguliil  sich, 
so  lange  nur  Metallgeld  existirt,  durch  den  Handel  von  selbst. 
Geld  fliesst  nur  dann  ab  und  zu,  wenn  mehr  oder  weniger 
vorhanden  ist,  als  eben  diese  im  Vergleich  mit  andern  Ländern 
nothwendige  Menge  und  nicht  etwa  in  Folge  von  schlechten 
Eniten  u.  dergl. 

Ebenso  bleibt  die  Sache,  wenn  nur  einlösliche  Noten 
existiren.  Noten  ei-scheinen  einfach  als  Circulationsmittel,  ihre 
Vermehrung  durch  eine  Bank  kommt  der  Goldvermehrung 
durch  neue  Bergwerke  gleich.  Zwischen  Noten  und  Staats- 
papiergeld wird  kein  principieller  Untei-schied  gemacht;  beide 
sind  Vermehi-ung  der  Circulationsmittel,  Geld.  So  lange  sie 
einlöslich  sind,  verdrängen  sie  Metallgeld,  das  in's  Ausland 
geht,  die  nothwendige  Menge  von  Circulationsmitteln  bleibt 
aber  erhalten,  der  Geldzu-  und  -abfluss  nach  dem  Auslande 
ist  nicht  gehemmt  und  wird  nach  wie  vor  vom  Handel  der 
Privaten  nach  Bedürfniss  besorgt.  Durch  die  Bankrestrictions- 
acte  von   1797  aber  wurde   die  Bank  in   den  Stand  gesetzt. 


198  Erstes  Bach,   Cap.  2. 

durch  die  Uneinlöslichkeit  die  Noten  über  das  Bedürfniss  an 
Circulationsmitteln  hinaus  zu  vermehren  und  da  diese  Circu- 
lationsmittel  nicht  in's  Ausland  gehen  können,  so  sinkt  ihre 
Kaufkraft  gegenüber  Gold  und  anderen  Waaren  ~  und  zwar 
genau  im  Verhältniss  zu  der  Menge,  um  die  sie  das  Bedürfniss 
übei-steigen. 

Der  Werth  dieser  Auseinandereetzungen  bestand  in  dem 
richtigen  Nachweis,  dass  die  Noten  devalvirt  waren,  und  in 
dem  Satze,  dass  die  Nichteinlösliehkeit  daran  Schuld  war. 
Falsch  aber  war  es,  die  Devalvii-ung  ausschliesslich  von  der 
Menge  der  Noten,  die  ihrerseits  als  Folge  der  Restriction 
ei-scheint,  abhängen  zu  lassen  —  eine  Theorie,  mit  der  es 
Ricardo  so  ei-nstlich  meint,  dass  er  sie  in  der  Schrift  gegen 
Bosanquet  sogar  auf  verschlechtertes  Metallgeld  anwendet. 
Dies  ist  falsch,  weil  nicht  alles  Geld  im  Verkehr  ist,  sondern 
zugleich  eine  wechselnde  Menge  Geld  als  Weithaufbewahrungs- 
mittel  dient;  weil  die  vom  Verkehr  bedurfte  Geldmenge  selbst 
viel  wechselnder  ist  als  Ricardo  offenbar  annimmt;  weil  die 
anderen  Surrogate  des  Geldes  als  Wechsel,  Checks  etc  die 
nöthige  Geldmenge  überhaupt  zu  einer  unbestimmten  Grösse 
machen;  weil  bei  Banknoten  und  Papiergeld  der  Credit  des 
diese  Stellvertreter  des  Geldes  emittirenden  Schuldners  jeden- 
falls unter  allen  Umständen  ein  selbständiges  Element  zur 
Bestimmung  ihres  Werthes  bleibt  —  und  weil  man  zwischen 
Entwerthung  des  Papiers  gegenüber  Gold  und  gegenüber  den 
inländischen  Waaren  unterscheiden  muss.  Die  ganze  Quantitäts- 
theorie folgte  zunächst  aus  der  der  ganzen  klassischen  National- 
ökonomie eigen thümlichen  Opposition  g:egen  merkantilistische 
Ueberschätzung  der  Geldmenge,  derzufolge  man  Zunahme  des 
Geldes  nur  als  eine  für  den  Gesaramtwohlstand  gleichgültige 
Ursache  der  Erhöhung  aller  Waareiipreise  betrachtete  und 
selbst  die  vorübergehenden  Wirkungen  dieser  Zunahme  des 
Geldes  während  des  Processes  der  Zunahme  als  möglichst  ge- 
ringfügig hinstellte.  Unzweifelhaft  entstand  die  Theorie  auch 
bei  Ricardo  als  eine  aufrichtig  gemeinte  und  scharf  entwickelte 
Consequenz   der   antimerkantilistischen    Geldlelire.     Dennoch 


D.  Ricardo.  199 

aber  lassen  sich  gewisse  praktische  Tendenzen  nebenbei  be- 
merkt nicht  verkennen. 

Ricardo  verlangt  allmälige  Verminderung  der  Noten,  bis 
sie  wieder  al  pari  stehen,  d.  h.  bis  die  richtige  Geldmenge 
wieder  vorhanden  ist  und  dann  Wiederherstellung  der  Ein- 
lösungspflicht. —  Dies  ist  ein  ganz  richtiger  Vorschlag  zur 
Wiederhei*stellung  der  Baarvaluta  und  eines  geordneten  Geld- 
wesens; allein  wie  kommt  Ricardo  zu  der  Klage,  dass  bei  der 
bisherigen  Entwerthung  alle  Gläubiger  verloren  haben  und 
bei  folgender  weiterer  Entwerthung  noch  unberechenbar  mehr 
verlieren  können,  während  er  mit  keinem  Worte  bedauert, 
dass  die  Wiederemporhebung  der  entwertheten  Noten  auf  den 
Nennwerth  alle  Gläubiger  begünstigen  muss,  die  unter  der 
Herrschaft  des  entwertheten  Papiers  dargeliehen  haben  ?  Ein 
Verlust  des  Geldcapitals  also  ist  ein  Unrecht,  ein  Gewinn 
aber  nicht!  Man  denkt  unwillkürlich  daran,  dass  Ricardo 
Staatsgläubiger  war,  wenn  man  seinen  Eifer  für  Wiederher- 
stellung der  Baarvaluta  mit  Cobbett's  Ansichten  übiBr  Staats- 
schuld und  Banknoten  vergleicht. 

Gewiss,  die  Wiederherstellung  der  Baarvaluta  war  eine 
Nothwendigkeit.  Sollten  aber  bei  dieser  Maassregel  nicht  die- 
jenigen Staatsgläubiger,  die  während  des  Kriegs  mit  dem 
Staate  contrahirt  hatten,  unverhältnissmässig  begünstigt  wer- 
den, so  musste  mit  dieser  Wiederherstellung  zugleich  eine 
starke  Besteuerung  des  Besitzes  verbunden  werden,  und  da- 
von schweigt  Ricardo.  Bei  der  Bank-  und  Staatsschuldfrage 
schieden  sich  also  schon  im  Anfange  des  Jahrhunderts  bürger- 
liche und  proletarische  Radicale  und  beide  verfielen  in  Extreme, 
ohne  die  wahre  Lösung  der  Frage  zu  finden,  die  nur  in  der 
bereitwilligen  Uebernahme  von  höheren  Pflichten  der  Reichen 
gegen  den  Staat  bestehen  konnte. 

Eine  andere  Tendenz  liegt  in  Ricardo's  Anklage,  dass  in 
der  Verbindung  der  Bank  mit  dem  Staate  die  Ursache  des 
ganzen  Unheils  liege. 

Die  Schrift  gegen  Bosanquet  ist  sehr  geschickt  polemisch 
gehalten  und  enthält  keinerlei  neue  positive  Ansichten.  In 
den  Proposais  kehrt  die  Quantitätstheorie  von  1809  unverändert, 


200  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

aber  in  weiterer  Ausführung  wieder  und  es  tritt  deutlicher 
lücardo's  EmpöiTing  über  die  Gewinne  der  mit  dem  Staat 
liirten  Bank  hervor,  während  er  an  und  für  sich  möglichsten 
Ei-satz  des  kostbaren  Goldes  durch  Papier  im  Verkehr  wünscht, 
und  auch  wegen  der  Verlegenheiten  in  Panik  und  Krisen 
nicht  auf  Vorhandensein  eines  beträchtlichen  Metallvorraths 
dringt.  Es  kommt  ihm  nur  darauf  an,  dass  die  nchtige 
Menge  von  Circulationsmitteln ,  die  man  gewöhnlich  braucht, 
vorhanden  ist,  gleichgültig  ob  diese  aus  Papier  oder  Metall 
bestehe.  Aus  dem  Grunde,  dass  die  Noten  einfach  Geld  sind, 
wird  auch  ihnen  zu  Ehren  eine  Ausnahme  von  dem  allgemei- 
nen Princip  der  Nichtintervention  des  Staates  gemacht. 

In  anderer  Form  begegnen  wir  wieder  dem  Gedanken, 
dass  es  kein  Unrecht  sei,  wenn  die  Geldbesitzer  bei  steigen- 
dem Geldwerth  gewinnen.  Die  Wiederherstellung  der  Baar- 
Valuta  ist  gerecht,  nicht  nur  wegen  des  allgemeinen  Verkehrs- 
bedürfnisses  nützlich.  — 

In  dem  Plan  für  Emchtung  einer  Nationalbank  wird  vor- 
geschlagen, das  Notenemissionsgeschäft  ganz  von  allem  andern 
Bankgeschäft  zu  trennen  —  eine  Idee,  welche  die  Bankacte 
von  1844  wenn  auch  in  ganz  anderer  Weise  ausgeführt  hat. 
Noten  sollen  nur  von  staatlichen  Commissionären  emittirt 
werden,  welche  Letztere  aber  von  den  Ministern  ganz 
unabhängig  sind.  15  Millonen  Pf.  St.  Noten  sollen  ganz  un- 
gedeckt sein,  d.  h.  zur  Heimzahlung  der  Schuld  des  Staates 
an  die  Bank  dienen  und  10  weitere  Millionen  durch  Baarfond 
oder  Schatzscheine  gedeckt  sein.  Die  Idee  läuft  auf  Abschaf- 
fung der  Banknote  und  Einfühi-ung  eines  Staatspapiergeldes 
mit  Einlösungsstellen  hinaus,  so  dass  das  Papier  den  ganzen 
inländischen  Verkehr  beherrscht  und  zur  Sicherung  der  Ein- 
lösung sehr  wenig  Metall  als  nöthig  ei-scheint. 

So  sind  diese  Schriften  der  Ausgangspunkt  aller  jener 
Theorien,  welche  die  Banknote  beargwöhnen,  der  Notenbank 
ihren  Gewinn  missgönnen,  der  Gesanmitheit,  d.  i.  dem 
Staate,  den  Gewinn  aus  dem  Notengeschäft  vorbelialten  wollen, 
und  die  grosse  Aufgabe  einer  Centralnotenbank  verkennen, 
die  darin  besteht,  durch  wechselnde  Menge  von  Noten,  welche 


D.  Ricardo.  201 

in  Zusammenhang  mit  der  Discontopolitik  ausgegeben  werden, 
der  grosse  Regulator  des  Bedüi-fnisses  nach  Zahlungsmittehi 
zu  sein,  der  Uebei-speculation  zu  steuern  und  ausgebrochene 
Krisen  zu  mildem.  Ich  weiss  nicht,  wie  Ricardo  pei-sönlich 
zu  der  Bank  von  England  und  ihren  Directoren  stand ,  aber 
soviel  ist  jedenfalls  sicher,  dass  alle  Späteren,  welche  in  den 
Notenbanken  den  allgemeinen  und  ausschliesslichen  Sünden- 
bock für  die  Excesse  der  ganzen  Handelswelt  suchen,  in 
Ricardo's  Schriften  einen  mächtigen  Sttitzpunct  finden. 

Jedenfalls  darf  man  in  der  offenbaren  Missgunst,  mit 
welcher  er  die  Notenbanken  behandelt,  keine  Tendenz,  das 
allgemeine  Interesse  über  das  Geldinteresse  zu  setzen,  ent- 
decken wollen,  da  er  das  exceptiouelle ,  mit  dem  Staate  in 
Verbindung  stehende  Noteninstitut  der  ganzen  Handelswelt 
gegenüberstellt.  Und  sein  Eifer,  den  Gewinn  der  Bank  dem 
Staate  voraube halten ,  fliesst  ebensowenig  aus  begeistertem 
StaatsgefUhl,  wie  seine  Abneigung  gegen  Staatsschulden.  Klar 
tritt  in  dem  Essay  on  Funding  System  hervor,  dass  Ricardo 
starke  ausserordentliche  Steuern  in  Kriegszeiten  den  Staats- 
schulden voi-zieht  —  weil  er  in  echt  manchesterlicher  Weise 
von  der  Auferlegung  solcher  Opfer  Verminderung  der  Kriege 
erhoflft. 

Kui*z,  tritt  Ricardo  in  diesen  Schriften  weniger  auffällig 
als  Vertheidiger  eines  Classeninteresses  auf,  als  in  den  Prin- 
ciples  und  den  Schriften  über  Kornhandel  —  beherrscht  ihn 
hier  wirklich  oft  mehr  ein  theoretisches  Princip  als  ein  prak- 
tisches Interesse,  so  ist  dies  Princip  doch  nur  eine  einzeln- 
stehende wirthschaftliche  Lehre,  kein  Glied  einer  höheren 
Staats-  und  Gesellschaftsauffassung,  und  mit  seinen  Conse- 
quenzen  ist  die  Vertretung  der  Interessen  des  Geldcapitals 
gegenüber  der  steuerzahlenden  Masse  doch  untrennbar  ver- 
bunden. — 

Besonders  dankbar  müssen  wir  Mac-Culloch  sein,  dass 
er  in  seine  Sammlung  nicht  nur  Ricardo's  Parlamentsrede  über 
das  Ballot,  sondern  auch  die  nachgelassene  Schrift:  „Obser- 
vations  on  Parliamentary  Reform"  aufgenommen  hat.  Keine 
Schrift  zeigt  deutlicher  als  diese,  wie  Ricardo  vom  politischen 


202  Erstes  Buch  ,  Cap.  2. 

Individualismus  und  dessen  praktischer  Consequenz ,  dem  Rh- 
dicalismus,  ergrilfen  war;  wie  er  alle  staatlichen  Handlungen 
in  cynischer  Weise  lediglich  aus  Egoismus  zu  erklären  weiss 
—  und  wie  er  unverblümt  alle  Vortheile  radicaler  politischer 
Reformen  dem  (beweglichen)  Besitz  zu  reserviren  vei-steht. 
Ricardo  ist  Fortschrittsmann,  weil  es  noch  Mächte  im  Staate 
gieht,  die  über  dem  Capital  stehen  —  keineswegs  weil  er 
politische  Gleichheit  Aller  wünscht. 

In  der  Parlamentsrede  über  das  Ballot  verlangt  Ricardo 
geheime  Abstimmung  als  eine  sehr  wichtige  und  bei  jedem 
Wahlrecht  durchzuführende  Reform  —  um  den  Einfluss  der 
Grundaristokratie  auf  die  Wähler  zu  brechen.  Er  benift  sich 
in  dieser  Rede  auf  Bentham,  der  in  den  Observations  noch 
deutlicher  als  Ricardo's  poUtischer  Lehrer  auftritt : 

„Gute  Regierung  mag  den  Interessen  der  Aristokratie 
oder  der  Monarchen  entgegengesetzt  sein,  da  sie  dieselben 
verhindeni  kann,  in  ebenso  grossem  Maasse  Einnahmen,  Vor- 
theile und  Macht  zu  erringen  als  dies  der  Fall  sein  würde» 
wenn  die  Regierung  nicht  für  das  Glück  der  Vielen  ge- 
führt wird,  sondeiTi  sich  hauptsächlich  auf  Beförderung  des 
Glückes  der  Wenigen  verlegt;  aber  sie  kann  nie  dem  allge- 
meinen Glück  entgegenwirken.''  —  „Die  Vorschriften  der 
Religion,  der  öffentlichen  Meinung  und  des  Gesetzes  beruhen 
alle  auf  dem  Grundsatz,  dass  man  von  den  Menschen  alle 
Versuchung,  anders  zu  handeln,  ferne  halten  muss,  um  sie 
gut  zu  machen,  und  der  Staat  ist  als  der  vollkommenste 
anzusehen,  in  dem  alle  diese  Vorschriften  dahin  zusammen- 
wirken, es  zum  Interesse  aller  Menschen  zu  machen ,  tugend- 
haft zu  sein,  d.  h.  ihre  Kräfte  zur  Beförderung  des  all- 
gemeinen Glückes  anzuwenden." 

Die  gegenwärtige  Verfassung  erscheint  Ricardo  als  eine 
solche,  in  welcher  Krone  und  Aristokratie  in  ihrem  eigenen  Inter- 
esse regieren,  und  nur  durch  die  ötfentliche  Meinung,  d.  i.  durch 
die  Furcht  vor  einem  Volksaufstand  in  Schranken  gehalten 
werden;  da  diese  Schranke  aber  unsicher  und  unregelmässig 
wirkt,  so  sei  es  besser,  das  Unterhaus  in  der  Weise  zusammen- 
zusetzen,   dass  durch   dasselbe  das  ganze  Volk  repräsentirt 


D.  Ricardo.  203 

werde  —  man  erkennt  die  reine  Theorie  Benthams,  der  zu- 
folge alle  Menschen  egoistisch  sind,  die  Gebote  von  Pflicht 
und  Ehre  nichts  helfen,  und  nur  die  beständige  Controle  der 
Vielen  den  Egoismus  der  Wenigen  bändigen  kann.  Allein 
Bentham  war  consequent  und  schwäimte  ehrlich  für  allgemeines 
Wahlrecht,  für  volle  politische  Gleichheit  Aller.  Anders  Ei- 
cardo  in  seiner  capitalistischen  Weisheit. 

Der  wahre  Giiindstein  des  allgemeinen  Glücks  ist  ihm 
die  Heilighaltung  des  Eigenthums,  die  voi-theilhafteste  Verthei- 
lung  des  Capitals,  die  Sicherheit  des  Besitzes  in  der  Aussicht 
auf  steigenden  Reichthum.  Zwar  können  nur  die  Allerärmsten 
einen  AngriflF  auf  das  Eigenthum  für  ihr  Interesse  halten, 
aber  „wenn  zugestanden  wird,  dass  diejenigen,  welche  das 
Recht  des  Eigenthums  sieher  heilig  halten ,  eine  Stimme  bei 
der  Wahl  der  Volksvertreter  haben  sollen,  so  ist  das  Princip, 
für  das  die  Reformer  kämpfen,  gewahrt.  —  Ihre  Forderung 
ist  nur  die  einer  guten  Regierung,  und  als  ein  Mittel  dazu 
verlangen  sie,  dass  die  Macht,  Parlamentsmitglieder  zu  wählen, 
nur  solchen  gegeben  werde,  die  keine  Interessen  haben,  welche 
denen  einer  guten  Regierung  entgegengesetzt  sein   könnten. 

—  Das  allgemeine  Wahlrecht  wird  von  seinen  Vertretern 
nicht  als  ein  Endzweck,  sondern  als  ein  Mittel  zur  guten  Re- 
gierung verlangt.  Gebt  ihnen  die  gute  Regierung,  oder  gebt 
ihnen  die  Ueberzeugung,  dass  ihr  gute  Regierung  ernstlich 
schaffen  wollt,  und  sie  werden  zufrieden  sein;  wenn  ihr  auch 
nicht  so  rasch  vorwäi-ts  geht,  wie  sie  es  für  vortheilhaft  halten. 

—  Meine  Meinung  räth  zur  Vorsicht  und  deshalb  beklage 
zh   es,   dass   so   viel   über   allgemeines  Wahlrecht  ge- 
3rochen  wird.    Ich  bin  überzeugt,  dass  eine  Ausdehnung  des 
■ahlrechts  und  nicht  das  allgemeine  Wahlrecht  dem  Volke 
\  Wesentlichen  die  gewünschte  gute  Regierung  sichern  wird, 
d  deshalb  bin  ich  gegen  das  Postulat  des  allgemeinen  Wahl- 
hts;  gleichzeitig   habe  ich   das  feste  Vertrauen,   dass   die 
"kung  der  mir  genügend  scheinenden  Maassregel  so  wohl- 
ig sein,   so   rasch   die  Bildung  des  Volkes   heben  würde, 

man  in  kurzer  Zeit  nach  der  ersten  Reform  mit  vollster 
Arbeit  das  Wahlrecht  auf  alle  Stände  ausdehnen  könnto.'' 


204  Erstes  Bach,  Cap.  2. 

Das  heisst  also:  nicht  politische  Bildung  soll  Voraus- 
setzung des  Wahlrechts  sein,  sondern,  da  es  nur  auf  die 
Interessen  des  Besitzes  ankommt,  so  soll  auch  der  Besitz 
allein  Wahlrecht  haben,  —  und  die  Armen  beschwichtigt  man 
einstweilen  mit  der  Hoffnung,  dass  sie  Wahlrecht  bekommen 
sollen,  wenn  sie  eingesehen  haben,  dass  die  Pflege  der  Inter- 
essen des  Besitzes  auch  ihr  höchstes  Interesse  ist.  Wahrlich, 
dies  ist  weit  cynischer  als  die  Tendenz  jener  späteren  Frei- 
händler, die  den  Ruf  nach  Ausdehnung  des  Wahlrechts  durch 
Gewährung  von  billigem  Brod  nach  Abschaffung  der  Kornzölle 
beschwichtigen  wollten.  —  Diese  nachgelassene  Schrift  Ricar- 
do's  giebt  den  vollen  Beweis,  dass  er  sich  den  Principien  des 
Individualismus  nur  aus  dem  Grunde  anschloss,  um  die  ma- 
teriellen Interessen  des  Capitals  zu  befördern. 

Ich  bin  kein  principieller  Anhänger  des  allgemeinen 
Wahlrechts,  aber  eine  Beschränkung  des  W'ahlrechts  auf  den 
Besitz,  für  den  Besitz  und  nur  wegen  des  Besitzes,  ist  die 
kurzsichtigste  und  verwerflichste  politische  Anschauung,  die 
sich  denken  lässt  —  ja  es  ist  der  Gegensatz  zu  aller  politi- 
schen Anschauung,  es  ist  einfacli  die  Herrschaft  der  gesell- 
schaftlichen Macht  des  Besitzes  an  Stelle  der  Staatsidee.  Es 
ist  fast  unbegreiflich,  dass  man  Ricardo's  nationalökonomische 
Lehren  mit  so  viel  selbstverleugnender  Arbeit  studirt  hat,  ohne 
den  Schlüssel  zur  Erklärung  all  seiner  Anschauungen,  der 
hier  off*en  zu  Tage  liegt,  zu  Hülfe  zu  nehmen!  Es  bleibt  sein 
giösstes  Verdienst,  dass  er  seinen  nackten  Capitalismus  durch 
keine  spielende  Humanität,  keinen  schwächlichen  Optimismus 
verhüllt  hat.  —  Wir  haben  keinen  Grund,  eine  solche  Hülle 
den  Lehren  des  klugen  Banquiers  nachträglich  vermittelst 
unserer  theoretischen  Blindheit  überzuwerfen,  welche  die 
praktischen  Tendenzen  ignorirt. 


§  3.    Robert  Malthus. 

Der  dritte  der  grossen  classisclien  Nationalökonomen, 
Malthus,  ist  in  Bezug  auf  düstere  Lebensanschauung  und 
offenes   Aussprechen   harter    Nothwendigkeiten    mit    Ricardo 


R.  Malthus.  205 

geistesverwandt.  Ricardo  beruft  sich  gerne  auf  ihn  in  der 
Armen-  und  Bevölkerungsfrage,  dififeriit  aber  von  ihm  in 
Bezug  auf  Komzölle.  Man  ist  gewohnt,  beide  Namen  ver- 
bunden zu  nennen;  beide  Männer  sind  Kinder  derselben  Zeit, 
aber  nur  theilweise  dienten  sie  den  gleichen  Anschauungen 
und  Tendenzen.  Die  Tendenzen,  welchen  Ricardo  huldigte, 
sind  äusserst  einseitig  und  äusserst  klar.  Er  erfasst  gewisse 
Zeitideen  in  ihrer  schroffsten  Form  und  wendet  sie  ausschliess- 
lich im  Interesse  des  Capitals  an.  Malthus  dagegen  ist  wpit 
vielseitiger.  Sein  Einfluss  auf  die  Nationalökonomie  ist  ge- 
ringer und  beschränkt  sich  zumeist  nur  auf  eine  Frage  und 
in  dieser  auf  jenen  Theil  seiner  Ansicht,  der  mit  Ricardo's 
Weltanschauung  sich  ohne  Weiteres  vereinigen  lässt.  Aber 
Malthus  war  meines  Erachtens  der  bei  weitem  gedanken- 
reichere und  vorurtheilsfreiere  und,  wenn  er  frühzeitig  mehr 
und  heftigere  Gegner  fand,  als  Ricardo,  so  rührt  dies  sehr 
stark  daher,  dass  man  ihn  weniger  verstanden  hat.  Er  schreibt 
zwar  weit  angenehmer  und  es  fehlt  bei  ihm  die  abschreckende 
Ausschliesslichkeit  der  Abstraction;  dennoch  haben  viele  sei- 
ner Gegner  gar  nichts  von  ihm  gelesen,  Andere  nur  die  An- 
fangscapitel  seines  Hauptwerks,  und  zumeist  wurde  er  von 
Solchen  bekämpft,  die  ihn  nur  aus  entstellenden  Darstellungen 
Dritter  kennen. 

Des  geringeren  Einflusses  halber  bespreche  ich  Malthus 
nach  Ricardo  und  berücksichtige  auch  zumeist  nur  das  Haupt- 
werk über  Bevölkerung,  zumal  Maltlius  unleugbar  an  Wieder- 
holungen reich  ist,  und  es  daher  unnöthig  ist,  alle  Variationen, 
in  denen  er  seine  originelle  Hauptidee  zum  Ausdruck  bringt, 
zu  verfolgen.  Aber  gleich  zu  Anfang  muss  gesagt  werden :  Mal- 
thus glaubte  an  wirtlischaftliche  Naturgesetze  wie  Ricardo, 
aber  er  steht  über  diesem ,  weil  er  über  den  Begriff  des  Ge- 
setzes wirklich  nachgedacht  und  wirthschaftliche  und  Natur- 
gesetze wirklich  in  fruchtbringender  Weise  in  Verbindung  ge- 
setzt hat.  Er  entwickelte  seine  Gesetze  nicht  durch  Abstrac- 
tion allein,  sondern  in  vorherrschender  Weise  durch  Beobach- 
tung natürlicher,  historischer  und  statistischer  Thatsachen.  Er 
warf  socialpolitische  Fragen  auf,  und  ging  in  der  Betrachtung 


206  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

der  einen  Frage  nach  Vermehining  des  Gesammtreichthums 
oder  des  Capitals  nicht  auf,  sondern  strebte  danach,  das  gesell- 
schaftliche und  staatliche  Leben  der  Gesammtheit  im  grossen 
Zusammenhang  zu  erfassen.  Auch  diente  er  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  einem  Stande,  aber  einem  andern  als  Ricardo, 
jedoch  so,  dass  ihm  der  Blick  auf  das  Ganze  der  Gesell- 
schaft und  die  Staatsidee  nie  verloren  geht.  Malthus  ist  der 
englische  Aristokrat  vom  alten  Sch'ap^,  der  sich  neue  Zeit- 
ideen dienstbar  macht,  sich  dem  Geiste  der  neuen  Zeit  bis 
zu  gewissem  Grade'unterwii-ft  —  und  doch  noch  ein  gut  Theil 
des  uninteressirten  Staatsgefühls  der  alten  Aristokratie  bewahrt 
Er  ist  ein  aufgeklärter  Conservativer,  der  in  der  Conservirung 
englischer  Institutionen  die  Erreichung  des  Guten  erblickt, 
das  von  kosmopolitischen  Neuerern  überhaupt  angestrebt  wer- 
den kann.  Er  ist  kein  Feudaler  und  kein  Absolutist  —  das 
konnte  ein  echter  englischer  Conservativer  nicht  sein  — 
aber  auch  kein  Radicaler,  der  die  Institutionen  Englands 
rücksichtslos  nach  irgend  einem  Schema  umgestalten  wollte 
und  für  nichts  Verständniss  hatte  als  für  dieses  Schema. 

Wenn  wir  den  Gegensatz  zwischen  Malthus  einerseits, 
Bentham  und  Ricardo  anderei-seits  richtig  verstehen  wollen, 
so  ist  vor  Allem  Folgendes  zu  beachten: 

Malthus  ist,  im  Gegensatz  zu  philanthropischen  Schwärmern 
und  namentlich  im  Gegensatz  zu  den  Helden  der  französischen 
Revolution,  der  Meinung,  dass  öfl'entliche  (Zwangs)-Institu- 
tionen  wohl  manches  vermögen,  aber  von  geringer  Bedeutung 
sind  gegenüber  den  Gesetzen  der  Natur  und  den  Wirkungen 
der  im  Wesentlichen  stets  unverändert  bleibenden  Anlage  des 
Menschen.  Auch  Malthus  geht  daher  hauptsächlich  von  dem 
menschlichen  Individuum  als  solchem  aus.  Aber  er  construirt 
nun  aus  der  Voraussetzung  individueller  Freiheit  nicht  eine 
Reihe  von  mechanisch  wirkenden  Gesetzen,  die  das  mensch- 
liche Zusammenleben  nothwendig  und  in  der  heilvollsten 
Weise  beheiTSchen  —  sondern  er  verlangt  von  der  sittlichen 
Kraft  der  Individuen  eine  das  Gesammtwohl  vor  allem  ft'jr- 
denade  That.  Malthus  entwickelt  einen  Individualismus  nicht 
nur  der  Rechte  und  Interessen,  sondern  auch  der  Pflichten. 


R.  Malthus.  2Ö7 

Soweit  er  auf  dem  Boden  des  Individualismus  steht,  ist  die 
sittliche  Verantwortlichkeit  des  Individuums  bei  ihm  in  den 
Vordergiiind  gestellt.  Nicht  eine  schrankenlose  Freiheit  der 
wirthschaftlich  Starken  gegenüber  den  wirthschaftlich  Schwa- 
chen, nicht  eine  souveräne  Machtfülle  des  einzelnen  Unter- 
thanen  gegenüber  dem  Staat  vertritt  Malthus  —  er  verwirft 
die  Staatsintervention,  z.  B.  gesetzliche  Heirathsbeschränkun- 
gen,  weil  er  die  sittliche  Selbstzucht  des  Individuums  für 
allein  wirksam  hält. 

Freilich  gewirkt  hat  Malthus  hauptsächlich  dahin,  dass 
seine  Bevölkerungslehre  als  eine  Unterstützung  der  Ricardo'- 
schen  Grundrenten-  und  Lohntheorie  betrachtet,  und  die  Be- 
sitzenden in  ihrem  Streben,  sich  von  jedem  Opfer,  jeder  That 
zu  Gunsten  der  arbeitenden  Massen  zu  dispensiren,  dadurch 
gerechtfertigt  wurden.  Aehnlich  wie  bei  Adam  Smith  ist  auch 
bei  Malthus  nur  ein  Theil  seiner  Ansichten  allgemein  vei*stan- 
den  und  acceptirt  worden.  Dennoch  thut  man  ihm  ebenso 
wie  A.  Smith  Unrecht,  wenn  man  ihn  einfach  als  einen  Mit- 
begründer des  herzlosen  Manchesterthums  bezeichnet.  Ja,  es 
sind  bei  ihm  sogar  ethische  und  politische  Gesichtspuncte 
von  grösserer  Bedeutung  als  bei  A.  Smith.  Er  hatte  nicht, 
wie  Ricardo,  nur  Interessen  und  Zwecke,  er  hatte  Ideen. 

Das  Hauptwerk  von  Malthus,  „An  Essay  on  the  Principle 
of  Population''  ist  zuerst  1798  erschienen  —  also  zu  dei-selben 
Zeit,  in  welcher  zuerst  der  wildeste  Communismus  in  der 
französischen  Revolution  sein  Haupt  erhob.  Malthus  selbst 
bearbeitete  das  Werk  in  fünf  stets  vermehrten  Auflagen,  die  nach 
seinem  Tode  fortgesetzt  wurden.  Ich  citire  nach  der  1872 
in  London  ei-schienenen   7.   Auflage.^) 

Der  Hauptgedanke,  welcher  das  Buch  eröffnet,  ist  folgender: 
Zwischen  dem  physiologischen  Trieb  der  Fortpflanzung  und  der 


^)  Die  erste  Auflage,  die  als  kurze  Gelegenheitsschrift  erschien,  war 
schroffer  und  rief  den  meisten  Widerspruch  hervor.  Der  versöhnende  Ge- 
danke des  moral  restraiüt  wurde  erst  später  ausgehildet.  Es  ist  aber  offen- 
bar geboten,  den  Autor  nach  derjenigen  Fassung  seiner  Gedanken  zu  beur- 
theilen,  die  er  ihnen  selbst  als  die  reifste  und  vollkommenste  gegeben  hat. 


208  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

Datürlichen  Fähigkeit  der  Menschen,  sich  zu  vermehren,  einer- 
seits, und  der  Möglichkeit,  eine  diesen  Kräften  entsprechend 
sich  vennehi'ende  Menschenmenge  zu  ernähren,  anderei-seits, 
besteht  ein  Conflict.  Zur  Verdeutlichung  dient  das  Schema 
der  geometrischen  Progression,  in  welcher  sich  die  Menschen 
zu  vermehren  trachten  und  der  nur  beispielsweise  an- 
geführten arithmetischen  Progression,  in  der  die  Unter- 
haltsmittel vermehrt  werden  können.  Aus  diesem  Conflict 
folgt,  dass  die  der  Natur  des  Menschen  nach  gebotene  Ver- 
mehrung der  Menschen  gehemmt  wird,  und  zwar  entweder  so, 
dass  die  zuviel  geborenen  Menschen  durch  Krieg,  Pest,  Elend 
u.  s.  w.  weggerafft  werden,  oder  so,  dass,  sei  es  durch  Laster 
oder  durch  moralische  P^nthaltsamkeit,  weniger  Menschen  ge- 
boren werden  („positive  and  prevontive  checks").  Da  alle  diese 
Hemmnisse  der  Volksvermehrung  mit  grossen  Leiden  verbun- 
den sind,  so  erscheint  als  das  geringste  üebel  und  demgemäss 
als  allgemeine  Menschenptiicht  die  moralische  Enthaltsamkeit, 
die  sich,  concret  genommen,  in  das  Gebot  zusammenfiissen 
lässt,  dass  Niemand  heirathen  solle,  ehe  der  die  zu  erwar- 
tende Zahl  von  Kindern  sicher  standesgemäss  und  gut  auf- 
ziehen könne,  und  dass  Jedermann  vorher  ein  keusches  Leben 
zu  führen  habe. 

Diese  Behauptungen  werden  in  den  zwei  ersten  Büchern 
durch  eingehende  historische  und  statistische  Untersuchungen 
bewiesen.  Das  zweite  Buch  schliesst  mit  folgenden  zusammen- 
fassenden Worten: 

„Muss  nun  nicht  jeder  aufmerksame  Beobachter  der  Ge- 
schichte der  Menschheit  zugestehen,  dass  /u  allen  Zeiten  und 
unter  allen  Verhältnissen,  in  denen  Menschen  gelebt  haben, 
und  leben,  die  Zunahme  der  Bevölkerung  nothwendig  durch 
die  Unterhaltsmittol  begrenzt  ist  --  dass  die  Bevölkerung  un- 
fehlbar zunimmt,  wenn  die  Unterhaltsmittel  zunehmen,  bis 
mächtige  entgegenstehende  Hemmnisse  dies  verhüten  —  dass 
sowohl  diese  Hemmnisse  wie  diejenigen,  welche  die  Bevölke- 
rung auf  dem  durch  die  Unterhaltsinittel  bestimmten  Maass 
niederhalten,  in  moralischer  Enthaltsamkeit,  Laster  und  Elend 
bestehen."  —  Darauf  folgt  noch  eine  kurze  Ausführung,  dass 


R.  Maltbas.  209 

im  modenien  Europa  die  präventiven  Hemmnisse  relativ 
gegenüber  Krieg,  Hungersnoth  und  Pest  tiberwiegen,  und  dass 
auch  die  moralische  Enthaltsamkeit,  so  sehr  sie  beim  männ- 
lichen Geschlecht  auch  zu  wünschen  übrig  lässt,  heute  schon 
mehr  beobachtet  werde  als  früher.  Wenigstens  sei  das  Hin- 
ausschieben des  Heirathens  aus  vorsichtigen  Ueberlegungen 
bereits  heute  das  wichtigste  Hemmniss  der  Bevölkemngsver- 
mehrung  in  Europa.  — 

In  diesen  Auseinandei-setzungen  der  zwei  ei'sten  Bücher 
mag  im  Einzelnen  in  Bezug  auf  historisches  und  statistisches 
Material  Manches  auszusetzen  sein  —  vom  Standpunkte  heu- 
tiger Kenntnisse.  Auch  mag  man  die  Einseitigkeit,  mit  welcher 
der  erwähnte  Conflict  als  letzte  Ursache  der  vei'schiedensten 
Erscheinungen  hervorgehoben  wird,  tadeln,  und  die  arith- 
metische Progression  als  ein  schlecht  gewähltes  Beispiel  be- 
zeichnen, weil  es  leicht  die  falsche  Anschauung  von  der  Noth- 
wendigkeit  der  arithmetischen  Progression  hervorruft.  Dies 
alles  aber  sind  höchst  unwesentliche  Ausstellungen.  Die  Haupt- 
sache, dass  zwischen  der  Neigung  und  Fähigkeit  der  Menschen, 
sich  zu  vermehren,  und  der  Möglichkeit,  die  beliebig  sich  ver- 
mehrenden Menschen  zu  unterhalten,  ein  Conflict  besteht,  und 
dass  in  Folge  dessen  die  Vermehi-ung  der  Menschen  nicht 
nach  Belieben  vor  sich  geht,  sondern  durch  Leiden  oder  Ent- 
sagung beschränkt  wird  —  diesen  Hauptsatz  kann  nur  ein 
unverbesserlicher  Optimist  leugnen  ^) ,  der  den  Raum  auf  der 
Erde  für  unendlich  gross  hält,  und  auf  Grund  irgend  einer 
Willkürlichkfit  eine  schmerzlose  Abnahme  des  Geschlechts- 
triebes bei  wachsender  Civilisation  annimmt.  Nicht  oft  ge- 
nug kann  man  auch  gegenüber  manchen  Gegnern  betonen, 
dass  Malthus  nicht  beliauptet  hat,   die  Menschenzahl  wachse 


*j  In  neuester  Zeit  wurde  die  Wahrheit  dieses  Satzes  auch  von  socia- 
listischer  Seite  anerkannt,  während  hisher  der  extreme  Socialismus  Mal- 
thas  meist  nur  bitter  angegriffen  hatte.  S.  Kautsky,  Einfluss  der  Volks- 
Termehrung,  Wien  1880.  Leider  kann  sich  der  Verfasser,  dem  Wissen- 
Echaitlichkeit  nicht  abzusprechen  ist,  zu  der  sittlichen  Höhe  von  ]\Ialthus 
nicht  erschwingen,  und  leitet  aus  seinem  schrofi*  utilitarischen  Standpunkt 
den  Rath  des  präventiven  Geschlechtsverkehrs  als  des  geringsten  Uebels  ab* 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  14 


210  Erstes  Buch,   Cap.  2 

wirklich  in  geometrischer  Progression,  sondern  nur,  sie  habe 
die  Tendenz  dazu.  Nicht  einmal  dieses  kann  man  Malthus 
vorwerfen,  dass  er  die  Unterschiede  in  der  praktischen  Be- 
deutung seines  Bevölkerungsgesetzes  verkannt  habe,  die  sich 
durch  Vorhandensein  vieles  jungfräulichen  Bodens,  durch  plötz- 
liche industrielle  und  merkantile  Fortschritte  ergeben.  Denn 
er  kennt  und  erwähnt  diese  TJntei-schiede  wohl,  behauptet 
nur,  dass  zuletzt  immer  wieder  in  verschiedenem  Maasse  die 
Unmöglichkeit  einer  Bevölkerungsvennehrung  nach  natürlichem 
Belieben  hervortreten  müsse.  Er  hat  auch  in  den  späteren 
maassgebenden  Auflagen  die  Sache  nicht  so  aufgefasst,  als  sei 
zu  gegebener  Zeit  eine  absolute  Menge  von  UnterhaJtsmittelu 
vorhanden  und  diesen  entsprechend  eine  ganz  bestimmte 
Menge  von  Menschen  möglich,  so  dass  am  „Banquet  des 
Lebens"  ein  neuer  Mensch  nur  nach  dem  Abgang  eines  alten 
Platz  finden  könne.  Er  erkennt  überall,  dass  die  vorhandene 
Menge  von  Unterhaltsmitteln  dehnbar  sei  —  nur  bildet  nicht 
jeder  neue  Mensch  eine  dem  alten  äquivalente  Productiv- 
kraft,  und  die  geringere  Vermelirbarkeit  der  Unterhaltsmittel 
gegenüber  der  grösseren  der  Menschen  bewirkt  Fühlbarkeit 
der  „checks"  in  verschiedenem  Maasse. 

Kurz,  gegenüber  der  noch  im  gauzen  18.  Jahrhundert 
vorheiTschenden  blinden  Tendenz  nach  Bevölkerungsvermehrung 
um  jeden  Preis,  von  welcher  sogar  der  grosse  Süssmilch  er- 
füllt war,  hat  Malthus  das  grosse  Verdienst  in  den  politischen 
Wissenschaften  eine  einfache  unleugbare  Wahrheit  zuei-st  be- 
tont zu  haben,  die  freilich  nicht  angenehm  klingt,  die  unter 
mancherlei  Verhältnissen  von  geringer  praktischer  Bedeutung 
sein  und  die  er  sehr  einseitig  betrachtet  haben  mag  —  welche 
aber  von  so  grundlegender  Bedeutung  ist,  dass  Malthus  für 
alle  Zeiten  den  Mittelpunkt  aller  Studien  über  Bevölkerungs- 
lehre bildet,  und  dass  jeder  Vorurtheilsfreie  ihm  den  höchsten 
Ruhm  eines  Entdeckers  in  den  socialen  Wissenschaften  zuge- 
stehen muss.  Denn  derjenige  entdeckt  eine  sociale  Wahr- 
heit, der  seine  Zeit  und  die  Zukunft  zur  Anerkennung  ihrer 
Bedeutung  zwingt. 

Die  reine  Theorie  der  Bevölkerungslehre  kann  in  der  That 


R.  Malthus.  211 

an  den  Malthus'schen  Sätzen^  wenn  sie  dieselben  richtig 
versteht,  nur  unwesentliches  durch  leichte  Einschränkungen 
und  Zusätze  kritisiren.  Anders  steht  die  Safche,  wenn  wir  die 
gesaminte  Weltauffassung  betrachten,  von  der  Malthus  be- 
herrscht war;  wenn  wir  die  praktischen  politischen  und  socialen 
Zwecke  in's  Auge  fassen,  welchen  er  diente.  Wir  werden  uns 
dabei  hauptsächlich  an  das  dritte  und  vierte  Buch  des  Essays 
zu  halten  haben,  und  dabei  mancherlei  theoretische  Einseitig- 
keiten und  praktische  Inlhümer  nicht  leugnen  können.  Wie 
schon  erwähnt,  steht  Malthus  weit  über  Ricardo,  indem  er  den 
grossen  Zusammenhang  aller  politischen  und  socialen  Fragen 
überhaupt  im  Auge  hat,  ja  er  steht  in  einer  Hinsicht  auch 
über  Adam  Smith,  insofern  er  die  ihn  leitende  Philosophie 
erkennbar  in  sein  Buch  verwebt.  Aber  eben  hier  sind  manche 
Unklarkeiten  und  Lücken  nicht  zu  verkennen. 

Schon  in  den   ersten  Zeilen   des  ganzen  Werks  bekennt 
es  Malthus  als  seine  Absicht,  „die  Ursachen,  welche  bisher 
den  Fortschritt  der  Menschheit  zum  Glück  aufgehalten  haben, 
zu  ergi'ünden."    Der   utilitarische   Gedanke ,    dass  der  Ein- 
floss  auf  das  Glück  der  menschlichen  Gesammtheit  der  Maass- 
stab   für    die    Sittlichkeit   einer   Handlung    sei,   tritt    dann 
später  an  den  vei-schiedensten  Stellen  deutlich  hervor.     Im 
3.  Capitel  des  IV.  Buchs  stellt  sich  Malthus  ganz  einfach  auf 
len  Standpunct    des  Utilitariers  und  sagt:   „Ich  sehe  nicht 
in,  wie  Jemand,  der  das  Ntitzlichkeitsprincip  als  den  grossen 
'^aassstab  für  moralische  Regeln  betrachtet,  sich  der  Folgerung 
itziehen  kann,  dass  moralische  Enthaltsamkeit  oder  die  Unter- 
;sung  des   Heirathens,   ehe   wir  eine   Familie   unterhalten 
inen  und  völlige  Keuschheit  in  dieser  Zeit,  die  genaue  Linie 
Pflicht   ist."  —   „Das    Glück    der  Gesammtheit   ist   das 
ultat  des  Glücks  der  Einzelnen  nnd   muss  bei  Letzteren 
nnen.*' 

Freilich  wird  gleich  dazu  gesagt,   dass  eine  richtige  Be- 
tung der  göttlichen  Offenbarung  zu  denselben  Resultaten 
;    häufig   wird    von    „Glück  und  Tugend''    gesprochen; 
icklich   wird  betont,    dass  Glück  und  Reichthum   nicht 

;ch  seien,  letzterer  vielmehr  nur  eine  Quelle  des  ersteren. 

14* 


212  Erstes  Buch,   Cap.  2. 

„Das  Glück  einer  Gesellschaft  ist  endlich  das  berechtigte  Ziel 
ihres  Wohlstandes,  ihrer  Macht  und  Volkszahl."  (B.  III,  c.  12.) 

Kurz,  wenn  Malthus  die  Frage  nach  dem  letzten  Grunde 
der  von  ihm  aufgestellten  Menschenpflicht  aufwirft  und  dabei 
auf  das  Wesen  und  die  Ursache  moralischer  Pflichten  über- 
haupt kommt  —  so  laufen  bei  ihm  christlich  theologische 
Ideen,  die  Nützlichkeitslehre  und  eine  Philosophie,  welche  die 
Tugend  und  das  Sittliche  als  etwas  Selbständiges  gegenüber 
dem  Nützlichen  und  gegenüber  dem  von  der  christlichen  OflTen- 
barung  Gebotenen  behandelt,  nebeneinander  her.  Besonders 
charakteristisch  zeigt  dies  z.  B.  folgende  Stelle  Buch  IL  Cap.  2: 

„Es  ist  eine  erfreuliche  Bestätigung  für  die  Wahrheit 
und  Göttlichkeit  der  christlichen  Religion  und  ihrer  Brauch- 
barkeit für  einen  vorgeschrittenen  Zustand  der  menschlichen 
Gesellschaft,  dass  sie  unsere  Pflichten  in  Bezug  auf  Ehe  und 
Fortpflanzung  in  ein  anderes  Licht  stellt  als  es  vorher  geschah. 

„Ohne  uns  auf  diesen  Gegenstand  genauer  einzulassen, 
was  zu  weit  führen  würde,  so  wird  man  doch  zugestehen, 
dass,  wenn  man  den  Geist  von  St.  Paulus  Erklärungen  über 
die  Ehe  auf  den  jetzigen  Zustand  der  Gesellschaft  und  die 
bekannte  BeschaflFenheit  unserer  Natur  anwendet,  der  natür- 
liche Schluss  folgender  zu  sein  scheint: 

„Die  Ehe  ist  recht,  wenn  sie  nicht  mit  höheren  Pflichten 
coUidirt,  andernfalls  ist  sie  unrecht.  'Nach  den  allgemeinen 
Principien  der  Moralwissenschaft  ist  der  Weg,  vom  Licht  der 
Natur  zum  Willen  Gottes  zu  gelangen,  so  zu  finden,  dass  wir 
nach  der  Tendenz  der  Handlung,  das  allgemeine  Glück  zu 
vermehren  oder  zu  vermindern,  fragen'  (Paley).  Es  giebt  viel- 
leicht wenige  Handlungen,  die  so  direct  zur  Verminderung 
des  allgemeinen  Glücks  beitragen,  als  Heirath  ohne  Mittel  zur 
Kinderunterhaltung.''  ~ 

Man  sieht,  Malthus  benutzt  die  Popularität  der  Nüzlich- 
keitvSlehre  und  nimmt  keinen  Anstoss  an  ihr.  Er  hält  sie  auf- 
richtig und  ehrlich  für  vereinbar  mit  strengem  biblischen 
Christenthum  —  und  zwar  oftenbar  in  der  Weise,  dass  die 
üebereinstimmung  der  christlichen  Morallehre  mit  den  natür- 


R.  Malthus.  213 

liehen  Folgerungen  der  Nützlichkeitslehre  die  Wahrheit  des 
Christen thums  beweist,  nicht  umgekehrt.  Diese  gewisser- 
maassen  untergeordnete  Stellung  des  Glaubens  gegenüber  der 
Wissenschaft  tritt  hier  noch  weit  deutlicher  hervor  als  bei 
Süssmilch,  der  wenigstens  äusserlich  und  fonnell  die  Noth- 
wendigkeit  seiner  „natürlichen  Ordnung"  aus  dem  geoffenbarten 
Willen  Gottes  und  nicht  aus  seiner  factisch  ganz  selbständigen 
wissenschaftlichen  Beobachtung  und  Untei*suchung  ableitet. 

Dies  gleichzeitige  Benützen  verschiedener  Standpuncte 
rührt  nicht  etwa  davon  her,  dass  Malthus  den  Anhängern 
aller  Religionen  und  aller  Philosophien  vor  Allem  nur  die 
Wahrheit  seines  Hauptsatzes  und  der  daraus  folgenden  prak- 
tischen Regeln  klar  machen  wollte  —  vielmehr  liegt  die 
Sache  so,  dass  Malthus  zu  viel  allgemeine  Bildung,  zu  viel 
religiöses  und  sittliches  Pathos  besitzt,  um  etwa  die  Bentha- 
mitische  Nützlichkeitslehre  in  ihrer  schroffen  Ausbildung  zum 
einzigen  Ausgangspunkt  zu  nehmen^)  und  dass  er  doch  zu 
wenig  Drang  nach  Entwicklung  einer  geschlossenen  philosophi- 
schen Weltanschauung  hatte,  um  die  Unvereinbai-keit  der  aus- 
scliliesslichen  Nützlichkeitslehre  mit  dem  Geiste  des  Christen- 
thums  und  einer  jeden  Ethik,  in  welcher  der  Begriff  von 
Tugend  und  Sittlichkeit  als  ein  selbständiger  existirt,  zu  er- 
kennen. 

So  kam  es,  dass  er  die  Frage,  warum  der  Einzelne 
das  allgemeine  Glück  befördern  soll,  nicht  stellte,  ob- 
wohl er  keineswegs  nothwendige  Identität  oder  Harmonie  aller 
Interessen  anerkannte,  und  dass  er  somit  in  Bezug  auf  die 
letzte  philosophisch-religiöse  Begründung  seiner  Ansichten  un- 
klar blieb  —  obwohl  er  nicht  umhin  konnte,  stets  an  die 
höchsten  Probleme  von  Religion  und  Philosophie  zu  streifen. 


^)  Die  Abweichung  von  Benthani  ohne  bewussten  Widerspruch  gegen 
denselben  tritt  besonders  deutlich  in  den  Stellen  von  Buch  lY,  Cap.  1 
hervor,  wo  ausgeführt  wird,  dass  die  menschlichen  Leidenschaften  die 
Grundlage  all  unserer  Freuden  und  Leiden,  unseres  GlQcks  und  Elends, 
unserer  Tugenden  und  Laster  sind  —  während  Bentham  bekanntlich 
die  Leidenschaften  nicht  durch  Yernuntt  und  Pflichtgefühl  zähmen,  son- 
dern geradezu  durch  Nützlichkeitsspeculationen  verdrängen  will. 


214  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

Indessen  diese  Unklarheit  fQhrt  nicht  zu  schwachen, 
falschen  oder  übertriebenen  Consequenzen.  Besonders  muss 
heiTorgehoben  werden,  dass  seine  Kenntniss  der  Naturwissen- 
schaften ihn  nicht  zu  materialistischen  Verallgemeinerungen 
führte.  Zeuge  dafür  sind  besonders  das  1.  Capitel  des  L 
und  das  1.  Capitel  des  III.  Buchs,  in  denen  bekanntlich  An- 
regungen zu  den  späteren  Darwin'schen  Theorien  enthalten 
sind,  aber  keinerlei  übereilte  Verallgemeineiaingen  vorkommen, 
wie  wir  sie  später  bei  Quetelet  und  Anderen  finden.  —  E,benso- 
wenig  fühlt  ihn  das  Nützlichkeitsprincip  bei  der  Behand- 
lung ökonomischer  Fragen  zum  extremen  Individualismus, 
vielmehr  ist  eine  social-politische  Gesammtanschauung  zu  er- 
kennen, die  in  sich  consequent  und  geschlossen  ist,  und  in 
weit  höherem  Maasse  als  bei  Adam  Smith  von  gleichmässiger 
Erfassung  ökonomischer,  politischer  und  ethischer  Gesichts- 
puncte  zeugt. 

Um  mit  den  ethischen  Gesichtspuncten  zu  beginnen,  so 
habe  ich  schon  hervorgehoben,  dass  Malthus  an  vielen  Stellen, 
z.  B.  am  Schluss  des  3.  Cap.  des  III.  Buchs,  eine  strenge 
sittliche  Verantwortlichkeit  des  Individuums  verlangt,  von 
welcher  die  Pflicht  des  Einzelnen,  sich  leichtsinniger  Kinder- 
erzeugung zu  enthalten,  nur  eine  Anwendung  ist  (Buch  IV, 
Cap.  1).  „Natürliche  und  moralische  Uebel  sind,  wie  es 
scheint,  die  Mittelf  welche  Gott  anwendet,  uns  zu  ermahnen, 
jedes  Verhalten  zu  unterlassen,  das  unserer  Natur  nicht  zu- 
sagt und  daher  uTiser  Glück  beeinträchtigt.  Sind  wir  un- 
mässig  im  Essen  und  Trinken,  so  wird  unsere  Gesundheit 
gestört.  Geben  wir  den  Erregungen  des  Zornes  nach,  so  be- 
gehen wir  gewöhnlich  Handlungen,  die  wir  nachher  bereuen. 
Vermehren  wir  uns  zu  rasch,  so  sterben  wir  vor  Armuth 
oder  an  Seuchen.  Die  Gesetze  der  Natur  sind  in  all'  die- 
sen Fällen  ähnlich  und  gleichfönnig.'^  „Offenbar  ist  Regu- 
lirung  und  Leitung,  nicht  Verminderung  oder  Aenderung 
nöthig  in  Bezug  auf  das  Gesetz  der  Bevölkerung.  Und  wenn 
moralische  Enthaltsamkeit  das  einzige  tugendhafte  Mittel  zur 
Vermeidung  der  diesem  Gesetz  entspringenden  Uebel  ist,  so 
beruht  unsere  Pflicht,   dieselbe  auszuüben,   auf  derselben 


R.  Malthus.  215 

Gnindlage,  wie  die  Pflicht  zu  jeder  anderen  Tugend."  Oder 
Cap.  2:  „Zu  den  Christen  würde  ich  sagen,  dass  die  Schrift 
es  aufs  Klai-ste  und  Bestimmteste  als  unsere  Pflicht  hinstellt, 
unsere  Leidenschaften  in  den  Grenzen  der  Vernunft  zuiück- 
zuhalten  etc." 

Mässigung  der  natürlichen  Triebe  erscheint  als  sittliche 
Pflicht  des  Einzelnen,  gemässigter  Foitschritt  ist  das  Ideal, 
welchem  nach  Malthus  alle  politischen  und  socialen  Institu- 
tionen dienen  sollen.  — 

Ich  werde  gleich  zeigen,  dass  und  wie  er  den  Einfluss 
menschlicher  Institutionen  zu  gering  schätzt;  indessen  er  unter- 
sucht überhaupt  die  Frage,  wie  sich  gesellschaftliche  Ein- 
richtungen und  individuelles  Thun  zu  einander  verhalten. 
Jene  Untei-schätznng  entsprang  nur  aus  dem  Bestreben,  vor 
übereilter  und  radicaler  Aenderung  englischer  Institutionen 
zu  warnen ;  und  wenn  dieselbe  im  Sinne  des  einfachen  „Laissez 
faire"  ausgebeutet  worden  ist,  so  geschah  es  gegen  den  Geist 
des  Werkes. 

Von  der  französischen  Revolution  sagt  Malthus  gelegent- 
lich der  Besprechung  von  Condorcet's  „Esquisse  d*un  Tableau 
Historique  des  Progr^s  de  TEsprit  Humain":  „Der  Anblick 
einer  der  erleuchtetsten  Nationen  der  Welt,  welche  erniedrigt 
ist  zu  einer  gährenden  Masse  von  abschreckenden  Leiden- 
schaften, Furcht,  Grausamkeit,  Bosheit,  Kachsucht,  Ehrgeiz, 
Tollheit  und  Wahnwitz,  die  selbst  den  wildesten  Nationen  in 
barbarischer  Zeit  zur  Schande  gereichen  würden,  müsse  für 
seine  Ideen  vom  nothwendigen  und  unvermeidlichen  Fortschritt 
des  menschlichen  Geistes  eine  ei-schreckende  Erschütterung 
sein,  der  nur  die  tiefste  Ueberzeugung  von  der  Wahrheit 
seiner  Principien  im  Gegensatze  zu  allen  äusseren  Erschein- 
ungen widerstehen  könnte"  (Buch  III,  Cap.  1). 

Ebenda  Cap.  2:  „Die  W^ahrheit  ist,  dass,  obwohl  mensch- 
liche Institutionen  die  offenbare  Ursache  vieler  gesellschaft- 
licher Missstände  zu  sein  scheinen,  und  es  in  der  That  oft 
sind,  sie  doch  in  Wirklichkeit  von  unerheblicher  und  ober- 
flächlicher Bedeutung   sind,    im    Vergleich   mit  jenen    tiefer 


216  ^^tes  Bach,  Cap.  2. 

liegenden  Ursachen,  die  aus  den  Gesetzen  der  Natur  und  den 
Leidenschaften  der  Menschen  entspringen/'  —  Oder  Buch  IV, 
Cap.  6: 

„Ein  Pöbel  —  gewöhnlich  die  Folge  zu  grosser  Bevölke- 
rung —  gereizt  durch  das  Gefühl  wirklicher  Leiden,  aber  in 
völliger  Unkenntniss  von  deren  Ursprung,  ist  von  allen  der 
gefährlichste  Feind  (monster)  der  Freiheit"  —  „Paine  bemerkt 
richtig,  dass  der  wirkliche  Grund  eines  Auflaufs  immer  der 
empfundene  Mangel  an  Glück  sei,  welches  auch  der  schein- 
bare Ginind  sein  möge;  aber  wenn  er  fortfährt,  zu  sagen, 
dass  irgend  etwas  Fehlerhaftes  in  der  Verfassung  des  Staats 
das  Glück,  durch  welches  die  Gesellschaft  erhalten  wird,  be- 
einträchtigt, so  verfällt  er  in  den  gewöhnlichen  Inthum,  alles 
Unglück  der  Regierung  zuzuschreiben."  —  Ebenda  Cap.  7: 

„Die  falschen  Erwartungen  und  überschwenglichen  For- 
derungen der  Volksführer  vei*schafiFten  der  Regierung  nicht 
nur  einen  leichten  Sieg  über  jeden  starken  oder  massigen 
Reform  Vorschlag,  sondern  gaben  sogar  verhänguissvolle  Mittel 
zu  offensiven  Angriffen  auf  die  Verfassung  an  die  Hand."  — 

Neben  solcher  Abneigung  gegen  leidenschaftliche  und 
radicale  Reform-  resp.  Revolutionspläne  und  übertriebenen 
Glauben  an  die  Bedeutsamkeit  von  Institutionen  wird  aber 
nicht  nur  die  Wichtigkeit  von  Ehe  und  Eigenthum,  sowie  der 
natürliche  und  nothwendige  Zusammenhang  beider  Institutionen 
(Buch  III,  Cap.  2)  erkannt,  und  die  zu  erwartende  Venneh- 
rung der  Güter  als  Rechtfertigungsgruud  des  Eigenthums  an- 
geführt (Buch  IV,  Cap.  1),  sondern  es  erscheint  vor  Allem  der 
historisch  gewordene  Staat  als  eine  der  wesentlichsten  Be- 
dingungen für  die  Gestaltung  aller  socialen  Verhältnisse. 
Buch  in,  Cap.  4  wird  in  sehr  antimanchesterlicher  Weise 
ausgeführt,  wie  das  Handelsinteresse  eines  unabhängigen 
Staats  ein  anderes  sei  als  das  einer  Provinz,  und  wie  die 
Vereinigung  von  sieben  Königreichen  zu  einem  englischen 
Reich  für  die  Vertheilung  des  Reiclithums  in  England  sehr 
wichtig  sei.  Umgekehrt  wird  an  vielen  Stellen  betont,  dass 
die  Verhinderung  übergrosser  Bevölkerung  ein  catilinarisches 
Proletariat  verhüte,  das  ganze  Volk  conservativ  mache  und 


R.  Malthus.  217 

allniäligen  Foitschritt  sichere  —  d.  h.  Malthus  erkennt  voll- 
ständig die  Wechselwirkung  socialer  und  politischer  Verhält- 
nisse. Besonders  wichtig  in  dieser  Hinsicht  ist  das  6.  Cap. 
des  IV.  Buchs.  Malthus  will  die  durch  Uebervölkerung  ent- 
stehende Annuth  als  eine  politische  Gefahr  entfernen,  aber 
nicht  um  den  besitzenden  Classen  gesicherten  Genuss  ihrer 
erworbenen  Stellung  zu  garantieren,  sondern  um  diese,  und 
zwar  insbesondere  den  Grossgrundbesitz,  in  den  Stand  zu 
setzen,  seine  Aufgabe,  die  Freiheit  zu  hüten  und  gemässigten 
Fortschritt  anzubahnen,  zu  erfüllen.  Alles  zusammengenommen 
ist  Malthus  ein  Conservativer,  der  nicht  nur  manche  unab- 
weisbare Fordeiomgen  des  modernen  Liberalismus  acceptirt, 
sondern  auch  seine  Gesinnungsgenossen  vorwärts  treibt,  indem 
er  entschieden  von  dem  Gedanken  erfüllt  ist,  dass  höhere 
sociale  Stellung  höhere  politische  Pflichten  auferlege. 

„Die  Anstrengungen  aufgeregter  und  unzufriedener  Männer 
aus  den  Mittelclassen  könnten  wir  ruhig  ignoriren,  wenn  die 
Armen  über  die  wahre  Natur  ihrer  Lage  soweit  aufgeklärt 
wären,  um  zu  erkennen,  dass  sie  voraussichtlich  nur  den  ehr- 
geizigen Absichten  Anderer  dienen,  ohne  irgend  welchen  eigenen 
Gevjinn  zu  erringen,  wenn  sie  ersteren  bei  ihren  Neuerungs- 
plänen helfen.  Die  Landedelleute  und  die  besitzenden  Classen 
in  England  könnten  dann  ruhig  wieder  mit  heilsamer  Eifer- 
sucht sich  gegen  Eingriffe  in  ihre  Macht  wehren,  und  statt 
täglich  die  Freiheiten  der  Unterthanen  auf  dem  Altar  der 
öffentlichen  Sicherheit  zu  opfern,  könnten  sie  ohne  jede  Be- 
sorgniss  vor  dem  Volke  nicht  nur  ihre  letztgethanen  Schritte 
rückgängig  machen,  sondern  fest  auf  jenen  schrittweisen 
Reformen  bestehen,  welche  der  Verlauf  der  Zeit  und  dje 
Stürme  in  der  politischen  Welt  nothwendig  gemacht  haben, 
soll  eine  allmälige  Vernichtung  der  englischen  Verfassung 
verhütet   werden."  — 

Ich  kann  mir  nicht  versagen,  eine  weitere  charakteristische 
Stelle  anzuführen,  welche  zeigt,  wie  Malthus  überhaupt  über 
Constitutionalismus  dachte ,  und  wie  sein  Ideal  eine  allnullige 
Emporhebung  Aller  zu  einer  aristokratischeren  Stellung  war  — 
im  Gegensatze  zu  einer  Alle  drückenden  Gleichmacherei: 


218  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

„Man  hat  oft  gesagt,  der  einzige  Grund  für  eine  ge- 
wisse Theilnahme  des  Volkes  an  der  Regierung  sei  darin 
zu  suchen,  dass  eine  Volksvertretung  die  beste  Gewähr  für 
gute  und  billige  Gesetze  leistet,  dass  aber  die  Sache  für 
die  Gesammtheit  gerade  so  gut  stehen  würde,  falls  unter 
einem  Depotismus  dasselbe  Ziel  en-eicht  werden  könnte. 
Wenn  aber  das  repräsentative  System,  indem  es  den  niederen 
Ständen  der  Gesellschaft  eine  billigere  und  wohlwollendere 
Behandlung  seitens  der  Höheren  sichert,  jedem  Individuum 
eine  grössere  pei-sönliche  Respectabilität  und  giössere  Furcht 
vor  persönlicher  Eraiedrigung  verleiht,  so  ist  es  klar,  dass 
dies  System  mächtig  zur  Sicherheit  des  Eigenthums  beitragen 
muss,  indem  es  Thätigkeit  und  Fleiss  anspornt,  Gewohnheiten 
der  Vorsicht  erzeugt,  und  so  Reichthum  und  Wohlfahrt  der 
unteren  Glasten  stärker  befordert,  als  dies  möglich  wäre,  wenn 
dieselben  Gesetze  unter  einem  Despotismus  beständen." 

Was  die  eigentlich  socialen  Fragen  betrifft,  so  durchdenkt 
diese  Malthus  —  unähnlich  Ricardo  —  in  ihrer  ganzen  Breite. 
Seine  Darstellung  und  Kritik  des  Communismus  (Buch  III, 
Cap.  2  u.  3),  sind  höchst  umsichtig  und  dabei  vorurtheilsfirei 
gegen  die  Personen  z.  B.  Owen.  Schon  dadurch,  dass  die 
Möglichkeit  eines  Zustandes  ohne  Sonderei<ienthum  überhaupt 
erwogen ,  die  Frage  nach  der  Lebensfähigkeit  des  Communis- 
mus in  der  Zukunft  aufgeworfen,  und  die  Nothwendigkeit  resp. 
Nützlichkeit  des  Sondereigenthums  bewiesen  wird,  erhebt  sich 
Malthus  über  jene  Nationalökonomen,  die  das  Sondereigenthum 
ohne  Weiteres  als  naturrechtliche  Selbstverständlichkeit  hin- 
nehmen. Die  jetzige  Welt  mit  dem  Sondereigenthum  und 
dem  Egoismus  als  Haupttriebfeder  der  menschlichen 
Handlungen  erscheint  dabei  Malthus  nicht  als  vollkommene, 
nur  als  die  relativ  beste  der  Welten,  in  welcher  immer  mehr 
allmälig  und  schrittweise  gebessert  werden  könne  und  solle. 
Eine  andere  Frage,  die  Malthus  aufwirft  und  sehr  eingehend 
realistisch  untei^sucht,  ist  die,  ob  bei  zunehmendem  Reichthum 
der  Gesammtheit  die  Lage  der  Arbeiter  verbessert  werde  oder 
nicht.  Malthus  wünscht  Verbesserung  der  Lage  der  arbeiten- 
den Classen  von  Herzen  herbei  und  er  beantwortet  die  Frage 


H.  Malihas.  219 

nicht  mit  einer  abstracten,  allgemein  gültigen  Formel,  sondern 
indem  er  ein  gewissermaassen  ideales  Ziel  hinstellt,  und  die 
Mittel  und  Wege  sucht,  wie  man  sich  allmälig  diesem  Ziele 
nähern  könne  (Buch  IV,  Cap.  13): 

„Man  hat  allgemein  beobachtet,  dass  die  Mittelclassen 
der  Gesellschaften  am  meisten  Neigung  zu  tugendhaften 
und  fleissigen  Gewohnheiten  und  am  meisten  Fähigkeit  zur 
Entwicklung  aller  Talente  besitzen.  Aber  es  ist  klar 
dass  nicht  Alle  in  der  Mitte  sein  können.  Obere  und  untere 
Stände  sind  der  Natur  der  Dinge  nach  absolut  nöthig,  ja 
sogar  sehr  heilsam.  Wenn  Niemand  hofFen  könnte,  in  der 
Gesellschaft  höher  zu  steigen,  Niemand  zu  ftlrchten  brauchte, 
zu  sinken  —  wenn  Fleiss  nicht  seinen  Lohn,  Faulheit  nicht 
ihre  Strafe  mit  sich  brächte,  so  könnten  wir  nicht  jene 
lebendige  Thätigkeit  zur  Verbesserung  unserer  Lage  erwarten, 
welche  heute  die  Hauptquelle  des  öffentlichen  Wohls  ist. 
Allein  wenn  wir  die  verschiedenen  Staaten  Europas  betrachten, 
entdecken  wir  beträchtliche  Verschiedenheit  in  dem  Ver- 
hältniss  der  höheren,  mittleren  und  unteren  Stände,  und  durch 
die  Wirkung  dieser  Verschiedenheiten  wird  es  wahrscheinlich, 
dass  unsere  bestbegründeten  Hoffnungen,  eine  Zunahme  des 
Glücks  der  Masse  der  Menschheit  zu  erreichen,  auf  der  Aus- 
sicht auf  eine  relative  Zunahme  der  Mittelclassen  beruhen. 
Und  wenn  die  niederen  Volksclassen  die  Gewohnheit  ange- 
nommen haben,  das  Angebot  von  Arbeit  einer  stationären 
und  selbst  abnehmenden  Nachfrage  anzupassen,  ohne  eine 
Zunahme  von  Elend  und  Sterblichkeit  wie  gegenwärtig, 
so  können  wir  uns  sogar  der  Hoffnung  hingeben,  dass  der- 
einst der  Process  der  Verminderung  der  menschlichen  Arbeit, 
welcher  in  den  letzten  Jahren  so  rasch  vorgeschritten  ist,  da- 
hin fuhren  wird,  dass  alle  Bedürfnisse  der  reichsten  Gesell- 
schaft mit  weniger  persönlicher  Anstrengung  befriedigt  werden 
als  heute;  dass  wenigstens  die  Zahl  Derjenigen,  die  hart 
arbeiten  müssen,  kleiner  wird,  wenn  auch  die  Härte  der 
persönlichen  Anstrengung  nicht  vermindert  wird.  Werden 
auf  diese  Weise  die  unteren  Classen  weniger  zahlreich  und 
die  mittleren  zahlreicher,  so  kann  jeder  Arbeiter  sich   eher 


220  £^tes  Bach,  Gap.  2. 

der  auf  Vernunft  begründeten  Hoffnung  hingeben,  durch  Fleiss 
und  Thätigkeit  in  eine  bessere  Lage  zu  kommen;  die  Be- 
lohnung fttr  Anstrengung  und  Tugend  würde  häufiger  wer- 
den, die  Lotterie  der  menschlichen  Gesellschaft  aus  weniger 
Nieten  und  mehr  Trefl'eni  bestehen  und  die  Summe  des 
socialen  Glücks  entschieden  zunehmen."  — 

Wir  erkennen  hieraus  die  Idee  des  socialen  Fortschritts 
durch  allmälige  Emporhebung  eines  wachsenden  Theils  des 
Proletariats  und  Aufhebung  des  absoluten  FJends  des  letzteren; 
das  Zugeständniss ,  dass  die  gegenwärtige  Güter vertheilung 
nicht  absolut  gerecht  (wenn  auch  keine  durch  Gewalt  umzu- 
stürzende Ungerechtigkeit)  ist:  kui*z,  das  Programm  der 
socialen  Reform  im  doppelten  Gegensatz  zu  optimistischem 
socialem  Conservatismus  und  zu  socialer  Revolution. 

Dieser  Glaube  an  Fortschritt  und  dieser  Wunsch  nach 
Reform  tritt  noch  an  vielen  Stellen,  besonders  auch  in  den 
Schlussworten  des  ganzen  Werks  hervor,  wobei  diese  Ansichten 
in  deutlich  erkennbarer  Verbindung  mit  den  sonstigen  Gmnd- 
anschauungen  des  Verfassers  auftreten.    (Buch,  IV,  Cap.  14): 

„Alles  zusammen  genommen  sind  unsere  Aussichten  in 
Bezug  auf  Milderung  der  aus  dem  Bevölkerungsgesetz  hervor- 
gehenden Uebel  zwar  nicht  so  glänzend  als  wir  wünschen 
möchten,  aber  doch  keineswegs  ganz  entmuthigend  und  keines- 
wegs brauchen  wir  an  jener  allmälig  fortschreitenden  Ver- 
besserung der  menschlichen  Gesellschaft  zu  verzweifeln,  welche 
vor  den  jüngsten  wilden  Speculationen  über  diesen  Gegenstand 
das  Ziel  vernünftiger  Hoffnungen  war.  Den  Gesetzen  des 
Eigenthums  und  der  Ehe  und  dem  scheinbar  onghei-zigea 
Princip  der  Selbstsucht,  welches  jedes  Individuum  antreibt, 
sich  zur  Verbessemng  seiner  Lage  anzustrengen,  verdanken 
wir  alle  edelsten  Bethätigungen  des  nienschlicken  Geistes, 
Alles,  was  die  Civilisation  von  der  Barbarei  untei^scheidet 
Eine  genaue  Untersuchung  des  Bevölkerungsgesetzes  zwingt 
uns  zu  dem  Schluss,  dass  wir  niemals  die  Leiter,  die  uns  so 
hoch  hat  steigen  lassen,  umwerfen  können;  aber  keineswegs 
beweist  es,  dass  wir  durch  dieselben  Mittel  nicht  noch  höher 
steigen  können.    Die  Structur  der  Gesellschaft  in  ihren  grossen 


R.  MalthuB.  221 

Zügen  wird  wahrscheinlich  immer  unverändert  bleiben.  Wir 
haben  allen  Grund,  anzunehmen,  dass  sie  stets  aus  einer  Classe 
von  Besitzern  und  Arbeiten!  bestehen  wird.  Aber  die  Lage 
beider  und  ihr  Verhältniss  zu  einander  können  sich  so  ver- 
ändem,  dass  die  Harmonie  und  Schönheit  des  Ganzen  be- 
deutend zunehmen. 

„Das  theilweise  Gute,  welches  erreichbar  erecheint,  ist 
all  unserer  Anstrengung  weilh  —  und  wenn  wir  auch  nicht 
hoffen  können,  dass  Tugend  und  Glück  der  Menschen  mit 
dem  glänzenden  Fortschritt  der  Entdeckungen  in  der  Natur 
Schritt  halten  werden,  —  so  dürfen  wir  doch ,  wenn  wir  es 
an  uns  nicht  fehlen  lassen,  zuversichtlich  annehmen,  dass  die 
ersteren  in  nicht  unbeträchtlicher  Ausdehnung  durch  den  Fort- 
schritt der  letzteren  beeinflusst  und  an  ihrem  Erfolg  theil- 
nehmen  werden." 

Man  sieht,  Malthus  kennt  die  Naturwissenschaften,  ohne 
aus  ihnen  sanguinische  und  unhaltbare  Analogien  zu  entnehmen; 
er  hält  gleich  den  andem  classischen  Nationalökonomen  an 
den  Principien  des  Sondereigenthums  und  des  Egoismus  fest; 
aber  aus  bestimmten  Gründen,  und  weder  um  zu  einem  heuch- 
lerischen Optimismus,  noch  zu  einem  Hohn  auf  alle  Versuche 
zur  Verbessening  des  Loosses  der  Arbeiter  zu  gelangen,  son- 
dern aus  Gegensatz  zu  revolutionären  Uebertreibungen,  und 
um  seinen  Glauben  an  die  Nothwendigkeit  allmäliger  Aus- 
bildung und  Vervollkommnung  des  historisch  Gewordenen  zu 
begi'ünden.  —  Kurz,  in  Malthus  tritt  uns  freilich  kein  schär- 
ferer, aber  ein  minder  einseitiger  Philosoph  entgegen,  als  in 
Bentham  (vergl.  unten);  ein  Mann  mit  umfassender  politisch- 
socialer  und  naturwissenschaftlicher  Bildung,  welche  die  Bil- 
dung Ricardo's  unendlich  überragt.  Die  scharfe  Vertheidigung 
des  Sondereigenthums  und  der  Selbstliebe  stimmt  im  Erfolg 
mit  dem  Manchesterthum  überein  und  verräth  gelegentlich, 
dass  Malthus  von  den  Ideen  der  Zeitgenossen  angesteckt  war 
—  aber  die  Motive  sind  andere  wie  bei  den  Manchestermän- 
nem,  wie  schon  der  Umstand  beweist,  dass  Ehe  und  Eigen- 
thum  gewöhnlich  in  Verbindung  miteinander  besprochen  wer- 


222  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

den,  und  dass  die  egoistischen  Elugheitslehren  sich  in  wahr- 
hafte Moralgesetze  verwandeln. 

Zum  Schlüsse  müssen  nun  zwei  EigenthQmlichkeiten  von 
Malthus  —  seine  eigentlichsten  Schwächen  besprochen  werden, 
nämlich  seine  Veilheidigung  der  EornzöUe,  und  die  Einseitig- 
keit, mit  der  er  den  Armen  allein  eine  schwere  sittliche 
Pflicht  auflegte,  während  er  die  parallelen  Pflichten  der  Reichen 
nicht  gleichmässig  betonte;  und  mit  der  er  hoffte,  diese  Pflich- 
ten den  Almen  durch  Belehning  einleuchtend  zu  machen  und 
sie  so  durchzusetzen.  In  diesen  beiden  Lehren  zeigt  sich 
auch  Malthus'  sociale  Parteistellung  am  deutlichsten;  er  ver- 
tritt das  Interesse  des  aufgeklärten  Giamdbesitzers  —  freilich 
bei  Weitem  nicht  in  jener  nackten  Schroffheit,  mit  der  Ricardo 
für  das  Capital  in  die  Schranken  tritt. 

Die  Kornzölle  sind  die  Frage,  welche  in  der  ganzen  Zeit 
bis  zu  ihrer  Abschaffung  den  sichersten  Probstein  für  die 
sociale  und  socialpolitische  Stellung  eines  praktischen  oder 
theoretischen  Politikers  abgiebt. 

Im  Dienste  des  Kampfes  gegen  die  Kornzölle  entwickelte 
Ricardo  seine  abstracto  Grundrententheorie.  Malthus  ist  für 
die  Erhaltung  der  Kornzölle,  während  er  im  Uebrigen  frei- 
händlerisch ist  wie  Ricardo.  Man  kann  Malthus  nicht  darin 
zustimmen,  da  die  Kornzölle  gegenüber  der  unauthaltsamen 
industriellen  Entwicklung  und  den  Bedürfnissen  der  wachsen- 
den industriellen  Bevölkeiamg  unhaltbar  waren  und  seine  Ar- 
gumentationen mussten  den  Tendenzen  derjenigen  Landedel- 
leute  dienen,  welche  den  Geist  der  neuen  Zeit  ihren  Geld- 
interessen zu  unterwerfen  strebten,  gerade  so,  wie  ja  auch 
Malthus'  Rath,  die  officielle  Annenflege  abzuschaffen,  zuvörderst 
den  Geldinteressen  der  Grundbesitzer  willkommen  war.  — 

Wir  werden  öfter  sehen,  wie  der  für  seine  Geldinter- 
essen und  politischen  Privilegien  gegen  das  bewegliche  Ca- 
pital kämpfende  grundbesitzende  Adel  trotz  aller  einzelneu 
Ausnahmen  im  Ganzen  doch  mehr  Staatsgefühl  bewahrte,  als 
seine  Gegner  und  in  seinem  Kampfe  manche  Institutionen  zum 
Heile  des  Ganzen  erhielt  resp.  durchsetzte.  Malthus'  Buch 
ist  gewissermaassen  ein  Vorbild  für  diesen  Entwicklungsgang, 


R.  Malthus.  223 

indem  seine  Vertheidigung  der  Kornzölle  ihm  gerade  die 
Hauptgelegenheit  zur  Entwicklung  staatsmännischer  im  Gegen- 
satz zu  rein  manchesterlichen  Anschauungen  giebt,  und  indem 
sein  Kampf  gegen  die  Armengesetze  mit  dem  ernstesten  Willen 
die  Lebenshaltung  der  Arbeiter  zu  heben  Hand  in  Hand  geht. 

Schon  in  den  Untei-suchungen  über  Armengesetze  Buch  HI, 
Cap.  7  kann  man  direct  herauslesen,  dass  Koniverbilligung 
durch  freien  Import  den  Armen  nichts  nützen  könne,  weil 
sie  nicht  mit  gesteigerter  Arbeitsnachfrage  zusammenfalle. 
Es  folgen  nun  Cap.  8 — 12  Untersuchungen  über  die  Lage 
von  Ackerbau-  und  Handelsstaaten  und  über  Konizölle;  hier- 
bei wird  der  Segen  und  die  Wichtigkeit  des  Ackerbaues  etwas 
übei*schätzt,  wenn  auch  keinenfalls  in  dem  Maasse,  wie  die 
späteren  Freihändler  Handel  und  Industrie  für  die  einzige 
Quelle  alles  Heils  erklärten.  Cap.  8:  „Handel  und  Industrie 
sind  dem  Ackerbau  nöthig,  der  Ackerbau  ersteren  aber  noch 
nothwendiger.  Es  bleibt  immer  wahr,  dass  der  Uebei-schuss 
des  Products  der  Ackerbauer  dem  Wachsthum  des  nicht  mit 
Bodencultur  beschäftigten  Theils  der  Bevölkerung  Maass  und 
Grenze  setzt."  Die  Untersuchung  der  Lage  von  Ackerbau- 
und  Handelsstaaten  endigt  mit  dem  Resultat  (Cap.  10),  dass 
die  Verbindung  des  Ackerbau-  und  Handelssystems  dem  Ge- 
meinwohl am  förderlichsten  sei  und  zwar  sollen  sich  beide  die 
Waage  halten.  Handel  und  Industrie  können  nur  da  auf- 
blühen ,  wo  Feudalismus  und  Sclaverei  tiberwunden  sind,  und 
Sicherheit  des  Eigenthums  herrscht;  durch  ihre  Blüthe  wird 
vorzeitige  Stagnation  der  Arbeitsnachfrage  verhütet,  beständi- 
ger Absatz  der  Bodenproducte  gesichert.  Ein  üebergewicht 
der  Industrie  dagegen  macht  das  Land  vom  Ausland  abhängig, 
und  es  muss  ein  Rückschritt  in  der  Entwicklung  des  National- 
wohlstandes eintreten,  sobald  andere  Länder  ebenfalls  ihre 
eigene   Industrie   entwickelt   haben   werden.    — 

Also  vornehmlich  um  die  Selbständigkeit  des  Landes 
und  einen  gleichmässigen  Fortschritt  des  Nationahvohlstandes 
zu  sicheiTi,  werden  Kornexportprämien  entschuldigt,  Kornein- 
fuhi*zölle  gerechtfertigt  —  wenigstens  für  Länder  mit  vielem 
fiiichtbarem   Boden    und    wenig   schwankendem    Ernteertrag. 


224  Erstes  ßuch,  Cap.  2. 

Als  Nebengründe  ei*scheinen  noch  die  Gleichmässigkeit  der 
Getreidepreise  und  die  höhere  Pi*oductivität  des  Ackerbaus. 

Malthus  macht  also  vom  Laissez-faire-Princip  eine  Aus- 
nahme zu  Ehren  seiner  allgemeinen  Wünsche  für  poli- 
tischen und  socialen  Foilschritt.  Nicht  die  Steuerlasten 
des  Grundbesitzes,  nicht  die  Behauptung,  der  inländische 
Handel  würde  ohne  Komzölle  ruinirt  werden,  machen  ihn 
zum  Vertheidiger  dieser  Institution,  sondern  seine  Abneigung 
gegen  den  Zustand,  demzufolge  Handel  und  Industrie  über- 
wiegend und  allein  tonangebend  im  Lande  sind,  und  die  In- 
teressen dieser  weniger  sicheni  Quellen  des  Erwerbs  dominirend 
werden.  Es  lässt  sich  nicht  leugnen,  dass  damit  die  schwache 
Seite  der  durch  freien  Kornhandel  begünstigten  einseitigen 
industriellen  Entwicklung  getroffen  ist.  Obwohl  Malthus  etwas 
Unmögliches  verlangte  —  wie  die  Zukunft  lehrte  —  und  sich 
irrte,  weil  er  zumeist  nur  Englands  Handel  mit  den  andern 
europäischen  Ländern,  nicht  mit  der  ganzen  Welt  ins  Auge 
fasste,  obwohl  er  factisch  das  Interesse  eines  Standes  vertrat 
—  man  darf  nicht  vergessen,  dass  er  niemals  sophistische  oder 
leidenschaftliche  Gründe  vorbrachte,  wie  die  meisten  Fi*ei- 
händler,  sondern  dass  er  nur  aus  seiner  Auffassung  vom 
dauernden  Gemeinwohl  heraus  und  mit  der  grössten  Voi"sicht 
operirte. 

Cap.  12:  „Wir  haben  in  den  vorangehenden  Capiteln 
die  besonderen  Nachtheile  eines  ausschliesslichen  Ackerbau- 
oder Handelssystems  betrachtet,  sowie  die  besonderen  Voi-züge 
eines  Systems,  in  welchem  beide  vereint  sind  und  zusammen 
blühen.  — Es  ist  offenbar  möglich,  durch  Korneinfuhr-Beschrän- 
kungen ein  Gleichgewicht  zwischen  den  Ackerbau  und  Handel 
treibenden  Classen  zu  erhalten.  —  Das  Ziel  kann  wohl  sicher 
eiTeicht,  aber  es  kann  zu  theuer  erkauft  werden.  Und  für 
diejenigen,  die  nicht  von  vornherein  alle  derartigen  Unter- 
suchungen als  Verstoss  gegen  ein  von  ihnen  heilig:  gehaltenes 
Princip  verwerfen,  muss  es  als  eine  höchst  wichtige  praktische 
Frage  erscheinen,  ob  man  nicht  ein  Gleichgewicht  zwischen 
Ackerbau  und  Handel  unter  Umständen  künstlich  erhalten 
solle,  wenn  es  nicht  von  Natur  stattfindet"    „Völlige  Handels- 


R.  MalthoB.  225 

freiheit  ist  ein,  wie  zu  befürchten  steht,  nie  ganz  en'eichbares 
Ideal.  Dennoch  müssen  wir  streben,  uns  derselben  so  weit 
als  möglich  anzunähern.  Sie  muss  stets  als  die  grosse  all- 
gemeine Regel  betrachtet  werden.  Und  wer  eine  Abweichung 
vorschlägt,  muss  die  Ausnahme  klar  beweisen."  — 

Hat  sich  Malthus  hier  aus  sehr  entschuldbaren  Gründen 
getäuscht,  so  irrte  er  in  Bezug  auf  seine  Ansichten  über  die 
arbeitenden  Classen  auch  nicht  aus  verwei-flichen  Motiven,  wohl 
aber  in  Folge  einer  nicht  zu  entschuldigenden  Einseitigkeit. 

Er  will  alle  officielle  Annenpflege  abgeschafft  wissen 
als  nutzlos,  nur  Pnvatwohlthätigkeit  für  individuelle  Fälle  soll 
geduldet  werden;  Malthus  hält  fenier  Gewerkvereine  nicht 
nur  für  ungesetzlich ,  sondern  auch  für  unnatürlich  und  un- 
wirksam; er  verwirft  nicht  nur  die  Vorschläge  eines  Spence, 
Paine  und  Owen,  sondern  auch  die  gesammten  Tendenzen  von 
Cobbett  (ohne  ihn  jedoch  zu  nennen  [Buch  III ,  Cap.  7]) ;  er 
hält  zwar  Fabrikgesetze  für  gut  und  erkennt  die  schlimmen 
socialen  Wirkungen  der  Grossindustrie  vollständig;  erwünscht 
Hebung  der  arbeitenden  Classen  in  jeder  Hinsicht  —  aber, 
um  zu  seinem  Ziele  zu  gelangen,  verlangt  er  nur  von  dem 
Proletariat  selbst  eine  strenge  sittliche  Enthaltsamkeit,  wäh- 
rend er  von  der  Regierung  nur  unerhebliche  Uebergangs- 
maassregeln,  von  den  besitzenden  Classen  so  gut  wie  nichts 
verlangt. 

Dieser  einseitige  Appell  an  die  Selbsthülfe  hat  nun  nicht 
nur  unleugbar  im  Effect  etwas  Halles  und  Inhumanes,  er  ist 
zugleich  evident  unpraktisch.  Denn  es  ist  mehr  als  naiv,  zu 
glauben,  dass  ein  wirkliches  Proletariat  zu  Ehren  einer  bessern 
Zukunft  den  Malthus'schen  Rath  befolgen  werde.  Die  Ver- 
allgemeinerung, nicht  Ausgleichung  des  Besitzes,  oder  doch 
die  Verallgemeinerung  der  Hoffnung  auf  Besitz  muss  erst  voll- 
zogen sein,  ehe  an  eine  Verallgemeinerung  der  moralischen 
Enthaltsamkeit  zu  denken  ist,  ^    Jenes  oben   erwähnte  Mal- 


*)  Dies  spricht  sehr  schroff  aus  der  Zeuge  Alexander  Richmond  im 
Second  Report  on  Artizans  and  Machinery,  März  1824: 

^In  the  theory  Mr.  Malthus  has  laid  down  the  general  proposition 

Held,  Soc.  G«scb.  Engl.  15 


226  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

thus'sche  Ideal  von  der  relativen  Zunahme  der  Mittelclassen 
muss  zuerst,  oder  doch  selbständig,  angestrebt  werden;  es  wird 
sich  niemals  aus  moralischer  Enthaltsamkeit  eines  hoffnungs- 
losen Proletariats  entwickeln.  Es  ist  gewiss  weise,  dass  Malthus 
gesetzliche  Heirathsbeschränkungen  verschmäht;  dass  er  aber 
alle  Verbessei-ung  der  Lage  der  untern  Classen  nur  von  der 
moralischen  Enthaltsamkeit  und  diese  nur  von  wachsender 
Einsicht  und  Belehning  durch  Schulen  erwartet  —  dies  er- 
inneit  in  der  That  an  die  Schwäche  jener  zahlreichen  man- 
chesterlichen  Optimisten  und  Weltbeglücker,  die  allen  denk- 
baren socialen  Missständen  gegenüber  immer  wieder  nur  das 
unfehlbare  Mittel  vermehrter  Bildung  anzupreisen  wissen. 

Dies  ist  die  eigentliche  Schwäche  von  Malthus  und  er  hat 
im  Grunde  allein  schädlich  dadurch  gewirkt,  dass  er  in  sei- 
nem Eifer  gegen  Communismus  die  Bedeutung  gemässigter 
socialer  Reform  und  socialer  Organisation  durch  planmässige 
That  von  Gesellschaft  und  Staat  unterschätzte.  Er  vergass, 
dass  unsinnige  Vermehrung  des  Proletariats  nur  mit  der  Ab- 
nahme des  Proletariats  selbst  abnehmen,  nur  mit  seinem  Ver- 
schwinden selbst  vei-schwinden  kann,  dass  eine  gesundere  Ver- 
theilung  —  nicht  Gleichheit  —  des  Besitzes  Voraussetzung, 
nicht  Folge  einer  vorsichtigen  Bevölkerungsvermehrung  ist 
Man  sieht,  nicht  nur  im  Dienste  des  bürgerlichen  und  prole- 
tarischen Radicalismus ,  auch  im  Dienste  des  altenglischen 
Conservatismus  erzeugt  die  Neigung  zu  den  Principien  des 
Individualismus  und  des  Laissez  faire  schliesslich  unhaltbare 
Abstractionen ! 

Ja ,  man  wird  sogar  sagen  können ;  Wenn  Malthus  gegen- 
über den  bestehenden  Armengesetzen  behauptet,  kein  Indivi- 
duum habe  der  Gesellschaft  gegenüber  ein  Recht  auf  Exi- 
stenz, so  ist  dies  nur  insofern  wahr,  als  es  keine  Einrich- 
tungen giebt,  die  einer  beliebigen  Menge  von  Menschen  das 
Alter  des  Psalmisten  sichern  können:  aber  der  menschlichen 


is  correct.  But  tbe  actual  Operation  of  tbe  tbing  is  in  an  inverse  ratio. 
Tbe  demoralization  of  tbe  people  is  keeping  pace  exactly  witb  tbe  reduc- 
tion  of  tbe  price  of  labour",  d.  b.  bei  bobem  I^obn  entstebt  Vorsicht,  bei 
niedrigem  Leicbtsinn  in  Bezug  auf  die  Fortpflanzung. 


R.  Malthus.  227 

Gesellschaft  wird  das  Bewusstsein  nicht  zu  nehmen  sein,  dass 
es  eine  grosse  letzte  Instanz  von  Versicherung  gegen  den 
Hungertod  geben  müsse,  sei  es,  dass  Kirche,  Staat  oder  Ge- 
meinde diese  Vei-sicherung  tibernehmen.  Einen  Beweis  für  die 
Wahrheit  dieses  Bewusstseins  kann  man  freilich  nicht  andei-s 
führen,  als  indem  man  die  Thatsache  seiner  Existenz  bei  allen 
civilisirten  christlichen  Völkern  constatirt.  Die  Ueberzeugung 
von  der  Nothwendigkeit  einer  solchen  Vei-sicherung  hat  frei- 
lich vielfach  zu  einer  unsinnigen  schädlichen  Armenpflege  ge- 
führt und  dennoch  niemals  vermocht,  das  Elend  in  all  seinen 
Abstufungen  und  den  indirekten  Hungertod,  um  mich  so 
auszudrücken,  zu  verhüten.  Aber  sie  zwingt  uns  zur  Errich- 
tung eines  Systems  öffentlicher  Armenpflege  zur  Ergänzung 
der  Selbsthilfe  wenigstens  in  den  äussersten  Nothfällen.  Was 
aus  dem  wahren  Inhalt  von  Malthus'  Lehren  mit  Recht  ge- 
folgert werden  kann,  ist  nicht  Abschaffung  aller  officiellen 
Armenpflege,  sondern  möglichste  Einschränkung  ihres  Gebiets 
durch  Voracht  und  Weisheit  der  Verwaltung  einerseits  — 
durch  positive  That  zur  Verminderung  des  Proletariats  und 
des  Pauperismus  andererseits. 

Der  Vorschlag  der  Abschaffung  aller  officiellen  Armen- 
pflege ist  ein  höchst  radicaler,  während  sonst  doch  Malthus 
immer  gegen  radicale  Maassregeln  stimmt.  Es  ist  nicht  wun- 
derbar, dass  Jemand  zu  dieser  Idee  kam ,  nachdem  alle  Ver- 
suche, die  Armenpflege  auf  eine  rationelle  Weise  zu  lösen^ 
in  England  seit  den  Tagen  der  Elisabeth  fehlgeschlagen 
hatten.  Ja,  es  ist  sogar  wahr,  dass  gar  keine  Armenpflege 
besser  ist,  als  die  Armenpflege  mit  dem  Allowance-System  zu 
Malthus  Zeiten  war.  Dennoch  verlangte  Malthus  hier  etwas 
Unmögliches,  das  wohl  wesentlich  die  zahllosen  ungerech- 
ten Beurtheilungen  der  Motive  des  Mannes  hervorgerufen  hat, 
—  des  Mannes,  def  trotz  seiner  Irrthümer  au  Tiefe  des  Geistes, 
Breite  der  Bildung  und  Adel  des  Charakters  so  hoch  über 
Bicardo,  dem  Propheten  der  Herrschaft  des  Kränierthums, 
steht. 

Buch  III  cap.  2  führt  Malthus  aus,  dass  „aus  den  Insti- 
tutionen von  Eigenthum  und  Ehe  Ungleichheit  der  Lage  ent- 

15* 


228  Erstes  Bacb,  Gap.  2. 

Stehen  muss,  dass  die  nach  der  Theilung  des  Besitzes  Grebo- 
renen  in  eine  bereits  in  Besitz  genommene  Welt  kommen." 
Dennoch  denkt  er  nicht  an  Beeinflussung  der  sich  beständig 
neu  vollziehenden  Besitztheilung,  sondein  meint,  „dass  in  Folge 
der  unerbittlichen  Gesetze  der  menschlichen  Natur  einige 
menschliche  Wesen  dem  Mangel  ausgesetzt  sein  müssen/'  Im 
dritten  Capitel  werden  Owen's  Bemühungen  für  Verküraung  der 
Arbeitszeit  in  Fabriken  und  für  Verbreitung  von  Schulen  warm 
gelobt,  die  Irrthümer  der  Arbeiter  als  entschuldbar  bezeichnet 
—  allein  zu  ihrer  Hebung  giebt  es  doch  kein  anderes  Mittel, 
als  „Geduld  und  schrittweise  Verbreitung  von  Bildung  und 
Kenntnissen."  — 

Im  fünften  Capitel  sagt  uns  Malthus :  „Niemand  wünscht 
wärmer  als  ich  ein  reelles  Steigen  des  Preises  der  Arbeit'*; 
er  glaubt  nicht  an  einen  natürlichen,  unveränderlichen  Hun- 
gerlohn, aber  das  Steigen  des  Lohnes  köune  nur  durch  Ver- 
änderung „des  Verhältnisses  zwischen  der  Menge  der  Con- 
sumtionsmittel  und  der  Consumenten"  bewirkt  werden.  In 
Theuerungszeiten  soll  man  den  Nothleidenden  wohl  „tempo« 
rary  aid"  gewähren,  wie  im  siebenten  Capitel  ausgeführt  wird, 
aber  nur  nicht  durch  Lohn-  und  Preisregulirungen.  Das  sechste 
Capitel  sagt;  „Ich  bin  überzeugt,  dass  wenn  die  Armengesetze 
bei  uns  nie  existirt  hätten,  die  Gesammtsumme  von  Glück 
unter  dem  niederen  Volke  weit  grösser  wäre  als  jetzt,  wenn 
auch  einige  grosse  Nothfälle  mehr  vorgekommen  wären.  Der 
Grundfehler  aller  dieser  Systeme  ist  der,  dass  sie  die  Lage 
der  nicht  Unterstützten  vei*schlimmern ,  und  mehr  Arme  er- 
zeugen." Ebenda  wird  die  Niederlassungsgesetzgebung  kriti- 
sirt,  den  Annengesetzen  Demoralisation  der  Arbeiter,  den 
Arbeitshäusern  die  Wirkung  zugeschrieben,  dass  sie  alle  Ar- 
beiter abhängiger  machen  —  dies  Alles  ist  richtig,  nicht  aber 
die  Folgerung,  dass  die  anderweitige  Vertheilung  des  vorhan- 
denen Besitzes  n  i  e  zu  etwas  nützen  könne,  welche  Folgei'ung 
isich  in  den  Worten  ausspricht,  womit  das  Armengesetz  der 
Elisabeth  beurtheilt  wird: 

„Was  heisst  dies  anders  als  die  Behauptung  aufstellen, 
dass   die  Unteihaltsmittel  für  die  Arbeiter  in  diesem  Land 


R.  Malthus.  229 

sich  nach  Belieben  und  ohne  Schranke  durch  Befehl  der 
Regierung  oder  Umlage  der  Aufseher  veimehren  lassen?  Ge- 
nau genommen  ist  dies  so  arrogant  und  absurd  als  ein  Be- 
fehl es  wäre,  demzufolge  zwei  Aehren  Weizen  auf  deraelben 
Stelle  wachsen  sollten,  wo  bisher  nur  eine  wuchs.'* 

Das  7.  Capitel  fQhrt  die  gleichen  Gedanken  weiter  fort 
und  sagt:  „die  Hauptui-sachen  der  Zunahme  des  Pauperismus, 
unabhängig  von  der  jetzigen  Krisis,  sind  ei-stens  in  der  allge- 
meinen Zunahme  des  Manufactursystems  und  den  unveimeid- 
lichen  Schwankungen  in  der  industriellen  Production  und 
zweitens  insbesondere  in  der  in  manchen  Ländern  angenom- 
menen und  jetzt  in  ganz  England  verbreiteten  Praxis,  einen 
beträchtlichen  Theil  dessen,  was  Arbeitslohn  sein  sollte,  aus 
Kii'chspielsteuern  zu  zahlen,  zu  suchen."  — 

Daraus  wird  aber  nicht  die"  Nothwendigkeit  von  Sanitäts- 
und Gewerbegesetzgebung,  und  die  Abschaffung  der  Auswüchse 
der  öffentlichen  Annenpflege,  sondern  eben  stets  die  Abschaff- 
ung der  letzteren  selbst  gefolgert. 

Das  13.  Capitel  (Buch  III)  erkennt  an,  dass  die  Frage 
nach  der  Vertheilung  des  Gesammtreichthums  unter  die  ein- 
zelnen Stände  noch  wichtiger  ist,  als  die  Frage  nach  der  Zu- 
nahme des  letzteren  —  Malthus  constatirt,  „dass  die  Mittel 
zum  Unterhalt  von  Arbeiten!  nicht  nothwendig  mit  dem  Ge- 
sammtreichthum  und  selten  im  Verhältnlss  zu  letzterem  wachsen," 
—  und  dass  „bei  einem  natürlichen  regelmässigen  Fortschritt 
eines  Landes  zu  einem  Zustand  grossen  Reichthums  und  gros- 
ser Bevölkerung  die  arbeitenden  Klassen  nothwendig  zwei 
Nachtheilen  ausgesetzt  zu  sein  scheinen"  —  nämlich  der  ab- 
nehmenden Möglichkeit,  ihre  Kinder  zu  erhalten,  ungesunderen 
Beschäftigungen ,  und  Schwankungen  der  Arbeitsnachfrage. 
Ausdrücklich  wird  der  letztere  Nachtheil  als  Folge  der  Fabrik- 
und  Maschinen- Industrie  hingestellt,  welche  aber  ihrerseits 
wieder  die  Freiheit,  die  Consumtion  von  Industrieproducten 
und  den  Fleiss  unter  den  niedern  Classen  begünstigt. 

Daraus  wird  aber  nicht  die  Nothwendigkeit  eines  be- 
sonderen Einschreitens  gegen  die  Nachtheile  der  Grossindustrie 
abgeleitet,  sondern,  wie  namentlich   die  Schlussworte  des  13. 


230  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

und  des  14.  Capitel  beweisen  —  Malthus  ist  im  Allgemeinen 
der  Meinung,  dass  sich  Vortheile  und  Nachtheile  die  Waage 
halten,  und  jedenfalls  allein  die  moralische  Enthaltsamkeit 
der  Arbeiter  helfen  kann.  „Nur  die  Verbindung  indivi- 
dueller Vorsicht  mit  der  Geschicklichkeit  und  dem  Fleiss, 
die  den  Reichthum  erzeugen,  kann  auf  die  Dauer  den  unteren 
Classen  der  Gesellschaft  jenen  Antheil  am  allgemeinen  Reich- 
thum sichern ,  dessen  Besitz  in  jeder  Hinsicht  so  wünschens- 
werth  für  dieselben  ist."  — 

Im  6.  Capitel  des  IV.  Buchs  findet  Malthus  selbst,  dasB 
es  etwas  Befremdendes  habe,  den  untern  Classen  die  Ver- 
schuldung ihrer  Leiden  fast  ausschliesslich  allein  zuzuschreiben 
—  tröstet  sich  aber  völlig  damit,  dass  die  Einsicht  dieser 
Wahrheit  derP'reiheit  nicht  gefährlich,  sondern  förderlich  ist, 
ohne  sich  Ober  die  Inhumanität  des  Satzes  Gedanken  zu 
machen.  Der  Plan  zur  allmäligen  Abschaffung  der  Armen- 
gesetze (Cap.  8),  welcher  mit  der  ötfentlichen  WideiTufung 
des  Rechts  auf  Armenuntei-sttitzung,  d.  h.  mit  der  Erklärung, 
dass  Kinder,  die  nach  einem  gewissen  Zeitpunct  geboren  wer- 
den, kein  Recht  auf  Kirchspieluntersttttzung  beanspinichen 
dürfen,  beginnen  soll,  ist  evident  unpraktisch.  Noch  unprak- 
tischer ist  offenbar  im  folgenden  Cai)itel  der  Gedanke,  es 
müsse  die  öffentliche  Meinung  allgemein  dahin  bearbeitet 
werden,  einzusehen,  dass  Niemand  eine  Familie  begründen 
solle,  ohne  gesicherte  Unterhaltsmittel  dafür  zu  haben.  —  Bei 
allen  Leuten,  die  nicht  geradezu  reich  sind,  macht  es  einen 
gewaltigen  Unterschied,  ob  sie  drei,  sechs  oder  zwölf  Kinder 
zu  erhalten  haben,  und  die  offenbar  aus  sittlichen  Motiven  be- 
liebte Beschränkung  des  Raths  zu  moralischer  Enthaltsamkeit 
auf  die  Zeit  vor  der  Ehe  macht  diesen  Rath  selbst  ganz  illu- 
sorisch. Ja  selbst  dies  kann  man  nicht  leugnen,  dass  Malthus 
über  die  unter  den  spät  heirathenden  Männern  der  besitzen- 
den Classe  herrschende  Prostitution  milder  denkt  —  wenig- 
stens beweist  dies  sein  Schweigen  —  als  dies  gegenüber  sei- 
nem heiligen  Zorn  gegen  zu  frühes  Heirathen  der  Armen  ge- 
rechtfertigt erscheint. 

Im  12.  und  13.  Capitel  gesteht  Malthus  den  Nutzen  von 


R.  Malthus.  231 

Sparcassen  und  anderen  Einrichtungen,  welche  dem  Arbeiter 
den  Eipenthumsei-werb  erleichtern  sollen,  zu  —  weist  aber 
sehr  gelehrt  und  theil weise  richtig  nach,  dass  kein  einzelnes 
solches  Mittel  durchgi-eifend  und  allgemein  zu  helfen  vermöge. 
Aber  wainim  kommt  er  nicht  auf  die  Idee,  dass  viele  Ein- 
richtungen, welche  das  Loos  des  Arbeiters  sichern  und  ihm 
Eigenthum  zugänglicher  machen  sollen,  zusammengenommen 
doch  viel  bessern  können  und  jedenfalls  wirksamer  sind  als 
das  Aussprechen  von  Sätzen,  die  in  der  Praxis  als  Phrase  er- 
scheinen, wie  z.  B.  die  Schlussworte  von  Buch  IV,  Cap.  9: 

„In  den  meisten  Ländern  scheint  eine  Art  „Standard*' 
des  Elends  in  den  unteren  Classen  zu  existiren,  ein  gewisser 
Punkt,  bei  welchem  das  Heirathen  und  das  Sichfortpflanzen 
aufhört.  Dieser  Standard  ist  nach  Ländeni  verschieden,  — 
die  Ui-sachen  seiner  Hebung  sind  hauptsächlich  Freiheit, 
Sicherheit  des  Eigenthums,  Verbreitung  von  Bildung,  Geschmack 
für  Annehmlichkeiten  und  Bequemlichkeit  des  Lebens  —  wäh- 
rend Despotismus  und  Unwissenheit  ihn  noch  herabdrücken. 
—  "Wollen  wir  die  Lage  der  arbeitenden  Classen  verbessern, 
so  müssen  wir  diesen  Standard  so  hoch  als  möglich  steigern 
durch  Pflege  eines  Geistes  der  Unabhängigkeit,  des  anstän- 
digen Stolzes,  des  Sinnes  für  Reinlichkeit  und  Bequemlichkeit. 
Die  Wirkung,  welche  eine  gute  Regieiiing  auf  die  vorsich- 
tigen Gewohnheiten  etc.  bei  den  niederen  Ständen  hat,  wurde 
schon  betont;  sicherlich  aber  wird  diese  Wirkung  immer  un- 
vollkommen  bleiben  ohne  ein  gutes  System  des  Unterrichts." 

Ich  habe  Malthus  vielfach  mit  seinen  eigenen  Worten 
sprechen  lassen,  eben  weil  er  verTiältnissmässig  wenig  genau 
gekannt  wird.  Das  Angeführte  dürfte  genügen,  zu  zeigen, 
dass  Malthus,  geistesverwandt  mit  Burke,  in  der  Fülle  seiner 
socialen  und  politischen  Ideen  einen  rühmlichen  Gegensatz  zu 
Bentham  und  Ricardo  bildet.  Wo  er  theoretisch  zu  Letzterem 
im  Gegensatz  steht,  müssen  wir  ihm  immer  Recht  geben;  wo 
er  praktisch  von  ihm  abweicht,  wie  betreff's  der  Kornzölle, 
freilich  nicht.  Aber  wir  finden  jedenfalls  bei  dem  Vergleich 
der  beiden  classischen  Nationalökonomen  die  so  häufig  beobach- 
tete Thatsache  bestätigt  dass  diejenigen,  welche,  wenn  auch 


232  Erstes  Buch,     ap.  2- 

nur  theilweise  sich  gegen  gewisse  Zeitideen  auflehnen,  mehr 
Geist  und  Bildung  aufwenden  und  daher  lehiTeicher  wirken, 
als  diejenigen,  die  voll  und  unbedingt  mit  den  praktisch 
zur  Herrschaft  gelangenden  Ideen  marschiren,  und  mehr  durch 
einseitige,  aber  allgemein  geglaubte  Redensarten  und  durch 
Appell  an  die  Leidenschaften  einen  grossen  Einfluss  gewinnen. 

Trotz  dieser  Vorzüge  war  Malthus  kein  Reformator,  der 
etwa  in  England  schöpferische  sociale  und  politische  Ideen 
vertreten  hätte,  wie  gleichzeitig  Stein  in  Deutschland  es  that. 

Er  erkannte  den  Zusammenhang  von  Staat  und  Gesell- 
schaft, er  wollte  allmälige  sociale  Reform,  aber  im  Grunde 
nur  durch  individuelle  Selbsthülfe,  wenn  er  sich  diese  aach 
sittlich,  nicht  nur  durch  Speculation  bestimmt  dachte;  die 
zwischen  der  reinen  Selbsthülfe  und  der  Revolution  liegende 
Organisation  vei-stand  er  nicht.  Und  weil  diese  Schranke,  die 
er  seinen  Refoim-Hoffnungen  und  -Plänen  durch  die  Aus- 
schliesslichkeit der  Selbsthülfe  auferlegte,  praktisch  besonders 
wirksam  w^ar,  von  Conservativen  und  bürgerlich  Liberalen 
gleichmässig  gem  acceptiit  wurde,  so  kann  und  muss  er  zu 
den  Vertretern  der  classischen  Nationalökonomie  gerechnet 
werden,  obwohl  ihm  persönlich  die  Absicht  staatsauflösender 
Tendenzen  ferne  lag. 

Adam  Smith  —  Ricardo  —  Malthus  mögen  hier  genügen, 
wenn  wir  die  classische  Nationalökonomie  als  ein  wichtiges 
geistiges  Element  schildern  wollen,  das  die  socialen  Bewegun- 
gen des  englischen  Lebens   beeinflusst  hat. 

Doch  eine  Stelle  aus  Mac-Culloch  sei  hier  noch  mitge- 
theilt,  weil  sie  uns  in  aller  Kürze  die  Grundzüge  des  oft  er- 
wähnten Manctesterthums  zu  enthalten  scheint  und  dadurch 
bezeichnend  wird  für  den  Geist ,  der  in  den  Nachfolgeni  der 
drei  grossen  classischen  Nationalökonomen  hen-schte.  Wir 
lesen  im  II.  Bande  des  Statistical  account,  S.  35  und  36: 

„Die  dem  Fortschritte  der  Manufacturen  und  der  Industrie 
günstigen  Verhältnisse  sind  theils  moralische,  theils  physische. 
Die  wichtigsten  der  ersteren  Art  scheinen  zu  sein:  Sicherheit 
und  freie  Verfügung  über  das  Eigenthum;  Abwesenheit  von 
Monopolen  und  Nichtintervention  der  Regierung  in  industrielle 


ChalmerB.  233 

Unternehmungen ;  Verbreitung  von  Bildung  im  Volke ;  freund- 
liche Aufnahme  von  Fremden ;  Wetteifer  und  Energie,  hervor- 
gerufen durch  Ungleichheit  des  Besitzes. Es  ist  sicher, 

dass  nichts  uns  in  höherem  Grade  klai*sehend  und  scharfsinnig 
macht  als  der  Wunsch,  unsere  eigenen  Interessen  zu  verfolgen. 

Das  Princip,   dass  die  Individuen  im  Allgemeinen  ihren 

eigenen  Vortheil  selbst  am  besten  erkennen,  ist  jetzt  allgemein 
als  das  allein  wahre  und  sichere  anerkannt.  Kein  Schiift- 
steller  von  Autorität  hat  in  der  jüngsten  Zeit  gewagt,  die 
veraltete  und  unhaltbare  Lehre  aufrecht  zu  erhalten,  dass  die 
Regierung  in  die  Bestrebungen  der  Unterthanen  regulirend 
mit  gutem  Erfolg  eingreifen  könnte.  Ihre  Aufgabe  ist  es, 
Ordnung  zu  halten,  zu  verhindem,  dass  die  Einen  den  An- 
dern Unrecht  thun,  kurz,  gleiche  Rechte  und  Privilegien  Aller 
aufrecht  zu  erhalten.  Aber  sie  kann  keinen  Schritt  weiter- 
gehen, ohne  das  Princip  der  Niehtintervention  zu  verlassen 
und  sich  dem  Vorwurfe  der  Parteilichkeit  und  Ungerechtig- 
keit auszusetzen/' 


§  4.    Die  conservativen  Nationalökonomen. 

Auf  keinem  Gebiete  feierte  der  Utilitarianisnms  grös- 
sere Triumphe  als  auf  dem  der  Nationalökonomie.  Man  iso- 
lirte  die  Betrachtung  der  wirthschaftlichen  Erscheinungen  und 
wendete  den  utilitarischen  Gesichtspunkt  auf  diesem  Ge- 
biete dann  als  etwas  ganz  Selbstverständliches  an.  Auch  dass 
die  classische  Nationalökonomie  auf  dem  wirthschaftlichen 
Gebiete  in  weitgehendster  Weise  individuelle  Freiheit  ver- 
langte, en*egte  verhältnissmilssig  wenig  Anstoss,  der  Zusammen- 
hang des  Postulats  des  laissez  faire  auf  wirthschaftlichem  Gebiet 
mit  dem  politischen  Individualismus  wurde  weniger  bemerkt, 
weil  weitgehende  wirthschaftliche  Freiheit  in  England  praktisch 
schon  weit  früher  als   anderswo   bestand. 

Wir  haben  heute  erkannt,  dass  die  Nationalökonomie 
der  Physiokraten,  sowie  die  von  Adam  Smith  und  Ricardo 
gerade   die    ausgebildetste   Fmcht    des   Individualismus   und 


234  E:r8te8  ßuch,  Cap.  2. 

Rationalismus  des  vorigen  Jahrhunderts  ist,  und  streben  da- 
nach ,  sie  zu  reformiren,  soweit  sie  in  Folge  dieser  Grundlage 
auch  in  ihrem  beschränkten  Gebiete  zu  extremen  und  einseitigen 
Folgeinnpen  kam. 

Anklänge  solcher  Erkenntniss  und  Vei-suche  solcher  Re- 
form finden  wir  auch  in  England,  sie  blieben  aber  noch 
schwächer  als  die  Reaction  gegen  den  politischen  Radicalismos 
und  noch  mehr  wie  bei  Burke  finden  wir  bei  den  dem  Zeit- 
geist gegenüber  selbständigeren  Nationalökonomen,  dass  sie 
sich  inconsequenter  Weise  dem  Utilitätsprincip  unbedingt 
beugen. 

Schon  bei  Malthus  haben  wir  gesehen,  wie  er  trotz  all- 
gemeiner philosophischer  und  historischer  Bildung,  trotz  seines 
Appells  an  die  individuelle  Sittlichkeit  praktisch  zumeist  als 
Bundesgenosse  Ricardo's  wirkte  und  wie  er  sich  auf  die  Nütz- 
lichkeit trotz  alles  Bibelglaubens  berief.  Eine  consequentere 
Verwerthung  einer  höheren  Auffassung  von  Menschen  und 
Staat  finden  wir  erst  später  z.  B.  bei  den  christlichen  Socia- 
listen;  in  unserer  Periode  traten  wohl  auch  Nationalökono- 
men auf,  welche  sich  zu  der  Lehre  Ricardo's  in  bewuss- 
teren  und  schärferen  Gegensatz  stellten  als  Malthus ,  aber 
ihre  Forderungen  beschränken  sich  doch  nur  auf  wenige  nicht 
durchschlagende  Puncte  und  ihre  principielle  Stellung  bleibt 
äusserst  schwach.  Sie  wollen  einfach  auch  in  wirthschaft- 
lichen  Dingen  ein  Festhalten  an  den  conservativ  -  christlichen 
Grundlagen  des  englischen  Volkslebens  —  ohne  aus  ihrer 
humaneren  Auffassung  des  ganzen  Menschen  eine  Umgestaltung 
aller  wirthschaftlichen  Lehi-sätze,  eine  principielle  Unter- 
ordnung der  materiellen  Interessen  unter  idealere  Be- 
strebungen abzuleiten. 

Wohl  der  hervorragendste  dieser  Nationalökonomen,  die 
ich  conservative  nenne,  weil  sie  sich  einen  gewissen  conser- 
vativen  christlichen  Sinn  bewahrt  haben,  ist  Thomas  Chalmei's. 
Von  seinen  beiden  Hauptwerken  „The  Christian  and  Civic 
Economy  in  Large  Towns"  (1821  u.  1823)  und  „On  Political 
Economy  in  connexion  with  the  moral  State  and  moral  prospects 
of  Society"  (1832)  führt  das  erstere  aus,    dass  die  Thätigkeit 


Chalmers.  235 

der  Geistlichen  durch  Localisirung  in  grossen  Städten  gerade 
so  wirksam  eingerichtet  werden  müsse  wie  auf  dem  platten 
Lande,  da  ohne  christliche  Erziehung  auch  auf  wiithschaft- 
lichem  Gebiete  kein  Heil  sei.  Chalmei's  schildeit  des  Näheren, 
wie  die  Geistlichen  wirken  sollen  —  man  erkennt  aber  leicht, 
dass  eben  der  energische  Wunsch  nach  Steigerung  des  Ein- 
flusses der  Kirche  die  beheiTSchende  Tendenz  ist,  nicht  die 
Durchdringung  der  wirthschaftlichen  Lehren  mit  christlicher 
Humanität.  Vielmehr  wird  ganz  im  Geiste  der  individualisti- 
schen Nationalökonomie  Abschaffung  der  gesetzlichen  Annen- 
pflege gefordert  und  es  werden  die  Einhegungen  von  Ge- 
meindeländereien gebilligt  —  das  Christenthum  soll  der  Wirth- 
Schaft  vorgehen  und  dienen,  nicht  sie  umgestalten.  In  dem 
zweiten  genannten  Werke  werden  die  Grundanschauungen,  die 
schon  in  dem  ei*sten  vorkommen,  noch  eingehender  entwickelt. 
Der  Zweck  der  Nationalökonomie,  den  materiellen  Wohlstand 
zu  fördern,  wird  als  ein  Zweck  für  sich  allein  ohne  Weiteres 
anerkannt,  und  Chalmers  fügt  nur  dazu,  dass  eben  zur  Er- 
i-eichung  materiellen  Wohlstands  moralische  und  religiöse  Er- 
ziehung nöthig  sei.  Chalmers  acceptirt  die  Ricardo'sche  Grund- 
rentenlehre, die  nur  insofern  etwas  gemildert  wird,  als  hervor- 
gehoben wird,  dass  der  Arbeiter  sich  heute  zwar  mehr  an- 
strengen müsse  als  früher,  aber  dafür  auch  mehr  geniessen 
könne.  Auch  behauptet  er,  dass  die  Entwicklung  der  Grund- 
rente sich  je  nach  dem  Charakter  des  Volks  vei-schieden  ge- 
stalte und  er  beruft  sich  manchmal  auf  R.  Thompson  statt  auf 
Ricardo.  Besonders  aber  bekennt  sich  Chalmers  ganz  unbe- 
dingt zur  Malthus'schen  Bevölkerungslehre  und  das  Christen- 
thum soll  den  Arbeitern  vor  Allem  deshalb  eingeflösst  wer- 
den, damit  sie  auch  ohne  Verständniss  der  Malthus'schen 
Lehre  die  moralische  Enthaltsamkeit  in  Bezug  auf  das  Hei- 
rathen  üben  —  das  Christenthum  ist  ein  Mittel  zum  Zweck 
gewisse  rationelle  Erfolge  leichter  zu  en*eichen.  Wenn  frei- 
geistige Individualisten  als  einziges  Heilmittel  für  sociale 
Leiden  intellectuelle  Bildung  anpreisen,  so  empfiehlt  Chal- 
niei*s  moralische  Erziehung  durch  die  Kirche  und  beweist  da- 
durch vielleicht  eine  grössere  Kenntniss  der  Menschennatur  — 


236  Erstes  Bach,  Cap.  2. 

an  sociale  Institutionen  von  christlich-humanem  Geiste  aber 
denkt  er  so  wenig  wie  Malthus  selbst.  Statt  eine  allgemeine. 
Milderung  des  Kampfes  ums  Dasein  durch  christliche  Liebe, 
statt  Aufhebung  der  socialen  Atomisiining  durch  brüderliches 
Zusammenwirken  und  corporative  Gebilde  zu  verlangen,  denkt 
unser  Conservativer  nur  an  die  Erhaltung  der  Autorität  der 
Kirche  —  und  des  mit  der  Staatskirche  verbündeten  alten 
Giiindadels. 

Adam  Smith  habe,  meint  Chalmers  (Pol.  Ec.  c.  2)  den 
Segen  des  Freihandels  etwas  übei*schätzt ,  da  der  Ackerbau 
doch  das  Primäre  sei  und  die  natürlichen  Schranken  seiner 
Ausdehnungsfähigkeit  auch  dem  Handel  indirect  Schranken 
anflegeln.  „Weil  die  Manufacte  in  Bezug  auf  ihre  mögliche 
Quantität  begrenzt  sind  durch  das  Product  des  Bodens,  deshalb 
haben  die  Grundeigenthtimer  ein  natürliches  Uebergewicht 
über  die  anderen  Classen  der  Bevölkenmg,  das  ihnen  durch 
keine  Erfindung  der  Politik  oder  des  Gesetzes  entrissen  wer- 
den kann  —  sie  sind  die  natürlichen  Herren  des  Landes  ~ 
weil  die  Menschen  Luxuswaaren  (Industrieproducte)  aber  nicht 
Nothwendigkeiten  (Nahrangsmittel)  entbehren  können."  — 
„Nicht  jede  beliebige  Waarenart  reizt  zur  Production  einer 
anderen  an,  sondern  der  Ackerbau  allein  bestimmt,  wieviel 
Menschen  leben  können ;  Zei-störung  einzelner  Industriezweige 
ist  für  den  Nationalreichthum  gleichgültig.  Nicht  auf  Ver- 
mehrung der  Industriezweige,  sondern  auf  Verbreitung  von 
Tugend  und  Weisheit  im  Volke  kommt  es  an,  damit  das 
allein  maassgebende  Product  des  Ackerbaus  richtig  vertheilt 
und  verwendet  wird*'  (1.  c.  S.  69). 

In  den  folgenden  Capiteln  (3—5)  bringt  Chalmers  nun 
eine  Polemik  gegen  die  Theorie,  dass  unbegrenzte  Capital- 
vermehrung  möglich  und  wünschenswerth  sei  und  dass  von 
der  Capitalmenge  die  mögliche  Zahl  von  Menschen  abhänge. 
Man  habe  früher  vor  Allem  nach  Vermehrung  der  Menschen- 
zahl verlangt,  Malthus  habe  gezeigt,  welche  Grenzen  diese 
Vermehrung  habe.  Jetzt  sei  Capital  der  grosse  Wunsch 
von  Patrioten  und  Philanthropen  —  er  (Chalmers)  wolle 
zeigen,   welche  Grenzen  die  Vermehrung  des  Capitals  habe. 


Chalmers.  237 

Nicht  ohne  Geschick  und  theil weise  sehr  richtig  weist  Chal- 
mers nach,  dass  man  das  reelle  Capital  der  Nation  nicht  be- 
liebig durch  Sparen  steigern  könne,  sondern  dass  es  auf 
wirklich  nützliche  und  productive  Anlage  der  Ersparnisse  an- 
komme —  und  dass  für  das  wirkliche  Glück  der  Menschen 
moralische  und  intellectuelle  Bildung  wichtiger  sei  als  Capital- 
vermehnmg.  Man  sieht,  Chalmers  macht  einen  ernsten  An- 
satz, den  Mammonsdienst  der  Nationalökonomie  zu  be- 
kämpfen; aber  er  gelangt  doch  nicht  dazu,  eine  organisirte 
Vertheilung  des  Nationaleinkommens  zu  verlangen  und  prin- 
cipiell  die  gesunde  Vertheilung  für  wichtiger*  zu  erklären  als 
die  einseitige  Vermehrung  des  Reichthums.  Er  erhebt  es 
nicht  zum  Princip,  dass  der  materielle  Reichthum  bei  jedem 
Menschen  im  Dienst  idealer  Bestrebungen  stehen  müsse.  Die 
Hauptsache  ist  und  bleibt,  dass  moralische  Bildung  die  Ver- 
armung, die  aus  zu  grosser  Kindermenge  folgt,  verhindern 
solle.  Und  die  Schranke  der  Capitalvermehrung  ist  vor  Allem 
die  Productivität  des  Bodens,  d.  h.  sie  wird  betont,  um  die 
natürliche  Wichtigkeit  des  Standes  der  Grundbesitzer  gegen- 
über dem  der  Capitalisten  hervorzuheben.  Die  Opposition 
gegen  Ricardo  bleibt  parteiisch  und  ungenügend.  Chalmers 
schliesst  sich  der  Methode  an,  eine  abgeschlossene  Wirthschaft 
der  ganzen  Welt  identisch  mit  der  eines  Landes  zu  fingiren 
und  begeht  dabei  noch  den  Fehler,  den  Getreideimport  zu 
ignoriren  resp.  denselben  als  nothwendig  unbedeutend  anzu- 
nehmen. Wie  Riciirdo  betrachtet  er  auch  das  bestehende 
Grundeigenthum  als  etwas  ganz  Selbstverständliches  —  nur 
ist  ihm  die  Macht  der  Gruudeigenthümer  nicht  etwas  hassens- 
würdiges,  sondern  die  natürliche  Grundlage  politischer  Herr- 
schaft. Die  höheren  socialen  Pflichten  aller  Herrschenden 
aus  dem  Christenthum  abzuleiten  fällt  dem  Anhänger  des 
grundbesitzenden  Adels  nicht  eiu. 

Chalmere  verfolgt  einfach  die  Ansichten,  durch  die  Malthus 
eine  eigenthümliche  Stellung  unter  den  classischen  National- 
ökonomen einnimmt,  etwas  weiter.  In  einem  praktisch  wich- 
tigen Punct  aber  weicht  er  von  Malthus  ab  und  stellt  sich 
Ricardo  näher,  nämlich  in  Bezug  auf  die  Kornzölle.    Dies  muss 


238  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

hervorgehoben  werden,  nicht  weil  es  für  Chalmere  geistige 
Grösse  und  kritische  Schärfe  zeugt,  wohl  aber  weil  es  die 
Ehrlichkeit  seiner  Ueberzeugungen  und  eine  gewisse  Unab- 
hängigkeit seines  Charaktei*s  erkennen  lässt. 

Im  5.  Capitel  beweist  Chalmers  nicht  ungeschickt  die 
Möglichkeit  allgemeiner  Ueberproduction  und  geht  dann  im 
6.  Capitel  zur  Betrachtung  des  auswärtigen  Handels  über. 
Dieses  Capitel  ist  verunglückt,  insofern  bei  Entwicklung  der 
allgemeinen  Theorie  der  Fall  des  Kornimports  einfach  als  nicht 
vorkommend  behandelt  wird.  Demnach  erscheint  es  Chalmers 
als  ganz  gleichgültig  für  die  Nation  im  Ganzen,  welche  und 
wieviel  Zweige  des  internationalen  Handels  existiren  und 
blühen. 

Nachträglich  wird  dann  der  Fall,  dass  Manufacte  gegen 
Korn  ausgeführt  werden,  betrachtet,  dabei  aber  behauptet, 
es  könne  in  England  nie  weiter  kommen  als  dass  die  Be- 
völkerung einen  Zuwachs  von  einem  Zehntel  erfahre,  das 
dann  von  auswärtigem  Korn  lebe.  Chalmers  meint,  dieses 
Zehntel  habe  eine  unsichere  Existenz,  „diese  überschüssige 
Bevölkerung  sei  unerheblich  in  Bezug  auf  nationalen  Vortheil, 
bedenklich  in  Bezug  auf  nationale  Sicherheit"  (1.  c  S.  237)  — 
aber  dennoch  solle  man  keine  Konizölle  einführen,  da  Eng- 
land diesen  Gefahren  gewachsen  sei,  ebenso  wie  man  wegen 
der  „Unwichtigkeit"  (insignificance)  des  auswärtigen  Handels 
keine  anderen  Schutzzölle  einführen  solle.  Man  solle  Korn- 
import  und  Manufactenexport  nicht  künstlich  befördern,  aber 
auch  nicht  unterdrücken  —  also  laissez  faire  weil  das  natür- 
liche üebergewicht  des  nationalen  Ackerbaus  und  Ginind- 
besitzes  doch  die  Dinge  im  wtinschenswerthen  Geleise  erhalten 
wird.  Uebrigens  wünschten  die  Grundbesitzer  die  Kornzölle 
nur  wegen  der  Steuern,  d.  h.  der  Staatsschuld  —  man  solle 
einen  Vergleich  zwischen  Grundbesitzern  und  Staatsgläubigeni 
statt  Komzöllen  anstreben,  welch  letztere  einen  dem  Gründ- 
besitz schädlichen  moralischen  Efl'ect  hätten  (1.  c.  S.  529). 

Noch  deutlicher  tritt  Chalmers'  Ehrlichkeit  hervor,  indem 
er  im  Cap.  8  ganz  in  physiokratischer  Weise  —  trotz  alles 


Chalmers.  239 

Protests  gegen  die  physiokratische  Motivirung  —  die  Ver- 
wandlung aller  Steuern  in  eine  Steuer  auf  die  Grundrente 
verlangt.  Und  dabei  ist  er  nicht  einmal  für  möglichste  Her- 
absetzung, sondern  klagt  in  idealistischem  Aufschwung,  dass 
der  Zeitgeist  höhere  Interessen  der  Erhaltung  kleiner  Geld- 
werthe  opfere. 

Man  braucht  heute  die  Falschheit  der  Idee  einer  einzigen 
Grundsteuer  nicht  mehr  zu  beweisen.  Das  Postulat  wird  bei 
Chalmei*s  nicht  durch  eine  allgemeine  Steuerüberwälzungs- 
resp.  Verjährungstheorie  begründet,  sondern  es  entspringt  aus 
seiner  ehrlichen  Uebei*schätzung  der  Macht  der  Gmndbesitzer, 
welche  nach  seiner  Meinung  die  alleinigen  Käufer  von  Luxus- 
waaren  sind  und  so  über  ein  Drittel  der  Bevölkerung  frei  ver- 
fugen. Sie  sollen  die  alleinige  Ginndsteuer  übernehmen  und 
dadurch  den  Ansturm  der  Demokratie  gegen  die  Aristokratie 
beschwören  (S.  301^  453);  dann  würde  das  Grundbesitzer- 
interesse im  Parlamente  wieder  genügend  vertreten  sein. 

Solche  Postulate  beweisen  eine  ehrliche  Ueberzeugung 
und  reine  Gesinnung.  Aber  es  ist  klar,  dass  sich  dafür  keine 
Partei  gewinnen  lässt  und  ein  über  allen  Parteien  und 
Interessengruppen  stehendes  Programm  voll  grosser  staatlicher 
und  ethischer  Gesichtspunkte  stellen  solche  Postulate  auch 
nicht  dar,  weil  nur  isolirte  Acte  einsichtiger  Noblesse  im 
Interesse  grösseren  Einflusses,  keine  fortgesetzte  organisirende 
Thätigkeit  auf  socialem  Gebiete  verlangt  werden.  Chalmei-s 
verlangt  „stufenweise  Erniedrigung  der  Kornzölle  oder  allmälige 
Abschaffung  der  Steuern,  welche  die  mercantilen  und  industri- 
ellen Stände  treffen"  (S.  297)  aber  sein  „ceterum  censeo" 
bleibt:  Steigerung  des  Einflusses  der  Kirche,  damit  die  mora- 
lische Enthaltsamkeit  nach  Malthus  praktisch  durchgesetzt 
werde.  Und  dies  ist  eine  beschränkte  Fordeining  beschränkter 
Zweckmässigkeitsideen.  Die  Kirchenzehnten  sollen  zwar  fallen 
aber  durch  eine  Steuer  vom  Reinertrag  der  Grundstücke,  d.  i. 
von  der  Grundrente,  auf  welche  auch  die  Zehnten  fallen,  ersetzt 
werden,  auf  dass  die  Staatskirche  um  so  mehr  blühe  und  den 
zei*störenden  Einflüssen  der  nach  Impulsen  handelnden  demo- 
kratischen  Menge  kräftig   entgegenwirken  könne   (Cap.  10). 


240  Erstes  Bach,  Cap.  2. 

Der  Staat  dagegen  soll  sich  nur  mit  Gerechtigkeit,  nicht  mit 
Humanität  befassen  (S.  407),  die  nur  schädliche  Zwangs- 
armenpflege  abschaffen  und  nur  pei'sönliche  freiwillige  Annen- 
untei-stützung  zulassen.  Die  Staatskirche  selbst  ist  nicht  wegen 
ihrer  Verbindung  mit  der  Regierung,  sondern  deshalb  nützlich, 
weil  sie  „ausgedehnte  Christianisiiiing  der  Familien  des 
Landes'*  bewirken  kann. 

Wir  haben  also  in  Chalmei*s  einen  eifrigen  Anhänger  von 
Malthus  und  noch  eifrigeren  Ritter  der  Staatskirche,  der  die 
Nützlichkeit  ethisch  religiöser  Erziehung  vertritt,  daneben  aber 
im  Allgemeinen  im  Fahrwasser  der  landläufigen  National- 
ökonomie schwimmt.  Sein  grösstes  Verdienst  ist,  dass  er  in 
sichtlicher  Geistesverwandtschaft  mit  Burke  den  Gi^undsatz 
„noblesse  oblige*'  überhaupt  aufstellt.  So  will  er  das  eng- 
lische Primogeniturgesetz  aufrecht  erhalten  wissen,  damit  ein 
steuerfähiger  Grundbesitz  und  ein  kräftiger  Adel  erhalten 
werde :  „Lasst  uns  nur  ein  Land  von  Intelligenz  und  Freiheit 
sein  und  wir  meinen,  wo  es  Edelleute  giebt,  wird  auch  das 
gemeine  Volk  weniger  unedel  sein"  (S.  369).  Der  Adel  soll 
sich  seiner  höheren  Pflichten  bewusst  bleiben:  „Es  ist  unserer 
Ansicht  nach  weit  weniger  wichtig,  dass  der  Besitz  mehr  aus- 
geglichen werde,  als  dass  er,  womöglicli  mehr  als  jetzt,  in 
eine  Lage  versetzt  wird,  in  der  ihm  öffentliche  Pflichten  auf- 
erlegt werden  —  und  dass  folglich  weniger  Besitz  in  der  Lage 
einfachen  und  unbedingten  Eigenthums  ist.'' 

Aber  die  schöne  Idee,  dass  höhere  Stellung  höhere  Pflichten 
auferlege,  wird  zu  einer  umfassenden  Reglung  der  schweben- 
den socialen  Fragen  nicht  benutzt.  Es  bleibt  bei  dem  un- 
möglichen Voi-schlag  der  alleinigen  Grundsteuer.  Die  Kirche 
soll  die  nützliche  moralische  Enthaltsamkeit  fördern,  nicht  die 
ganze  wirthschaftliche  Welt  mit  dem  Geist  christlicher  Liebe 
umgestaltend  durchdringen.  Der  arbeitenden  Classe  kann 
nach  Ch^lmers  nur  durch  Lohnerhöhung  geholfen  werden, 
welche  durch  Befolgung  des  Malthus'schen  Raths  und  durch 
Erhöhung  der  Lebenshaltung  bei  guter  Erziehung  erreicht 
werden  kann.  So  bestimme  der  collective  Wille  der  Arbeiter 
den  Lohn,  gerade  wie  der  collective  Wille  der  Capitalisten 


Sadler.  241 

den  Gewinn  bestimme  —  aber  die  collectiven  Arbeiter  und 
Capitalisten  bleiben  doch  nur  Summen  gut  erzogener  und  ver- 
ständiger Individuen.  —  Chalmers  zeigt  anerkennensweithen 
guten  Willen,  beachtenswei-the  Ansätze  höherer  Einsicht, 
zerstreute  Anfänge  einer  Opposition  gegen  den  Geist  des 
Manchesterthums ,  aber  seine  Lehre  war  kaum  mehr  als  die 
von  Malthus  selbst,  im  Stande  den  beherrschenden  Einfluss 
des  Ricardo'schen  Geistes  zu  brechen. 


Eigenthümlich  steht  mit  Chalmers  in  Geistesvei*wandt- 
Schaft  und  zugleich  in  Widersprach  Thomas  Sadler  ^).  Dieser 
conservative  und  waimheraige  Freund  der  Arbeiter  hat  seine 
Hauptwirksamkeit  nach  1832  im  Parlament  entfaltet,  wo  er 
gegen  das  neue  Armengesetz  und  für  die  Fabrikgesetze 
kämpfte.  Doch  muss  er  seiner  Ideen  halber  schon  hier  er- 
wähnt werden,  da  er  schon  vorher  als  Redner  und  Schrift- 
steller seine  Gedanken  entwickelte. 

Sadler  war  als  Theoretiker  weniger  scharf  und  klar  als 
Chalmers,  aber  er  hatte  eine  bewusste  leidenschaftliche  Sym- 
pathie für  die  Arbeiter  und  Armen  und  einen  weit  schärferen 
Blick  für  die  socialen  Gegensätze  der  Zeit.  Er  war  weniger 
ein  Vertreter  der  Staatskirche,  aber  stark  erfüllt  von  werk- 
thätiger  christlicher  Liebe.  Ausgehend  von  der  Bibel,  als  dem 
Worte  Gottes,  wandte  er  alle  Kraft  an,  den  arbeitenden 
Classen  praktisches  Wohlwollen  zu  erzeigen  und  Hoffnung 
bei  ihnen  zu  erwecken.  Ein  zu  keinen  Compromissen  ge- 
neigter einseitig  vorgehender  Enthusiast,  setzte  er  sich  in 
principiellen  Widersprach  zu  der  auf  Egoismus  basirten  Laissez- 
faire-Doctrin,  um  die  arbeitenden  Classen  von  der  ausbeuten- 
den Herrschaft  des  Capitals  zu  befreien  und  sie  durch  eine 
von  christlichem  Geiste  erfüllte  positive  Hülfe  des  Staats 
zu  heben. 


^)  S.  Memoirs  of  the  Life  and  Writings  of  M.  Thomas  Sadler  M.  P., 
F.  R.  S.    London  1842. 

Held,  Soc.  Gesell.  Engl«  16 


242  Erstes  Bach,  Cap.  2. 

Er  berührt  sich  mit  Chalmers  durch  das  Ausgehen  vom 
Christenthuin ;  in  seinem  Kampf  gegen  die  classische  National- 
ökonomie geht  er  viel  weiter  als  Chalmers  und  bei*ührt  sich 
dadurch  zugleich  mit  den  Radicalen.  Er  tritt  in  positiven 
Gegensatz  zu  Chalmers,  indem  er  dem  Freihandel  nicht  günstig 
gesinnt  ist  und  die  KomzöUe  erhalten  will^  aber  nicht  im 
Interesse  des  Grossgiundbesitzes ,  sondern  im  Interesse  der 
ländlichen  Arbeiter  und  der  kleinen  gi'undbesitzenden  Bauern, 
die  nur  bei  geschütztem  Getreidebau  bestehen  und  pi-osperiren 
können.  Dem  entspricht  es,  dass  er  die  ländlichen  Armen 
durch  Ueberlassung  von  „cottages"  und  Gartenland  heben  wollte. 

Verallgemeinerung  des  Besitzes  und  vor  Allem  der  Hoff- 
nung auf  Besitz,  Beschränkung  des  ungeordneten  Geistes  der 
freien  Concun-enz,  namentlich  in  seinen  schlimmen  Wirkungen 
auf  Frauen  und  Kinder,  Kampf  gegen  die  Selbstsucht  der 
Reichen  und  geregelte  Unterstützung  der  Annen  in  altem 
christlichen  Geiste  —  das  waren  die  Folgerungen,  die  Sadler 
aus  seinem  starken  christlichen  Gefühl  ableitete.  Weit  be- 
deutendere Folgerungen,  als  Chalmei-s  sie  zog  und  Folge- 
rungen, zu  deren  praktischer  Verwirklichung  er  erfolgreich 
das  Seinige  that  —  aber  allerdings  Folgerungen,  die  mehr 
mit  richtigem  Gefühl  gezogen  als  durch  eine  klare  Theorie 
motivirt  wurden. 

Sein  theoretisches  Hauptziel  nämlich  war  die  Widerlegung 
der  Malthus'schen  Bevölkerungslehre,  welche  der  kirchliche 
Chalmers  so  warm  vertheidigte.  Nun  kleben  ja  der  Malthus^- 
schen  Lehre,  wie  oben  ausgeführt,  gewisse  gefährliche  Ein- 
seitigkeiten an.  Sadler  aber  verwirft  auch  den  wahren  Kern 
der  Lehre,  er  giesst  das  Kind  mit  dem  Bade  aus  und  leugnet 
ähnlich  wie  Godwin  den  Conflict  zwischen  der  physiologischen 
Neigung  der  Menschen  sich  zu  vermehren  und  der  Möglichkeit 
beliebige  Menschenmengen  zu  ernähren  gänzlich. 

Den  Gegenbeweis  gegen  Malthus  ^)  führt  Sadler  zunächst 
durch  Berufung  auf  „das  Gesetz  der  Natur  oder  um  deutlicher 


^)  S.  namentlich   das  Werk:   M  Th.    Sadler,  Law   of  Population- 
London  1830. 


Sadler.  243 

zu  Rprechen  das  Gesetz  der  Gottheit/'  Das  Malthas'sche 
Gesetz  ist  eine  „Beleidigung  Gottes""  (S.  15),  der  gesagt  hat: 
„Wachset  und  mehret  Euch".  Die  Pflanzen  undThiere  seien 
alle  ganz  glücklich,  Gott  habe  nicht  das  Unglück  der  Men- 
schen gewollt  Malthus'  Theorie  ist  falsch,  weil  sie  der  Bibel 
widerspricht,  „welche  richtig  verstanden  und  völlig  erfasst, 
alle  anderen  Argumente  gegen  diese  Theorie  unnöthig  macht'' 
(Buch  IV  Cap.  1).  Doch  begnügt  sich  Sadler  mit  diesem 
Hauptbeweis  nicht,  der  ja  auch  selbst  bei  unbedingter  An- 
erkennung der  Bibel  höchst  ungenügend  ist,  da  sich  ja 
Malthus  ebenfalls  auf  die  Bibel  beinft.  Sadler  behauptet  zu- 
gleich, Malthus'  Theorie  stehe  im  Widerspruch  mit  aller  bis- 
herigen Philosophie  und  mit  den  Volksihstincten ;  sie  sei 
überdies  äusserst  schädlich,  weil  sie  die  Glauben  an  Gottes 
Güte  und  Weisheit  störe,  weil  sie  die  Menschen  lehrt,  sich 
gegenseitig  als  Feinde  zu  betrachten  und  weil  sie  die  ge- 
heiligten Rechte  der  Aimuth  aufhebt  (Buch  I  Cap.  1).  Es 
bedarf  keines  Woiles,  dass  dies  nur  gefühlvolle  Behauptungen, 
keine  Beweise  sind.  Aber  Sadler  erklärt  sich  in  Bezug  auf 
philosophische  Methode  für  einen  Nachfolger  Baco's  und  so 
versucht  er  den  Beweis  aus  den  Thatsachen  gegen  die  Theorie, 
die  er  a  priori  hasst.  Der  unter  Benutzung  vieler 
Statistik  geführte  Thatsachenbeweis  läuft  nur  auf  die  Be- 
hauptung hinaus,  die  natürliche  Fmchtbarkeit  der  Menschen 
stehe  ceteris  paribus  in  umgekehrtem  Verhältniss  zu  ihrer  Zahl. 
Man  kann  zugestehen,  dass  ganz  im  Allgemeinen  die  Ver- 
mehioing  der  Menschen  um  so  langsamer  vorwärts  schreitet,  je 
mehr  Menschen  schon  vorhanden  sind.  Mehr  aber  kann  man 
aus  der  Statistik  nicht  beweisen  und  dieser  Satz  widei-spricht 
Malthus  keineswegs  —  die  eigentliche  Frage,  nämlich  die,  ob 
die  allmälig  langsamer  werdende  Vermehrung  der  Menschen 
sich  durch  schmei-zlose  Abnahme  der  natürlichen  Fmchtbar- 
keit  oder  durch  schmerzlich  empfundene  „checks"  vollzieht, 
bleibt  völlig  unbeantwortet  durch  die  Daten  der  Bevölkerungs- 
statistik. 

Sadler's  weiches  Gefühl  will  den  sehraei-zliehen  Conflict, 

den  Malthus  so  sehr  hervorgehoben  hat,    nicht  anerkennen 

ifi* 


244  Erstes  Buch,  Cap.  2. 

und  deshalb  sieht  sein  Verstand  die  daraus  heiTorgehenden 
Wirkungen  nicht.  Hätte  er  sich  begnügt,  die  Uebertrei- 
bungen  von  Malthus  und  dessen  einseitige  Ansichten  über 
Annenpflege  zuiUckzuweisen ,  so  hätte  er  etwas  Weilhvolles 
geleistet.  Die  Theorie,  die  er  wirklich  entwickelt,  ist  leiden- 
schaftlich, blind  und  total  unhaltbar.  Sie  ist  eine  Mischung 
von  Gefühlen  eines  menschenfreundlichen  strengen  Christen 
und  von  volksbeglückungslustigem  Demagogenthum ,  ein 
Stimmungsausdi-uck  des  radicalen  Toi7thums,  weiter  Nichts. 

So  schwach  der  Nationalökonom  Sadler  bleibt,  er  hat 
dennoch  christlich  -  humane  Ideen  mit  grösserem  Verständniss 
socialer  Fragen  und  Bedürfnisse  angewendet  als  Ghalmers. 
Allein  diesem  nicht  zu  leugnenden  grösserem  Verdienst  gegen* 
über  steht  ausser  der  nationalökonomischen  Schwäche  noch 
eine  allgemeine  philosophische  Unklarheit. 

Chalmers  veitritt  den  Einfluss  der  Kirche,  weil  diese 
nützlieh  gegen  Volksvermehrung  wirkt.  Sadler  geht  viel 
weiter,  indem  er  ganz  offen  und  ausgesprochen  die  Bentha- 
mitische  Nützlichkeitslehre  mit  seinem  warmen  Christenglauben 
verbindet.  Schon  1826  (s.  Memoirs  S.  91)  sagte  er  in  einer 
Tischrede:  „Die  Erleichterung,  die  Interessen  und  das  Glück 
der  arbeitenden  Armen,  sei  es  in  England  oder  Irland,  ist 
das ,  was  ich  während  dieser  ganzen  Discussion  im  Auge  ge- 
habt habe."  Die  Aufgabe  der  „wahren  politischen  Philo- 
sophie" ist  (Law  of  Pop.  S.  9)  „den  Werth  unserer  Mitbürger 
zu  erhöhen  und  ihre  Zahl  zu  vermehren;  das  allerhöchste 
irgend  mögliche  Maass  von  Glück  unter  der  grösst- 
möglichen  Zahl  zu  verbreiten."  Am  Schluss  des  IV.  Buchs 
betrachtet  es  Sadler  sogar  geradezu  als  einen  Beweis  für  die ' 
Richtigkeit  seiner  Bevölkerungslehre,  dass  sie  mit  Bentham's 
Formel  übereinstimmt : 

.,Meine  Lehre  von  der  Bevölkerung  ist  in  Uebereinstim- 
mung  mit  der  Erfahrung  der  Menschheit  und  aus  ihr  folgt 
ein  System  politischer  Philosophie,  deren  einleuchtende  Ten- 
denz es  ist,  das  grösstmögliche  Maass  individuellen  Glücks 
der  gi-össtmöglichen  Zahl  menschlicher  Wesen  zu  verschaffen." 


Sadler.  245 

Sadler  verwerthet  die  Bentham'sche  Formel  im  Interesse 
der  armen  Majorität  des  Volks,  aber  er  führt  inconsequenter 
Weise  sein  Christenthum  nur  in  den  Kampf  gegen  das  Man- 
chesterthum,  nicht  gegen  den  individualistischen  Kadicalismus 
überhaupt.  Geradezu  in  naiver  Weise  citirt  er  die  Bibel  und 
Rousseau  und  benutzt  Bentham's  Principien.  Ein  solcher 
Mann  war  befähigt,  einzelne  nothwendige  und  heilsame  Refoimen 
im  Interesse  der  Arbeiter  durch  die  Kraft  seiner  einseitigen 
gefllhlsmässigen  Ueberzeugung  durchzusetzen  —  den  Geist  der 
Nation  giiindsätzlich  von  der  Weltanschauung  des  Individualis- 
mus abzulenken  vermochte  er  nicht.  Nicht  nur  weil  er  un- 
endlich weniger  geistreich  und  umfassend  gebildet  war  als 
Burke,  sondern  weil  er  noch  mehr  als  letzterer  sich  einer 
utilitarisch-individualistischen  Anschauung  gefangen  gab. 


Blicken  wir  auf  die  Nationalökonomen  zurück,  so  ergiebt 
sich  ein  ähnlicher  Eindruck  wie  nach  der  Betrachtung  der 
älteren  politischen  Individualisten:  die  damals  im  Aufgang 
befindlichen  Ideen  haben  starke  Vertreter;  die  in  den  Hinter- 
grund gedrängten,  wenn  auch  tiefsinnigeren  Anschauungen, 
mOssen  sich  mit  gutgesinnten,  aber  schwachen  Vertheidigeni 
begnügen. 

Wir  kehren  nun  zu  dem  politischen  Individualismus  zurück, 
um  ihn  in  seiner  höchsten  Vollendung  bei  Bentham  kennen 
zu  lernen,  dem  schon  so  oft  gelegentlich  genannten  merkwür- 
digen Schriftsteller,  der  zwar  nicht  ganz  nach  seiner  Lebens- 
zeit, aber  nach  der  Zeit  seines  Wirkens  unzweifelhaft  der 
neueren  Zeit  angehört.  Er  formulirt  jene  politischen  Theorien 
endgültig  vor  ihrem  Uebergang  aus  der  Studierstube  ins 
Leben;  er  vermittelt  uns  das  Verständniss  für  die  Parteibil- 
dungen, die  der  Engländer  Badicalismus  nennt. 


Drittes  Capitcl. 
Die  neueren  Individnalisten. 

§  1.    Jeremias  Bentham. 

Bentham  ist  nie  im  Parlament  gewesen.  Auch  sonst 
griff  er  nie  in's  praktische  Leben  ein,  nicht  einmal  besass  er 
ein  Lehramt  wie  Adam  Smith,  der  zuei-st  Professor,  später 
OberzoUcommissar  war.  Der  seltsame  Mann  war  nur  Schrift- 
steller, und  selbst  das  von  ihm  angestrebte  Directorium  einei' 
Privatschule  blieb  Project.  Und  doch  zielte  seine  echt  eng- 
lische Natur  stets  auf  praktische  Reformen  ab. 

Er  war  lediglich  Schriftsteller  und  nicht  einmal  ein  viel- 
gelesener Schriftsteller.  Seine  Werke  erschienen  zuei-st  ano- 
nym. Später  wurden  sie  zunächst  in  Dumont's  französischer 
Uebersetzung  allgemeiner  bekannt.  Viele  Schriften  wurden 
nach  seinem  Tode  nach  mehr  oder  minder  unfertigen  Manu- 
scripten  ediit;  viele  Manuscripte  aber  schlummeni  noch  im 
Britischen  Museum.  Die  Gesammt^iusgabe  seiner  Werke  ist  un- 
vollständig, die  angefügte  Biographie  unübersichtlich  und  ein- 
seitig verfasst^).  Seine  Schriften  zeichnen  sich  insgesammt  durch 
grosse  Schärfe  der  Logik  aus,  >velche  namentlich  bei  kritischen 
Ausfühniugen  glänzend  heiTortritt.  Nichtsdestoweniger  sind 
sie  schwer  geniessbar.  Unendlich  häufige  Wiederholungen, 
tibeitriebene  Spaltung  der  Begriffe  und  verhältnissmässige 
Seltenheit  praktischer  Beispiele  machen  Bentham's  Schriften 


^)  The  works  of  Jeremy  Bentham  published  ander  the  superintendance 
of  his  executor,  John  Bowring,  11  Bände,  Edinburgh  1848.  Ich  citire 
immer  nach  dieser  Ausgabe. 


J.  Bentham.  247 

ermüdend.  Ueberdies  ist  vieles  Detail  nur  für  den  Fach- 
juristen interessant.  So  fand  Bentham  zu  seinen  Lebzeiten 
verhältnissmässig  wenig  Leser;  dennoch  war  seine  Wirksam- 
keit eine  überaus  grosse.  Auf  Wenige  wirkte  er  direet,  allein 
indirect  auf  Millionen.  Auch  hat  ein  Theil  seiner  Schriften 
in  Uebersetzung  bei  den  romanischen  Völkern  fast  stürmische 
Bewunderung  gefunden. 

Robert  von  MohP),  abgestossen  durch  die  oflfenbare  Ein- 
seitigkeit von  Bentham's  Ausgangspunct ,  ist  geneigt,  seine 
Bedeutung  auf  Anregung  einzelner  praktischer  Reformen  zu 
reduciren.  Gervinus  dagegen  hat  Bentham  als  den  eigent- 
lichen Vater  der  modernen  englischen  Demokratie  völlig  ge- 
würdigt, Pauli  schliesst  sich  diesem  Urtheil  an.  In  der  That 
lebte  sich  in  dem  Geiste  dieses  abgeschlossenen  Philosophen 
die  demokratische  Idee  der  Zeit  am  reinsten  und  consequen- 
testen  aus,  und  Keiner  vor  oder  nach  ihm  hat  das  Princip 
des  Individualismus  so  vollkommen  und  bewusst  auf  die  Spitze 
getrieben,  wie  er.  Und  er  bietet  nicht  nur  ein  gedräng- 
tes Bild,  er  war  die  Pei-sonificii-ung  einer  in  England  noch 
nicht  abgeschlossenen  Bewegung.  Er  war  auch  in  der  That  von 
allen  intellectuellen  Factoren  dieser  Bewegung  der  Anregendste. 
Wir  möchten  ihn  den  Hauptvertreter  des  Utilitarianismus, 
den  eigentlichen  Propheten  des  modernen  Englands  nennen. 
Zeuge  dafür  ist  nicht  nur  Stuart  Mill,  der  in  seiner  bekannten 
Autobiographie  schildert,  wie  er  selbst  in  Bentham'schen  Ideen 
auferzogen  wurde,  und  als  Jüngling  Mitglied  eines  Benthamiti- 
schen  Clubs  war;  Zeuge  ist  nicht  nur  die  politische  und 
sociale  Literatur  Englands  seit  1820,  sondeni  vor  Allem  kann 
man  nachweisen,  wie  die  grossen  Agitatoren,  die  vor  und  nach 
Bentham's  Tode  an  der  Spitze  der  Mittelclassen  und  des  Prole- 
tariats standen,  nicht  nur  dieselben  Ideen  wie  Bentham  ver- 
fochten, sondeni  sich  geradezu  seiner  Worte  bedienten. 

Bentham  war  ein  frühreifes  Kind,  der  Stolz  eines  ehr- 
geizigen Vaters;   er  folgte  dem  Vater  so  weit,  dass  er  nach 


')  Geschichte  und  Literatur  der  Staatswissenschaften,  Bd.  III  (1858) 
Seite  590  ff. 


248  Erstes  Bach,  Cap.  8. 

Oxford  ging  und  dann  die  Laufbahn  des  praktischen  Juristen 
beschritt.  Bald  jedoch  zog  er  sich  angewideit  zurück  und  wurde 
ein  einsamer  Philosoph.  Zwar  hat  es  ihm  Anfangs  nicht  an 
menschlichen  Beziehungen  zu  einem  aristokratischen  Hause, 
später  nicht  an  geschäftlichen  zu  radicalen  Agitatoren  ge- 
fehlt; auch  hat  er  grosse  Beisen  untemommen.  Aber  idle 
diese  Beziehungen  hatten  wenig  oder  gar  keinen  Einfluss  auf 
sein  inneres  Geistesleben.  Das  Interessanteste,  was  aus  der 
Biographie  und  einem  Auszug  aus  derselben  in  der  West- 
minster  Review  über  Bentham's  persönliches  Leben  zu  ent- 
nehmen ist,  besteht  in  dem  Felilschlagen  seiner  Hoffnung  auf 
einen  Sitz  im  Parlament,  und  in  seiner  eben  so  treuen  als 
unglücklichen  Liebe  zu  einer  Dame,  welche  er  bei  seinen  aiisto* 
kratischen  Freunden  kennen  gelernt  hatte.  Der  grosse  Wort- 
führer der  Demokratie  widerstand  nicht  dem  ästhetischen  Reis, 
den  das  zwanglose  Selbstbewusstsein  vornehm  erzogener  Frauen 
ausübt  —  und  mit  pedantischer  Treue  hielt  er  bis  in's  hohe 
Greisenalter  an  der  romantischen  Regung  jüngerer  Jahre  fest. 
Bei  beiden  Ereignissen  erkennen  wir  Bentham's  fast  kindliche 
Unerfahrenheit,  die  Absichten  anderer  Menschen  zu  verstehen, 
sowie  seine  eigene  Wahrheitsliebe  und  seinen  Glauben  an  sich 
selbst.  Wir  sehen,  dass  der  Mann,  welcher  als  Schriftsteller 
vor  Allem  ein  trockener  Kritiker  war,  ein  tiefes,  weiches  und 
vor  Allem  treues  Gemtith  besass,  und  dass  nicht  Zerstörungs- 
lust, sondern  Wohlwollen  gegen  die  Menschheit  das  tmbende 
Motiv  seines  Arbeitens  war.  Auch  diese  Erlebnisse  lehren 
uns  den  grossen  Sonderling  pei-sönlich  hoch  achten.  Zugleich 
aber  sind  sie  von  Wichtigkeit,  weil  sie  wesentlich  mit  die 
Ursache  von  Bentham's  Einsamkeit  waren. 

1748  war  Bentham  geboren,  1776  trat  er  zuei-st  als 
selbständiger  Schriftsteller  auf,  1832  starb  er.  In  dieser 
langen  Zeit  wurde  er  um  so  einsamer,  je  mehr  die  Ereignisse 
in  der  Welt  zur  Ausführung  seiner  Ideen  drängten.  Mit 
Allem,  was  politisch  sich  ereignete,  blieb  er  stets  in  Ver- 
bindung —  nur  nicht  mit  den  Menschen,  die  es  vollbrachten. 
Gervinus  meint,  dass  die  Bewunderung  des  Auslandes  und 
die  Verkennung  durch  seine  Landsleute  wesentlich  dazu  bei- 


J.  Bentham.  249 

getragen  haben,  dass  Bentham  schliesslich  leidenschaftlicher, 
bitterer  und  immer  radicaler  wurde.  Meines  Erachtens  ist 
die  oflfene  Vorliebe  für  die  demokratische  Republik,  welche  in 
Bentham's  letzten  Werken  hervortritt,  die  natürliche  Conse- 
quenz  der  Principien  seiner  ei*sten  Schriften.  Er  musste  zu 
diesen  Consequenzen  kommen  —  wenn  er  nur  logisch  seine 
Principien  verfolgte  und  sie  auf  grosse  Fragen  anwendete. 
Seine  ZuiUckgezogenheit  bewahrte  ihn  vor  Inconsequenz  — 
erkläil  die  Entwickelung  seiner  Ideen  allein  genügend. 

Wenn  man  sieht,  wie  Bentham,  von  dem  Rechte  der  indi- 
viduellen Vernunft  ausgehend,  über  alle  politischen  Verhält- 
nisse souverän  zu  richten  begann  und  mit  der  demokratischen 
Republik  endete  —  so  ist  es  schwer,  nicht  der  Analogie  von 
David  Strauss  zu  gedenken,  welcher  mit  ßibelkritik  beginnend, 
mit  dem  ,;alten  und  neuen  Glauben'^  abschloss.  Mit  um- 
fassenderer Bildung,  mit  feinerer  Sprache  hat  Strauss 
grössere  Fragen  behandelt  als  Bentham.  Dennoch  ist  die 
grosse  Aehnlichkeit  vorhanden,  dass  Beide  mit  kritischen  Ge- 
danken anfingen,  welche  sie  zunächst  im  Interesse  massiger 
Tendenzen  verwendeten  und  —  immer  einsamer  werdend 
mit  umfassender  Negation  alles  Bestehenden  endeten.  Beide 
uneigennützige,  wahrheitsliebende,  scharfe  Geister,  denen 
ihre  Völker  als  Bahnbrechern  den  grössten  Dank  schulden 
und  doch  in  ihren  vollen  Consequenzen  nicht  zu  folgen  ver- 
mögen. 

Um  einen  Ueberblick  über  Bentham's  schriftstellerisches 
Wirken  zu  gewinnen,  wird  es  zunächst  nöthig  sein,  den 
Hauptgedanken,  das  Nützlichkeitsprincip,  darzustellen,  wie 
dieser  sich  in  allen  seinen  Schriften  findet.  Weiter  dürften 
für  uns  seine  speciellen  Ideen  über  Verfassungsfragen  und 
über  nationalökonomische  Verhältnisse  von  besonderem  In- 
teresse sein. 

Das  Nützlichkeitsprincip  tritt  gleich  in  der  ersten  Schrift: 
„Fragment  on  Government'*  als  Alles  beherrschende  Idee 
Bentham^s  und  zwar  als  ein  Axiom  hervor.  So  wenig  die 
Lehre  an  sich  neu  war,  ihre  einseitige  Anwendung  durch 
Bentham  war  in  England  etwas  Neues:  Sie  bedeutete  den 


250  Erstes  Buch,  Ci^.  8. 

nackten  Kationalismus  und  den  völligen  Bruch  mit  den  puri- 
tanischen Traditionen  der  englischen  Demokratie. 

Bei  Locke  sind  die  Menschen  noch  Eigenthum  Gottea, 
die  Worte  „göttliches  Recht  und  Natun-echt"  kommen  ver- 
bunden vor.  alttestamentliche  Stellen  werden  zum  Beweis  poli- 
tischer Sätze  angefühlt.  Demzufolge  bleibt  er  auch  massig 
in  seinen  Consequenzen  aus  dem  Individualismus  und  der 
Volkssouveränetilt.  „Die  Gewalt,  welche  jedes  Individuum 
der  Gesellschaft  verlieh,  als  es  in  dieselbe  eintrat,  kann 
nie  zu  dem  Individuum  zurückkehren,  sondern  muss  immer 
bei  der  Gesellschaft  bleiben."  Locke  befürchtet  nichts  von 
dem  Widei-standsrecht  des  Volkes,  will  im  Grunde  nur  die 
„glorreiche  Revolution"  rechtfertigen  und  die  ununterbrochene 
Heri*schaft  des  Gesetzes  sicheni. 

Andere  bei  Bentham,  der  die  Religion  keineswegs  leugnet, 
aber  aus  seinem  Gedankengang  völlig  eliminiil  und  die 
innersten  Ueberzeugungen  des  Individuums  zur  unbedingt 
freien,  letzten  Richterin  über  alle  öffentlichen  Fragen  einsetzt. 

Das  „Fragment  on  Government"  war  eine  kritische  Schrift^ 
gerichtet  gegen  Blaekstone's  Commentare.  Nur  gegen  den 
allgemeinen  principiellen  Theil  von  Blaekstone's  einflussreichem 
Buche  wendet  sich  Bentham  in  seiner  „Leidenschaft  für 
Reform",  seiner  heftigen  Abneigung  gegen  „Phrasen"  und 
„Fictionen".  Dem  Blackstone'schen  Satze:  „es  sei  nie  ein 
Gesetz  geändert  worden  ohne  folgende  Reue",  stellt  Bentham 
den  andern  entgegen:  „Alles,  was  heute  feststehend  ist,  war 
einst  Neuerung."  Allein  so  sehr  die  Schrift  einen  beschränkten 
kritischen  Zweck  verfolgt,  zwei  Eigenthümlichkeiten  von  all- 
gemeinster Bedeutung  treten  bereits  in  der  Vorrede  (zur 
ersten  Auflage)  hervor: 

Bentham  kritisirt  nicht  als  Jurist,  sondern  als  Reformator, 
oder  wie  er  sich  ausdrückt,  als  Censor;  er  spricht  nur  de 
lege  ferenda.  Und  als  Censor  geht  er  von  allgemeinsten 
Axiomen  aus;  der  Censor  muss  Weltbürger  sein.  Das,  was 
sein  soll,  ist  auf  der  ganzen  Erde  nahezu  dasselbe.  Freilich 
hat  sich  Bentham  später  scharf  gegen  Menschenrechte  er- 
klärt, und  ausgesprochen.   Recht  sei  nur  das  geschriebene 


J.  Bentham.  251 

Gesetz.  Aber  was  ist  praktisch  eine  unbedingte  Kritik  des 
bestehenden  Rechts  ans  Veniunftpostulaten ,  unter  absoluter 
Verwerfung  des  Gewordenen  als  solchen,  anders  als  das 
Postulat  eines  über  dem  historischen  Recht  stehenden  Natur- 
rechts ?" 

Wir  begegnen  in  der  Vorrede  aber  nicht  nur  dem  Stand- 
punct  der  schrankenlosen  Kritik  der  Vernunft,  wir  begegnen 
auch  schon  dem  Gi-undaxiom,  aus  welchem  Bentham  seine 
Reformpostulate  ableitet,  und  das  er  in  all  seinen  zahllosen 
folgenden  Schriften  bis  zur  äussei'Sten  Ermüdung  wiederholt. 
Dies  Axiom  war  nicht  etwa  eine  gleichgültige  Verzierung  von 
Bentham's  Schriften,  sondeni  in  der  That  das  A  und  0  seiner 
gesammten  Anschauungswelt,  ein  einseitiger  Satz,  in  welchen 
er  sich  mit  unleugbarer  Bornirtheit,  aber  ebenso  unleugbarer 
Ehrlichkeit  hineinlebte,  so  dass  dieser  Satz  ihn  völlig  be- 
heiTSchte.  Die  Triumphe  der  Naturwissenschaften  lassen  ihn, 
wie  so  manchen  Zeitgenossen  und  Epigonen,  nicht  schlummern. 
„Was  Entdeckung  und  Verbesserung  in  der  natürlichen  Welt, 
das  ist  Reform  in  der  moralischen  Welt,"  aber  man  kann 
noch  wirkliche  Entdeckungen  sogar  in  der  moralischen 
Welt  machen:  weil  die  Folgen  des  fundamentalen  Axioms, 
dass  das  grösste  Glück  der  grössten  Zahl  der 
Maassstab  ist  für  Recht  und  Unrecht,  bisher  mit  so 
wenig  Methode  und  Schärfe  entwickelt  worden  sind. 

Dies  also,  das  Glücks-,  oder  was  identisch  damit  ist,  das 
Nützlichkeitsprincip  —  denn  eine  Handlung,  welche  Glück 
erzeugt,  ist  nützlich  —  ist  das  Princip  von  dem  Bentham  aus- 
geht. Noch  in  der  Vorrede  lesen  wir,  dass  bei  Ausgehen  von 
einem  solchen  Princip  dieselben  Einrichtungen  ohne  viel 
Modification  in  allen  Ländern  brauchbar  sind,  und  dass  Lust 
und  Leid  (pleasure  and  pain)  die  einzigen  Consequenzen  eines 
Gesetzes  sind,  an  denen  die  Menschen  interessirt  sind. 

In  der  Schrift  selbst  lesen  wir  dann  ausser  viel  scharfer, 
oft  silbenstecherischer  Kritik  Blackstone's,  dass  das  Nützlich- 
keitsprincip das  einzige  sei,  auf  welches  sich  die  Menschen  zu 
vereinigen  vermögen ;  man  könnte  sich  dann  auch  über  einzelne 
Fragen  leichter  einigen,    weil  diese   aus  Fragen  der  Leiden- 


252  Erstes  Buch,  Cap.  8. 

Schaft  zu  solchen  des  Urtheils  würden  —  eine  staunenswerthe 
Naivität  des  abgeschlossenen  Denkers,  der  niemals  praktisch 
an  einer  gesetzlichen  Reform  gearbeitet  hat.  Der  Gedanke 
an  die  Naturnoth wendigkeit  einer  bestehenden  Ordnung 
unter  zusammenlebenden  Menschen  kommt  Bentham  nicht. 
Ueberall  ist  die  Auffassung  die  mechanische  eines  Neben- 
einanderseins,  nicht  eines  organischen  Zusammen- 
lebens von  Menschen.  Wenn  man  späterhin  den  Chartisten 
mit  Recht  vorhielt,  das  Leben  in  Staat  und  Gesellschaft  sei 
viel  complicirter,  als  dass  es  in  den  einfachen  Gegensatz 
zwischen  ünterdiUckem  und  Unterdrückten  aufgelöst  werden 
könne,  so  trifft  dieser  Einwurf  schon  Bentham,  dem  alle 
staatliche  Ordnung  bereits  in  seinem  Erstlingswerk  als  ein 
Gegensatz  zwischen  zwei  getrennten  Gruppen,  Regierenden 
und  Regierten,  ei*scheint. 

Das  praktisch  Wichtigste  in  dieser  Schrift  aber  ist,  dass 
Bentham,  obwohl  nur  Kritiker  und  theoretischer  Reformator, 
keineswegs  praktischer  Revolutionär,  dennoch  auf  das  Recht 
des  Volks  auf  Widei-stand  gegen  die  Regiemng  oder  auf  das 
Revolutionsrecht  zu  sprechen  kommt 

Bentham  ist  der  Meinung,  die  Unterthanen  sollten  nur 
gehorchen,  „so  lange  die  voraussichtlichen  schlimmen  Folgen 
des  Gehorsams  geringer  sind  als  die  voraussichtlichen  schlimmen 
Folgen  des  Widerstands."  —  „Die  Pflicht  der  Unterthanen 
zum  Gehorsam  geht  nur  so  weit  und  nicht  weiter  als  ihr 
Interesse"  —  weil  „das  höchste  Princip  der  Nützlichkeit  von 
keinem  anderen  höheren  Grunde  abhängt,  sondern  selbst  der 
einzige  allgenQgende  Grund  für  jede  Handlung  ist." 

Ein  allgemeines  Erkennungszeichen  dafür,  ob  die  schlimmen 
Folgen  des  Gehorsams  oder  des  Widerstands  überwiegen,  an- 
zugeben, hält  Bentham  für  unmöglich,  aber  jede  einzelne 
Person  habe  ein  specielles  Erkennungszeichen,  nämlich  „ihre 
eigene  innere  Ueberzeugung  von  dem  Uebergewicht  des 
Nutzens  auf  Seiten  des  Widei*stands/' 

Das  Recht  des  Widei-stands  wird  also  nicht  aus  formellem 
Rechtsbmch  der  Regierung,  auch  nicht  aus  dem  Versprechen 
der  Unterthanen,  zu  gehorchen,  so  lange  die  Regierung  ihre 


J.  Bentham.  253 

Versprechungen  hält,  abgeleitet,  sondeni  nur  aus  dem  Ntitz- 
lichkeitsprincip ,  aus  welchem  ja  ebenfalls  die  Pflicht,  Ver- 
sprechungen zu  halten,  ihrerseits  erst  folgt. 

In  seiner  ersten  Schrift  bereits  stellt  Bentham  Principien 
auf,  deren  consequente  Anwendung  zu  absolut  revolutionären 
Folgerungen  führen  musste.  Die  Idee  der  pei*sönlichen  Frei- 
heit ist  schon  auf  die  Spitze  getrieben,  indem  das  individuelle 
vernünftige  Urtheil  —  die  Ueberzeugung,  nicht  das  Gewissen  — 
durch  Nichts,  auch  nicht  durch  den  eigenen  in  eine  dauenide 
Ordnung  einwilligenden  Entschluss  gebunden  werden  kann. 
Dass  daraus  nur  absolute  Anarchie  folgen  kann,  das  sieht 
Bentham  nicht,  weil  er  mit  seinem  Postulat  der  Souveränetät 
der  individuellen  Vernunft  die  nicht  weiter  ausgeführte  Fiction 
einer  sehr  grossen  Gleichartigkeit  dieser  Vernunft  bei  allen 
Menschen  verbindet,  derzufolge  sie  als  leidenschafts-  und  ge- 
fühllose Automaten,  die  über  die  gi-össte  Nützlichkeit  specu^ 
liren,  zu*  gleichartigen  Resultaten  gelangen  müssen.  Die 
Menschheit  ist  für  Bentham  nur  ein  Aggregat ,  und  zwar  ein 
Aggregat  gleichartiger  Atome. 

Er  sagt,  ein  allgemeines  Erkennungszeichen  dafür,  ob  der 
giössere  Nutzen  auf  Seiten  des  Widerstands  liege,  zu  geben, 
sei  nur  derjenige  im  Stande,  der  mehr  sei  als  ein  Prophet  — 
und  doch  übernimmt  er  unbewusst  selbst  diese  Rolle,  die 
höher  ist  als  die  des  Propheten,  indem  er  im  Namen  aller 
Menschen  das  Princip  ausspricht,  nach  wejchem  Alle  handeln 
sollen  und  werden,  und  sich  offenbar  für  fähig  hält,  die  sämmt- 
lichen  Consequenzen  dieses  Princips  durch  eine  allgemeine 
Codification  des  Rechts  so  zu  ziehen,  dass  alle  Menschen  die- 
selben anerkennen  werden  und  müssen. 

Noch  tritt  der  Autor  pei-sönlich  bescheiden  auf;  und  doch 
tmbt  ihn  der  blinde  Eifer  einseitiger  Kritik  sowohl,  wie  die 
Opposition  gegen  jede  Autorität  schonjetzt  dazu,  seine  eigene  Mei- 
nung mit  der  Vernunft  überhaupt  zu  verwechseln. 

Aufgestellt  zum  Zwecke  specieller  Kritik  ist  das  Ginind- 
princip  dennoch  ein  umfassendes  und  rein  negatives  —  der 
natürliche  Ausgangspunct  einer  anarchischen  Demokratie.  In 
dem  auf  die  Spitze  getriebenen  Rationalismus  und  Individualis- 


254  Erstes  Bach,  Cap.  3. 

mus  liegt  auch  schon  der  ethische  Materialismus,  denn  das 
Interesse  der  ünterthanen  begründet  ihre  Pflicht  des  Ge- 
horsams. 

Es  ist  kaum  nöthig  zu  bemerken,  dass  das  Kützlichkeits- 
princip  keine  originelle  Ei-findung  Bentham^s  ist,  dass  dasselbe 
vielmehr  bereits  in  der  griechischen  Philosophie  als  Grund* 
lehre  der  materialistischen  Richtungen  vorkommt,  und  dass 
Bentham  es  bei  Helvetius  und  Hume  antreffen  konnte,  und 
nach  eigenem  Geständniss  es  bei  Priestley  auch  fand.  Man 
kann  auch  nicht  behaupten,  dass  dies  Princip  bei  Bentham 
in  eigenthümlichem  Zusammenhang  mit  einer  Uebertragung 
der  Methode  der  modernen  Natuj-wissenschaften  auf  die 
moralischen  Wissenschaften  stehe.  Denn  seine  sogenannte 
Methode  des  Specialisirens  und  Detaillirens  hat  factiseh  gar 
keine  Verwandtschaft  mit  der  modernen,  auf  Beobachtung  ge- 
gründeten Naturwissenschaft,  sondern  ist  immer  gänzlich  ab- 
stract,  schöpft  lediglich  aus  der  eigenen  Vernunft^  und  ver- 
diente weit  eher  scholastisch  genannt  zu  werden.  Eigen- 
thümlich  ist  bei  Bentham  in  der  That  nur  die  bomirte  Aus- 
schliesslichkeit, mit  welcher  er  dieses  Princip  an  die  Spitze 
stellt,  und  dadurch  den  politischen  Individualismus  zur 
schärfsten  Ausbildung  entwickelt,  die  überhaupt  nur  denk- 
bar ist. 

Irgend  einen  Beweis  für  die  ausschliessliche  Wahrheit 
seines  Satzes,  oder  auch  nur  den  Versuch  einer  eingehenden 
philosophischen  Begi-ündung  desselben  bringt  Bentham  nie- 
mals —  das  Kützliehkeitsprincip  ist  einfach  Axiom.  So  er- 
scheint es  namentlich  in  einem  zweiten  Hauptwerk :  „Principles 
of  Morals  and  Legislation'^  Dieses  Buch  sollte  eine  Einleitung 
zu  einem  Strafgesetzbuchentwurf  werden,  erweiterte  sich  aber 
zu  einer  allgemeinen  philosophischen  Gmndlegung  der  bentha- 
mitischen  Lehren.  Es  wurde  1780  gedruckt,  1789  zuerst 
veröffentlicht,  enthält  noch  vielfach  das  Bewusstsein  mangel- 
hafter Ausführung  und  manche  captatio  benevolentiae  gegen- 
über dem  Leser,  aber  doch  schon  weit  schärferen  Ausdruck 
des  Glaubens  des  Autors  an  die  eigene  Unfehlbarkeit. 

Das  Nützliclikeitsprincip  wird  in  Lapidai^sätzen  als  Axiom 


J.  Bentham.  255 

entwickelt,  nicht  bewiesen;  es  erecheint  in  der  Natur  des 
Menschen  begittndet.  Das  Nützliche  „soll  sein''  und  ist 
„recht*'.  Das  Interesse  der  Gesammtheit  ist  die  Summe  des 
Interesses  der  einzelnen  Mitglieder,  aus  denen  die  Gesammt- 
heit zusammengesetzt  ist. 

Bentham  versucht  nachträglich  eine  Art  negativen  Be- 
weises für  sein  Princip,  indem  er  andere  Principien  zu  wider- 
legen trachtet,  nämlich  den  Ascetismus,  mit  welchem  Wort 
aach  alle  Anschauungen,  die  das  honestum  statt  des  Nütz- 
lichen zum  Princip  erheben,  bezeichnet  werden;  das  Princip 
Yon  Sympathie  und  Antipathie,  unter  welchem  Ausdruck 
Bentham  auch  die  Zurückführung  der  Entscheidung  über 
Recht  und  Unrecht  auf  das  Gewissen  begreift;  endlich  theo- 
logische Weltanschauungen.  Letztere  weist  Bentham  mit  den 
Worten  zurück,  was  Recht  ist,  sei  sicher  Gottes  Wille,  aber 
wir  müssten  eben  zuerst  wissen,  was  Kecht  ist,  da  wir  Gottes 
Willen  nicht  direct  kennen.  So  wird  die  geoffenbarte  Religion 
zur  Seite  geschoben,  —  Dumont  schiebt  die  Gonsequenz  ein, 
Tugend  sei  Aufopfeioing  eines  kleineren  für  ein  grösseres 
Interesse. 

Die  Begriffe  von  Lust  und  Leid  werden  nicht  definirt; 
dafür  entschädigt  uns  nur  eine  höchst  ermüdende  und  doctri- 
n&i-e  Aufeählung  aller  Arten  von  Leid  und  Lust.  Es  giebt 
14  einfache  Arten  von  Lust,  12  einfache  Arten  von  Leid,  die 
hinwieder  in  Unterarten  zerfallen.  Leid-  und  Lustempfin- 
dungen ei-scheinen  mit  Ausnahme  der  wenigen,  die  auf  Wohl- 
wollen oder  Bosheit  bemhen,  als  „selfi'egarding",  d.  h.  aus  dem 
Egoismus  entspringend;  und  von  den  vier  Quellen  von  Leid 
und  Lust,  der  physischen,  politischen,  moralischen  und 
religiösen  ist  die  physische  die  grundlegende.  Die  Gründe, 
die  den  Werth  einer  Art  von  Lust  und  Leid  für  den  einzelnen 
Menschen  bestimmen,  werden  auch  aufgezählt  und  es  werden 
32  Umstände  nebst  Unterarten  und  secundären  Umständen 
aufgeführt,  die  bewirken,  dass  dieselben  Ursachen  bei  ver- 
schiedenen Menschen  ein  verschiedenes  Maass  von  Lust  und 
Leid  hervoiTufen. 

All  dies  sind  Irrgänge  eines  Geistes,  der  abstrticte  Schemati- 


256  Erstes  Bach,  Cap.  8. 

sirung  liebt,  Ausflüsse  der  Tendenz,  alle  Erscheinungen  des 
Menschenlebens  als  messbare  Wirkungen  natürlicher  Ursachen 
zu  erfassen. 

Merkwürdigerweise  thut  Bentham  den  letzten  Schritt,  den 
raenschlichen  Willen  selbst  zu  leugnen  und  menschliche  Hand- 
lungen als  nothwendiges ,  unfreies  Product  äusserer  Kräfte 
aufzufassen,  nicht.  Der  Reformator  des  Stmfrechts  behandelt 
zwar  die  Strafe  lediglich  als  Mittel,  gemeinschädliche  Hand- 
lungen zu  verhüten,  setzt  aber  den  durch  die  vernünftige  Er- 
wägung des  Nutzens  bestimmten  freien  Willen  überall  voraus. 
Das  „Ich"  bleibt  die  ürkraft,  und  deshalb  behält  der  Mensch 
einen  Willen;  nur  ethischer  Materialismus  folgt  aus  dem 
schroffen  Rationalismus  —  den  ganzen  Menschen  als  ein  von 
Naturkräften  ])estimmtes  Stück  Materie  aufzufassen,  war  An- 
deren vorbehalten. 

Die  mittleren  Abschnitte  des  Buchs  sind  rein  crimina- 
listisch;  am  Schlüsse  kommt  Bentham  wieder  auf  allgemeine 
Fragen:  er  unterscheidet  Sittlichkeit  und  Recht  rein  ausser- 
lieh,  indem  sittlich  jede  Handlung  ist,  welche  der  Gesammt» 
heit  (den  Einzelnen  eingeschlossen)  voi-theilhaft  ist,  das  Gesets 
aber  aus  Zweckmässigkeitsgründen  nur  einen  Theil  von  un- 
sittliclien  Handlungen  mit  Strafe  bedroht.  Recht  und  Sittlich- 
keit haben  densel])en  Zweck:  das  Glück  aller  Glieder  der 
Gesellschaft;  aber  es  ;giebt  Fälle,  in  denen  die  Sittlichkeit 
gebietet,  dass  ein  Mensch  sein  und  seiner  Mitmenschen  Glück 
befördere,  ohne  dass  das  Recht  direct  eingreift. 

Schärfer  als  im  ersten  Weik  ist  hier  ausgeführt,  dass  es 
auf  das  Glück  der  Summe  der  Einzelnen  ankommt;  der 
Sprung  ^)  vom  Einzelnen  zur  Summe  der  Einzelnen  wird  aber 


\)  Guyau  in  seinem  sehr  interessanten  Buche:  „La  morale  Anglaise 
Contemporaine",  Paris  1879^  leugnet,  dass  bei  Bentham  ein  logischer  Sprung 
vorkomme  und  erklärt  sein  System  für  innerlich  völlig  consequent  Mit 
grossem  Geschick  hat  Guynu  den  innersten  Gedankengang  Benthams  über 
das  Nützlichkeitsprincip  möglichst  einfach  und  präcise  wiedergegeben  and 
auseinandergesetzt,  dass  und  wie  bei  Bentham  das  Streben  des  Individaams 
nach  dem  eignen  grössten  Glück,  und  das  nach  dem  grössten  Glück  der 
grössten  Zahl  zusammenfallen.  Der  Beweis  dieser  Behauptung  gründet 
sich  auf  viele  Sätze  bei  Bentham,  die  ausführen,  dass  das  eigne  richtig 


J.  Bentham.  257 

durch  den  Satz,   dass  ein  geordnetes  Zusammenleben  noth- 
wendig  sei,  nicht  erklärt,  sondeni  als  etwas  Selbstverständ- 


beredmete  Interesse  zur  Sympathie  mit  den  Mitmenschen  treibt  „La 
vertu  sociale,  dit  Bentham,  est  le  sacrifice  qa'on  homme  fait  de  son  propre 
plaisir  pour  obtenir,  en  servant  l'inter^t  d'autmi,  one  plus  grande  somme 
de  plaisir  ponr  lui  mSme/*    (Guyau  1.  c.  S.  22,  s.  audi  S.  86,  63.) 

Diese  Theorie,  welche  alle  moralischen  Pflichten  aus  einem  verfeiner- 
ten und  aufgeklärten  Egoismus,  als  ihrem  allein  möglichen  und  allein  ge« 
nOgenden  Grunde  ableitet,  erkennt  Guyau  selbst  nicht  für  richtig  an  — 
ich  brauche  nicht  zu  sagen ,  dass  nach  meiner  Auffassung  diese  Theorie 
auf  einer  künstlich  präparirten  und  unrichtigen  Darstellung  der  Thatsachen 
beruht  und  dass  es  ein  Grundirrthum  ist,  wenn  man  überhaupt  von  dem 
nur  an  sich  denkenden  Menschen  ausgeht,  statt  den  Menschen  von  vorn- 
herein zugleich  als  Glied  der  Gattung,  der  Menschheit  aufzufassen,  in  wel- 
cher Eigenschaft  ihm  die  Mitarbeit  an  der  Vervollkommnung  der  Mensch- 
heit zur  natürlichen  primären  Lebensaufgabe  wird. 

Das  warum  es  sich  hier  handelt,  ist  nicht  die  Frage  nach  der  Wahr- 
heit der  Lehre,  sondern  die  andere,  ob  Bentham  diese  Lehre  so  ent- 
wickelt hatte,  dass  sie  ihm  —  wenn  man  von  dem  falschen  Ausgangs- 
punct  und  den  nicht  erkannten  Thatsachen  des  menschlichen  Lebens  ab- 
sieht —  wenigstens  zur  vollen  Consequenz,  wenn  auch  auf  einer  falschen 
und  ungenügenden  Basis  verhalt 

Guyau  bejaht  diese  Frage  —  aber  sein  ürtheil  stützt  sich  fast  aus- 
schliesslich auf  Bentham's  „Deontology",  welche  weder  zu  seinen  bedeu- 
tendsten noch  wirksamsten  Schriften  gehört,  und  auf  Dumont's  Ueber- 
setznngen.  Guyau  behandelt  Bentham  nur  als  Moralphilosophen,  während 
er  doch  in  erster  Linie  als  politischer  Reformator  aufgefasst  werden  muss. 
Nun  kann  man  aus  dem  Studium  der  politischen  Schriften  unbedingt  er- 
sehen, dass  Bentham  sich  den  Menschen  fast  immer  als  roh  und  materiell 
egoistisch  denkt  —  so  wenig  er  dies  auch  selbst  war. 

Pflichtgefühl  und  Wohlwollen  gegen  die  entmenschen  erscheinen  hier 
bei  Bentham  durchaus  nicht  als  ein,  {wenn  auch  abgeleiteter,  so  doch 
xnitbeherrschender  und  einflussreicher  Zug  der  Menschen.  Vielmehr  führt 
Bentham  aus,  dass  und  wie  höchst  rafOnirte  Einrichtungen  die  Staats- 
organe zwingen  müssen,  das  Wohl  der  Gesammtheit  statt  ihres  eigenen 
zu  befördern. 

Es  bleibt  femer,  —  was  Guyau  gegenüber  betont  werden  muss  — 
unter  aUen  umständen  der  eine  grosse  innere  Widerspruch: 

Wenn  das  individuelle  Urtheil  des  von  Natur  und  mit  Recht 
im  Grunde  nur  an  sein  Glück  denkenden  Menschen  die  letzte  Richtschnur 
für  alle  Handlungen  ist,  so  kann  das  Individuum  jedenfalls  immer  im 
einzelnen  Fall  urtheilen,  dass  sein  Glück  und  das  der  grössten  Zahl 
differiren,  und  es  giebt  keinen  allgemein  genügenden  Grund  für  das  In- 
Held, Soc.  Gesch.  Engl.  17 


258  Erstes  Buch,  Cap.  3. 

liches  behandelt,  da  die  Gesellschaft  oder  Gesammtheit  eben 
lediglich  als  eine  Summe  erscheint.  Dass  das  unbedingte 
Ausgehen  vom  Einzelnen,  seinem  Glück  und  seinem  Interesse, 
eine  allgemeine  Ordnung  und  ein  Recht  im  Grunde  gar  nicht 
zulässt  —  ist  ein  Gedanke,  der  bei  Bentham  zwischen  all 
den  Axiomen  und  Distinctionen  nicht  aufkommt. 

Solches  Ignoriren  von  logischen  SpiUngen  war  nur  mög- 
lich, indem  Bentham  in  souveräner  Abgeschlossenheit  sich  nie 
um  die  Ansichten  Anderer  kümmeite. 

Dagegen  bemüht  sich  sein  bekanntester  Schider,  J.  St 
Mill,  Einwürfe  zu  widerlegen.  Dieser  liebenswürdige  Eklektiker 
war  gleich  Bentham  ein  reiner  Stubengelehrter,  eine  unendlich 
wohlwollende  Natur  und  ein  Geist,  den  anerkennenswerthe 
Aufiichtigkeit  zum  Kampf  gegen  Voruitheile  trieb.  Gleich 
Bentham  war  er  Philosoph,  Politiker  und  Nationalökonom  zu- 
gleich. Aber  nicht  nur  war  Bentham  der  weita.us  schärfere 
Kopf:  man  muss  auch  sagen,  dass  Bentham's  Ignoriren  innerer 
Widersprüche  lehiToicher  wirkt  als  Mill's  Tendenz  dordi 
optimistische  Kedensarten  dieselben  aus  dem  Wege  zu  räumen. 
Bentham,  einseitig  wie  er  war,  inte  nur  deshalb,  weil  er 
Vieles  nicht  sah,  er  war  nie  zugleich  verworren.  Aber  kOnnen 
wir  es  andei-s  als  confus  nennen,  wenn  Mill  in  seinem  Büchlein 
über  Utilitarianismus  (5.  Angabe,  London  1874)  die  Nützlich- 
keitslehre dadurch  schmackhafter  zu  machen  sucht,  dass  er 
sagt,  es  komme  nicht  allein  auf  untergeordnete  physische  Ge- 
nüsse an.  Glück  und  Zufriedenheit  seien  nicht  identisch,  aber 
Glück  sei  ein  Gut,   weil   es  factisch   gewünscht  wird.    Also 

dividuum,  das  GlQck  der  grössten  Zahl  als  feste  Richtschnur  für  seine 
Handlungen  anzunehmen. 

Bentham  war  sehr  scharf  in  der  Dialektik,  sehr  logisch  und  conse- 
quent  im  Einzelnen,  sehr  aufrichtig  und  wahr  im  Ganzen.  Wenn  man 
aber  einmal  auf  Kurzsichtigkeit  beruhende,  ungenügende  und  durch  ihre 
Beschränktheit  falsche  Ausgangspunkte  hat,  so  ist  es  unmöglich,  bei 
deren  Anwendung  auf  das  reiche  Leben  der  Menschen  im  Grossen  ab- 
solut consequent  zu  sein.  Der  Utilitarianismus  ist  übrigens  eine  so  über- 
aus vage  Vorstellung,  dass  man  in  der  That  leicht  Vieles  hinein  interpredren 
kann.  Das  Wesentliche  von  Bentham's  Irrthum  ist,  dass  er  vom  selbst 
beurtheilten  Glück  des  Indi\iduums  —  also  vom  Individualismus  —  ausgeht 


J.  Bentham.  259 

Glfick  ist  das  Gewünschte  und  doch  nicht  mit  Zufriedenheit 
identisch.  Oder  was  ist  es  ändei*s  als  Confusion,  wenn  Mill 
meint,  über  den  Weith  einzelner  Genüsse  entscheide  die 
Majorität  der  Sachkenner,  es  komme  aber  auf  das  Glück  der 
Gesammtheit  an  und  deshalb  sei  das  Princip  der  Nützlich- 
keit moralisch  und  verlange  Edelmuth.  Was  aber  der  Ge- 
sammtheit nützlich  sei,  das  sei  durch  lange  Eifahrung  der 
Menschheit  festgestellt.  Das  heisst  also,  das  Glücksprincip 
sei  nur  ein  theoretischer  Erkläinngsgrund  der  anerkannten 
Sittengesetze,  kein  Maassstab  für  die  Entscheidung  zur  Hand- 
lung im  einzelnen  Fall,  und  keine  Regel,  nach  der  die  Sach- 
kenner immer  neu  urtheilen  sollen.  Und  was  sollen  wir 
sagen,  wenn  Mill  nach  dem  Grunde  fragt,  warum  es  auf  das 
Glück  der  Gesammtheit  ankommt,  und  als  Grund  hierfür 
das  Gewissen  angiebt,  ein  Gefühl  in  uns,  das  die  Pflicht  gegen 
die  Gesammtheit  lehrt  und  das  auf  dem  gesellschaftlichen 
Gefühl,  dass  Jeder  mit  seines  Gleichen  leben  muss,  beruht. 
Diese  Theorie  des  Gewissens  kann  dann  Mill  mit  dem  Princip 
individueller  Speculation  über  Glück  und  Nützlichkeit  schliess- 
lich nur  durch  die  manchesterliche  petitio  principii  vereinbaren, 
dass  die  letzten  Interessen  Aller  in  natürlicher  Harmonie  stehen, 
welches  Bewustsein  in  uns  zu  einem  starken  innern  Gefühl 
wird. 

Da  ist  Bentham  consequenter,  dem  das  Gewissen  nur  die 
anerzogene  Rücksicht  auf  das  Urtheil  Andrer  ist,  deren  Lob  uns 
Freude,  deren  Tadel  uns  Schmerz  bereitet ;  der  die  physische 
Quelle  von  Lust  als  die  wichtigste  bezeichnet,  es  für  ein  Vor- 
urtheil  ansieht,  wenn  man  Musik  und  Poesie  für  etwas  Höheres 
erklärt  als  Kegelspiel  obwohl  doch  letzteres  mehr  Lust  bereiten 
könne  *)  und  der  die  Worte  „guter  und  schlechter  Geschmack'' 
als  Phrase  bezeichnet. 

Bentham  hatte  die  Kühnheit  einen  einzelnen  Zug  des 
Menschen  (egoistische  Berechnungen  über  den  eignen  Vor- 
theil  die  Handlungen  bestimmen  zu  lassen)  zur  Grundlage 
einer  Weltanschauung  zu  machen.    Er  ignorirte  die  Gefühle 


^)  In :  The  Rationale  of  Reward,  Werke  Bd.  II,  S.  253. 

17* 


260  Erstes  Buch ,  Gap.  8. 

und  Leidenschaften  der  Menschen;  er  leugnete,  dass  die 
Menschen  sich  Ober  ihren  Vortheil  irren  und  darüber  mit 
einander  in  Streit  gerathen  können.  Er  dachte  nie  daran, 
dass  der  Mensch  nur  als  Glied  eines  grösseren  Organismiis 
verstanden  werden  kann,  dass  sein  wahres  GlQck  gar  nicht 
im  Erreichen  des  Gewünschten,  sondern  nur  im  Streben  nach 
Vervollkommnung,  in  der  Unterordnung  unter  ein  Ideal  li^t. 

Er  ignorirte  Alles,  was  über  dem  Menschen  steht,  alle 
Mächte,  die  der  Mensch  ahnt  und  deren  Wirken  er  fllhlty 
ohne  dass  er  sie  klar  erkennt.  Er  fragte  nicht  nach  dem 
Grund  der  menschlichen  Existenz,  nicht  nach  dem  Zweck 
der  Menschheit:  für  ihn  existiiten  nur  die  einfachsten  Ziele 
und  Zwecke  des  einzelnen  Menschen,  nach  deren  Erreichung 
Jeder  mit  einfacher  Berechnung  sti*eben  kann.  Seine  grosse 
Entdeckung  war  eine  fast  abschreckende  Beschränkung  des 
Gesichtskreises.  Aber  er  besass  den  Muth  alle  Consequenzen 
dieses  ])eschränkten  Ausgangspunctes  furchtlos  zu  ziehen;  er 
beschönigte,  er  verhüllte  nichts.  Er  konnte  Abschreckendes« 
Falsches,  Einseitiges  sagen  —  aber  nichts  Abgeschmacktes. 
So  wenig  wir  mit  ihm  übereinstimmen  können,  dem  Manne, 
der  nur  sich  selbst  genügen  wollte,  vermögen  wir  die  Aner- 
kennung einer  gewissen  Grösse  des  Geistes  und  Charakters 
nicht  zu  versagen,  während  uns  schwächliche  Nachfolger,  die 
mit  seinen  Waffen  klirren  und  populären  Erfolg  suchen,  ohne 
seine  Kraft  zu  besitzen,  nur  anwideni.  -  Er  kannte  das 
Schöne,  das  Sittliche  nicht,  nur  das  Nützliche;  er  besass 
wenig  Phantasie,  nur  kritische  Logik  —  er  war  aber  ehrlich 
in  dieser  maasslosen  Einseitigkeit,  indem  er  auch  seine 
eigenen  edlen  Motive  verkannte  und  immer  nur  als  Kritiker 
auftrat. 

Es  ist  unnöthig,  die  Einseitigkeit  und  Unbrauchbarkeit 
des  Nützlichkeitsprincips  noch  weiter  nachzuweisen.  Als 
Philosoph  ist  Bentham  allgemein  als  unbedeutend  anerkannt 
(vergl.  Guyau).  Ebenso  ist  es  uns  unmöglich,  hier  Bentham's 
sämmtliche  publicirte  Schriften  eingehend  zu  besprechen; 
nur  in  Küi-ze  sei  erwähnt,  dass  ein  grosser  Theil  dei-selben, 
und  gerade  der  besten  und  wertlivoUsten,  sich  auf  Justizreform, 


J.  BenthanL  261 

speciell  auf  Befoim  des  Strafrechts,  des  Prozessrechts  und 
des  Gefängnisswesens  beziehen.  Auch  hier  geht  Bentham  vom 
Nützlichkeitsprincip  aus,  hat  aber  in  einer  Menge  von  Detail- 
fragen wirklich  nützliche  Kritik  geübt  und  nothwendige 
Beformen  angeregt.  Kann  man  auch  seine  unbedingte  An- 
preisung allgemeiner  Codificationen  nicht  billigen,  so  muss 
man  doch  zugestehen,  dass  gegenüber  dem  verworrenen, 
veralteten ,  theilweise  unmenschlichen  englischen  Becht  und 
der  allgemeinen  Tendenz  der  Advocaten,  die  ihnen  günstige 
Rechtsvei'won'enheit  beizubehalten,  Bentham's  lücksichtsloses 
Auftreten  ein  heilsamer  Gegensatz  war. 

Andere  Schriften  Bentham^s  könnte  man  zu  den  vermischten 
Schriften  rechnen,  so  den  unbedeutenden  Vei-such  über  Logik, 
den  seltsamen  Versuch  über  Sprache  und  seine  Fragmente 
einer  univei'sellen  Grammatik,  welche  der  beschränkte  Logiker 
zu  entwickeln  strebt,  obwohl  er  nur  drei  Sprachen  kennt. 
Es  ist  interessant,  dass  der  kosmopolitische  Reformator  doch 
seine  Sprache,  die  englische,  für  die  vollkommenste  erklärt 
Beniham's  Unfehlbarkeitsglaube  spiegelt  sich  in  seiner  Schiift 
über  die  Verbindung  der  Weltmeere.  Am  interessantesten  unter 
den   veimischten  Schriften  dürfte  die  Chrestomathia  *)  sein. 

Wir  werden  später  sehen,  wie  fast  alle  socialen  und 
politischen  Reformatoren  der  Neuzeit  in  England,  soweit 
sie  von  demokratischem  Geiste  erfüllt  waren,  zur  Auflö- 
sung der  alten  staatlichen  Ordnung  beitrugen,  ohne  eine 
kräftige  neue  Ordnung  des  Staats  an  die  Stelle  der  alten 
setzen  zu  können.  Alle  ausnahmslos  aber  erwarben  sich  das 
Verdienst,  dass  sie  für  Volksbildung  bemüht  waren,  indem 
sie  alle  einsahen ,  dass  nach  Wegfall  alter  Autoritäten  wenig- 
stens die  individuelle  Kraft  der  befreiten  Individuen  gesteigeit 
werden  müsse.  Der  Socialist  Owen,  der  Manchestermann 
Cobden,  der  Chartist  Lovett  —  sie  alle  schwärmten  für 
Schulen.  Und  nicht  minder  Bentham,  der  Pi-ophet  all 
dieser  Richtungen.  Er  interessirte  sich  für  Bell  und  Lancaster 
und  erbot  sich  zur  En-ichtung  einer  Schule  in  seinem  Garten, 


^)  Band  VIII  der  V^erke. 


262  Erstes  Bach,  Cap.  3. 

die  er  selbst  leiten  wollte;  dies  kam  wegen  des  beabsichtigten 
Ausschlusses  der  Theologie  nicht  zu  Stande,  und  so  schrieb 
Bentham  nur  ein  neues  Buch,  die  Chrestomathia. 

Bentham  schwäimt  für  das  System ,  dass  die  Schüler  das 
Erlernte  selbst  wieder  anderen  Schülern  lehi*en,  so  dass  nur 
ein  dirigirender  Lehrer,  aber  sehr  viele  Lehrer  -  schüler 
wirken.  Der  Unterrichtsplan,  den  Bentham  vorschlägt,  ist  ein 
Protest  gegen  das  Vorhen-schen  der  classischen  Bildung. 
Auch  auf  dem  Gebiete  der  Pädagogik  zieht  er  die  Conse- 
quenzen  seines  materialistischen  Priucips.  Er  sieht  auf  das 
unmittelbar  praktisch  Nützliche  und  verlangt  realistische 
Bildung  in  neuen  Sprachen,  Katurwissenschaften,  Technologie, 
Buchführung  etc.  Auch  im  Rationale  of  Reward  wird  der 
grössere  Werth  der  Naturwissenschaften  gegenüber  dem  Stu- 
dium des  Lateinischen  und  Griechischen  hervorgehoben.  — 

Mehr  wie  die  Schriften  über  Justizreform  und  die  ver- 
mischten Schriften  interessiren  uns  Bentham's  nationalökono- 
mische und  seine  eigentlich  politischen  Werke. 

Durch  seine  materialistische  Grundtendenz  ist  Bentham  der 
Prophet  aller  Richtungen  geworden,  die  den  Staat  zum  Diener 
wirthschaftlicher  Interessen  zu  degradiren  trachten.  In  seinen 
politischen  und  nationalökonomischen  Arbeiten  speziell  zieht 
er  der  Reihe  nach  alle  denkbaren  Consequenzen  einer  extre- 
men Freiheits-  und  einer  extremen  Gleichheitslehre. 

Dass  Freiheit  und  Gleichheit,  extrem  gefasst,  mit  ein- 
ander in  Widei-spruch  kommen  müssen,  sieht  Bentham  nicht.  So 
lange  er  lebte,  zerfiel  der  Radicalismus  noch  nicht  in  einen 
Radicalismus  der  Mittelklassen  und  der  Arbeiter,  von  denen 
der  ei-stere  die  individuelle  Freiheit,  letzterer  politische 
Gleichheit  forderte.  Die  Parteischeidungen  gegen  Ende  der 
30  er  Jahre  haben  praktisch  bewiesen,  dass  die  Freiheitsliebe 
der  Starken  und  Besitzenden  auf  die  Dauer  mit  dem  Gleich- 
heitsdurst der  niederen  Massen  nicht  Hand  in  Hand  gehen 
kann.  In  der  Zeit  vor  der  Reformbill  aber  bestand  noch 
eine  überwiegende  Tendenz,  welche  Alle  zusammenhielt,  die 
überhaupt  leidenschaftlich  den  Wunsch  einer  Aenderung  des 
Bestehenden    hegten.      Wer    Befreiung    von   bestimmten 


J.  Bentham.  263 

Fefcseln,  wer  Ausgleichung  bestimmter  Untei*schiede  wollte, 
sie  alle  einigten  sich  noch  in  der  Opposition  gegen  die  alte 
Aristokratie  und  erhoben  dieser  gegenüber  nur  gefühlsmässig 
den  Ruf  nach  Freiheit  und  Gleichheit  überhaupt. 

Kein  Wunder,  dass  Bentham,  welcher  ja  nur  von  einem 
empirischen  Satze  ausging  und  dessen  praktische  und  historische 
ErfahiTing  klein  war,  nicht  über  den  inneren  Widerspruch 
der  Principien  selbst  speculirte,  und  sich  mit  der  Thatsache 
ihres  gegenwärtigen  Bundes  begnügte.  Dass  Freiheit  Hen-schaft 
über  die  Schwachen,  dass  Gleichheit  Freiheitsbeschränkung 
der  Starken  ist,  dass  daher  in  der  Anwendung  beider  Prin- 
cipien Maass  herrschen  müsse  —  das  waren  Gedanken,  die 
in  Bentham's  Seele  keinen  Raum  hatten.  Und  so  ist  er  zugleich 
der  Prophet  des  späteren  Manchesterthums  und  des  späteren 
Chartismus  geworden;  für  Beide  lieferte  er  die  Philosophie, 
mit  der  sie  später  ihre  Agitation  vei-zierten.  Wie  diese  beiden 
Richtungen  sich  später  eigentlich  nur  praktisch,  nicht  auch 
in  theoretischen  Principien  bekämpften,  so  sieht  auch  Bentham 
nicht,  dass  seine  allgemeinen  depiokra tischen  Principien  zu 
Widersprüchen  führen. 

In  seinen  nationalökonomischen  Schriften  ^)  ist  Bentham 
vorherrschend  freiheitsschwärmender  Manchestermann,  weicht 
aber  doch  vom  Manchesterthum  aus  wohlwollendem  Gefühl 
gegen  die  Arbeiter  vielfach  ab.  Diese  Inconsequenzen  sind 
gerade  oft  Lichtblicke,  aber  doch  Inconsequenzen.  — 

Bentham  schliesst  sich  als  Nationalökonom  Adam  Smith 
an.  Gleich  Adam  Smith  ist  er  Apostel  des  „laissez  faire  et 
passer",  ein  Princip  für  das  er  seine  eignen  Formeln  hat.    Er 


')  Es  gehören  hierher  besonders  folgende  Schriften: 

„Defence  of  usury. 

„Manual  of  Political  Economy. 

„Sapply  without  Borden. 

„Tracts  on  Poor  Law  and  Pauper  Management 

„A  Plan  for  Conversion  of  stock  into  note  annuities. 

„Observations  on  the  restrictive  and  prohibitory  commercial  System. 
Viel  speciell  Manchesterliches  auch  im  Rationale  of  Reward  und 
International  Law  und  in  sonstigen  Schriften,  wo  von  der  Werthbemes- 
saug  der  pleasnres  die  Rede  ist. 


264  Erstes  Bach,  Cap.  S. 

ruft  der  Regierung  zu:  Stillgestanden!  („be  quiet'')  und  sagt, 
die  Industrie  verlange  von  der  Regierung  nichts  Andres,  als 
was  Diogenes  von  Alexander  verlangte:  „Geh  mir  aus  3er 
Sonne."    (Im  Manual,  Werke  Bd.  III.    S.  35.) 

Der  Gesammtreichthum  ist  bei  Bentham  die  Summe  der 
Einzelreichthümer ;  der  Foilischritt  des  Reichthums  häigt 
von  dem  Wachsthum  des  Capitals  ab;  daher  werden  lie 
Wuchergesetze  bekämpft,  Freihandel  verlangt;  dieser  wird  wie 
bei  Adam  Smith  nicht  aus  natürlichen  Freiheitsrechten  be- 
wiesen, sondern  durch  seine  Nützlichkeit  gerechtfertigt. 

Bentham  ist  gegen  Entails  und  Latifundien ;  in  der  Steuer- 
frage geht  er  so  weit,  die  Gerechtigkeit  der  Steuervertheilung 
gar  nicht  zu  untersuchen,  sondern  die  indirecten  Steuern  nur 
wegen  ihrer  Bequemlichkeit  vorzuziehen.  Belohnunges  aller 
Alt,  die  der  Staat  vertheilt,  erscheinen  lediglich  als  Kauf  von 
Diensten.  Käuflichkeit  der  Offiziei*sstellen  wird  entschuldigt, 
weD  dies  noch  besser  sei  als  Willkür  der  Krone;  selbst  der 
Census  der  Friedensrichter  und  der  Census  beim  passiven 
Wahlrecht  erscheinen  als  zulässige  Mittel,  zu  billiger  Regie- 
rung zu  gelangen.  „Die  Interessen  der  Individuen  sind  die 
einzigen  wahren  Interessen.  Pfleget  die  Individuen,  belästigt 
sie  nicht,  duldet  nie,  dass  sie  belästigt  werden  und  ihr  habt 
genug  für  das  öffentliche  Wohl  gethan/'  (Rationale  of 
Reward.)  Sicherheit  ist  Gmnd  und  Zweck  der  Steuern. 
Alle  Kolonien  sollen  befreit,  die  stehenden  Herren  sollen  durch 
inteiTiationale  Verträge  herabgesetzt ,  Streitigkeiten  unter 
Völkern  durch  internationale  Schiedsgerichte  geschlichtet 
werden. 

In  der  That,  man  meint  schon  Cobden  zu  hören.  Aber  es 
sind  die  Vorechläge  des  stillen  Gelehrten,  der  in  seinen  Princi- 
pien  über  Völkerrecht  einen  Plan  für  ewigen  und  allgemeinen 
Frieden  entwirft,  des  Mannes,  „der  nach  dem  Erdball  als 
Herrschaftsgebiet  strebt,  dessen  einzige  Waffe  die  Presse« 
dessen  Schauplatz  der  Intrigue  das  Cabinet  der  Menschheit 
ist."  Und  fi-agt  man  nach  den  Gründen  dieser  Friedensliebe, 
so  ist  es  nicht  Humanität  oder  Widerwille  gegen  vergossenes 
Menschenblut,  sondern  wieder  meint  man,  Cobden  zu  hören. 


J.  Bentham.  265 

wenn  Bentham  sagt:  ,, Aller  Handel  ist  seinem  Wesen  nach 
Yortheilhaft,  auch  für  die  Partei,  für  die  er  es  am  wenigsten 
ist.  Aller  Krieg  ist  seinem  Wesen  nach  zerstörend ;  und  doch 
ist  es  das  grosse  Geschäft  der  Regierungen,  Gelegenheiten 
zum  Krieg  aufzuspüren/' 

All  dies  ist  vollendetes  Manchesterthum :  Ein  freies 
wohlhabendes  Volk,  unbeschränktes  Wachsen  des  Capitals, 
—  eine  schwache,  billige  Regierung;  Unterordnung  des 
Staats  unter  die  wirthschafUichen  Interessen  der  Ünteithanen. 
Der  Staat  ist  nicht  Repräsentant  von  Culturideen ,  die  Ein- 
zelnen nicht  verpflichtet,  diesen  zu  dienen;  der  Staat  ist  eine 
Vorrichtung,  den  wirthsehaftlichen  Gewinn  zu  fördeni, 
jedenfalls  nicht  zu  stören.  — 

Dennoch  war  Bentham  den  späteren  Manchesteimännern 
und  den  gleichzeitigen  classischen  Nationalökonomen  oft  über- 
legen, einmal  weil  er  überhaupt  zugleich  an  politische  Pro- 
bleme dachte,  und  dann,  weil  er  es  mit  dem  Glück  der 
grössten  Zahl  Ernst  nahm,  ohne  dem  Schwindel  der  unbe- 
dingten Harmonie  der  Interessen  zu  huldigen. 

Treu  seinem  Nützlichkeitsprincip  macht  er  sich  kein 
Gewissen  daraus,  das  Eigen thum  wenigsten  in  Bezug  auf 
Vererbung  zu  beschränken  (Supply  without  Bürden)  und 
will  dem  Staat  alle  Güter  Verstorbner  überweisen,  welche 
nur  Verwandte  von  einem  Verwandschaftsgrad  hinterlassen, 
bei  dem  Heirath  gestattet  ist.  Auch  andre  Verwandte,  wenn 
kinderlos,  sollen  nur  Niessbrauch  bekommen;  von  Erb- 
schaften, die  nicht  Eltern,  Kindera  oder  Geschwistern 
zufallen,  soll  der  Staat  einen  Theil  erhalten;  das  Recht  des 
Testirens  soll  auf  die  Hälfte  des  Vermögens  beschränkt 
werden,  für  das  es  jetzt  gilt.  Dies  sind  Anklänge  an  den 
späteren  St.  Simonismus. 

Die  Leidenschaft  der  Arbeiter  gegen  neue  Maschinen 
wird  entschuldigt;  vom  Laissez-faire-Princip  werden  Aus- 
nahmen zu  Gunsten  allgemeiner  Verbreitung  von  nützlichen 
Kenntnissen,  zu  Gunsten  öflFentlicher  Wege  und  bei  Erfin- 
dungspatenten anerkannt.  Statistik  wird  nicht  benutzt,  jedoch 
warm  empfohlen.    Eifrig  beschäftigt  sich  Bentham  mit  der 


266  Erstes  Bach,  Cap.  3. 

Staatsschuld,  die  er  freilich  nicht  mit  der  gemeinen  Gehässig- 
keit Cobbett's  angreift,  die  aber  doch  auch  ihm  ein  Dom  im 
Auge  ist  Er  entwii*ft  ein  ganz  unpraktisches  Project,  die 
Staatsschuld  in  zinstragende  Inhaberpapiere  von  möglichst 
kleinem  Betrag  zu  verwandeln,  indem  solche  Papiere  gegen 
Sparsummen  verkauft  und  mit  dem  Erlös  Staatsschuld  zurück- 
gekauft werden  soll.  Wenn  dabei  die  Rücksicht  auf  die 
Arbeiter,  denen  Gelegenheit  zur  Anlage  kleiner  Ei-spamisse 
gegeben  werden  soll,  ausdrücklich  betont,  wenn  dabei  gesagt 
wird,  diese  Noten  sollten  durch  die  Postbüreaus  vertrieben 
werden  —  wer  erkennt  darin  nicht  eine  Prophezeiung  der 
späteren  Postsparkassen,  die  das  Princip  des  laissez  faire 
durchbrochen  haben?  — 

Merkwürdig  ist  die  Verquickung  von  Manchestei-thum 
und  Wohlwollen  gegen  die  Massen  in  Bentham's  Ansichten  über 
die  Armenfrage.  Er  ist  nicht  Malthusianer,  ob  er  gleich  erkennt, 
dass  die  Bevölkerung  im  Yerhältniss  zu  dem  Unterhaltsmitteln 
und '  Bedüi'foissen  steht  (Manual.)  In  seinen  praktischen 
Voi'schlägen  ist  der  Geist  des  späteren  Annengesetzes  mit 
sanguinischer  Weltbeglückungslust  verbunden.  Eine  Actien- 
gesellschaft,  die  „National  Charity  Company"  —  nicht  der 
Staat  selbst  —  soll,  mit  weitgehenden  Zwangsrechten  aus- 
gelastet, alle  die  sich  nicht  über  Nahrungsstand  ausweisen 
können  und  die  Kinder  ohne  Aussicht  auf  gute  Erziehung,  in 
grosse  Industriehäuser  für  je  etwa  2000  Personen  schaffen, 
wo  sie  arbeiten  müssen,  bis  sie  den  für  sie  gemachten  Auf- 
wand abverdient  haben.  Nüchternheit  und  Massigkeit  sollen 
darin  gepflegt,  die  Kinder  sollen  gut  unterrichtet  und  ei-zogen, 
die  Familien  nicht  getrennt  werden.  Die  Gesellschaft  soll 
strenge  überwacht,  die  Aufseher  sollen  für  jeden  Todesfall 
bestraft  werden  etc.  etc. 

Eine  völlig  centi'alisirte,  die  alte  Selbstverwaltung  durch- 
brechende, in  socialistische  Phalansterien  ausartende  Armen- 
pflege, unter  Ausschluss  sonstiger  Unterstützung,  soll  die 
Steuerzahler  erleichtem,  zugleich  das  ganze  Volk  heben.  Die 
Industriehäuser  sollen  die  Gefängnisse  entbehrlich  machen ;  an 
sie  soll  sich  eine  Regulimng  der  Arbeitsnachfrage  im  ganzen 


J.  Bentham.  267 

Land  durch  eine  „employing  gazette"  und  eine  „fnigality  bank", 
das  ist  eine  centralisirte  Anstalt  zum  Ersatz  der  Sparcassen 
und  der  „friendly  societies"  anschliessen.  So  borniit  Bentham 
war,  so  vielseitig  war  er  doch  zugleich;  selbst  der  englische 
Socialismus  findet  in  diesen  Vorschlägen  einen  Bundesgenossen. 

Aber  nicht  nur  in  einzelnen  Ansichten  weicht  Bentham 
vom  Manchesterthum  ab.  Er  erkennt,  dass  die  National- 
ökonomie nicht  nur  Wissenschaft,  sondern  auch  Kunst  sei, 
und  dass  Adam  Smith  letztere  Seite  zu  wenig  beachtet  habe 
(Manual).  Bentham  zielt  immer  bewusst  und  direct  auf  ein- 
zelne praktische  Refoimen  ab  und  er  erkennt,  dass  die  . 
Thätigkeit  der  Polizei  und  Gerichte  für  die  Wirthschaft  von 
wesentlicher  Bedeutung  sind.  Finanzfragen  stehen  bei  ihm  im 
Vordei^^rund.  Er  macht  im  Gegensatz  zu  Adam  Smith  Ver- 
suche der  Systematisiinng  und  führt  alle  Lehren  auf  ein  aus- 
gesprochenes Princip,  das  der  Nützlichkeit,  zurück. 

Die  bedeutendste  Abweichung  vom  Manchesterthum  be- 
steht aber  darin,  dass  die  Aufgabe  des  Staats  doch  nicht  un- 
bedingt auf  den  „Nachtwächterdienst",  auf  die  Herstellung 
von  Sicherheit  beschränkt  wird.  Das  Glücksprincip  löst  sich 
auf  in  die  Aufgabe  des  Staats,  „Sicherheit,  Unterhalt,  Ueber- 
fluss  und  Gleichheit"  zu  schaffen  (Pan.  fragments  und  sonst 
öfter).  Und  indem  die  Herstellung  der  Gleichheit,  soweit  es  die 
Sicherheit  erlaubt,  in  die  Staatsaufgaben  eingeschlossen  wird, 
kommt  Benthan  auf  die  Frage  nach  der  besten  Vertheilung 
des  Reichthums. 

Und  dabei  spricht  er  die  grosse  Wahrheit  aus,  dass  es 
auf  Abschleifen  der  Gegensätze  zwischen  Ann  und  Reich  an- 
kommt. Da  zehntausendmal  mehr  Reichthum  —  meint  Bent- 
ham —  nicht  zehntausendmal  glücklicher  macht,  so  ist  das 
meiste  Gltlck  bei  gleicher  Vertheilung  des  Reichthums  vor- 
handen. Dies  kann  man  aber  nicht  wollen,  weil  durch  abso- 
lute Gleichheit  die  Quelle  des  Reichthums  vei-stopft  würde. 
Und  so  ist  der  beste  Zustand  der,  in  dem  vom  Reichsten 
herab  die  Abstufung  am  regelmässigsten  und  unftihlbai'sten 
ist.    Man  sieht,  Bentham  sucht  die  Mitte  zwischen  dem  Com- 


268  Erstes  Buch,  Gap.  3. 

munismus  und  dem  Zustand,  in  welchem  der  König  von  Eng- 
land durch  Drehen  einer  Kurbel  allein  alle  Maschinen  in  Be- 
wegung setzt  —  und  dies  ist  wohl  die  erleuchtetste  Folgerung, 
die  sich  aus  der  Tendenz  das  Glück  und  seine  Bestandtheile 
zu  messen,  ergab. 

Einem  Manne,  der  so  absolut  frei  davon  war,  seine  Wis- 
senschaft seinen  oder  seines  Standes  Interessen  zu  opfern,  der 
so  unentwegt  die  Consequenzen  seiner  Principien  zog,  konnte 
es  auch  nicht  beifallen,  gleich  Ricardo  das  allgemeine  gleiche 
Wahlrecht  principiell  anzuerkennen  und  practisch  doch  nicht 
zu  wollen. 

Damit  kommen  wir  auf  Bentham^s  politische  Schriften. 
Wi^  haben  schon  im  „Fragment"  und  in  den  „Principles"  Bent- 
ham's  Ansichten  über  das  Revolutionsrecht,  seinen  Satz  vom 
grössten  Glück  der  gi-össten  Zahl  als  Princip  aller  Gesetz- 
gebung kennen  gelenit.  Er  blieb  sich  in  seinen  Principien 
und  Tendenzen  von  1776  bis  zu  seinem  Tode  auch  in  Bezug 
auf  Verfassungsfragen  getreu;  jedoch  ist  hier  eine  Entwick- 
lung der  Consequenzen  im  Laufe  der  Zeit  nicht  zu  verkennen, 
so  dass  Beuthem  als  Greis  das  aussprach,  was  er  als  Mann 
noch  nicht  sagte  —  nicht,  weil  ihm  der  Muth  fehlte,  sondern 
weil  auch  ihn  die  Tradition  band  und  weil  seine  Kritik  sich 
in  ihm  erst  ausleben  musste.  Verbitterung  gegen  Gegner, 
die  ihn  verkannten,  Beifall,  der  ihm  aus  Spanien  und  Süd- 
amerika entgegen  gebracht  wurde,  mögen  ihn  zugleich  er- 
hitzt haben  —  dennoch  musste  er  zu  den  letzten  revolutio- 
nären Consequenzen  kommen,  weil  sein  Princip  es  erheischte. 

Dazu  führte  nicht  nur  die  Behauptung,  dass  die  individu- 
elle Ueberzeugung  über  das  Recht  des  Widei-stands  entscheide. 
Nachdem  Bcntham  den  Sprung  gemacht  hatte,  dass  es  auf 
das  grösstmögliche  Glück  der  grösstmöglichen  Zahl  ankomme, 
musste  er  unbedingte  Demokratie  fordern  —  und  wenn  er 
einsah,  dass  diese  nicht  auf  friedlichem  Wege  zu  erreichen 
war,  so  musste  er  auf  einem  Umweg  wieder  zur  Revolution 
zurück  kommen. 

Schon  in  den  Pannomial  Fragments  wird  ausgesprochen, 
dass  im  Conflictsfall  die  kleinei*e  Zahl  der  grösseren  weichen 


J.  Bentham.  269 

müsse.  Und  in  allen  politischen  Schiiften  kommt  Bentham 
zu  dem  Besultat,  dass  die  Majorität  unbedingt  die  Hen*schaft 
haben  mfisse,  da  es  ja  auf  das  Glück  der  Majorität  ankomme 
und  diese  nur  selbst  bestimmen  könne,   was  ihr  nützlich  sei. 

Es  ist  selbstvei*ständlich,  dass  mit  diesen  demokratischen 
Anschauungen  eine  grimmige  Abneigung  gegen  jede  Aristo- 
kratie Hand  in  Hand  ging,  dass  Whigs  und  Tones  Bentham 
gleichmässig  verhasst  wurden,  dass  er  sieh  einfach  auf  die 
Seite  der  „radicalen  Reformer"  seiner  Zeit  stellte.  Er  spottet 
über  die  „glorreiche  Revolution''  (Book  of  Fallacies) ,  ist  für 
Katholikenemancipation,  gegen  die  Staatskirche,  eifert  gegen 
die  heilige  Allianz  etc.  etc.  —  und  liefert  in  all  diesen  Fragen 
den  radicalen  Agitatoren  seiner  Zeit  die  Waffen,  wenn  er  auch 
Cobbett  fftr  einen  Schuft  erkläi-te,  und  weder  Paine's  Schwär- 
merei für  Menschenrechte  noch  des  Majors  Caitwright  biblische 
Sittenstrenge  bei  ihm  Anklang  fand.  In  dem  Hauptpostulat 
der  radicalen  Parlamentsrefonn  stimmte  er  mit  allen  andern 
Radicalen  überein,  wie  er  denn  gleich  den  meisten  der  letz- 
teren die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  für  das  ge- 
lobte Land  hielt  und  sogar  wähnte,  dass  dort  nie  Einzelne 
öffentliche  Mittel  zu  ihrem  Vortheil  vergeudeten! 

Mit  den  Sympathien  für  Demokratie  wuchs  Bentham's 
Kosmopolitismus.  Er  war  der  Ansicht,  Ausländer  eigneten  sich 
besonders  zu  Staatsbeamten,  weil  man  sie  besondei-s  argwöh- 
nisch überwachen  würde.  Er  schrieb  nicht  nur  Gesetzbücher  und 
Belehrungen  für  die  beliebigsten  Nationen,  selbst  für  Tripolis, 
sondern  verfasste  einen  Codificationsvorschlag  für  alle  libe- 
rale Völker  (Codification  Proposal). 

Bentham  verwarf  die  massige  und  verlangte  unbedingt 
die  radicale  Parlamentsreform.  In  dem  „Parliamentary  Reform 
Catechism*',  geschrieben  1809,  veröffentlicht  mit  Einleitung  von 
1817  (Bd.  ni  der  Werke),  wird  die  radicale  Parlamentsrefonn 
bereits  nicht  nur  mit  scharfer  Kritik  des  Bestehenden,  sondern 
entschieden  mit  glühender  Leidenschaft  gefordert.  Minder- 
jährige, auch  solche,  die  nicht  lesen  können,  sollen  zwar  aus- 
geschlossen werden,  denn  Bentham  verlangt  verständigerweise 
„virtually  universal  suffrage'*,  aber  zugleich  ganz  in  der  Weise 


270  Erstes  Buch,  Cap.  3. 

der  Radicalen  jährliche  Parlamente  und  geheimes  Ballot 
In  vielen  anderen  Schriften,  z.  B.  in  dem  1819  veröffentlich- 
ten Entwurf  einer  „R&dical  Reform  Biir' ,  und  in  dem  Buch 
„Radicalism  not  dangerous^',  werden  die  gleichen  Forderungen 
immer  wieder  zusammengestellt. 

Dass  das  Parlamentswahlrecht  allein  die  Demokratie  nicht 
sichere,  sieht  Bentham  klar  ein;  deshalb  beschränken  sich 
seine  Vorschläge  nicht  auf  die  Verfassung,  sondern  die  ganze 
Organisation  der  Verwaltung  soll  demokratisch  eingerichtet 
werden,  so  dass  alle  Beamten  möglichst  wenig  Macht  und  Ge- 
halt haben,  aber  der  grösstmöglichen  Verantwortlichkeit  unter- 
worfen sein,  gewählt  und  beständig  controllirt  werden  sollen. 
Das  Postulat  ergiebt  sich  nicht  nur  aus  demokratischem  Miss- 
trauen gegen  jede  Autorität,  sondeiii  auch  aus  dem  Satze, 
dass  jeder  Mensch  von  Natur  egoistisch  und  nur  egoistisch 
sei,  so  dass  ein  höchst  künstlicher  Apparat  nothwendig  wird, 
um  die  Interessen  eines  einzelnen  Regierenden  mit  dem  Inte- 
resse der  Gesammtheit  zusammenfallen  zu  lassen. 

„Lasst  immer  in  der  Hand  derjenigen,  aus  deren  Glück 
sich  das  allgemeine  Glück  zusammensetzt,  die  Wahl  jener 
Agenten,  deren  Handlungen   dieses  Glück  befördeni  sollen!'* 

Das  besondere  Gewicht,  welches  Bentham  auf  die  Ohn- 
macht und  beständige  Controllirung  aller  Staatsdiener  legt, 
ist  eine  eigenthümliche,  aber  nothwendige  Folge  des  Umstands, 
dass  er  Pflicht,  Ehre  u.  s.  w.  als  Motive  des  Handelns  gänz- 
lich leugnet.  Es  zeigt  sich  dabei,  wie  die  zwei  Gedanken, 
dass  jeder  Mensch  von  Hause  aus  nur  auf  sein  Glück  bedacht 
sei  und  dass  öffentliche  Institutionen  doch  dazu  da  seien,  das 
Glück  der  gi'össten  Zahl  zu  befördern,  nur  durch  den  künst- 
lichsten Zwang  vereinbart  werden  können.  Ein  trostloser 
Mechanismus  muss  das  lebendige  Gefühl  der  Zusammengehörig- 
keit und  der  Verpflichtung  gegen  das  Ganze  ei-setzen ,  durch 
welches  in  Wirklichkeit  die  Staaten  leben  und  blühen. 

Lange,  lange  gedachte  Bentham  seine  demokratischen 
Ideale  nur  auf  dem  Wege  der  friedlichen  Reform,  ja  sogar 
auf  dem  der  allmäligen  Reform  durchzusetzen.  Die  wilde 
Leidenschaft  der  französischen  Revolution  stiess  ihn   ab:   als 


J.  Bentham.  271 

er  zum  französischen  Ehrenbürger  ernannt  wurde,  tadelte  er 
in  seiner  Antwort  die  Härte  gegen  .die  verbannten  Aristokraten 
und  in  der  Schrift  ,,Anarchical  Fallacies''  lieferte  er  sogai*  eine 
scharfe  Kritik  der  „Menschenrechte^'.  Freilich  wendete  er 
sich  gegen  diesen  Begiiff  zumeist  aus  dem  Grunde,  weil  der- 
selbe nicht  mit  seinem  Nützlichkeitsprincip  stimmte ;  weil  nur 
geschriebenes,  codificirtes  Gesetz  seiner  Meinung  nach  Recht 
ist,  und  weil  keine  Menschenrechte  die  Zukunft  binden  könn- 
ten-, wohl  aber  erkannte  er,  dass  die  Menschenrechte  ein 
ewiges  Recht  auf  Revolution  consütuiren,  jede  dauernde  Ord- 
nung und  gesetzliche  Entwicklung  untergraben. 

Im  „Pail.  Refoim  Catechism''  wird  die  radicale  Reform  als 
einziges  Mittel,  die  Revolution  zu  verhüten,  hingestellt  Das 
monarchisch-aristokratische  Element  ruinire  zwar  das  Volk; 
Krone  und  aristokratische  Vorrechte  seien  kein  Eigenthum, 
sondern  nur  „trust^':  aber  doch  sollen  sie  nicht  vernichtet,  son- 
dern zunächst  soll  nur  der  Demokratie  ein  wachsender  Antheil 
an  der  Herrschaft  gegeben  werden  (democratical  ascendency 
and  political  salvation). 

In  seinen  letzten  Schriften  aber  durchbrach  der  kosmo- 
politische Demokrat  diese  Schranken  des  praktischen  Eng- 
länders. Seit  1830  nahm  in  ganz  England  die  radicale  Agi- 
tation einen  leidenschaftlicheren  Aufschwung,  wesentlich  an- 
geregt durch  die  Pariser  Juli-Revolution.  Zwar  kam  es  der 
Masse  lediglich  auf  die  Durchsetzung  der  massigen  Parlaments- 
i*eformen  an,  aber  alle  radicalsten  Leidenschaften  wurden  in 
den  Dienst  dieser  Agitation  gestellt.  Und  auch  hier  ist  Bent- 
ham wiedei-um  der  treueste  Spiegel  seiner  Zeit.  In  einem 
Brief  an  die  Franzosen  von  1830  über  Peei*skammern  (Werke 
Bd.  IV,  S.  449)  spricht  Bentham  es  endlich  aus: 

„Gut,  meine  Mitbürger  von  Frankreich !  Gut,  meine  Mit- 
bürger von  England!  meine  Mitbürger  der  civilisirten  Welt, 
meine  Mitbürger  zukünftiger  Weltalter!  Wenn  Demokratie 
nicht  identisch  ist  mit  Anarchie,  sondern  eine  bessere  Regie- 
rungsforra  als  jede  andere,  besser  als  absolute  Monarchie, 
absolute  Aristokratie,  oder  eine,  von  der  Aristokratie  gerittene 
Monarchie  —  warum  soll  ich  den  Gegensatz  nicht  otfen  klar- 


272  Erstes  Buch,  Cap.  3. 

stellen?  Wenn  ein  Peershaus  als  nutzlos  erscheint,  warum 
soll  ich  es  nicht  sagen?  Wenn  eine  zweite  Kammer  oder 
eine  souverän  regierende  Versammlung  nutzlos  ist,  es  sei 
denn,  dass  sie  aus  Männern  bestehe,  die  das  Volk  im  Ganzen 
(at  large)  gewählt  und  beauftragt  hat,  —  warum  soll  ich  es 
nicht  aussprechen  ?  Wenn  ein  Functionär  wie  ein  ....  König 
—  nutzlos  ist  (da,  das  Wort  ist  geschrieben  und  die  Welt 
doch  noch  nicht  untergegangen),  warum  soll  ich  es  nicht 
sagen?  Wenn  König  und  zweite  Kammer  beide  schlimmer 
wie  nutzlos  sind,  waioim  soll  ich  es  nicht  sagen  ?  Wenn  Beide, 
oder  eins  von  Beiden  zu  Etwas  nutz  ist,  so  lasst  das  den,  der 
das  denkt  und  sagt,  beweisen!'^ 

In  der  That,  es  ist  kein  Grund  einzusehen,  warum  Bent- 
ham  das  nicht  sagen  sollte.  Das  schon  längst  ausgesprochene 
als  Urwahrheit  betrachtete  Wort,  dass  von  Natur  Niemand 
zum  Wohl  des  Volkes  heiTSche,  sondern  nur  dann,  wenn  be- 
sondere Einrichtungen  sein  Interesse  und  das  der  Gesammt- 
heit  zusammen  fallen  lassen,  war  ja  schon  eine  unbedingte 
Verdammung  des  Königthums  und  der  Aristokratie.  Ich  kann 
kaum  finden,  dass  der  oben  citirte  Satz  viel  stärker  ist,  als 
die  schon  in  früheren  Schriften  so  häufigen  Auseinandersetzun- 
gen daiilber,  dass  die  Regierenden  die  natürlichen  Feinde  des 
Volkes  seien  1). 


^)  Z.  B.  in  der  1828  gedruckten  Vorrede  zur  2.  Auflage  des  Frag- 
ment: „Of  the  several  particuKor  interests  of  the  Aristocrat  in  all  bis 
Bhapes,  including  the  fee-fed  lawyer  and  the  tax-fed  or  rcnt-fed  priest,  all 
prostrate  at  the  foot  of  the  throne  —  is  composed  the  everlastinglj  and 
unchangeably  ruling  interest.  Opposite  to  the  interest  of  the  greatest 
number  —  opposite  through  the  whole  field  of  govemment  —  is  that 
same  ruling  interest.  That  which  this  interest  requires,  is  that  the  quan- 
tity  of  power ,  wealth  and  factitious  dignitj  in  the  possession  and  at  the 
disposal  of  the  ruling  few,  should  be  at  all  times  as  great  as  possible. 
That  which  the  interest  of  the  subject  many  requires  is  —  that  the 
qoantity  of  power  and  wealth  at  the  disposal  of  the  ruling  few  should 
at  all  times  be  as  small  as  possible:  of  these  necessary  instruments  the 
smallest  quantity :  of  that  worse  than  useless  Instrument  —  factitious  dig- 
nity,  —  not  an  atom:  no  such  Instrument  of  comiption  and  delusion,  no 
such  favoured  rival  and  commodions  Substitute  to  fmeritorious  and  reaUy 


J.  Bentham.  278 

In  der  Einleitung  zum  Reformkatechismus  wird  zwar  nur 
Aufsteigen  zur  Demokratie  gewollt,  die  representative  Demo- 
kratie aber  auch  als  das  noth wendige  Ziel  hingestellt,  und  es 
heisst,  der  einzige  Rechtfertigungsgrund  für  die  Monarchie  sei 
die  Legitimität,  für  die  Aristokratie  der  Satz,  dass  Besitz 
Tugend  ist. 

Nur  das  anei*zogene  englische  Geffihl  der  Hochachtung 
Yor  dem  König  scheint  bei  Bentham  selbst  eine  Art  von 
Staunen  über  seine  Kühnheit  hervorgeinifen  zu  haben,  als  er 
zuletzt  mit  düiTen  Worten  den  König  als  nutzlos  bezeichnete. 
Der  Fortschritt  liegt  nur  in  dem  leidenschaftlichen  Ausdmck. 

Die  politischen  Ideen  Bentham's  in  ihrer  letzten  Ausbil- 
dung liegen  uns  am  deutlichsten  vor  in  seinem  letzten  unvoll- 
endet hinterlassen en  Werk,  dem  „Constitutional  Code''.  Dieser 
Codex  soll  zunächst  für  Republiken  brauchbar  sein,  aber 
auch  in  England  für  diejenigen,  die  durch  allmälige  Umbildun- 
gen auf  Republik  zusteuern.  Dass  wir  zunächst  wieder  das 
Nützlichkeits-  und  das  Interessen-Verbindungsprincip  und  sonst 
endlose  Wiederholungen  finden,  ist  selbstverständlich. 

Ganz  bestimmt  wird  die  repräsentative  Demokratie  als 
einzig  gute  Regierungsform  hingestellt.  Selbst  radicale  Par- 
lamentsrefonn  ist  ungenügend  (Werke  Bd.  IX,  S.  144),  so 
lange  die  Lords  und  der  König  bleiben.     „Das  Ganze  (d.  h. 


usefal  Service :  no  such  essentially  disproportionate  mode  of  remuneration, 
while  for  really  useful  Service  apt  notification  would  afford  the  only  remu- 
neration,  which  in  the  shape  of  honour  can  be  proportionate :  can  Oppo- 
sition be  more  complete?  But  to  be  governed  by  men,  themselves  under 
the  dominion  of  an  iuterest  opposite  to  oue's  own,  what  is  it  but  to  be 
governed  by  one's  enemies?  In  or  out  office;  possessors  or  ezpectants; 
Tories  or  Whigs;  leaning  most  to  the  monarchical  side  or  most  to 
another  side  equally  hostile  to  that  of  the  people  —  what  matter  is  it, 
in  which  of  these  situations  a  man  is ,  if  to  all  the  interest  he  adds 
more  than  the  power  of  an  enemy? 

Vain  therefore,  vain  for  ever  will  be  all  hope  of  relief,  unless  and 
until  the  form  given  to  the  govemment  is  such  that  those  rulers  in  chief, 
whose  particular  interests  are  opposite  to  the  universal  interest,  shall  bave 
given  place  to  others,  whose  particular  interests  have  been  brought  into 
coincidence  with  that  same  universal  interest/' 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  18 


274  Erstes  Buch,  Gap.  3. 

die  demokratische  Republik)  ist  sehr  einfach,  das  Halbe  (d.  i. 
die  constitutionelle  Monarchie)  ist  sehr  complicirt."  Selbst 
eine  Revolution,  welche  nur  die  Person  des  Königs  ändeit, 
kann  nicht  helfen,  denn  ,;Ihr  könnt  keinen  König  haben,  es 
sei  denn,  Ihr  hättet  einen  Beamten,  der  nicht  Unrecht  thun 
kann."  — 

Was  hat  es  zu  bedeuten,  wenn  Bentham's  schematischer 
Geist  die  föderative  Staatsform  zurückweist  und  bei  der  cen- 
tralisirten  Demokratie  bleibt;  wenn  er  nicht  selbst  Revolution 
organisirt,  sondern  nur  die  Leidenschaften,  durch  Schilderung 
des  Bestehenden  als  absolut  verweiflich,  anreizt? 

Wir  werden  sehen,  wie  die  eiTegten  Arbeiter  1831  und 
später  zur  Zeit  der  Chartisten  in  seinen  Worten  sprechen. 

Bentham  ist  der  erste  gnindlegende  Wortfühi^r  all  der- 
jenigen Richtungen,  welche  den  englischen  Staat  des  18.  Jahr- 
hunderts angreifen  und  dabei  die  Staatsidee  selbst  verlieren. 
Wenn  man  vom  einzelnen  Menschen  ausgeht  und  den  Staat 
nur  als  etwas  dazu  kommendes,  Secundäres  betrachtet,  so 
kann  man  überhaupt  nur  mehr  sociale  Beziehungen  und  In- 
teressen  verstehen.  Das  Streben  des  eretarkten  Bürgerthums 
nach  politischer  Macht  gegenüber  der  alten  Aristokratie  zu 
dem  Zwecke  sich  weiter  zu  bereicheni,  und  die  Feindseligkeit 
der  Arbeiter  gegen  die  Regiemng  in  Folge  von  materiellem 
Elend  —  für  diese  beiden  Empfindungen  liefert  Bentham  die 
Formel. 

Er  bleibt  dabei  im  Wiederspruch  stecken  und  beweist 
wider  Willen  die  Verkehrtheit  der  absoluten  Demokratie. 

Wenn,  wie  es  in  der  zweiten  Vorrede  zum  Fragment 
(Werke,  Bd.  I,  S.  244)  an  so  vielen  Stellen  klar  ausgespro- 
chen ist: 

1)  das  Ziel  aller  Gesetze  u.  s.  w.  das  gi-össte  Glück  der 
grössten  Zahl  sein  soll; 

2)  wenn  dem  im  Wege  steht  der  natürliche  Egoismus  aller 
Menschen,  demzufolge  sie  ihr  Interesse  dem  der  Ge- 
sammtheit  vorziehen; 

3)  wenn  man  daher  die  Interessen  der  Regierenden  und  der 
Gesammtheit  künstlich  identisch  machen  muss  durch  abso- 


J.  Bentham.  275 

lute,  beständige  Abhängigkeit  der  Regierenden  von  der 
Majorität  u.  s.  w: 
wenn  dies  die  Hauptsätze  aller  Politik  sind,  wie  kommt  es 
denn,  dass  bei  dem  natürlichen  Egoismus  aller  Menschen  ei  n 
stiller  Gelehrter  das  Soll  des  allgemeinen  Nutzens  aufstellen, 
und  ohne  künstliche  Maassregeln  und  Abhängigkeit  in  maass- 
gebender  Weise  die  Mittel  zur  Herstellung  des  allgemeinen 
Glückes,  statt  seines  eigenen,  entdecken  kann? 

Die  Geschichte  lehrt  uns,  dass  und  wie  reine  Demokratie 
in  Tyrannis  und  Cäsarismus  umschlägt.  Bentham  lehrt 
uns,  dass  ein  Philosoph,  der  das  Evangelium  der  reinen  Demo- 
kratie —  ausgehend  von  der  Veniunft  und  den  egoistischen 
Interessen  der  Individuen  —  verkündet,  seine  Einsicht  und 
seinen  guten  Willen  als  absolute  und  höchste  Autorität  hin- 
stellen muss.  Von  dem  unbedingten  Recht  der  individuellen 
Vernunft  zur  Kritik  ging  er  aus;  es  blieb  ihm  zuletzt  nichts 
Festes,  als  eben  seine  eigene  Vernunft.  Nicht  die  Göttin  der 
Vernunft  in  Gestalt  eines  Mädchens,  wohl  aber  seine  eigene 
Vernunft,  setzte  er  auf  den  Thron. 

Die  socialen  Mächte  des  Bürgerthums  und  des  Proleta- 
riats haben  seit  1776  den  alten  englischen  Staatsbau  unter- 
wühlt, indem  sie  nicht  nach  Heri'schaft  einer  neuen  Idee,  son- 
deiTi  nach  Befriedigung  ihrer  wiilhschaftlichen  Interessen,  nach 
ihrem  materiellen  Glücke  strebten.  Die  Zeit  vor  1830  ist  die 
Zeit  der  Gährung,  der  vorbereitenden  Entwicklung  dör  Ideen. 
In  Bentham  haben  sich  diese  Ideen  am  reinsten  und  vollend- 
etsten ausgelebt.  Er  endet  in  staatlicher  Hinsicht  mit  der 
reinen  Negation.  Und  wie  steht  es  mit  den  Thatsachen, 
welche  3ich  nach  seinem  Tode  vollzogen? 

Gewachsen  ist  der  Reichthum;  ft-uchtbar  war  die  Gesetz- 
gebung, wirthschaftliche  Bedürfnisse  der  neuei'starkten  Stände 
zu  befriedigen.  Allein  wenn  wir  den  Staat  als  solchen,  sein 
Princip,  seinen  Zweck,  seine  Macht  ins  Auge  fassen,  so  steigen 
uns  Bedenken  auf.  Seit  der  Parlementsreform  von  1867 
ist  kein  principieller  Grund  mehr  gegen  das  allgemeine 
gleiche  Wahlrecht  zu  finden;  die  alte  Organisation  der  Selbst- 
verwaltung ist  überall  durchbrochen.   Aber  es  fehlt  die  Macht, 

18* 


276  Erstes  Buch,  Cap.  3. 

welche  die  nach  Glfick  strebenden  socialen  Kräfte  zusammen- 
fasst  unter  einer  grossen  nationalen  Idee.  Bentham  ist  der 
Prophet  der  Unterordnung  des  Staates  unter  die  socialen  In- 
teressen und  die  Form  dafür  ist  das  Schema  der  kosmopoli- 
tischen Demokratie. 

Zu'Bentham's  Zeit  und  leider  auch  später  kämpften  gegen 
seine  Ideen  nur  Tradition  und  conservatives  Interesse;  so 
kümmerlich  seine  Philosophie  war,  es  trat  ihr  keine  von  höhe- 
.  ren  Gesichtspuncten  ausgehende  Philosophie  mit  Erfolg  ent- 
gegen; sein  systematischer  Empirismus  hatte  leichtes  Spiel  gegen- 
über dem  unsystematischen  Empirismus  der  Gegner.  Mächtige 
Thatsachen  und  grosse  Gefahren  allein  können  die  gesunde 
Kraft  des  Volkes  gegen  Bentham's  Leben  tödtende  Formeln 
wachrufen. 

Rücksichtslose  Kritiker  wie  Bentham  sind  nöthig  in  einer 
Zeit,  in  der  es  gilt,  nach  langer  Erstarrung  überhaupt  neue 
Bewegungen  in  Fluss  zu  bringen.  Unleugbar  war  der  alte 
englische  Staatsbau  den  neuen  socialen  Verhältnissen  gegen- 
über beim  Wechsel  des  Jahrhunderts  unhaltbar  geworden, 
und  die  socialen  Interessen  der  politisch  nicht  privilegirten 
Classen  hatten  ein  natürliches  Recht,  sich  gegen  die  regie- 
rende Classe  aufzulehnen,  da  diese  ihre  Herrschaft  selbst 
theilweise  in  ihrem  wirthschaftlichen  Interesse  missbrauchte. 
Allein  was  Bentham  lehrte  und  was  in  seinem  Geiste  bisher 
geschehen  ist,  ist  zumeist  nur  ein  Niederreissen  alter  Ordnun- 
gen und  darf  daher  nicht  als  eine  Vollendung,  nur  als  ein 
nothwendiger  Uebergang  betrachtet  werden. 

Die  Zahl  der  an  der  Herrschaft  im  Staate  Betheiligten 
musste  vergrössert,  die  auf  locale  Ehrenämter  basirte  innere 
Verwaltung  durch  technische  Centralbehörden,  durch  besoldete 
und  von  Wählerschaften  controlirte  Staatsbeamte  durchbrochen 
werden.  Allein  es  wäre  kein  gesunder  Fortschritt,  wenn  die 
neuen  Wähler  und  Gewählten  des  Unterhauses  fortgesetzt  sich 
vorherrschend  als  Vertreter  wirthschaftlicher  Interessen  be- 
trachteten, wenn  die  neuen  Verwaltungsorgane  isolirte  Werk- 
zeuge zur  Pflege  einzelner  socialer  Interessen  blieben.  Eng- 
land müsste  von  seiner  Grösse  herabsinken  und  die  von  Ledra 


J.  Bentham.  277 

Rollin  prophezeite  „döcadence  de  TAngleterre"  würde  sich 
in  einem  andern  Sinne  verwirklichen,  wenn  die  geistigen  und 
materiellen  Umwälzungen,  die  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahr- 
hunderts begannen,  nicht  in  n^uen  politischen  Schöpfungen 
von  positivem  und  grossartigem  Charakter  ihren  Abschluss 
fänden ;  wenn  es  nicht  gelänge,  das  alte  mächtige  Staatsgefühl 
neuerdings  und  in  neuer  Form  zu  beleben;  wenn  von  dem 
Geist  der  alten  Institutionen  in  der  That  nur  übrig  bliebe  der 
Gedanke  der  Repräsentation,  welchen  Bentham  als  Simon  de 
Montfort's  grösstes  Verdienst  preist.  Im  Zeitalter  der  Eli- 
sabeth wurde  England  reich  und  politisch  mächtig  zugleich  —  was 
die  Staatsmänner  jener  Zeit  leisteten,  bleibt  für  die  Gegenwart 
noch  zu  leisten. 

Geistreich  und  treffend  hat  Gervinus  eine  Parallele  zwi- 
schen Rousseau  und  Bentham  gezogen.  Auf  dem  Continent 
hat  die  französische  Philosophie  des  vorigen  Jahrhunderts 
stärker  und  directer  politische.  Zersetzung  vorhareitet,  als 
Bentham's  Lehren.  Bentham's  beschränkter  Ausgangspunct 
konnte  namentlich  bei  dem  Volke,  das  Kant  und  Fichte  er- 
zeugt hat,  weniger  Anklang  finden.  Dennoch  sagt  derselbe 
Gervinus,  der  Bentham's  Einseitigkeit  erkennt  und  tadelt,  in 
seiner  Einleitung  zur  Geschichte  des  19.  Jahrhundeits ,  dass 
seit  der  Reformation  eine  beständige  Kraft  dahin  wirke,  bei 
unseren  Völkeni  die  Herrschaft  der  Wenigen  durch  die  Herr- 
schaft der  Vielen  zu  ersetzen  und  er  meint,  seit  Napoleon  I. 
sei  die  Zeit  der  führenden  Geister  vorüber  und  diese  würden 
durch  Massenbewegungen  ersetzt. 

Und  Gervinus,  einst  ein  Führer  seines  Volkes,  verstand 
sein  Volk  nicht  mehr,  als  ein  grosser  Staatsmann  ausführte, 
was  die  Vielen  hofften  und  wollten,  und  er  starb  verbittert! 

Eine  weiter  blickende  Philosophie  mit  gi'össeren  Gesichts- 
puncten  und  mächtige  geschichtliche  Ereignisse,  vollzogen 
durch  gewaltige  Opfer  des  ganzen  Volkes,  wirkten  bei  uns 
den  Einseitigkeiten  Benthamitischer  Demokratie  entgegen- 
Dennoch  entsprachen  Bentham's  Ideen  so  sehr  einem  oppo- 
sitionellen Zuge,  der  in  der  neuesten  Zeit  die  ganze  civili- 
siite  Welt  ergriff,  dass  auch  in   dem  Lande  der  allgemeinen 


278  Erstes  Buch,  Cap.  3. 

Wehrpflicht  und  der  von  Friedrich  Wilhelm  I.  erzogenen 
Bureaukratie  zeitweilig  grosse  Massen  des  Volkes  und  einzelne 
hervoiTagende  Denker  von  radicalen  Schwächen  ergiiffen  wer- 
den konnten.  Es  kann  auch,  bei  uns  nicht  oft  genug  gesagt 
werden,  dass  die  Herrechaft  der  Vielen  an  sich  kein  goldenes 
Zeitalter  verbürgt,  sondern  dass  sie  nur  dann  vor  Auflösung 
des  Staates  bewahrt,  wenn  die  raitherrschenden  Vielen  ihrer- 
seits beherrscht  sind  von  der  Leidenschaft,  dem  Staate  zu 
dienen. 


§  2.    Die  Benthamiten. 

Als  der  Mann,  in  dessen  Kopf  jede  Art  von  englischem 
Radicalismus  vollauf  ausgebildet  war,  ei*sehien  uns  Bentham. 
Benthamist  es,  wie  wir  oben  (S.  58)  gesagt  haben,  der  Kant  und 
Rousseau  an  die  Seite  gesetzt  werden  muss,  wenn  man  die 
nationalen  Philosophen  aufführt,  die  ihre  Völker  in  die  neueste 
Zeit  einführten.  Tausende,  die  seinen  Lehren  folgten,  kannten 
ihn  nicht,  wussten  nicht  dass  er  lebte  oder  gelebt  habe.  Den- 
noch lässt  sich  nachweisen,  wie  seine  Schriften  selbst  auf  die 
radicale  Tagespresse  in  den  20er  und  30er  Jahren  wirkten. 

Ausser  den  Nationalökonomen  und  ihren  Anhängern,  die 
einen  Theil  der  Bentham'schen  Anschauung  consequent  aus- 
bildeten und  ausser  einzelnen  Parteiführern,  die  wir  als  Bent- 
ham's  Schüler  kennen  lernen  werden,  gab  es  auch  ein  kleines 
Häuflein  reiner  und  vollkommener  Benthamiten,  die  sich  selbst 
„philosophische  Radicale"  nannten,  d.  h.  Männer,  die  weder 
ausschliesslich  Nationalökonomie  noch  politische  Agitation  trie- 
ben, sondern  die  ganze  Weltanschauung  Bentham's  accep- 
tirten  und  diese  in  der  Literatur  wissenschaftlich  und  popula- 
risirend  weiter  entwickelten. 

J.  St.  Mill  erzählt  uns  in  seiner  Autobiographie  sehr 
anschaulich  von  dieser  Gruppe.  Die  ganze  Schrift')  ist 
höchst  charakteristisch,  indem  sie  uns  in  schlichter  und  offen- 
bar höchst  wahrheitsgetreuer  Schilderung  das  Bild  einer  rein 


^)  Autobiography  by  John  Stuart  Mill.  Second  edition.    London  1873. 


Die  Benthamiten.  279 

rationalistischen  Einziehung  vorführt,  die  der  junge  Mill  durch 
seinen  Vater,  Bentham's  Freund,  genoss  —  eine  höchst  ein- 
seitige, fast  unmenschlich  zu  nennende  Erziehung,  deren  Spuren 
sich  bei  dem  Manne  Stuai-t  Mill  zeigten,  indem  er  als  Poli- 
tiker höchst  unpraktisch  y  selbst  als  Schriftsteller  stets  sehr 
einseitig  blieb.  Dennoch  hat  die  unvei-wtistliche  Liebens- 
würdigkeit und  Menschenfreundlichkeit  seiner  Natur  bewirkt, 
dass  Derjenige,  der  nu^  die  Schriften  des  Mannes  kennt,  die 
YOlle  Einseitigkeit  seiner  Erziehung  und  Entwicklung  nicht 
leicht  sofort  durchschaut,  die  eben  erst  aus  der  Autobiographie 
klar  hervorgeht. 

In  diesem  Buch  erzählt  Stuart  Mill,  wie  es  ein  lang  ge- 
hegter Plan  seines  Vaters  und  Bentham's  war,  ein  eigentlich 
radicales  Organ  gegenüber  der  Edinburgh-  und  der  Quarterly- 
Review  zu  gründen.  1823  kam  dann  die  Westminster-Review 
unter  Bowring's  Redaction  wirklich  zu  Stande. 

Der  Kreis  von  Männeni,  die  dies  Organ  leiteten  und  für 
dasselbe  schrieben,  bestand  zumeist  aus  Freunden  des  älteren 
MiU,  auf  welche  dieser  persönlichen  Einfluss  gewann.  Sie  ver- 
traten die  sich  durchaus  innerlich  verwandten  Principien  von 
Bentham,  Ricardo  und  Malthus  —  die  des  letztern  ohne  seine 
staatsmännischen  Ideen.  Sie  glaubten  unbedingt  an  die  Seg- 
nungen des  Repräsentativsystems  und  der  freien  Discussion  und 
theilten  trotz  allen  Kaoipfs  gegen  Robert  Owen  auch  die  Idee 
von  der  unbedingten  Verbesserungsfähigkeit  des  Menschen 
durch  „die  Umstände".  Die  Review  erregte  Aufsehen,  gerieth 
aber  doch  1828  in  finanzielle  Verlegenheit  —  Mill  zog  sich 
damals  von  ihr  zurück. 

Die  Westminster-Review  machte  aber  nicht  nur  Aufsehen, 
sondern  gewann  auch  wachsenden  Einfluss.  Wie  die  Agitation 
von  Burdett  und  Cobbett  kämpfte  sie  gegen  Aristokratie, 
Staatskirche  und  die  Politik  der  heiligen  Allianz.  Ihr  Ein- 
fluss, d.  h.  der  Einfluss  des  Radicalismus  überhaupt,  zeigte 
sich  in  der  allmäligen  Bewilligung  einzelner  wirthschaftlicher 
Reformen,  besonders  darin,  dass  auch  in  anderen  Organen  und 
Kreisen  die  ganze  Denkweise  des  Radicalismus  allmälig  Ein- 
gang fand. 


280  fintes  Bach,  Cap.  8. 

Stuart  Mill  blieb  seinen  Jugendideen  im  Grossen  und 
Ganzen  bis  an  sein  Ende  treu;  er  wurde  einer  der  populärsten 
Schriftsteller  Englands.  Es  wäre  später  zu  zeigen,  wie  er 
den  allmäligen  Sieg  des  Radicalismus  i-epräsentiit.  Betrachten 
wir  hier  die  Zeit  vor  1832,  so  war  die  Westminster-Review 
natürlich  kein  Werk  aus  Einem  Guss,  das  lediglich  epn  scharf 
ausgeprägtes  Programm  vertrat  Stuait  Mill  selbst  erzählt 
unS;  wie  viele  Artikel  den  jüngeren  Mitarbeitern  nicht  ge- 
fielen ^).  Aber  alle  ihre  wichtigen  Artikel  machten  die  Prin- 
cipien  des  Radicalismus  bekannt  und  populär ,  so  namentlich 
schon  die  ersten  Artikel  des  älteren  Mill,  von  denen  der 
Sohn  ei-zählt.  Sie  machte  von  Anfang  an  Front  gegen  die 
Whigs,  allein  es  fehlte  jener  übei-sprudelnd  giftig  agitatorische 
Charakter,  den  wir  in  Cobbett's  Schriften  finden  —  sie  war 
geeignet,  in  dem  denkenden  Theil  der  gebildeten  Jugend  Eng- 
lands einen  individualistischen  Liberalismus  zu  erzeugen,  der 
wohl  warme  Ueberzeugungstreue ,  aber  nicht  die  gehässige 
Leidenschaft  eines  ökonomisch  gediilckten  Standes  besass.  Es 
war  ein  ehrlicher  Radicalismus,  den  die  getreuen  Benthamiten 
der  Westminster-Review  vertraten  —  doch  ein  Bourgeois- 
Radicalismus ,  der  noch  vieles  neu  emngen  wollte,  aber  auch 
schon  Eniingenes  zu  bewahren  hatte. 

Greifen   wir  aus    den    älteren   Jahrgängen    der  Review 


^)  Was  Stuart  MiU  über  das  Yerhältniss  von  Bentham  und  der  klei- 
nen Benthamitiscben  Schule  zu  der  Review  erzählt,  wird  durch  das  Vor- 
wort zu  einem  Artikel  October  1826  S.  446  bestätigt  und  ergänzt  Es 
ist  dies  ein  Artikel  von  Bentham  selbst  über  ein  Buch  von  James  Hum- 
phrej.  Im  Vorwort  der  Kedaction  heisst  es:  „Es  ist  selten,  dass  unsere 
(der  Review)  Meinungen  nicht  von  unserer  ganzen  Gesellschaft  (corps)  ge- 
theilt  werden,  noch  seltener,  dass  ein  Artikel  veröffentlicht  wird,  ehe  er 
nicht  mehr  als  einem  Urtheil  unterworfen  worden  ist  Der  folgende  Auf- 
satz aber  ist  anverändert,  wie  er  aus  der  Feder  des  Verfassers  (Bentham) 
kam ,  veröffentlicht  —  Wir  halten  den  Geist  Benthams  in  höchster 
Achtung  und  haben  die  legislativen  Gesichtspuncte  dieses  grossen  Rechts- 
gelehrten; den  wir  als  Begründer  eines  neuen  und  besseren  Systems  be- 
trachten, stets  aufrecht  erhalten  —  man  wird  uns  verzeihen,  wenn  wir  in 
diesem  speciellen  Fall  von  der  bewährten  Form,  die  Ansichten  eines  Re- 
viewers zu  überliefern,  abweichen/^ 


Die  Bentbamiten.  281 

Einzelnes  heraus,  so  hat  sie  den  Krieg  Englands  gegen  Frank- 
reichbekämpft als  einen  Eiiegim  Interesse  der  Aristokratie,  der 
dem  Volke  zahllose  Nachtheile  gebracht  habe ;  sie  war  gegen  poli- 
tisch reactionäre  Maassregeln,  Staatsschuld,  verschwenderische 
Gewohnheiten  in  Bezug  auf  Staatsausgaben.  All  dies  wird  ^) 
nicht  mit  der  Leidenschaft,  aber  ganz  in  dem  Sinne  Gobbett's 
ausgeführt  —  von  dem  dann  freilich  die  Reriew  erheblich 
abweicht,  indem  ihr  Reduction  der  Zinsen  der  Staatsschuld 
als  Vertragsbnich  ein  höchst  verabscheuungswürdiges  Ver- 
brechen ist  —  ein  Voi-schlag,  den  nur  eine  Aristokratie  machen 
kann,  deren  Moralität  ganz  durch  die  Gewohnheit  zu  herrschen, 
ihr  Interesse  mit  Moral  zu  verwechseln,  ruiniit  ist.  Die  Review 
weicht  von  Cobbett  ab,  wo  es  sich  um  die  Interessen  des 
Gapitals  handelt;  denn  die  Mittelclassen  sind  der  Review  „der 
Buhm  Englands*'*),  sie  allein  haben  Englands  Uebergewicht 
über  andere  Nationen  begi-ündet,  jener  Theil  des  Volks,  von 
dem  „alles  Gute,  das  wir  haben,  herrührt." 

Solch  dithyrambischem  Lobe  der  Mittelclassen,  dem  ener- 
gische Bekämpfung  der  Kornzölle  entspricht  %  geht  dann  eine 
ernstgemeinte,  wenn  auch  etwas  platonische  Liebe  zu  den 
arbeitenden  Classen  zur  Seite,  und  es  wird  sogar  zugestanden, 
dass  von  „den  zwei  Classen  der  productiven  Bevölkerung"  — 
die  im  Gegensatz  zu  den  unproduetiven  Landlords  gedacht 
wird  —  die  Capitalisten  trotz  aller  Schwierigkeit  immer  reicher 
werden,  während  man  dies  von  den  zahlreichen  Arbeitern 
nicht  behaupten  könne  *)  —  woraus  aber  nichts  Weiteres  ge- 
folgeit  wird  als  Anklagen  gegen  die  Aristokratie.  Als  Haupt- 
frage, in  der  alle  anderen  eingeschlossen  sind,  erscheint 
schliesslich  die  Nothwendigkeit ,  das  Parlament  dem  beheiT- 
schenden  Einfluss  der  Grundaristokratie  zu  entziehen. 

Andere  Interessen  als  Cobbett,   aber  keine  höhere  Auf- 

M  8.  Jahrgang  1826  October  S.  249  ff. 

«)  S.  1.  c.  269 

»).S.  auch  den  Artikel  October  1826  S.  373  ff.,  der  die  KomzöUe 
Tom  Standpunct  der  Gesammtproduction  bekämpft  und  weil  sie  die  ^Pro- 
fits^  yermindem. 

*)  S.  263. 


282  Erstes  Buch,  Cap.  3. 

fassung.  Der  von  der  Aristokratie  angeregte  Krieg  wird  ge- 
schmäht wegen  seiner  Folgen ,  namentlich  der  ökonomischen 
und  mit  besonderem  Hohn  behandelt  die  Review  den  Satz^ 
es  sei  dies  ein  Krieg  gegen  Ideen  gewesen.  Die  Review  ver- 
steht das  einfach  nicht  und  erklärt  die  Ideen  nur  als  Euphe- 
mismus für  die  Interessen  der  Aristokratie. 

Natürlich :  Wenn  der  Staat  und  das  Recht,  wie  die  Review 
sagt,  nur  da  ist,  um  Person  und  Eigenthum  zu  schützen,  wenn 
der  Staat  keinen  Gulturideen  dient,  so  kann  auch  der  Staat 
keinen  Krieg  mehr  führen,  um  bestimmten  Gulturideen  das 
Leben  zu  erhalten,  den  Sieg  zu  erringen.  So  sehr  sich  die 
allgemeine  Friedensliebe  mit  dem  Scheine  der  Humanität  um- 
geben mag,  die  principielle  Abneigung  gegen  den  Krieg,  das 
Schmähen  auf  Ursachen  und  Folgen  jedes  Kriegs  ist  und 
bleibt  ein  charakteristischer  Ausfluss  jener  Kurasichtigkeit, 
wonach  Leben  in  Wohlstand  der  Güter  höchstes,  und  der 
wirthschaftliche  Kampf  ums  Dasein  die  einzige  menschen- 
würdige Kraftbethätigung  ist. 

Wo  die  souveränen  Gemeinschaften  der  Menschen,  die 
Staaten,  nicht  mehr  den  Zweck  haben,  die  Menschheit  ihren 
höchsten  Idealen  näher  zu  bringen,  da  freilich  sind  auch 
Collisionen  unter  den  Völkern  über  die  richtige  Auffassung 
dieser  Ideale  unmöglich.  Dieser  Grundauffassung  entspricht 
es,  class  die  vorwiegende  Tendenz  der  meist  sehr  gut  ge- 
schriebenen Artikel  der  Review  gegen  die  Aristokratie  ge- 
richtet ist  und  dass  die  Popularisirung  der  den  Mittelclassen 
dienenden  Nationalökonomie  in  höherem  Maasse  den  Mit- 
arbeitern der  Review  am  Herzen  liegt  als  selbst  die  politische 
Freiheit. 

Fast  leidenschaftlich  werden  die  Jagdgesetze  als  eine  Ein- 
richtung zu  Gunsten  der  Vergnügungssucht  des  Adels  selbst 
auf  Kosten  des  Lebens  der  Ackerbauer  angegriffen;  offen 
wird  das  Uebergewicht  des  Grundbesitzes  über  das  Capital 
beklagt  (Januar  1826,  S.  2);  die  Ehrenämter  der  Selbstver- 
waltung werden  ohne  Weiteres  als  Mittel  der  ClassenheiTschaft 
denuncirt  (ebenda  S.  21,  ferner  Febr.  1831,  S.  168).  In  der 
Vertheidigung    der  Maschinen   geht   die   Review    noch    über 


Die  Benthamiten.  283 

Ricardo  hinaus  und  entwickelt  die  Anfänge  einer  Lehre  der 
vollkommenen  Harmonie  der  Interessen  zwischen  Arbeit  und 
Capital,  indem  zwar  zugestanden  wird,  dass  Einwandening  frem- 
der Arbeiter  dem  Capital  nützlich,  den  Arbeiten!  schädlich  sein 
könne,  dass  aber  jede  dem  Capitalisten  vortheilhafte  Capital- 
anlage,  selbst  solche  ausser  Landes,  den  Arbeitern  vortheil- 
haft  sein  müsse  (Januar  1826,  S.  130).  Der  Beweis  dieses 
Satzes  wird  abgeleitet  aus  den  bekannten  Sätzen,  dass  Capital- 
gewinn  identisch  sei  mit  Reineinkommen  der  Nation;  dass 
Capital  die  ersparte  Fmcht  früherer  Arbeit  sei  und  Capital- 
vermehrung,  das  Hauptinteresse  der  Nation,  nur  durch  Er- 
höhung des  Capitalgewinns  entstehe. 

Bei  diesen  Auseinandersetzungen  ist  an  der  bona  fides 
der  Verfasser  nicht  zu  zweifeln.  Doch  muss  darauf  hinge- 
wiesen werden,  dass  die  Definition  des  Capitals  als  ersparter 
Arbeit  an  sich  tendenziös  ist,  wenn  auch  die  Tendenz  Vielen, 
welche  die  Definition  gebrauchen,  keineswegs  klar  bewusst  war. 

Man  definirt  Capital  als  ersparte  Arbeit  und  versteht 
darunter  den  Besitz  von  Fabrikanten,  Kaufleuten  und  Pächtern 
im  Gegensatz  zum  Grundbesitz.  Nun  ist  heutiger  Grundbesitz 
ein  wirthschaftliches  Gut,  ebenso  wie  eine  Lokomotive  oder 
eine  andere  Maschine;  ebensogut  wie  eiserne  Werkzeujje  ist 
Giund  und  Boden  Gegenstand  des  Eigenthunis,  ein  Werth- 
object,  das  dadurch  seinen  heutigen  Werth  hat,  dass  ver- 
gangene Arbeit  natürliche  Stofi'e  in  eine  bestimmte  Lage  und 
Gestalt  gebracht  hat.  Ohne  vergangene  Culturarbeit  wäre 
der  heutige  Grund  und  Boden  Englands  kein  Gut,  ohne  den 
natürlichen  Stoff  Eisen  würde  Arbeit  allein  eine  Maschine 
nicht  ei-zeugen  können.  Es  ist  also  falsch,  das  mobile  Capital 
allein  Frucht  der  Arbeit  zu  nennen,  den  Boden  dagegen 
Geschenk  der  Natur;  und  die  Tendenz  dieser  Falschheit  ist 
klar:  Grundbesitz  erscheint  dadurch  als  unverdient,  Besitz 
mobilen  Capitals  als  verdient.  Mobiles  Capital  und  Arbeit 
scheinen  dadurch  gleiche,  Giaindbesitz  und  Arbeit  verschiedene 
Interessen  zu  haben.  Man  kann  ja  gewiss  an  sich  das  Wort 
Capital  auf  die  mobilen  Besitzthümer  beschränken  und  gewiss 
hat  der  Immobiliarbesitz  manche  eigenthümlichen  Interessen. 


284  Erstes  Bach,  Cap.  8. 

Allein  die  scharfe  principielle  Trennung  zwischen  Capital  und 
Grundbesitz,  wie  sie  die  englische  Nationalökonomie  voinahm, 
ist  überaus  einseitig  und  tendenziös.  Das  Capital  als  Frucht 
der  Arbeit  definiren  heisst  das  Capital,  d.  h.  das  mobile  Capital, 
hinstellen  als  die  höchste  Frucht  der  Arbeit,  als  natürliche 
Spitze  und  wohlthätige  BeheiTScherin  der  Arbeit  —  es  ist 
ganz  derselbe  Gedanke,  wie  wenn  die  Beview  die  Mittelclassen 
(das  sind  eben  die  Capitalisten)  als  die  Führer  des  ganzen  Volks 
(das  sind  die  Arbeiter)  auf  dem  Wege  zum  Fortschritt  hinstellt. 
S.  April  1827,  S.  270:  „Die  allmälige  Bildung  Weniger  be- 
wirkte für  diese  im  Laufe  der  Zeit  eine  gewisse  Emancipation, 
und  in  Folge  davon  Reichthum,  Macht  und  Mittel  zum  Wider- 
stand. So  schickte  das  gemeine  Volk  einen  Schwann  aus,  der 
jene  neue  Colonie  in  seiner  Mitte,  die  Mittelclasse ,  bildete» 
und  so  wurde  England  schrittweise,  was  es  ist,  in  Freiheit, 
Reichthum  und  Bildung." 

Einen  breiten  Raum  nimmt  demzufolge  in  der  Review 
der  Kampf  gegen  die  Komzölle  und  für  Freihandel  überhaupt 
ein ;  die  Review  excei-pirt  Thompson's  Katechismus  (Januar  1827 
S.  178),  tritt  für  freie  Einfuhr  von  Schiffsbauholz  ein,  eifert 
gegen  die  Navigationsgesetze  (Juli  1831,  S.  180),  bespricht 
und  rühmt  alle  freihändlerischen  Leistungen  der  National- 
ökonomie. Gelegentlich  der  Besprechung  von  Senior's  Intro- 
ductory  Lecture  heisst  es  (Juli  1825,  S.  181): 

„Man  soll  die  Menschen  frei  lassen  seitens  des  Gesetzes, 
dass  sie  alle  Waaren  pi-oduciren  können,  wie  es  ihr  Interesse 

ist. Nach  der  Production  sollen  sie  Freiheit  haben,  ihre 

Waaren  auszutauschen  wo  und  gegen  was  immer  ihnen  passend 

erscheint: Das  sind  die  grossen  Principien,  durch  die 

nach  den  Lehren  der  Nationalökonomie  die  grösste  Summe  von 
Gütern  mit  dem  geringsten  Aufwand  von  Arbeit  erlangt  wer- 
den kann.'^ 

Diese  rechtgläubigen  Nationalökonomen  bekämpfen  nicht 
nur  Robert  Owen's  Theorien,  sondern  verkennen  auch  die 
Macht  der  Cooperation  —  doch  weil  sie,  wie  erwähnt,  bona 
fide  agitiren,  so  warnen  sie  vor  polizeilicher  Verfolgung  der 
Socialisten  (April  1832,  S.  317).    Von  Malthus  acceptiren  sie 


Die  Benthamiten.  285 

mit  grossem  Eifer  die  Tendenz  gegen  Staatsintervention  (Januar 
1827;  Juli  1827,  S.  182),  erklären  Irlands  Xoth  aus  üeber- 
völkening  etc.  —  aber  für  die  ethisch  -  politischen  Gedanken 
von  Malthus  haben  sie  kein  Vei-ständniss. 

Der  Agitation  für  stempelfreie  Presse  schloss  sich  die 
Review  mit  vollstem  Eifer  an  (Juli  1831,  S.  238  «.). 

Es  war  jedenfalls  gerechtfertigt  den  damaligen  engli- 
schen Zeitungsstempel  zu  bekämpfen,  und  wenn  wir  den  ein- 
seitigen Bildungsfanatismus  der  Review  nicht  unbedingt  thei- 
len  können,  so  müssen  wir  ihn  doch  als  einen  Haupt- 
beweis f&r  die  Ehrlichkeit  ihres  Radicalismus  anerkennen.  Die 
Review  ist  der  Meinung,  Bildung  kühle  die  Leidenschaften, 
sei  das  beste  Mittel  gegen  Aufruhr  etc.  —  kura,  sie  identi- 
ficirt  mehr  oder  minder  Bildung  und  Moral,  indem  sie  in  echt 
Benthamitischer  Weise  der  Ueberzeugung  lebt,  dass  die  Ein- 
sicht in  den  allgemeinen  und  den  damit  zusammenfallenden 
individuellen  Nutzen  die  Gmndlage  der  praktischen  Moral  sei. 
Die  Review  fürchtet  in  der  That  von  wachsender  Volksbildung 
Nichts  für  die  begünstigte  Stellung  des  Besitzes,  sondern  sie 
will  Bibliotheken,  Museen  etc.  auch  den  Arbeitern  mehr  zu- 
gänglich machen  (Juli  1827),  sie  erwartet  von  dem  reforniirten 
Parlament  energischere  Befördeiimg  der  Volksbildung  (Juli 
1831),  Eifer  für  Bildung"  ei-scheint  ihr  als  ernsteste  Pflicht 
(April  1825).  Wenn  es  ihr  dabei  zumeist  auf  naturwissen- 
schaftlich-technische Bildung  ankommt,  so  erkennen  wir  darin 
die  Schule  Bentham's  und  diejenige  Nationalökonomie,  welche 
die  inneren  Güter  des  Menschen  über  der  Sorge  um  Ver- 
mehning  der  äusseren  Güter  vergass. 

Wenn  in  der  hauptsächlich  von  Arbeitern  gelesenen 
radicalen  Presse  kurz  vor  der  Keformbill  die  Leidenschaft 
sich  gewaltig  steigert  und  gleich  darauf  der  offene  wilde  Kampf 
gegen  die  Mittelclassen  ausbricht,  so  ist  auch  unser  Organ  der 
radicalen  Mittelclassen,  das  die  Reformbill  um  ihrer  selbst 
willen,  nicht  als  ersten  Schritt  zum  allgemeinen  Wahlrecht 
will,  bereit  zur  Durchführung  der  Bill  eventuell  Gewalt  zu 
brauchen  und  nach  ihrer  Durchsetzung  ei-scheint  ihm  kein 
Mittel  zur  Abschaffung  der  Kornzölle  unanwendbar. 


286  Erstes  Bach ,  Cap.  3. 

Im  Januar  1832,  nachdem  die  Reformbill  im  Unterhaus 
in  zweiter  Lesung  durchgegangen,  sagt  die  Review,  wenn  die 
Lords  die  Bill  wieder  verwerfen,  stehe  England  vor  der  Alter- 
native: Krieg  gegen  Freiheit  oder  Revolution  —  letzteres  sei 
das  weit  geringere  Uebel  —  und  im  October  1832  sagt  unser 
Organ,  die  Korngesetze,  die  einen  Theil  der  Nation  verhin- 
derten, nach  ihrem  Interesse  zu  kaufen  und  zu  verkaufen, 
seien  ein  genügender  Grund  zur  Revolution,  wenn  kein  an- 
deres Mittel  hilft. 

Die  Arbeiter  hofften  von  möglichster  Ausdehnung  des 
Wahlrechts  für  sich  Alles  und  waren  daher  bereit,  an  Er- 
reichung dieses  Ziels  Alles  zu  setzen  —  doch  waren  sie  aus 
praktischen  Gillnden  zunächst  mit  einem  Anfang  zufrieden. 
Die  Mittelclassen  wollten  diesen  Anfang,  d.  h.  eine  massige 
Ausdehnung  des  Wahlrechts  zur  Befestigung  dessen,  was  sie 
bereits  errungen  hatten,  kamen  aber  in  der  Hitze  des  Kampfs 
theilweise  ganz  guten  Glaubens  zur  Anerkennung  weitergehen- 
der radicaler  Theorien. 

So  spricht  die  Review  von  Ausgleichung  aller  politischen 
Rechte  als  einem  Ziel,  das  aber  nur  schrittweise  zu  erreichen 
ist;  sie  behauptet,  die  beste  Wählerschaft  würde  sich  in  den 
grossen  Städten  ergeben  und  von  der  Reformbill  sei  vor  Allem 
Sparsamkeit  der  Regiei-ung  zu  erwarten  —  ihre  weiteren 
Wünsche  beschränken  sich  zumeist  auf  Einführung  der  ge- 
heimen Abstimmung,  d.  h.  einer  den  factischen  Einfluss  der 
GrundheiTn  vermindernden  Einrichtung  (Juli  1831). 

Die  Review  fi'eut  sich,  dass  das  Nützlichkeitsprincip  in 
Amerika  zu  praktischer  Anerkennung  gekommen  ist  (Januar 
1826),  sie  eifert  vielfach  gegen  die  Staatskirche  und  die 
Zehnten  und  ist  für  volle  Trennung  von  Kirche  und  Staat 
(April  1826  S.  505,  October  1831  S.  338,  April  1832  S.  390), 
sie  legt  bei  Beuilheilung  von  Canning  und  Huskinson  den 
Maassstab  der  politischen  Prineipien  Bentham's  an  (October 
1831),  sie  schwärmt  für  die  Pariser  Julirevolution  wieder 
unter  Berufung  auf  Bentham  (October  1831,  S.  406),  sie  höhnt 
über  die  Furcht  vor  Angriffen  des  Volks  auf  das  Eigenthum 
und  glaubt,  dass  Demokratie  gerade  die  beste  Sicherheit  ge- 


Die  Benthamiten.  287 

währe  (Januar  1832,  S.  225),  sie  nennt  Bentham  (Juli  1832) 
„das  führende  Werkzeug  zur  Durchführung  des  Wechsels  der 
Ansichten,  der  die  alte  Welt  zersprengt  wie  die  gefangenen 
Wasser  der  Geologen  die  Erdrinde."  Die  Mitarbeiter  der  Review 
haben  in  der  That,  wie  die  Review  einmal  von  Galt  (Juli 
1832)  sagt ,  selber  „das  volle  Gefühl  von  der  Unterdrückung, 
unter  welcher  die  Masse  des  Talents,  der  Thätigkeit,  der 
Nützlichkeit,  in  einem  Wort  der  Segen  von  England  durch 
eine  Oligarchie  niedergehalten  wurde''  —  aber  diese  Oligarchie 
ist  ihr  eben  factisch  der  grundbesitzende  Adel  und  bei  „der 
Masse  von  Talent  und  Thätigkeit"  denkt  sie  vor  Allem  an  die 
Mittelclassen  —  nicht  ahnend,  dass  diese  selbst  zur  Oligarchie 
werden  könnten. 

Man  ersieht  aus  den  angeführten  Beispielen  die  ganze 
Haltung  der  Review,  des  Organs  der  gelehrten  Radicalen: 
sie  haben  sich  die  Weltanschauung  Bentham's  angeeignet,  sie 
haben  dieselbe  aber,  vielleicht  unbewusst,  ein  wenig  abge- 
dämpft, um  sie  den  Mittelclassen  desto  annehmbarer  zu  machen. 

In  der  Betrachtung  der  Benthamiten,  einer  kleinen  Gruppe 
journalistisch  wirkender  Männer,  haben  wir  etwas  vorgreifend 
geschildert,  wie  das  Denken  und  Fühlen  des  gebildeten  Mittel- 
standes im  Stillen  dem  Individualismus  gewonnen  wurde.  Nun 
treten  wir  hinaus  in  das  Geräusch  des  politischen  Lebens  um 
die  Radicalen,  d.  h.  die  Führer  der  auf  dem  Individualismus 
beruhenden  englischen  Parteien,  kennen  zu  lernen. 


Viertes  Capitel. 
1)  ic  Radicalen. 

§    1.     John    Cartwright. 

Der  englische  Radicalismus ,  der  hauptsächlich  von  den 
Arbeitern  getragen  wurde,  vereinigte  sich  im  Anfang  des 
Jahrhunderts  und  insbesondere  seit  1815  unter  dem  Schlacbt- 
i-uf :  Allgemeines  Wahlrecht.  Die  En-egung  und  Bewegung 
beioihte  zumeist  auf  dem  Gefühle  des  Drucks,  unter  dem  das 
Proletariat  seufzte  und  dem  daraus  entspringenden  allge- 
meinen Wunsch  nach  einer  Aenderung  der  Zustände.  So  ein- 
fach und  zugleich  so  beschränkt  dies  Postulat  war,  so  waren 
es  doch  vei*schiedene  Anschauungskreise,  die  wirksam  waren, 
wo  immer  der  Vei*such  einer  bewussten  Formulirung  des  Postu- 
lats gemacht  wurde.  In  Paine's  Schriften  z.  B.  spiegelte  sich 
die  Wirkung  der  amerikanischen  und  französischen  Revolution 
und  der  Ideenwelt  der  letzteren,  eine  Wirkung,  die  in  Be- 
zug auf  die  Englischen  Arbeiter  nur  eine  indirecte  genannt 
werden  kann.  Doch  war  er  nicht  fähig,  jenen  sittlichen 
Ernst,  der,  wie  wir  aus  Bamford's  Selbstbiographie  entnehmen 
können,  in  einem  grossen  Theil  der  en-egten  Arbeiter  lebte, 
zu  vertreten.  Dieser  sittliche  Ernst  war  nicht  nur  eine 
allgemeine  Eigenschaft  des  englischen  National-Charaktei*s, 
sondern  insbesondere  ein  Erbtheil  aus  der  Zeit  der  Puritaner 
und  der  Revolution  von  1688,  das  damals  noch  viel  lebendiger 
vorhanden  war  als  heute.  Puritanische  Anschauungen,  die 
den  Geist   der  Demokratie   durch   ein   schroffes  christliches 


J.  Cartwright  289 

Pflichtgefühl  bändigten,  lebten  unter  den  Dissenters  noch 
wirksam  fort,  Hampden  blieb  ein  populärerer  Held  als 
Bobespiene.  Politische  Umwälzungen  Terlangte  man  noch 
immer  nicht  lediglich  auf  Gi-undlage  rationalistischer 
Schemata,  sondern  unter  Berufung  auf  alte  Bechte  und  zur 
Begründung  eines  neuen  dauernden  Bechtszustands. 

Diese  Tendenzen  des  Arbeiterstands  vertrat  nun  vor  Allem 
John  Cartwright,  unbedingt  die  edelste  Gestalt  unter  den 
radicalen  Volksführem.  Er  stammte  aus  guter  Familie  ^)  und 
gehörte  doch  nicht  zu  jenen  Volksführem,  die  das  Volk  für 
ihre  ehrgeizigen  Zwecke  missbrauehen ;  1740  geboren,  seh  wannte 
er  in  seiner  Jugend  für  Friedrich  den  Grossen  und  woUte 
unter  ihm  dienen.  Da  dies  verhindert  ¥nirde,  trat  er  in  die 
englische  Marine  und  bewies  sich  in  Gefechten  und  Seegefahr 
ebenso  muthig  als  aufopfenmgsf&hig.  Darauf  vei'weilte  er  in 
Amerika. 

•  1766  machte  es  gi-ossen  Eindruck  auf  ihn,  dass  ein  von 
Bewerbeni  um  Anstellungen  bestörmter  Lord  schliesslich 
ausrief:  „Ich  habe  Euch  alle  gekauft  und  werde  Euch  bei 
Gott  alle  verkaufen." 

1774  veröffentlichte  der  Lieutenant  Cartwright  seine 
ersten  Briefe  über  amerikanische  Unabhängigkeit;  1775  be- 
antwortete er  Burke's  Brief  über  amerikanische  Besteuerung; 
1777  YHirde  er  mit  Burke  persönlich  befreundet.  Er  trat 
für  die  Unabhängigkeit  Amerika's  energisch  ein,  blieb  aber 
dabei  nicht  stehen,  sondern  schrieb  schon  1776  sein  ei-stes 
Werk  über  Parlamentsreform:  „The  legislative  Bights  of  the 
Commonalty  vindicated."  Er  begann  also  in  dem  Jahre  der 
amerikanischen  Unabhängigkeitserklärung,  demselben  Jahr,  in 
dem  Bentham  seine  literarische  Thätigkeit  anfing,  seine 
Agitation  für  freiheitliche  Eeformen,  die  er  von  da  ab  bis 
zu  seinem  Tode  1824  unermüdlich  fortsetzte. 

1775,    in    demselben   Jahr,    in   welchem    er  Major   der 


*)  Siehe:  The  life  and  correspondence  of  Major  Cartwright,  by  his  niece 
F.  D.  Cartwright,  London  1826,  und 

A  Memoir  of  John  Cartwright  the  Reformer.    London  183 L 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  19 


290  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

• 
Nottingham   Miliz    wurde,    sagte    er   in    einem   Brief:    „die 

Principien  der  Politik  sind  die  Principien  der  Vernunft, 
der  Sittlichkeit  und  der  Religion,  angewendet  auf 
die  Angelegenheit  grosser  Gemeinschaften.  Daher  gestehe  ich 
nicht  zu,  dass  die  richtige  und  redliche  Politik  Jedermanns 
Uilheil  entspricht,  sondem  sie  ist  bestimmt  durch  die  6  es  et ze 
Gottes  und  der  Natur.  Die  Bibel  ist  die  letzte  Richterin 
über  die  Grundsätze  des  öffentlichen  und  Privatlebens.*'  Diesen 
Principien  blieb  er  treu  während  der  langen  Zeit  seiner 
Agitation.  Die  Inschrift  auf  seinem  am  20.  Juli  1831  erach- 
teten Monument  fasst  seine  Thätigkeit  so  zusammen: 

„John  Gartwright,  der  feste,  standhafte  und  aushaltende 
Vertreter  von  allgemeinem  Wahlrecht,  gleicher  Verti'etung, 
geheimer  Abstimmung,  jährlichen  Parlamenten.  ^  Er  war 
der  erste  englische  Schriftsteller,  der  offen  für  die  Unab- 
hängigkeit der  vereinigten  Staaten  von  Amerika  eintrat: 
obwohl  seine  ausgezeichneten  Verdienste  als  Marineoffizier  seit 
1776  die  schmeichelhaftesten  Aussichten  auf  Avancement  im 
Dienste  eröffneten,  wies  er  es  doch  edelmüthig  zurück,  sein 
Schwert  gegen  die  aufstrebende  Freiheit  eines  unterdmckten 
und  kämpfenden  Volks  zu  ziehen.  In  dankbarem  Andenken 
an  seine  unbeugsame  Rechtschaffeüheit ,  seinen  begeisteilen 
Patriotismus,  seine  tiefe  Kenntniss  der  Verfassung  und  in  auf- 
richtiger Bewunderung  der  makellosen  Tugend  seines  Privat- 
lebens wurde  diese  Bildsäule  durch  öffentliche  Subscription 
errichtet,  nahe  dem  Platz,  wo  er  seine  nützliche  uud  ver- 
dienstreiche Laufbahn  beschloss.'* 

Sein  zweites  Buch  ,'^Take  your  choice"  machte  ihn  mit 
dem  Herzog  von  Richmond  bekannt,  der  die  Parlamentsreform 
zuerst  im  Parlament  selbst  beantragte.  1777  schrieb  er  die 
„Proposais  für  saving  America",   1780  wurde  er  Mitgründer 


^)  Ein  Artikel  der  Westminster  Review  Nr.  16  S.  253  führt  aus,  Gart- 
wright sei  nicht  der  Vater  der  Parlamentsreformen.  Die  einzelnen  Postn- 
late,  jährliche  Parlamente,  allgemeines  Wahlrecht  und  geheime  Abstim- 
mung seien  schon  viel  früher  aufgestellt  worden,  z.  B.  von  Burgh.  Gart- 
wright aber  habe  all  diese  Postulate  zusammengefasst. 


J.  Cartwright.  291 

der  „Society  für  constitutional  Reformation",  der  auch  Price 
und  verschiedene  Mitglieder  der  Aristokratie  angehörten,  und 
deren  erste  Adresse  Gai-twright  verfasste.  Auch  an  anderen 
Vereinen  betheiligte  er  sich.  In  der  Gesellschaft  „Friends  of 
the  People'^  bekämpfte  er  1792  den  reinen  Republikanismus 
Paine's,  obwohl  er  1789  auch  für  die  französische  Revolution 
geschwäimt  und  1791  den  Jahrestag  des  Bastillesturmes  mit- 
gefeiert hatte.  1812  trat  er  auch  dem  ei'sten  Hampdenklub 
bei,  schied  aber  bald  aus,  um  nicht  den  Beitritt  anderer 
einflussreicher  Männer  zu  verhindern  —  was  jedoch  nicht  ver- 
binderte, dass  1819  der  Hampdenklub  an  Theilnahmslosigkeit 
starb.  Seine  Pflichten  als  Milizmajor  erfüllte  er  gewissenhaft 
und  nahm  auch  trotz  mangelnder  Befördeining  seine  Entlassung 
nicht,  wurde  aber  1792  unter  Protest  unrechtmässiger  Weise 
entlassen. 

Später  (1821)  wurde  er  selbst  processirt  und  bestraft;  er 
vertheidigte  sich  mit  grosser  Würde  gegen  die  Anklage  der 
Conspiration.  Wenn  er  auch  die  Republik  principiell  der  Monar- 
chie vorzog,  so  hat  er  doch  eben  so  principiell  jede  revolutionäre 
Gewaltthat  verworfen,  und  er  behandelte  es  geradezu  als  seine 
Hauptaufgabe,  Gesetzlichkeit  zu  predigen.  „Hold  fast  by  the 
law**  war  sein  Wahlspinich,  der,  wie  wir  durch  Bamford  wissen, 
in  der  That  auch  von  den  Arbeitern  mit  religiösem  Ernste 
aufgefasst  wurde. 

Seine  Mahnung  zur  Gesetzlichkeit  war  nicht  ein  diplo- 
matischer Kunstgriff,  um  seine  Person  gegenüber  den  Ge- 
richten zu  decken,  nicht  ein  nothwendig  erfolgloses  Nachwoi-t, 
das  aufregenden  Brandreden  zur  Salvii-ung  des  Gewissens  an- 
gefügt wurde  —  sondern  sie  ergab  sich  mit  Nothwendigkeit 
aus  seiner  gesammten  Anschauung  als  ein  wichtiger  Theil 
derselben. 

Schon  in  der  Schrift  „American  Independence"  von  1774 
sehen  wir  Cartwright  glänzen  nicht  durch  Geist  und  Witz, 
nicht  durch  gefälligen  populären  Stil,  sondern  durch  charak- 
tervollen Enist.  Mit  vollem  Muth  spricht  er  seine  freiheit- 
lichen  und    menschenfreundlichen  Ansichten  aus  und  beruft 

sich  dabei  wie  Locke,  den  er  citirt,  auf  das  Natuirecht  und 

19* 


292  Erstes  Bucb,  Cap.  4. 

die  Bibel.  Die  Freiheit  ist  von  Gott  allen  Menschen  gegeben 
und  unveräusserlich.  Daher  verwirft  Cartwright  alle  Sklavem 
und  giebt  den  Engländern  den  Rath,  die  Amerikaner  nicht 
als  bevonnundete  Kinder,  sondeni  als  Sehwesternation  mit 
männlicher  und  unabhängiger  Freundschaft  zu  behandeln: 
„Die  ursprünglichen  und  allein  wirklichen  Grundsteine  der 
Freiheit  sind  von  dem  allmächtigen  Baumeister  zusammenge- 
legt mit  den  Grundsteinen  der  •Welt,  indem  das  Recht  in 
die  Natur  des  Menschen  bei  seiner  Schöpfung  eingepfropft 
wurde.  Deshalb  kann  es  nicht  nach  der  Art  äussei'en  Besitzes 
durch  Urkunden  und  Rechtstitel  aus  Menschenliand  aufrecht 
erhalten  werden.  Wir  müssen  sorgen,  evangelische  Reinheit 
in  unserer  bürgerlichen  wie  religiösen  Verfassung  zu  bewahren, 
denn  Beide  sind  auf  Gottes  Wort  gegründet." 

Es    ist    charakteristisch,    dass    auch    Cartwright   gleich 
anderen  Radicalen  gegen   das   stehende  Heer  ist,  aber   dass 
ihm   diese  Negation   und  die  dadurch  erzielte  Geldei*sparniss 
keineswegs  die  Hauptsache  ist,  Hauptsache  ist  ihm  vielmehr 
der   positive  Vorschlag   der  Schaffung  eines  nationalen  Ver- 
theidigungsheeres,  bestehend  aus  allen  waffenfähigen  Männern 
nach  dem  Vorbild   der  Wehr  Verfassung  des  angelsächsischen 
Königs  Alfred  des. Grossen.    Dies  System,   das  nachher  in 
gewisser  Weise   durch   Preussens  Landheer  und  Landsturm 
verwirklicht  ward,   will    Cartwright  in  der   ausgesprochenen 
Absicht,  dass  solch  starkes  Vertheidigungsheer  Napoleon  von 
Angriffen   abschrecken   würde  und   er  empfiehlt  es  auch  den 
deutschen    Staaten    schon   1806    in  seiner  Schrift  „Englands 
Aegis'':    „Die  deutschen  Fürsten  sollen  sich  zu  Verbündeten 
ihrer    Völker    machen;    sie    sollen    zur   Vertheidigung   ihrer 
irdischen    Throne    nichts  haben   als  das  Schwert  des  freien 
Mannes.    Und  nur  eines  freien  Mannes  Stimme  soll  sich  zum 
himmlischen  Throne  in   Anbetung   erheben,   denn  nur  dann 
wird   Deutschland    einer   erfolgreichen   Vertheidigung    sicher 
fähig  sein.*' 

Innige  Gottesfurcht,  warme  Vaterlandsliebe  und  auf- 
richtige Gesetzestreue  verbanden  sich  mit  dem  Radicalismus 
dieses  Radicalen ,  der  vor  allen  den  englischen  Arbeitern  den 


Coübctt.  293 

Schlachtruf:  Allgemeines  Wahlrecht,  gleichmässige  Vertretung, 
geheime  Abstimmung,  jährliche  Parlamente  gab.  Der  Geist 
von  Cromwells  gottseligen  Regimentern  war  noch  lebendig 
bei  der  in  langen  Dezennien  vollbrachten  Formirung  der 
Arbeiterbataillone,  welche  die  socialen  Schlachten  dieses  Jahr- 
hunderts ausfochten  und  trotz  aller  Leidenschaft  und  Unklar- 
heit dem  Staat  und  seinem  Gesetze  treu  blieben.  Wie  die 
Revolution  von  1688  den  Staatsvertrag  anfQhile  und  doch 
zugleich  an  die  alten  geschiiebenen  Verfassungsrechte  anknüpfte 
und  sich  darauf  berief,  so  begnügte  sich  auch  Cartwright  nicht, 
seine  vier  Postulate  in  Bezug  auf  Wahlrecht  wie  Paine  aus 
dem  Naturrecht  abzuleiten,  sondern  er  erklärte  sie  zugleich 
für  altes  sächsisches  Recht,  das  durch  die  Normannen  dem 
Volke  unrechtmässiger  Weise  genommen  worden  sei.  So 
überwiegt  denn  in  den  Schriften  dieses  Mannes  nicht  der 
Geist  kampflustiger  Kntik,  sondern  der  begeisterte  Glaube 
an  positive  Ideale.  Noch  1823  in  seiner  Schrift  „The  english 
Constitution"  rief  der  greise  Volksführer  aus :  „Dann  (—  wenn 
die  genannten  vier  Puncto  als  Programm  angenommen  sind  — ) 
sollen  zustimmende  Millionen  die  Luft  mit  aus  dem  Herzen 
kommenden  Ruf  erfüllen.  Und  ein  unwiderstehliches  Volk  ge- 
sammelt um  solch  ein  Banner,  und  mit  solchen  Führern,  wird 
bald  seinem  theuren  England  die  richtige  Stelle  geben  an 
der  Spitze  eines  geheiligten  Bundes  freier  Staaten,  zum 
Schrecken  einer  unheiligen  Allianz  von  hassenswürdigen  Des- 
poten und  Feinden  des  Menschengeschlechts/' 

§  2.    Cobbett. 

Mit  puritanischer  Strenge  und  in  würdevoller  Haltung 
hatte  Cartwright  die  Forderung  der  Parlamentsreform  auf- 
gestellt und  für  dies  sein  einfaches  Glaubensbekenntniss  An- 
hänger geworben,  ohne  sich  im  Uebrigen  tief  in  die  politischen 
Tagesfragen  einzulassen. 

Ganz  anders  Cobbett,  dessen  Wirksamkeit  in  England 
1802  begann  und  bis  über  das  Jahr  1832  hinaus  andauerte: 
er  ist  ein  geistreicher,  witziger  Journalist,  der  nicht  an  religiöse 


294  Erstes  Buch,  Gap.  4. 

Stimmungen  anknüpft,  sondern  sich  salbungslos  an  alle  Leiden- 
schaften wendet,  die  in  der  Brust  irgend  eines  unzufriedenen 
leben.  So  ward  er  der  wirksamste  Förderer  des  Radicalismus 
und  hat  vielleicht  mehr  als  irgend  ein  Einzelner  zur  Durch- 
setzung der  Parlamentsrefoim  beigetragen.  Dabei  war  sein 
grosses  Hülfsmittel  dies:  er  kämpfte  gegen  alle  einzelnen 
Missstände  in  England;  gegen  alle  Einrichtungen,  von  denen 
man  augenblicklich  gerade  einen  Druck  zu  vei*spüren  glaubte, 
und  wusste  von  da  aus  Uebergänge  zu  finden  zu  der  Forde- 
rung, in  die  er  die  Wünsche  der  Massen  zusammenfasste  und 
die  dadurch  zum  Programm  einer  politischen  Partei  erhoben 
wurde. 

Cobbett  organisiite  nicht  Vereine  und  Versammlungen, 
und  als  er  in  spätem  Alter  endlich  nach  der  Refoiinbill  im 
Parlament  sass,  entfaltete  er  keine  nennenswerthe  praktische 
Wirksamkeit  mehr,  sondera  war  ein  Mann,  der  seinen  Dienst 
gethan  hatte  und  noch  mit  Neugierde  betrachtet  wurde. 
Aber  er  sprach  30  Jahre  hindurch  in  zahllosen  Ailikeln  und 
Pamphleten,  welche  das  ganze  Volk  und  auch  die  Gegner 
mit  neugierigem  Interesse  lasen,  mit  dem  ungewöhnlichsten 
Talent  das  aus,  was  in  den  Herzen  der  Millionen  empfunden 
wurde.  Er  verwandelte  Gefühle  in  Sätze,  dunkle  Wünsche 
in  Postulate,  er  war  der  Mund  der  Arbeiter,  die  sich  langsam 
zu  einer  politischen  Partei  entwickelten  um  später  eine 
sociale  Partei  zu  werden. 

War  er  ein  ehrlicher  Sohn  und  Führer  des  Volks,  oder 
ein  gewissenloser  Demagoge? 

Es  wird  behauptet,  er  sei  von  der  Tories  bestochen 
worden.  Dafür  fehlen  mir  die  Beweise  und  es  lässt  sich  das 
gesammte  Thun  des  Mannes  ohne  solche  Annahmen  erklären. 
Wahr  ist,  dass  er  grosse  Schulden  gemacht  hat  und  plötzlich 
ohne  Bezahlung  dei-selben  nach  Amerika  ging.  Wahr  ist, 
dass  er  einen  ganz  eretaunlichen  Wechsel  seiner  Ansichten 
durchmachte,  aus  einem  eifrigen  Diener  des  Thrones  und 
Anhänger  der  Tories  ein  wilder  Radicaler  wurde  —  und  zwar 
plötzlich ,  nicht  in  Folge  langsamer  Entwicklung  seiner  Ideen 
und  vielfacher  Erfahi-ungen.    Unleugbar  ist  sogar,  dass  dieser 


Cobbett.  295 

Wechsel  die  Folge  persönlicher  Erlebnisse,  d.  h.  verletzter 
Eitelkeit  war. 

AU  dies  zeugt  nicht  von  sittlicher  Grösse  —  es  beweist 
aber  nicht  positive  Unaufrichtigkeit.  Cobbett  kann  doch  in 
jedem  Augenblick,  das  was  er  sagte  und  lehile  für  wahr 
gehalten  haben  und  ich  möchte  sagen,  dass  man  so  wirksam 
wie  Cobett  eine  Ueberzeugung  nur  aussprechen  kann,  die 
man  selbst  hat.  Der  Glaube  an  die  eigenen  Worte  ist  das 
gi*osse  Geheimniss  populären  Erfolgs;  er  kann  Cobbett  nicht 
gefehlt  haben ,  wenn  auch  sein  jeweiliger  Glaube  niemals  aus 
der  Entwicklung  eines  wissenschaftlich  geschulten  Geistes  und 
oft  theilweise  aus  Leidenschaften  entsprang ,  die  ans  Gemeine 
grenzen.  Wie  oft  hat  man  es  erlebt,  dass  erfolgreiche  Agi- 
tatoren sich  fortwährend  im  feurigen  Pathos  steigeni,  weil 
dies  Applaus  erregt  und  sie  den  Applaus  nicht  missen  können 
—  und  schliesslich  die  extremsten  Ansichten  wirklich  hegen, 
weil  sie  dieselben  so  oft  mit  Erfolg  ausgesprochen  haben? 
Wer  einmal  für  die  Massen  schreibt  oder  spricht,  verliert 
im  Rausch  des  Erfolgs  stets  leicht  die  Selbstkritik.  Ruhige 
Beobachter  werden  an  ihm  irre,  aber  er  lügt  nicht,  sondern 
er  überlegt  nicht  mehr  objectiv,  was  er  sagt. 

Was  bei  Agitatoren,  die  zum  Kampfe  in  pathetischer 
Leidenschaft  anfeuern,  so  oft  eintritt,  das  kann  auch  bei 
einem  Agitator  eintreten,  dessen  beste  Waffe  der  Witz  war. 
Cobbett  hatte  immer  Erfolg,  wenn  er  Personen  oder  Institu- 
tionen mit  beissender  Kritik  angi-iflf.  Seine  Natur  war  von 
Hause  aus  streitsüchtig.  Intellectuelle  Schulung  und  mora- 
lische Zucht  hatte  er  nie  erfahren. 

Die  Eitelkeit  des  Autodidacten  war  selbstverständlich 
gross  in  ihm  und  die  daraus  entspringende  Selbstüberhebung 
steigerte  noch  die  natürliche  Anlage  zum  Cynismüs.  Natur 
und  Lebensgang  vereinigten  sich,  einen  Mann  zu  erzeugen, 
dessen  Lebenselement  der  publicistische  Zank  wurde. 

Gewiss  war  Cobbett  kein  Volk.sheld  wie  Bamford  oder 
Lovett,  kein  edler  Volksfreund  wie  Cartwright  oder  Owen. 
Dennoch  war  er  kein  ehrgeiziger  Streber,  der  auf  den 
Schulten)    der     missbrauchten    Massen    empoi'steigen ,    kein 


296  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

feiler  und  feiger  Schreiber,  der  im  allgemeinen  Trubel  nur 
seinen  Vortheil  erreichen  wollte.  Er  freute  sich  des  Erfolgs 
seiner  Bissigkeit  und  das  Object  seiner  Angi-ifife  bestimmte 
nicht  heilige  Uebei*zeugung,  sondern  oft  persönliche  Rancüne, 
verletztes  Selbstgefühl  oder  Hofihung  auf  Befriedigung  der 
Eitelkeit.  Aber  wenn  ich  oben  sagte,  dass  solche  Wirksam- 
keit,  wie  Cobbett  hatte,  eine  positive  Lüge  ausschliesst, 
wenn  auch  ein  edler  tiefer  Glaube  der  Natur  des  Agi- 
tatoi*s  überhaupt  fremd  sein  mochte  —  so  muss  noch  dazu 
gesagt  werden,  dass  neben  allem  Bedenklichen  und  Ge- 
meinen ein  sittlich  edler  Zug  in  Gobbett's  Wesen  lag.  Er 
war  nicht  nur  ein  tadelloser  Ehemann  und  Familienvater,  er 
besass  nicht  nur  eine  sittliche  Energie,  die  ihn  selbst  aus 
dem  Gefängniss  heraus  mit  ungetrübter  Frische  für  seine 
Wirthschaft,  seine  Familie  und  das  Volk  wirken  liess  —  er 
hatte  in  seiner  Weise  eine  wahrhafte  Sympathie  mit  den 
elenden  Massen  und  eine  wahrhafte  Liebe  für  das  Volk.  Er 
stand  principiell  auf  Seiten  der  Unterdrückten,  der  Schwachen, 
der  Minorität.  Solche  Neigung  kann  statt  eines  Helden 
einen  Raufbold  erzeugen,  sie  kann  fratzenhaft  werden  durch 
Verbindung  mit  der  Eitelkeit,  dass  man  als  eine  Pei-son 
die  Schwachen  stark  machen  werde,  ist  aber  an  sich  das 
Gegentheil  des  Unedlen  und  Gemeinen,  und  war  es  ganz 
besonders  in  einer  Zeit  und  einem  Staate,  wo  es  in  der  That 
galt ,  vielfachste  Unterdrückung  aufzuheben ,  ohne  dass  man 
den  Weg  dazu  schon  klar  sah. 

Auch  das  beweist,  dass  der  merkwürdige  Mann  wohl 
ein  unberechenbarer,  zuchtloser  und  gefährlicher,  aber  kein 
positiv  schlechter  Charakter  war,  dass  er  oft  mit  Erfolg  seine 
Autorität  anstrengte,  um  unbesonnene  rechtswidrige  Schritte 
der  en*egten  Massen  zu  verhüten.  Er  trachtete  nicht, 
gefürchtet  zu  werden,  indem  er  etwa  den  Massen  das  Risico 
gefährlicher  Thaten  zuwälzte. 

Jahrzehnte  brauchte  der  engliche  Arbeiterstand,  bis  er 
seine  Wünsche  in  ein  politisches  Programm  zusammengefasst 
hatte ;  weitere  Jahi-zehnte  waren  nöthig,  um  die  Ueberzeugung 
allgemein  zu  machen,  dass  nicht  Aenderungen  der  Verfassung, 


Cobbett.  297 

sondern  der  socialen  Zustände  die  Hauptsache  seien.  Unter 
Cobbett's  geistiger  Fühining  vollzog  sich  diese  erete  Fonni- 
rung  des  Arbeitei*standes  zur  politisch  radicalen  Partei. 
Dies  war  im  Grunde  nur  eine  Negation  —  worauf  es  positiv 
ankam,  das  wusste  man  noch  nicht  —  und  so  ist  es  natürlich, 
dass  die  erste,  sozusagen  provisorische  Constituirung  des 
vierten  Standes  in  England  vorzugsweise  durch  einen  Mann 
geleitet  wurde,  dessen  natürliche  Stärke  im  Negiren  und 
Protestiren  lag. 

Das  äussere  Leben  Cobbett's  ist  allgemein  bekannt. 
Auch  Bulwer  liess  es  sich  nicht  entgehen,  den  psychologisch 
merkwürdigen  Charakter  zu  skizziren,  fi*eilich  nur  den  Mann 
für  sich  allein,  nicht  im  Zusammenhang  mit  den  von  ihm 
bewegten  und  ihn  bewegenden  Massen.  — 

William  Cobbett  wurde  1766  als  Sohn  eines  Aufsehers 
und  Enkel  eines  Taglöhners  geboren,  verliess  17  Jahre  alt 
seine  Heimath  und  wurde  Schreiber  in  London.  1784  wurde 
er  Soldat,  1791  in  Amerika  als  Sergeantmajor  und  als  ein 
Soldat,  der  niemals  bestraft  worden  war,  vom  Regiment 
entlassen. 

Er  blieb  in  Amerika,  heirathete,  wurde  Sprachlehrer  und 
Buchhändler.  Bald  wurde  er  Schriftsteller  und  zwar  pole- 
misirte  er  gegen  Paine  und  Priestley  und  veilrat  das  englische 
Torythum  gegen  die  Sympathien  der  Amerikaner  mit  der 
französischen  Republik.  Dadurch  wurde  er  trotz  der  Gewandt- 
heit seines  Stils  in  Amerika  unpopulär  und  so^ar  wegen 
„libel"  zu  schwerer  Geldbusse  verurtheilt. 

Er  verliess  deshalb  1800  Amerika  und  gab  in  England 
selbst  seit  1801  ein  Blatt  heraus,  nämlich  das  Politische 
Wochenregister,  das  Anfangs  10  pence  resp.  1  Shilling 
kostete,  dann  nur  2  pence,  worauf  der  Absatz  von  2—3000 
auf  60—70,000  Exemplare  stieg.  Da  er  aber  hier  mehr 
Bewundenmg  als  persönliche  Unterstützung  fand,  so  begann 
er  im  „weekly  register"  gegen  alle  Parteien,  auch  gegen  die 
Minister  zu  agitiren,  was  ihm  1803  einen  Pressprocess  zuzog. 
Dies  verbitterte  ihn  noch  mehr :  er  blieb  zwar  Zeitlebens  den 
Whigs  noch  feindlicher  gesinnt  als  den  Tories,  aber  er  wurde 


298  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

ein  erkläi-ter  Radiealer  im  Bunde  mit  Gaitwright,  Burdett, 
Hunt  etc.  und  wirkte  in  der  Ton  ihm  sozusagen  begrQndeten 
volksthümlichen  Presse  immer  leidenschaftlicher  gegen  Hof 

und  Regierung.  0 

1809  wurde  er  zu  1000  Pf.  St.  und  2  Jahren  Gef&ngniss 
verurtheilt;  er  suchte  —  was  ei-  allerdings  selbst  leugnete  — 
durch  Concessionen  seine  Begnadigung  fi-uchtlos  zu  erkaufen, 
benahm  sich  aber  im  Grefängniss  sehr  muthvol]. 

Wieder  frei  geworden,  gab  er  kleine  Flugschriften 
(Twopenny  trash)  heraus,  die  weil  sie  keine  Zeitschiift  waren, 
Steuerfreiheit  genossen;  die  „Six  Acts"  von  1817  wai-en 
hauptsächlich  gegen  ihn  gerichtet,  die  Reaction  machte  ihn 
zum  Märtyrer  und  Helden;  dennoch  konnte  er  seine  Position 
nicht  halten  und  entzog  sich  neuer  Haft  und  der  Bezahlung 
seiner  Schulden  durch  plötzliche  Flucht  nach  Amerika. 
Dort  schrieb  er  Artikel  für  England,  und  auch  seine  be- 
rühmte Grammatik.  Da  er  aber  in  Amerika,  wo  Jedermann 
republikanisch  und  demokratisch  gesinnt  war,  nicht  viel  Auf- 
sehen eiTegte  und  seine  Artikel  von  dort  in  Europa  stets  post 
festum  kamen,  so  kehrte  er  bald  wieder  mit  Paine's  Gebeinen 
zurück  und  fing  neuerdings  als  Journalist  uneimüdlich  zu 
wirken  an. 

So  wenig  seine  Person  Respect  einflösste,  so  wirksam, 
ja  furchtbar  war  seine  Feder.  1820—26  schrieb  er  seine  wich- 
tigsten grösseren  Brochüren,  1827  agitirte  er  gegen  Canning; 
1830  war  Cobbett's  „Register"  das  Hauptorgan  der  für  Parla- 
mentsreform agitirenden  Massen :  Er  kam  dann  auch  ins  Par- 
lament. 

Sein  Register  wurde  nach  seinem  Tode  1835  noch  kui-ze 
Zeit  von  seinen  Söhnen  fortgesetzt. 

Seine  literarische  Thätigkeit  interessirt  uns  erst  seit  der 
Zeit,  in  der  er  anfing,  den  Radicalen  zu  dienen. 

Seine  (und  seiner  Söhne  und  Mitarbeiter)  unzählige 
Artikel  sind  das  beste  Bild  der  Volksbewegung,  die  sich  vor 


^)  Im  Twopenny  Trash  rühmt  Cobbett  selbst  den  Mtgor  Cartwright 
als  den  grossen  Vorkämpfer  für  Reform  seit  1770  und  erzählt,  dass  er 
sich  ihm  1806  angeschlossen  habe. 


Cobbett.  299 

1815  vorbereitete  und  1832  in  der  Parlamentsreform  ihren 
vorläufigen  Abschluss  fand.  Ich  halte  mich  ausschliesslich 
an  die  politischen  Agitationsschriften,  ohne  die  anderen 
populären  Werke  über  Landwiilhschaft,  Grammatik  etc.  zu 
berühren.  Cobbett's  Söhne  veröffentlichten  nach  seinem  Tode 
„Selections  from  Cobbett's  political  works"  worin  namentlich 
Auszüge  aus  dem  „weekly  political  register^^  mit  Anmerkungen 
enthalten  sin^. 

Es  ist  selbstverständlich,  dass  ein  so  fnichtbarer  Schrift- 
steller, wie  Cobbett  sich  in  unendlichen  Wiederholungen 
erging.  Diese  wirkten  aber  durch  ihr  periodisches  Erscheinen 
und  durch  die  reiche  Abwechselung  in  Angriffen  gegen 
einzelne  Pei-sonen  immer  frisch.  Als  Quintessenz  all  seiner 
Tendenzen  erscheint  der  Gedanke :  dass  er  die  Leidenschaften 
der  Massen  ausschliesslich  gegen  die  Regieiung  und  die  gel- 
tenden Gesetze  dirigirte  —  aber  immer  wegen  des  von  diesen 
auf  die  Massen  geübten  ökonomischen  Drucks.  Das  wirth- 
schaftliche  Interesse,  nicht  ein  natuiTechtliches  Princip  ist  die 
Hauptwaffe  seiner  politischen  Agitation. 

Paine  verlangte  Republik  und  Gewissensfreiheit  ohne 
Nationalreligion  aus  Princip;  Cobbett  verlangt  direct  „bil- 
lige Regierung  und  billige  Religion."  Steuerreformpläne 
erscheinen  bei  Paine  nebenbei,  bei  Cobbett  ist  finanzielle  Er- 
leichterung der  Hauptzweck  aller  politischen  Reform. 

Auch  er  kämpft  noch  nicht  direct  gegen  die  radicalen 
Mittelclassen  und  das  Capital ,  er  wirkt  sogar  für  die  Reform- 
bill als  ersten  Schritt  —  aber  die  ökonomischen  Interessen 
der  steuerzahlenden  Massen  und  besondei-s  der  Arbeiter  werden 
von  ihm  so  speciell  betont,  dass  sie  den  Massen  zum  Standes- 
bewusstsein  verhelfen.  Am  Meisten  zeigt  sich  dies  in  dem 
Kampf  gegen  die  Staatsschuld,  betreffs  deren  die  Interessen 
des  Arbeiterstandes  und  des  mobilen  Capitals  schon  damals 
auseinandergingen. 

Als  die  zu  bekämpfenden  Feinde  des  Volks  erscheinen 
bei  Cobbett  in  unendlich  häufiger  Wiederholung:  „Adel,  Geist- 
lichkeit und  Geldhändler." 

Das  Wahlrecht  muss  erweitert  werden  zu  dem  bestimmten 


300  Erstes  Bach,  Cap.  4. 

Zweck  eines  Wechsels  im  Regierungssystem,  d.  h.  der  Ab- 
scbafiung  Ton  „Sinecuren,  Pensionen,  Zuwendungen  (grants), 
Zehnten,  Eronländereien  und  Staatsschuld/'  Man  soll  wählen 
nicht  reiche,  geldgierige  und  luxuriös  lebende,  sondern  massige, 
arbeitsame  und  kenntnissreiche  Männer,  welche  wirken  sollen 
fllr  Abschaffung  der  Malz-,  Hopfen-,  Seifen-Steuer ,  der  Kom- 
zölle,  Zehnten,  aller  „assessed  taxes'^  und  Stempel. 

„Wir  verdanken  die  Refoimbill  nur  uns  selbst  und 
sollten  nie  vergessen,  wieviel  wir  den  ländlichen  Arbeitern 
und  insbesondere  denjenigen  verdanken,  die  zuerst  beschlossen, 
nicht  länger  von  Kartoffeln  leben  zu  wollen."  (Twopenny 
trash  1832  S.  243).  Am  1.  Juni  1832  sagt  Cobbett  nind 
heraus:  „er  und  die  Seinen  haben  die  Reformbill  gewollt^ 
um  diejenigen,  welche  die  Steueiii  auflegen,  selbst  zu  wählen, 
um  zu  verhindern,  dass  unser  Verdienst  uns  ungerecht  ge- 
nommen werde." 

Wie  Cobbett  zur  Zeit  der  Refonnbill  selbst  die  Parla- 
mentsreform als  Mittel  zur  Verbesserung  der  materiellen  Lage 
der  unteren  Classen  wollte,  so  schon  im  Anfang  seiner 
Agitation  während  der  Eriegszeit.  Cobbett  mahnte  die 
Arbeiter  von  Fabrikzerstöi-ung  und  anderer  ungesetzlicher 
Gewaltthat  ab,  entschuldigt  aber  die  Ludditen,  weil  sie  durch 
Hungerenoth  zur  Verzweiflung  getrieben  seien  (1812),  und 
verlangt  1816  in  Briefen  an  Burdett  die  Parlamentsreform 
wegen  des  Steuerdrucks.  Cobbett  vei-schmäht  nicht  Bundes- 
genossenschaft und  Compromiss  mit  besitzenden  Radicalen, 
aber  er  macht,  deutlich  ausgesprochen,  die  Politik  für  die 
Arbeiter  zur  Magenfrage.  1835  schrieb  ihm  die  Iiische 
Anti-Tory-Association  einen  artigen  Brief.  Er  antwortete 
darauf  benthamitisch ,  er  gehöre  zu  keiner  Partei,  diese  seien 
nur  „eine  Täuschung  der  Vielen  zum  Gewinn  von  Wenigen." 
Er  sei  kein  Liberaler  und  hasse  die  Liberalen,  die  das 
Armengesetz  gemacht  hätten.  Das  Organ  der  Anti-Toiy- 
Association  klage  ihn  an ,  „viel  Bier  und  Speck  seien  ihm  die 
einzigen  Zeichen  guter  politischer  Zustände."  Er  antwortet 
darauf  im  Politischen  Wochenregister  (21.  Febiniar  1835): 

„Man  füge  hinzu  Brod,  gute  Kleidung,  Hemden  für  die 


Cobbett.  301 

Frauen,  Schuhe,  Strümpfe  und  Kopfbedeckung,  Glasfenster  in 
den  Wohnungen,  Betten  und  Bettzeug:  einen  Abtritt  in  jedem 
Haus  —  man  füge  das  Alles  hinzu  und  dann  hat  das  Organ 
recht  Das  sind  nach  mir  die  Zeichen  guter  politischer 
Zustände.  Und  von  Herzensgiomd  verabscheue  ich  die  Libe- 
ralen ^  deren  Programme  nur  von  geistigen  Freuden  reden, 
während  die  elenden  Gerippe  unter  ihrer  Hen-schaft  vor  Hunger 
und  Elend  sterben.*' 

So  bereitete  Cobbett  direct  die  politische  Arbeitei-pailei 
der  Chartisten  vor;  aber  immer  erwartete  er  Besserung  der 
Lage  der  Arbeiter  nur  durch  Politik  und  dachte  nicht  an 
speciellen  Krieg  gegen  die  FabrikheiTU.  In  seinen  Angriffen 
gegen  einzelne  staatliche  Institutionen  übertrieb  er  entsetzlich, 
aber  er  traf  doch  immer  Puncto ,  in  denen  in  der  That  eine 
Benachtheiligung  der  Arbeiter  und  Armen  nachweisbar  war, 
^enn  er  denn  auch,  leidenschaftlich  und  gemeine  Leiden- 
schaften schürend,  weit  über  das  Ziel  hinausschoss. 

Der  keimende  Gegensatz  zwischen  Arbeit  und  Capital 
tritt  besonders  deutlich  hervor,  wenn  man  Cobbett's  Schriften 
über  Papiergeld  und  Staatsschuld  mit  denen  von  Ricardb 
vei-gleicht 

1828  erschien  Cobbett's  Schrift:  „Paper  against  Gold," 
die  aus  29  zuerst  1810—1811  erschienenen  Briefen  besteht, 
und  Wellington  gewidmet  ist.  In  der  Vorrede  sagt  Cobbett 
mit  unglaublichem  Selbstgefühl  —  das  aber  nie  so  theatra- 
lisch ist  wie  später  bei  O'Connor  —  er  habe  schon  1803  er- 
kannt, dass  das  Papiergeld  entwerthet  sei  und  Erschütterung 
im  Lande  hervon*ufen  müsse,  wenn  man  nicht  zur  Goldwäh- 
rung zurückkehre  und  gleichzeitig  die  Staatsschuld 
vermindere.  Man  habe  nur  das  erste,  nicht  zugleich  das 
letzte  gethan  und  dadurch  das  Volk  schwer  geschädigt;  man 
hätte  das  stehende  Heer  abschaffen,  die  Hälfte  der  Steuern 
erlassen  müssen  und  solle  das  noch  jetzt  thun.  Schon  1803 
habe  er  und  vorher  schon  Paine  die  Nutzlosigkeit  des  Tilge- 
fonds bewiesen. 

In  den  Briefen  nun  gab  Cobbett  dem  Volke  eine  vom 
Standpunkt  seiner  Tendenz   ausgezeichnet   geschriebene  Ge- 


302  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

schichte  der  englischen  Bank  und  der  Staatsschuld.  Cobbett 
führt  aus,  dass  Staatsschuldentitel  keine  reellen  Werthe, 
sondern  nur  Rechte  auf  Zinsen  sind,  dass  das  Wachsen  der 
Staatsschuld  Steuererhöhung,  Elend,  Zunahme  der  Armenlast 
bewirke:  „die  Tendenz  der  Besteuemng  ist,  eine  Classe  von 
Leuten  zu  schaffen,  die  nicht  arbeiten;  von  denen,  die 
arbeiten,  das  Product  ihrer  Arbeit  zu  nehmen  und  es  denen 
zu  geben,  die  nicht  arbeiten.*'  («3.  Brief)  —  d.  h.  also  die 
Regicrungspolitik ,  nicht  das  Capital,  steckt  den  Marx'schen 
Mehrwerth  ein. 

Im  ei*sten  Brief  schon  heisst  es,  die  Notenvennehmng 
sei  geschehen,  um  die  Zinsen  der  Staatsschuld  zu  zahlen  — 
und  im  25.  Brief  heisst  es,  wenn  die  Bankrestriction  wieder 
aufgehoben,  die  Zinsen  der  Staatsschuld  und  alle  Gehälter  in 
Gold  bezahlt  würden,  so  bekämen  die  Gläubiger  und  Beamten 
factisch  mehr  als  bisher  —  es  sei  also  gleichzeitige  Steuer- 
emiedrigung  nöthig. 

Daran  ist  nun  unleugbar  viel  Wahres.  Allein  Cobbett 
erhebt  sich  nicht  zu  Postulaten  einer  durchdachten  socialen 
Gerechtigkeit,  d.  h.  er  verlangt  nicht  eine  Reform  der  Ver- 
theilung  der  Steuerlast  zu  Gunsten  der  Armen,  sondern 
einfach  Steuerverminderung  um  jeden  Preis;  und  er  ver- 
schmäht nicht  (29.  Brief)  das  rohe  und  ungerechte  Mittel  des 
Staatsbankerotts,  durch  welchen  die  Zinsen  der  Staatsschuld 
und  damit  viele  Steuern  allerdings  einfach  wegfallen  würden. 
Die  Radicalen  seien  dann  jedenfalls  am  Staatsbankerott  nicht 
Schuld,  denn  sie  hätten  den  Krieg  nicht  gewollt.  Ue!)er  den 
Papiergeldbankerott  spricht  er  sioh  cynisch  aus.  „Es  ist 
meine  entschiedene  Meinung,  dass,  was  immer  das  Schicksal 
des  Papiergelds  sein  möge,  dieses  Schicksal  keineswegs  noth- 
wendig  auch  nur  die  geringste  Gefahr  für  die  Unabhängig- 
keit Englands,  die  Sicherheit  des  Thrones,  die  Freiheiten  und 
das  Glück  des  Volkes  bringen  wird.''  Hat  man  die  Zinsen 
der  Schuld  bisher  in  Papier  statt  Gold  bezahlt,  so  kann  man, 
meint  Cobbett,  auch  ganz  bankerott  machen.  —  Wer  Geld 
ausleiht,  läuft  ja  immer  ein  Risico ! 

Solche  Brandschriften  erregten  natürlich  Schrecken  und 


Cobbett.  303 

Zorn  in  anderen  Kreisen,  und  Cobbetts  Uebertreibungen 
wurden  mit  eben  so  grossen  uebertreibungen  beantwortet. 
Eine  Schrift  von  1826  ^)  behauptet,  Cobbett  und  seine  SchQler 
seien  an  den  Handelskrisen  etc.  Schuld,  und  giebt  Cobbett 
den  wohlmeinenden  Bath,  er  solle  den  etwaigen  Verheissungen 
„seiner  höllischen  Majestät''  auf  eine  wichtige  Stelle  in  der 
Hölle  nicht  trauen,  da  der  Teufel  keine  guten,  sondern  nur 
ausserordentlich  heisse  Stellen  vergeben  könne. 

Nächst  der  Staatsschuld  und  dem  stehenden  Heer  war 
ein  Hauptangriffspunct  für  Cobbett  die  Staatskirche. 

Die  arbeitenden  Klassen  hatten  sich  längst  der  vornehmen 
Staatskirche  abgewendet  und  ihr  religiöses  Bedürfniss  wurde 
insonderheit  durch  die  Secten  befriedigt,  in  denen  auch  der 
demokratische  Geist  der  Puritaner  in  abgeschwächten  Formen 
fortlebte. 

Cobbett's  Agitation  gegen  die  Staatskirche  war  aber 
nicht  von  strengem  puritanischem  Geiste  ei-füllt,  sondern 
sie  war  hauptsächlich  hervorgerufen  durch  Begehrlichkeit 
nach  deiQ  grossen  Veimögen  der  englischen  Staatskirche  und 
kam  zumeist  dem  Katholicismus  zu  gute,  so  dass  der  Ultra- 
montanismus aus  Cobbetts  Schriften  grossen  Gewinn  zog.  Es 
ist  dies  eine  der  merkwürdigsten  Seiten  des  merkwürdigen 
Mannes,  dass  er  dem  auf  die  gemeinen  Leidenschaften  der 
Massen  speculirenden  demokratisirenden  Ultramontanismus 
der  neuesten  Zeit  ein  leuchtendes  Vorbild  wurde. 

In  seiner  Schrift  „Legacy  to  Parsons,  London  1835'*  be- 
hauptet Cobbett  unter  vielfacher  Benifung  auf  seine  Befor- 
mationsgeschichte,  die  Staatskirche  sei  nicht  von  Christus  ein- 
gesetzt, sondern  durch  Parlamentsacte  gegründet,  und  häuft 
die  wüthendsten  Schmähungen  auf  Heinrich's  VUL  Blutdurst 
und  Geldgier  und  bezeichnet  es  als  eine  reine  Nützlichkeits- 
frage, ob  das  ganze  Eürchengut  saecularisirt  werden  solle. 
Unchristliche  Lehren  kommen  nicht  vor,  vielmehr  wird  der 
wahre  christliche  Sinn  der  Dissenters  weihevoll  gepriesen  und 


^)  A  general  account  of  Cobbetts  Conspiracy  against  public  Confi- 
dence,  by  Richard  Brash,  London  1826. 


304  Erstes  Buch,  Cap.4. 

das  in  Amerika  verwirklichte  Prindp  der  Trennung  von  Kirche 
und  Staat  ganz  im  Sinne  unserer  heutigen  Ultramontanen  als 
das  einzig  Richtige  warm  empfohlen.  Der  Skandal  der  Staats- 
kirche rufe  eben  den  Atheismus  hervor,  England  müsse  stre- 
ben nach  einer  ,,billigen  Regierung  und  einer  dem  Gesetz  un- 
bekannten Religion.  "^ 

In  den  Jahren  1824  —  1826  veröffentlichte  Cobbett  in 
fortlaufenden  Briefen  eine  Geschichte  der  protestantischen 
Religion  in  England  und  Irland,  die  (wohl  wegen  ihi-er  Brauch- 
barkeit im  Interesse  des  Ultramontanismus)  1828  ins  Deutsche 
übei-setzt  wurde.  In  dieser  Schrift  entwickelt  Cobbett  die 
grösste  Leidenschaftlichkeit  und  Einseitigkeit,  indem  er  im 
Protestantismus  die  Quelle  aller  Uebel  erkennt  und  unter 
willkürlichster  Entstellung  der  Thatsachen  nicht  nur  Hein- 
rich VIII.  als  Ungeheuer  hinstellt,  die  Königin  Elisabeth  mit 
giftigem  Spott  überschüttet  —  sondern  auch  unbedenklich 
Luther  als  gemeinen,  schlechten  Charakter  schildert.  Im  Eifer 
den  einmal  ergriffenen  Gedanken  zu  verfolgen,  wird  Cobbett 
einfach  ein  Lobredner  und  Vertreter  des  Katholicisnius  und 
verschmäht  hier  ganz  besondei-s  nicht  die  sophistischsten  Argu- 
mente. Ewig  kehrt  zu  Gunsten  des  Katholicismus  das  Argu- 
ment wieder,  dass  Alfred  der  Grosse,  dass  die  Schöpfer  der 
Magna  Charta,  kurz,  dass  alle  grossen  Engländer,  denen  das 
Vaterland  vor  Heinrich  VIII.  etwas  verdankt,  Katholiken  ge- 
wesen seien  —  wobei  der  Katholicismus  seit  dem  16.  Jahr- 
hundert beständig  mit  dem  Urchristentlmm  identificirt  wird. 
Oft  nimmt  die  Sophistik  der  Argumente  einen  komischen 
Charakter  an  —  dennoch  waren  sie  auf  Cobbett's  Leser  rich- 
tig berechnet:  so  wenn  Cobbett  die  Behauptung  von  der  geis- 
tigen Superiorität  des  Protestantismus  dadurch  widerlegt,  dass 
in  dem  „Allgemeinen  historischen,  kritischen  und  bibliogi-aphi- 
schen  Lexikon"  mehr  Namen  (katholischer)  Franzosen  als 
(protestantischer)  Engländer  vorkommen. 

Fragt  man  nach  den  Gründen  dieser  seltsamen  Parteinahme 
für  den  Katholicismus,  so  sind  diese  dieselben  wie  die  leitenden 
Motive  bei  Cobbett's  gesammter  Agitation.  Vor  Allem  waren 
die  Katholiken  in  England   eine  unterdrückte  Minorität  und 


Cobbett  305 

filier  solchen  nahm  sich  Cobbett  —  mit  den  üblichen  einsei- 
tigen Uebertreibungen  —  immer  an. 

Ferner  gab  es  damals  in  England  eine  wachsende  Zahl 
irischer  Arbeiter,  die  man  gewinnen  musste.  Besonders  aber 
stimmte  es  mit  Cobbett's  gesammten  Tendenzen,  das  Vermögen 
der  Staatskirche  als  geraubt  hinzustellen,  es  dadurch  gehässig 
zu  machen,  und  die  alte  Armenpflege  der  katholischen  Klöster 
der  modernen  englischen  Armenpflege  zur  Aufregung  der 
Armen  gegenüber  zu  stellen. 

Dazu  kam,  dass  die  ^guten  alten  Zeiten'S  in  denen  die 
geistige  Suprematie  des  Papstes  ein  Gegengewicht  gegen  die 
Macht  des  Königs  bildete,  sich  zu  Gunsten  jeder  Agitation 
gegen  die  Begierung  ausbeuten  Hessen. 

Auch  hier  verfolgt  Cobbett  zunächst  politische  Ziele,  ist 
aber  geleitet  von  socialen  Motiven^  Der  Protestantismus 
schafft  wirthschaftlich  energischere  Menschen  als  der  Katho- 
licismus,  also  kann  die  Armuth  in  ihrer  Auflehnung  gegen  den 
Beichthum  mit  dem  Katholicismus  gegen  den  Protestantismus 
sympathisiren. 

„Ich  wiir*,  sagt  Cobbett  in  der  Geschichte  der  Refor- 
mation, „die  Refonnation  durch  alle  ihre  Abstufungen  ver- 
folgen, bis  ich  euch  ihre  natürliche  Wirkung  in  den  Entwür- 
fen des  Pastors  Malthus,  in  dem  von  Lord  John  Rüssel  em- 
pfohlenen Plan,  in  dem  dermaligen  unbeschreiblichen  Elend  der 
ackerbauenden  Classe  in  England  und  Irland  und  in  dem  ver- 
hassten  abscheulichen  System  zeige,  welches  Juden  und  Papier- 
geldfabrikanten  zu  den  wirklichen  Eigenthümem  eines  gi'ossen 
Theiles  der  liegenden  Gründe  des  Königi-eichs  macht." 

Es  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  Cobbett  in  der  Geschichte 
der  Reformation  die  Gefühle  eines  warmen  Protestanten 
oft  derb  verletzt,  aber  die  Religion  überhaupt  greift  er  doch 
auch  hier  nicht  an  und  im  Gininde  kämpft  er  auch  hier 
gegen  einzelne  gegenwärtige  Institutionen:  —  immer,  im 
Gegensatz  zu  Paine,  der  praktische  Engländer. 

Die  Objecto  seiner  Leidenschaft  sind  im  Grunde  immer 
dieselben,  doch  kommt  es  dem  für  den  Moment  schreibenden 
Journalisten  natürlich  nicht  darauf  an,  gelegentlich  eine  In- 
fi eia,  soc  Gesch.  Engl.  20 


306  Erstes  Buch ,  Cap.  4. 

stitution,  die  er  sonst  giftig  angreift,  auch  gnädiger  zu  be- 
handeln. Im  „Legacy  to  Peel'^  das  1836  ei-schien,  wird  im 
dritten  Brief  behauptet,  die  Abschaffung  der  Staatskirche  sei 
weniger  revolutionär  als  Manches,  das  Peel  schon  vollbracht 
habe;  im  vierten  Briefe  aber  donnert  Cobbett  gegen  das 
„money-monster",  wobei  denn  die  Kirche  zur  Abwechselung 
vergleichsweise  gut  behandelt  wird. 

Von  seinen  vei-schiedenen  Veimächtnissschriften :  an  die 
Geistlichkeit,  an  Peel,  an  die  Arbeiter,  vei*spricht  sich  der 
alternde  Cobbett  den  gi-össten  Erfolg.  Je  länger  er  schiieb, 
desto  mehr  wurde  es  bei  ihm  Gewohnheit,  die  Worte  „Ich'' 
und  „das  Volk''  zu  verwechseln.  „Das  müsste  eine  schwer- 
Ällige  Nation  sein,  die  sich  an  diesen  diei  Vermächtniss- 
schriften nicht  aufrichten  wtlrde",  meint  er  im  Legacy  to  Peel, 
„Das  Volk'^  mit  dem  sich  Cobbett  selbst  identificirt,  ist  ein 
niemals  scharf  präcisirter  Begriff  —  im  Allgemeinen  umfasst 
es  alle,  die  leidenschaftlich  Opposition  machen.  Manch- 
mal (z.  B.  S.  9  im  Legacy  to  Peel)  wird  der  Begriff  Volk 
angewendet,  den  niederen  Massen  zu  schmeicheln,  indem  be- 
hauptet wird,  die  Handarbeiter  seien  die  wahre  Intelligenz 
des  Landes,  sie  seien  das  ganze  Volk.  Wie  später  die  Char- 
tisten lieber  den  Tory-Candidaten  als  den  Whigs  und  Frei- 
händlern ihre  Stimmen  gaben,  so  war  auch  Cobbett,  wie  schon 
erwähnt,  nicht  am  meisten  gegen  Tories  und  Grundaristokratie 
erbost,  denn  er  ftirchtete  das  „money-monster'*,  das  sich  an  die 
Stelle  der  Aristokratie  setzen  könnte.  Aber  der  bewusste 
Plan  eines  Bundes  zwischen  Grossgrundbesitz  und  Handarbei- 
tern gegen  das  mobile  Capital  ist  noch  nicht  vorhanden. 
Unter  dem  money-monster  werden  im  Gininde  nur  die  Ban- 
quiers  und  Staatsgläubiger  verstanden.  Nur  ganz  gelegent- 
lich wird  auf  „monopolists,  paper  money  millionaire  loan  Job- 
bers etc.  etc.  und  —  lords  of  the  loom  and  spinning-jenny- 
baronets"  geschimpft.  Im  Legacy  to  Peel  erscheint  zwar  das 
money-monster,  nicht  „der  Zeitgeist"  als  eigentlicher  Urheber 
der  Revolution,  als  Verführer  und  Verderber  der  Gentry,  als  in- 
tellectueller  Urheber  der  neuen  Armengesetze  etc.  etc.  —  aber 
Cobbett  tastet  doch  die  Vermögensrechtsordnung  nicht  an,  son- 


Cobbett  307 

dem  wendet  sich  immer  wieder  in  altgewohnter  Weise  gegen 
öfifentlich  rechtliche  Institutionen,  Sinecuristen,  Pensionäre  etc. 
und  namentlich  gegen  die  Staatsschuld.  Welches  die  eigent- 
lichen Ziele  von  Cobbett's  Agitation  waren,  geht  schon  aus 
den  Ueberschriften  der  einzelnen  Briefe,  aus  denen  das  Ver- 
mäch tniss  an  Peel  besteht,  hervor: 
Brief  1 :  Was  wollen  Sie  jetzt  mit  dem  Haus  der  Gemeinen 

machen  ? 
Brief  2:  Was  wollen  Sie  mit  Irland  und  besondere  mit  der 

Kirche  von  Irland  thun? 
Brief  3 :  Was  wollen  Sie  mit  der  Kirche  und  den  Dissenters 

in  England  thun? 
Brief  4:  Von  den  zei-störenden  Wirkungen  der  Staatsschuld 
und  des  Papiergelds  in  England,  Frankreich  und 
Amerika. 
Brief  5 :  Was  wollen  Sie  mit  den  Steuerverzehrem,  genannt 
Pensionaire,  Sinecuristen,  grantees,  retired  allowance 
people,    Halb-Soldleuten,    Geheimdienstleuten  etc. 
etc.  thun? 
Brief  6:  Was  wollen  Sie  mit  den  Kronländereien,  mit  der 
Ai-mee  und  besonders  in  Bezug  auf  die  Strafen  in 
der  Armee  thun? 
Politik  und  Regierung  bleiben  also  die  eigentlichen  Ge- 
biete, innerhalb  deren   Cobbett  aufregt  —   ohne  eigentliche 
politische  oder  sociale  Revolution  zu  predigen.     Ausdrücklich 
betheuert  er  im  sechsten  Brief,  er  sei  kein  Republikaner  und 
werde  keiner  werden  „bis  er  alle  Hoffnung  verloren  habe  auf 
die  Möglichkeit,  dass  die  Beschwerden  gehoben  und  dem  Volk 
Gerechtigkeit  gethan  werde/'     Freilich  gesteht  er,  dass  ihm 
die  3^publik  lieber  sei,  dass  der  König  kein  göttliches  Recht 
habe,  und  dass  es  kein  Verbrechen  sei,  totale  Aendeining  der 
Regierungsform  zu  wünschen. 

Klarer  ist  Cobbett  in  seiner  Abneigung  gegen  sociale  Re- 
volution, indem  er  in  der  That  Heilighaltung  des  Eigen- 
thums  predigt,  und  nur  die  üblen  Folgen  concentrirten  Be- 
sitzes verhüten  will.    Er  bemft  sich  dabei  auf  das  „Vermächt- 

niss  an  die  Arbeiter",  das  1834  erschien. 

20* 


308  Erstes  Bach,  Cap.4. 

Hier  wendet  sich  Cobett  zunächst  gegen  den  Grundbesitz, 
d.  h.  dessen  Abneigung  hohe  Armensteuer  zu  zahlen,  und 
entwickelt  die  alte  Theorie,  dass  Arbeit  die  Grundlage  alles 
Eigenthums  sein  solle;  das  Grundeigenthum  in  England  aber 
beruhe  auf  Erobeixing.  Es  kommen  dabei  Sätze  vor,  die  stark 
an  den  bekannten  Satz  von  der  Erde  als  geheiligtem  Erbe 
der  Menschheit  anklingen  —  allein  man  würde  sich  sehr 
täuschen,  wenn  man  etwa  glaubte,  Cobbett  wolle  sagen:  „Da 
Eigenthum  auf  Arbeit  beruht,  Gmndeigenthum  nicht,  so 
ist  Sondereigenthum  an  Grund  und  Boden  an  sich  naturrechs- 
widrig  und  muss  abgeschafft  werden." 

Grundeigenthum  an  sich  erscheint  ihm  vielmehr  als  Noth- 
wendigkeit  im  Interesse  des  Gemeinwohls  (Siehe  Brief  I), 
und  nur  speciell  das  englische  Grundeigenthum  beruht  auf 
Erobei-ung.  Doch  auch  dieses  Grundeigenthum  soll  wegen 
seines  Ursprungs  aus  Gewalt  nicht  gestürzt  werden  —  Cob- 
bett sagt  nur,  Wilhelm  der  Eroberer  habe  seinen  Ritteni  den 
Grund  und  Boden  gegen  die  Vei-pflichtung  des  Kriegsdienstes 
gegeben,  und  klagt,  dass  Crom  well  diese  Verpflichtung  auf- 
gehoben und  dafür  das  Accisesystem  eingeführt  habe.  Die 
Entstehung  des  englischen  Grundeigenthums  durch  Eroberung 
begründet  also  nicht  Abschaffung  desselben  —  sondeni  nur 
Verpflichtungen  der  Eigenthümer.  ^In  echt  englischer  Weise 
beruft  sich  Cobbett  dabei  auf  den  fonnal  gültigen  Rechtssatz, 
dass  der  König  allein  oberster  GrundheiT,  die  Landbesitzer 
nicht  absolute  Eigenthümer  seien,  sondern  nur  Inhaber,  die 
gesetzliche  Nutzniessung  haben  und  denen  das  Gesetz  daher 
jede  Beschränkung  der  Befugnisse  ihres  sogenannten  Eigen- 
thums auflegen  kann.  Auch  der  Zorn  über  das  Nieder- 
legen von  Bauernhöfen  verschanzt  sich  wieder  hinter  ein  for- 
mal geltendes  englisches  Recht.  Cobbett  sagt,  die  Grund- 
besitzer hätten  nicht  das  Recht,  ihr  Land  so  zu  benutzen, 
dass  sie  die  Eingeborenen  davon  vertreiben,  da  jeder  Englän- 
der ein  Recht  habe,  in  England  zu  leben. 

All  dies  läuft  nun  lediglich  darauf  hinaus,  dass  Cobbett 
reichliche  Annenunterstützung  durch  Steuern  des  Grundbe- 
sitzes verlangt.    Das  ganze  Vermächtniss  an  die  Arbeiter  ist 


Cobbett  309 

nur  eine  geschickte  Schiift  gegen  das  neue  Armengesetz  und 
wie  wenig  der  Glassengegensatz  zwischen  Capital  und  Arbeit 
Gobbett  eigentlich  berührt,  geht  besonders  daraus  hervor,  dass 
gerade  in  dem  Vermächtniss  an  die  Arbeiter  das  „money- 
monster^  kaum  erwähnt  wird. 

Ich  habe  gerade  die  letzten,  aus  der  Zeit  der  Refoimbill 
und  kurz  nachher  entstandenen  Schriften  Cobbett's  excerpirt 
—  eine  Beschränkung  musste  bei  der  Unmasse  seiner  Schrif- 
ten ja  doch  stattfinden  —  d.  h.  gerade  die  Schriften  aus  der 
Zeit,  in  welcher  das  Hervorheben  des  Socialen  am  nächsten 
lag  und  die  lange  agitatorische  Vergangenheit  extreme  An- 
sichten am  weitesten  ausgebildet  haben  konnte.  Dennoch  fin- 
den wir  selbst  da  die  socialen  Gegensätze  zwar  gefühlt. und 
benutzt,  wir  sehen  wirthschaftliche  Zwecke  als  Ziel  der 
Agitation,  aber  keine  Tendenz  socialer  Umwälzung  oder 
principieller  Revolution  Überhaupt.  Der  charakteristischste 
Führer  des  Arbeiterradicalismus  will  weitgehende,  aber  doch 
specielle  politische  Reformen  zu  Ehren  der  Verbesserung  der 
materiellen  Lage  des  Volks.  Sein  Gegner  ist  die  Regierung, 
und  die  Hauptforderung,  welche  er  immer  und  immer  wieder 
stellt,  die  „billige  Regierung",  ist  kein  Gegensatz  zu  den 
Forderungen  der  radicalen  Bourgeoisie. 

Von  allen  Schriften  Cobbett's ,  die  ich  las ,  erschien  mir 
seine  1831  in  Manchester  gehaltenen  „Six  Lectures"  als  die- 
jenige, welche  am  deutlichsten  und  schärfsten  alles  zusammen- 
fasst,  was  Cobbett  während  seiner  ganzen  Agitation  wollte.  Frei- 
lich, es  waren  Wahlreden  und  sie  mögen  insofern  diploma- 
tisch gewesen  sein,  als  der  Candidat  Cobbett  am  allerwenig- 
sten Grund  hatte,  die  Bourgeoisie  vor  den  Kopf  zu  stossen. 
Allein,  wenn  man  Cobbett's  gesammte  Thätigkeit  überblickt, 
so  ist  kein  Zweifel,  dass  es  ihm  vollständig  ernst  war,  wenn 
er  das  thätige  industrielle  Manchester  gegenüber  dem  müssi- 
gen Westminster  preist  und  dass  es  ihm  dabei  gar  keine 
Ueberwindung  kostete,  etwa  einen  Hieb  auf  die  Schlotjunker 
zu  unterdrücken.  Cobbett  war  damals  schon  so  eitel,  und  in 
seiner  Agitation,  d.  h.  in  deren  Zielen  und  Haupttendenzen 
so  stereotyp  geworden,  —  er  hat,  seit  er  überhaupt  ein  Radi- 


810  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

caler  wurde,  zwar  in  einem  Moment  mehr  diesen,  in  einem 
andern  jenen  Fun  et  betont,  jedoch  nicht  eigentlich  ^  seine 
Meinung  gewechselt  —  dass  man  die  14  Propositionen  dieser 
Wahlrede  für  ein  getreues  Abbild  seiner  gesammten  politi- 
schen Anschauung  halten  kann.  Von  Altei*ssch wache  zeugen 
diese  Reden  auch  nicht,  die  Kunst  der  Beredtsamkeit  ist  so 
gi*oss  wie  in  seinen  jüngeren  Tagen ;  selbst  die  Eitelkeit,  mit 
der  er  sagte :  „Meine  Laufbahn  war  lang  und  immer  glänzend 
—  und  glänzend  soll  sie  sein  bis  zuletzt",  war  längst  nichts 
Ungewohntes  bei  ihm. 

Die  14  Propositionen  nun,  welche  Cobbett  in  seiner  Wahl- 
rede vertheidigt,  lauten: 

I.  Abschaflfung  aller  Pensionen,  Sinecuren  etc.  etc.  und 
Herabsetzung  aller  Gehalte  auf  den  amerikanischen 
Maassstab. 

II.  Abschaffung  der  stehenden  Armee  bis  auf  so  viel 
Leute,  wie  nöthig  sind,  die  Arsenale  in  den  Seehäfen 
kriegsbereit  zu  erhalten. 

III.  Jede  Grafschaft  soll  im  Verhältniss  zu  der  von  ihr 
gestellten  Zahl  von  Parlamentsmitgliedern  auf  ihre 
Kosten  Miliz  unterhalten,  die  ähnlich  wie  in  Ame- 
rika von  Zeit  zu  Zeit  gemustert  werden  und  ein 
stets  bereites  Vertheidigungsheer  von  100000  Mann 
bilden  soll. 

IV.  Abschaffung  aller  Zehnten,  Unterhaltung  der  Geist- 
lichkeit durch  freiwillige  Beiträge,  abgesehen  von 
den  ihr  überlassenen  Kirchen,  Pfarrhäusern  etc. 

V.  Einziehung  alles  übrigen  Kirchenguts,  sowie  des 
schlecht  benutzten  Vermögens  von  Corporationen ;  auch 
der  Kronländereien  zum  Zweck  der  Staatsschulden- 
tilgung. 

VL  Einstellung  der  Zahlung  von  Staatsschuldzinsen  inner- 
halb zwei  Jahren. 

VII.  Vertheilung  des  Verkauferlöses  für  die  Güter  (unter 
V)  unter  die  Staatsgläubiger,  die  aber  Nichts  aus 
dem  Steuerertrag  bekommen  sollen. 


Cobbett.  311 

VIII.  Reguliruug  aller  Privat-Schuld-Contracte  nach  Maass- 
gabe der  Aenderungen  des  Geldwerths. 
IX.  Abschaffung    aller   inneren   Steuern   mit  Ausnahme 
der  vom  Boden  gezahlten,  [inclusive  der  Stempeltaxen ; 
Herabsetzung  der  Postgebühren,  so  dass  gerade  nur 
die  Kosten  der  Post  gedeckt  werden. 
X.  Auflegung  von  nur  so  viel  Eingangszöllen  als  zum 
Besten  der  Schifffahrt,  des  Handels  und  der  Industrie 
im  Ganzen  erforderlich  sind. 
XI.  Hebung  der  Marine  durch  gute  Bezahlung  der  See- 
leute und  Avancement  lediglich  nach  Verdienst. 
XII.  Feste  und    generöse   Ausstattung   der    königlichen 
Familie.     Freie  Wahl   der  pei-sönlichen  Diener  und 
der  Minister  durch  den  König  etc.  etc.,  so  dass  der 
König  in  jeder  Hinsicht  sei,  was  das  Haupt  eines 
freien  Volkes  sein  soll,   dass  sein  Name  in  höchsten 
Ehren,  seine  Person  heilig  gehalten  werde  als  der 
gi-osse  Wächter  der  Volksrechte. 
Xni.  Allgemeine    Steuer    von     allem    realen    Veimögen, 
deren  Ertrag  mit  den  Staatsbedürfnissen  wechseln  soll. 
XIV.  Abschaffung   der   irischen   Staatskirche.     Alle   drei 
Jahre  sollen  Hof  und   Parlament    einmal   in  Irland 
residiren. 
Namentlich  die  Punkte  IX  und  X  beweisen,  wie  wenig 
Cobbett  den  bürgerlichen  Radicalismus    bekämpft,  wenn  er 
auch  sonst  hie  und  da  gegen  Whigs  und  Liberale  mit  Vorliebe 
donnert. 

Wir  schildem  nicht,  wie  er  in  die  praktischen  Agitatio- 
nen seiner  Zeit  eingriff.  Hier  gilt  es,  die  von  ihm  ver- 
tretenen Ideen  zu  charakterisiren,  und  diese  waren  die  des 
englisch  nationalen  Arbeiterradicalismus  mit  wiithschaftlichen 
Zielen,  allein  ohne  sociales  Hauptprogramm ;  die  des  politischen 
Radicalismus  ohne  höhere  Staatsidee,  welcher  in  der  Oppo- 
sition möglichst  weit  ging,  ohne  jedoch  principiell  revolutionär 
zu  werden,  und  in  der  Zeit  der  Herrschaft  der  Reaction  sich 
vom  bürgerlichea Radicalismus  in  gemeinsamer  Opposition  gegen 
die  Regierung  noch  nicht  scharf  schied  —  unmittelbar  nach 


312  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

der  Reformbill  aber  namentlich  in  Folge  des  Armengesetzes 
anfing,  vom  socialen  Gegensatz  zwischen  Besitz  und  Arbeit 
behen-scht  zu  werden.  — 

Werfen  wir  nach  dieser  Schilderung  der  Stellung  Cobbett's 
in  ihrer  letzten  Ausbildung  noch  einen  kui'zen  Blick  auf  seine 
Entwicklung,  die  namentlich  aus  dem  Studium  der  oben  er- 
wähnten Selections  entnommen  werden  kann,  so  werden  wir 
finden,  dass  er  nicht  nur  in  den ' iStsichten  über  manche 
einzelne  Puncte  sich  immer  ganz  gleich  blieb,  sondern  dass  auch, 
trotz  des  Wechsels  sginer  Parteistellung,  gewisse  Ginindanschau- 
ungen  und  Gefühle  bei  ihm  von  Anfang  an  vorhanden  waren. 

Er  begann  seine  schriftstellerische  Thätigkeit  1794  in 
Amerika  und  wendete  sich  zunächst  gegen  Priestley  (vergl. 
oben  Seite  65).  Priestley 's  Ansichten  und  die  Sympathie  mit 
der  französischen  Revolution  hatten  in  Amerika  die  Ueber- 
macht  —  Cobbett  setzte  sich  dazu  in  Opposition  und  vertrat  ' 
seinen  englisch-conservativen  Standpunct  wenigstens  mit  keiner 
Philosophie,  die  im  Gegensatz  zu  seinen  späteren  Anschauungen 
stünde.  Er  eifert  gegen  Deismus  und  Atheismus  —  er  ist 
auch  später  nicht  antireligiös  geworden  —  allein  er  bemft 
sich  bei  der  Motivirung  seiner  politischen  Ansichten  nicht  auf 
das  göttliche  Recht,  sondern  —  schon  damals  ein  treuer  Sohn 
der  Zeit  Bentham's  —  auf  die  praktische  Nützliclikeit. 

„Glück  ist  der  Zweck  jeder  guten  Regierung,  also  ist  die 
beste  Regierung  diejenige,  welche  am  meisten  Glück  ei-zeugt. 
Vergleichung  ist  das  einzige  Mittel,  den  relativen  Werth  der 
Dinge  zu  bestimmen  und  es  ist  leicht  zu  ei*sehen,  was  besser 
ist:  die  Tyrannei,  deren  sich  die  Franzosen  früher  erfreuten, 
oder  die  Freiheit  und  Gleichheit,  unter  welcher  sie  jetzt  labo- 
riren"  (Selections  Bd.  I.  S.  25). 

Cobbett  war  anfangs  eonseiTativer  Engländer  aus  National- 
gefühl und  aus  Zweckmässigkeitsgründen  zugleich  —  hierin 
dem  damals  noch  von  ihm  citirten  Burke  ähnlich;  er  konnte, 
ohne  seine  Weltanschauung  zu  ändern,  aus  Gründen  der 
Zweckmässigkeit  ein   radicaler  Engländer  werden. 

In  England  predigte  er  anfangs  mit  einem  nicht  nur 
wirksamen,  sondern  oft  geradezu  schönen  Pathos  den  National- 


Cobbett  813 

krieg  gegen  Frankreich  und  Bonaparte  und  schliesst  sich  eng 
an  Pitt  an.  1803  predigt  er  fortwährend  den  Krieg,  jedoch 
nun  in  oppositioneller  Weise.  Es  beginnt  der  Kampf  gegen 
das  hen-schende  Finanzsystem  und  damit  gegen  Pitt,  mit  dem 
er  dann  im  September  1804  vollständig  brach. 

Die  Artikel  aus  den  Jahren  1803  und  1804  zeigen  uns 
den  Uebergang  Cobbett's  aus  dem  conservativen  in  das  radi- 
cale  Lager  und  zwar  so,  dass  er  zunächst  so  zu  sagen  ein 
radicaler  Toiy  wird  und  einen  Theil  seiner  alten  Sympathien 
und  Antipathien  beibehält. 

In  seinem  energischen  nationalen  Ehrgefühl  empört  er 
sich  (Mai  1803)  über  die  Böi-senleute ,  welche  ihre  krämer- 
hafte Gesinnung  j/i  die  Politik  hineintragen  und  aus  Furcht 
vor  einem  Sinken  der  Curse  der  Staatspapiere  den  Krieg 
scheuen.  Und  so  begann  er  in  conservativem  National- 
gefühl gegen  die  Staatsschuld  als  eine  den  Geist  des  Volkes 
vergiftende  Institution  zu  kämpfen,  während  er  noch  die 
Parlamentsrefoim  als  Angriff  auf  die  Institutionen  des  Landes 
ablehnte,  welche  er  später  beständig  als  Mittel  zur  Abschaffung 
der  Staatsschuld  anpries. 

Dieser  Hass  gegen  Staatsschuld  und  Geldhändler  bildet 
die  Brücke  zwischen  dem  conservativen  und  radicalen  Cobbett, 
wenn  er  auch  1803  und  1804  die  Staatsschuld  noch  wegen 
des  Staats,  später  wegen  der  armen  Steuerzahler  bekämpfte. 
Auch  darin  blieb  er  sich  consequent,  dass  der  Consei-vative, 
welcher  ausrief:  „Reichthum  giebt  nicht  Macht,  sondern 
Macht  giebt  so  viel  Reichthum  als  eine  Nation  braucht" 
(Selections  Bd.  I.  S.  323),  ebenso  wenig  wie  der  spätere 
Radicale  gegen  das  Bürgerthum  und  den  mobilen  Reichthum 
an  sich,  sondern  nur  gegen  die  Jüdischen  Speculanten**,  näm- 
lich die  anglogallischen  Gläubiger  (Februar  1804)  und  gegen 
die  „Papieraristokratie",  d.  h.  die  ^loan  Jobbers,  directors, 
brokei-s,  contractors"  etc.  vorging,  welche  dem  Grundbesitzer 
und  dem  wahren  Kaufmann  gleichmässig  entgegengesetzte 
Interessen  vertreten  (September  1804).  —  Der  Unterschied 
zwischen  der  späteren  und  früheren  Agitation  ist  lediglich 
der,  dass  Cobbett  später  ausgesprochene  Opposition  gegen  die 


314  Erstes  Buch,  Cap.4. 

(las  Staatsschuldenwesen  unterstützende  Regierung  machte  und 
dass  seine  Vorliebe  für  den  alten  Adel  abnahm ;  in  Bezug  auf 
den  Gegenstand  des  Angriffs  —  und  das  ist  doch  bei  Cobbett 
die  Hauptsache  —  ist  seit  1803  ein  principieller  Wechsel 
nicht  zu  entdecken.  Es  ist  sogar  die  Gonsequenz  in  dem 
einen  IiTthum  merkwürdig,  dass  Gobbett  weder  als  toryisti- 
scher  Bundesgenosse  des  grundbesitzenden  Adels,  noch  als 
Arbeiterveitreter  den  Mittelstand  als  solchen,  sondern  immer 
nur  das  angiiff,  was  wir  heute  haute  finance  nennen  würden. 
Er  erkennt  (Oktober  1804),  dass  die  Zunahme  des  (mobilen) 
Reichthums  den  militärischen  Geist  etc.  schwäche  —  und 
greift  doch  nur  das  Papiergeld  eigentlich  an;  er  ist  auch 
(schon  1804)  gegen  die  Kornzölle,  nimmt  also  auch  in  dieser 
Frage  nicht  einfach  gegen  die  Mittelclassen  Partei.  Kurz, 
Ende  1804  ist  Gobbett  ein  radicaler  Tory,  welcher  die  Be- 
deutung socialer  und  wirthschaftlicher  Kräfte  erkennt,  den 
Zusammenhang  verschiedener  wirthschaftlicher  Bewegungen 
jedoch  nicht  ganz  versteht  —  und  gedrängt  durch  seine 
zur  Opposition  neigende  Natur  auf  dem  Wege  ist,  immer  mehr 
radical  als  Tory  zu  werden. 

Seit  1805  nun  zieht  sich  das  leidenschaftliche  Schelten 
über  Staatsschuld  und  Papiergeld  wie  ein  rother  Faden  durch 
all  seine  Artikel  hindurch;  seit  diesem  Jahre  auch  schlug 
Cobbett  unbedenklich  Zinsherabsetzung  und  schliessliches  Ein- 
stellen der  Zinszahlung,  also  Staatsbankerott,  als  einziges 
Mittel  gegen  das  nach  seiner  Meinung  grösste  Nationalunglück 
vor.  Im  Anfang  des  Jahres  1806  war  er  noch  gegen  Parla- 
mentsreform, betrachtete  das  allgemeine  Wahlrecht  sogar  noch 
mit  „Ekel"  und  meinte  noch,  massige  Reform  sei  nutzlos, 
weil  sie  das  Staatsschuldensystem  nicht  abschaffen  wüi-de. 
Seit  dem  Juni  1806  aber  —  nachdem  er  als  Pari  amen  tscan- 
didat  durchgefallen  war  —  gesellte  sich  zu  den  alten  Objecten 
seiner  Angriffe  als  ein  neues  die  Wahlbestechung  und  sonstige 
Gori-uption  im  öffentlichen  Leben. 

Die  Wahlbestechungen,  welche  in  England  ja  bereits  im 
vorigen  Jahrhundert  zu  einem  förmlichen  System  ausgebildet 
waren,  bildeten  den  Ginind,  weshalb   auch  namentlich  Pitt 


Cobbett  315 

1782  und  sonst  noch  manche  principielle  Gegner  des  allge- 
meinen Wahlrechts  auf  Parlamentsreform  drangen.  —  Indem 
Cobbett  sich  gegen  Wahlbestechung  wendete,  kam  neue  Variation 
in  seine  journalistische  Thätigkeit,  und  er  grifif  dabei  ein  Un- 
wesen an,  welches  in  der  That  dem  schon  fiiiher  bekämpften 
Unwesen  des-  Uebergewichts  der  Börseninteressen  etc.  nahe 
verwandt  war.  Cobbett  konnte  noch  immer  hauptsächlich  als 
Patriot  und  Ehrenmann  donnern,  und  brauchte  noch  nicht 
kurzweg  Demokrat  zu  werden.  Freilich  wurde  er  damit  aber- 
mals einen  Schritt  weiter  in  der  Bahn  der  principiellen  Oppo- 
sition gedrängt.  Denn  er  giifif  ja  natürlich  nicht  nur  den 
Kauf  der  Stimmen  der  Wähler  durch  die  Candidaten,  sondern 
auch  den  Kauf  der  Stimmen  der  Gewählten  durch  von  der 
Regieining  verliehene  Sinecuren,  Pensionen  etc.  an  (September 
1806,  Selections  Bd.  II.  S.  111).  Im  Jahr  1807  sehen  wir 
Cobbett  bereits  gegen  das  No-Popery-Geschrei  eifern  und  er 
erklärt  sich  gegen  alle  alte  Parteien:  Whigs ,  Tories ,  Pittites, 
Foxites.  Man  müsse  sich  nicht  nach  Namen,  sondern  nach 
Principien  entscheiden  —  welchen  Principien  er  sich  inzwischen 
angeschlossen  hatte,  geht  aus  den  vielen  Artikeln  hervor,  in 
welchen  nunmehr  der  Führer  der  Radicalen,  Sir  Francis 
Burdett,  gepriesen  wird. 

Cobbett  war  also  jetzt  ein  entschiedener  Radicaler  —  die 
Schwenkung  der  Parteistellung  war  vollzogen;  allein  die  all- 
mälige  Entwicklung  dieser  Aenderung  ist  völlig  verständlich 
und  ohne  Annahme  von  Lüge  oder  Charakterlosigkeit  erklär- 
lich. Die  wachsende  Entrüstung  über  bestimmte  Missstände, 
die  auch  der  wärmste  Conservative  beklagen  konnte,  trieb  ihn 
in's  radicale  Lager,  weil  er  allmälig  an  der  Lösung  der  Fragen 
durch  andere  Parteien  verzweifelte  —  und  in  der  That  unter- 
schied er  sich  noch  scharf  von  jenen  aus  dem  liberalen  Lager 
hervorgegangenen  Radicalen,  welche  von  den  Menschenrechten 
ausgingen.  Nicht  in  Bezug  auf  den  pereönlichen  Charakter, 
wohl  aber  in  Bezug  auf  Grundanschauungen  steht  Cobbett 
Cartwright  viel  näher  als  Paine,  und  noch  1807  spricht  Cobbett 
so  echt  englische  Sätze  aus,  dass  Burke  oder  Pitt  dieselben 
ausgesprochen  haben  könnten: 


816  Erstes  Bach,  Cap.4. 

„Englische  Freiheit  ist  das,  was  wir  brauchen,  nicht 
französische  oder  amerikanische  Freiheit.  Es  ist  die  Freiheit« 
fbr  welche  unsere  Yoifahren  kämpften  und  die  sie  erlangten. 
Es  ist  die  Freiheit  von  jeglicher  Unterdrückung,  sei  es  durch 
grosse  oder  kleine  Tyrannen"  (August  1807,  Selections  Bd.  II, 
S.  257)  —  wobei  unter  kleinen  Tyrannen  die  schon  finher 
bekämpften  Geldleute  verstanden  werden ,  welche  bei*eit  sind, 
die  Ehre  der  Nation  ihi*em  Geldintei*esse  zu  opfern. 

Wer  wie  Cobbett  sein  ganzes  Leben  hindurch  die  Geld- 
händler am  meisten  hasst  und  gegen  das  ungebührliche 
üebergewicht  des  Handels,  d.  h.  des  internationalen  Gross- 
handels, eifert,  kann  aus  einem  Tory  ein  Radicaler  werden 
ohne  dass  dieser  Uebergang  etwas  Gewaltsames  und  Un- 
natürliches hätte.  Cobbett  sagte  (December  1807)  nicht  der 
Handel  hätte  England  frei  gemacht,  sondern  die  Könige, 
welche  sich  mit  dem  Volke  gegen  den  Adel  verbündeten, 
hätten  dem  Volke  politische  Rechte  und  Eigenthum  ge- 
geben —  diese  Ansicht  genügt,  den  Uebßrgang  zum  Radi- 
calismus  nicht  als  Bruch  mit  alten  Ansichten,  sondern  als 
Weiterentwicklung  ei^scheinen  zu  lassen. 

Der  alte  Conservative  zeigt  sich  auch  darin,  dass  Cobbett 
(ebenfalls  schon  1807)  gegen  jede  auch  nur  scheinbar  in- 
humane Armenpolitik  eiferte,  in  vollstem  Gegensatz  zu  Malthus 
reichliche  Annenuntei-stützung  verlangte,  während  er  gegen 
jeden  Schulzwang  war  und  sogar  Lesen  und  Schreiben  als 
Künste  von  zweifelhaftem  Werth  für  Handarbeiter  betrachtete 
(August  1807,  Selections  Bd.  H.  S.  289)  -—  eine  Meinung,  die 
er  auch  später  beibehielt  und  die  ihn  ganz  charakteristisch 
von  allen  aus  den  liberalen  Mittelclassen  herausgewachsenen 
Volksfreunden  unterscheidet.  Cobbett  blieb  dieser  Ansicht 
bis  zuletzt  trotz  seines  wachsenden  Radicalisraus  treu;  im 
December  1813  bezeichnet  er  die  Kunst  des  Lesens  geradezu 
als  ein  Unglück  für  annc  Leute  und  noch  im  März  1834  war 
er  gegen  Zwangsschulen.  Mit  dieser  Eigenthümlichkeit  hängt 
zusammen,  dass  er  zwar,  wie  erwähnt,  im  Lauf  der  Zeit  ein 
eifriger  Vertreter  der  Katholiken  wurde,  jedoch  den  Dissen- 
ters  und  besonders  den  Methodisten  keineswegs  zugeneigt  war. 


Cobbett.  317 

welche  bei  anderen  Radicalen  und  Liberalen  stets  in  hoher 
Gunst  standen  (Selections  Bd.  IV.  S.  58,  Mai  1811). 

Ein  wirklicher  Bmch  mit  seinen  früheren  Anschauungen 
und  Gefühlen,  welcher  sich  aber  durch  die  Noth wendigkeit 
erkläi*t;  den  neuen  Bundesgenossen  in  Manchem  nachzugeben, 
lässt  sich  darin  erkennen,  dass  seit  1808  der  nationale  Eifer 
für  den  Krieg  gegen  Frankreich  bei  Cobbett  aufhört  und  er 
von  da  ab  beginnt  den  volksdrückenden  steuerverschlingenden 
Krieg  mit  ähnlichen  Waffen  wie  andere  Radicale  zu  bekämpfen. 
Von  dem  Kriege  in  Spanien  sagt  Cobbett  im  Januar  1809: 
„Wir  machten  die  Sache  Spaniens  zur  Sache  des  Königs''; 
kurz  darauf:  man  hätte  die  Franzosen  sich  selbst  überlassen 
und  in  England  das  Parlament  reformiren  sollen,  anstatt  die 
englischen  Reformer  und  französischen  Republikaner  zu  identi- 
ficiren,  ei-stere  mit  den  Jacobinem  zu  verwechseln  und  beide 

zu  bekämpfen man  solle  England  gegen  die  äusseren 

Feinde  durch  Zufriedenheit  im  Innern,  d.  h.  durch  Parlaments- 
reformen sichern  (Selections  Bd.  in.  S.  495,  1811).  Doch 
wird  die  von  nun  ab  häufiger  und  eifriger  verlangte  „radicale 
Aendemng  des  Systems  der  Corruption"  foitgesetzt  als  Wieder- 
herstellung und  Reinigung  der  alten  englischen  Verfassung  be- 
zeichnet, so  dass  bei  Motivirung  des  Postulats  der  Parlaments- 
reform noch  immer  Reminiscenzen  an  Pitt  deutlich  hervor- 
treten. 

Der  wiederherzustellende  alte  Verfassungsgi-undsatz  ist 
nun  vor  Allem  der,  „dass  Niemand  besteuert  werden  soll,  der 
nicht  durch  seine  Repräsentanten  zugestimmt  hat"  (Mai  1809); 
eine  Reform  in  diesem  Sinne  sei  aber  zur  Erhaltung  des 
Thrones  nöthig.  Und  dass  es  Cobbett  Einst  ist,  wenn  er  sich 
nicht  auf  Menschenrechte,  sondern  auf  die  alten  Grundsätze 
der  englischen  Verfassung  beruft,  geht  daraus  hervor,  dass 
er  nicht  nur  immer  noch  mehr  gegen  die  Wahlconuption  als 
gegen  die  ungleichmässige ^ Vertretung  eifert,  sondeni  dass  er 
in  der  That  im  Jahre  1809  nur  Ausdehnung  des  Wahh*echts 
auf  alle  Leute  von  Besitz,  welche  directe  Steuer  zahlen, 
anstrebte. 

Den  alten  Groll  gegen  Papiergeld  und  Staatsschuld  und 


818  Erstes  Buch,  Cap.4. 

den  neuen  Eifer  für  Parlamentsreform  brachte  Cobbett  leicht 
miteinander  in  Verbindung  durch  die  häufig  wiederkehrende 
Behauptung,  der  Mangel  an  Parlamentsreform  sei  Schuld  an 
dem  Papiergeld;  allein  das  Mittel  zum  Zweck  der  Abschaffung 
der  Staatsschuld  wird  immer  mehr  zugleich  Selbstzweck,  und 
je  mehr  dies  der  Fall  wird,  desto  weiter  wird  Cobbett  ge- 
drängt —  allmälig  ist  vom  „allgemeinen  Wahlrecht  und  jähr- 
lichen Parlamenten*'  kurzweg  die  Rede,  und  bereits  Ende  1811 
wird  ihm  Amerika  „die  Heimath  politischer  und  religiöser 
Freiheit."  — 

Wenn  aber  Cobbett  im  Laufe  der  Zeit  häufiger  mit  den  von 
der  französischen  Schule  beeinflussten  Radicalen  übereinstimmte 
und  in  seinen  Postulaten  immer  weiter  getrieben  wurde,  so 
muss  man  bedenken,  dass  dies  theilweise  nur  sehr  momentan 
geschah,  um  voillbergehend  ein  brauchbares  und  wirksames 
Argument  zu  gewinnen  —  theilweise  lediglich  daher  rührte, 
dass  Cobbett  auf  dem  Gebiete  praktischer  Agitation  gelegent- 
lich gleich  anderen  Führern  geschoben  wurde,  statt  zu 
schieben.  Lediglich  durch  das  Drängen  seiner  Genossen  ist 
es  zu  erklären,  dass  Cobbett  im  November  1816  ausdrück- 
lich nur  Ausdehnung  des  Wahlrechts  auf  diejenigen  ver- 
langte, welche  directe  Steuern  bezahlen,  und  im  December  des- 
selben Jahres  sich  nicht  ohne  gewundene  Motivirung  für  das 
allgemeine  Wahlrecht  erklärte  —  doch  immer  noch  in  der 
Weise,  dass  er  mit  Wahlrecht  aller  householders  und  Bailot 
auch  zufrieden  gewesen  wäre. 

Jedenfalls  erkennt  man  das  Ueberhandnehmen  des  radi- 
calen Geistes  bei  Cobbett  ganz  vorzugsweise  an  der  zunehmen- 
den Bissigkeit  seiner  Angriffe,  an  dem  leidenschaftlichen 
Widerstand  gegen  die  Aufhebung  der  habeas  corpus  Acte  und 
andere  reactionäre  Maassregeln,  an  der  Begierde,  mit  welcher 
er  sich  jedes  Aufregungsmittels  bedient  und  z.  B.  für  die 
Prinzessin  von  Wales  Partei  ergreift;  d.  h.  Cobbett  wird 
immer  radicaler,  mehr  was  die  Form  als  was  den  Inhalt  seiner 
Artikel  betrifft.  In  Bezug  auf  letzteren  ist  in  den  letzten  zwei 
Jahrzehnten  seines  Wirkens  sogar  eine  gewisse  Eintönigkeit 
zu  bemerken.    Er  eiferte  heftiger  gegen  Malthus  als  früher, 


Cobbett.  319 

er  verlaDgte  Abschaffung   des  stehenden  Heers  und  Säculari- 

sation  des  Kirchenguts,  nahm  für  die  Katholiken  Partei 

aber  immer  bleiben  Papiergeld,  Staatsschuld  und  Steuern  die 
eigentlichen  Objecte  seiner  Leidenschaft,  worin  Cobbett  so 
einseitig  bleibt,  dass  nach  seiner  Ansicht  nicht  die  Zehnten 
und  die  Armentaxen,  sondern  nur  die  Staatssteuern  das  Volk 
drücken.  Letztere  sind  sogar  nach  Cobbett  allein  an  den 
hohen  Brodpreisen  und  den  durch  die  Grossindustrie  hervor- 
gerufenen Uebelständen  Schuld. 

Cobbett  war  und  blieb  Radicaler  gleichsam  von  Natur, 
weil  es  ihn  innerlich  drängte  in  irgend  einer  Richtung  kämpfend 
und  mit  möglichster  Schärfe  vorzugehen,  und  nicht,  weil  er 
fQr  die  politischen  Ziele  des  damaligen  Badicalismus  aus  Ueber- 
zeugung  besonders  begeistert  gewesen  wäre.  Er  hat  in  Bezug 
auf  allgemeines  Wahlrecht  seinen  Genossen  nachgegeben, 
allein  er  blieb  doch  unabhängig  gegenüber  Attwood,  dessen 
SchwäiTOerei  für  Papiergeld  er  entschieden  ablehnte.  Er  Hess 
sich  auch  niemals  so  weit  hinreissen,  sich  für  die  Eepublik 
zu  begeistern,  vielmehr  war  er  —  ungleich  Beniham  —  noch 
1833,  wie  stets  vorher,  ein  Anhänger  der  englischen  Ver- 
fassung mit  König,  Lords  und  Gemeinen,  ja,  trotz  aller  zu- 
nehmender Vorliebe  für  Amerika  blieb  er  der  Ansicht,  dass 
die  dort  in  der  Republik  aufwachsende  Geldaristokratie  die 
schlechteste  aller  Aristokratien  sei.  Die  Leidenschaften  des 
Volkes  und  das  Verlangen  der  Armen  nach  Verbesserung 
ihrer  materiellen  Lage  förderte  und  benutzte  er;  die  aus  ver- 
'zweifeltem  Hunger  zu  Verbrechen  getriebenen  Ludditen  wusste 
er  zu  entschuldigen,  zugleich  aber  belehrte  er  dieselben  ein- 
gehend, dass  es  unrecht  und  unsinnig  sei,  die  Maschinen  zu 
zei-stören  (Juli  1812,  November  1816,  Januar  1817).  Den 
Spence'schen  Communismus  perhorrescirte  Cobbett  ausdrück- 
lich und  wenn  er  auch  ganz  gelegentlich  über  die  „spinning- 
lords"  höhnte  und  die  Schäden  der  Grossindustrie  anerkannte 
(August  1807,  November  1824,  December  1830),  so  betrachtete 
er  die  Excesse  des  industriellen  Grosscapitals  doch  nur  als 
Folge  der  hohen  Steuern,  der  Staatsschuld  und   des  Papier- 


320  Erstes  Bach,  Cap.  4. 

geldsystems.  Unentwegt  blieb  er  bis  zuletzt  ein  streitlustiger 
Agitator,  der  sich  niemals  gänzlich  mit  den  Leidenschaf- 
ten einer  Volksclasse  identificii-te,  sondein  als  Vertreter  der 
arbeitenden  Massen  einzelne  finanzielle  Missstände  mit 
aller  Kraft  und  allen  denkbaren  Mitteln  bekämpfte.  Noch  im 
November  1830  bezeichnet  er  es  als  seine  Aufgabe :  „zu  zeigen, 
wie  dieses  glückliche  Volk  elend  gemacht  wurde  durch  die 
Besteuerung;  dass  diese  Besteuerung,  durch  die  Staatsschuld, 
durch  das  stehende  Heer,  die  Pensionen  und  Sinecuren  her- 
vorgeinifen  ward;  dass  diese  in  Gesetzen  ihren  Ursprung 
haben ,  welche  von  einer  erblichen  Aristokratie  und  von  einem 
Haus  der  Gemeinen  gemacht  werden,  welch  letzteres  nicht 
vom  Volk  im  Ganzen,  sondern  von  der  Aristokratie  und  den 
Reichen  gewählt  wird." 

Nach  dieser  Stelle,  in  welcher  Aristokratie  und  Reiche 
zusammengewoifen  sind,  scheint  es,  als  sei  Cobbett  schliesslich 
ganz  von  seinen  toryistischen  Traditionen  abgewichen;  an 
anderen  Stellen  (September  1826)  schmäht  er  auch  über  „die 
Unverschämtheit  der  Aristokraten,  welche  Konizölle  und  Er- 
haltung der  Sinecuren  verlangen"  —  bei  genauerer  Betrach- 
tung jedoch  erkennt  man,  dass  Cobbett  sich  über  den  Grund- 
adel  lediglich  ärgert,  weil  dieser  sich  nicht  mit  ihm  ver- 
bündet, dass  er  aber  für  diesen  Stand  doch  noch  eine  nicht 
geringe  Sympathie  gegenüber  „den  Geldhändlern*'  bewahrt. 
Interessant  ist  in  dieser  Hinsicht  namentlich  seine  Stellung 
zu  den  Kornzöllen  (s.  die  Artikel  vom  Oktober  1813,  von 
1814  und  1815,  Januar  1820).  Cobbett  verfangt  nämlich 
freien  Kornhandel,  aber  nicht  weil  die  Kornzölle  das  Brod 
vertheueni,  sondeni  weil  er  doch  keinen  grossen  Komimport 
ei'wartet  und  weil  die  Kornzölle  dem  Ackerbau  nichts  nützen, 
wohl  aber  die  Leidenschaften  in  eine  falsche  Richtung  lenken. 
Er  schliesst  sich  also  hier  den  Ansichten  der  Radicalen  aus 
den  Mittelclassen  absolut  nicht  an.  Nach  seiner  Ansicht  ist 
es  nicht  ungerecht,  aber  eine  Dummheit,  Kornzölle  zu  wollen 
(s.  Mai  und  Juni  1818).  Die  Abschaffung  der  Kornzölle  sei 
ein  von  den  „Steueressern"  erfundenes  Beschwichtigungsmittel 
für  das  Volk,   gegen  welches  man  nicht  aufkommen  könne, 


Cobbett.  321 

.  obwohl  die  Konipreise  nicht  davon  abhingen,  sondeni  von  den 
Steuei-n  und  dem  Gelde  —  selbst  bei  grösserem  Import  wür- 
den die  Komzölle  wegen  der  Möglichkeit  der  Auswandemng 
unwirksam  sein  —  deshalb  sei  er  gegen  Komzölle  und  zu- 
gleich für  Steuervenninderung.  Uebrigens  würden  die  Kom- 
zölle gar  nicht  von  den  Grundbesitzern,  sondern  von  der 
ministeriellen  Majorität  verlangt. 

Cobbett  fährt  also  fort,  den  grundbesitzenden  Adel  ver- 
gleichsweise in  Schutz  zu  nehmen  und  bei  allem  oppositionellem 
Radicalismus  sagt  er  noch  December  1817  von  den  Whigs: 
„Ich  kann  nicht  umhin,  ihnen  den  Mund  zu  stopfen,  wo  immer 
sie  ihn  aufmachen,*'  während  er  im  März  1817,  unmittelbar 
vor  seiner  Flucht  nach  Amerika,  noch  Hoffnungen  auf  den 
Landadel  setzt:  „die  Landedelleute  werden  den  Tag,  da  die 
Arbeiter  sich  wieder  mit  ihnen  versöhnen,  nicht  sehen,  wenn 
sie  nicht  ehrlich  die  Führei-schaft  der  Arbeiter  übernehmen" ; 
und  wenn  er  auch  im  August  1821  grimmige  Drohungen  gegen 
die  Lande wnei*s  ausstösst,  für  den  Fall  diese  sich  fortwährend 
g^en  Parlamentsreform  etc.  stemmen  sollten,  so  erhofft  er 
doch  noch  (September  1821)  eben  von  dem  Interessengegen- 
satz zwischen  den  Grundbesitzem  und  den  Staatsgläubigem 
die  beständig  ei-strebte  Abschaffung  der  Staatsschuld. 

Es  war  seine  Lebensaufgabe,  die  Massen  zur  leidenschaft- 
lichen Opposition  —  nicht  zur  Revolution  zu  erziehen.  Diese 
Aufgabe  hat  er  besser  gelöst  als  die  andern  systematischen, 
mehr  doctrionären  Radicalen,  indem  er  an  die  Interessen  der 
Massen  anknüpfte  und  dieselben  anleitete  einzelne  Postulate 
gegenüber  der  Regierung  zu  stellen,  namentlich  in  soweit 
diese  sich  mit  den  grossen  Geldinteressen  coalirte.  Wenn 
auch  kein  edler  Charakter,  war  er  doch  nicht  charakterlos; 
trotz  eines  Wechsels  seiner  Genossen,  trotz  einer  beständigen 
Weiterentwicklung  seines  Radicalismus  und  einer  Erweiterung 
der  von  ihm  verfolgten  Ziele  blieb  er  sich  in  seinen  wich- 
tigsten Sympathien  und  Antipathien  treu,  und  seine  kampf- 
lustige Originalität  bewahrte  ihm  eine  gewisse  Selbständigkeit 
des  Urtheils.  Die  Borairtheit  seines  Denkens  wurde  auf- 
gewogen durch   die  Energie  seines  Wollens,   die   schamlose 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  21 


322  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

Sophistik  seiner  Argumente  beeinträchtigte  nicht  seinen  Er- 
folg bei  den  Massen.  Unerreicht  blieb  er  als  nationaler 
Agitator  —  und  seine  damit  befriedigte  Eitelkeit  liess  ihn 
nach  dem  Ruhme  eines  Staatsmannes  nicht  begehren. 


§  3.    Carlile,  Attwood,  Thompson,  Elliot. 

Es  ist  heute  schon  schwierig,  einen  üeberblick  über  die 
Literatur  an  radicalen  Flugschriften  und  Journalen  aus  der 
Zeit  1820 — 1832  zu  gewinnen.  Ich  habe  zunächst  die 
zwei  grössten,  einflussreichsten  und  charakteristischen  Volks- 
fQhrer,  Cartwright  und  Cobbett  ausführlich  geschildert.  Ich 
will  versuchen,  noch  Proben  aus  anderen  Schiiftstellem  und 
aus  der  anonymen  Presse  zusammenzustellen.  Es  wird  dar- 
aus hervorgehen,  dass  man  in  Worten  theil weise  sehr  weit 
ging,  dass  aber  der  gesammte  Radicalismus  keine  anderen 
Ideen  hatte  als  diejenigen,  die  wir  bei  Paine  und  Bentham, 
Cai-twright  und  Cobbett  schon  gefunden  haben.  Ebenso  wird 
sich  zeigen,  dass  eigentlich  rein  sociale  Pläne  und  Ideen  erst 
seit  1830  deutlicher  in  den  Vordergiund  zu  treten  beginnen 
—  abgesehen  von  den  eigentlichen  Socialisten,  den  Owenianern, 
welche  aber  der  allgemeinen  Bewegung  des  Radicalismus  fenier 
standen. 

Einer  der  einflussreicheren  radicalen  Schriftsteller  war 
R.  Carlile;  er  war  die  Seele  des  Organs  „The  Republican" 
ein  Anhänger  Paine's,  der  den  Namen  „Radicale''  verwarf 
und  vorschlug  sich  „Reformer",  oder  geradezu  Republikaner  zu 
nennen.  In  einer  Schrift  von  1821  „A  new  yeai-s  Adress 
to  the  Reformers  of  Great  Britain"  begeistert  sich  Carlile  für 
die  Revolution  in  Neapel  und  Spanien,  schlägt  vor  die 
Soldaten  durch  Flugschriften  zu  bearbeiten  und  verlangt 
allgemeines  gleiches  Wahlrecht  als  Ziel,  weil  wir  Alle 
gleich  geboren  sind.  Aber  er  empfiehlt  zugleich  Massigkeit, 
will  Jetzt  nicht  von  Insurrection  sprechen'*  sondern  nur 
Thätigkeit  und   Zusammenhalten   empfehlen   —   und   er  ist 


Th.  Attwood.  323 

bereit,  „zusammenzuarbeiten  mit  den  Whigs,  mit  der  Königin 
—  mit  jeder  ferson  oder  Partei,  die  bereit  ist,  einen 
Theil  des  richtigen  Wegs  mit  ihm  zu  gehen,"—  welch'  ein 
Gegensatz  gegen  die  Banikadenlust  der  Franzosen  und 
gegen  das  Zurückweisen  jedes  Bundes  mit  Nicht-Proletariern 
seitens  unserer  heutigen  Socialdemokraten! 

Carlile  bekannte  sich  zum  Republikanismus,  wenn  auch 
sozusagen  nur  theoretisch  —  er  war  zugleich  wie  Paine  Deist; 
es  fehlte  ihm  Cartwrights  Bibelglaube.  Das  Christenthum 
ist  ihm  „nur  eine  Mythologie,  die  Wahrheit  kann  nur  durch 
Untereuchung  der  Naturgesetze  gefunden  werden." 


War  der  extreme  Carlile  bereit,  mit  den  Whig's  zu- 
sammenzugehen, so  gab  es  vor  1832  andere  Schiiftsteller ,  in 
deren  Werken  das  Zusammengehen  des  bürgerlichen  und 
proletarischen  Radicalismus  geradezu  Princip  ist.  Hierher 
gehört  vor  Allem  Thomas  Attwood,  der  später  als  Haupt 
der  Birminghamer  Union  bekannt  wurde.  Dieser  Radicde 
aus  den  Kreisen  der  Besitzenden  secundirte  Cobbett,  in- 
dem er  gegen  die  Wiederhei-stellung  der  Baarzahlung  und 
Wiederemporhebung  der  Noten  auf  den  Nennwerth  war. 
Diese  Maassregel  war,  wie  wir  bei  Ricardo  gesehen  haben, 
an  sich  nothwendig,  begünstigte  aber,  ohne  gleichzeitige 
Steuerrefoim,  die  Gläubiger  aller  Art,  insbesondere  die  Staats- 
gläubiger. Attwood  ist  nur  gegen  diese  Maassregel  vom  Stand- 
punct  des  Fabrikanten,  indem  er  meint,  sie  bewirke  eine 
Verringerung  der  Circulationsmittel  und  damit  eine  Eineng- 
ung des  Markts  —  eine  dem  Fabrikanten  und  dem  Arbeiter 
schädliche  Verminderung  des  Absatzes  der  Industrie.  Er 
schlägt  vor  10  Millionen  der  fundirten  Schuld  in  Papiergeld 
zu  vei'wandeln  ^) ,  um  so  Markt  und  Absatz  zu  schaffen. 
Attwood's  nationalökonomische  Anschauungen  sind  so  wenig 
durchdacht,   dass  er  keineswegs  als  ein  ebenbüitiger  Gegner 


^)  A  letter  to  the  right  honorable  Nicholas  Vansittart  on  the  creation 
of  Money  and  on  its  action  upon  national  prosperity  bei  Thomas  Att- 
wood, Birmingham  1817. 

21* 


824  Erstes  Bach,  Cap.  4. 

Ricardo's  ei*scheinen  kann.  Auch  versteht  er  nicht  so  geschickt 
wie  Gobbett  die  Leidenschaften  der  Massen  ^u  eiTegen  und 
Cobbett  traf  Ricardo's  Schwäche  viel  richtiger,  wenn  er 
Steuerveiminderung  um  jeden  Preis,  auch  durch  Staatsbanke- 
rott verlangte,  als  Attwood,  der  im  Anschluss  an  populäre 
Vorartheile  und  in  halb  mercantilistischer  Weise  vor  Allem 
den  Segen  reichlicher  Circulationsmittel  pries.  Die  Argu- 
mentation bei  Attwood  ist  überaus  schwach;  die  bekannte 
Thatsache,  dass  grosse  Staatsausgaben  in  Folge  von  Krieg  etc. 
sich  der  Wirthschaft  der  Nation  erst  nachher  recht  fühlbar 
machen,  erkennt  er  nicht,  sondern  hält  sich  immer  an  die 
äusserliche  Ei*scheinung  der  Geldmenge;  interessant  ist  nur 
die  ganz  naive  Tendenz,  Fabrikanten  und  Arbeiter  als 
thätige  Menschen  gegen  die  Müssigen  und  gegen  die  Re- 
gierung zu  führen.  Attwood  gesteht  selbst  zu,  dass  ein 
englischer  Arbeiter  viermal  mehr  producire,  als  er  an  Lohn 
erhalte  —  folgert  aber  daraus  nur,  „wie  grausam  es  sei, 
einen  so  nützlichen  Menschen  durch  Geldmangel  ganz  brodlos 
zu  machen!" 

Noch  confuser  wird  Attwood  in  seinem  optimistischen 
Radicalismus ,  wenn  er  die  Bevölkerungsfrage  betrachtet, 
Malthus'sche  Ansichten  ^)  mit  seinem  Mercantilismus  verbindet. 
Attwood  ist  nämlich  auch  gegen  die  öiTentliche  Armenpflege 
und  mft  aus:  „Veraichtet  das  Almosen  und  ihr  werdet  die 
Armuth  vernichten";  er  verlangt,  dass  kein  Arbeitsfähiger  unter- 
stützt werde,  ohne  in  öffentlichen  Etablissements  Arbeit  zu 
bekommen,  worauf  er  ein  Recht  habe  —  aber  die  Möglich- 
keit der  Uebervölkerung  bei  genügender  Geldmenge  leugnet 
Attwood.  Es  handle  sich  nur  darum,  Nachfrage  nach  ehrlicher 
Arbeit  statt  nach  Armuth  und  Bettel  zu  schaffen.  Darauf 
folgt  denn  wieder  der  Satz,  der  Werth  des  Geldes  dürfe  nicht 
auf  den  Stand  von  1791,  sondern  nur  auf  den  von  1810  ge- 
setzt werden,  die  Staatsschuld  entspreche  einer  wirklichen 
Vennehrung  des  Nationalreichthums  durch  die  Erfindungen 


^)  Observations  on  Currency,  Population  and  Pauperism  in  two  letters 
to  Arthur  Young  by  Thomas  Attwood.    Birmingham  1815. 


P.  Thompson.  325 

und  YerbesseiiiDgen  der  letzten  80  Jahre.  Deshalb  könne 
sie  als  reelle  und  bona-fide  Schöpfung  von  Capital  im  Betrage 
ihres  Nennweiths  betrachtet  werden  und  bedürfe  einer  Ver- 
mehi-ung  des  Geldes  zu  ihrer  Repräsentation  —  —  es  ist 
klar,  in  einer  Geschichte  der  Nationalökonomie  dürften 
Attwood's  confuse  Schriften  kaum  eine  Stelle  beanspruchen: 
nur  als  Zeichen  der  Zeit,  in  der  radicale  Fabrikanten  und 
Arbeiter  sich  noch  aufrichtig  verbündeten,  wagen  wir  sie  zu 
erwähnen. 


Zu  den  Radicalen,  bei  denen  die  Harmonie  von  Arbei- 
tern und  Fabrikanten  im  Bunde  gegen  die  alte  Aristokratie 
deutlich  hervortretendes  Princip  ist,  gehören  auch  die  älteren 
Agitatoren  für  Freiheit  des  Kornhandels.  Später  wurde  die 
Abschaffung  der  Kornzölle  ausschliessliches  Progi'amm  der 
Mittelclassen,  und  die  Arbeiter  verhielten  sich  misstrauisch 
dagegen.  Vor  1832  wurden  die  Koinzölle  zwar  schon  von 
Ricardo's  Schule  bekämpft,  in  der  populären  Agitation  spielten 
sie  aber  noch  keine  Rolle.  Doch  fehlte  es  nicht  an  einzelnen 
MänneiTi,  welche  sie  im  gemeinsamen  Interesse  der  Arbeiter 
und  Mittelclassen  energisch  und  geschickt  angriffen ,  und  auf 
welche  sich  später  Cobden  und  seine  Anhänger  mit  Erfolg 
beriefen.  Hierher  gehören  insbesondere  Pen-onet  Thompson 
und  Ebenezar  Elliot. 

Thompson's  „Catechism  on  the  Comlaws"  ei-schien  zuerst 
1827;  die  fünfzehnte  Auflage  ist  von  1831  —  Beweis,  dass 
schon  damals  seine  Worte  nicht  ohne  Eindmck  blieben. 
Thompson's  Katechismus  ist  vor  Allen  interessant  durch  das 
ungewöhnliche  Geschick  der  Darstellung  und  den  packenden 
Stil.  Auf  dem  Titelblatt  ist  die  Arche  Noah's  abgebildet  und 
darunter  steht:  „Hätte  Noah  sich  in  seiner  Arche  einge- 
schlossen und  seine  Familie  nichts  essen  lassen,  als  was 
auf  dem  Dach  der  Arche  wachsen  konnte,  so  würde  bald  ein 
Angstschrei  über  Bevölkerung  und  ein  Auswanderungscommittee 
entstanden  sein;  Sem,  Cham  und  Japhet  würden  „Manufactu- 
risten    im    Nothstand"    geworden    sein.     Ich    kann    keinen 


326  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

Untei*schied  darin  erkennen,  ob  Menschen  auf  das  Korn 
einer  Arche  oder  einer  Insel  beschränkt  werden,"  Interessant 
ist  aber  nicht  nur  die  Schreibait,  sondern  auch  die  eigen- 
thümliche  Mittelstellung  zwischen  Ricardo  und  Cobbett. 

An  Ricardo  (und  Adam  Smith)  schliesst  sich  Thompson 
schon  durch  den  vorwiegend  nationalökonomischen  Inhalt 
seiner  Schrift,  dann  aber  auch  durch  die  durchaus  herr- 
schende, wenngleich  populär  gehandhabte  Methode  der  Ab- 
straction  an,  insbesondere  durch  die  scharfe  Tendenz  gegen 
den  Grundbesitzei-stand.  Thompson  polemisirt  zwar  gegen 
Ricardo,  aber  nur  insofern,  als  er  noch  schärfer  den  Inte- 
ressengegensatz zwischen  den  Grundbesitzen!  und  allen 
anderen  Menschen  betont.  Die  Rente  entsteht  nach  ihm 
lediglich  durch  den  hohen  Preis  des  Kornes  —  es  ist  nur 
eine  Folge  hievon,  dass  schlechteres  Land  dem  Anbau  unter- 
worfen wird.  Deutlicher  als  bei  Ricardo  wird  ausgesprochen, 
dass  das  Eigenthum  nur  durch  Arbeit  entstehe  und  die 
Menschen  sich  zum  gegenseitigen  Schutze  des  Eigenthums 
nur  verbunden  haben,  weil  ohne  solchen  Schutz  Arbeit  und 
Production  unmöglich  würde.  Gmndrente  aber  sei  nicht  Ent- 
gelt fQr  Arbeit;  „die  Gmndbesitzer  weben  nicht  und  spinnen 
nicht,  sie  leben  vom  Spinnlohn  Anderer." 

Aus  diesen  Sätzen  mttsste  nun  die  volle  Abschaffung 
aller  Grundrente,  d.  h.  alles  Grundeigenthums ,  ja  sogar 
die  Abschaffung  alles  Einkommens  von  Besitz  gefolgert 
werden.  Dies  aber  thut  Thompson  nicht,  sondern  er  folgert 
nur,  dass  die  Grundrente  nur  beschützt  werden  dürfe,  so 
lange  sie  dem  allgemeinen  Besten  dient  und  so  lange  die 
Gutsbesitzer  Anderen  keine  Gewalt  anthun,  d.  h.  es  wird  nur 
im  gemeinsamen  Interesse  von  Fabrikanten  und  Arbeiten! 
Abschaffung  der  Kornzölle  als  „allgemeinen  Verlustes''  verlangt 
und  dies  verdeutlicht,  indem  der  Kornzoll  geniessende  Gnind- 
besitzer  verglichen  wird  mit  einem  Mann,  dei*,  um  einen  Fisch 
zu  fangen,  zwei  Fische  im  Wasser  des  Nachbars  tödtet. 
Da  Cobbett  immer  verhältnissmässig  noch  mehr  Sympathie 
mit  der  Giiindaristokratie  und  den  Tories,  als  mit  den 
Banquiei-s  und  Whigs  hatte,  so  erklärte  er  1830  die  Korn- 


P.  Thompson.  327 

Zölle  als  unschuldig  an  der  Theuerung  und  erwartete  nichts 
von  Ausdehnung  des  Freihandels.  Dagegen  polemisirt  Thompson 
und  erwartet  von  Abschaffung  der  Koi-nzölle  gerade  den 
grössten  Gewinn  für  die  Arbeiter.  Aber  er  tritt  dann  mit 
Cobbett  und  gegen  Ricardo  voll  und  ehrlich  für  das  allge- 
meine Wahlrecht  ein: 

„Unsere  Vorfahren  nannten  einen  freien  Mann  den,  der 
Wahlrecht  hatte  —  nur  wenn  Jedermann  gleichmässig  reprä- 
sentii*t  ist,  hat  Besitz  aller  Art  seinen  gerechten 
Einfluss.  Und  die  Besitzenden  unter  den  industriellen 
und  handeltreibenden  Ständen  werden  vielleicht  einst  entdecken, 
dass  der  Widerstand  gegen  das  allgemeine  Wahlrecht  nichts 
ist  als  ein  Kunstgriff,  um  sie  ihres  gerechten  Einflusses  und 
ihres  Besitzes  zu  berauben."  — 

Kui*z  Thompson's  Katechismus  zeigt  in  charakteristischer 
Weise,  wie  die  Ricardo'sche  individualistische  Nationalökonomie, 
consequent  ausgebildet,  Waffen  für  den  Arbeiterradicalismus 
liefern  muss  und  Thompson  ist  ehrlich  genug,  wenigstens 
einen  Theil  dieser  Consequenzen  zu  ziehen,  indem  er  noch 
völlig  an  Identität  der  Interessen  von  Arbeit  und  Capital 
contra  Gnindbesitz  glaubt.  In  der  Westminsterreview  von 
1830  tritt  er  für  Wiederherstellung  der  Baarzahlung  ein  und 
preist  Freihandel  als  das  gemeinsame  Interesse  von  Arbeit 
und  Capital: 

„Dass  der  Reichthum  und  das  Glück  der  Nation  aus 
reichlichem  Capitalgewinn  und  Lohn  der  Individuen  entspringen, 
ist  an  sich  eine  grosse  Wahrheit.  Aber  dann  müssen  diese 
hohen  Gewinne  und  Löhne  aus  einem  Wachsthum  des  ge- 
sammten  Handels  (trade)  entspringen,  das  nur  das  Resultat 
von  Freiheit  sein  kann.  Der  allgemeine  Satz  von  Lohn  und 
Gewinn  hängt  von  der  Schnelligkeit  ab,  mit  der  der  gesammte 
Handel  wächst  oder  abnimmt  —  —  dies  beweist  die  be- 
schränkte Nützlichkeit  der  verschiedenen  Palliativmittel,  mit 
denen  sich  die  Menschen  amüsiren,  statt  ihre  Kräfte  zur  Ent- 
fernung des  grossen  Uebels  der  Handelsspeire  anzuwenden. 
Dahin  gehören  z.  B.  die  vorgeschlagenen  Hausmittel  der  Spar- 


828  Entes  Bach,  Gap.  4 

samkeit,  der  Clubs  zur  Herabsetzung  der  Preise  noihwendiger 
Dinge,  der  Gooperativgesellsdiaften  etc." 


Neben  Thompson  ist  vor  Allen  Ebenezar  EUiot  zu  nennen. 

Elliot  wurde  1781  als  Sohn  eines  kleinen  Eisengiessers,  der 
Galvinist  und  Jacobiner  war,  geboren  ^) ,  empfing  wenig  Schul- 
bildung, diente  seinem  Vater  als  Arbeiter  und  wurde. schliess- 
lich selbst  kleiner  Unternehmer.    1821  trat  er  als  Dichter  aul 

Er  folgte  den  Ideen  von  Adam  Smith,  Bentham  und 
Thompson.  Sein  Hauptziel  war  und  blieb  Abschaffung  der 
Eomzölle  und  die  wirksamsten  Gedichte  dieses  titanenhaft 
empfindenden  Naturkinds,  das  für  Lord  Byi*on  schwärmte, 
waren  die  Comlaw-Rhymes.  Den  Mittelclassen  angehörig,  von 
den  Interessen  der  Mittelclassen  durchdrungen,  daher  princi- 
piell  Freihändler  und  Gegner  des  Socialismus  und  Gommu- 
n Ismus,  war  er  doch  vor  Allem  ein  ehrlicher  Kadicaler  und 
empfand  feurig  für  die  Leiden  der  Arbeiter,  wurde  von  den 
besseren  Arbeitem  Sheffields  hoch  verehrt,  von  den  Mittel- 
classen nicht  immer  verstanden.  Darum  arbeitete  er  eifrig 
für  Parlamentsreform  und  neigte  später  zu  den  Chaiüsten, 
von  denen  er  sich  nur  ab  wandte,  weil  sie  sich  der  Anti- 
Eomzollagitation  nicht  anschlössen  und  weil  ihm  O'Connor 
widei*wärtig  war.  Den  deutlichsten  Beweis,  wie  Ebenezar 
Elliot  für  radical  denkende  Arbeiter  empfand  und  schrieb, 
liefern  die  Gedichte  selbst  *)  (Comlaw-Rhymes,  3.  Aufl.,  1838). 


^)  Siehe  Januaiy  Seasle,  Memoin  of  Ebenezar  Elliot  London  1852, 
sowie  einen  Artikel  von  Bobert  Leaser,  der  in  dem  erstgenannten  Buch 
im  Aaszug  mitgetheilt  ist. 

*)  Eines  mag  als  Probe  in  der  Ursprache  folgen: 
„Child  is  thy  &ther  dead? 
Father  is  gone. 
Why  did  they  tax  his  bread? 
6od*s  wiU  be  donel 
Mother  has  sold  her  bed 
Better  to  die  than  wed! 
Where  shall  she  lay  her  head? 
Home  we  have  none. 


Letzte  Steigerung  des  Radicalismus.  329 

•  Seine  Cornlaw-Rhymes  dediciile  er  „Allen,  welche  das 
Andenken  von  Jeremias  Bentham,  unserem  zweiten  Locke, 
ehren  und  welche  das  grösste  Glück  der  grössten  Zahl  für 
die  grösste  Zeitdauer  zu  befördern  streben,"  und  spricht  in  der 
Einleitung  aus,  „dass  die  gi-osse  Frage  der  Löhne  vor  Ab- 
schaffung der  Eornzölle  in  England  nie  gelöst  werden  kann'' 
und  eine  Erklärung  der  ShefiBelder  Arbeiter- Anti-Brod-Steuer- 
Gesellschaft  ist  beigedruckt,  welche  sagt,  dass  die  Arbeiter 
allein  unabhängig  genug  sind,  den  Freihandel  durchzusetzen. 
In  einem  voll  bevölkerten  Lande  sei  es  ein  Act  nationalen 
Selbstmords,  den  Austausch  der  Manufacturwaaren  gegen  Korn 
zu  beschränken. 


•    §  4.    Letzte  Steigerung  des  Radicalismus. 

Der  heiTSchende  Charakter  dieser  ganzen  Literatur  ist 
und  bleibt  ein  vorwiegend  auf  die  Arbeiterinteressen  ge- 
gründeter politischer  Radicalismus  ohne  bewussten  und  her- 
voilretenden  Gegensatz  zu  den  Interessen  des  mobilen  Gapitals. 
Dieser  Radicalismus  wuchs  von  1815 — 1830  ununterbrochen 
an  Verbreitung  und  an  Kraft,  bis  ihn  die  französische  Juli- 
revolution zur  höchsten  Leidenschaft  entflammte.    Als  er  in 


Father  clamm'd  thrice  a  week 
God's  will  be  done! 
Long  for  work  did  he  seek 
Work  he  found  none. 
Tears  on  his  hollow  cheek 
Told  what  no  tongue  could  speak. 
Why  did  his  master  break? 
God's  wiU  be  done! 

Doctor  Said,  air  was  best; 
Food  we  had  none; 
Father,  with  panting  breast 
Groan'd  to  be  gone; 
Now  he  is  with  the  blest! 
Mother  says  death  is  best! 
We  have  no  place  of  rest, 
Yes  we  have  none." 


330  Erstes  Bach,  Cap.4. 

diesem  Höhepunct  seiner  Leidenschaft  die  Refoimbill  von  1832 
d  urchgesetzt  hatte,  trennte  sich  sofort  der  Arbeiterradicalismus 
scharf  und  bewusst  von  dem  der  Mittelclassen ,  die  socialen 
Ziele  und  Wege  traten  in  den  Vordergrund.  Diese  Be- 
wegung spiegelt  sich  wieder  in  der  Literatur,  indem  1830 
die  Menge  und  Leidenschaftlichkeit  der  radicalen  Organe 
und  Flugschi-iften  erstaunlich  wuchs,  um  dann  1832,  in  An- 
fängen theil weise  schon  vorher,  ihren  Charakter  zu  ändern, 
insofern  sie  mehr  social,  weniger  politisch  wurde.  Die 
periodische  Presse  und  Brochtirenliteratur  von  1880—1832  ist 
gleichsam  das  extreme  Schlussresultat  der  geistigen  Aufregung, 
welche  Bentham,  Cobbett,  Paine  und  ihre  Gesinnungsgenossen 
in  langen  Jahrzehnten  geschürt  hatten.  Auch  von  dieser 
Literatur  sei  es  erlaubt,  einige  Proben  zu  geben.  Man  staunt 
oft,  dass  so  wilde  Aeussemngen  in  dem  monarchischen  Eng- 
land geduldet  wurden  —  aber  man  bedenke,  dass  der  Zweck, 
zunächst  nur  die  auch  von  den  friedlichen  Mittelclassen  ge- 
wollte Reformbill  war  und  dass  in  einem  freien  Lande  die 
Agitation  sich  der  leidenschaftlichst  übertriebenen  Worte  be- 
dienen kann,  ohne  dass  man  zu  befürchten  braucht,  es  werde 
dem  Worte  gleich  die  entsprechende  That  folgen. 

1832  existirte  ein  Blatt,  betitelt  „the  Republican*'.  Das- 
selbe missbilligt  zwar  die  Blutthaten  der  ersten  französischen 
Revolution  als  unrepublikanisch;  denn  Republik  ist  reine  Hu- 
manität im  Gegensatz  zu  dem  „aristocratico-monarchical  Eng- 
land'', aber  es  geht  doch  in  Bezug  auf  Bitterkeit  der  Leiden- 
schaft und  hochveiTätherische  Ausdrucksweise  weit  über  seine 
Hauptautorität  Thomas  Paine  hinaus.  Es  wird  nicht  nur  ge- 
sagt: „der  Beamte,  den  man  König  nennt,  hat  keine  eigene 
Autorität,  die  gerechten  Ansprüche  von  Jedermann  auf 
Repräsentation  zu  verweigern  oder  zu  gewähren,"  sondern  es 
ist  auch  die  Rede  von  „William  Guelph  or  any  other  gentle- 
man  called  king'*,  vom  „Bürger  Talbot,  der  auch  Earl  of 
Shrewsbuiy  heisst,  oder  vielmehr  dessen  Ahn  irgend  eine 
königliche  Person  in  den  guten  alten  Zeiten  so  zu  nennen 
beliebte,  den  aber  die  Republikaner  nicht  so  zu  nennen  be- 


Letzte  Steigerung  des  Radicaüsmus.  331 

lieben  etc.*'    Doch  auch  dieses  Organ  will  die  Refonnbill  als 
Abschlagszahlung  und  denkt  nicht  an  Krieg  gegen  das  Capital. 

Verschiedene  Brochüren  von  1832,  so  „The  Rights  of 
Nations",  „The  People's  Charter*',  „The  Refonnei-s  Catechism" 
sind  in  demselben  Sinne  geschrieben. 

Letztere  Schrift  erkennt  keine  veijähiten  Rechte,  nur  den 
von  jeder  Generation  frei  und  neu  schliessbaren  Gesellschafts- 
vertrag zu  dem  Endzweck:  „des  grössten  Wohls  jedes  Ein- 
zelnen, das  mit  dem  Wohl  der  Gesammtheit  zusammenfällt.'* 
In  jeder  Verfassung  muss  das  erste  eine  Erkläi-ung  der  Rechte 
sein.  Dann  wird  geeifert  f  ü  r  allgemeines  Wahlrecht,  geheime 
Abstimmung,  jährliche  Parlamente,  für  Heiligkeit  des  Eigen- 
thums,  für  Freihandel,  namentlich  freien  Komhandel,  Press- 
freiheit, freies  Versammlungsrecht,  freie  confessionslose  Schule, 
Milizsystem,  für  ausschliesslich  gewählte  Beamte,  gegen  die 
Staatskirche,  da  alle  Priesterherrschaft  auf  Unbildung  be- 
ruhe   kurz,  der  alte  Radicalismus  französischen  Stils,  der 

gegen  König  und  Pfaffen  wild  eifert. 

Ganz  vorübergehend  ist  von  Schutz  der  Arbeit  gegen 
Habsucht  der  Capitalisten  die  Rede,  aber  gewöhnlich  wird 
factisch  unter  Eigenthum  nur  das  Gmndeigenthum  vei-standen, 
so  dass  die  ganze  auf  leidenschaftliche  Arbeiter  berechnete 
Schrift  im  Gi-unde  doch  völlig  dem  Bunde  des  capitalistischen 
und  proletarischen  Radicalismus  und  dem  gemeinsamen  Ziel 
der  Parlamentsreform  dient.  Radicale  und  Republikaner  waren 
damals,  wie  sie  sich  selbst  auch  nannten,  Reformer,  d.  h. 
Parlamentsreformer  und  dies  Ziel  wurde  mit  übersprudelnder 
oft  unklarer  Begeisterung  erstrebt  ^). 

^)  Wie  namentlich  auch  ein  den  Schluss  des  Werkchens  bildendes 
schlechtes  Gedicht  von  sechs  Strophen  beweist: 

A  Song  for  young  Reformers. 

Glorious  Albion!  Behold  France  is  free 

0!  land  of  the  brave!  Prepaired  Almaine 

Down  cast  the  tyrants  Up  Stands  Italy 

Unfetter  the  slavel  Rise  shall  Poland  again! 


332  Erstes  Bach,  Cap.  4. 

„The  Peoples  Charter'',  von  demselben  anonymen  Verfasser, 
enthält  noch  leidenschaftlichere  Sätze.  Es  wird  Byron's  Satz 
citirt,  dass  „revolution  alone  can  save  from  helFs  poUution". 
Aber  es  wird  doch  schliesslich  vom  Gebrauch  der  Waffen  ab- 
gemahnt, man  „solle  nur  geillstet  sein,  Wafifen  haben,  und 
niemals  aufhören,  Reform  zu  verlangen/'  Als  sofort  anzu- 
wendendes Gewaltmittel  wird  nur  Steuerverweigerung  empfoh- 
len, „weil  kein  Parlament  Unvertretene  vei-pflichten  könne  und 
alle  Unvertretene  allzeit  ein  Recht  haben,  der  Steuerzahlung 
Widei-stand  zu  leisten."  Die  Zeit  wird  kommen,  wo  man 
nach  Mackintosh's  Wort  „nichts  Altes  mehr  dulden  wird,  das 
die  VeiTiunft  nicht  billigt,  und  vor  nichts  Neuem  zurück- 
schrecken wird,  das  die  Vernunft  empfiehlt.'* 

Nach  Durchsetzung  der  Parlamentsreform  änderte  sich 
der  Ton  der  populären  Literatur,  indem  dann  sofort  die  Los- 
trennung der  Arbeiter  von  allen  Parteien  der  Besitzenden  ge- 
predigt und  sociale  Erörtei-ungen  im  Gegensatz  zu  der  Zeit 
vor  der  Reform  häufiger  wurden.  Das  mit  dem  22.  November 
1832  beginnende  Blatt  „The  working  man's  friend  and  Political 
Magazine"  z.  B.  folgt  Carpenter,  Carlile  und  Cobbett,  erklärt 
alle  alten  Parteiunterschiede  für  Täuschung  und  sagt  mit 
Cobbett,  es  solle  nur  zwei  Parteien  geben,  die  Partei  der 
billigen  und  der  theuren  Regierung.  Das  von  J.  Watson 
redigiile  Blatt  diente  der  „National  Union  of  the  working 
classes  and  othei*s"  und  begnügte  sich  nicht  für  gleiche  Rechte 
zu  kämpfen,  zu  behaupten,  dass  der  „Begriff  einer  Aristokratie 
das  Wesen  jedes  Lasters  einschliesse ,"  sondern  brachte  auch 
schon  Artikel  über  die  „Manufacturhöllen'*. 


,     0!  crouch  not  to  lords:  So  with  devotion 

Employ  but  the  wise:  Shall  nations  set  free 

Burst  all  their  base  cords  Bend,  Queen  of  Ocean, 

Arise!  0  arise!  To  thee!  —  but  to  thee! 

Then  high  in  thy  band,  Thus  glorious  Albion 

Thy  bright  trident  raise;  Land  of  the  brave! 

And  fling  o'er  each  land  Down  cast  the  tyrants; 

New  light  from  its  blaze.  Unfetter  the  slave! 


Letzte  Steigerung  des  Radicalismus.  383 

Die  Flugschrift  „The  Political  Unionist's  Catechism  — 
adressed  to  the  working  classes^S  London  1833,  sagt:  Bald 
würden  Whigs  und  Tories  zusammen  Conservative  sein  gegen- 
über dem  Volk,  das  bisher  geplündeter  Zuschauer  sei.  Die 
Schrift  agitirt  für  weit  möglichste  Ausdehnung  des  Wahl- 
rechts und  will  die  arbeitenden  Classen  durch  ein  ge- 
meinsames politisches  Glaubensbekenntniss  einigen.  — 

Doch  ich  will  nicht  vorgreifen  und  erwähne  die  letztgenann- 
ten Schriften  hier  nur  deshalb,  um  zu  zeigen,  wie  der  Gedanke 
einer  radicalen  Partei,  die  principiell  nur  Arbeiteipartei  sein 
soll,  ei-st  nach  der  Reformbill  mit  Kraft  und  Bewusstsein  auf- 
trat. Von  allen  mir  bekannten  Zeitungen ,  welche  dem  Radi- 
calismus, d.  h.  besondere  dem  Arbeiterradicalismus,  unmittel- 
bar vor  und  nach  der  Reformbill  dienten,  ist  die  leidenschaft- 
lichste und  charakteristischste  „The  Poor  Man's  Guardian,  a 
Weekly  Newspaper  for  the  people  established  contraiy  to 
,Law'  to  try  the  power  of  ,might'  against  ,right*.*'  Das  Journal 
ei-schien  von  Juli  1831  bis  December  1835  und  wurde  dann 
durch  ein  anderes  ei-setzt.  Verleger  war  Hetherington,  Haupt- 
zweck die  Durchsetzung  einer  billigen  ungestempelten 
Presse  für  die  Arbeiter  —  es  war  aber  zugleich  ein  Blatt,  in 
welchem  sich  alle  radicale  Aufregung  der  Arbeiter  breit 
machte.  Redacteur  war  der  spätere  Chartist  Bronterre  O'Brien  ^). 
Es  thaten  aber  in  dieser  Zeit  allgemeiner  Gährung  auch 
gemässigtere  Elemente  mit,  z.  B.  Lovett,  der  spätere  Führer 
der  Partei  der  moralischen  Gewalt  unter  den  Chartisten. 


^)  Bronterre  O^ßrien  hat  auch  selbständige  Bücher,  so  eines  über 
Baboeuf  und  eine  Biographie  von  Robespierre  geschrieben,  in  welcher 
dieser  von  aller  Blutschuld  rein  gewaschen  und  als  edler  Gleichheits- 
hfld  hingestellt  wird.  Der  Verfasser  skizzirt  in  der  Einleitung  des 
Buches  seine  eigene  Tendenz  nach  socialer  Gleichheit  im  Gegensatz  zum 
^Monopol  des  Land-  und  Geldbesitzes  der  höheren  Classen,  jedoch  ohne 
irgend  einen  commun  istischen  Ausgleichungsplan  zu  entwickeln.  Derselbe 
gab  Januar  bis  März  1837  ein  Wochenblatt  „National  Reformers'^  heraus, 
„zur  Beförderung  einer  radicalen  Reform  in  Regierung,  Gesetz,  Eigenthum, 
Religion  und  Moral  zu  Gunsten  der  grossen  Masse  der  Gesammtheit, 
welche  bewirkt  werden  soll  in  der  möglichst  kurzen  Zeit  ohne  Gewalt- 
that  durch  die  Macht  der  öffentlichen  Meinimg  und  womöglich  durch 
die  legalen  Reichsautori  täten.  "^    In  dem  Blatt  wird  das  allgemeine  Wahl- 


334  Erstes  Buch,    Cap.  4. 

Der  Poor  Man's  Guardian  zeichnet  sich  nicht  nur  durch 
die  Leistungen  der  jugendlich  aufbrausenden  Talente  seiner 
Mitarbeiter  aus,  sondern  insbesondere  dadurch,  dass  er  von 
Anfang  ab  die  socialen  Interessen  der  Arbeiter  schaif  erkannte 
und  vertrat.  Es  war  kein  Journal,  das  den  abseits  stehenden 
rein  wirthschaftlichen  Bestrebungen  der  Gewerkvereine  oder 
der  Cooperation  diente  —  die  unpolitische  Gesinnung  der 
Cooperationsfreunde  wird  sogar  heftig  getadelt;  es  war  vor 
Allem  ein  politisch  -  radicales  Blatt,  aber  mit  so  exceptionell 
schai-fer  Betonung  des  speciellen  Arbeiterstandpuncts,  dass  es 
weit  tlber  Cobbett  hinausging,  der  der  beste  Freund  der 
Arbeiter  genannt  wird  und  Alles  zusammen  genommen,  hatte 
das  Blatt  eine  Richtung,  welche  mit  der  unserer  heutigen  Social- 
demokratie  nahezu  zusammenfällt.  Es  ist  mir  in  der  ganzen 
englischen  Literatur  kein  Organ  und  kein  Buch  vorgekommen, 
das  man  mit  Recht  eigentlich  socialdemokratisch  nennen 
könnte  ,  ausser  diesem  Producte  einer  Zeit  allgemeiner  Gäh- 
rung,  das  dem  späteren  Chartismus  direct  vorarbeitete  und 
womöglich  noch  wilder  und  extremer  war  als  der  Chartismus 
selbst. 

Da  das  Blatt  vor  1832  entstand,  so  soll  es  hier  besprochen 
werden.  Es  verdient  allgemeine  Beachtung  in  Bezug  auf  den 
bekannten  Streit,  wann  und  von  wem  das  Programm  der 
heutigen  Socialdemokratie  zuei'st  formulirt  worden  ist.  Es 
schliesst  gleichsam  den  alten  englischen  Radicalismus  der  Zeit 
vor  1832  ab  und  begründet  zugleich  den  neuen  Radicalismus, 
in  dem  der  Streit  zwischen  Capital  und  Arbeit  die  Hauptrolle 
spielt. 

In  der  ersten  Nummer  vom  Juli  1831  wird  von  Gewissens- 
freiheit gesprochen,  wenn  auch  die  Religion  nur  vom  politi- 
schen Standpunkt  berührt  werden   soll.    Es  wird  auch  sofort 


recht  verlangt ,  das  Annenrecht  angegriffen,  die  AntikomzoUagitation  ver- 
dächtigt,  die  „Profitmacher'',  die  schlimmer  als  die  Aristokraten  sind,  an- 
gefochten   extreme  politische  Gleichheitsideen,  nicht  extrem  socia- 

listische  Pläne  herrschen,  wenn  auch  der  Gegensatz  zwischen  Arbeit  und 
Capital  erkannt  resp.  empfunden  ist 


Letzte  Steigerung  des  Radicalismus.  335 

innere  Neigung  zur  Republik  veiTathen.  Directe  Revolution 
wird  nicht  gepredigt,  aber  der  König  wird  Mr.  William  Guelf 
genannt,  die  beabsichtigte  Krönung  mit  wüthendem  Hohn  be- 
sprochen: „Schande  tlber  solch  nutzlose,  verkehrte,  kindische 
Ueppigkeit,  während  Noth  im  Lande  hen-scht."  Ein  be- 
sonders wilder,  aber  in  der  That  exceptioneller  Aiükel  beginnt 
sogar  mit  den  Worten:  „Nieder  mit  Königen,  Priestern  und 
Lords'^  und  schliesst  mit  dem  Satz,  „das  Eigenthum  müsse 
fallen,  dann  würde  das  Königthum  von  selbst  fallen/'  Es  muss 
dagegen  erwähnt  werden,  dass  zu  den  Puncten,  welche  die 
National  Union  of  the  Working  classes  in  eine  Declaration 
aufnehmen  wollte,  auch  die  Heiligkeit  des  Eigenthums  geholte 
und  dass  stets  zu  friedlichem  Vorgehen  ermahnt  wurde. 

Cailwright  und  Hunt  werden  als  Gesinnungsgenossen, 
Hume  und  Burdett  aber  als  „Halbe'^  bezeichnet;  noch  schlechter 
kommt  O'Gonnell  weg;  Attwood  wird  ein  gutherziger  Mann 
genannt,  der  das  Loos  der  Arbeiter  bessern,  aber  sie  doch  als 
Arbeiter  erhalten,  nicht  sich  gleichstellen  wolle.  Fielden  ist 
ein  „middle  man'',  der  persönlich  alle  Anerkennung  verdient. 
Als  es  mit  der  Reformbill  Ernst  wurde,  zei*fiel  das  Blatt  ge- 
legentlich auch  mit  Hunt  selbst  und  mit  Cai-penter  —  während 
es  sehr  warm  für  Sadler  eintritt  (4.  August  1832)  —  kurz,  es 
zeigt  sich  das  Misstrauen  der  Arbeiter  gegen  die  Radicalen 
aus  den  Mittelclassen.  Darum  wird  auch  das  allgemeine 
Wahlrecht  unbedingt  verlangt,  die  beabsichtigte  Reformbill 
wird  als  ungenügend  bezeichnet.  Das  Wichtigste  dabei  ist, 
dass  das  allgemeine  Wahlrecht  nicht  einfach  deshalb  verlangt 
wird,  weil  es  allein  der  radicalen  Theorie  völlig  entspricht, 
sondern  weil  das  specielle  Interesse  der  Arbeiter  es  verlangt. 
Mit  Genugthuung  wird  im  Juli  1831  über  eine  Rede  referirt, 
die  ein  gewisser  Wardel  auf  einer  Vei'sammlung  der  National 
Union  of  the  Working  classes  hielt  und  worin  dieser  sagte: 
„dass  wir  (die  Arbeiter)  jährlich  Reichthum  im  Gesammt- 
werth  von  500  Millionen  Pfd.  Sterl.  schaffen  und  nur  ein  Achtel 
davon  consumiren  dürfen.  Die  Reformbill  ist  nur  5  Schilling 
aufs  Pfund,  wir  aber  verlangen  15  Schilling  mehr  und  werden 
sie  bekommen." 


336  Erstes  Bach,  Cap.  4. 

Diesen  socialdemokratischen  Gedanken,  dass  der  Arbeiter 
um  einen  Theil  des  nur  von  ihm  geschaffenen  Pi-oducts  be- 
raubt und  betrogen  werde,  führt  dann  der  Leitartikel  vom 
30.  Juli  näher  aus ,  indem  da  gesagt  wird ,  dass  die  Arbeiter 
allein  den  wirklichen  Reichthum  des  Landes  produciren,  aber 
nur  einen  kleinen  Theil  davon  geniessen.  Den  anderen  ver- 
zehren nicht  nur  König,  Priester,  Lords,  Esquires  and  Gentle- 
men  —  sondern  auf  Kosten  des  Arbeitei-s  bereichem  sich 
auch  die  „masters  and  tradei-s",  d.  h.  das  Capital.  In  der 
weiteren  Ausftlhnmg  fällt  der  Vergleich  zwischen  alter  Aristo- 
kratie und  Capital  (middle  men)  zu  Ungunsten  des  letz- 
teren aus: 

„Adelige  Adler  und  kirchliche  Geier  haben  sich  bisher  von 
Euch  genährt;  sie  halten  Euch  für  wahrhaftes  Aas,  haben 
aber  nicht  verachmäht,  sich  an  Euch  zu  m«*lsten;  wahrhaftig, 
sie  haben  sich  gesättigt.  Und  jetzt  zu  schwach,  ihre  aus- 
schliessliche Beute  zu  vertheidigen ,  machen  sie  Platz  fllr  die 
hungiigen  Raben,  deren  Zahl  sie  schreckt,  dass  sie  kommen 
und  auch  nach  Euch  hacken.  Und  glaubt  uns,  was  für  die 
Adler  und  Geier  einfach  Nahrung  war,  wird  für  diese 
schmutzigen  Raben  ein  Leckerbissen  sein.  „Aas"  ist  ihre 
Wonne  und  sie  werden  es  bis  auf  die  Knochen  auffressen. 
Und  was  anders  sind  diese  vielfrässigen  Raben  als  Eure  Leute 
von  den  Mittelclassen ,  welche  mit  gierigen  Augen  die  Adler 
des  Staats  und  die  Geier  der  Kirche  verfolgten,  die  Euch 
verschlangen  —  welche  ihren  Ruf  mit  dem  Eurigen  nach  Ge- 
rechtigkeit und  Bannherzigkeit  verbanden,  bis  Lords  und 
Priester  ihnen  gestatteten,  theilzunehmen  an  der  Beute,  an 
der  sie  sich  selbst  übersättigt  haben,  vor  der  sie  Ekel  und 
Ueberdruss  empfinden/' 

Solche  Agitation  liess  sich  natürlich  nach  Durchsetzung 
der  Reformbill  mit  ungeschwächter  Leidenschaft  fortsetzen. 
Robespierre  wurde  als  der  grosse  Mann  der  französischen 
Revolution,  als  Vertreter  der  Arbeiter  gegenüber  der  „Bour- 
geoisie'' gefeiert,  die  das  Regiment  usurpirte,  während  der 
Name  Republik  blieb  (Dezember  1835).  Das  ausgesprochene 
Hauptziel  des  Blattes  wurde,  alle  Arbeiter  zur  Durchsetzung 


Letzte  Steigemng  des  Radicalismos.  337 

des  allgemeinen  gleichen  Wahlrechts  zusammenzufassen,  denn 
es  helfe  Nichts  gegen  einzelne  Gesetze,  wie  z.  B.  die  Eom- 
zölle^  zu  agitiren ;  nur  das  neue  Aimengesetz  solle  womöglich 
noch  vor  der  Einführung  des  allgemeinen  Wahlrechts  fallen  — 
das  erste  aller  Dinge  sei  das  allgemeine  Wahlrecht,  „damit 
w  i  r  die  Direction  aller  Reformen  in  unsere  Hand  oder  besser 
in  die  Hand  des  ganzen  Volks  bringen**  (31.  October  1835). 

Das  „ganzö  Volk'*  aber  besteht  factisch  aus  den  pi-ole- 
tarischen  Arbeitern.  Nach  einem  Artikel  vom  19.  Dezember 
1835  hat  das  „Capital  menschenmörderische  Gewalt";  dass 
der  Arbeiter  aus  Hunger  für  jeden  Lohn  arbeiten  muss,  ist 
das  ungeheuerliche  Uebel  der  Gesellschaft.  Und  dann  folgt 
wieder  eine  Theorie,  die  in  roher  und  übertriebener  Form  die- 
selben Gedanken  enthält,  die  wir  in  Marx's  Theorie  von  der 
Aneignung  des  Mehrwerths  durch  den  Capitalisten  finden: 

„Die  Lehre  des  Capitalisten  lautet,  dass  er  ein  Recht 
habe,  vom  Product  des  Arbeiters  diesem  so  viel  wegzunehmen 
als  letzterer  aus  Furcht  vor  dem  Tode  hergeben  muss.  Wenn 
der  Arbeiter  per  Tag  einen  Werth  von  30  Schilling  produciren 
und  von  einem  Schilling  leben  kann,  so  denkt  der  Capitalist, 
er  habe  ein  Recht  auf  die  übrigen  29  Schillinge;  weil  nur  der 
eine  Schilling  nöthig  ist  für  die  Existenz  des  Arbeiters,  so 
muss  dieser  aus  Furcht  vor  dem  Tode  auf  den  Ueberschuss 
zu  Gunsten  des  Capitalisten  verzichten.  Und  das  ist  britische 
Freiheit!  Diese  Macht  grosshändlerischen  Raubs  und  Mordes 
in  der  Hand  des  Capitalisten  nennt  man  Freiheit  und  man 
sagt ,  der  Arbeiter  sei  gerade  so  gut  frei  wie  der  Capitalist, 
weil  er,  wenn  er  will,  sich  dem  Raub  entziehen  kann  —  wenn 
er  sich  nur  dem  Hungertod  unterwirft!  Bewundernswerthe 
Logik,  segensreiche  Freiheit,  glückliches,  dreimal  glückliches 
Land.*' 

Wir  wissen  sehr  wohl,  wie  solche  eigentlich  social- 
demokratische ,  social-  und  politisch-revolutionäre  Tendenzen 
in  England  zu  keiner  grossen  Bedeutung  gelangten  und  nie 
das  eigentliche  Programm  einer  grossen  Arbeiteipartei  wurden. 
Aber  es  bleibt  in  hohem  Maasse  charakteristisch  und  lehr- 
reich, dass  die  von  Bentham  und  Anderen  begründete  radicale 

H.'ld.  Soc   Gesch.  Engl.  22 


338  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

Literatur  im  modernen  England  sich  in  Leidenschaft  und 
Gleichheitslust  beständig  steigernd,  schliesslich  zu  Sätzen  ge- 
langte, welche  heute  dem  „Vorwärts"  zur  Zierde  gereichen 
würden.  Auch  in  England  bewährt  sich  der  Satz,  dass  die 
Socialdemokratie  die  letzte  Consequenz  nicht  des  Liberalismus, 
aber  des  extrem-individualistischen  Radicalismus  ist.  — 


§  5.    Rückblick. 

Von  der  Entwicklung,  die  in  den  vorigen  Capiteln  ge- 
schildert ist,  erhalten  wir  ungefähr  folgendes  Bild. 

Der  Individualismus  ei-wacht  in  England  zu  neuem  Leben 
durch  den  Abfall  der  amerikanischen  Colonien  und  durch  die 
französische  Revolution.  Aber  es  sind  vorerst  einzelne  Schrift- 
steller, die  entweder  ganz  als  Theoretiker  auftreten,  oder 
deren  praktische  Thätigkeit  —  wie  die  Paine's  —  nur  wenig 
bedeutet.  Indessen  entsteht  nach  und  nach  in  denjenigen 
Classen  Englands,  die  sich  als  minderberechtigte  gegenüber 
dem  das  Parlament  beheri-schenden  Grundbesitzerstande  fühlen, 
ein  Geist  der  Verneinung  und  des  Widei'standes ,  ein  Ver- 
langen nach  Ausdehnung  von  Reckten,  das  Streben  für  das 
Individuum  als  solches  gleichen  Antheil  an  der  politischen 
Macht  zu  erlangen  —  wobei  man  sich  bald  auf  Gründe  der 
Zweckmässigkeit,  bald  auf  das  Naturrecht  berief. 

Den  so  emporstrebenden  Classen  bleibt  es  vorläufig  un- 
bewusst,  dass  sie  unter  sich  keineswegs  gleichartig  sind;  sie 
greifen  gemeinsam  das  Bestehende  an,  bald  einzelne  Maass- 
regeln, bald  umfassende  Institutionen,  und  sie  finden  endlich 
im  Rufe  nach  allgemeinem  Wahlrecht  ihr  gemeinsames  Feld- 
geschrei. Die  Lehre  des  Individualismus  gi-eift  ein  in  die 
englischen  Verfassungskämpfe,  sie  lehnt  sich  auf  gegen  die 
bestehende  Ordnung  und  das  hergebrachter  Weise  Geltende, 
sie  wird  zum  Radicalismus^ 

Die  Fordeiiing  eines  allgemeinen  gleichen  Wahlrechts 
stand,  trotz  des  ausdrücklichen  Festhaltens  Vieler  an  den 
alten  Grundlagen  der  englischen  Verfassung,  gerade  mit  dieser 
Verfassung  in  unlösbarem  Widei*spi*uch ;  denn  die  Verfassung, 


Rückblick.  339 

wenn  sie  auch  etwas  verknöchert  war,  beruhte  doch  auf  dem 
gesunden  Gmndsatze  der  Vertretung  des  orgauisiilen ,  nicht 
des  atomisirten  Volkes  und  auf  der  Heii'schaft  des  dauernden, 
entwicklungsfähigen  Gesetzes  —  nicht  auf  schwankender 
Majorität  der  Massen. 

Den  Neuerem  principiell  gegenüber  stand  noch  die  Theorie 
vom  göttlichen  Rechte  der  Krone,  welche  —  so  wenig  Anklang 
sie  mehr  fand,  doch  in  sich  folgerichtig  war.  Aber  sie  hatte 
nicht  mehr  die  Kraft,  dem  Anstürme  der  neuen  Ideen  zu 
widei-stehen. 

Den  neuen  extremen  Lehren  konnte  man  nur  mit  Erfolg 
begegnen,  wenn  man  nachwies,  dass  der  „Naturzustand"  mit 
unbeschränkter  individueller  Freiheit  eine  Täuschung  ist; 
wenn  man  nachwies,  dass  das  Bedüiiniss  nach  organischer 
staatlicher  Gliederung  ebenso  unabweislich ,  ursprünglich  und 
natürlich  ist,  wie  das  Bedürfniss  nach  Entfaltung  der  indi- 
viduellen Kräfte,  und  dass  eine  staatliche  Gesammtheit  nie 
eine  Summe  gleichwerthiger  Atome  war,  nicht  ist,  und  nie 
sein  kann;  und  wenn  man  daraus  ableitete,  dass  der  Wille 
jeweiliger  Majorität  nicht  das  die  Gesammtheit  zusammen- 
haltende Recht  sein  kann,  sondern  dass  das  organische  aus 
der  ^^ewordenen  Verfassung  heraus  sich  entwickelnde  Recht  die 
ewig  nothwendige  Schranke  jeder  individuellen  Willkür  ist. 

Trat  in  England  eine  solche  organische  Staatslehre  als 
Gegensatz  gegen  den  Individualismus  auf?  Wir  finden  wohl 
Anklänge  und  Ansätze,  aber  keine  durchdachte  und  dadurch 
mächtige  Entwicklung  solcher  Ideen.  Denn  die  Erinnerung 
an  die  „glon-eiche«  Revolution",  sowie  die  geringe  Neigung 
oder  Begabung  des  Engländers  zu  durchdachter  Systemati- 
sirung  bewirkte,  dass  man  zumeist  die  Consequenzen  des  ab- 
stracten  Individualismus  nur  gefühlsmässig  ablehnte,  statt 
diese  allerdings  einfache  und  klare  aber  unhaltbare  Anschauung 
verstandesmässig  zu  widerlegen. 

Der  grösste  politische  Erfolg  des  geschilderten,  noch  ein- 
heitlich auftretenden  Radicalismus  war  die  Parlamentsreform 
von  1832;  keineswegs  eine  Neugestaltung  des  ganzen  Wahl- 
rechts, sondern  nur,  wie  bekannt,  ein  principloser  Compromiss 

22* 


340  Erstes  Bach,  Gap.  4. 

zwischen  dem  alten  Herkommen  und  den  neuen  Bedürfiiissen ; 
immerhin  jedoch  der  Anfang  einer  immer  weiter  gehenden 
gleichmä8sigei*en  Heranziehung  bisher  unberechtigter  Classen 
zur  Wahl  von  Vertretern. 

Bei  den  Vorkämpfern  des  Radicalismus  in  dieser  älteren 
Zeit  findet  man  zwar  eine  warme  Liebe  für  die  Masse  des 
Volks  und  ein  Streben,  diese  Masse  mit  in  die  politische  Be- 
wegung zu  ziehen,  aber  fast  nirgends  eine  Spur  socialer  Um- 
sturzplänO;  etwa  zu  Ehren  factischer  Gleichheit.  Es  herrschte 
noch  soviel  naiver  Glaube  an  die  natürliche  Gleichheit  der 
Menschen,  dass  man  vermeinte,  durch  einige  politische  Reformen 
könne  diese  Gleichheit  in  ihrer  ursprünglichen  Reinheit  wieder- 
hergestellt und  so  ein  goldenes  Zeitalter  für  Alle  begiiindet 
werden. 

Von  der  Gleichheitsidee  waren  sowohl  die  Nationalökonomen 
als  die  eigentlich  politischen  Vorkämpfer  behen-scht,  und  zwar 
in  etwas  verschiedener  Weise.  Die  Nationalökonomen  dachten 
sich  die  wiithschaftlich  freien  Individuen  als  mit  gleichen 
natürlichen  Kräften  ausgerüstet.  Die  radicalen  Wortführer 
hingegen,  welche  unmittelbar  auf  die  Massen  wirkten,  ver- 
langten Gleichheit  politischer  Rechte,  ohne  irgendwie  gegen 
die  Freiheit  der  wirthschaftlich  Starken  zu  agitiren,  weil  sie 
zwar  den  Untei-schied  zwischen  Starken  und  Schwachen 
kannten,  aber  die  Gefahren  untei-schätzten,  denen  der  Schwache 
bei  Herrschaft  der  Freiheit  ausgesetzt  sein  musste. 

Der  sociale  Gegensatz  zwischen  Capital  und  Arbeit  war, 
wenn  auch  vorhanden,  doch  nicht  hinlänglich  zum  Bewusst- 
sein  gebracht,  und  das  Capital  selbst  lag  noch  zu  sehr  im 
Kampfe  mit  der  Aristokratie,  stand  also  an  der  Spitze  der 
Bewegung,  die  damals  den  gesammten  nicht-aristokratischen 
Classen  gemeinsam  war.  Die  Zeit  war  noch  nicht  gekommen, 
in  welcher  man  Gleichheitsideen  schon  im  Sinne  des  socialen 
Umsturzes  als  Kampfmittel  hätte  verwerthen  können. 

Um  eine  Analogie  zu  benutzen,  die  dem  deutscheu  oder 
französischen  Betrachter  nahe  liegt,  so  begriff  man  damals  den 
Classengegensatz  noch  nicht,  der  sich  in  Frankreich  durch 
Louis  Blanc's,  in  Deutschland  durch  das  Wirken   von  Marx 


RackbUck.  341 

und  Engels  vor  1848  herausbildete,  sondern  man  stand  auf 
dem  Standpuncte  St.  Simonis,  bei  welchem  die  industriellen 
Glassen  aus  Arbeitem  und  thätigen  Capitalisten  bestehen, 
denen  Adlige,  Hofbeamte,  Staatsdiener,  Officiere,  Rentner  etc. 
gegenüber  gestellt  werden. 

Die  wirksamsten  älteren  VolksfOhrer,  wie  Paine,  Cartwright 
und  sogar  Cobbett  leisteten  also  eigentlich  nur  dies,  dass  sie 
vorläufig  überhaupt  begeisterte  Kampflust  für  Freiheits-  und 
Gleichheitsideen  erweckten,  ohne  diesem  Kampf  vorwiegend 
sociale  Ziele  zu  stecken.  Wo  letzteres  versuchsweise  geschah, 
blieb  es  zunächst  ohne  bedeutende  Wirkung. 

Der  Hauptvertreter  dieses  älteren  theoretischen  Radicalis- 
mus  ist,  wie  wir  gesehen  haben,  Bentham. 

Diese  ganze  geistige  Bewegung  ist  erfüllt  von  dem  einen 
grossen  Gedanken:  Demokratisii-ung  des  Staats,  damit  er  seinen 
einzigen  veiiiünftigen  Endzweck,   dem  materiellen  Woh 
des  einzelnen  Menschen  zu  dienen,  erfülle. 

Die  im  Einzelnen  gewünschten  Beformen  sind  theils  nur 
negativ  —  wie  die  Abschaffung  der  Schutzzölle  —  theils 
positiv  wie  das  allgemeine  Wahlrecht. 

Dass  das  materielle  Wohl  des  Menschen  als  Endziel  aller 
Politik  nothwendig  einen  Kampf  zwischen  Ständen,  insbesondere 
zwischen  Besitz  und  Nichtbesitz,  hervorrufe,  wird  hie  und  da 
geahnt  —  doch  geht  man  im  Grossen  und  Ganzen  noch  ver- 
eint gegen  den  alten  aristokratischen  Staatsbau  vor. 

Ei-st  nach  1832  spaltete  sich  der  Radicalismus  im  eng- 
lischen Sinne  des  Wortes  in  zwei  verschiedene  Richtungen, 
indem  die  Mittelclassen  als  Freihändler  oder  Manchester- 
männer, die  Arbeit9i*classen  als  Chartisten  auftraten. 

Das  Manchesterthum  ist  die  Anwendung  der  Lehren  der 
classischen  Nationalökonomie  zur  Agitation  im  Interesse  be- 
stimmter Zwecke  des  beweglichen  Besitzes.  Die  praktischen 
Vorschläge  dieser  Richtung  erscheinen  uns  als  Caricatur  der 
Einseitigkeiten,  die  in  den  nationalökonomischen  Lehren  ent- 
halten waren.  Erst  in  dieser  Caricatur  wird  die  Unterordnung 
aller  idealer  Lebenszwecke  und  des  ganzen  Staates  unter  die 
wirthschaftlichen  Interessen  des  Besitzes  zum  ausschliesslichen 


842  Erstes  Buch,  Cap.  4. 

Princip.  Der  Mittelstand  ist  von  dem  politisch  Erreichten 
befriedigt  und  will  den  neuen  Zustand  für  sich  ausnutzen. 

Die  Arbeiterclasse  hingegen  sieht  sich  durch  die  schonende 
Parlamentsreform  enttäuscht,  sie  agitirt  im  Chartismus  zunächst 
politisch  weiter,  um  wirklich  allgemeines  Wahlrecht  durchzu- 
setzen und  hat  dabei  mehr  instinctiv  die  Vorstellung,  dass 
ein  gänzlich  reformirtes  Parlament  dann  auch  Aenderungen 
der  socialen  Verhältnisse  herbeiführen  we  rde,  eine  Vorstellung, 
die  nur  ganz  vereinzelt  hie  und  da  socialdemokratische  Ge- 
danken in  unserem  Sinne  des  Wortes  hervorbringt.  Der  Char- 
tismus entspricht  also  dem,  was  auf  dem  Festland,  in  engerem 
Sinne  als  in  England,  Radicalismus  genannt  zu  werden  pflegt. 

So  früh  demnach  in  England  mit  der  Grossindustrie  das 
Proletariat  entstand,  und  so  sehr  der  Fabrikarbeiter  sich  ge- 
drückt fühlte  —  es  blieb  zunächst  bei  Ausbrüchen  blinder 
Wuth,  die  zur  Zerstörung  von  Maschinen  oder  Fabriken  fühlte« 
Programmgemäss  richtete  sich  die  Leidenschaft  dieser  Classe 
nicht  gegen  das  Capital  als  solches,  sondern  gegen  die  be- 
stehende Staatsverfassung. 

Das  noch  unentwickelte,  erst  keimende  Classengefühl  des 
industriellen  Proletariats  gebrauchte  Anfangs  zum  Ausdruck 
seiner  Unzufriedenheit  eine  politische  Formel,  die  es  aus  dem 
Vorkampfe  der  Mittelclassen  entlehnte. 

Erst  nach  und  nach  rückte  es  vor  zu  selbständiger  For- 
mulirung  seiner  Wünsche,  und  hierzu  that  wohl  das  Meiste 
derjenige,  welcher  zuerst  die  sociale  Seite  der  ständischen 
Neubildung  ganz  und  gar  begriff.  Es  war  Robert  Owen,  der 
die  Bestrebungen  des  Proletariats  vom  politischen  Gebiet  ab- 
leitete und  auf  rein  socialen  Boden  hinüber  führte. 


Fünftes   Capitel. 
Die  Socialisten. 

§    1.     Robert  Owen. 

Der  englische  Socialismus  war  principiell  unpolitisch. 
Dennoch  wuchs  auch  er  aus  dem  eudämonistischen  Individua- 
lismus heraus  und  muss  als  eine  eigenthümliche  Abart  des 
Radicalismus  betrachtet  werden.  Er  entstand  vor  1832  und 
entwickelte  sich  nach  der  Reformbill  weiter,  ohne  durch  die 
politischen  Aendeiiingen  nahmhaft  beeinflusst  zu  werden.  Es  ist 
später  die  Varietät  der  „sacred  socialists"  und  es  sind  die  christ- 
lichen Socialisten  aufgetreten  —  beide  ebenfalls  principiell 
unpolitisch  und  daher  von  unseren  Socialdemokraten  viel  wei- 
ter entfernt  als  die  Arbeiter,  die  Cobbett  oder  später  O'Connor 
folgten. 

Der  eigentliche  Vater  des  englischen  Socialismus,  dessen 
Anhänger  sich  auch  zuerst  Socialisten  nannten  und  so  genannt 
wurden,  war  Robert  Owen  ^).  Wie  Cobbett  und  Paine  war  auch 
Owen  ein  Autodidact,   der  allerdings,    ehe    er   Schriftsteller 


^)  The  Life  of  Robert  Owen  written  by  himself,  2  Bde.,  London  1857. 
W.  Lucas  Sargant,   Robert   Owen   and   bis    social   Philosophy, 

London  1860. 
C.  J.  Holjoake,  History  of  Cooperation,  Bd.  1.    London  1878. 
M.  L.  Rejbaud,  Etudes  sur  les  Reformateors,  Paris  1864,  Bd.  1. 
Life  of  Robert  Owen,  Philadelphia  1866. 

Meine  Aufsätze  in  der  Concordia,  Zeitschrift  ftlr  die  Arbeiterfrage 
1876.  Nr.  5  ff. 


344  Erstes  Buch,  Cap.  5. 

wurde,  schon  eine  höhere  sociale  Stellung  als  grosser  und  er- 
folgi*eicher  Fabrikant  errang,  der  aber  niemals  irgend  eine 
regelrechte  wissenschaftliche  Schule  durchmachte.  Welche 
Schriften  und  pei-sönlichen  Einflüsse  ihn  ani-egten,  ist  schwer 
nachweisbar,  da  er  zwar  bekanntlich  Vielerlei  gelesen  hat 
und  mit  vielen  hervorragenden  Männern  Umgang  hatte,  In 
seinen  zahllosen  Schriften  aber  fast  niemals  citii-t  und  bei  der 
überaus  starken,  wenngleich  ehrlichen  Illusionsfähigkeit  sei- 
nes Wesens  alle  von  ihm  ausgesprocheneu  Gedanken  für  seine 
eigenste  Ei*findung  hielt.  Er  gehört  zu  den  utopischen  Socia- 
listen,  welche  ohne  jede  Neigung  zur  Gewaltthat  und  zur  Ver- 
bindung mit  der  politischen  Revolution  alle  Leiden  der  Mensch- 
heit durch  ein  von  ihnen  erfundenes  Weltbeglückungssystem 
aufheben  und  dieses  lediglich  durch  die  Kraft  der  üeberzeu- 
gung  einführen  wollen.  Solche  Schwänuer  hat  es  zu  den  ver- 
schiedensten Zeiten  gegeben  und  kurz  vor  Owen's  Auftreten 
schrieb  Fourier,  mit  dessen  Ideen  Owen's  Voi*schläge  ver- 
gleichsweise am  meisten  Aehnlichkeit  haben,  sein  grundlegen- 
des Werk  „Thöorie  des  quatre  mouvements"  (1808).  Owen  hat 
aber  nie  eine  andere  Sprache  als  die  englische  gesprochen 
und  verstanden  und  so  unterliegt  es  keinem  Zweifel,  dass  er 
eine  directe  Anregung  durch  seine  zeitgenössischen  französi- 
schen Gesinnungsgenossen  nicht  empfing  —  was  auch  Rey- 
baud  zugesteht.  Dagegen  steht  es  fest,  dass  er  mit  Rousseau 
bekannt  war  und  von  John  Bellers  Manches  entlehnte.  Der 
Hauptsache  nach  gingen  seine  Ideen  hervor  aus  den  durch 
die  Grossindustrie  geschaffenen  neuen  Verhältnissen,  in  denen 
er  lebte,  aus  seiner  Natur,  die  eine  Leidenschaft  des  Wohl- 
thuns  besass  und  aus  einer  Menge  ihm  selbst  unbewusster 
Anregungen  des  philanthropischen  Zeitgeists,  die  er  ohne  Kritik 
aufnahm  und  die  in  ihm  eine  höchst  einseitige  warm  em- 
pfundene und  wenig  durchdachte  Weltanschauung  erzeugten. 
Ein  wichtiger  Theil  seines  praktischen  Wirkens  filllt  ei-st  in 
die  Zeit  nach  1832.  Lange  vorher  aber  begann  er  sein  agi- 
tatorisches Wirken  und  sprach  er  die  Gmndgedanken  aus, 
denen  er  immer  treu  blieb.  So  wurde  er  in  derselben  Zeit, 
in  der  der  alte  Radicalismus,  der  Vorläufer  des  Chai-tismus, 


R.  Owen.  345 

die  englichen  Arbeiter  ergriff,  der  eigentliche  Begründer  des 
englischen  Socialismus,  der  in  allen  Stadien  seiner  Entwick- 
lung, treu  den  Owen'schen  Principien,  der  rein  politischen  Agi- 
tation fem  blieb  und  schliesslich  die  praktisch  eben  so  maass- 
volle als  nützliche  Cooperativbewegung  erzeugte.  Wenn 
Owen  in  seinen  Ideen  nur  auffallend  einseitig  war,  und  in 
dieser  Hinsicht  sich  nur  fälschlich  für  originell,  für  den  Trä- 
ger einer  ganz  neuen  Offenbarung  hielt,  so  war  er  in  der 
Anwendung  seiner  Gedanken  zum  Besten  der  von  ihm  geführ- 
ten Arbeiter  in  der  That  originell.  Er  flösste  den  Schaaren 
seiner  Anhänger  in  der  That  diese  bisher  unbekannten  Ten- 
denzen selbständig  ein.  Wenn  Burdett,  Hunt,  Cartwright, 
Paine  und  Cobbett  für  die  Arbeiter  aussprachen,  was  diese 
empfanden,  so  lehrte  Owen  seine  Arbeiter  etwas,  worauf 
diese  vor  Owen  noch  ganz  unvorbereitet  waren.  Er  hatte 
eine  sehr  confuse  und  ungenügende  Bildung,  sein  kritischer 
Verstand  war  von  Natur  sehr  beschränkt ,  aber  er  besass  die 
schöpferische  Kraft  des  von  reinster  Menschenliebe  erfüllten 
Herzens.  Die  Geschichte  seines  Lebens  hat  trotz  seiner  ex- 
centrischen  und  oft  geradezu  lächerlichen  Veriirungen  den 
grossen  Werth  zu  zeigen,  dass  ein  unbedingt  reiner  und  edler 
Wille,  trotz  aller  falschen  Begriffe,  trotz  aller  unmöglichen 
directen  Ziele  im  letzten  Erfolge  Gutes  erzeugen  muss. 

Robeil  Owen  wurde  1771  in  Newtown  in  Wales  geboren 
und  bald  einem  Kaufmann  in  die  Lehre  gegeben.  Das  Lesen 
religiöser  Bücher  ohne  jegliche  Anleitung  und  die  frühzeitige 
Bertihi-ung  mit  Angehörigen  verechiedener  Confessionen,  die 
alle  die  volle  Wahrheit  ausschliesslich  zu  besitzen  glaubten, 
erweckten  schon  in  dem  zehnjährigen  Knaben  Zweifel  an  der 
Wahrheit  aller  kirchlichen  Dogmen.  Er  kann  dann  als  Com- 
mis  nach  Manchester,  wo  er  durch  seine  ungewöhnliche  Energie, 
seine  Kunst  Menschen  zu  behandeln  und  sein  grosses  natür- 
liches Talent  für  Technik  vor  erreichter  Volljährigkeit  Director 
der  ersten  grossen  Feingarn-Fabrik  wurde. 

Aber  nicht  nur  ein  gewisse  praktische  Genialität  und  eine 
selbst  unter  den  rauhen  erwerbsinnigen  Männem  Lancashire's 
ungewöhnliche  Arbeitskraft  zeichneten  ihn  aus,  sondern  schon 


340  Erstes  Buch,  Gap.  5. 

damals  war  er  erfüllt  vom  Drange  zu  lernen  —  und  noch 
mehr  zu  lehren.  In  seinen  Mussestunden  beschäftigte  er  sich 
in  autodidaktischer  Weise  mit  wissenschaftlichen  Studien  und 
entwickelte  bereits  die  Tendenz  aus  höchst  beschränkten  Kennt- 
nissen und  Erfahrungen  heraus  allgemeine  Sätze  zu  entwickeln. 
Er  verkehrte  mit  Aerzten  und  Technikera  und  hatte  unter 
Andern  nahe  Berahrungen  mit  dem  Vervollkommner  des 
Dampfboots,  Robert  Fulton. 

Der  Mann,  der  an  der  Theologie  bereits  in*e  geworden 
War,  in  dessen  Herzen  aber  die  zeitgenössische  Idee  von  dem 
gleichen  Anrecht  aller  Menschen  auf  Glück  den  wärmsten  An- 
klang fand,  der  Mann,  der  in  frühester  Jugend  gegenüber 
seinen  Arbeitern  ein  natürliches  Talent  patriarchalischer 
HeiTSchaft  entwickelte  und  als  Techniker  sich  in  der  BeheiT- 

* 

schung  der  natürlichen  Stoffe  übte,  betrachtete  schon  damals 
„die  ganze  Welt  als  ein  grosses  Laboratorium,  und  den  Men- 
schen als  ein  complicirtes  chemisches  Product."  Seine  Freunde 
nannten  ihn  schei*zend  den  „Philosophen,  der  Menschen  auf 
chemischen  Wege  machen  will." 

Und  in  der  That  lebte  er  dem  Wahne,  dass  durch  rich- 
tige Einrichtung  der  Verhältnisse  nach  seinem  Plan  und  unter 
seiner  Direction  alle  Menschen  sittlich  und  glücklich  gemacht 
werden  könnten  und  müssten.  Eine  rein  materialistische  und 
mechanische  Auffassung  vom  Menschen  ergriff  er  mit  heili^^er 
Begeisteiiing  und  mit  einer  Art  von  religiöser  Wärme,  indem 
er  an  seinen  Prophetenberuf  zum  Heile  aller  Menschen 
glaubte  —  er  dachte  sich  als  die  Kraft,  welche  die  chemischen 
Menschenstoffe  in  die  richtigen  Verbindungen  bringen  konnte 
und  sollte.  Die  französischen  Ideen  unbedingter  Volksbe- 
glückung durch  eine  allein  denkende  und  verantwortliche 
Regierung  und  die  materialistische  Auffassung  vom  Menschen 
gestalteten  sich  in  der  Seele  des  Mannes,  der  von  Natur  ein 
unbegrenztes  Wohlwollen  für  die  Gefühle,  Gedanken  und  Thaten 
seiner  Mitmenschen  hatte,  zu  dem  unverwüstlichen,  trotz  aller 
Misserfolge  stets  freundlichen  hoffnungs-  und  liebevollen 
Glauben  an  den  eigenen  Beruf  des  Weltheilands. 

Seine  Stellung  als  Fabrikdirector  verliess  er  aus  überaus 


R.  Owen.  347 

ehrenwerthen  Motiven  und  trat  in  ein  anderes  Geschäft  ein, 
das  ihn  oft  nach  Glasgow  führte,  wo  Arkwright  selbst  den 
zweiten  Hauptsitz  der  britischen  Textilindustrie  begründet 
hatte.  Dort  hatte  in  Verbindung  mit  Arkwright  ein  gewisser 
Dale  Fabriken  en-ichtet  und  als  einer  der  ersten  philanthropi- 
schen Arbeitgeber  durch  Arbeiterhäuser,  Schulen  etc.  seiner 
Zeit  Bedeutendes  geleistet.  Owen  heirathete  Dale's  Tochter, 
der  er  zeitlebens  ein  treuer  und  liebender  Gatte  blieb,  ohne 
sie  jedoch  in  seine  agitatorischen  Bestrebungen  hinein  zu 
ziehen.  Er  kaufte  mit  seinen  Compagnons  Dale's  Fabriken 
und  siedelte  1800  als  Director  derselben  nach  Lanark  über. 
Er  verfolgte  alsbald  grössere  Pläne  als  sein  Schwiegervater, 
der  ihm  trefflich  vorgearbeitet  hatte  und  mit  dem  er,  so  lange 
er  lebte,  in  herzlichem  Einvernehmen  blieb,  obwohl  Dale 
über  Owen's  hochfliegende  Gedanken  und  seinen  überaus  festen 
Glauben  an  sich  selbst  nicht  wenig  staunte.  Er  war  aber  vor- 
sichtig in  der  Ausführung,  fing  ohne  seine  Ziele  auszusprechen 
mit  kleinen  Verbesserungen  an  und  gewann  sich  die  misstrau- 
ischen  schottischen  Arbeiter  durch  unerhörten  Edelmuth,  in- 
dem er  während  einer  Krisis  7000  Pfd.  Sterl.  ausgab,  um  den 
Beschäftigungslosen  die  vollen  Löhne  auszuzahlen.  Nach  Dale's 
Tode  musste  er  sich,  da  die  andera  Partner  gleiche  Milde 
gegenüber  seinen  nun  ausgesprochenen  Ideen  nicht  entwickelten, 
neue  Partner  suchen,  was  auch  1809  gelang.  Nun  begann  er 
gleichzeitig  in  Lanark  seine  Pläne  in  ausgedehntem  Maasse 
zu  verwirklichen  und  zugleich  seine  Ideen  zu  verbreiten. 

Owen's  Thätigkeit  in  Lanark ,  die  er  später  zu  Ehren 
seines  Weltbeglückungsfanatismus  aufgab,  war  nicht  nur  die 
schönste  erfolgreichste  Periode  seines  Wirkens,  sondera  über- 
haupt eine  der  schönsten  Leistungen  weiser  Philanthropie. 
Gerechten  grossen  Ruhm  erwarb  er  sich  hierdurch  und  das 
Mustergültige,  das  er  hier  in  engem  Kreise  vollbrachte,  war 
das  gi'össte  Verdienst,  das  er  sich  um  sein  Land  und  die 
Menschheit  erwerben  konnte  —  hier  reichte  seine  Kraft  aus. 
Seinen  Ideen  die  Welt  zu  erobern  vermochte  er  nicht,  und 
dass  er  es  später  versuchte,  war  der  Grund,  dass  er  schliess- 
lich als  halbvergessener  Greis  ruhmlos  ins  Grab  sank,  wenn 


348  Erstes  Bach,  Cap.  5. 

auch  aus  seiner  Agitation  wohlthätige  Erfolge  —  andere  aber, 
als  er  selbst  im  Auge  gehabt  hatte,  —  hei'vorgingen. 

Owen's  Leistungen  in  Lanark  beinihten  auf  seiner  unbe- 
dingten geistigen  Superiorität  über  die  Arbeiter,  sowie  auf  dem 
innigen  Vertrauen  zu  seiner  Pei-son,  das  seine  unerschütter- 
liche stets  milde  und  zu  grossmüthigem  Verzeihen  bereite 
Menschenliebe  bei  den  Arbeiteni  hervorrief.  Eine  Arbeiter- 
bevölkeiTing  von  2 — 3000  Seelen  hob  er  aus  dem  Zustand 
tiefster  Verwahrlosung  zu  einem  gebildeten,  sittlichen  und 
glücklichen  Dasein  empor.  Das  Gleiche  konnte  ein  minder 
eifriger  und  wohlwollender  Charakter  nirgends  leisten  und 
selbst  ein  gleichartiger  Charakter  würde  dasselbe  nicht  selbst- 
bewussten,  schon  höher  stehenden  Arbeitern  gegenüber  voll- 
bringen können.  Aber  Owen  stellte  damit  noch  kein  Programm 
auf,  das  er  ohne  Rücksicht  auf  praktische  Verhältnisse  des 
Einzelfalls  durchsetzen  wollte,  sondern  er  ging  allmälig  und 
ausserordentlich  praktisch  vor  und  gab  so  in  der  That  ein 
Beispiel,  wie  ein  wohlwollender  FabrikheiT  zu  seinem  und 
der  Arbeiter  Vortheil  handeln  soll  —  ein  Beispiel,  das  sei- 
ner ganzen  Natur  nach  mutatis  mutandis  allgemein  nachge- 
ahmt werden  konnte.  Er  sorgte  für  gesunde  und  reinliche 
Wohnungen,  er  verkaufte  den  Arbeitern  gegen  billige  Preise 
Alles,  was  sie  brauchten,  in  guter  Qualität,  er  legte  Spazier- 
gänge an,  sorgte  für  ärztliche  Behandlung  etc.  etc.  Vor 
Allem  aber  leitete  er  seine  Arbeiter  zu  geordneter  und  sitt- 
licher Lebensweise  an,  ohne  Aussetzung  von  Belohnungen  und 
ohne  Auflegung  von  Strafen  —  sondeni  lediglich  dadurch, 
dass  sein  liebend  sorgendes  Auge  überall  hindrang  und  dass 
er  eine  gegenseitige  moralische  Controle  der  Arbeiter  einrich- 
tete, so  dass  das  Ehrgefühl  gehoben  wurde  und  allein  wirkte. 
Für  die  Kinder  unter  10  Jahren  richtete  er  Schulen  ein,  in 
denen  der  Anschauungsunterricht  heri-schte.  Confessioneller 
ReligionsunteiTicht  war  ausgeschlossen,  aber  die  Bibel  wurde 
gelesen  und  jede  einzelne  Familie  war  in  der  Pflege  ihres 
confessionellen  Glaubens  völlig  ungehemmt. 

Bei   all  dem  war  Owen   von  der   Idee  erfüllt,  dass  der 
Mensch  nicht  selbst  verantwortlich  sei,  sondern  durch  die  Ver- 


R.  OwAD.  349 

hältnisse,  in  denen  er  lebt,  gut  oder  böse  werde  und  er  wollte 
solche  Verhältnisse,  die  den  Menschen  gut  und  glücklich  machen, 
einführen.  Während  seines  Schaffens  befestigte  sich  diese  Idee 
immer  mehr  in  ihm,  aber  noch  handelte  er  factisch  nicht  als 
Doctrinär,  sondeiii  was  er  that  war  an  sich  praktisch.  Seine 
Schuleinrichtungen  waren  dabei  ein  ganz  besonderes  Verdienst ; 
er  gehört  zu  den  Ersten,  die  in  England  die  Bewegung  für 
allgemeine  Einrichtung  von  Schulen  in  Gang  brachten.  Bell 
und  Lancaster  hat  er  beide  grossartig  unterstützt.  Wie  prak- 
tisch und  erfolgreich  er  in  New-Lanark  wirkte,  geht  daraus 
heiTor,  dass  ein  wahrer  Sturm  des  Jubels  unter  den  Arbei- 
tern ausbrach,  als  er  nach  einer  abermaligen  Erisis  unter  den 
Pai-tnem  1813  mit  neuen  Genossen  —  daninter  Bentham  und 
Allen  —  die  Fabriken  erwarb  und  Hen-  von  Lanark  blieb. 
Sein  Buhm  wuchs  immer  höher,  Fürsten  und  andere  ein« 
flussreiche  Männer  wallfahrteten  nach  Lanark.  Im  Jahre 
1815  war  Robert  Owen  der  verdienteste  und  berühmteste 
FabrikheiT  in  England,  der  in  einem  technisch  und  mercantil 
ungewöhnlich  blühenden  Etablissement  durch  seine  Humanität 
und  patriarchalische  Herrschaft  die  prosperirendste  Arbeiter- 
colonie  geschaffen  hatte.  Schon  hatte  er  auch  daiilber  hin- 
aus zu  wirken  begonnen ,  aber  auch  nur  in  einer  praktisch 
anerkennenswerthen  Weise,  indem  er  Gründung  von  Schulen 
beförderte  und  mit  dem  älteren  Peel  für  gesetzliche  Be- 
schützung der  Fabrikkinder  arbeitete.  Dieselbe  natürliche  Lie- 
benswürdigkeit und  wohlwollend  imponirende  Haltung,  die  ihn 
zum  Abgott  seiner  Arbeiter  machte,  verechaffte  ihm  in  den 
weitesten  Kreisen  Anerkennung  und  Einfluss. 

Doch  hier  bekümmern  uns  mehr  seine  Ideen  als  seine 
Thaten.  Im  Jahre  1812  *),  als  er  noch  von  den  Erfolgen 
seiner  kleinen  Welt  in  New-Lanark  ganz  beherrscht  war,  ver- 
fasste  er  seine  ei*sten  Schriften,  deren  Hauptgedanke  ist,  dass 
durch  rationelle  Erziehung  die  ganze  Menschheit 
glücklich  gemacht  werden  könne  und  müsse. 


*)  Ein  älterer  Bericht  über  Baumwollhandcl ,  d.  h.  gegen  Zölle  auf 
Rohbaumwolle  von  1803,  idt  von  keiner  socialen  Bedeutung. 


350  Erstes  Buch,  Cap.  5. 

Was  er  in  Lanark  praktisch  schuf,  war  nach  seiner  Mei- 
nung nur  der  ei*ste  Schritt,  der  gethan  werden  musste  —  die 
Bildung  eines  neuen  vollkommneren  Charakters  bei  den 
Kindern,  die  Umformung  des  Charaktere  der  Eltern.  —  Seine 
Idee  war,  dass  daraus  ^^reichlicher  Wohlstand  für  Alle  und 
Basirung  der  Gesellschaft  auf  ihre  einfachsten  Grundlagen'^ 
folgen  solle.  ^)  Schon  damals  hatte  er  übertriebene,  einseitige, 
utopische  Gedanken;  dennoch  herrschte  in  seinen  Schriften 
ein  gewisses  Maass,  sie  enthielten  —  namentlich  in  damaliger 
Zeit  —  noch  wenig  allzu  Excentrisches  oder  gar  Abstossendes, 
Erst  allmälig  entwickelte  sich  bei  dem  durch  Erfolg  und  An- 
erkennung berauschten  Autodidakten  jener  Glaube  an  die 
eigene  Unfehlbarkeit,  der  ihn  zu  praktischen  Missei-folgen  und 
schliesslich  zur  Lächerlichkeit  führte.  Anfangs  hielt  er  glück- 
lich noch  mit  den  einfachsten  Principien,  auf  welche  die  Ge- 
sellschaft basirt  werden  soll,  zurück. 

Im  Jahre  1812  präsidirte  Owen  einem  Diner  zu  Ehren 
von  Joseph  Lancaster  in  Glasgow.  Owen  verstand  unter  Er- 
ziehung „alle  Belehrung,  die  wir  von  Kindheit  an  bis  zur 
endgültigen  Bildung  unseres  Charakters  empfangen*'  und  ist 
der  Meinung,  dass  diese  Erziehung  „die  Hauptquelle  von 
allem  Guten  und  Schlimmen,  allem  Elend  und  Glück  in  der 
Welt  ist,  soweit  diese  von  unseru  Thaten  abhänge". 
Für  die  ganze  Gesellschaft  sei  es  vor  Allem  wichtig,  dass  die 
Arbeiterkinder  gut  erzogen  werden. 

Die  Rede  enthält  nicht  mehr  sanguinischen  und  einsei- 
tigen Eifer  für  Bildung,  als  bei  einer  ersten  Anregung  unver- 
meidlich ist.  Es  verräth  sogar  hohe  Einsicht,  dass  Owen 
nicht  für  einseitig  intellectuelle,  sondern  für  moralische  Bil- 
dung war  und  dass  er  die  herrschenden  Classen  auf  die  Zu- 
stände der  Arbeiter  aufmerksam  machte,  —  das  Feuer  der 
Begeisterung  war  sogar  durch  einen  mässigenden  Zusatz,  dass 
unsere  Thaten  nicht  Alles  leisten  können,  gedämpft. 

Im  Jahre  1813  und  1816  veröflfentlichte  Owen  sodann  vier 
Aufsätze,  von  denen  auch  die  1816  veröffentlichten  schon  1813 

*)  Siehe  Life  of  Robert  Owen,  written  by  himself  Bd.  1.  S.  243. 


R.  Owen.  351 

geschrieben  waren :  „A  New  View  of  Society  or  Essays  on 
the  Principle  of  the  Fonnation  of  the  Human  Character  and 
the  Application  of  the  Principle  to  Practice.**  Auch  in 
diesen  Schriften  zeigt  der  Herr  von  Lanark  noch  eine  gewisse 
Bescheidenheit.  Das  grösste  und  eigenthümlichste  Verdienst 
derselben  ist,  dass  der  durch  eigene  Kraft  emporgekommene 
Fabrikant  seinen  Landsleuten  das  Wesen  der  durch  die  Gross- 
industrie bedingten  socialen  Frage  der  Neuzeit  klar  macht, 
welches  den  zeitgenössischen  radicalen  Volksführern  bekannt- 
lich noch  ganz  unklar  war.  In  der  an  die  Fabrikanten  etc. 
adressirten  Von-ede  des  3.  Essay's  heisst  es:  „Seit  der  all- 
gemeinen Einfuhrung  eines  leblosen  Mechanismus  in  die  bri- 
tische Manufactur  wurde  der  Mensch  mit  wenigen  Ausnahmen 
als  eine  niedere  Maschine  zweiten  Ranges  behandelt;  und 
man  hat  vielmehr  Sorgfalt  verwendet,  die  Rohmaterialien  von 
Holz  und  Eisen,  als  die  von  Leib  und  Seele  zu  veiToUkommnen. 
Widmet  der  Frage  nur  die  gebührende  Aufmerksamkeit  und 
Ihr  werdet  sehen,  dass  der  Mensch,  selbst  in  seiner  Eigen- 
schaft als  Werkzeug  der  Pi-oduction  von  Reichthum,  noch 
bedeutend  vervollkommnet  werden  kann.  Aber  es  erübrigt 
noch  eine  viel  interessantere  und  dankbarere  Betrachtung. 
Benutzet  die  Mittel,  die  bald  Jedermann  verständlich  sein 
werden,  und  Ihr  werdet  nicht  nur  diese  lebenden  Werkzeuge 
vervollkommnen,  sondern  Ihr  werdet  lernen,  sie  solcher  Vor- 
trefflichkeit theilhaftig  zu  machen,  dass  sie  die  der  Gegen- 
wart und  aller  Vergangenheit  unendlich  übertreffen.''  Owens 
unendlich  friedliebender  Character,  der  mit  Leidenschaft  überall 
Harmonie  der  Interessen  hei-zustellen  trachtete,  konnte  nicht 
dazu  gelangen,  den  Classenkampf  zu  predigen.  Aber  er  sah 
den  Gegensatz  zwischen  Capital  und  Arbeit  und  er  pre- 
digte die  höheren  socialen  Pflichten  der  Besitzenden  gegen- 
über den  Arbeitenden.  Er  war  überzeugt,  dass  die  Erfüllung 
dieser  Pflichten  im  wahren  Interesse  der  Arbeitgeber  selbst 
liege  und  er  erwartete  daher  von  der  durch  ihn  zu  verbrei- 
tenden Aufklärung  den  unbedingten  socialen  Frieden.  Dadurch, 
dass  er  praktisch  eine  Pflichtenlehre  fornmlirte,  stand  er 
in  der  That  über   seinen  Zeitgenossen    unter  den   radicalen 


352  Erstes  Bach,  Gap.  5. 

Politikeiii,  gerade  so  wie  er  Malthus  gegenüber  im  Bechte 
war,  wenn  er  ein  gewisses  Maass  von  Wohlstand  als  uner- 
lässliche  Vorbedingung  von  sittlichem  Lebenswandel  betrachtete 
und  eine  nicht  geringe  Steigerung  der  menschlichen  Produc- 
tivität  für  möglich  hielt. 

Sein  gutes  Herz  und  seine  praktische  Erfahrung  ver- 
schafften ihm  manche  überlegene,  zu  seiner  Zeit  neue  Ein- 
sicht Seine  theoretischen  Ansichten  über  Mensch  und  Staat 
waren  dabei  freilich  ganz  von  dem  durch  Bentham  repräsen- 
tirten  Zeitgeist  erfüllt,  was  nicht  fUr  die  Selbständigkeit  seiner 
wissenschaftlichen  Fähigkeiten  zeugt,  aber  die  ihm  von  den  Zeit- 
genossen gewidmete  Anerkennung  nicht  vermindern  konnte. 
Der  Mensch  ist  mit  einem  natürlichen  Streben  nach  Glück 
ausgestattet,  „die  Begierung  hat  den  Zweck,  Begierte  und 
Begierende  glücklich  zu  machen ;  die  beste  Begierung  ist  die- 
jenige, welche  in  der  Praxis  das  grösste  Glück  der  giössten 
Zahl  bewirkt,  wobei  Alle,  die  regieren  und  die  gehorchen, 
mitgerechnet  werden  müssen."  (4.  Essay.) 

Das  ist  Bentham  unter  ausdiilcklicher  Abweisung  aller 
Aufhetzung  gegen  die  Begierung  und  mit  der  ausschliesslichen 
Tendenz,  die  Begierung,  deren  Form  und  Art  Owen  gleich- 
gültig war,  belehrend  zu  beeinflussen.  Der  bei  weitem  grösste 
Theil  der  Bevölkerung  gehört  zu  den  arbeitenden  Classen  oder 
ist  aus  diesen  emporgestiegen;  und  durch  sie  ist  Glück  und 
Wohlsein  aller  Stände  inclusive  der  höchsten,  sehr  wesentlich 
beeinflusst  (3.  Essay)  —  das  heisst  die  Bentham'sche  Glück- 
seligkeitslehre wird  in  bewusster  Weise  vorzüglich  den  Ten- 
denzen der  Arbeiter  dienstbar  gemacht,  —  jedoch  ohne  Auf- 
reizung dieser  gegen  die  Beichen.  Zu  der  Benthamitischen 
Lehre  wird  principiell  und  immer  ein  starker  Glaube  an  die 
natürliche  Harmonie  aller  Interessen  gefügt,  der  keineswegs 
ein  das  Laissez  faire  motivirendes  Sophisma,  sondern  der 
Ausdruck  des  starken  Wunsches  nach  gemeinnützigem  Thun 
ist;  man  kann  sagen,  Owen  besitzt  Bentham's  Beschränktheit 
der  Gesichtspuncte  und  seine  Tendenz,  den  Menschen  zu 
nützen,  ohne  sein  Misstrauen  gegen  die  Menschen  und  die 
Herrschenden  insbesondere. 


R.  Owen.  353 

»Alle  complicirten  und  widersprechenden  Motive  fbr  gutes 
Verhalten  werden  auf  ein  einziges  Princip  der  Handlungen 
(natQrlich  durch  Owen)  zurückgeführt,  welches  durch  seine 
einleuchtende  Wirksamkeit  und  Zulftnglichkeit  jenes  (das  alte) 
verworrene  System  unnöthig  machen  und  schliesslich  in  allen 
Theilen  der  Welt  ersetzen  wird.  Dies  Princip  ist  das  Glück 
des  eigenen  Ich's,  klar  verstanden  und  gleichf&imig  verwirk- 
licht, das  nur  eiTcicht  werden  kann  durch  ein  Verhalten, 
welches  das  Glück  der  Gesammtheit  befördeiTi  muss.  Denn 
jene  Macht,  welche  das  Weltall  behen-scht  und  durchdringt, 
hat  ersichtlicher  Weise  den  Menschen  so  gebildet,  dass  er 
progressiv  aus  einem  Zustand  der  Unwissenheit  zu  dem  einer 
Intelligenz  übergehen  muss,  deren  Grenzen  die  Menschen  nicht 
bestimmen  können,  und  dass  er  bei  diesem  Fortschritt  ent- 
decken muss,  dass  sein  individuelles  Glück  nur  durch  Wachsen 
und  Ausdehnung  des  Glücks   aller  ihn  Umgebenden  wachsen 

und  zunehmen  kann." Es   ist  daher   die  Quintessenz 

aller  Weisheit  für  die  privilegirten  Glassen,  ehrlich  und  von 
Herzen  mit  Denjenigen  zusammen  zu  wirken,  die  nicht  ein 
Titelchen  ihrer  jetzt  besessenen  Vortheile  ihnen  zu  nehmen 
gedenken  und  deren  ei*ster  und  letzter  Gedanke  ist,  das  spe- 
cielle  Glück  dieser  Classen  zugleich  mit  dem  allgemeinen  Glück 
der  Gesellschaft  zu  befördern  (1.  Essay). 

In  Bentham's  Schriften  bleibt  es  ein  unaufgeklärter  Wider- 
sprach, wie  er  im  Stande  ist,  alle  Menschen  für  nothwendig 
egoistisch  zu  erklären,  so  dass  sie  nicht  aus  Pflichtgefühl  oder 
Instinct  das  gemeine  Wohl  befordern  und  dass  er  doch 
sich  für  berufen  und  befähigt  hielt,  die  Regeln  zu  verkün- 
den, welche  das  allgemeine  Wohl  begiünden.  Bentham  er- 
kennt diesen  Widerspruch  nicht,  weil  er  an  die  berechtigte 
AUeinheiTSchaft  seiner  pei-sönlichen  Vernunft  unentwegt  und 
ohne  den  leisesten  Zweifel  glaubt. 

Ebenso  ist  Owen  der  unbedingten  Ueberzeugung,  dass  die 
Welt  allein  durch  richtige  Erkenntniss  gebessert  werden 
könne,  „dass  nur  in  dem  Verhältniss,  als  des  Menschen  Streben 
nach  eigenem  Glück  oder  seine  Selbstliebe  durch  wahre  Er- 
kenntniss geleitet  werde,  tugendhafte  und  segensreiche  Hand- 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  23 


354  Erstes  Bach,  Gap.  5. 

langen  überwiegen  werden^,  und  seine  Gha r akter erziehang 
beruht  auf  dem  Erkennen  der  Wahrheit.  Er  ist  der  üebcr- 
zeugung,  dass  bisher  alle  Menschen  „falsch  erzogen  und  ge- 
bildet worden  sind  und  daher  alles  Elend  in  der  Welt  stammt'' 
—  und  glaubt  doch  ganz  naiv,  dass  er  allein  der  bisher  in 
Irrthum  befangenen  Welt  die  volle  Wahrheit  bringe,  obwohl  er 
doch  selbst  auch  falsch  erzogen  worden  sein  muss.  Bescheidener 
Weise  meint  Owen  (s.  die  Adresse  von  1816,  Life  Bd.  I,  S. 
850),  dies  sei  kein  Verdienst  von  ihm,  aber  er  freut  sich  ohne 
Bedenken  seiner  allen  anderen  Menschen  überlegenen  Einsicht, 
die,  gewissermaassen  zufällig  oder  durch  Wunder  entstanden, 
ihm  die  Pflicht  auflege,  für  seine  Mitmenschen  zu  sorgen  — 
er  sprach  auch  später  selbst  von  einer  ihm  gewordenen 
Offenbarung. 

Dieser  auf  Selbstüberschätzung  beruhende  Widersprach 
war  nicht  grösser  als  der  ähnliche  Widerspruch  bei  Bentham 
und  that  seinem  Einfluss  vor  der  Hand  um  so  weniger  Ein- 
trag, als  Owen  damals  noch  zur  Durchsetzung  der  von  ihm 
erkannten  Wahrheiten  ein  allmäliges  Vorgehen  und  Compro- 
mittiren  mit  der  verderbten  thörichten  Welt  für  räthlich  hielt. 
Man  ist  überdies  Selbstüberschätzung  bei  Autodidakten  und 
Neuerem  gewöhnt  und  erträgt  sie,  weil  einseitiger  übeitrie- 
bener  Glaube  an  die  Wahrheit  der  eigenen  Principien  die 
praktische  Energie  wohlthätig  fördert.  Owen's  Ansehen  und 
Ruhm  wurde  durch  diese  Selbstüberschätzung  damals  noch 
nicht  beeinträchtigt,  so  wenig  wie  durch  die  unleugbare  schlep- 
pende Breite  und  das  ermüdend  Didaktische  seines  Stils,  der 
sich  durch  einen  gänzlichen  Mangel  packender  Bilder,  geist- 
reicher und  abwechselnder  Wendungen  auszeichnet.  Durch- 
schlagend war,  dass  er  sich  in  seinen  ersten  Essays  an  alle 
denkenden  Menschen  jedes  Stands  und  jeder  Partei  in  ten- 
denzloser friedlicher  Menschenliebe  wandte  und  dass  die  ein- 
zelnen praktischen  Postulate,  die  er  aufstellte,  durchaus  mas- 
sig und  veretändig  waren.  Er  verlangte  (Siehe  Life  S.  312) 
eine  erfolgreiche  Bekämpfung  des  übermässigen  Genusses 
starker  Spirituosen  durch  allmälige  starke  Erhöhung  der 
Branntwein-  und  Erniedrigung  der  Biersteuer;   er  verlangte 


R.  Owen.  355 

AbschaffÜDg  der  Lotterie,  £i*8etzung  der  die  Armuth  beför- 
dernden Armengesetze  durch  rationelle  £rziehung  der  Armen, 
die  Errichtung  eines  staatlichen  Schulamts  (ä.  224),  Lehrer- 
seminarien  und  Schulen  (S.  324),  endlich  ein  Staatsamt  zur 
Erhebung  einer  Ärbeitsstatistik  und  zur  Arbeitsvermittlung  — 
zu  dessen  Ergänzung  nur  der  Staat  diejenigen,  die  keine  Ar- 
beit in  Privatgeschäften  finden  können,  durch  Wegebau  und 
dergleichen  beschäftigen  soll. 

Owen  verlangte  also  von  der  Regierung  durchaus  nichts 
Ungeheuerliches.  Seine  Hoffnung,  dass  durch  rationelle  Er- 
ziehung der  Menschen  der  Krieg  aufhören  würde,  dass  in  den 
Erziehungsanstalten  aber  die  Kinder  soweit  einexercirt  wer- 
den sollten,  dass  sie  zur  Landesvertheidigung  fähig  werden, 
war  zu  seiner  Zeit  auch  nichts  sehr  Auffallendes  und  Owen's 
Idee,  mit  der  Heranbildung  der  Arbeiter  Altersversorgungs- 
anstalten zu  verbinden  (S.  303)  war  sogar  eine  sehr  verstän- 
dige und  heilsame  Anregung.  Freilich  lag  diesen  praktisch 
massigen  Vorschlägen  ein  übertriebener  Gedanke  zu  Grunde, 
den  Owen  schon  in  den  Essay's  ausspricht,  der  aber  hier 
noch  mehr  eine  nur  theoretische  Bedeutung  hat.  Owen  glaubt 
die  Einrichtung  des  menschlichen  Lebens  auf  einfache  abso- 
lute Wahrheiten  begründen  zu  können,  die  er  entdeckt  hat 
und  die  zweifellos  sind,  weil  sie  in  sich  selbst  consequent  und 
auf  Thatsachen  begründet  sind  und  er  glaubt,  dass  durch 
Belehrung  über  diese  Thatsachen  und  Wahrheiten  alle 
Menschen  unbedingt  weise,  tugendhaft  und  glücklich  werden 
müssten.  Die  Thatsachen,  auf  deren  Erkenntniss  alle  Wahr- 
heit und  alles  Glück  beruhen,  sind  nun  theils  Gemeinplätze, 
aus  denen  allein  sich  nichts  folgern  lässt,  so  der  Satz,  dass 
alle  Menschen  von  Natur  nach  Glück  streben  —  theils  aber 
unbewiesen  und  unbeweisbar  einseitige  Behauptungen  (S.  300). 
Die  beständige  Beinifuug  auf  Thatsachen,  der  Satz,  dass  alles 
Wissen  auf  Erfahrung  beruhe  etc.,  ist  bei  Owen  offenbar  ein 
unbewusstes  und  unverstandenes  Anschliessen  an  die  Philo- 
sophie von  Baco  und  Locke,  mit  deren  in  England  weithin 
anerkannten  Grundsätzen  Owen  seine  fixen  Ideen  in  Einklang 

zu  bringen  suchte. 

23* 


356  Erstes  Bach,  Cap.  5. 

Die  wichtigste  dieser  Behauptungen,  die  eigentliche  immer 
wiederkehrende^  Grundidee  Owen's  ist  die,  dass  der  Mensch 
selbst  an  seinem  Charakter  gänzlich  unschuldig  ist,  dass  er  in 
seinem  ganzen  Wesen  und  in  Folge  davon  in  all  seinen  Hand- 
lungen lediglich  durch  ausser  ihm  selbst  liegende  Verhältnisse 
bestimmt  werde.  Der  Mensch  werde  ohne  seine  Schuld  im 
Mutterleib  mit  gewissen  Anlagen  ausgerüstet  und  diese  dann 
durch  äussere  Eindillcke  der  Erziehung  und  Bildung  in  ge- 
wisser Weise  entwickelt  und  Alles  hänge  davon  ab,  dass  ihm 
richtige  Begriffe  beigebracht  werden.  Sind  die  ihm  beige- 
brachten Kenntnisse  wahr  und  nicht  irrthümlich,  so  wird  und 
muss  er  glücklich  werden.  Der  Mensch  ist  für  Owen  ein 
willenloses  bildsames  Material,  das  durch  Einwirkung  der 
von  Owen  entdeckten  Wahrheit  zur  absoluten  Vollkommenheit 
gebracht  werden  kann.  „Jeder  allgemeine  Character  vom 
besten  bis  zum  schlechtesten,  vom  unwissendsten  bis  zum 
aufgekläi-testen  kann  jeder  Gesammtheit,  ja  der  ganzen  Welt, 
durch  Anwendung  geeigneter  Mittel  gegeben  werden;  welche 
Mittel  in  gi*ossem  Maass  unter  der  Verfügung  und  Controle 
deijenigen  stehen,  welche  Einfluss  auf  die  Angelegenheiten 
der  Menschen  haben"  (S.  266).  „Ich  zaudere  nicht,  zu  sagen, 
dass  die  Glieder  jeder  Gemeinschaft  allmälig  dazu  erzogen 
werden  können,  ohne  Trägheit,  Armuth,  Verbrechen  und  Krieg 
zu  leben,  da  all  dies  nur  Folge  von  Irrthum,  noth wendige 
Consequenz  von  Unwissenheit  ist  (285).  „Der  Charakter  des 
Mensehen  wird  ohne  eine  einzige  Ausnahme  für  ihn  gebildet, 
d.  h.  durch  seine  Vorgänger  erzeugt  —  der  Mensch  kann  aber 
nie  und  wird  nie  seinen  eigenen  Charakter  bilden"  (S.  292). 
„Der  Wille  des  Menschen  hat  keine  Macht  über  seine  Mei- 
nungen; er  muss  immer  glauben  und  hat  immer  geglaubt, 
was  ihm  von  seinen  Vorgängern  und  den  ihn  umgebenden  Ver- 
hältnissen als  Eindinick  zugeführt  wurde  oder  wird." 

Owen  leugnet  den  freien  Willen  vollständig  und  erklärt 
den  einzelnen  Menschen  für  moralisch  unverantwortlich.  Dass 
die  Leugnung  der  Willensfreiheit,  die  schon  bei  Priestley  vor- 
kommt, im  Grunde  zu  der  materialistischen  Glückseligkeits- 
lehre passt,  wird   von   ihm  nicht  besprochen.     Jede  philoso- 


R  Owen.  857 

phische  Untersuchung  über  das  gi*osse  Problem  von  Freiheit 
und  Nothwendigkeit  und  die  Beantwortung  dieser  Frage  vom 
Standpunct  materialistischer  oder  idealistischer  Weltanschau- 
ung fehlt  vollständig.  Nirgends  auch  ist  eine  Andeutung  zu 
finden^  ob  und  wie  etwa  die  calvinistische  Prädestinationslehre, 
schon  vor  Owen's  Beschäftigung  mit  den  Naturwissenschaften 
bei  ihm  ähnliche  Gedanken  angeregt  hat  Owen  denkt  über 
diese  Frage  absolut  nicht  nach.  Er  spricht  nur  immer  wie- 
der und  wieder  das  Axiom  als  seine  Entdeckung  aus,  wobei 
ihm  die  Frage,  wie  denn  ihm  trotz  Aufwachsens  in  der  irren- 
den Welt  diese  Erkenntniss  geworden  sei,  gar  nicht  au&tösst 
Der  Satz  ist  einfach  ein  Ausfluss  des  Selbstvertrauens  in  seine 
zui*  Lenkung  der  Menschen  beioifene  Pei*son,  ein  starker  Aus- 
druck seines  heissen  Wunsches,  alle  Menschen  glücklich  zu 
machen  und  befindet  sich  in  Harmonie  mit  seinem  milden 
Charakter,  der  jeden  Fehltritt  eines  Menschen  zu  vergeben 
geneigt  ist. 

Der  wahre  Gedanke,  dass  an  dem  moralischen  Zustand  der 
Einzelnen  die  Gesellschaft  eine  Mitschuld  habe,  wird  zu  dem 
falschen  verkehrt,  dass  richtige  Bildung  Alles  vermöge. 
Er  war  vergleichsweise  haniilos,  so  lange  ihn  Owen  nur  zur 
Motiviining  eines  zeitgemässen  Bildungsfanatismus  verwendete 
—  er  erzeugte  aber  im  Laufe  der  Zeit  die  natürliche  Ten- 
denz das  ganze  Menschenleben  in  eine  alle  Freiheit  er- 
tödtende  Schablone  einzuzwängen.  In  diesen  ersten  Schriften 
geht  Owen  noch  nicht  soweit,  ja  selbst  im  Kampf  gegen  die 
Vertreter  anderer  Anschauungen  bleibt  er  noch  massig. 

Die  Haupt  Vertreter  des  Irrthums  sind  ihm  die  Kirche, 
die  einen  dem  Wesen  aller  wahren  Religion  unnöthigen  und 
störenden  Dogmaglauben  hinzugefügt  habe  (S.  281).  Die 
Doctrinen  der  Secten  haben  die  Liebe  der  Menschen  zu  ein- 
ander getödet,  haben  Aberglauben,  Bigotterie,  Heuchelei,  Hass, 
Rachsucht  und  Krieg  hervorgeinifen  (S.  299).  Dennoch  soll 
die  Staatskirche  nicht  zerstört  und  abgeschafft,  sondern  sie  soll 
nur  reformirt,  auf  den  Grundsatz  der  Liebe  basirt  und  zur 
Einrichtung  eines  segensreichen  nationalen  Schulwesens  ver- 
wendet werden  (S.  321). 


858  Erstes  Buch,  Cap.  5. 

Das  waren  Owen's  Ansichten  im  Jahre  1813.  Geändert 
hat  er  sie  in  seinem  Leben  im  Grunde  nie.  Noch  in  seinen 
letzten  Ergüssen  von  1858  finden  wir  dieselben  Gedanken,  ja 
dieselben  Worte.  Er  hat  sie  nur  erweitert  und  radicaler 
ausgebildet.  Die  entscheidende  Wendung  zur  Vertretung 
extremer  Gonsequenzen  s6iner  Grundgedanken  fand  1817  statt. 
In  der  Zwischenzeit  (zwischen  1813  und  1817)  beschränkte  sich 
Owen's  öffentliche  Wirksamkeit  noch  auf  die  Agitation  zu 
Gunsten  der  Abschaffung  von  Baumwollzöllen  und  der  ersten 
Anfänge  einer  die  Kinder  schützenden  Fabrikgesetzgebung.^) 
Owen  erkennt  sehr  richtig,  dass  die  Baum  Wollindustrie  fQr 
England  unendlich  vortheilhaft  sei  und  nicht  durch  Zölle  ge- 
drückt werden  dürfe  —  dass  aber  gerade  diese  Industrie  eine 
bisher  unbekannte  Ausbeutung  der  Kinderarbeitskraft  hervor- 
gerufen habe.  Daher  solle  durch  Gesetz  alle  Fabrikarbeit  von 
Kindern  unter  zwölf  Jahren  verboten,  die  allgemeine  Arbeits- 
zeit in  Fabriken  auf  zwölf  Stunden  in  maximo  inclusive 
IVs  Stunden  Pause  festgesetzt,  nach  einer  bestimmten  Zeit 
kein  Kind  in  Fabriken  angenommen  werden,  wenn  es  nicht 
lesen  und  schreiben  kann  und  die  Elemente  der  Arithmetik 
versteht.  Diese  Owen'schen  Vorschläge  vom  Januar  1815 
enthielten  in  der  That  die  Giiindzüge  der  heutigen  englischen 
Fabrikgesetzgebung,  wenn  diese  den  Normalarbeitstag  für  Er- 
wachsene auch  nicht  formell  eingeführt  hat.  Im  Juni  1815 
war  er  an  der  Ausarbeitung  eines  Gesetzesvorschlags  bethei- 
ligt, der  nicht  durchging,  sondern  an  dessen  Stelle  sp<äter  1819 
ein  weniger  weitgehendes  Gesetz  gegeben  wurde.  Der  Vor- 
schlag von  1815  verbot  nur  die  Fabrikarbeit  der  unter  zehn- 
jährigen, setzte  einen  Normalarbeitstag  nur  für  die  unter  18  jäh- 
rigen fest,  verlangte  Fabrikschulen  und  Fabrikinspectoren. 
Owen  erkannte  völlig  die  gewaltige  Revolution  der  socialen 
Verhältnisse  durch  die  Grossindustrie,  er  sprach  es  aus,  Eng- 
land sei  ein  vorwiegend  industrielles  und  mercantiles  Land 
geworden;  er  wollte  die  Schäden,  die  daraus,  sowie  aus  dem 
durch  die  Concurrenz  genährten  kurzsichtigen  Egoismus  her- 


')  Siehe  Life  Vol.  I.  A,  die  Schriften  S.  13,  S.  23,  S.  37. 


R.  Owen.  359 

vorgehen,  durch  einschränkende  Intervention  der  Staatsgewalt 
corrigiren  —  er  war  der  ei-ste  sociale  Refoimator  in  England, 
noch  kein  utopischer  Weltbeglücker  und  nur  von  theoretischen, 
nicht  praktischen  Irrthümem  erfüllt.  Noch  1816,  als  Owen 
eine  sehr  schwülstige  und  weitschweifige  Adresse  (s.  Life  Bd.  I. 
S.  337)  an  die  Bewohner  von  New  Lanark  bei  Eröffnung  der 
„Institution  for  the  Foimation  of  Character''  erliess,  sprach 
er  zwar  sehr  weitgehende  Hoffnungen  von  künftiger  allgemeiner 
Weltbeglückung  aus  und  schon  ist  von  dem  „Millennium''  die 
Rede.  Allein  die  Gesetze,  die  er  verlangt,  stellen  nur  eine 
massige,  heute  so  ziemlich  allgemein  anerkannte  Staatsinter- 
vention, keine  Aufhebung  der  freien  individuellen  Thätigkeit 
auf  wirthschafüichem  Gebiete  dar  (S.  348).  Er  deutet  zwar 
ganz  vorübergehend  an,  seine  jetzt  begillndeten  Schulen  seien 
nur  eine  ei'ste  Schule  zur  Herstellung  des  Lebens  in  „Com- 
munitäten'S  aber  er  verzichtet  noch  darauf,  diese  Communi- 
täten  auch  nur  zu  schildern  und  bleibt  dabei,  die  Umgestal- 
tung der  Welt  zu  allgemeinem  Glück  nach  seinem  Recept 
müsse  schrittweise,  vorsichtig  und  durch  Gompromisse  mit  den 
bish^igen  Zuständen  angestrebt  werden.  Sein  kritikloses 
Selbstvertrauen  und  seine  phantastische  Schwärmerei  gaben 
ihm  damals  noch  die  nöthige  Begeisterung,  Mögliches  zu  ver- 
suchen, sie  steigerten  noch  seine  Thatkraft,  ohne  sie  positiv 
irre  zu  leiten. 

Im  Mära  1817  nun  reichte  Owen  bei  dem  ^Committee  of 
the  Association  for  the  Relief  of  the  Manufacturing  and 
Labouring  Poor"  einen  Bericht  ein,  in  welchem  er  ausführte,  dass 
man  die  unbeschäftigten  Armen  in  grossen  Etablissements 
vereinigen  solle,  die  am  besten  vom  Staate  selbst  gegründet 
und  geleitet  würden.  500—1500  Menschen  sollten  da  in 
„mutual  Cooperation"  Ackerbau  und  Industrie  treiben,  die 
Kinder  sollten  da  erzogen  werden.  Jeder  solle  nach  seinen 
Kräften  und  keiner  zu  viel  arbeiten,  die  Mahlzeiten  sollten 
gemeinsam  sein  etc.  etc.  Kurz,  Owen  ersann  ein  Arbeitshaus 
voll  angenehmster  und  zugleich  erfolgreichster  Arbeit,  in 
welchem  jeder,  für  die  Gesammtheit  arbeitend,  zugleich  für 
sich   allein   gewaltig  gewinnen  müsse.     Ilationelle   Direction 


360  BnteB  Bach,  Gap.  5. 

der  Arbeit  moss  die  grOsste  Prodacti?itftt  erzeugen;  da  alles 
Nöthige  in  den  Etablissements  selbst  gemacht  wird,  so  sind 
sie  gegen  jeden  Mangel  und  die  Noih  der  Gonjunctoren  ge- 
sichert. Die  Einsieht  von  der  Richtigkeit  und  Natzlichkeii 
des  Systems  muss  den  Sporn,  den  die  Aussicht  auf  indivH 
duellen  Gewinn  giebt,  reichlich  ersetzen  —  —  es  ist  klar, 
dass  solche  Etablissements  für  die  unbeschäftigten  Armen  nicht 
nur  die  Kosten  der  Armenpflege  und  die  anderen  Nachtheile 
des  jetzigen  Armenwesens  aufheben  mOssen,  sondern  dass  sieb 
wegen  des  gewaltigen  Vortheils,  den  sie  darbieten,  ihre  Ein- 
fblming  auch  fbr  alle  anderen  Menschen  empfiehlt  Ganz 
allgemein  sprach  Owen  bereits  in  einem  Brief  vom  25.  Juli 
1817  aus,  dass  in  einer  „Community  of  mutual  and  combined 
interests'^  die  Arbeit  gemässigt  aber  erfolgreich,  leicht  zu 
reguliren  und  zu  beaidsichtigen  sein  würde  —  erfolgreicher 
als  bei  Taglohn,  der  zur  Trägheit  reizt  oder  bei  Stäcklohn, 
der  Überarbeit  anregt.  Die  Frage,  wie  der  Streit  über  die  Ver- 
theilung  des  gemeinschaftlichen  Products  geschlichtet  werden 
soll,  macht  sich  Owen  leicht  durch  die  feste  Hoffnung,  dass 
solcher  Streit  in  Folge  der  Zufriedenheit  Aller  gar  nicht  ent- 
stehen würde. 

Dem  (gedruckten)  Brief  vom  25.  Juli  1817  folgten  nun 
rasch  im  August  und  September  weitere  Reden,  Adressen  und 
Briefe  Owens  über  dasselbe  Thema.  Sie  alle  sind  angere^ 
durch  die  eben  wieder  lebhaft  ventilirte  Frage  der  Noth  der 
unteren  Classen  und  der  öffentlichen  Aimenpilege.  Sie  be- 
schäftigen sich  damit,  die  nähere  Einrichtung  der  Armen- 
colonien  auszuführen,  weitei*e  Argumente  für  ihren  unend- 
lichen Nutzen  beizubringen  —  und  von  ihrer  Verallgemeinerung 
einen  ganz  neuen  Zustand  der  menschlichen  Gesellschaft  zu 
prophezeien.  Dazwischen  kommen  die  alten  Ideen  von  dem 
Glück  als  Leben^weck  des  Menschen,  von  der  Unverantwort- 
lichkeit  des  Menschen,  der  Allmacht  der  Wahrheit  und  der 
Erziehung  etc.  Das  Wesentliche  ist,  dass  Owen  zwar  auch 
jetzt  noch  eine  langsame  allmälige  Verwirklichung  seiner 
Pläne  will,  diese  selbst  aber  ausführlich  entwickelt  und  als 
die  einzige  und  zugleich  vollkommene  Rettung  aus  aller  Noth 


R.  Owen.  861 

der  Menschheit  anpreist  Es  sollen  Dörfer  gegründet  werden, 
in  denen  znnächst  die  Armen  nnd  unbeschäftigten  Arbeiter 
Aufnahme  finden.  Die  Dörfer  sollen  nicht  aus  Einzelhäusern, 
sondern  aus  gi*ossen  Gebäuden  in  Mitten  von  Gärten  bestehen ; 
da  sollen  die  Erwachsenen  in  8  Stunden  täglich  Uebei-fluss 
an  Allem,  was  sie  brauchen  selbst  erzeugen,  die  Kinder  aber 
sollen  erzogen  und  gebildet  werden,  —  wobei  sie  charakte- 
ristischer Weise  Geschichte  nur  lernen  sollen,  um  ihr  GlQck 
mit  den  Missständen  der  Vergangenheit  zu  vergleichen.  Ein 
gewählter  Ausschuss  soll  ohne  Strenge  und  Strafen  die  Direc- 
tion  in  der  Hand  haben.  Wenn  einmal  der  Vei-such  gemacht 
sei,  sei  es,  dass  der  Staat  oder  ein  Privater  den  nöthigen 
Vorschuss  leiste,  sei  es  dass  sich  Leute  mit  einigem  Ver- 
mögen zur  Gründung  solch  eines  Etablissements  zusammenthun, 
so  würde  der  Erfolg  die  Verallgemeinung  des  Systems  ganz 
von  selbst  herbeiführen. 

Owen  ist  also  jetzt  extrem  socialisüscher  Weltverbesserer 
geworden;  er  giündet  ein  „New  State  of  Society  Eni-olment 
Office'^  und  bezeichnet  ausdrücklich  das  System  individualisirtor 
Thätigkeit,  also  den  Individualismus  als  den  Gegensatz  zu 
seinem  System  der  Liebe  und  gegenseitigen  Cooperation. 

So  sehr  wir  Owen's  Vorschläge  als  Utopien  und  Illu- 
sionen zurückweisen  müssen,  so  sehr  die  ewigen  Wieder- 
holungen in  seinen  Schriften  und  Reden  anwidern,  sein 
Selbstvertrauen  lächerlich  ist  —  dennoch  ist  es  noch  heute 
unendlich  lehrreich,  seine  Ideen  genau  zu  verfolgen.  Denn 
keiner  der  sogenannten  Socialisten  zeigt  so  deutlich  wie 
Owen,  dass  Socialismus  und  Socialdemokratie  nicht  iden- 
tisch sind. 

Owen  erkennt  die  Leiden  des  grossindustriellen  Pro- 
letariats —  aber  er  predigt  keinen  Classeuhass,  sondern 
er  will  Alle  vei*söhnen  und  Allen  Gewinn  bringen.  Er  spricht 
nicht  von  gerechter  Güterveilheilung ,  von  dem  Recht  des 
Arbeiters  auf  den  vollen  Ertrag  seiner  Arbeit,  sondern  er 
preist  nur  die  Ueberlegenheit  der  collectiven  Production 
über  die  individualisirte,  er  will,  dass  die  Menschen  aufhören, 
sich  gegenseitig  als  Feinde  zu  betrachten  und  dass  sie  sich 


362  Erstes  Bach,  Cap.  5. 

gegenseitig  helfen.  Er  yerlangt  für  alle  Zeiten  geistige 
Freiheit  und  unbedingte  Toleranz.  Er  will  Niemanden  zum 
Eintritt  in  seine  Organisation  zwingen  und  ist  im  Gegensatz 
zu  Anderen  der  eifrigste  Apostel  der  SelbsthQlfe,  d.  h.  des 
fi-eiwilligen  Eintritts  in  eine  als  gut  erkannte,  unter  dem  be- 
stehenden Gesetz  mögliche  socialistische  Organisation.  Vor 
Allem  weist  er  jede  Verbindung  mit  politischer  Agitation 
principiell  zurQck  und  nimmt  Stellung  gegen  die  Radicalen 
seiner  Zeit.  Die  Nationalökonomen  seiner  Zeit,  zu  denen  er 
auch  Malthus  und  Bentham  rechnet,  sind  ihm  wohlwollende 
Männer,  die  belehi*t  werden  mQssen,  die  radicalen  Volks- 
führer Männer ;  die  im  Jrrthum  sind.  Ein  grösseres  Maass 
Ton  politischer  Freiheit  hält  er  bei  dem  gegenwäi*tigen 
Stande  der  Bildung  für  geradezu  gefährlich,  Steuererleichte- 
rung für  nutzlos.  Es  sei  nur  zu  helfen  durch  freiwillige  und 
friedliche  Giiindung  von  Dorfcommunitäten  unter  dem  Gesetz. 

Er  steht  freilich  selbst  auf  dem  Boden  des  Individualismus^ 
weil  das  irdische  Glück  der  einzelnen  Menschen  sein  Lebens- 
ziel ist,  aber  er  weist  jede  daraus  folgende  Tendenz  nach 
gewaltsamer  Umwälzung  zurück,  weil  seine  absolut  friedliche 
und  liebevolle  Natur  fest  daran  glaubt,  dass  bei  richtiger 
Einsicht  der  von  ihm  gewünschte  Umschwung  zu  Aller  Be- 
friedigung sich  vollziehen  müsse.  Wenn  er  von  den  Vorur- 
theilen  der  Stände,  Parteien  und  Nationen  spricht,  so  ist  das 
mehr  eine  gefühlvolle  Phrase  als  dass  er  daran  dächte,  die 
kosmopolitische  Herrschaft  des  Proletariats  und  gewaltsame 
Aufhebung  aller  Standesunterschiede  zu  erstreben.  Nur  in 
einem  Puncto  ist  er  auch  praktisch  radical:  Schon  in  den 
ersten  vier  Essays  eiferte  er  gegen  den  Intoleranz  der  Con- 
fessionen.  Jetzt  bezeichnet  er  die  „Vorurtheile  der  Secten'' 
als  die  Hauptquelle  aller  Irrthümer  und  Uebel  und  verlangt 
geradezu  eine  Religion  ohne  Glauben,  eine  reine  Religion  der 
Liebe. 

Dieser  Angriff  auf  die  bestehenden  Kirchen  hat  Owen 
Feinde  gemacht  und  noch  mehr  als  das  otfene  Aussprechen 
seiner  socialen  Utopien  bewirkt,  dass  er  seit  1817  aufliörte 
ein  von  Allen  anerkannter  Refoimator  zu  sein.    Freilich  sagt 


R.  Owen.  863 

er,  er  sei  nicht  irreligiös,  er  wolle  nicht  einmal  aufhören, 
Christ  zu  sein  —  aber  er  will  aber  nur  sein  Ghristenthum 
ohne  Dogmen.  Er  citii-t  Bibelstellen  und  bedient  sich  eines 
salbungsvollen  Predigertons,  aber  er  hat  in  der  That  aufge- 
hört, an  die  bestehenden  Institutionen  anzuknüpfen  und  mit 
den  vorhandenen  Kräften  zu  rechnen.  Er  träumt  von  einem 
Menschen,  in  dem  der  Trieb,  für  sich  zu  sorgen  und  für  sich 
allein  zu  handeln,  ganz  erstorben  ist  und  seine  Lehre  der 
Liebe  soll  die  ererbten  Giiindlagen  sittlicher  Zucht  bei  den 
Menschen  völlig  ersetzen. 

Er  hatte  vorher  viele  Verbindungen  mit  hochgestellten 
Personen  in  Staat  und  Kirche.  Auch  von  jetzt  an  blieben 
viele  in  Anbetracht  seiner  absolut  uninteressirten  Natur,  sogar 
Geistliche,  seine  pei*sönlichen  Freunde.  Aber  nachdem  der 
grosse  Schritt  1817  gethan  war,  sank  er  doch  mehr  und  mehr 
zum  Haupt  einer  Secte  von  Schwänneni  herab,  die  sich  fort- 
während in  einem  wohlthätigen  Gegensatz  zu  den  politisch 
erregten  Parteien  befand,  aus  der  aber  ei*st  langsam  und  nicht 
in  voller  Uebereinstimmung  mit  Owen's  eigenen  Ideen  etwas 
dauernd  Lebensfähiges  und  Segenbringendes  sich  entwickelte. 

Socialistisehe  Schwärmer  sind  im  Laufe  der  Zeit  oft  er- 
nüchtert und  dann  gemässigte,  praktische  Männer  geworden. 
Andere  wurden  erbittert  und  zur  Revolution  gedrängt. 
Owen  ging  keinen  dieser  beiden  Wege;  seine  maasslose  Illu- 
sions&higkeit  bewirkte  einen  unverwüstlichen  Glauben  an 
seine  Utopien  zugleich  mit  unverwüstlicher  Liebe,  Friedlich- 
keit und  Älilde.  Noch  als  Greis,  als  er  schon  die  Welt  für 
ein  „Narrenhaus"  hielt,  bewarb  er  sich  um  einem  Parla- 
mentssitz und  glaubte  felsenfest  an  das  unbedingte  Durch- 
dringen seiner  Voi-schläge  in  nächster  Zeit. 

Owen  hatte  sich  an  die  Einsichtigen  und  Wohlwollenden 
in  allen  Ständen,  besonders  an  die  Einflussreichen  und  Hoch- 
stehenden gewendet;  er  hörte  auch  bis  zu  seinem  Tode  nicht 
auf,  es  zu  thun  und  konnte  dies  bei  seiner  allgemeinen 
Menschenliebe   ohne   Inconsequenz.     Seit    1819  \)   begann  er 


*)  Siehe  An   Adress   to   the  Working   Classes,   April    1819.     Life 
Vol.  I  A  S.  225. 


364  Erstes  Bach,  Cap.  5. 

aber  zugleich  sich  an  die  Arbeiter  zu  wenden  und  sich  unter 
den  Arbeitern  eine  Schule  zu  gründen.  Doch  war  darin  bis 
zum  Jahre  1830  wenig  System,  da  Owen  viele  und  lange 
Reisen  machte.  Er  besuchte  den  Continent  und  apostrophirte 
den  Aachener  Gongress,  weil  jetzt  „die  Periode  gekommen 
sei,  in  der  die  Mittel,  ohne  Gewalt  und  Betrug  oder  Unord- 
nung Reicbthum  in  solchem  Uebei-fluss  zu  schaffen,  gegeben 
seien,  dass  die  B  edürfhisse  und  Wünsche  jedes  Menschen  mehi: 
als  befriedigt  werden  können/'  Bei  dieser  Gelegenheit  erfuhr  er 
von  Gentz  eine  witzige  Abfertigung^).  Dann  reiste  er  in 
Irland  und  machte  in  Motherwell  den  eifolglosen  Versuch  einer 
Community,  welche  ebenso  bald  zei*fiel  wie  eine  von  seinem 
Schüler  Abraham  Gombe  gegründete  Colonie  in  Orbiston.  1825 
wanderte  er  nach  Amerika  und  gründete  dort  eine  neue 
Colonie  New  Harmony.  Sie  blühte,  so  lange  das  System 
nicht  völlig  durchgefühlt  war;  schliesslich  musste  er 
selbst  zugestehen,  dass  die  jetzigen  Menschen  für  den  wahren 
Communismus  nicht  reif  seien  und  übergab  das  gekaufte  Land 
an  zei*splitterte  communistische  Gesellschaften.  Darauf  war 
er  in  Mexico,  entwari  Colonisationspläne  und  wirkte  nebenbei  für 
Erhaltung  des  Friedens  mit  England.  Charakteristich  für 
Owens  beschränkte  Weltanschauung  war,  dass  er  in  Amerika 
das  Loos  der  Sklaven  gegenüber  dem  der  freien  Arbeiter 
pries,  weil  die  Sklaven  zwar  keinen  selbst  gewählten  Herni 
aber  Uebei-fluss  an  irdischen  Gütern  hätten,  also  glücklich 
seien.  1830  hatte  sich  Owen  nicht  nur  von  New  Harmony, 
sondeiTi  auch  von  New  Lanark  völlig  losgelöst,  nachdem 
Schon  lange  vorher  mancherlei  Differenzen  mit  den  Partnern 
namentlich  dem  streng  religiösen  Allen  vorgekommen  waren;  für 
seine  Familie  hatte  er  gesorgt  und  wurde  nun  ausschliesslich 
Arbeiter- Agitator  und  Arbeiter  -  Schriftsteller.  Er  redete 
und  schrieb  in  unendlichen  Wiederholungen,  betheiligte  sich 
—  immer  in  friedlicher  Gesinnung  —  an  den  verechiedensten 
Agitationen  um  schliesslich  seit  1835  nach  neuen  Fehl- 
schlägen   mit  der  Arbeitsbörse  unter  beständiger  Fortsetzung 


M  S.  Sargant  1.  c.  S.  140. 


R.  Owen.  S65 

seiner  schriftstellerischen  Thätigkeit  in  relative  Vergessenheit 
EU  vei*sinken.  Beybaud  zählt,  dass  Owen  1826  —1837  tausend 
öffentliche  Reden  gehalten,  f&nfhundert  Adressen  erlassen, 
zweitausend  Zeitungsartikel  geschrieben  und  di-eihundert 
Reisen  gemacht  hat 

Die  gescheiterten  Vei-suche  in  Motherwell,  Orbiston  und 
New  Harmony  sind  ein  Stück  von  Owen's  Lebensgeschichte, 
für  die  sociale  Geschichte  Englands  haben  sie  nur  die  Be- 
deutung von  Symptomen  schwärmerischer  Begeisteriing ,  die 
sich  aus  der  beginnenden  Erkenntniss  der  Leiden  des  Pro- 
letariats entwickelten.  Wichtiger  als  diese  Versuche  sind 
eine  Beihe  philanthropischer  Gesellschaften,  die  1820 — 30  in 
England  entstanden  und  mehr  oder  weniger  ausschliesslich  fQr 
Owen's  Ideen  Propaganda  machten.  Demselben  Zwecke  dienten 
verschiedene  Jouraale,  deren  ältestes  der  Economist  von 
1821  war.  1825  und  1826  begann  dann  die  praktische  Coo- 
perativbewegung ,  die  1830,  als  Owen  definitiv  nach  England 
zurückkehi-te,  schon  eine  gewisse  Stärke  hatte. 

Diese  Bewegung  kann  hier  nicht  eingehend  geschil- 
dert werden;  es  sei  nur  das  Eine  hervorgehoben,  dass  Owen 
unbedingt  der  Schöpfer  dieser  Bewegung  war.  So  viele  Englän- 
der vor  Owen  und  so  viele  Franzosen  gleichzeitig  mit  ihm  die 
Idee  der  cooperativen  Production  und  des  Gesammteigen thums 
gegenüber  Individualismus  und  Privateigenthum  vertreten  hat- 
ten, so  war  es  doch  die  von  Owen  entzündete  Begeisterung  allein, 
welche  in  England  praktische  Vereuche  anregte.  New  Lanark, 
wo  die  Partner  des  Geschäfts  den  Gewinn  theilweise  zur  Ver- 
besserung des  Looses  der  Arbeiter  verwendeten,  war  das  grossS 
Vorbild  und  alle  älteren  Cooperatoi-s  in  England  betrachteten 
ihre  Schöpfung  als  einen  ersten  Schritt  zur  Verwirklichung 
der  vollen  Cooperation,  welche  ihnen  identisch  war  mit  dem 
fiiedlichen  Communismus  von  Owen.  Auch  behielt  diese 
Cooperativ  -  Bewegung  stets  im  Geiste  Owen's  einen  unpoli- 
tischen Charakter  und  blieb  den  Grundsätzen  treu,  die  Owen 
schon  1819  den  Arbeitern  predigte,  ;,dass  Arme  und  Reiche, 
Regierte    und    Regierende    im    Giiinde    nur    ein    Interesse 


866  EnteB  Boch,  Cap.  5. 

haben  und  dass  die  Arbeiter  alle  Mittel  zu  ihrer  Erleichterang 
selbst  besitzen  mit  Ausnahme  der  Kenntnisse,  diese  Mittel 
anzuwenden.'' 

Als  Owen  1830  wieder  in  England  war,  nahm  er  sich  der 
cooperativen  Vereine  bald  an,  namentlich  als  sie  Congi'esse  ab- 
hielten und  eifng  Propaganda  machten  —  obwohl  er  sie  zuerst  als 
wenig  mit  seinen  Idealen  übereinstimmend  betrachtete.  Mit 
dieser  neuen  Agitation,  die  trotz  der  allgemeinen  Aufregung 
wegen  der  Befoimbill  eine  wachsende  Zahl  von  Philanthropen 
und  Arbeitern  erfasste ,  verband  aber  Owen  eine  weitere 
Idee,  die  an  sich  mit  dem  Gedanken  der  Cooperation  nichts 
zu  thun  hatte. 

Eine  Frage  des  öflFentlichen  Lebens,  welche  grosse  Auf- 
regung in  allen  Ständen  hervorrief,  war  die  Währungsfrage. 
Wir  haben  schon  die  Ansichten  von  Ricardo,  Cobbett  und 
Attwood  über  diese  Frage  kennen  gelernt.  Es  scheint,  dass 
Owen  durch  seine  Verbindung  mit  dem  älteren  Peel  auf  diese 
Fragen  kam.  Ferner  wurde  auch  schon  erwähnt,  dass  die 
Idee  von  der  Arbeit  als  dem  einzigen  Werthmaass  im  Anfang 
der  dreissiger  Jahi*e  in  den  Köpfen  englischer  Arbeiter  spuckte. 
Es  lag  nahe  das  Geld,  das  als  eine  Quelle  von  Benachtheili- 
gung der  Arbeiter  erschien,  praktisch  ersetzen  zu  wollen  durch 
ein  Werthmaass,  das  in  der  That  alle  Waaren  nach  der  Pro- 
ductionsarbeit  misst  und  umsetzt.  Es  entstand  so  die  Idee 
der  Arbeitsbörse  —  das  letzte  grössere  praktische  Experiment, 
das  unter  Owen's  eigener  Leitung  gemacht  wurde  und  noch  kläg- 
licher enden  musste  als  die  früheren  Versuche  der  GiUndung  com- 
munistischer  Genossenschaften.  Schon  in  dem  Report  to  the 
County  of  Lanark  vom  Jahre  1820  entwickelt  Owen  den  Ge- 
danken, dass  die  Arbeit  allein  der  natürliche  Werthmesser 
sei  ^)  und  auch  zum  wirklichen  Werthmesser  gemacht  werden 


^)  Marx  gilt  bekanntlich  als  derjenige  Schriftsteller,  welcher  zuerst 
die  Lehre  von  der  Productionsarbeit  als  Werthmaass  dazu  benutzte,  um 
daraus  principiell  das  Postulat  abzuleiten,  dass  das  gesammte  National- 
einkommen allein  unter  die  Arbeiter  und  nach  Maassgabe  der  Leistung 
jedes  Einzelnen  vertheilt  werden  müsse.  Meyer  und  Andere  wiesen  nach, 
dass  diese  Theorie  schon  vor  Marx  in  vollendeter  Weise  von  Rodbertos 


R.  Owen.  3g7 

mttsse.  Ein  irgend  notbwendiger  Zusammenhang  zwischen 
dieser  Theorie  und  den  eigentlichen  Hauptgedanken  Owens, 
nämlich  dem  Eifer  für  Erziehung  und  Cooperation,  ist  nicht 
zu  entdecken.    Denn  in  den  cooperativen  Communitäten ,  in 


entwickelt  worden  ist  Nachdem  ich  dies  in  meiner  Schrift  „Socialismus, 
Socialdemokratie  und  Sodalpolitik"  von  1878  bestritten,  wies  A.  Wagner 
auf  die  unbekannteren  älteren  Schriften  von  Rodbertus  aus  den  Vierziger 
Jahren  im  ersten  Heft  der  Zeitschrift  ftir  die  gesammte  Staatswissenschaft 
1878  hin.  —  Er  widerlegte  dadurch  nicht  meinen  Nachweis,  dass  die  Idee 
jedenfalls  schon  in  den  80er  Jahren  in  England  vorkommt  Das  im  Texte 
ftber  Owen's  Ansichten  von  1820  Angeführte  ist  ein  neuer  Beweis,  wie 
lange  die  von  Rodbertus  und  Marx  formulirten  Ideen  schon  vorher  be- 
kannt waren,  wo  immer  die  sociale  Frage  der  Neuzeit  ernstlich  in  Flnss  ge- 
kommen war.  —  Interessant  erscheint  mir  besonders  die  Verwandtschaft  von 
Owen's  Ideen  mit  dem  Rodbertus'schen  Normalarbeitswerktag.  —  Freilich 
hat  Owen  noch  nicht  die  Lehre  von  der  Arbeit  als  Werthmaass  benutzt, 
tun  unbedingt  die  Berechtigung  alles  Einkommens  von  Besitz  zu  leugnen, 
aber  es  ist  lediglich  eine  aus  seinem  menschenfreundlichen,  Allen  Vortheil 
wünschenden  Herzen  hervorgehende  Inconisequenz,  dass  er  dies  nicht  thut 
AUe  theoretischen  Voraussetzungen  dieses  Postulats  enthält  seine  Werth- 
theorie  bereits.  Für  verschiedene  an'dere  Schriftsteller,  z.  B.  Thomas 
Spence  und  Gray,  geben  wir  in  diesem  Buch  die  Nachweise,  dass  die  Idee 
von  der  Arbeit  als  alleiniger  Quelle  und  Maass  der  Werthe  mehr  oder 
minder  ausgebildet  vorkommt  —  Kommt  doch  auch  bei  Fichte,  der  gänz- 
lich ohne  Zusammenhang  mit  den  socialen  Kämpfen  der  Zeit  war,  schon 
1800  im  „Geschlossenen  Handelsstaat^  der  Gedanke  vor,  dass  der  Umsatz 
nach  Arbeitsquanten  geregelt  werden  soll.  Diese  merkwürdige  Schrift 
unseres  grossen  Philosophen  ist  in  jüngerer  Zeit  mehrfach  neu  der  Be- 
trachtung unterworfen  worden  —  man  kann  darin  allerlei  Gedanken  finden, 
die  als  Vorläufer  späterer  socialistischer  Ideen  erscheinen:  Das  Inter- 
essante dabei  ist,  dass  Fichte  von  der  Vertragstheorie  ausgeht,  schliesslich 
aber  eine  höchst  weitgehende  Unterdrückung  der  individuellen  Freiheit 
verlangt  Das  treibende  Motiv  dabei  ist  aber  nicht  Sympathie  mit  den 
ärmeren  Classen  oder  Feindschaft  gegen  die  bestehende  Ordnung  —  son- 
dern die  Sehnsucht  nach  einem  grossen  kräftigen  Staat,  die  sich  in  ein^ 
vornehmen  Gelehrtennatur  entwickelt,  deren  Gleichheitslust  auf  relativer 
Verachtung  des  materiellen  Besitzes  beruht  So  ist  Fichte  trotz  aller 
einzebien  utopischen  Zwangsvorschläge  im  Grunde  kein  Vorbote  des  Com- 
munismus  oder  der  Socialdemokratie,  sondern  ein  extrem  unpraktischer 
Vorläufer  jener  Richtung,  die  in  dem  Dienste  der  idealen  Aufgaben  der 
Oesammtheit  ein  wichtiges  Gegengewicht  gegen  materialistischen  Individua- 
lismus suchen. 


S68  Erstes  Buch,  Cap.  5. 

denen  Ajles  in  Liebe  und  Freundschaft  veilheilt  wird,  biuacfat 
man  überhaupt  kein  Werthmaass.  Dieses  ist  nur  für  den 
Verkehr,  den  die  Communitäten  unter  einander  behufs  Aus- 
tauschs  ihres  Ueberflusses  tmben,  nöthig,  allein  es  ist  klar, 
dass  fQr  diesen  in  dem  Leben  der  Communitäten  nur  secun- 
dären  Zweck  die  Ei-findung  einer  besonderen  Werththeorie  nicht 
nöthig  war.  Es  scheint,  dass  Owen  die  Lehre  von  der  Arbeit 
als  alleinigem  Weithmaass  annahm  und  lehrte  aus  allgemeiner 
Arbeiterfieundlichkeit  und  weil  trotz  seiner  autodidaktischen 
Einseitigkeit  Berührungen  mit  anderen  (radicalen)  Volks- 
freunden  nicht  ausbleiben  konnten  und  wünschensweith  waren. 
So  steht  diese  Theorie,  wenn  nicht  in  nothwendigem,  so  doch 
in  natürlicherem  Zusammenhang  mit  der  Idee  der  Cooperation 
als  die  von  Owen  ebenfalls  1820  proclamiite  Idee,  dass  die 
Spatencultur  den  Pflug  verdrängen  solle. 

Die  Theorie  von  1820  hat  Owen  später  als  er  das 
Expeiiment  der  Arbeitsbörse  machte,  in  der  „Crisis"  wieder 
abgedi-uckt.  Obwohl  es  zum  praktischen  Vei-such  erst  1882 
kam ,  so  ist  es  doch  interessant ,  dass  diese  Ideen,  wie  alle 
Ideen  Owens  schon  1820  vorhanden  war.  Owen  war  damals 
gegen  die  Wiederherstellung  der  Baarzahlung,  allein  auch 
die  Papiergeldvaluta  erschien  ihm  als  ungenügend.  Geld, 
ein  künstlicher  Werthmesser,  sei  die  Ursache  alles  Uebels; 
man  müsse  zum  inneren  Werth  aller  Dinge  zurückkehren. 
„Das  natürliche  Werthmaass  sei  im  Princip  die  menschliche 
Arbeit,  oder  die  combinii-ten  in  Thätigkeit  versetzten,  körper- 
lichen und  geistigen  Kräfte  der  Menschen ;  die  d  u  r  c  h  s  c  h  n  i  1 1- 
liche  menschliche  Arbeit  und  ihr  in  jedem  Product  enthalte- 
nes Quantum  könnten  und  müssten  constatirt  und  danach  alle 
Werthe  immer  für  eine  gegebene  Periode  tixirt  werden. 
Dadurch  würde  erreicht,  dass  der  Unterhalt  der  Menschen 
kein  Handelsartikel,  d.  h.  die  Arbeit  keine  Waare  mehr  wäre. 
Dann  würden  die  Arbeiter  nicht  mehr  die  Sklaven  eines  künst- 
lichen Lohnsystems  sein,  das  in  seinen  Wirkungen  grausamer 
ist  als  irgend  welche  Sklaverei.'*  Es  würde  damit  auch  eine 
unbeschränkt  wachsende  Kaufkraft  entstehen  und  alle  Absatz- 
stockungen würden  aufhören.    Alle  Waaren  sollen  also  lediglich 


i 


R.  Owen»  369 

■ 

nach  den  in  ihnen  enthaltenen  Arbeitsmengen  umgesetzt 
werden.  Dass  dennoch  das  Einkommen  von  Besitz  nicht  auf- 
hören soll,  ist  eine  einfache  Inconsequenz ,  die  sich  lediglich 
aus  Owens  wohlwollender  Confusion  erkläi*t  und  durch  die 
bombastische  Berufung  auf  ein  tiefes  nationalökonomisches 
Studium  nicht  verhüllt  wird.  Folgende  Stellen  mögen  die 
Inconsequenz  beweisen. 

„Das,  was  neuen  Reichthum  schaffen  kann,  ist  selbst- 
verständlich diesen  geschaffenen  Reichthum  werth.  Die  mensch- 
liche Arbeit  kann,  wann  immer  den  Menschen  allgemeine  Ge- 
rechtigkeit erwiesen  werden  soll,  jetzt  verwendet  werden,  um 
mit  Vortheil  für  alle  Stände  ein  Mehrfaches  des  Werths  zu 
produciren,  der  nöthig  ist,  das  Individuum  in  beträchtlichem 
Wohlstand  zu  erhalten.  Der  Arbeiter,  der  diesen  neuge- 
schaffenen Werth  eraeugt,  hat  gerechten  Anspruch  auf  einen 
billigen  Antheil  daran  und  die  besten  Interessen  jeder  Gemein- 
schaft verlangen,  dass  der  Producent  einen  billigen,  festen 
Antheil  an  all  seinem  Product  habe.  Dieser  kann  ihm  nur 
dadurch  gewährt  werden,  dass  man  Einrichtungen  tiifft,  welche 
das  natürliche  Werthmaass  zum  praktischen  machen.  Um 
Arbeit  zum  Werthmaass  zu  machen,  muss  man  die  in  allen 
verkäuflichen  Waaren  enthaltene  Arbeitsmenge  constatiren. 
Dies  ist  schon  vollbracht  und  bezeichnet  durch  das,  was  man 
im  Handel  technisch  die  „Selbstkosten"  nennt  oder  der  reine 
Werth  aller  in  irgend  einer  Waare  enthaltenen  Arbeit  und 
aller  darin  enthaltenen  oder  bei  der  Production  verbrauchten 
Rohstoffe,  welche  auch  einen  Theil  der  ganzen  Arbeit  aus- 
machen. —  Der  grosse  Zweck  der  Gesellschaft  ist,  Reichthum 

zu  erwerben  und  zu  gemessen.'' „Der  Grundbesitzer 

und  Capitalist  würde  von  diesem  System  ebenso  viel  Vortheil 
haben  wie  der  Arbeiter,  weil  Arbeit  die  Ginindlage  aller 
Weithe  ist  und  nur  von  reichlich  bezahlter  Arbeit  hohe  Ge- 
winne für  Agiicultur-  und  Manufacturproducte  gezahlt  werden 
können."  —  Man  sieht,  Arbeit  schafft  allein  die  Werthe  und 
ist  des  ganzen  Products  werth  —  dass  sie  doch  nur  einen 
billigen  Antheil  habensoll,  ist  einfach  eine  Inconsequenz. 

Die  Arbeitsbörse   vom   Jahre  1832  entsprach  den  Ideen 

H  .•  1  d ,  Soc.  «esch.  Engl .  24 


370  Erstes  Buch,  Cap.  5. 

von  1820,  Owen  wurde  aber  zu  ihrer  Gründung  mehr  ge- 
drängt, als  er  selbst  wünschte.  Auch  zum  Yerauch  von 
Motherwell  mit  ungenügenden  Mitteln  trieben  ihn  mehr  seine 
Anhänger  als  er  sie  —  und  jetzt  war  er  im  Berufe  des 
Agitators  bereits  so  sehr  aufgegangen,  dass  umständliche 
praktische  Giiindungen  wenig  Reiz  mehr  für  ihn  hatten.  Die 
Arbeitsbörse  war  einfach  ein  Depot,  in  welches  Jedermann 
seine  Producte  bringen  sollte,  um  dafür  Noten  zu  empfangen, 
welche  auf  den  Werth  der  abgeschätzten  in  dem  Producte 
steckenden  Arbeit  lauteten.  Die  Producte  sollten  in  der  6öi*se 
direct  umgetauscht  werden  und  jeder  Producent  sollte  auch 
ohne  sofortigen  Austausch  wenigstens  in  der  Note  gleich  einen 
Werthrepräsentanten  erhalten. 

Die  Idee  der  Werthmessung  nach  der  Productionsarbeit  allein 
ist  als  eine  für  die  gegenwärtigen  Zustände  geltende  Behaup- 
tung unbedingt  unwahr,  da  die  einzige  concreto  Erscheinung, 
die  man  meinen  kann,  nämlich  die  Preise,  sich  nachweislich 
nicht,  auch  nicht  im  Durchschnitt,  nach  der  Hervorbringungs- 
arbeit  allein  richten.  Die  Idee  tritt  aber  bei  Owen  offen  als 
Postulat  auf^)  und  als  Postulat  allein  kann  die  eiiiste 
Wissenschaft  sie  betrachten,  wenn  auch  nicht  nur  Ricardo, 
sondern  namentlich  Marx  und  selbst  Rodbertus  gelegentlich 
das  Postulat  für  die  Zukunft  als  allgemeine  Behauptung  auf- 
treten lassen.  Als  Postulat  ist  die  Lehre  eine  Utopie,  weil 
die  Abschätzung  der  qualitativ  verschiedenen  Arbeiten  stets 
willkürlich,  die  auf  ein  Product  verwendeten  Arbeitsmengen 
nie  ausscheidbar  sein  werden.  Es  ist  zugleich  eine  bedenk- 
liche Utopie,  weil  ihr  die  Anschauung  zu  Grunde  liegt,  dass 
die  gleichmässige  Veilheilung  der  materiellen  Genüsse  unter 
alle  Individuen  der  einzige  Zweck  des  Staats  und  der  Gesell- 
schaft sei. 

Die  gefährliche  Utopie  wird  aber  zum  einfachen  Unsinn, 
wenn  Jemand  die  Bestimmung  und  Vertheilung  aller  Werthe 


^)  Aehnlich  wie  später  bei  Proudbon  am  Schluss  der  Contradictions 
economiques. 


R.  Owen.  371 

nach  Arbeitsmengen  ohne  Zwangsgewalt  und  ohne  abgeschlossenes 
Verkehrsgebiet  durchsetzen  will. 

In  Owen's  Börse  wurde  natürlich  an  eine  genaue  Ab- 
schätzung der  Arbeitsmengen  nicht  gedacht,  sondern  man 
schloss  sich  factisch  an  die  Marktpreise  an.  Was  sollte  und 
konnte  nun  diese  Börse  leisten,  da  doch  Niemand  zur  Annahme 
der  Arbeitsnoten  und  der  Producte  in  dem  Depot  gezwungen 
werden  konnte.  Owen  antwortete:  die  Börse  leistet  Ab- 
schätzung des  Wei-ths  durch  Unparteiische,  giebt  jedem  Produ- 
centen  ein  Aequivalent  seines  Products  und  erspart  dem  Consu- 
menten  den  an  den  Mittelsmann  zu  zahlenden  Aufschlag. 

Letzteres  aber  leisten  decentralisirte  Consumvereine  oflfen- 
bar  besser  als  ein  Rlesen-Gonsum-  und  Magazinverein  und 
jedenfalls  war  klar,  dass  die  Gewinne  des  Mittelmanns  durch 
die  Kosten  der  Depotunterhaltung  aufgewogen  werden  müssten, 
wenn  dauernd  in  die  Börse  mehr  Waaren  eingingen  als  daraus 
ausgingen. 

Dies  trat  natürlich  ein;  Bromley,  der  Owen  das  Geld  ge- 
liehen und  die  ganze  Sache  angeregt  hatte,  verlangte  Zinsen; 
es  gab  Streit,  die  Arbeiter  nahmen  Owen  die  Verwaltung  ab 
und  das  ganze  Experiment  endete  mit  einem  namhaften  Geld- 
verlust, den  Owen  freudig  trug  —  zugleich  hatte  die  ganze 
Cooperativbewegung  einen  schweren  Schlag  erlitten  und 
Owen's  Autorität  war  dauernd  geschädigt. 

Das  Nähere  über  diesen  Vorgang  ist  in  Owen's  damaligem 
Leiborgan,  der  „Crisis",  welche  von  April  1832  ab  ei*schien, 
nachzulesen.  Als  die  Börse  fehlschlug,  verlor  er  auch  den 
beherrschenden  Einfluss  auf  dieses  Blatt.  Von  1835 — 1841 
betheiligte  er  sich  an  einem  andern  Blatt  „The  New  Moral 
World".  Auch  selbständige  Bücher  von  ihm  sind  noch  er- 
schienen, so  die  „Six  Lectures"  von  1839  und  die  „Revolution 
in  the  Mind"  von  1849,  abgesehen  von  Zeitungsartikeln  etc. 

Obwohl  diese  Literatur  in  eine  spätere  Zeit  fällt,  so  sei 

doch  hier  noch  ein  kurzer  Blick  darauf  geworfen,  da  sie  doch 

nur  Anhang  und  Nachklang  von  Owen's  älteren  Schriften  ist. 

Wir  erkennen  daraus,  dass  Owen  sich  immer  consequent  blieb 

und  können  daraus  über  mancherlei  Bewegungen,   an  denen 

24* 


372  Erstes  Buch,  Cap.  5. 

Owen  sich  betheiligte,  interessante  Notizen  entnehmen.  Dies 
gehört  freilich,  wie  die  Cooperativbewegung  selbst,  eigentlich 
nicht  hierher,  doch  mögen  einige  Bemerkungen  hier  Platz 
finden,  damit  das  Bild  des  Menschen  Owen  und  seiner  Ideen 
ein  vollständiges  sei. 

Die  Crisis  hatte  das  Motto :  „Wenn  wir  nicht  alle  Ansichten 
vei'söhnen  können,  so  lasst  uns  doch  streben,  alle  Herzen  zu 
einigen."  Bald  wurde  Owen's  Sohn,  Robert  Dale  Owen, 
Mitredacteur;  der  Titel  des  Blattes  wurde  im  April  1833  er- 
weitert und  lautete:  „The  Crisis  and  National  Cooperative 
Trades  Union  and  Equitable  Labour  Exchange  Gazette". 
April  1834  fiel  der  Zusatz  „Labour  Exchange"  wieder  weg. 
Aus  der  „Crisis"  kann  man  vor  Allem  die  Geschichte  der 
Arbeitsböree  entnehmen;  ausserdem  wird  von  verschiedenen 
Vereinen  berichtet,  die  unter  Owen's  Einfluss  entstanden,  so 
die  Institution  of  the  Industrial  Classes,  eine  Missionary  society 
zur  Ausbreitung  der  Cooperativbewegung,  eine  Nationale  Gesell- 
schaft zur  Erziehung  der  Kinder  und  für  Frauenarbeit,  ein 
Cooperative  College,  eine  National  Redemption  Society  und 
schliesslich  die  Regeneration  Society,  welche  hauptsächlich  da- 
hin strebte,  Achtstundenarbeit  einzuführen  und  Gewerkvereine 
zu  gründen,  welche  auch  die  Heirn  umfassen. 

Man  sieht  aus  der  Crisis,  dass  die  cooperativen  Vereine 
und  Congresse  Owen  trotz  religiöser  Differenzen  als  ihren 
Vater  verehrten  und  dass  Owen,  um  seine  Anhänger  zusammen- 
zuhalten, auch  seinerseits  tolerant  gegen  strenggläubige  Freunde 
war.  Owen  selbst  predigt  fortwährend  seine  alten  Grundsätze 
und  fährt  vor  Allem  fort,  den  politischen  Radicalismus  der 
Arbeiter  als  nutzlos  zu  verwerfen,  nicht  nur  das  Streben  nach 
Republik,  sondern  auch  das  nach  Wahlreform  zu  bekämpfen, 
während  er  für  Abschaffung  der  Kinderarbeit  agitirt  und  den 
Arbeiteni  seine  Communitäten  in  Wort  und  Bild  vorführt.  Mehr 
als  zu  den  politischen  Radicalen  fühlt  er  sich  zu  den  Trades 
Unions  hingezogen,  die  er  für  seine  Cooperativideen  zu  ge- 
winnen sucht,  indem  er  für  unterdrückte  Gewerk vereinler 
(Dorchester  Affaire)  Partei  nimmt  und  beständig  auf  Ver- 
bindung mit  den  Arbeitgebern  hindrängt. 


R.  Owen  373 

Die  New  Moral  World  zeigt  uns  die  Partei  der  eng- 
lischen Socialisten  unter  Owen's  Führung  fest  normirt  gegen- 
über den  Radicalen  und  Chai-tisten  und  berichtet  von  neuen 
Vereinen,  so  der  Manchester  Association  for  the  Promotioü  of 
social  happiness,  der  Philanthropie  Society,  Labourere  friends 
Society  etc.  Die  wichtigste  dieser  Gesellschaften ,  der  eigent- 
liche Hauptverein  des  englischen  Socialismus,  war  die  Asso- 
ciation of  All  Classes  of  All  Nations,  die  schliesslich  in  vielen 
Zweigvereinen  über  das  ganze  Land  verbreitet  war.  Neben 
ihr  wirkte  die  Social  Missionary  and  Tract-Society  und  die 
Community  Society,  welche  Vei-suche  mit  eigentlichen  Owen'- 
schen  Communitäten  machen  sollte.  Letztere  wurde  nach  Be- 
schluss  eines  Congresses  von  1839  mit  der  Association  of  All 
Nations  zu  einer  Univei-sal  Community  Society  of  Rational 
Religionists  verschmolzen.  Auch  in  der  New  Moral  World 
sehen  wir  die  Oweniten  und  Socialisten  beständig  bestrebt,  die 
Trades  Unions  für  sich  zu  gewinnen,  namentlich  dazu,  dass 
sie  ihre  Fonds  zur  Gründung  cooperativer  Etablissements  ver- 
wenden sollen.  Irgend  welche  neue  Ideen  gegenüber  den- 
jenigen, die  Owen  bis  1820  schon  ausgesprochen  hatte',  sind 
weder  in  seinen  noch  seiner  Anhänger  Reden  und  Schriften 
zu  entdecken,  es  sei  denn  dass  die  Nothwendigkeit  einer 
Reform  des  Eherechts  und  des  geschlechtlichen  Verkehi*s  im 
Sinne  grösserer  Gleichberechtigung  der  Frauen  gelegentlich 
erwähnt  wird  und  dass  in  dem  steigenden  Bombast  der  Ver- 
treter einer  weltbeglückenden  Idee  kosmopolitische  Träu- 
mereien etwas  mehr  hervortreten,  so  dass  z.  B.  Verschwinden 
der  Unterschiede  der  Sprachen  etc.  verheissen  wird.  Im  Grunde 
haben  wir  nur  Wiederholungen  der  alten  Gedanken  mit 
wachsender  Ueberspanntheit  vorgetragen  und  nunmehr  als 
Evangelium  einer  reinen  Arbeiterpartei  benutzt.  Owen  und 
seine  Anhänger  treten  in  Verbindung  mit  Oastier,  Stephens 
und  Fielden  und  versprechen  dem  Arbeiterstande  Erlösung 
von  allen  Leiden,  in  die  ihn  das  System  des  Lohns  und  der 
freien  Concurrenz  gestürzt  haben  —  aber  nur  durch  Bildung 
und  cooperative  Selbsthülfe.  Dass  die  Radicalen  resp.  Char- 
tisten von  dem  Gmndsatz  gleicher  Rechte  und  Pflichten  aus- 


374  Erstes  Buch,  Cap.  5. 

gingen,  sei  richtig;  aber  das  Ziel  könne  nur  langsam  und 
nicht  durch  politische  Institutionen  eiToicht  werden.  Kurz,  die 
nächsten  Genossen  der  Socialisten  sind  die  Gewerkvereinler ; 
die  Chartisten  sind  irrende  Fi*eunde,  die  durch  Belehrung  von 
ihren  politisch-revolutionären  Bahnen  abgebracht  werden  sollen 
und  denen  man  sich  in  dieser  Absicht  nähert  —  während  die 
Freihändler  und  Leaguisten  als  Vertreter  des  Princips  der 
freien  ConcuiTenz  zurückgewiesen  werden. 

Die  späteren  selbständigen  Schriften  Owen's  haben  noch 
weniger  Bedeutung  als  diese  Periodica,  in  denen  wir  Owen 
mit  Anderen  im  Bunde  praktisch  agitiren  sehen.  Sie  sind 
wegen  der  unglaublichen  Wiederholungen  höchst  ermüdend« 
Der  einzige  Unterschied  gegenüber  den  älteren  ist  der,  dass 
sie  ein  noch  grösseres  Maass  fiiedlicher  Ueberspanntheit  ent- 
halten und  dass  gelegentlich  der  innere  nothwendige  Zu- 
sammenhang von  Owen's  Hauptideen  besondei*s  klar  und  deut- 
lich hervortritt. 

Die  beiden  Hauptpostulate  des  radicalen  Individualismus 
der  Neuzeit  sind  möglichste  individuelle  Freiheit  und  mög- 
lichste Gleichstellung  der  Individuen.  Owen,  selbst  aus  dem 
Arbeiterstand  heiTorgegangen  und  stets  ein  wahrer,  warmer 
Freund  der  Arbeiter,  hält  von  der  Gleichheit  der  politischen 
Rechte,  also  namentlich  von  Abschaffung  der  Monarchie  und 
Aristokratie  und  allgemeinem  Wahlrecht  Nichts.  Fir  nimmt 
die  Gleichheitsidee  ernst  und  verlangt,  da  Glück  der  Zweck 
des  Menschen  ist,  Institutionen,  die  wirklich  Allen  gleiches 
Glück  garantiren.  Dem  Zwecke  der  Ausgleichung  des  Glücks, 
d.  h.  der  materiellen  Consumtion,  opfert  er  unbedingt  die 
Freiheit  der  Individuen  —  einseitiger,  überspannter.  Un- 
möglicheres wollend  als  seine  vorzugsweise  freiheitsdurstigen 
Zeitgenossen  unter  den  Radicalen,  aber  doch  zuerst  die  volle 
Wichtigkeit  der  socialen  und  wirthschaftlichen  Fragen  er- 
kennend. 

Es  liegt  eine  tiefe,  Owen  wohl  selbst  wenig  bewusste 
Consequenz  darin,  dass  der  Mann,  der  für  wirthschaftliche 
Ausgleichung  schwännt  und  ihr  gegenüber  die  Freiheit  der 


R  Owen.  375 

Individuen  für  sich  allein  zu  wirthschaften,  für  werthlos  hält, 
die  Freiheit  des  menschlichen  Willens  überhaupt  leugnet. 

Die  Lehre,  dass  der  Mensch  keinen  fi*eien  Willen  habe, 
dass  sein  Charakter  nicht  durch  ihn,  sondern  für  ihn  gebildet 
werde,  betrachtet  den  Menschen  als  vollständig  geleitet  durch 
äussere,  gleichsam  mechanisch  wirkende  Einflüsse  —  als 
Materie,  die  völlig  passiv  von  bestimmten  Kräften  bewegt 
wird.  Das  Postulat,  dass  der  Mensch  seine  Freiheit  des 
Handelns  aufgebe  und  dafür  in  genossenschaftlichem  Leben 
gleichen  Antheil  am  materiellen  Genuss  erwerbe,  ignorirt  die 
inneren  idealen  Güter  des  Menschen  und  sieht  im  Sinnen- 
genuss  den  Zweck  des  Lebens  allein.  Es  ist  ganz  richtig, 
dass  die  Bethätigung  der  eigenen  freien  Kräfte  im  Dienste 
selbst  gewählter  Bestrebungen  nicht  mehr  Lebenszweck  sein 
kann,  wenn  es  überhaupt  keinen  freien  Willen  giebt.  Mit 
der  Lehre  von  den  Verhältnissen  und  der  Unverantwortlichkeit 
des  Menschen  gab  Owen  in  der  That  seinen  materialistischen 
Gleichheitspostulaten  die  allein  mögliche  Grundlage  —  darin 
coDsequenter  als  Andere,  die  die  Gleichheit  von  Besitz  und 
Genuss  vollständiger  und  mit  schärferen  Mitteln  anstrebten  als 
Owen  und  doch  den  freien  Willen  des  Menschen  nicht  oflFen 
und  unbedingt  leugneten.  Wer  den  Individualismus  in  den 
menschlichen  Einrichtungen  absolut  vernichten  will,  muss  den 
BegiiflF  der  menschlichen  Freiheit  als  Wahn  bezeichnen. 
Owen  that  dies  und  der  Zusammenhang  beider  Anschauungen 
tritt  deutlich  hervor,  wenn  er  in  den  Six  Lectures  (S.  28) 
sagt:  „die  kleinlichen  Unterscheidungen  von  Ländern  würden 
verschwinden  —  —  es  würde  nur  eine  Nation  und  ein  Volk 
existiren,  zusammengesetzt  aus  Familien  von  je  500—2000 
Menschen  und  diese  Familien  würden  in  der  zweiten  Gene- 
ration alle  eine  Sprache  reden  und  nur  ein  Interesse  haben, 
nämlich  den  beständigen  Fortschritt  und  das  beständig 
wachsende  Glück  des  Ganzen ;  gi-osse  Städte  würden  verlassen 

werden*' in  den  Familiensitzen  auf  dem  Lande  sei  es 

schöner  und  besser  als  in  den  jetzigen  Städten ,  deren  Ein- 
richtungen basiit  sind  auf  „der  iri-thümlichen  Annahme, 
dass  der  Mensch  in  seinen  Gedanken,   Gefühlen  und  Hand- 


376  Erstes  Buch,  Cap.  5. 

luDgen  ein  freies  Agens  sei.  In  dem  Maasse,  als  die  wahre 
Kenntniss  von  der  Natur  des  Menschen  vorwärts  schreitet, 
wird  das  Privateigenthum  aufhören  geschätzt  zu 
sein.  Es  wird  von  Allen  als  das  erkannt  werden,  was  es 
längst  ist,  als  der  dämonische  Gott  des  Systems  des  freien 
Willens,  dessen  eingebildeter  Macht  täglich  Gesundheit  und 
Seelenfreude  und  Leben  in  erschreckend  wachsendem  Maasse 
geopfert  werden.    Das  Privateigenthum  verhärtet  die  Herzen 

—  -    und  was  es  in  der  Vergangenheit geleistet  haben 

mag,  so  ist  es  jetzt  eines  der  gi'össten  Hemmnisse  für  die 

Pi-oduction." 

Der  Gleichheitsfanatismus  als  Giiindtendenz  kommt  in 
den  Six  Lectures  selbst  deutlicher  zum  Vorschein  als  in  den 
älteren  Schriften,  in  denen  oft  die  Beglückung  der  Welt  Ober- 
haupt wichtiger  erschien  als  die  gleiche  Beglückung  der- 
jenigen, die  jetzt  arm  und  reich  sind.  Der  Umgang  mit 
anderen  Agitatoren  —  man  denke  nur  an  die  vielen  Be- 
rühiiingen  mit  Cai'penter  zum  Beispiel,  der  damals  Cooperations- 
apostel  war  —  drängte  dasjenige  an  Owen's  Anschauungen, 
was  er  mit  anderen  Arbeiterfreunden  gemeinsam  hatte,  mehr 
in  den  Vordergrund.  Kaiser,  Könige,  Fürsten,  Richter  und 
Magistrate  und  alle  Aristokratien  leiden  selbst  unter  ihrer 
Unwissenheit,  ebenso  die  Mittelclassen,  ,,die  Diener  der  höheren 
und  Unterdrücker  der  niederen  Stände''  müssen  als  Personen 
bemitleidet  und  belehrt  werden.  Ebenso  die  Fabrikherren, 
die  auch  nicht  persönlich  an  der  Unterdrückung  der  kleinen 
Meister  und  dem  Elend  der  Arbeiter  schuld  sind  —  welcher 
traurige  Zustand  der  Capitalherrschaft  ein  nothwendiger  vor- 
bereitender Schritt  zu  der  grossen  im  Anzug  ])efin(llichen 
socialen  Revolution  ist  etc.  M.  Unter  diesen  ständischen  Unter- 
schieden leiden  Alle,  Besitzende  und  Arbeiter;  letztere  wer- 
den nicht  ruhen,  „bis  die  Standesunterschiede  aufgehoben  sind 
und  es  verwirklicht  ist,  dass  jedes  Individuum  ein  gleiches 
Recht   auf  die  Erde   und  die  Dienste   der  Anderen   hat  im 


h  Das  erinnert  wieder  an  Marx's  Lehre,  dass  die  weitere  Entwick- 
lung des  Grosscapitals  von  selbst  die  freie  Concurrenz  vernichten  müsse. 


R.  Owen.  377 

Austausch   einzig   gegen    Dienste.     Es    giebt   kein  anderes 

Recht  für  das  menschliche  Geschlecht" „Alle  Menschen 

haben  von  Natur  gleiche  Rechte." Diese   werden 

ihnen  gewährt  durch  die  allgemeine  Einführung  der  Com- 
munities,  deren  Nutzen  bekannt  gemacht  werden  muss  und 
die  dann  entweder  von  den  Regierungen  oder  zuerat  von 
Privaten,  namentlich  Arbeitern,  natürlich  auf  friedlichem  Wege, 
eingeftthi-t  werden  müssen. 

In  der  Schrift  „The  Revolution  in  the  Mind  and  Practice 
of  the  human  race  or  Coming  change  fi-om  iiTationality  to  ratio- 
nality"  von  1849  enthält  noch  wärmer  und  leidenschaftlicher 
ganz  dieselben  Gedanken:  Herstellung  allgemein  gleichen 
Glücks  durch  die  Communities,  aber  ohne  Revolution,  nur 
durch  die  Macht  der  üeberzeugung.  Und  kui'z  vor  seinem 
Tode,  im  März  1858,  leitete  er  seine  bis  1820  reichende  Auto- 
biographie mit  Worten  ein,  die  noch  einmal  den  unverwüst- 
lichen Glauben  des  alten  liebenswürdigen  Sanguinikei*s  ver- 
riethen : 

„Diese  Schriften  haben  den  Zweck,  eine  vollständige  Revo- 
lution in  der  Denkweise,  dem  Geist,  den  Sitten,  den  Gewohn- 
heiten und  dem  Verhalten  des  Menschengeschlechts  hervorzu- 
bringen —  eine  rationelle  praktische  Revolution,  die  schritt- 
weise durchgeführt  werden  muss  in  Frieden  und  mit  weiser 
Vorsicht  und  die  für  Alle  in  Zukunft  höchst  segensreich  sein 
wird;  eine  Revolution,  welche  ein  System  von  individuellem, 
unwissendem  Eigennutz,  das  basirt  ist  auf  der  Gi'undlage  von 
Lüge  und  Uebel  und  das  nur  erhalten  werden  kann  durch 
Gewalt,  Furcht,  Betrug  und  Lüge,  ersetzen  soll  durch  ein 
System,  das  auf  der  Grundlage  von  Wahrheit  und  Heil 
basirt  ist,  das  allein  den  Geist,  das  Wissen  und  die  Weisheit 
erzeugen  wird,  wodurch  die  Gesellschaft  beständig  nach 
socialen  Principien  geleitet  werden  kann  —  lediglich  durch 
Liebe;  —  ein  System,  welches  jedes  unwissende I  selbst- 
süchtige Gefühl  vernichten,  den  Menschen  mit  dem  Menschen 
vereinigen  und  das  dann  mit  Gott  und  der  Natur  hannoniren 
wird,  indem  es  unsere  Erde  in  ein  stets  sich  vervollkommnen- 
des irdisches  Paradies  verwandelt,  was  sichtlich  die  Absicht 


378  Erstes  Bach,  Cap.  5. 

sieht  unseres  Schöpfers  ist.  Diese  allgemeine  Revolution  wird 
durch  die  natürlichsten  Mittel  bewirkt  werden;  einfach  durch 
Basirung  der  Gesellschaft  auf  ihre  allein  wahre  Grundlage 
in  Uebereinstimmung  mit  allen  Thatsachen,  und  dadurch, 
dass  man  die  äussere  Umgebung,  in  die  das  Menschen- 
geschlecht versetzt  wird,  vervollkommnet  und  mit  dieser 
Grundlage  und  diesen  Thatsachen  in  Harmonie  bringt  Die 
Mittel,  dies  Ziel  zu  erreichen,  sind  reichlich  vorhanden  und 
können  durch  Einigung  der  Regierungen  leicht  ausgeführt 
werden." 


§  2.    Owen's  Schüler. 

Robert  Owen  ist  unbedingt  der  Schöpfer  des  englischen 
Socialismus.  Es  mag  nun,  um  Owen's  Wirksamkeit  zu 
illustriren,  am  Platze  sein,  noch  einige  mit  ihm  gleichzeitige 
Gesinnungsgenossen  zu  erwähnen. 

Abram  Combe  war  ein  begeisterter  Anhänger  Owen's, 
der,  wie  erwähnt,  auch  einen  praktischen  Versuch  zur  Her- 
stellung einer  Community  machte.  Auskunft  über  diesen 
Versuch  giebt  das  vom  10.  November  1825  bis  19.  Sept.  1827 
in  34  Nummern  erschienene  Journal:  „The  Register  for  the 
filmst  Society  of  Adherents  to  divine  Revelation  at  Orbiston.** 
Combe  hat  auch  „Metaphysical  Sketches  of  the  Old  and  New 
Systems*',  Edinburgh  1823,  geschrieben.  Beide  Schriften  ent- 
halten lediglich  Owen  entnommene  Gedanken;  abgesehen  von 
den  über  Orbiston  mitgetheilten  Thatsachen  liegt  ihr  Interesse 
lediglich  darin,  dass  sie  beweisen,  wie  sehr  Owen  im  Stande 
war,  andere  Geister  vollständig  einzunehmen  und  zu  be- 
herrschen. 

Etwas  eigenthümlicher  ist  William  Thompson.  Dieser 
begeisterte  Anhänger  von  Owen  ist  seinem  Meister  an  allge- 
meiner wissenschaftlicher  Bildung  und  an  national  ökonomischen 
Kenntnissen  überlegen.  Er  ist  zugleich  den  philosophischen 
und  politischen  Anschauungen  Bentham's  ergeben  und  stellt 
so  eine  Verbindung  von  Radicalismus  und   Socialismus   dar, 


W.  Thompson.  379 

welche  sieh  unter  den  Arbeitei-n,  die  Owen's  Fahnen  folgten 
(z.  B.  auch  bei  Lovett),  vielfach  zeigte,  in  Owen'«  Geist  aber, 
der  dem  eigentlich  Politischen  abgeneigt  war,  nur  unbewusst 
vorlag. 

In  seinem  Buche  „An  Inquiry  into  the  principles  of  the 
Distribution  of  Wealth  most  conducive  to  Human  Happiness 
applied  to  the  newly  proposed  System  of  voluntaiy  equality 
of  Wealth'^^  London  1824,  geht  Thompson  unbedingt  von  dem 
Ntttzlichkeitsprincip  aus,  indem  er  aber  sofort  betont,  der 
Mensch  sei  ein  complicirtes,  zugleich  geistiges  und  materielles 
Wesen.  Er  sucht  eine  Mitte  zwischen  dem  die  intellectuellen 
und  moralischen  Kräfte  einseitig  überschätzenden  Godwin  und 
den  materialistischen  Nationalökonomen,  denen  gegenüber  er 
besondei*s  betont,  dass  für  das  wahre  Glück  der  Menschen 
die  Vertheilung  der  Güter  wichtiger  sei  als  die  Zunahme  ihrer 
Gesammtmenge ;  der  Grund  hiervon  liege  hauptsächlich  darin, 
dass  eine  gesunde  Vertheilung  die  Moralität  hebe. 

Gewaltsame  gleiche  Vertheilung  sei  verfehlt ;  das  Problem 
sei  Gleichheit  und  Sicherheit,  gerechte  Vertheilung  und 
fortgesetzte  Production  miteinander  zu  versöhnen. 

Die  Begriffe  von  Glück  und  Gerechtigkeit  sind  zwar 
nicht  eingehend  untersucht;  doch  zeugt  die  Stellung  des 
Problems  von  Geist  und  Studium.  Sie  erinnert  stark  an 
Bentham,  dem  Thompson  wörtlich  folgt,  indem  er  (Cap.  1) 
jene  Vertheilung  verlangt,  welche  das  grösste  Glück  der 
grössten  Zahl  eraeugt.  Er  fügt  aber  —  sich  über  den  rein 
individualistischen  Standpunct  erhebend  —  hinzu,  die  „grösste 
Zahl"  dürfe  nicht  eine  Majorität^  sondern  müsse  „das  Ganze", 
die  „Gesammtheit"  sein.  Dies  Glück  der  Gesammtheit  werde 
nicht  durch  gezwungene  Arbeit  oder  unbeschränkte  individuelle 
Concurrenz,  sondern  durch  „mutual  Cooperation"  begründet. 

Darauf  entwickelt  Thompson  noch  im  ereten  Capitel  ein 
Programm  von  15  Sätzen,  deren  näherer  Ausführung  dann* 
das  ganze  Buch  gewidmet  ist.  Das  Programm  beginnt  mit 
einigen  Allgemeinheiten  wie:  die  Arbeit  sei  die  einzige 
Schöpferin  und  das  einzige  allgemeine  Maass  der  werth- 
habenden  Güter  (wealth);  diese  müssten  so  vertheilt  werden. 


380  Erstes  Buch,  Cap  5. 

dass  die  grösste  Summe  von  menschlichem  Glück  entstehe; 
alle  Menschen  (mit  Ausnahme  von  Abnormitäten)  seien  physisch 
ähnlich  constituirt  und  daher  bei  gleicher  Behandlung  gleichen 
Glückes  fähig;  das  Glück  der  Majorität  ginge  dem  der 
Minorität  vor. 

Man  erkennt  in  diesen  Ausgangspuncten  die  bei  allen 
socialistisch  gefärbten  Schriftstellem  irgendwie  auftauchende 
Lehre  von  der  Arbeit  als  Werthmaass,  eine  extreme  Gleich- 
heitsliebe und  einen  Rückfall  in  den  Individualismus,  indem 
doch  die  Majorität  der  Individuen  wieder  an  Stelle  der  Ge- 
sammtheit  tritt. 

Thompson  führt  in  dem  Programm  (Satz  5—10)  weiter 
aus,  zur  Steigerung  der  Production  sei  volle  Sicherheit  der 
Producenten,  ihr  Product  unbeschränkt  gemessen  zu  können, 
nöthig.  Jede  gewaltsame  Wegnahme  schade  dem  Benach- 
theiligten  mehr  als  es  Anderen  nützen  könne  und  es  dürfe 
daher  keinem  Arbeitenden  von  seinem  Product  oder  seiner 
Arbeit  das  Geringste  genommen  werden,  es  sei  denn  gegen, 
ein  von  ihm  selbst  als  genügend  anerkanntes  Aequivalent 
Daraus  werden  dann  einige  rein  freihändlerische  Consequenzen 
gezogen,  zugleich  aber  wird,  soweit  es  die  „Sicherheit"  zu- 
lässt,  gi'össtmögliche  wirthschaftliche  Gleichheit  verlangt. 

Wie  dies  miteinander  vereinigt  werden  soll,  erhellt  noch 
nicht  aus  den  Sätzen  des  Programms  selbst,  wohl  aber  aus 
den  folgenden  Erklärungen,  denenzufolge  sich  Thompson's  Idee 
kurz  dahin  zusammenfassen  lässt,  dass  jedem  Arbeitenden 
der  volle  Ertrag  seiner  Arbeit  durch  freiwillige  Asso- 
ciation gesichert  werden  soll,  wobei  dann  factisch  ziemlich 
grosse  Gleichheit  entstehen  wird. 

Was  nun  zunächst  diese  Idee  der  annähernden  Gleich- 
heit betrifft,  so  giebt  es  gewiss  ein  ungesundes  Maass  von 
Ungleichheit.  Im  Eifer  dagegen  vergisst  aber  Thompson 
"unbedingt,  dass  ein  grosses  Maass  von  Ungleichheit 
eine  Culturnothwendigkeit  ist.  FAii  solches  wird  nothwendig 
durch  die  Arbeitstheilung ,  welche  zugleich  dem  Aermsten 
mehr  bietet,  als  er  ohne  Arbeitstheilung  haben  könnte.  Es 
ist  unentbehrlich,   um   ungewöhnliche  Talente  zur  Entfaltung 


W.  Thompson.  381 

ZU  bringen  und  schliesst  sich  naturgemäss  an  an  die  hen-schende  ' 
Stellung  der  begünstigten  Minorität,  welche  die  Arbeit  Aller 
leitet,  organisirt  und  dadurch  fruchtbar  macht.  Es  ist  un- 
schädlich, weil  es  ein  unvertilgbarer  Trieb  jedes  Menschen  ist, 
mehr  haben  zu  wollen  als  Andere  und  weil  ein  Theil  der 
Menschen  diesen  Trieb  mehr  zur  Aneiferung  als  auf  Kosten 
Anderer  befriedigen  kann;  es  ist  segensreich,  weil  nur  her- 
vorragende Individuen  eifolgreich  jene  Entfaltung  von  Herrlich- 
keit und  ästhetischer  Pracht  leisten  können,  welche  auch  von 
Anderen  mitgenossen  wird  und  als  leuchtendes  Vorbild  mensch- 
licher Macht,  Grösse  und  Schönheit  Alle  hebt. 

Der  Uebereifer  für  Gleichheit  bei  Thompson  beruht  zu- 
meist darauf,  dass  er  constant  die  Ungleichheit  der  mensch- 
lichen Anlagen  ignorirt  (s.  z.  B.  S.  21),  womit  es  zusammen- 
hängt, dass  er  mit  Owen  von  richtiger  Bildung  und  Erziehung 
der  Menschen  die  höchsten  Erwartungen  hegt  und  die  mensch- 
liche Willensfreiheit  leugnet  (S.  339—491,  579). 

Eine  Abschwächung  oder  Modification  der  Schwärmerei 
für  Gleichheit  ist  die  Idee,  alle  Güter  nur  nach  Gerechtig- 
keit zu  veilheilen,  so  dass  nur  die  Arbeitenden  je  nach  ihren 
Leistungen  Einkommen  beziehen.  Um  dies  durchzusetzen, 
schlagen  die  eigentlichen  Socialdemokraten  völlig  consequent 
gewaltsame  Abschaffung  alles  individuellen  Capitalbesitzes  vor. 

Es  ist  nun  sehr  interessant  zu  sehen,  wie  Thompson  diese 
Idee  als  Ideal  vollständig  ausgebildet  und  die  späteren  Marx'- 
schen  Sätze  vielfach  der  Sache  nach  schon  entwickelt  hat  — 
die  revolutionäre  Consequenz  der  Abschaffung  des  Capital- 
besitzes aber  nicht  zieht,  weil  er  zu  viel  von  Benthamitischer 
Freiheitsliebe  in  sich  hat  und  noch  tief  in  dem  regierungs- 
feindlichen Radicalismus  Cobbetts  steckt.  Er  ist  ja  Cobbett 
tiberlegen,  indem  er  die  socialen  Probleme  der  Zeit  über- 
haupt erfasst.  Aber  er  kommt  weder  dazu,  seine  extremen 
Vordersätze  über  ökonomische  Gleichheit  zu  modificiren,  noch 
dazu,  die  richtigen  extremen  Consequenzen  daraus  zu  ziehen. 

Seite  15 — 16  ist  ähnlich  wie  später  bei  Marx  ausgeführt, 
dass  das  Durchschnittsmaass  der  Leistung  gewöhnlicher  Ar- 
beit, auf  welches  anders  geartete  Arbeit  reducirt  werden  müsse. 


382  Erstes  Buch,  Cap.  5. 

zu  gegebener  Zeit  das  einzige  und  genaue  Maass  aller  Werthe 
sei.  An  vielen  Stellen  (z.  B.  S.  581)  spricht  Thompson  es 
aus,  dass  das  Ideal  die  vollständige  Yemnigung  von  Arbeiter 
und  Capitalist  in  einer  Person,  die  Aufhebung  einer  besonderen 
Capitalistenclasse  sei,  worauf  der  Arbeiter  dann  wirklich  sein 
ganzes  Product  gemessen  könne. 

Er  will  aber  nicht,  dass  dies  gewaltsam  eiToicht  werde, 
weil  solche  Gewalt  die  Freiheit  und  Sicherheit  beeinträchtige 
und  GS  nöthig  sei,  dass  Jedeimann  die  Früchte  seiner  Arbeit 
gegen  Entgelt  nach  freiem  Vertrag  Anderen  zur  Verfügung 
stellen  könne. 

Diese  Tendenz,  die  Gleichheit  nicht  ausschliesslich  auf 
Kosten  der  Freiheit  zur  Geltung  bringen  zu  wollen,  ist  gewiss 
richtig.  Auch  in  den  Einzelausführungen  zeigt  sich  Thompson 
oft  erleuchtet.  Gut  ist  z.  B.  S.  241  seine  Definition  von 
Capital  als  „demjenigen  Theil  der  Producte  der  Arbeit,  der, 
mag  er  von  dauernder  Natur  sein  oder  nicht,  zu  einem  Mittel 
des  Gewinnmachens  werden  kann;"  gut  seine  Auseinander- 
setzung S.  165,  dass  der  Kampf  zwischen  Arbeit  und  Capital 
um  den  höchsten  Antheil  am  Gesammtproduct  um  so  mehr  zu 
Ungunsten  des  Arbeitei-s  ausschlage,  nicht  je  weniger  Capital 
da  ist,  sondern  je  ungleichmässiger  es  vertheilt  ist. 

Aber  mit  dieser  berechtigten  Anerkennung  der  Freiheit 
und  des  Eigenthums  verträgt  sich  nicht  der  Satz,  „dass  die 
volle  ökonomische  Gleichheit  das  grösste  Glück  der  Gesammt- 
heit  erzeuge"  (S.  381),  denn  solche  Gleichheit  ist  nur  bei  Un- 
freiheit, d.  h.  Unmenschlichkeit,  möglich.  Die  Verbindung 
der  Tendenz  nach  grösstmöglicher  Gleichheit  mit  der  nach 
individueller  Freiheit  beruht  nun  bei  Thompson  auf  dem 
Wahn,  dass  die  ökonomische  Ungleichheit  zumeist  aus  poli- 
tischer Unfreiheit  erwachse.  Durch  diesen  Wahn  unter- 
scheidet sich  Thompson  zu  seinem  Nachtheil  von  Owen,  den 
er  sonst  an  Scharfsinn  vielfach  übertrifft. 

S.  172  spricht  Thompson  aus,  dass  gewaltsame  Be- 
kämpfung von  überhohem  Capitalgewinn  ein  Uebel  sei,  und 
dass  die  einfache   Aufhebung  von  Zwangseinrichtungen    und 


W.  Thompson.  388 

Verbreitung  von  Bildung  genüge,  den  Tribut  der  Arbeit  an 
das  Capital  auf  den  niedrigsten  mit  den  Interessen  der  Repro- 
duction  verträglichen  Stand  zu  bringen.  Ein  massiger  Capital- 
gewinn  und  massige  Ginindrente,  hergestellt  durch  ganz 
freien  Vertrag,  seien  zu  dulden  (S.  163  flf.).  Jetzt  aber 
herrsche  erzwungene  Ungleichheit  in  der  Lage  beider 
Parteien  und  die  Löhne  würden  durch  alle  erdenklichen  Mittel 
politischer  Gewalt  künstlich  niedergehalten  (S.  241).  Der 
Gegensatz  dazu  sei  wahres  Repräsentativsystem,  das 
alle  Steuern  zu  einer  Sache  des  freien  Vertrags  macht 
(S.  178  ff.,  225)  und  gleiche  Sicherheit  verbürgt  (S.  267). 
„Das  Princip  der  Unsicherheit,  Unfreiwilligkeit  und  Beraubung 
ist  wesentlich  für  Monarchie,  Aristokratie  und  jede  Mischung 
von  beiden"  und  es  ist  die  wahre  Ursache  der  zu  niedrigen 
Löhne.  Es  handelt  sich  vor  Allem  darum,  die  Jagdgesetze, 
Schutzzölle,  Beschränkungen  der  Gewerbefreiheit  und  Frei- 
zügigkeit, die  Gebote  der  Sonntagsheiligung,  die  Coalitions- 
verbote.  Zehnten,  die  Entails  etc.  abzuschaffen  (S.  363).  Hier- 
durch schützt  die  Staatsgewalt  ihren  Besitz  und  den  der  be- 
günstigten Minorität  (S.  381). 

Es  ist  kaum  nöthig,  diesen  naiven  Radicalismus  zu  wider- 
legen durch  Hinweis  auf  die  einfache  Thatsache,  dass  gerade 
bei  grösster  Freiheit  von  Pei-son  und  Eigenthum  die  Stärksten, 
d.  h.  die  Reichsten,  am  meisten  pi*ofitiren.  Es  ist  auch  bei 
Thompson  selbst  kein  nothwendiger  Causalzusammenhang  zu 
entdecken  zwischen  diesem  politischen  Radicalismus  und  dem 
Satze,  dass  die  unbeschränkte  freie  Concurrenz  nicht  das  Heil 
bringe,  sondern  dass  Owen's  System  der  „mutual  Cooperation" 
das  Problem  der  Versöhnung  von  Sicherheit  und  Gleichheit 
völlig  löse  (S.  367,  334). 

Auch  hier  kommen  theilweise  schöne  Auseinandei*setzungen 
über  die  Schattenseiten  der  Concurrenz,  über  Egoismus  u.  dgl. 
vor  und  anzuerkennen  ist,  dass  Thompson  stets  mit  beson- 
derem Eifer  betont,  der  Eintritt  in  die  Owen'schen  Compau- 
nitäten  müsse  freiwillig  sein. 

Das  Buch  von  Thompson  enthält,  wie  man  sieht,  viele 


384  Erstes  Bach,  Cap.  5. 

bedeutende  Ansätze  richtiger  Erkenntniss,  leidet  aber  an 
mannigfachen  groben  Inconsequenzen ,  sowie  an  übertriebener 
Gleichheitsliebe,  verfehlter  Einmischung  von  politischem  Radi- 
calismus  und  an  utopischen  Hoffnungen,  die  auf  Owen's  Pläne 
gesetzt  werden. 

In  einem  späteren  Buche:  „Practical  Directions  for  the 
speedy  and  economical  Establishment  of  Communities  on  the 
Principles  of  Mutual  Cooperation,  united  possessions,  Equality 
of  exertions  and  of  the  means  of  Enjoyments",  London  1830, 
sehen  wir  Thompson  schon  weiter  und  unbedingter  im  Owen'- 
sohen  Socialismus  vorgeschritten. 

Auch  hier  wird  der  freiwillige  Eintritt  in  die  Gommuni- 
täten  noch  vorausgesetzt,  im  Uebrigen  aber  ist  die  Freiheit 
der  Gleichheit  völlig  geopfert.  Das  Buch  giebt  Auskunft  über 
die  Versuche  in  New  Harmony  und  Orbiston,  sowie  über  die 
1830  schon  auf  300  angewachsenen  Cooperativgenossenschaften, 
welche  William  Brien  zuerst  in  Brighton  als„Anfangsmodification 
der  cooperativen  Production"  in's  Leben  führte,  hauptsächlich 
aber  wird  geschildert,  wie  eine  wirkliche  Communität  einge- 
richtet sein  müsse.  Danach  soll  völlige  Gleichheit  in  der 
Communität  heri'schen.  Die  Eintretenden  bringen  in  die 
Communität  entweder  gleich  viel  mit  oder  ersetzen  ein  ge- 
ringeres mitgebrachtes  Vermögen  durch  Extraanstrengungen 
während  der  ersten  Jahre.  Alle  Mitglieder  arbeiten  gleich 
viel,  indem  die  minder  Begabten  durch  Uebernahme  besonders 
unangenehmer  Arbeiten  sich  ein  Anrecht  auf  gleiche  Be- 
lohnung erwerben.  Die  verschiedenen  Arbeiten  werden  den 
Einzelnen  durch  die  allgemeine  Stimme  (d.h.  durch  die 
gewählte  Direction)  auferlegt.  Das  Gesellschaftscapital  geholt 
allen  Erwachsenen  gemeinsam  und  seine  Benutzung  wird  wie- 
der durch  die  „allgemeine  Stimme''  geregelt.  Jeder  erhält  dann 
vom  Product  gleich  viel  im  Verhältniss  zu  seinen  physischen 
Bedürfnissen. 

Wo  bleibt  da  die  Sicherheit,  das  eigene  Product  geniessen 
zu  können  als  unentbehrlicher  Antrieb  zur  Production?  Das 
Buch  hat  seine  Bedeutung  lediglich  darin,   dass  es  concreter 


R.  Owen.  385 

und  praktischer  als  Owen  selbst  schildert,  wie  eigentlich  die 
wahren  Gommunitäten  organisirt  sein  sollen^).  — 

Doch  wenden  wir  uns  von  den  Schülern  zum  Meister 
zui'ück. 

Owen,  der  nur  von  Thatsachen  auszugehen  behauptete 
und  die  Kirchen  bekämpfte,  vei*fiel  schliesslich  in  Spiritismus  — 
Aberglaube  und  aufklärungssüchtige  Halbbildung  liegen  ja 
immer  nahe  beisammen.  Dies  machte  ihn  zum  Schlüsse  noch 
mehr  als  seine  verfehlten  Experimente  lächerlich.  Dennoch 
hat  es  ihm  bis  zuletzt  an  Anerkennung  nicht  gefehlt,  nament- 
lich sein  alter  Freund  Brougham  blieb  ihm  persönlich  treu 
ergeben.  Man  darf  nie  vergessen,  dass  er  in  seinen  guten 
Jahren  eine  überaus  energische,   zum  Schaffen   und   erfolg- 


^)  Combe  und  Thompson  waren  Anhänger  und  Schüler  von  Owen. 
Es  kam  aber  in  dieser  gährenden  an  Problemen  und  Lösungsversuchen 
reichen  Zeit  auch  vereinzelt  vor,  dass  weltverbesserungsdurstige  Schrift- 
steller selbständig  auf  Ideen  geriethen,  die  mit  denen  von  Owen  verwandt 
waren.  Hierher  gehört  der  wenig  bedeutende  Autodidakt  John  Gray,  der 
1831  in  Edinburgh  ein  Buch  „The  Social  System**  als  Ueberarbeitung  eines 
älteren  aber  ungedruckt  gebliebenen  Manuscripts  herausgab. 

Gray  appellirt  nicht  agitatorisch  an  Leidenschaften  und  ist  ferne 
von  neidischer  Sucht  nach  roher  Gleichmacherei.  Aber  er  ist  durch- 
drungen davon,  dass  das  bestehende  System  des  Absatzes  und  Handels 
absolut  schlecht  sei ,  dass  die  Nachfrage  aufhören  müsse ,  das  Angebot 
zu  beherrschen  und  jeder  Producent  einen  sofortigen  sicheren  Markt 
finden  müsse. 

Owen's  Pläne,  die  Gray  erst  nach  Fassung  seiner  eigenen  Ideen 
kennen  lernte,  erscheinen  ihm  unpraktisch,  obwohl  er  sich  freut,  dass  noch 
Andere  als  er  gründliche  Organisationspläne  der  ganzen  Wirthschaft  auf- 
stellen. Er  bleibt  bei  seinem  Vorschlag,  demzufolge  alle  Production  und 
aller  Absatz  durch  eine  einzige,  nicht  in  Gommunitäten  zerfallende  Orga- 
nisation zwangsweise  geregelt  werden  soll.  Eine  gewählte  Handelskam- 
mer, die  sich  der  staatlichen  Obrigkeit  unbedingt  unterwirft  und  um  Po- 
litik und  Religion  nicht  kümmert,  soll  mit  absoluter  Machtvollkommen- 
heit alle  wirthschaftliche  Thätigkeit  der  Gesellschaft,  d.  h.  jeder  Anzahl 
von  Menschen,  die  sich  zu  einer  vernünftigen  Wirthschaftsweise  verbinden, 
bestimmen. 

Das  Buch  von  Gray  ist  ein  Symptom,  dass  gewisse  aus  unserer  be- 
stehenden Wirthschaftsordnung  resultirende  Missstände  von  Einzelnen  stark 
empfunden  wurden  und  daher  extreme  Vorschläge  erzeugten. 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  25 


886  E^tes  Bach,  Cap.  5. 

rdchen  Herrschen  geeignete  Person  war;  dass  er  zwar  eitel 
war,  aber  mehr  auf  seine  Oedanken  als  auf  seine  Person  und 
dass  er  seine  Person  völlig  in  seinen  selbstlosen  Lebenszwecken 
aufgehen  liess ;  dass  er  voll  ungebildeter,  einseitiger  Gedanken 
und  voll  Illusionen  war,  aber  doch  die  socialen  Uebel  der 
Zeit  klar  sah  und  nur  Gutes  wollte.  Er  sah  Vieles,  was 
Niemand  sonst  erkannte,  wenn  er  auch  oft  nicht  erkannte, 
was  Jedermann  sah.  Er  hat  viel  Unmögliches  versucht,  aber 
doch  mehr  Heilsames  angeregt.  Ein  seltsames  Original,  wuchs 
er  heraus  aus  einer  Zeit,  deren  Streben  es  war,  alle  Einzelnen 
möglichst  glQcklich  zu  machen,  frei  von  der  zeitgenössischen 
Neigung  zu  anarchischer  Gewaltthat,  aber  aufs  Stärkste  be- 
haftet mit  den  Mängeln  einer  bomirten  Weltanschauung,  die 
damals  geläufig  war. 

England  wird  ihm  ewig  zu  danken  haben,  dass  der 
ökonomische  Socialismus  den  Bund  mit  der  politischen  Be- 
voIuUon  prindpiell  ablehnte.  So  wurde  England  vor  dtti 
heftigsten  Erschfitterungen  bewahrt  und  es  gewann  leben»» 
fähige  Genossenschaften.  Dass  Owen  und  Cobbett,  dass  die 
Socialisten  und  Chartisten  nicht  zusammengingen,  sondern  jede 
dieser  Richtungen  einseitig  sich  in  ein  Ziel  verrannte,  diese 
gleichsam  aus  der  natürlichen  Neigung  des  Engländers  zur 
Arbeitstheilung  hervorgehende  Thatsache  hat  es  bewirkt,  dass 
der  Geist  des  BenthamitLschen  Zeitalters  England  nicht  in 
Anarchie  gestürzt,  nicht  alles  Bestehende  zerstört  und  keine 
Schlachten  zwischen  Besitz  und  Arbeit  wie  in  Frankreich  er- 
zeugt hat. 


Zweites  Buch. 


Entwicklung  der  Grossindustrie. 


25 


Vorbemerkung 
über  Quellen  und  Literatur. 

In  der  Einleitung  wurde  geschildert,  wie  die  sociale  Ge- 
setzgebung der  Tudors  allmälig  verknöcherte  und  zerfiel.  Es 
wurde  angedeutet,  wie  namentlich  seit  der  Mitte  des  18.  Jahr- 
hunderts neue  Elemente  in  das  Leben  des  englischen  Volkes 
eintraten,  welche  zwar  keine  Revolution,  aber  eine,  wenn  auch 
allmälige,  so  doch  sehr  gewaltige  Umgestaltung  aller  poli- 
tischen Institutionen  und  socialen  Zustände  hervorriefen  — 
welche  Umgestaltung  in  ihrem  ganzen  Umfang  durch  das  innere 
Absterben  der  alten  Institutionen  allein  keineswegs  hervor- 
gerufen worden  wäre.  Diese  zwei  umgestaltenden  Elemente 
sind  einerseits  die  im  vorigen  Abschnitt  geschilderten  neuen 
Ideen,  andrerseits  die  Grossindustrie. 

Im  16.  Jahrhundei-t  trafen  bei  den  europäischen  Völkern 
auch  eine  geistige  und  eine  materielle  Bewegung  zusammen, 
welche  den  Uebergang  des  Mittelalters  zur  Neuzeit  be- 
wirkten —  die  Reformation  und  die  damaligen  Entdeckungen 
und  Ei-findungen.  Beide  Bewegungen  standen  miteinander  in 
Zusammenhang  und  trafen  keineswegs  zufällig  zusammen. 
Beide  waren  Aeusserungen  eines  neuen  Geistes  selbständiger 
Kraft,  der  alte  Bande  sprengte;  die  fi*eieren  Regungen  des 
Geistes  begünstigten  die  Entstehnung  und  Benutzung  geo- 
graphischer und  technischer  Neuerungen,  welche  der  Bethäti- 
gung  kraftvoller  Charaktere  neuen  Spielraum  gewährten. 
Beide  zusammen  verhalfen  dem  monarchischen  Absolutismus 
zum  definitiven  Sieg  über  den  mittelalterlichen  Feudalismus. 


890  Zweites  Buch,  Vorbemerkung. 

Nun  sehen  wir  in  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahr- 
hunderts abermals  neue  Ideen  und  neue  Erfindungen  und 
abermals  bewirken  beide  eine  neue  Veränderung  in  der 
herrschenden  Staatsform  —  den  allmäligen  Umschwung  zum 
demokratisirenden  Gonstitutionalismus.  Abermals  ist  das  Zu- 
sammentreffen kein  zufälliges,  denn  nur  die  ungewöhnliche 
Energie  und  der  Trieb  nach  selbständiger  Kraftentwicklung 
in  einer  neu  nach  Freiheit  und  Gleichheit  strebenden  Classe 
machen  es  möglich,  dass  die  neuen  Ei*findungen  durch  neue 
sociale  Einrichtungen  ausgenutzt  werden.  Wenn  Frankreich 
das  Land  ist,  dessen  Schriftsteller  und  Politiker  am  meisten 
direct  auf  die  ganze  Gulturwelt  gewirkt  haben,  so  ist  dagegen 
England  das  Land,  in  dem  das  Zusammenwirken  der  neuen 
geistigen  und  materiellen  Bewegung  am  stärksten  und  deut- 
lichsten hervortritt.  Denn  England  ist  die  eigentliche  Heimath 
der  modernen  Grossindustrie  und  darum  kann  man  hier  am 
besten  erkennen,  was  Wahres  und  was  Falsches  an  den  neuen 
Ideen  ist,  welche  Licht-  und  Schattenseiten  die  in  ihrer  Ent- 
wicklung noch  keineswegs  abgeschlossenen  moderaen  Verhält- 
nisse haben.  — 

Wenn  ich  es  mm  untornehme,  eine  kurze  Geschichte  der 
Entwicklun<i;  der  englischen  Grossindustrie  zu  schreiben,  so  versteht 
es  sich  von  selbst,  dass  ich  nur  die  socialen  und  politischen  Ur- 
sachen und  Wirkungen  der  Grossindustrie  schildern  kann  und  will, 
nicht  die  technischen  Fortschritte  vom  Standpuncte  des  Technikers 
beschreiben  werde.     Dies  bleibe  dazu  berufenen  Federn  überlassen. 

Die  allgemeinsten  Thatsachen  der  Entstellung  und  Entwick- 
lung der  Grossindustrie  sind  sattsam  bekannt.  Die  namentlich  von 
Arkwright  begründete  Baumwollengrossindustrie  schuf  zuerst  eine 
Oasse  grosser  Fabrikanten  und  besitzlose  Lohnarbeiter,  darunter 
Frauen  und  Kinder,  an  Stelle  ländlicher  Arbeiterfamilien.  Die 
übiigen  Zweige  der  Textilindustrie  folgten  nach,  es  ergab  sich  eine 
gewaltige  indirecte  Wirkung  auf  alle  anderen  Gewerbe,  namentlich 
Metallindustrie  und  Bergbau.  ZuglcMch  begünstigte  diese  Entwick- 
lung das  Absterben  der  kleinen  Grundbesitzer.  Es  entstiind  das 
Grosscapital  und  das  Proletariat ,  beide  abhängig  von  den  Schwan- 
kungen des  grossen  Handels.  Der  zünftige  Meister  und  Lehrling, 
sowie  die  ländliche  Hausindustrie  starben  aus  oder  wurden  in  eine 
elende  Lage  gedruckt,  oder  mussten  sich  durch  veränderten  Betrieb 


Literatur.  391 

dem  Siegeslauf  der  Grossindustrie  anschliessen.  Neue  Macht  und 
neue  Abhängigkeit,  neuer  Reichtbum  und  neues  Elend,  neue  Stände 
und  neue  Bedürfnisse  entwickelten  sich  an  Stelle  der  vergleichs- 
weise patriarchalischen  Zustände,  deren  vollkommenstes  Bild  uns  die 
Gesetze  der  Elisabeth  darbieten. 

So  bekannt  diese  allgemeine  Entwicklung  ist,  so  schwierig  ist 
es,  sie  im  Detail  unparteiisch  zu  schildern,  Ursache  und  Wirkung 
im  Einzelnen  nachzuweisen,  den  Kampf  des  Neuen  mit  dem  Alten 
in  seinen  «einzelnen  Stadien  zu  beschreiben.  Man  kann  wohl  sagen, 
dass  die  gebildete  Welt  im  Allgemeinen  erst  nach  1832  auf  die 
grosse  sociale  Umänderung  und  ihre  Bedeutung  aufmerksam  wurde, 
wie  ja  auch  auffallender  Weise  die  socialen  und  politischen  Denker 
vor  1832  meistens  über  diese  neuen  socialen  Thatsachen  hinweg- 
gingen. 

Die  officiellen  Quellen ,  auf  welche  ich  mich  hauptsächlich 
sttltze,  und  namentlich  diejenigen  Bücher,  welche  die  sociale  Um- 
wälzung wissenschafUich  behandeln,  stammen  auch  zum  grossen 
Theile  aus  der  Zeit  nach  1830  oder  1840.  Was  diese  Quellen 
betrifil,  so  sind  sie  werthvoU,  weil  sie  uns  die  Folgen  der  älteren 
Entwicklung  schildern,  die  ja  noch  nicht  abgeschlossen  war. 
Uebrigens  werde  ich  selbstverständlich,  so  weit  es  möglich  ist, 
die  gleichzeitigen  Quellen  besonders  benutzen. 

In  seinen  Parlamentspapieren  besitzt  England  ein  unvergleich- 
liches Quellenmaterial.  Mit  Bearbeitungen  desselben,  die  dem  neuen 
Schriilsteller  die  Arbeit  erleichtern  könnten,  sieht  es  aber  schlecht 
aus,  indem  solche  von  dauerndem  wissenschattlichem  Werth  zumeist 
nur  für  einzelnen  Zweige  der  ganzen  Frage  existiren. 

Es  mag  in  dieser  Vorbemerkung  erlaubt  sein,  einige  weit  be- 
kannte und  viel  benützte  Bücher  kurz  zu  charakterisiren.  Die- 
selben haben  auch  mir  zur  Anregung  und  Belehrung  gedient;  die 
folgende  Darstellung  konnte  sich  aber  keinem  derselben  anschliessen, 
sondern  musste  auf  die  Quellen  zurückgehen. 

Zunächst  müssen  zwei  Werke  erwähnt  werden,  welche  sich 
zwar  nicht  ex  professo  mit  gewerblichen  und  socialen  Verhältnissen, 
sondern  mit  dem  Handel  beschäftigen,  welche  aber  durch  den 
grossen  Fleiss,  mit  dem  Gesetze,  Handelsverträge  etc.,  die  sich  auf 
wirthschaftliche  Verhältnisse  beziehen,  zusammengestellt  sind,  auch 
bei  social-geschichtlichen  Studien  eine  sehr  bequeme  Hülfe  gewäh- 
ren. Diese  beiden  Bücher,  je  vier  Quartbände  enthaltend,  nämlich : 
Anderson,  Deduction  of  the  origin  of  commerce,  containing  a  history 
of  the  great  commercial  interests  of  the  Britisch  empire  (ich  be- 
nützte eine  posthume  Ausgabe,  London  1801);  und  Macpherson, 
Annais   of  commerce,    London   1805  sind,  nebenbei  bemerkt,   sehr 


892  Zweites  Buch,  Vorbemerirang. 

stark  ausgezogen  und  abgeschrieben,  ÜBist  so  wie  Eden's  oft  er- 
wähntes Werk.  Uebrigens  beruht  das  Werk  von  Maephenon 
für  die  Zeit  von  1492  bis  1760  fiast  ganz  auf  Anderson.  Vmk 
dem  Werke  Andersons  erschien  bereits  1773  bis  1779  eine  deotaehe 
Uebersetzung  in  Riga,  7  Bttnde  in  8®. 

Ein  fiut  unentbehrliches  Buch,  wegen  des  fleissig  zusammen- 
getragenen statistischen  Materials ,  ist  fttr  die  neuere  Zeit  Porler't 
Progress  of  the  Nation,  das  idi  nach  der  Ausgabe  von  1851 
citiren  werde.  • 

Ein  überaus  fruchtbarer  Schriftsteller,  weithin  bekannter 
Epigone  der  classischen  Nationalökonomie  und  typischer  Man- 
chestermann  ist  Mac-Culloch.  Nicht  wegen  seiner  theoretisclien 
Schriften,  auch  nicht  wegen  seiner  dankenswerthen  Ausgaben 
iüterer  Schriftsteller,  sondern  wegen  seiner  statistischen  Arbeiten 
erwähnen  wir  ihn,  die  als  Nachschlagebücher  und  kurze  Zusammen- 
stellungen von  Thatsachen  durchaus  brauchbar  sind.  Hierher 
gehört  sein  Dictionary  of  commerce  und  sein  Statistical  aocoimt 
of  the  Britisch  empire,  London*  1837.  Letzteres  Werk  enthSlt 
unter  Anderem  auch  gedrängte  Zusammenstellungen  der  Hanpt- 
etappen  der  Entwicklung  von  Industrie  und  Handel,  die,  wenn- 
gleich nur  Aeusserliches  darbietend,  gelegentlich  bequem  neben 
Anderem  benutzt  werden  können,  ohne  dass  dabei  das  reine  Man- 
chestertbum  (vergl  oben  Seite  232 — 233)  des  Vertisussers  stört 

Einige  ftlr  die  Geschichte  der  Grossindustrio  wichtige  That- 
sachen enthält  L  A.  Langford,  a  Century  of  Birmingham  life 
1741 — 1841,  Birmingham  und  London  1S61,  ein  Buch,  das 
zunächst  nur  eine  trockene  und  gewissen! lafte  locale  Chronik  ist. 
Ein  älteres  Werk  ähnlicher  Art  ist  Aikin,  a  description  of  the 
country  round  Manchester,  Jjondon  1795:  ein  äussert  fleissiges 
geographisch-statistisches  Handbuch  mit  viel(>n  historischen  Notizen, 
sehr  werthvoll  nicht  nur  als  Zustandsbeschreibung  für  das  Ende 
des  vorigen  Jahrhunderts,  sondern  insbesondere  auch  dadurch,  dass 
es  über  die  ^Entwicklung  der  grossen  Industrie  äusserst  brauchbares 
Material  enthält.  p]s  ergänzt  das  oft  erwähnte  Werk  von  Eden, 
welches  mehr  von  der  Lebensweise  der  Arbeiter  und  vom  Armen- 
wesen handelt,  indem  es  mehr  die  Aenderungen  der  gewerblichen 
Verhältnisse  besclireibt,  allerdings  nicht  überall  gleichmässig. 
Hervorzuheben  sind  seine  Darstellung  der  Entwicklung  des  Canal- 
Wesens,  der  Baumwollenindustrie  in  Manchester  und  der  Wollen- 
industrie in  Leeds,  woraus  ich  verhältuissmässig  viel  Bedeutsames 
entnehmen  konnte. 

Von  der  Wollenindustrie  handeln  folgende  Werke:  Jolin 
Smith,  memoirs  of  Wool,  2te  Auflage,  London  1757,  eine  reich- 
haltige, nicht  gerade  gut  geschriebene  Materialsammlung ,   die  sich 


Literatur.  393 

in  erster  Linie  mit  der  Frage  beschäftigt,  wann  und  wie  das 
Verbot  des  Exports  von  Rohwolle  entstanden  ist  und  das  femer 
grosse  Ausbeute  gewährt  in  Bezug  auf  die  Geschichte  des  Protec- 
tivsTstems  und  der  Zünfte,  sowie  in  Bezug  auf  die  Interessenkriege 
der  verschiedenen  Zweige  der  Textilindustrie  untereinander. 

Ein  gutes  Nachschlagebuch  zur  Geschichte  der  Wollindustrie 
ist  auch  Moreau,  Wollhandel  und  Wollmannfkctur,  aus  dem  Eng- 
lischen, Berlin  1829;  umfangreicher  ist  John  James,  historj  of 
the  worsted  manufacture,  London   1857. 

EndHch  sind  von  mir  benutzt  worden  viele  Streitschriften  aus 
der  zweiten  Hälfte  des  1 8.  Jahrhunderts ,  namentlich  aus  den 
Jahren  1781  und  1782,  über  die  Zollgeset^ebung  in  Bezug  auf 
Wolle,  welche  viel  Aufklärung  über  die  damaligen  Zustände  ver- 
breiten.  — 

Von  ausschlaggebendem  Einfluss  auf  die  ganze  industrielle 
Entwicklung  Englands  ist  jedoch  nicht  die  Wollen-  sondern 
die  Baumwollenindustrie,  sodass  die  ihr  gewidmeten  Werke  gelegent- 
lich auch  eine  allgemeine  Bedeutung  haben.  Natürlicherweise  ist 
die  hieher  gehörige  überaus  reichhaltige  Literatur  vorzugsweise 
technischen  Inlialts,  und  streift  meist  nur  nebenbei  die  fllr  uns 
wichtigeren  Vorgänge. 

p]rwähnung  verdient  z.  B.  William  Felkin,  a  history  of  the 
machine  wrought  hosiery  and  lace  manufactures ,  London  1867, 
worin  manches  Interessante  über  die  Geschichte  der  Londoner 
Framework-knitters-Zunft  und  über  die  Unruhen  der  Ludditen, 
sowie  über  die  häufigen  Ej-isen  und  Nothstände  dieses  Gewerbes 
erzählt  wird.  —  Ein  neueres ,  zunächst  auch  nur  technisches  aber 
durch  seinen  reichen  Inhalt  auch  sonst  brauchbares  Buch  ist: 
Evan  Leigh,  the  science  of  modern  cotton  spinnery,  2  Bände, 
London   1877. 

Die  Memoirs  of  the  literary  and  philosophical  society  of 
Manchester  enthalten  zumeist  Artikel  naturwissenschaftlichen  Inhalts, 
doch  fehlt  es  nicht  an  socialgCvSchicht liehen  Arbt3iten.  Dahin 
gehören  die  Aufsätze  von  John  Kennedy  in  Bände  III  und  V  der 
zweiten  Serie,  1819  und  1831,  die  Einiges  von  Interesse  über  die 
Geschichte  der  Erfindungen  in  der  Spinnerei  und  Weberei  enthalten. 

Die  oft  citirten  Schriften  von  Henry  Ashwortli :  Cotton,  its 
cultivation,  manufacture  and  uses,  Manchester  1858;  und  Statistical 
illustrations  of  the  past  and  present  of  Lancashire,  London  1842, 
sind  klein  und  unerheblich  und  enthalten  kaum  Thatsachen,  die 
nicht  auch  anderwärts  zu  finden  wären. 

W.  Rashleigh ,  stubbom  facts  from  the  factories,  by  a  Man- 
chester operative,  London  1844,  ist  eine  chartistische  Flugsclurift, 
welche   die  Arbeiter   vor  den  Antikornzoll-Leaguisten  warnt,    aber 


394  Zweites  Buch,  Vorbemerkung. 

über   die   Entstebung   nnd    das    Wesen    der  Grossindustrie   nichti 
beibringt. 

Philips  Bevan,  British  maDufacturing  industri es,  London  1877| 
enthält  nur  eine  dürftige  und  kurze  Zusammenstellung  der  ttnsser- 
lichsten  Thatsachen  in  Bezug  auf  Entwicklung  und  gegenwärtigiea 
Zustand  der  Hauptindustrien.  Das  was  es  leisten  will,  wixd 
jedenfalls  von  dem  jüngst  erschienenen  Buch  von  Scherzer,  Welt- 
induslrien,  1880  besser  geleistet.  Uebrigens  enthält  auch  dies 
Buch  keine  Geschichte  der  Umwälzungen  im  Gewerbewesen  und 
leidet  an  dem  Fehler,  viel  Statistik  ohne  Quellenangabe  und 
Kritik  zu  bringen. 

Wir  wenden  uns  nun  zu  bedeutenderen  Werken  über  die 
Grossindustrie  und  betrachten  dieselben  nach  der  Reihenfolge  des 
Erscheinens.  Brauchbar  und  lehrreich  ist  das  kleine  Bach: 
Richard  Guest,  a  compendious  history  of  the  cotton-manufkcture, 
Manchester  1823.  Der  Hauptzweck  desselben  ist,  die  Verdienate 
von  Arkwright  als  technischem  Erfinder  auf  ihr  richtigf"«  Maass  za 
reduciren;  es  enthält  aber  zugleich  eine  ungewöhnliche  klare  und 
einfache  Schilderung  aller  Aenderungen  der  Technik  und  ihrer 
socialen  Wirkung,  beschreibt  sehr  gut,  wie  die  einzelnen  Erfindun- 
gen sich  gegenseitig  bedingten  und  erzeugten,  wie  die  Entwick- 
lung der  Weberei  erst  auf  die  der  Spinnerei  folgte,  wie  zuerst 
Spinnerei  und  Weberei  sich  trennten,  bis  sie  zuletzt  unter  dem 
Dach  der  Fabrik,  statt  des  Cottages,  wieder  vereinigt  wurden. 
Guest  erkennt  S(».hr  genau  wie  die  mme  Abliängigkeit  des  Fabrik- 
arbeiterstandes entstand.  Von  ihren  schlimmen  Seiten  spricht  er 
nicht  und  am  melBten  bescliHftigt  ihn,  wie  der  drohenden  C^oncur- 
renz  des  Auslandes  zu  entgehen  sei. 

P^in  viel  benutztes  Buch  ist  Babbage,  on  the  economy  of 
macliinery  and  manufactnres ,  erste  iVuflafce  1832.  Es  gibt  keine 
Entwicklungsgeschichte  der  Industrie  und  ist  nicht  auf  einer  grossen 
socialen  Auffassung!:  auffji;ebaut.  Es  entiiUlt  eine  Verbindung  tech- 
nischer und  ökonomischer  Erörterungen,  wobei  die  letzteren  vor- 
herrschen :  überall  blickt  der  privatwirthsc haftliche  Standpunct 
durch.  Doch  ist  es  ein  durchdachtes  Buch  und  vernüntlige  ge- 
mässigte Ansichten  haben  das  Ueberge wicht  Gut  ist  die  Dar- 
stellung, wie  vor  Allem  Billigkeit  der  Production  ein  Hauptinteresse 
sei ;  wie  die  Uebermacht  grosser  Anstalten  stark  auf  Arbeitstheilung 
beruhe,  welche  durch  wagende  Intelligenz  organisirender  Unter- 
nehmer bei  vorhandenem  grossem  Absatz  ausgebildet  werde,  sodass 
dadurch  technische  P]rfindungen  erst  Wurzel  lassen.  Das  Truck- 
system und  übermässige  Kinderarbeit  zu  verbieten  ist  nach  Babbage 
kein  verwerflicher  Verstoss  gegen  das  IVincip  der  Nichteinmischung 


Literatur.  395 

des  Staates.  Doch  ist  er  der  Meinung,  im  Grunde  seien  die 
Interessen  der  Arbeiter  und  der  Arbeitgeber  identisch,  nur  sei  es 
jptir  den  einzelnen  Arbeiter  schwer,  dies  zu  erkennen  —  daher 
seien  Productivassociationen ,  resp.  „industrial  partnerships^,  als 
Einrichtungen,  die  den  Arbeiter  am  Gewinn  des  Geschäfts  bethei- 
ligen, empfehlenswerth :  ein  Vorschlag  der  tttr  die  damalige  Zeit 
ein  objectives  Nachdenken  über  die  sociale  Frage  verräth. 

Gaskell,  the  mauufacturing  population  of  England,  London 
1833,  nimmt  oft  Bezug  auf  Babbage;  das  Werk  hat  aber  mehr 
zum  Zweck,  die  menschliche  Seite  der  Industrie- Entwicklung  klar 
zu  legen.  Es  ist  eines  der  ältesten  Bücher,  die  Überhaupt  die 
sociale  Lage  der  Arbeiter  der  Grossindustrie  darstellen.  Das  Buch 
enthält  zumeist  allgemeine  Schilderungen  der  damaligen  Verhält- 
nisse, nebst  Betrachtungen  darüber.  Die  Schilderungen  sind 
anschaulich ,  die  Betrachtungen  maassvoll,  frei  von  einseitiger  Partei- 
nahme für  die  Arbeiter.  Als  grösstes  Uebel  erscheint  immer  die 
sittliche .  Verwilderung  in  den  Bezirken  der  Grossindustrie ;  die 
Auflösung  der  Familienbande,  sowie  das  Leben  in  den  grossen 
Städten  sind  es,  worauf  der  Verfasser  hauptsächlich  das  Augenmerk 
richtet  Die  Entstehung  der  Grossindustrie  ist  etwas  einseitig  auf 
die  Anwendung  des  Dampfes  zurückgeführt;  die  Geschichte  ihrer 
Entwicklung  ist  kurz  und  ohne  Anführung  von  Einzelheiten  erzählt 
(aus  ihr  hat  F.  Engels  manches  Gute  entnommen)  und  man  hat 
den  Eindruck,  dass  der  Verfasser  unparteilich  und  von  guter 
Gesinnung  ist. 

Als  die  eigentlichen  Lobredner  der  Grossindustrie  erscheinen 
Baines  und  Ure. 

E.  Baines  jr.,  history  of  the  cotton  manufacture  in  Great 
Britain,  1835,  ist  ein  sehr  viel  benutztes,  resp.  abgeschriebenes 
Buch,  welches  die  wichtigsten  Daten  in  der  Entwicklung  dieses 
Industriezweiges  übersichtlich  zusammenstellt.  Der  Verfasser  macht 
den  Eindruck  eines  durchaus  ehrlichen  aber  mehr  oder  minder 
beschränkten  politischen  Liberalen  und  religiösen  Dissenters,  der 
in  Bezug  auf  die  allgemeine  culturf ordernde  Wirkung  der  Gross- 
industrie viel  Wahres  beibringt,  viel  Gutes  ernstlich  will  imd  viele 
Schattenseiten  —  nicht  sieht. 

Ure's  Philosophy  of  manufactures  (wovon  ich  die  dritte  Auf- 
lage von  1861  benützte;  die  Vorrede  des  Verfassers  ist  von  1835) 
enthält  ebenfalls  viel  brauchbare  Zusammenstellungen  von  That- 
sachen.  Der  Titel  „Philosophy**  ist  im  englischen  Sinne  zu  nehmen, 
bedeutet  also  etwa,  was  wir  Theorie  nennen.  Ure  ist  vor  Allem 
Technologe  und  schildert  die  fortschreitende  Technik  in  Wort  und 
Bild.  Damit  sind  dann  verschiedene  historische  Bemerkungen  und 
Betrachtungen  über  die  socialen  Wirkungen  der  Grossindustrie  ver- 


396  Zweites  Buch,  yoii>emerkiiiig. 

banden,  welch  letztere  theilweise  auf  Aussagen  von  Fabrikuiten 
vor  den  Enqu^tecommissionen  basirt  sind.  In  diesen  Betxachtongeo  wt 
eine  sehr  eigenthttmliche  Art  von  Philosophie  enthalten.  Ure  ist 
von  der  Wirkung  vervollkommneter  Maschinen,  von  der  Ordnnqg 
und  Disciplin  in  den  Fabriken  und  von  ihrer  gewaltigen  Productioii 
so  berauscht,  dass  er  die  arbeitenden  Menschen  darin  nur  mehr  mit 
Entzücken  (delight)  betrachten  kann.  Dass  die  vervollkcmmm^ 
ten  Maschinen  eine  abgestufte  Arbeitstheilung  mehr  und  mehr  mi- 
nöthig  machen,  ist  ihm  einfach  ein  Triumph  des  Fortschritts.  Die 
Arbeit  von  Frauen  und  Kindern  wird  in  geradezu  widerlicher 
Weise  gerühmt.  Die  Leiden  der  Arbeiter  rtlhren,  wo  sie  eintreten, 
nur  von  ihren  Strikes  her,  welche  Verschwörungen  der  Arbeitor 
gegen  ihre  eigenen  Interessen  sind,  „da  die  Wissenschaft  auf  den 
Buf  des  Oapitab  jede  ungerechtfertigte  Arbeiterverbindung  nieder- 
werfen wird  (S.  40)".  Der  Arbeitgeber  ist  ein  unbedingter  Segea- 
Bpender  —  nicht  nur  die  Chefs  einiger  Musterfabriken ,  von  denen 
Ure  lehrreiche  Beispiele  bringt,  sondern  die  Arbeitgeber  überhaupt, 
welche  keine  Lohnherabsetzung  und  Kinderausbeutung  wollen  können. 
12 — 14  stündige  Fabrikarbeit  ist  nicht  ungesund,  die  Fabrikarbeiter 
sind  gestlnder  als  andere  Handarbeiter,  „das  Factoiysystem  ist  das 
grosse  PaUadium  der  arbeitenden  Bevölkerung^.'  (8.  329).  £2s  muas 
nur  gestrebt  werden,  dass  die  Arbeiterjugend  in  freiwilligen  (kirch* 
liehen)    Sonntagsschulen   (nicht    in  andern  Schulen)    Cliristentham 

und   damit    Ordnungssinn    und  Gehorsam   lernt. —    In  aU 

diesem  steckt  einige  Wahrheit.  Es  gab  gewiss  auch  damals  humane 
Fabrikanten  und  gilt  ventilirte  Fabriken;  die  Rohheit,  Trunksacht 
etc.  der  Arbeiter  that  diesen  selbst  p*08Acn  Schaden.  Die  Lage 
der  ländlichen  Arbeiter  und  der  Hausindustriellen  war  vielfach  noch 
kläglicher  als  die  der  Fabrikarbeiter,  aber  eben  weil  die  Grossin- 
dustrie die  letzten  lieste  eines  freien  Bauernstands  vernichtete  und 
der  Hausindustrie  durch  ihre  Coneurrenz  das  Dasein  allmälig  un- 
möglich machte.  Dennoch  liegt  die  Sache  nicht  etwa  so,  dass  Ure 
die  eine  Seite  der  Medaille  schildert ,  deren  andere  uns  dann 
Engels  zeigt;  oder  so,  dass  die  Wahrheit  in  der  Mitte  zwischen 
diesen  beiden  extrem  einseitigen  Darstellungen  läge,  sondern  Ure 
ist  nicht  nur  namenlos  sophistisch  (z.  B.  iu  dem  Beweis,  dass  die 
Fabrikkinder  besonders  gesund  seien)  und  absolut  blind  gegen  alle 
Jjeiden  der  Arbeiter:  er  hat  sogar  überhaupt  keine  Ahnung  von 
der  grossen  Wahrheit,  welche  doch  ein  „Philosoph"  des  Fabrik- 
wesens vor  Allem  ins  Auge  fassen  miisste  —  nämlich  von  der 
Wahrheit,  dass  das  Umsichgreifen  der  Fabrikindustrie  die  Arbeiter 
gewaltsam  aus  altgewohnten  Verhältnissen  riss,  sie  zunächst  nur  be- 
nützte, nicht  schützte  und  leitete,  sie  in  neue  unsichere  und  unge- 
sunde Verhältnisse  zwang,  in  denen  sie   bei  ilu-em  unverschuldeten 


Literatur.  397 

Mangel  an  Besitz  nnd  Bildung  moraliscben  und  physisclien  Schaden 
leiden  mussten. 

Noch  jede  grosse  Umwälzung  in  menschlichen  Verhältnissen 
hat  ihre  Opfer  gefordert.  Diese  Opfer  leugnen,  heisst  die  Um- 
wälzung selbst  nicht  verstehen.  Der  Fortschritt  der  Grossindustrie 
hat  „Menschenopfer  unerhört"  gekostet.  Wir  können  heute 
sagen,  dass  *die  Cultur  des  Alterthums  die  Sclaverei,  das  Mittelalter 
die  Leibeigenschaft  —  die  neueste  Zeit  das  Proletariat  erzeugt, 
resp.  gebraucht  hat;  dass  die  physischen  und  moralischen  Leiden 
des  Proletariats  die  grössten  waren,  indem  es  zwar  nicht  ärmer 
ist  als  Sclaven  und  Hörige  waren;  aber  ihm  als  einem  grossen 
Stande  wurde  die  härteste,  d.  h.  mit  wahrem  Lebensgenuss  uner- 
träglichste Arbeit  und  die  unsicherste  Existenz  auferlegt  Wir  können 
und  müssen  das  zugestehen,  indem  wir  uns  zugleich  bewusst  sind, 
dass  diese  Leiden  weniger  lange  dauern,  weil  die  Proletarier  frei 
blieben  und  ihnen  die  Bildung  der  Zeit  zugänglich  blieb,  sie  also 
mit  Erfolg  nach  Verbesserung  ihres  Looses  streben  konnten.  '  Es 
sind  grosse  Missstände  —  denen  aber  abgeholfen  werden  konnte 
und  an  denen  das  System  der  Grossindustrie  selbst  nicht  zu  Grunde 
zu  gehen  braucht.  Wir  können  die  grossen  Leiden  eines  Ueber- 
gangsstadiums  erkennen,  ohne  am  Fortschritt  der  Menschheit  zu 
verzweifeln.  So  enthält  Ure*s  „Philosophie"  einiges  Wahre,  und 
ist  doch  in  der  Hauptsache  unbedingt  ^sch. 

Ure  hat  auch  eine  History  of  Cotton  Manufacture  geschrieben, 
2  Bde.  London  1836.  In  diesem  Buche  überwiegen  die  Ausfüh- 
rungen über  Naturgeschichte  der  Baumwolle,  über  Geschichte  und 
gegenwärtigen  Stand  der  Technik  noch  mehr.  Die  Gesinnungen 
sind  dieselben  wie  in  der  Philosopby.  Ure's  grosser  Heros  ist  Ark- 
wright,  der  mit  Newton  und  Napoleon  verglichen  wird.  Es  fehlt 
nicht  an  Statistik  über  Productiou,  Preise,  Löhne  etc.  in  der 
Baumwollindustrie,  wohl  aber  vollständig  an  einer  eingehenden  und 
objektiven  Würdigung  der  grossen  socialen  Veränderungen,  die 
durch  die  Grossindustrie  eintraten  und  an  einem  genauen  Nachweis 
der  einzelnen  Gründe  dieser  Aenderungen.  Wozu  auch?  Es  ist 
ja  der  Zweck  der  Menschheit  und  die  Aufgabe  unserer  Zeit,  durch 
technische  Fortschritte  die  Menge  der  Producte  zu  steigern.  In 
früheren  Zeiten  „war  die  Arbeit  der  Industriellen  (artizans)  isolirt 
und  bestand  aus  einseitigen  Anstrengungen  in  Folge  von  unmittel- 
barer Noth  und  war  jederzeit  der  Gefahr  ausgesetzt  durch  kriege- 
rische Herren  ohne  Rücksicht  auf  Wünsche  und  Interessen  der 
Gesammtheit  unterbrochen  oder  in  eine  neue  Richtung  gedrängt  zu 
werden.  Mittlerweile  aber  bereitete  die  Vorsehung  eine  grosse 
Revolution  im  socialen  System  vor,  welche  in  den  jüngsten  Tagen 
zur    Reife  gelangte,    indem    sie    die  Menschheit  durch   eine  Reihe 


398  Zweites  Bach,  Vorbemerkung. 

ernster  Lectionen  lehrte,  dass  Armuth  und  Elend  die  unvenneidlichen 
Folgen  von  kriegerischem  Ruhm  und  Stolz  sind;  und  dass  natio- 
naie  Würde  und  Glück  lediglich  in  der  freundlichen  ConcurreDs 
verschiedener  Reiche  in  der  Schöpfung,  dem  Austausch  und  der  Va> 
theilung  jener  verschiedenen  materiellen  und  intellectuoUen  Gegen- 
stände gefunden  werden  kann,  welche  das  Wohlsein  unseres  Gre- 
schlechts  befördern/*  (1.  c.  Bd.  I,  S.    169.) 

Ohne  jedes  Verdienst  der  Selbständigkeit  ist  Wade,  histoiy  of 
the  middle  and  working  classes,  3.  Auflage,  London  1835  —  ein 
Buch,  das  nur  einige  brauchbare  kurze  Uebersichten  enthält. 

Ganz  in  demselben  Geist  wie  üre  schreibt  Cooke  Taylor ;  nur 
bringt  er  weit  weniger  Thatsachen  und  weit  mehr  Polemik  g^en 
Fabrikgesetze  —  entsprechend  der  etwas  späteren  Zeit,  in  der  er 
schrieb.  In  dem  Buche:  Notes  of  a  tour  in  the  manu&cturing  dis- 
tricts  of  Lancashire,  London  1842,  wird  das  System  der  Grossin- 
dustrie als  eine  nicht  zu  ändernde  Thatsache  betrachtet  —  was 
ganz  richtig  ist  insofern,  als  kein  Vernünftiger  daran  denken  wird, 
eine  vollzogene  Steigerung  unserer  Productivkraft  rückgängig  machen 
zu  wollen.  Dass  die  plötzliche  EinfÜlining  dieses  Systems  in  Folge 
neuer  Lebensgewohnheiteu  etc.  gewisse  störende  Wirkungen  hervor- 
gebracht habe,  gesteht  Talyor  zu,  ja  er  übertreibt  sogar  in  Folge 
geschichtlicher  Unkenntniss  die  Plötzlichkeit  des  Umschwungs. 
Er  weiss  hübsch  zu  schildern  das  erstaunlich  geschäftliche  Ansehn 
der  Stadt  Manchester,  die  traurige  Trennung  der  Arbeiter  nnd 
Arbeitgeber,  die,  in  getrennten  Stadtvierteln  wohnend,  von  ihren 
menschlichen  Verhältnissen  gegenseitig  nichts  wissen.  Besonders 
schildert  er  höchst  beweglich  das  grausame  Elend  der  Arbeiter 
während  der  Geschäftsstockung  und  die  erstaunlich  würdige  Hal- 
tung der  Arbeiter  in  ihrer  Noth. 

Aber  es  kommt  ihm  nicht  der  Gedanke,  dass  solches  periodisches 
Massenelend  die  natürliche  Folge  einer  auf  weiten  Absatz  speculiren- 
den  Industrie  ist,  sondern  er  ist  ganz  überzeugt,  dass  Krisen  bei 
Freihandel  nicht  vorkommen  würden  —  als  ob  in  der  Zeit  der 
vorangegangenen  Ueberspeculation  nicht  ebenfalls  Kornzölle  bestan- 
den hätten,  und  als  ob  überhaupt  Zollverhältnisse  das  Schwan- 
ken des  Absatzes  verhindern  könnten.  Er  pllidirt  für  den  Frei- 
handel während  einer  Krise,  gerade  so  und  mit  gerade  so  viel 
Recht,  wie  heute  die  deutschen  Fabrikanten  während  der  Krise 
Schutzzölle  verlangen.  Freihandel  konnte  damals  die  englische  In- 
dustrie überhaupt  befördern  und  die  Gefahr  der  Korntheuerung  ver- 
mindern  —  nicht  Absatzschwankungen  verhüten. 

Demgemftss  ist  Taylor  ein  Lobredner  der  Grossindustrie,  die 
an  sieh  die  Arbeiter  in  die  denkbar  besten  Verhältnisse  versetze; 
nicht  die  iVrbeiter,  sondern  die  Vagabunden  in  den  grossen  Städten 


Literatur.  399 

seien  elend  und  unmoralisch  —  wobei  vergessen  wird,  dass  die 
rapide  wachsenden  Grossstftdte  ihrerseits  das  Prodact  der  Grossin- 
dostrie  sind.  Besonders  die  Ackerbauarbeiter  seien  schlimmer  daran 
ab  die  industriellen  —  letztere  wollten  nicht  auf  das  Land  zurtLck. 
Taylor  gesteht  zu,  dass  Fabriken  auf  dem  Lande  besser  sind  als 
in  den  Städten  und  dass  die  Arbeitgeber  meist  zu  wenig  von  den 
Arbeitern  wissen.  Aber  sein  allgemeines  Heilmittel  gegen  alle 
Uebel  ist  doch  nur  Abschaffung  der  Kornzölle  und  sein  Manchester- 
thuro  zeigt  sich  überall  deutlich,  wenn  er  z.  B.  triumphirend  fol- 
gende Aeusserung  eines  Arbeiters  referirt:  „Mein  Vater  fiel  bei 
Waterloo.  Eines  Tages  war  ein  kirchliches  Dankfest  Der  Pfarrer 
sagte  mir :  Wollen  Sie  nicht  in  die  Kirche  gehen  und  Gott  danken 
ftlr  den  grossen  Sieg  des  Vaterlands?  Ich  sagte:  Wofür  soll  ich 
danken  —  vielleicht  daftir,  dass  mein  Vater  fiel?"  Besonders  zeigt 
sich  das  Manchesterthum  in  dem  Eifer  gegen  die  Zehnstundenbill, 
wobei  der  Hauptgrund  ist,  dass  der  Lohn  der  Kinder  zur  Unter- 
haltung der  Familien  unentbehrlich  sei.  Die  Frage,  woher  es 
komme,  dass  trotz  enorm  gesteigerter  Produktivkraft  vermehrte  An- 
strengung der  Arbeiterfamilien  zur  Gewinnung  des  Unterhalts  nöthig 
ist,  wird  nicht  gestellt 

Gleiche  Gesinnungen  finden  wir  in  dem  späteren  Buche  des- 
selben Verfassers :  Factories  und  the  Factory  System,  London  1844. 
Es  ist  freilich  manches  Wahre  darin  gesagt,  so  dass  die  Arbeit  der 
Fabrikarbeiter  selbst  nicht  das  grösste  Uebel  ist,  sondern  die  Woh- 
nungsverbältnisse  in  den  Grossstädten  etc. ;  dass  viele  Vertreter  der 
Zehnstunden bill  nur  aus  Neid  und  Eifersucht  auf  die  Industrie 
handeln,  resp.  die  Arbeiter  davon  höhere  Löhne  erhoffen;  dass  in 
der  Grossindustrie  Fabriken  mit  guten  Verhältnissen  vorkommen; 
dass  short-time  bills,  die  sich  nur  auf  einzelne  Arten  von  Fabriken 
beziehen,  verfehlt  sind.  Aber  das  Lob  der  nützlichen  Wirkungen 
der  Frauen-  und  Kinderarbeit  ist  oft  geradezu  haarsträubend  und 
es  fehlt  jeder  Ansatz  das  Phänomen  der  Grossindustrie  nach  seinem 
ganzen  Umfang ,  nach  seiner  Entstehung  und  nach  seinen  ge- 
sammten  Wirkungen  zu  begreifen.  Nirgends  eine  Idee,  dass  diese 
Erscheinung,  Wirkung  und  Ursache  zugleich  der  Auflösung  alter 
Ordnungen,  zu  ihrer  allseits  gedeihlichen  Entwicklung  selbst  neuer 
Ordnungen  bedarf. 

Viel  mehr  thatsächliches  Material  und  objective  Betrachtung 
enthält  das  Buch  von  J.  D.  Tuckett,  A  History  of  the  Past  und 
Present  State  of  the  Labouring  population  London  1846.  Dies 
Buch  enthält,  wenn  auch  ungeordnet,  die  Geschichte  vieler  Industrie- 
zweige von  der  socialen  Seite,  ausserdem  viel  Statistik  über  Pro- 
duction  und  Consumtion,  jedoch  nicht  immer  mit  genügender  Quel- 
lenangabe.   Es  enthält  Viel  und  Vielerlei,  und  manches  Lehrreiche 


400  Zweites  Buch,  Vorbemerkung. 

kanu  daraus  entnommen  werden.  Auch  ist  der  Verfasser  nicht  ge- 
blendet von  den  Erfolgen  der  Gegenwart  und  stimmt  kein  Loblied 
anf  die  erreichte  beste  der  Welten  an  —  sondern  entwickelt  mis- 
sige und  durchdachte  ReformvorschlSge,  unter  denen  das  „allotmeot 
System^*  eine  grosse  Rolle  spielt 

Es  fehlt  auch  nicht  an  Schriften,  welche  ohne  leidenschaftliche 
und  gehfissige  Parteinahme  fUr  den  Arbeiterstand  gegen  das  herr- 
schende Manchesterthum  Front  machen  und  von  höheren  Gresichts- 
puncten  als  dem  des  privaten  Interesses  aus  den  Leiden  der  Ar- 
beiter abzuhelfen  trachten.  So  das  annonyme  Buch  „Claims  of  labonr", 
1.  Ausgabe  1844,  welches  sich  auf  Dr.  Arnold  bezieht,  und  einen 
ernsten  scliöncn  Autruf  an  llumanität  und  Pflichtgefllhl  erlttsst  und 
behauptet,  die  Regierung  könne  nicht  inactiv  bleiben.  Der  ;Ver- 
fisusser  beruft  sich  auch  auf  Thatsachen  nach  of)iciollen  Quellen  sei- 
ner Zeit  —  statt  einer  allgemeinen  historischen  Entwicklung  von 
Thatsachen  wird  ims  aber  zumeist  nur  eine  wolügemeinte  Predigt 
geboten. 

In  diese  Zeit  fUllt  ein  Werk  von  grosser  allgemeiner  Bedeu- 
tung :  Thomas  Carlylc,  Cliartism.  Past  and  Present,  wovon  mir  nur 
die  spätere  Ausgabe  von  1870  zu  Gebote  stand.  Es  zeichnet  sich 
aus  durch  die  schneidende  Kritik,  welche  an  dem  damals  herrschen- 
den Geiste  des  Manchesterthums  geübt  wird,  und  durch  den  Ernst, 
mit  dem  der  Verfasser  seinen  Landsleuten  die  Pflichten  gegen  die 
unteren  Classen  ins  Gedächtniss  ruft. 

Offenbar  von  Carlyle  vielfach  angeregt  und  auf  Gaskell  ge- 
stützt liess  Friedrich  Engels  im  Jahre  1845  sein  Werk  über  die 
Lage  der  arbeitenden  (fassen  in  England  erscheinen,  das  im  Jahre 
1848  mit  neuem  Titel,  aber  unverändertem  Text  nochmals  auf  den 
Markt  gebracht  wurde.  Es  ist  das  erste  Buch,  welches  deutschen 
Lesern  über  die  Gefahren  und  Leiden  eines  Fabrikproletariats,  wie 
es  in  England  existirte,  die  Augen  öfluete  und  schon  deshalb  kann 
dem  Buche  ein  grosses  Verdienst  nicht  abgesprochen  werden.  Es 
ist  freilich  ein  höchst  tendenziöses  Buch.  Nicht  dass  es  schwarz  in 
schwarz  malt  —  denn  die  behaupteten  Thatsachen  sind  theils 
officiellen  (Quellen  entnommen,  theils  (und  zwar  vorwieg^end)  beruhen 
sie  auf  zuverlässiger  eigener  Anschauung.  Wenn  fast  nur  solche 
Thatsachen  aufgeführt  sind,  welche  die  Zustände  absolut  trostlos 
erscheinen  lassen,  so  muss  mau  bedenken,  dass  Engels  zu  einer 
Zeit  schrieb,  in  der  zwar  mit  der  Fabrikgesetz^i^ebung  schon  ein 
Anfang  gemacht,  diese  aber  noch  zu  keinerlei  wirksamem  Abschluss 
gelangt  war;  Vielmehr  war  es  die  Zeit,  in  welcher  gerade  Arbeit 
und  Capital  sich  in  leidenschaftliclier  Weise  kllm[)fend  gegenüber- 
standen, die  Leiden  der  Arbeiter  durch  Theuerung  noch  besonders 
gesteigert  waren.     Bedenkt  man,  wie  häufig  Techniker  und  Kauf- 


Literatur.  401 

leute  in  der  Bewundening  der  Erfolge  der  Grossindustrie,  ohne  be- 
sonders böse  Absicht,  gegen  die  Leiden  der  Arbeiter  einfach  blind 
werden,  so  ist  eine  einseitige  Darstellung  der  letzteren,  ausgehend 
von  einem  Beobachter,  der  mit  dem  Auge  des  Menschen  sieht,  noch 
keineswegs  das  Product  einer  unwissenschaftlichen  Tendenz.  Was 
bei  Engels'  Ausführungen  wirklich  und  in  zu  bekämpfender  Weise 
tendenziös  genannt  werden  muss,  das  ist,  dass  er  die  Jjeiden  der 
Arbeiter  nicht  als  die  traurigen  aber  aufhebbaren  Folgen  eines 
Uebergangsstadiums,  sondern  als  die  nothwendig  wirkenden  Ursachen 
einer  von  ihm  gehofffcen  Alles  umgestaltenden  Revolution  betrach- 
tete, welche  er  bekanntlich  fälschlich  als  nahe  bevorstehend  pro- 
phezeite. Den  Hass  der  Arbeiter  gegen  das  Capital  will  Engels 
nicht  durch  Reformen  beschwören,  sondern  nur  zur  Revolution  be- 
nutzen. 

Trotz  dieser  Tendenz  kann  man  aus  Engels  Buch  sehr  viel 
lernen ;  seine  Scliildenmg  der  Fabrikgrossstädte ,  namentlich  von 
Manchester,  seine  zusammenfassende  Darstellung  der  Eigenschaften, 
welche  das  heutige  Proletariat  charakterisiren,  war  seinerzeit  eine 
bedeutende  Leistung.  Der  Hauptsache  nach  giebt  er  eine  Schilde- 
rung der  Verhältnisse,  wie  sie  im  Anfang  der  Vierziger  Jahre  stan- 
den. Aus  dieser  Zeit  stammendes  Quellenmaterial  wird  auch  von 
Engels  neben  verschiedenen  (wenig  älteren)  Büchern  benutzt  Was 
die  lange  Entwicklung  der  Dinge  seit  Arkwright  und  Watt  be- 
trifft, so  ist  diese  relativ  kürzer  und  zumeist  im  Anschluss  au 
Porter,  Kay,  Gaskell  etc.  bearbeitet.  Das  Wesentlichste  ist  hervor- 
gehoben —  doch  kann  man  nicht  sagen,  dass  eine  eingehende  Ge- 
schichte der  Entwicklung  gegeben  ist,  was  ja  auch  gar  nicht  beab- 
sichtigt war. 

Ein  seiner  Zeit  höchst  verdienstvolles  und  noch  immer  brauch- 
bares und  lehrreiches  Buch  ist  das  schon  früher  erwähnte  von  Klein- 
schrod:  Grossbritanniens  Gesetzgebung  über  Gewerbe,  Handel  etc. 
Stuttgart  und  Tübingen,  1836.  Eine  gründliche  Geschichte  der 
Gewerbegesetzgebung  muss  eo  ipso  eine  objective  Geschichte  der 
gewerblichen  Zustände  werden.  Statistisches  Material  ist  übrigens 
bei  Kleinschrod  ebenfalls  reichlich  benutzt.  Der  Uebergang  zur 
herrschenden  Grossindustrie  ist  namentlich  S.  160  ff.  behandelt. 
Kleinschrod  schreibt  nicht  als  Arbeiteradvocat,  sondern  als  Verwal- 
tungsbeamter, und  so  herrscht  ein  Geist  wohlthuender  Objectivität. 
Da  das  Buch  den  Versuch  einer  Darstellung  der  Gewerbegesetz- 
gebung enthält,  so  bietet  es  für  die  Kenntniss  der  früheren  ge- 
schichtlichen Entwicklung  bis  1832  mehr  als  Engels  —  doch  fehlt 
die  Benutzung  des  Materials  an  älteren  Parlamentspapieren  über 
die  factischen  Zustände. 

Weniger  ergiebig  für  unsere  Fragen  ist  das  fünf  bändige  Werk 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  26 


402  Zweites  Buch,  Vorbemerkung. 

von  ▼.  GUlich,  Geschichtliche  Darstellung  des  Handels,  der  Gewerbe 
und  des  Ackerbaus,  Jena  1830  bis  1845,  das  im  1.  und  3.  Bande 
von  England  handelt.  Darin  sind  manche  werthvolle  ältere  eng- 
lische Schriften  benutzt  und  brauchbare  Uebersichten  über  die 
wirthschafUiche  Thätigkeit  zu  verschiedenen  Zeiten  gegeben.  Doch 
von  dem  inneren  Umschwung  der  Industrie  ist  wenig  die  Rede, 
wenn  auch  das  Aufkommen  der  Maschinen  erwälmt  wird.  Das 
eigentlich  sociale  tritt  in  diesem  Buche  in  den  Hintergrund  gegenüber 
der  Frage  nach  der  Ausdehnung  von  Production  und  Handel  in  ver- 
schiedenen Zeiten. 

Als  ein  nicht  uninteressantes  gleichzeitig  mit  Engels  erschiene- 
nes deutschem  Buch  muss  noch  Venedey's  England,  3  Bände,  Leipzig 
1845  erwähnt  werden.  Der  erste  Band,  der  die  (politische)  Ge- 
schichte Englands  bis  1G88  enthält,  berührt  uns  hier  weniger.  Die 
zwei  anderen  Bände,  namentlich  der  dritte,  enthalten  durchaus 
feuilletonis tische  Schildeningen  gegenwärtiger  englischer  Verhältnisse. 
Eine  Geschichte  der  socialen  Entwicklung  darf  man  nicht  erwarten. 
Der  Mangel  gründlicher  Studien  bewirkt  sogar ,  dass  euizelne  Schil- 
derungen, z.  B.  die  des  englischen  Socialismus,  durch  Lückenliaftig- 
keit  und  falsche  Generalisirimgen  ein  nicht  richtiges  Bild  der 
Gegenwart  geben.  Dem  deutschen  Flüchtling,  der  England  be- 
obachtend durchwandert,  bleibt  der  englische  „Aristokratismus  von 
Unten"  stets  etwas  Fremdartiges  und  Unsympathisches;  er  erkennt 
richtig,  dass  zwischen  den  unausrottbaren  aristokratischen  Instincten 
des  englischen  Volks  und  den  neuen  demokratischen  Ideen  ein 
unlösbarer  Widerspruch  besteht,  kann  aber  nicht  begreifen,  dass 
in  diesen  Instincten  ein  bedeutendes  Element  consorvativer  Kraft 
liegt,  das,  richtig  geleitet  und  benutzt,  England  zu  grossem  Segen 
gereichen  muss.  Trotz  dieser  und  anderer  Schwächen  bleibt  es 
interessant  bei  Venedey  zu  sehen,  welchen  Eindruck  auf  einen 
verhöltnissmiissig  un[)arteiischen  Beobachter  die  damaligen  Zustände 
in  Englands  grossen  Fabrikstiidten  maclitcu.  Und  wenn  Venedey 
an  einer  gewissen  ])nlitisclien  Voreingenommcnlieit  leidet,  so  muss 
man  zugestehen,  dass  er  in  den  oigontlicli  socialen  Fragen,  die 
ihm  über  aller  Partei  standen,  sehr  klar  und  richtig  sali.  Er  war 
weder  C-ommunist  oder  Socialist  im  gewöhnlichen  Sinn  des  Worts, 
noch  blinder  Bewimderer  der  industriellen  Fortschritte,  sondern 
er  verlangte,  dass  die  socialen  Schäden  durch  praktische  Anwen- 
dung der  Principien  der  Nächstenliebe  geheilt  werden.  Ein 
Freund  der  nothweudigen  Freiheit  und  (Gegner  des  rohen  in 
der  Wirthschatl  alleinherrschendeu  Egoismus  war  er  in  der  That 
ein  interessanter  Vorläufer  des  späteren  sogenannten  Katheder- 
socialismus.  Wie  richtig  er  otl  zu  urtheilen  verstand,  erkennt  man 
nicht   nur   aus    seiner   Schildenmg    des   Gegensatzes    zwischen    den 


Literatur.  403 

damals  kämpfenden  drei  grossen  Ständen,  Grundbesitzern,  Capitalisten 
und  Arbeitern,  sondern  insbesondere  z.  B.  auch  aus  seiner  Ansiclit 
über  den  Chartismus,  dem   er  keinen  Erfolg  prophezeite,   sondern 
indem  er  nur  ein  weiteres  Element  der  Auflösung  erkannte. 

Mehr  als  bei  Engels  überwiegt  die  Schilderung  persönlicher 
Eindrücke  die  Verarbeitung  von  Quellenmaterial.  Man  erfährt 
daher  selbstverständlich  relativ  wenig  über  die  Zeit  vor  1832. 
Doch  bleibt  das  Buch  interessant,  weil  ja  in  den  vierziger  Jahren 
die  Entwicklung  seit  1760  gewissennassen  zu  einem  kritischen 
Wendepunkt  gekommen  war. 

Verwandt  mit  dem  Venedey'schen  Buch  sind  die  Etudes  sur 
TAngleterre  von  Leon  Faucher,  2.  Auflage,  Paris  1856.  Auch 
Faucher  kommt  als  fremdländischer  Beobachter  nach  England  und 
schildert  in  feuilletonistischer  Weise  seine  eigenen  Eindrücke,  die 
dann  mit  der  Frucht  verschiedener  gelehrter  Studien  verbunden 
veröffentlicht  werden.  Es  werden  etwas  mehr  allgemeine  Bilder 
und  etwas  weniger  zufällige  persönliche  Erlebnisse  gegeben  als  bei 
Venedey  und  Faucher  schreibt  weit  glänzender.  Es  kommen  wirk- 
lich schöne  Stellen  vor,  wenn  z.  B.  Faucher  seine  eigene  Bewunderung 
der  Leistungen  der  englischen  Grossindustrie  mit  dem  Gefühl  des 
Engländers  vergleicht,  der  die  französischen  Cürassiere  in  der  Schlacht 
bei  Borodino  applaudirte,  oder  Y^eim  er  die  Stellung  der  Arbeiter 
zu  den  Mittelclassen  in  England  vor  der  Reformbill  mit  der  der 
Bogenschützen  zu  den  Rittern  im  Mittelalter  vergleicht.  Das 
Buch  muss  hier  erwähnt  werden,  weil  die  Schilderung  der  Lage 
der  Arbeiter  und  Armen  in  den  grossen  Städten  und  der  Wirkun- 
gen der  Grossindustrie  entschieden  darin  die  Hauptsache  sind,  die 
Beschreibung  einzelner  Fabrikstädte,  ihrer  gemeinsamen  und  be- 
sonderen Eigenthümlichkeiten  in  der  That  überaus  lebendig  und 
gut  ist.  Vielfach  malt  dabei  Faucher  nicht  minder  schwarz  als 
Engels ;  er  geht  dabei  selbstverständlich  nicht  auf  Revolution  alis ; 
in  seinen  Andeutungen  über  die  Mittel  zur  Hebung  der  Missstände 
bleibt  er  aber  schwach.  Ein  gewisses  Behagen  bei  der  Schilderung 
englischer  MissverhUltnisse  ist  nicht  zu  verkennen,  wobei  als 
leitendes  Motiv  ausser  einer  anerkennenswerthen  allgemeinen  Huma- 
nität unleugbar  ein  tüchtiges  Quantum  französischer  Nationaleitel- 
keit wirkt.  Der  wahre  Führer  der  Menschheit  auf  dem  Wege  fort- 
schreitender Oivilisation  ist  f\lr  Faucher  nicht  das  aristokratische 
rauh  energische  England,  sondern  das  demokratische  Frankreich. 
—  Einzelne  Kapitel  bei  Faucher  sind  von  besonderem  Werth, 
so  die  Beschreibung  von  Manchester  und  Liverpool,  die  Abhand- 
lung über  Statistik  der  Verbrechen  etc.    — 

In  den  vierziger  und  f\hifziger  Jahren  unseres  Jahrhunderts  hat 
man  sich  in  Frankreich  viel  mit  der  socialen  Frage  beschäftigt  und 

26* 


404  Zweites  Buch,  Vorbemerkung. 

zwar  nicht  nur  in  einseitig  manchesterlichem  oder  extrem  socia- 
listischem  Sinne.  Es  machte  sich  namentlich  in  der  Literatur  eine 
starke  Tendenz  nach  objectiver  detaillirter  Erforschung  der  That- 
Sachen  und  nach  walirhaR;  humaner  Keform  geltend.  Zenge 
hiervon  ist  unter  Anderen  das  Buch:  Les  ouvriers  europ^ens  von 
Le  Play,  welches  detaillirte  Schilderungen  der  gesaromten  Lebeifb- 
bedingungen  verschiedener  l^pen  von  Arbeitern  aus  allen  Län- 
dern enthält.  Darunter  kommen  auch  englische  Arbeiter  vor. 
Indessen  ist  der  Werth  des  Buchs  ganz  vorherrschend  ein  metho- 
dologischer und  gescliichtliche  Schilderungen  der  Entwicklung  der 
Grossindustrie  fUr  England  von  Bedeutung  kommen  darin  nicht 
vor.  Noch  reichhaltiger  und  werthvoller  ist  Villerme's  bekanntes 
Buch:  Tableau  de  T^tat  physique  et  moral  des  ouvriers  etc.,  1840; 
die  eigenen  Beobachtungen  des  Verl'assers  beziehen  sich  aber  der 
Hauptsache  nach  nur  auf  französische  Verhültuisse. 

Von  allgemeinen  Geschichtswerken,  worin  sociale  Verhältnisse 
eingehend  berührt  werden,  ist  zu  erwähnen:  Washington  Wilts, 
the  half  Century,  London  1S53;  und  die  bekannte  Schrift  der 
Miss  Martineau,  history  of  p]nglaud  during  tho  thirty  years'  peaee, 
1816 — 1846,  2  Bände,  London  1849  und  1S50,  wovon  auch  ein 
deutscher  Auszug  erschienen  ist.  Die  Verlasserin  ist  wohlmeinend, 
aber  manchesterlich  beschränkt. 

Die  kurze  Schrift  von  Ludlow  und  Jones,  progress  of  the 
working  class  1832 — 1867,  London  1867,  ist  bedeutend  durch 
ihre  Wirkung.  Sie  behandelt  eigentlich  nur  die  Zeit  nach  1832, 
ist  aber  für  unsem  Zweck  in  sofern  doch  wichtig,  weil  die  Zustünde 
des  Ausgangsjahres  IS 32  gut  geschildert  sind,  melir  mit  Worten 
als  mit  Zahlen. 

Marx  in  seinem  Buche  „das  Capital"  (erste  Auflage  1867) 
venveist  betreffs  der  älteren  Zeiten  auf  Engels.  Das  Buch  ist 
bekanntlich  kein  historisches,  sondern  ein  dogmatisches;  es  dominirt 
die  Entwicklung  der  B(;griffe  und  ihrer  Gegensätze,  d.  h.  dass  und 
wie  das  Capital  die  Arbeit  unterjoclit  und  ausbeutet  und  dadurch 
schliesslich  sich  selbst  vcmiclitet.  i)iesen  dialektischen  Unter- 
suchungen, die  hier  zu  kritisiren  nicht  der  ( )rt  ist,  ist  dann  nament- 
lich in  den  Noten  eine  gewaltige  Gelehrsaiiikeit  angefügt.  Be- 
sonders werthvoU  dabei  ist  die  Kemitniss  der  älteren ,  namentlich 
vor  A.  Smith'schen  nationalökonomischen  Literatur,  aus  der  be- 
deutsame Folgenmgen  über  die  gleichzeitigen  socialen  Zustünde 
gezogen  werden.  Ferner  ist  die  Benutzung  einer  Keihe  minder 
bekannter  Schriften  aus  der  Mitte  des  IS  ton  Jahrhunderts  über 
damalige  Arbeiten- erhältnisse ,  sowie  die  Benutzung  des  (^uellon- 
matorials  an  Parlamentspapieren  seit  1845  und  namentlich  seit 
1S4S    hervorzuheben,    welche   wohl    bis  jetzt    in    keinem    anderen 


Literatur.  405 

Werke  so  umfietssend  verarbeitet  sind.  Eine  zusammenhängende 
historische  Schilderung  wird  von  der  Fabrikgesetzgebung  seit  1S33 
gegeben.  Was  sonst  die  gesammte  Entwicklung  bis  1848  betrifft, 
so  enthält  das  Werk  sehr  viel  werthvolle  einzelne  Notizen  und 
gelegentliche  Ausführungen,  es  liegt  aber  nicht  im  Plane  des 
Werks,  dass  diese  Geschichte  ex  professo  gegeben  wird.  Dass  die 
Tendenz  bei  Marx  nach  stärker  und  beherrschender  hervortritt  als 
bei  Engels  braucht  kaum  erwähnt  zu  werden.  Dies  hindert  aber 
nicht,  dass  eine  kritische  Behandlung  der  Marx^schen  Dialectik 
von  hohem  theoretischen  Werthe  ist  —  und  dass  das  Studium 
seiner  Verarbeitung  von  gelehrtem  Material  fllr  Jedermann  höchst 
lehrreich  bleibt. 

Brentano* s  bekanntes  Buch,  die  Arbeitergilden  der  Gegen- 
wart, 2  Bände,  1871  — 1872,  enthält  einen  bedeutungsvollen  Bei- 
trag zur  Beantwortung  unserer  Frage.  Brentano  bearbeitet  zwar 
nur  die  Gewerkvereine  und  deren  geschichtliche  Entwicklung. 
Zu  diesem  Behufe  aber  schildert  er  Bd.  I.  S.  57 — 123  in  wissen- 
schaftlich gründlicher  Weise  imd  unter  Benutzung  eines  reichen 
Quellenmaterials  die  alten  Zünfte  in  ihrer  Blüthe  und  Entartung, 
sowie  die  Gesetzgebung  der  Elisabeth.  Er  zeigt,  wie  schon  vor 
den  neuen  Erfindungen  in  der  Baumwollenindustrie  die  alte  Ord- 
nung des  zünftigen  Kleingewerbes  m  einzelnen  Productionszweigen 
namentlich  im  Tuchmacher-  und  Baugewerbe  aufgelöst  wifrde  und 
sich  da  schon  im  Mittelalter  ein  Gegensatz  zwischen  Arbeit- 
gebern und  Arbeitern  entwickelte;  dass  dann  später  die  Gewerbe 
sich  immer  mehr  an  Orte  zogen,  wo  sie  von  der  zünftigen  Auf- 
sicht und  den  Gesetzen  der  Elisabeth  frei  waren  imd  dass  diese 
schon  vor  der  neuen  Grossindustrie  abstarben.  Die  Eutstehung  und 
Entwicklung  der  lezteren  behandelt  Brentano  nicht  eingehend,  ins- 
besondere spricht  er  nicht  von  der  Baumwollindustrie  und  dem 
Bergbau.  Aber  er  zeigt  doch,  wie  seit  der  Grossindustrie  die  alte 
Ordnung  dreier  Hauptarten  von  Gewerben,  die  verschiedener 
Gesetzgebung  unterlagen,  zerfiel,  bis  dieser  Verfall  durch  die  formale 
Abschaffung  des  Lehrlingsgesetzes  besi^elt  wurde.  Es  versteht 
sich  von  selbst,  dass  der  Schwerpunct  der  Darstellung  stets  in  der 
Betrachtung  selbständiger  Arbeitercoalitionen  liegt;  insofern  diese 
aber  ein  bedeutsames  Symptom  der  Auflösung  alter  Ordnungen 
sind,  müssen  Brentano's  historische  Untersuchungen,  die  ich  im 
Einzelnen  ergänzen  werde,  hier  erwähnt  werden.   — 


Ich  wiederhole  am  Schluss  dieser  Vorbemerkung,  dass  dieselbe 
in  keiner  Weise  auf  systematische  Vollständigkeit  Anspruch  erhebt. 
Eine    diesen    Anspruch    ertüUende    Literaturgeschichte    zu    geben 


406  Zweites  Buch,  Vorbemerkong. 

würde  nnmöglicb  sein,  da  das  Material  za  sehr  in  der  tech- 
nischen Literatur  und  der  Localgeschichte ,  der  Tagespresse  etc. 
zerstreut  ist.  Sie  zu  versuchen,  wUrde  ausserhalb  unseres  Zwecks 
liegen,  da  die  in  diesem  Abschnitt  zu  gebende  Geschichte  doch 
in  erster  Linie  auf  officiellem  Quellenmaterial  aufgebaut  werden  muss. 
Auch  ist  zu  bemerken,  dass  die  Schriftsteller  in  der  Zeit 
der  grossen  gewerblichen  Umwälzung  selbst  das  Wesen  der  unter 
ihren  Augen  vorgehenden  Thatsachen  nicht  erkannt,  ja  selten 
geahnt  haben.  Man  stritt  sich  über  momentane  Interessen,  man 
sah  später  nur  die  Fortschritte  der  Technik.  Nicht  die  Zeit- 
genossen, sondern  erst  die  folgenden  Generationen  haben  erkannt, 
dass  eine  neue  sociale  Macht,  die  des  Capitals,  zur  Herrschaft  ge- 
langte, während  die  Gesetzgebung  der  Elisabeth  zerfiel.  In  der 
Literatur,  welche  in  der  von  uns  zu  beschreibenden  Zeit  selbst 
entstand,  sucht  man  völlig  vergebens  nach  directer  und  genügender 
Aufklärung  über .  die  socialen  Gründe  und  Bedeutung  der  Vor- 
gänge im  gewerblichen   Leben.    — 


Erstes  Capitel. 
Verfall  der  alten  Handwerksordnung. 

§  1.    Die  alten  Ordnungen. 

Langsam  und  nur  durch  mühevolle  Kämpfe  entwickeln 
sich  die  herrschenden  Ordnungen,  unter  denen  die  Menschen 
leben  und  arbeiten.  Nach  langem  Ringen,  häutigen  Rück- 
schlägen, falschen  Vei-suchen  und  übertriebenem  Vorwärtsstreben 
gelingt  es  schliesslich,  eine  Ordnung  zu  consolidiren ,  welche 
nach  den  Erfahiiingen  der  Vergangenheit  den  Bedürfnissen 
der  Gegenwart  entspricht  und  unter  deren  Schutz  die  indi- 
viduellen Kräfte  sich  in  der  bestmöglichen  Weise  zum  Wohle 
der  Gesammtheit  entwickeln  können.  Aber  kaum  ist  man  zu 
solch  befriedigendem  Abschluss  gelangt,  so  machen  sich  schon 
neue  Bedürfnisse  geltend,  die  nicht  vorgesehen  waren.  Es  be- 
ginnt ein  Drang ,  die  bestehende  Ordnung  zu  modificiren  und 
allmälig  umzugestalten.  Und  diesem  Drang  gegenüber  ent- 
wickelt sich  anderseits  ein  einseitiges  Streben,  die  alte  Ord- 
nung aufrecht  zu  erhalten.  Was  im  allgemeinen  Interesse  ein- 
geführt war,  daran  klammern  sich  schliesslich  individuelle, 
egoistische  Interessen  eigensinnig  fest.  Schliesslich  sind  es 
nur  vermeintliche  Interessen,  welche  die  alte  Form  unver- 
ändeil  erhalten  wollen,  ohne  den  Geist  zu  verstehen,  in  dem 
sie  einst  eingeführt  ward.  Und  zu  allerletzt  bleibt  oft  nur 
eine  ganz  leblose  Form  übrig,  neben  der  sich  ein  neues 
frisches  Leben  in  ganz  anderen  Formen  geltend  macht,  bis 
eines  Tags  die  alte  Foim  auch  in  ihrer  äusseren  Erscheinung 
völlig  zusammenbricht. 


408  Zweites  Buch,  Cap.  1.  ** 

Religiöse  und  rein  politische  Ordnungen  zeigen  eine 
relativ  grössere  Lebensfähigkeit  bei  gesunden  Völkern ;  auch  sie 
sind  zwar  dem  ewigen  Gesetz  wechselvoller  Entwicklung  unter- 
worfen; aber  die  Grundzüge  einmal  errungener  Ordnung  sind 
langer,  segensreicher  Lebensdauer  fähig.  So  auch  ist  es  mit 
dem  reinen  Privatvermögensrecht.  Anders  jedoch  ist  es  bei 
unseren  Völkern  mit  demjenigen  Theil  des  öffentiichen  Rechts, 
welcher  die  Ordnung  der  Erwerbsthätigkeit  des  Volkes  r^elL 
Langsam  wohl  entwickelt  sich  der  Werdepi*oce8s.  Aber  der 
Anfang  des  Vergehens  folgt  i*asch  auf  den  Höhepunkt  ge- 
staltender Entwicklung.  Vorzüglich  hat  dies  Werden  und  Ver- 
gehen Schmoller  an  der  Geschichte  der  deutschen  ZQnfte 
nachgewiesen  ^).  Aehnlich  ging  es  mit  den  mercantilisüschen 
Ordnungen,  welche  der  aufgeklärte  Absolutismus  einführte,  um 
eine  nationale  Wirthschaft  zu  ermöglichen  und  zur  Blüthe  zu 
bringen.  Die  Manufacturreglements,  Schififahrtsgesetze,  Han- 
delsmonopole und  Schutzzölle  waren  ui-sprünglich  bestimmt 
und  geeignet,  einen  Handel  und  eine  Industrie  heranzuziehen, 
welche  die  Interessen  grosser  Nationen  befriedigten  und  die 
Glieder  derselben  zu  lebensvollen  Einheiten  zusammenfassen 
konnten,  indem  sie  Einzelnen  den  Muth  und  die  Anleitung 
gaben,  gewerbliche  Unternehmungen  grösseren  Maassstabs  an- 
zufangen. Sie  wurden  allmälig  ein  Spielzeug  eigensinniger 
Bureaukratenlaune  und  eine  Einrichtung,  welche  einzelne 
Privilegirte ,  die  schon  reich  und  mächtig  waren,  in  ihrem 
Interesse  und  auf  Kosten  der  Gesammtheit  zu  bewahren 
suchten.  Und  deshalb  erscholl  der  Ruf  nach  unbedingter 
wirthschaftlichjBr  Freiheit,  nach  Wegfall  aller  wirthschaftlichen 
Ordnungen,  während  doch  nur  eine  neue  Zeit  neuer  Ordnungen 
beduifte.  Auf  die  Zeit,  in  der  ein  grossartigerer  Sinn  der  Specu- 
lation  herangezogen  werden  musste,  folgt  die  Zeit,  in  der  es 
gilt,  den  erworbenen  mobilen  Reichthum  zu  humaner  Pflege 
der  Gesammtinteressen  zu  eraehen  —  auf  die  Zeit  der  Fabrik- 
reglements folgt  die  der  Fabrikgesetze,  auf  die  Zeit  der  privi- 
legirten  Handelsgesellschaften  die  der  allgemeinen  Gesetze  für 


^)  Geschichte  der  Strassburger  Tücher-  und  Weberzunft  1879. 


Die  alten  Ordnungen.  409 

Actiengesellschaften  und  Genossenschaften;  auf  die  Zeit  der 
Schutzzölle,  welche  die  Consumenten  besteuern,  die  der  Einkom- 
mensteuer, welche  den  mobilen  Reichthum  den  Staatsinteressen 
dienstbar  macht.  Das  Mittelalter  hatte  eine  Wirthschaftsordnung 
ei75eugt,die  auf  mehr  oder  minder  abgeschlossene  kleinere  Wirth- 
schaftskreise  berechnet  war  und  auf  dem  Continent  wenigstens 
vielfach  von  kleineren  autonomen  Gemeinschaften  getragen  wurde. 
Der  Absolutismus  der  Neuzeit  schuf  eine  nationale  Wirthschafts- 
ordnung, in  der  der  inteniationale  Verkehr  hauptsächlich  be- 
rücksichtigt wurde.  Der  Kosmopolitismus  des  Revolutionszeit- 
alters opponirte  dagegen  mit  dem  reinen  laissez  faire;  der 
extreme  Socialismus  strebt  dagegen  eine  von  nationalen  Grenzen 
und  Interessen  emancipirte  allgemeine  Zwangsordnung  an.  Für 
uns  handelt  es  sich  darum,  dass  der  moderne  Staat  eine  den 
heutigen  Culturinteressen  entsprechende  nationale  und  inter- 
nationale neue  Ordnung  schafft. 

Auf  dem  Continent  gelang  es  dem  Absolutismus  nicht, 
die  alten  Zunftordnungen  durch  seine  neuen  auf  eine  Wiilh- 
schaft  in  grösserem  Maassstab  angelegten  Einrichtungen  voll- 
ständig zu  verdrängen.  Die  alte  Mühle  klapperte  noch  fort, 
wie  Schmoller  sagt,  bis  die  französische  Revolution  und  das 
19.  Jahrhundert  die  Reste  der  älteren  und  die  mercantilisti- 
schen  Ordnungen  zugleich  wegspülte.  Nicht  ganz  identisch 
verlief  die  Entwicklung  in  England.  Dort  wurde  der  Mer- 
cantilismus  zwar  in  Bezug  auf  die  den  auswärtigen  Handel 
betreffenden  und  vom  Geiste  nationaler  Eifersucht  beeinflussten 
Maasregeln  auf  die  höchste  Spitze  getrieben,  in  Bezug  auf  rein 
interne  Einrichtungen  aber  z.  B.  Fabrikreglements  und  Handels- 
monopole konnte  er  sich  nicht  so  ungestört  und  rein  ent- 
wickeln, sondern  begegnete  einer  starken  Opposition,  wie 
ja  auch  der  politische  Absolutismus  selbst  nie  zur  unbedingten 
Entwicklung  gelangte  und  schon  1688  definitiv  gestürzt  wurde. 

Besonders  untei-scheidet  sich  die  englische  von  der  continen- 
talen  und  insbesondere  der  deutschen  Entwicklung  dadurch, 
dass  der  Mercantilismus,  so  weit  er  überhaupt  zur  Geltung 
kam,  gar  nicht  in  so  schroffem  und  klar  bewusstem  Gegensatz 
zu  der  älteren  dem  Mittelalter  entstammenden  Ordnung  stand 


410  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

wie  bei  uns.  Vielmehr  gingen  beide  Ch'dnungen  stark  in  ein- 
ander über  und  dies  hat  seinen  Hauptgrund  darin,  dass  in 
England  die  Beichseinheit  schon  im  Mittelalter  unbedingt  fest- 
stand und  daher  schon  die  ältere  Wirthschaftsordnung  unbe- 
dingt auf  Reichsgesetzen  beruhte,  welche  schliesslich  durch 
die  berühmte  Gesetzgebung  der  Elisabeth  codificirt  wurden  ^). 

Alle  öffentlich  rechtliche  Ordnung  des  wiilhschaftlichen 
Lebens  knüpft  naturgemäss  an  die  Arbeitstheilung  und  den 
sich  daraus  entwickelnden  Verkehr  an.  Die  Arbeitstheilung 
ist  die  Giiindlage  alles  wiithschaftlichen  Fortschritts.  Je  mehr 
sie  entwickelt  ist,  desto  abhängiger  wird  aber  der  Einzelne 
von  seiner  Umgebung,  der  Einzelne  kann  nicht  mehr  durch 
seine  Arbeit  direct  seine  Bedürfnisse  befriedigen  und  so  wird 
es  zur  stark,  ja  geradezu  leidenschaftlich  empfundenen  Sorge 
jedes  Einzelnen,  dass  er  für  seine  Leistungen  und  Producte 
sicheren,  befriedigenden  Absatz  finde. 

Die  Sichei-ung  des  Absatzes  ist  ein  unentbehrlicher,  un- 
ereetzlicher  Sponi  der  Energie  arbeitsgetheilter  Producenten 
und  es  gehört  zu  den  erheblichsten  Plinseitigkeiten  der 
classischen  Nationalökonomie  und  des  Manchesterthums,  dass 
sie  die  selbständige  Bedeutung  einer  befriedigenden  Organi- 
sation des  Absatzes  und  Verkehrs  unterschätzten.  Gewiss 
können  und  müssen  zu  solcher  Organisation  die  Einzelnen 
durch  freie  Thätigkeit  und  Speculation  Erhebliches  beitragen. 
Ebenso  gewiss  aber  ist  zu  diesem  Zweck  auch  ein  zwangs- 
weises Zusammenfassen   der  individuellen  Kräfte  nöthig,   das 

^)  Ochcnkowski,  Englands  wirthschaftlichc  Entwicklung  im  Ausgange 
des  Mittelalters,  Jena  1879,  z.  B.  S.  80,  wo  ausgeführt  ist,  dass  die  Zünfte 
in  England  der  obrigkeitlichen  Genehmigung  durchaus  bedurften  und  sich 
überall  der  starken  Staatsgewalt  fügen  mussten.  Aus  den  Quellen  späterer 
Zeit,  in  welcluT  die  Zünfte  um  ihre  angegriffene  Fortexistenz  kämpfen, 
geht  auch  aufs  deutlichste  hervor,  dass  dieselben  ihren  Ursprung  und  ihr 
Recht  der  Existenz  immer  durchaus  von  einem  Staatsgesetz  oder  könig- 
lichem Privileg  ableiten.  Es  kam  freilich,  wie  Brentano  anführt,  vor,  dass 
die  Zünfte  rechtswidriger  Weise  selbständige  Bestimmungen  erliessen  — 
aber  ihre  ganze  Existenz  beruhte  auf  dem  Willen  der  Staatsgewalt,  sie 
konnten  nicht  selbst  das  Princip  ihrer  J[!ompotenz  feststellen  und  sie 
waren  gar  nicht  überall  gleichmässig  verbreitet. 


Die  alten  Ordnungen.  411 

ZU  vei'schiedenen  Zeiten  sehr  verschiedene  Fonnen  haben  kann 
und  muss,  das  aber  zu  allen  Zeiten  nothwendig  über  den  ge- 
richtlichen und  polizeilichen  Schutz  der  Privatrechte  hinaus- 
ging und  immer  —  man  denke  nur  an  die  öffentlichen  Ver- 
kehrswege —  hinausgehen  wird. 

Schon  Karl  der  Grosse^)  führte  nicht  nur  auf  seinen 
Villen  eine  mustergültige  Arbeitstheilung  durch,  sondeni  er 
trachtete  den  Verkehr  durch  Anknüpfen  von  Handelsbeziehungen, 
Ordnung  des  Münzwesens,  Marktpolizei  u.  dgl.  zu  heben.  Die 
von  ihm  ausgehende  Wii-thschaftsordnung  des  Mittelaltei-s  zerfiel 
in  zwei  Hauptgebiete:  die  Ordnung  des  landwirthschaftlichen 
Betriebs  auf  den  Ginndheri-schaften ,  welche  auf  einer  ge- 
regelten, erblichen  Arbeitstheilung  beruhte,  die  dem  HeiTU 
Arbeitskräfte,  den  Dienenden  Unterhalt  und  Schutz  sicherte  — 
und  die  Ordnung  des  städtischen  Gewerbes,  welche  sich  all- 
mälig  in  der  Zunftverfassung  consolidirte.  Sie  bestand  vor 
Allem  aus  marktpolizeilichen  Bestimmungen,  dann  aus  solchen, 
welche  die  Competenz  zwischen  verschiedenen  Gewerben,  die 
Rechte  der  Meister  desselben  Gewerbes  untereinander  und  die 
der  Meister  gegenüber  Gesellen  und  Lehrlingen  regelten.  Sie 
war  durchzogen  von  dei*  Tendenz,  dass  der  Absatz  des  ganzen 
Gewerbes  durch  Aufrechterhaltung  einer  technisch  guten  Pro- 
duction  gesichert  bleibe  und  dass  Jeder,  der  das  Gewerbe 
ordnungsgemäss  betrieb,  an  seiner  Stelle  sein  gesichertes  Aus- 
kommen finden  solle,  ohne  dass  unberechenbare  Concun-enz 
ihn  vernichten  kann.  Der  Abschluss  der  Zünfte  zu  monopoli- 
sirten  Zünften,  die  Zwangs-  und  Bannrechte,  Realgerechtig- 
keiten, etc.  sind  wohl  eine  Entartung  dieser  Tendenz,  weil  sie 
nicht  mehr  unbedingt  im  allgemeinen  Interesse  lagen,  aber 
kein  Verlassen  dei-selben,  indem  ja  gerade  die  Absicht,  den 
Absatz  Einzelner  zu  sichern,  dabei  recht  deutlich  hervortritt. 

Betrachten  wir  die  Ordnung  der  Gewerbe  ausschliesslich, 
so  kann  man  die  im  Mittelalter  entwickelte,  in  der  Gesetz- 
gebung der  Elisabeth  codificirte  und  weit  in  die  Jahrhunderte 
der  Neuzeit  hereinragende  alte  Ordnung  passend   die  hand- 


^)  Siehe  Inama-Sternegg,  Deutsche  Wirthschaftsgeschichte  Bd.  I. 


412  Zweites  Buch,  Gi^.  1. 

werksmässige  nennen.  Dieser  Ausdruck  ist  richtiger  als 
der  Name  Zunftordnung,  weil  fbr  England  die  ZQnfte  nicht 
die  primäre  Bedeutung  hatten  wie  bei  uns.  Ihr  Wesen  ist 
Regelung  der  Arbeitstheilung  und  des  Absatzes  in  kleineren 
localen  Kreisen  mit  stätigen  Verhältnissen. 

Es  gab  wohl  auch  im  Mittelalter  schon  einen  Welthandel, 
und  wo  er  sich  kräftig  entwickelte,  strebte  er  über  die  alten 
Formen  hinaus.  Allein  der  Absatz  auf  dem  Weltmarkt  war 
absolut  nicht  von  beherrschendem  Einfluss  für  die  grosse 
Mehrzahl  der  Gewerbtreibenden,  die  auf  den  Absatz  in  der 
ihnen  bekannten  nächsten  Umgebung  angewiesen  waren ;  und 
soweit  Industrieproducte  in  weite  Entfernung  abgesetzt  wur- 
den, handelte  es  sich  um  gewohnte  Handelsbeziehungen,  die 
man  durch  alle  Mittel,  namentlich  auch  der  politischen  Macht, 
aufrecht  zu  erhalten  suchte  —  nicht  um  ein  durch  freie 
Speculation  stets  wechselndes  Absatzgebiet 

Diese  Ordnung  schuf  nicht  etwa  allein  die  Handwerks* 
meister,  sondern  sie  wuchs  mit  diesen  zugleich  heran.  Das 
städtische  und  vielfach  zünftige  Handwerk  schwang  sich  empor 
aber  die  ältere  Industrie,  die  auf  Herrenhöfen  und  in  Klöstern 
direct  für  den  Gebrauch  des  bestellenden  Herrn  oder  in  der 
Familie  direct  für  den  Gebrauch  ihrer  Mitglieder  arbeitete. 
Es  verdrängte  die  ganz  patriarchalische  Industrie  innerhalb 
einer  geschlossenen  Familienwirthschaft  nicht,  wurde  aber  ton- 
angebend und  trat  in  den  Vordergrund,  indem  die  Meister 
selbständig  RohstofTe  einkauften  und  auch  ohne  vorangehende 
Bestellung  für  ein  (noch  beschränktes)  Absatzgebiet  produ- 
cirten.  Nur  umlaufendes  Capital  und  dieses  nicht  in  grosser 
Quantität  war  die  Grundlage  ihrer  geschickten,  gelernten 
Thätigkeit;  aber  sie  llbemahmen  ein  Risico  des  Absatzes  und 
gewannen  dadurch  Herrschaft  ^)  —  gleich  den  modernen  grossen 
Capitalisten.    Natürlich  suchten  sie,  indem  sie  Macht  und  Ein- 


^)  Sehr  charakteristisch  ist  (wie  Schmoller  a.  a.  0.  ausführt),  dass  in 
Strassburg  die  Wollschläger  eher  als  die  Weber  ein  aus  den  Formen 
der  Hausindustrie  heraustretendes  selbständiges  Gewerbe  wurden,  weil  sie 
eher  Wolle  einkauften  und  kaufmännische  Unternehmer  wurden. 


Die  alten  Ordnungen.  413 

fluss  gewonnen  hatten,  dies  Risico  durch  Ordnung  des  Absatzes 
möglichst  zu  vemngern. 

Das  Mercantilsy$tem,  dessen  Herrschaft  auf  dem  Continent 
mit  der  Ei-starkung  nationaler  Staaten  unter  absoluten  Fürsten 
zusammenfällt,  in  England  einen  festen  Staat  schon  vorfand, 
dachte  sich  nun  die  gesammte  Wirthschaft  der  Nation  vor 
Allem  abhängig  von  dem  Aufschwung  des  inteiiiationalen  und 
des  Colonialhandels.  Es  hatte  die  natürliche  Tendenz,  die 
Grenzen  zwischen  den  localen  Wirthschaftskreisen  der  älteren 
Zeit  zu  verwischen,  die  wirthschaftlichen  Kräfte  des  ganzen 
Volks  einheitlich  zusammengefasst  zum  Wettkampf  mit  dem 
Ausland  in's  Feld  zu  führen.  Seine  auf  eine  Wirthschaft  von 
grösserem  Maassstab  angelegte  Politik  gi-iff  aber  wieder  vor 
Allem  in  die  Absatzverhältnisse  durch  Navigations-  und  Zoll- 
gesetze ein. 

Das  Mercantilsystem  vernichtete  das  Handwerk  so  wenig 
mit  einem  Schlag  als  dies  seinerzeit  •  die  Familienindustrie 
vernichtet  hatte.  Indem  es  aber  die  den  gi-ossen  Handel  be- 
treibenden Kaufleute  begünstigte,  beförderte  es  die  Entwick- 
lung einer  neuen  herrschenden  Classe  von  grösseren  Capita- 
listen,  die  allmälig  mehr  und  mehr  die  Industriellen  von 
kleinem  Betrieb  in  Abhängigkeit  von  sich  brachten  und  welche 
die  Entstehung  übermächtiger  gi-ossindustrieller  Etablissements, 
die  von  vornherein  auf  grossen  Absatz  speculirten,  möglich 
machten.  Weniger  als  auf  dem  Continent  hat  die  vom  Geiste 
des  Mercantilsystems  erfüllte  Staatsgewalt  in  England  grössere 
mercantile  und  industrielle  Unternehmungen  geradezu  allein 
geschaffen.  Weniger  hat  sie  die  bewusste  Tendenz  verfolgt, 
die  alten  Ordnungen  zu  durchbrechen.  Der  Gegensatz  zwischen 
Zünftlerischen  Productionsvorschriften  und  staatlichen  Fabrik- 
reglements verwischt  sich  oft ,  weil  auch  die  Zunft  auf  Staats- 
gesetz beiiihte.  Ebenso  der  Unterschied  zwischen  einer  alten 
mit  gewerbepolizeilichen  Befugnissen  ausgestatteten  Zunft  und 
einer  modernen  privilegirten  Handelsgesellschaft.  Die  Schutz- 
zölle der  neueren  Zeit  selbst  knüpfen  an  ältere  Beeinflussungen 
des  Woll-  und  Tuchhandels  an,  der  schon  im  Mittelalter  seine 
internationale  Seite  hatte. 


414  Zweitee  Bach,  C19.  1. 

Allein  der  minder  antokratisch  und  systematisch  auf- 
tretende, der  Autonomie  des  Mittelalters  weniger  bewuaBt 
entgegengesetzte  Mercantilismus  in  England  leistete  doch, 
und  zwar  gerade  hier  mit  stärkstem  Erfolg,  eines:  die  Heran» 
Ziehung  der  Uebermacht  des  gi-ossen  Capitals,  that  also  das 
Seinige  zur  Vernichtung  —  nicht  des  Handwerks,  aber  smner 
Herrschaft  und  tonangebenden  Stellung.  Und  er  erlebte  in 
England  besonders  stark  und  frühzeitig  das  Schicksal,  dasB 
das  von  ihm  herangezogene  Kind  —  das  grosse  Capital  — 
schliesslich  ihn  und  die  Reste  der  ältei*en  Ordnung  zusammen 
bekämpfte  und  stürzte. 

Das  wirthschaftliche  England  des  18.  Jahrhunderts  zdgt 
uns  so  das  eigenthümliche  Bild,,  dass  die  Handwerksordnnng 
und  Gesetzgebung  der  Elisabeth  zwar  noch  grossentheils  in 
formaler  Geltung  steht,  factisch  aber  vollständig  zerfällt;  und 
dass  die  damit  vermischten  mercantilistischen  Ordnungen  auch 
schon  anfangen,  sich  als  unzeitgemäss  und  undurchfohrbar  zn 
ei'weisen.  An  beiden  halten  Gruppen  von  Interessenten  mit 
überaus  grosser  Zähigkeit  und  Leidenschaft  fest,  der  Glaube 
an  die  Schutzzölle  an  sich  findet  sogar  zeitweilig  kaum  Gegner. 
Aber  es  bekämpfen  sich  wenigstens  die  Kämpfer  für  Schute- 
zoll  untereinander.  Der  überspannte  Egoismus  der  lntei*essenten 
thut  das  Beste,  die  von  ihm  gewollten  Einrichtungen  zu  ver- 
nichten. Schliesslich  macht  das  erstarkte  grosse  Capital  die 
alte  Handwerksordnung  ganz  unmöglich  und  die  mercantilisti- 
schen Stützen  seiner  Macht  überflüssig.  Es  ei*wächst  aus  den 
erweiteiten  Absatzverhältnissen  heraus  und  schmiedet  sich  zu- 
letzt in  der  Maschine  die  stärkste  Waffe  zur  Consolidirung 
seiner  HeiTschaft  —  die  dann  die  Staatsgewalt  herausfordert, 
wieder  eine  neue  Ordnung  zum  Schutz  der  allgemeinen  Inte- 
ressen zu  begründen. 


§  2.    Lehrlingswesen. 

Nach  dem  Gesetz  der  Elisabeth  musste  jeder  Gewerbs- 
meister auf  drei  Lehrlinge  einen  Gesellen  und  auf  jeden  Lehr- 
ling mehr  einen  Gesellen  mehr  halten.    Siebenjährige  Lehr- 


LehrliDgswesen.  415 

liDgszeit  war  die  allgemeine  Vorbedingung  für  selbständigen 
Gewerbebetrieb  und  für  Gesellendienst.  Für  einzelne  Gewerbe 
galten  noch  besondere  Vorschriften. 

Diese  Bestimmungen,  welche  jedem  Gewerbe  einen  tüch- 
tigen Nachwuchs  und  jedem  gelernten  Arbeiter  sein  Auskommen 
sichern  sollten,  passten  natürlich  nur  in  ein  System  kleiner, 
für  sichern,  stätigen  Absatz  producirender  Unternehmungen, 
nicht  für  grössere  Speculationsunternehmungen,  in  denen  man 
grösserer  Beweglichkeit  in  der  Wahl  der  Arbeitskräfte  be- 
duiite.  Sie  wurden  bald  nur  auf  die  zur  Zeit  des  Erlasses 
des  Gesetzes  der  Elisabeth  bekannten  Gewerbe  und  in  den 
demselben  unterworfenen  Orten  angewendet;  in  unserer  Zeit 
waren  sie  aber  auch  da,  wo  das  Gesetz  galt  und  wo  besondere 
Bestimmungen  von  gleichem  Geiste  eingeführt  waren,  ausser 
Gebrauch.  Wenn  dann  Nothstände  der  Arbeiter  oder  der 
ganzen  Industrie  entstanden,  erinneite  man  sich  der  alten 
Gesetze,  die,  erst  unter  allgemeinem  Stillschweigen  ausser 
Gebrauch  gekommen,  nun  als  Schutzwehr  gegen  allerlei  Uebel 
wieder  laut  gepriesen  wurden.  Die  Lässigkeit  der  Behörden 
und  der  Freiheitsdrang  der  Interessenten  liess  vielfach  lange 
Zeit  das  Absterben  der  alten  Ordnung  als  allgemein  erwünscht 
erscheinen  —  als  die  entstehenden  neuen  Verhältnisse  ihre 
Schattenseiten  zu  zeigen  begannen,  wollte  man  wieder  aus  der 
Anarchie  herauskommen  und  weil  man  sich  nach  Ordnung 
überhaupt  sehnte,  verlangte  man  die  alte  Ordnung,  die 
einzige,  die  man  kannte.  Die  Klagen  in  Bezug  auf  Vei'wilde- 
rung  des  Lehrlingswesens  wurden  ei*st  Ende  des  vorigen  und 
namentlich  im  Anfang  dieses  Jahrhunderts  häufig  und  laut. 
Bei  den  Untersuchungen,  die  dann  gepflogen  wurden,  trat  aber 
deutlich  hervor,  dass  die  alte  Ordnung  längst  nicht  mehr  in 
Kraft  war  —  nur  hatte  man  dies  lange  nicht  schmerzlich 
empfunden.  Das  Gesetz  von  1814,  54.  Georg  III  c.  96, 
welches  das  alte  Gesetz  5.  Eliz.  c.  4  abschaffte,  soweit  es  sich 
wirklich  auf  Lehrlinge  bezog,  d.  h.  welches  das  allgemeine 
Gebot  der  siebenjährigen  Lehrlingszeit,  die  Vorbedingungen 
für  den  Eintritt  in  ein  Lehrlingsverhältniss  und  die  alten 
Formen   der  Lehrlingsvertrilge   abschaffte,    wurde    zwar  nur 


416  Zweites  Buch ,  Ciq).  1. 

gegen  stärksten  Widerspruch  durchgesetzt  — -  es  erkannte  aber 
doch  in  der  Hauptsache  nur  an,  was  praktisch  bereits  voll- 
zogen war.  Uebrigens  Hess  dies  Gesetz  die  Jurisdiction  der 
Friedensrichter  in  Streitigkeiten  über  LehrlingsverhSltniase 
unberührt,  liess  alle  Lehrlingsverträge ,  die  nach  sonstigem 
Recht  gültig  wai-en,  als  klagbar  bestehen;  auch  blieben  die 
Specialgesetze  und  Customs  von  London  und  andern  Städten, 
sowie  6ie  Statuten  aller  legalen  Zünfte  etc.  davon  unberührt 
Formell  also  bestanden  Ordnungen  im  Geiste  des  G^esetKes 
der  Elisabeth  noch  vielfach  fort,  auch  hinderte  die  formale 
Abschaffung  des  letzteren  nicht,  dass  noch  immer  Lehrlings- 
verträge  auf  sieben  Jahre  überhaupt  abgeschlossen  wurden. 
Nach  1814  wurde  also  promiscue  um  Erhaltung  und  Wieder- 
einfühiung  der  alten  Ordnung  gekämpft,  die  schon  vorher  all- 
gemein factisch  obsolet  war.  — 

Einige  officiell  beglaubigte  Thatsachen  mögen  in  Folgen- 
dem ein  Bild  davon  geben,  wie  die  Zustände  der  Lehrlinge 
in  unserer  Periode  wirklich  waren  und  wie  man  sie  —  frucht* 
los  —  zu  verbessern  anstrebte: 

Das  Gebot  der  siebenjährigen  Lehrzeit  galt  für  die  Bay- 
makers  in  Colchester  erst  seit  1707;  1716 1)  aber  wui'de  schon 
geklagt,  dass  viele  Meister  mehr  Lehrlinge  und  überhaupt 
andere  Hülfskräfte  anwenden,  als  das  Gesetz  gestattet.  La 
Gloucester  galt,  wie  1728  constatirt  wurde,  kein  die  Zahl  der 
Lehrlinge  beschränkendes  Gesetz*). 

Im  Jahre  1742  ^)  wurde  von  Clothiers  über  die  Concui-- 
renz  unbefugter  Leute  ohne  siebenjährige  Lehraeit  geklagt, 
welche  ungelenite  Arbeiter  gegen  wechselnden  Lohn  beschäftig- 
ten und  oft  auf  dem  Wege  des  Truck  bezahlten. 

Die  Hutmacher  aus  Lancaster  petitionirten  schon  1777*) 
gegen  Petitionen  der  Meister,  welche  Abschaffung  der  Be- 
schränkung der  Lehrlingszahl  auf  zwei  verlangten  —  während 


^)  Journals  of  the  Housc  of  Commons,  Vol.  18,  S.  171. 
«)  Journals  Vol.  21,  S.  153. 
')  Journals  Vol.  24,  S.  117  und  124. 

♦)  Journals  Vol.  36.     o.  u.  18.  Febr.,  14.,  17.,  18.,  24.  März    und 
9.  April  1777. 


Lehrlingswesen.  417 

gleichzeitig  unter  den  Färbera  Meister  und  Arbeiter  für  resp. 
gegen  Zulassung  von  Arbeitern  ohne  siebenjährige  Lehi'zeit 
petitionirten.  Mit  den  Arbeitern  verbanden  sich  unter  den 
Hutmachem  die  kleinen  Meister,  die  bereits  anfingen,  mit 
den  Arbeiteni  dem  grösseren  Capital  gegenüberzustehen.  Im 
Hutmachergewerbe  hatte  8.  Eliz.  c.  2  die  siebenjährige  Lehr- 
lingszeit und  das  Verbot,  mehr  als  zwei  Lehrlinge  zu  halten, 
besondei*s  festgesetzt.  Dieses  Gesetz  nebst  einem  dasselbe 
einschärfenden  von  Jacob  L  wurde  auch  durch  17.  Georg  HL  c.  55 
abgeschafft,  welches  Gesetz  gestattete,  auf  jeden  Gesellen  einen 
Lehrling  zu  halten  —  und  ausserdem  sich  mit  Unterdrückung 
von  Combinationen  befasste. 

Im  Jahre  1779  wurde  die  Abschaffung  der  siebenjährigen 
Lehrlingszeit  bei  den  Bäckern  und  Metzgern  angestrebt  ^). 

Ein  Committee-Bericht  vom  27.  Mai  1789  *)  coustatirt,  dass 
bei  den  Messerschmieden  in  Hallamshire  den  Arbeitern  das 
Halten  von  Lehrlingen  verboten  ist,  während  die  Meister  sie 
in  Uebei-zahl  halten. 

1790  petitionirten^)  Seidenweberarbeiter  aus  Coventry 
und  Warwick  um  Beschränkung  der  Zahl  der  Lehrlinge,  ähn- 
lich wie  das  in  London  duixji  13.  Georg  III.  c.  68  geschehen  sei 
und  es  wird  anerkannt,  dass  in  Coventiy  Ueberzahl  von  Lehr- 
lingen und  niedriger  Lohn  hen*schte.  Das  Gesetz  für  London, 
das  sich"  hauptsächlich  mit  Lohnregulirung  befasste,  be- 
schränkte die  Zahl  der  Lehrlinge  bei  einem  Meister  auf  zwei. 

Bei  den  Handwebern,  deren  Lage  seit  dem  Aufkommen 
der  Maschinenweberei  eine  sehr  trostlose  war  und  die  längst 
ihre  Stellung  als  selbständige  kleine  ünteniehmer  verloren 
hatten,  gab  es  am  Ende  unserer  Periode  noch  viele  Lehrlinge. 
Die  Handweber  selbst  und  andere  aime  Leute  gaben  ihre 
Kinder  den  Handwebern  als  Lehrlinge,  weil  es  ihnen  zu  theuer 
gewesen  wäre,  sie  einem  andern  Bemf  zuzuschicken.    Eben 


^)  Journals  Vol.  37.    26. Febr.,  17.  und  24. März,  15.  und  28.  April 
1779. 

*)  Journals  Vol.  44. 

^)  Journals  Vol  45.    5.  u.  12.  März. 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  27 


418  ZweiteB  Buch,  Cap.  1. 

in  Folge  ihrer  Armuth  unterblieb  aber  das  Abschliessen  eines 
gestempelten,  schriftlichen  Lehrlingsvertrags,  so  dass  z.  B.  in 
Paisley  von  800  Lehrlingen  nur  vier  regelmässige  „indentnres** 
hatten.  Die  Lehrlinge  standen  übrigens  zu  den  sogen.  Meistern 
in  dem  Verh&ltniss,  dass  sie  die  Hälfte  ihres  Verdienstes  als 
Lohn  bekamen.  Die  Armuth  der  aus  ihrer  MeistersteUnng 
factisch  zu  Arbeitern  herabgedrückten  Handweber  machte  tm 
geordnetes  Lehrlingswesen  bei  ihnen  unmöglich  und  Sachvei^ 
ständige  erklärten,  alle  etwaigen  neuen  schärferen  G^esetse 
würden  bei  der  Armuth  der  Weber  unausgeführt  bldben« 
Diese  unregelmässigen  auf  Halblohn  gesetzten  Lehrlinge  dienten 
natürlich  nicht  7  Jahre,  sondern  nur  2—3  Jahre  lang^). 

Soweit  noch  ein  Theil  der  alten  Lehrlingsgesetze,  nament- 
lich in  Bezug  auf  die  Dauer  der  Lehi*lingszeit,  fieu!tisch  durch 
die  Sitte  befolgt  wurde,  wurde  er  oft  nur  zur  UnterdiUckung 
und  Ausbeutung  der  Lehrlinge  als  jugendlicher  Arbeiter  be- 
nutzt, z.  B.  in  Birmingham,  wo  die  Unternehmungen  in  kleinem 
Maassstab  noch  immer  vorherrschend  blieben.  Ich  kann  zwar 
hier  nur  Zeugnisse  aus  späterer  Zeit  anführen,  die  aber  be- 
weisend sind,  weil  es  sich  um  seit  längei-er  Zeit  eingewurzelte 
üebelstände  handelt  >). 


>)  Siehe  Handloom  weavers  Report  von  1884;  Qu.  2906  ^.,  292K) 
4872,  5687.  • 

>)  Der  Children  Employments  Report  II ,  1848  S.  80  sagt  über  die 
Zustände  der  Lehrlinge  in  Birmingham: 

Die  am  meisten  missbrauchte  und  unterdrückte  Classe  von  ELindem 
in  diesem  District  sind  die  Lehrlinge  und  zwar  am  meisten  di^'enigen, 
die  an  die  kleinen  Meister  unter  den  Schlossern,  Schlüssel-  und  Schnta- 
benmachem  etc.  gebunden  sind.  Auch  unter  diesen  kleinen  Meistern 
giebt  es  ehrenwerthe  und  humane  Männer,  die  auch  durch  die  grösste  Ar- 
muth nicht  brutal  werden.  Aber  Viele  darunter  behandeln  ihre  Lehrlinge 
nicht  sowohl  mit  Gleichgültigkeit  und  Strenge,  als  mit  roher  GewaltthiO» 
die  aus  ungezügelter  oft  durch  hitzige  Getränke  gesteigerter  Leidenschaft 
hervorgeht  und  sich  an  durch  Ueberarbcit  erschöpften  Körpern,  an  Ge- 
müthem  ohne  jede  moralische  oder  religiöse  Bildung  äussert.  Das  wird 
unter  Anderen  durch  folgenden  Zeugnisse  belegt: 

*  *  *  Zwölf  Jahre  alt,  Schlüsselmacher;  wohnt  beim  Meister* 
hat  nicht  genug  zu  essen:  geht  oft  ohne  Frühstück,  weil  er  seine  Arbeit 
vor   dem   Frühstück  nicht  fertig  bringen  kann.    Geht  oft  ohne  ^littag- 


Lehrlingswesen.  419 

In  anderen  Gewerben  wurde  das  Institut  der  Lehrlinge 
offenbar  nur  beibehalten,  um  arme  Kinder  unter  dem  Namen 
von  Lehrlingen  im  schroffsten  Gegensatz  zu  dem  Geist  der 
alten  Gesetze  auszubeuten,  z.  B.  in  den  Kohlenbergwerken, 
von  denen  der  Children  Employments  Report  I.  1842  (S.  255, 
No.  5)  sagt: 

„In  einigen  Distrieten  befindet  sich  eine  kleine  Zahl  von 
Kirchspiel  -  Lehrlingen ,  die  bei  ihren  Meistern  bis  zum 
21.  Lebensjahr  aushalten  müssen,  in  einer  Thätigkeit,  zu  der 
man  durchaus  keiner  Geschicklichkeit  bedarf;  oft  werden  sie 
sehr  schlecht  behandelt  und  haben  das  bediückende  Bewusst- 

« 

sein,  dass,  während  ihre  freien  Altersgenossen  schon  so  viel 
wie  ein  Erwachsener  verdienen  können,  sie  nur  Kost  und  Be- 
kleidung erhalten." 

Die  Kirchspiellehrlinge  waren  Armenkinder,  welche  durch 
die  Aimenbehörden  zwangsweise  in  Lehrlingschaft  gegeben 
wurden. 

Das  erwähnte  Recht  der  Armenbehörden  gegenüber  den 


essen,  aus  dem  gleichen  Grund.    Der  Meister  schlägt  ihn  oft  mit  einem 
Stock  auf  die  Hand. 

*  *  *  Zwölf  Jahre  alt,  Elinkenmacher;  hat  nicht  genug  zu  essen; 
der  Meister  flucht  ihm  alle  Tage.  Der  Meister  schlug  ihn  einmal  mit  der 
Faust  nieder;  hieb  ihn  über  das  Gesicht  und  stiess  ihn  mit  den  Füssen, 
als  er  hinfiel ;  stiess  ihm  den  Kopf  an  den  Holzklotz,  dass  er  einige  Minu- 
ten nicht  wusste,  wo  er  war.  Als  er  wieder  zu  sich  kam,  fluchte  der 
Meister. 

*  *  Zwölf  Jahre;  der  Meister  schlägt  ihn  mit  einem  fingerdicken 
Stock  jede  Woche  recht  oft,  weil  er  manchmal  nicht  so  gut  arbeitet  wie 
gewöhnlich,  was  daher  kommt,  dass  er  oft  arg  Kopf-  und  Magen  weh  hat. 

*  *  Sechzehn  Jahre  alt;  der  Meister  lässt  ihn  arbeiten  von  6  Uhr 
morgens  bis  10  oder  11  in  der  Nacht  so  viel  er  kann.  Und  wenn  er*s 
nicht  thut,  bekommt  er  kein  Nachtessen.  Haut  ihn  mit  einem  dicken 
Riemen  oder  Stock.  Hat  ihm  den  Kopf  fünf  Mal  aufgeschlagen,  einmal 
mit  einem  Schlüssel,  zweimal  mit  einem  Haken.  Trieb  ihm  die  Spitze 
eines  Ilakens  zweimal  in  den  Kopf  mit  einem  Riegel  oder  Schloss. 

*  *  Vierzehn  Jahre  alt;  war  3  Jahre  im  Hause  des  Meisters.  Hat 
keinen  Lohn;  hat  bis  zum  21.  Jahr  zu  dienen.  Der  Kleister  behandelt 
ihn  schlecht,  die  ^leisterin  noch  schlechter,  ist  ein  Teufel,  schlägt  ihn 
und  stösst  ihm  den  Kopf  an  die  Wand.  — 

27* 


420  Zweites  Bach,  C^>.  1. 

Kirchspiellehrlingen  ^)  war  ursprttnglich  gegeben  in  der  dop- 
pelten Absicht,  Armenkinder  zu  tüchtigen  Leuten  heranzii- 
bilden  und  der  Industrie  Arbeitskräfte  zuzuführen.  Diese 
Institution  war  aber  jetzt  durchaus  verwildert  Selbst  wenn 
die  Armenkinder  nicht  einfach  an  Spinnereien  abgesetzt  wur- 
den, sondern  in  kleinere  Gewerbe^),  die  Marine  oder  Land- 
wirthschaft  kamen,  war  von  einer  wirklichen  Sorge  um  ihr 
Wohl  nicht  mehr  die  Rede.  Man  suchte  sich  ihrer  zu  ent- 
ledigen, verkaufte  sie  gleichsam  als  billige  Arbeitskraft  und 
zwang  sie  zu  überiangem  Lehrlingsdienste,  der  einen  verwalir- 
losten  Zustand  doch  nicht  hinderte.  Namentlich  die  Londoner 
Magistrate,  die  allerdings  es  schwer  hatten,  ihre  Aimenkinder 
alle  passend  in  der  Nähe  unteraubringen ,  gaben  sie  ohne 
weitere  Untersuchung  des  einzelnen  Falls  schon  im  Alter  von 
6  oder  7  Jahren  ab  und  banden  sie  bis  zum  21.  Lebens- 
jahr. Es  wurde  daher  1815  verlangt,  es  solle  verboten  wer- 
den, Eirchspiellehrlinge  über  eine  gewisse  Entfernung  von 
ihrer  Heimath  abzugeben  %  da  die  Bestimmung  von  7.  Georg  IIL 
c.  39,  XIV  u.  XV,  wonach  unter  Anderem  die  Meister  durch 
gutes  Lehrgeld  zur  Sorgfalt  und  guten  Behandlung  veranlasst 
werden  sollten,  sich  als  ungenügend  erwiesen  hatte. 

Auch  wo  es  sich  nifht  um  Kirchspiellehrlinge,  sondern  um 
solche  handelte,  die  von  ihren  Eltern  durch  Vertrag  in  die 
Lehre  gegeben  waren,  wurde  in  Grossindustrien  das  Wort 
Lehrling  zu  einem  täuschenden  Namen  für  gemissbrauchte 
jugendliche  Arbeiter.  In  den  Calieodruckereien  von  Lancashire 
kamen  seit  17U0  Geschäfte  vor,   die   60  Lehrlinge  auf  zwei 


^)  Das  natürlich  auch  durch  54.  Georg  III.  c.  96  nicht  berührt 
wurde. 

^  Report  on  the  State  of  the  Children  employed  in  Manufactories 
1816.  S.  312  constatirt  ein  magistrate  aus  Manchester,  dass  die  Kirch* 
Spiellehrlinge  immer  zu  kleinen  Meistern,  nicht  in  Fabriken  gegeben  wer- 
den. Der  Report  on  Parish  Apprentices  von  1815  führt  aus,  dass  1802 
bis  1811  aus  London  5815  Kinder  als  Kirchspiellehrlinge  gebunden  wur- 
den, davon  2026  in  verschiedene  Manufacturen  auf  das  Land.  Unter  den 
letzteren  waren  58  unter  acht  Jahre  alt.  Die  Mehrzahl  von  3789  Kindern 
kamen  in  kleine  Gewerbe,  häusliche  Dienste  oder  auf  die  See. 

')  Siehe  den  letzterwähnten  Report  von  1815. 


Lehrlingswesen.  421 

Arbeiter  hatten  i).  Die  Lehrlinge  wurden  durch  freie  unge- 
stempelte Verträge  statt  zu  Tjähriger  zu  8 — lOjähriger  Arbeit 
vei-pflichtet,  während  der  Arbeitgeber  das  Recht  zu  beliebiger 
Entlassung  hatte  und  den  Lehrling  oft  im  Moment  des  Ab- 
laufs der  Lehrlingszeit  entliess,  um  ihm  selbst  für  Vollendung 
angefangener  Arbeit  nicht  den  höheren  Arbeiterlohn  zahlen  zu 
müssen.  Das  Parlamentscommittee  schöpft  einige  tröstliche, 
Hoffnung  aus  der  Thatsache,  dass  in  anderen  Gewerben  durch 
friedliche  Abmachung  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitern 
eine  beschränkte  Lehrlingszahl  als  Regel  durchgesetzt  sei*), 
denkt  auch  an  Herabsetzung  der  Lehrlingszeit  auf  4  Jahre  . 
und  schildert  den  Zustand  des  Gewerbes,  d.  h.  die  Bedeutung, 
welche  das  Lehrlingsgesetz  in  demselben  noch  hat,  folgender- 
maassen :  „Das  Gesetz  der  Elisabeth  ist,  soweit  es  sich  auf  die 
Meister  bezieht,  in  diesem  Gewerbe  nie  angewendet  worden, 
da  die  Arbeiter  nie  auf  Grund  des  Gesetzes  zu  klagen  ver- 
sucht haben.  Die  Meister  dagegen  thun  Alles,  das  Gesetz 
streng  durchzuführen,  da  sie  keine  Arbeiter  beschäftigen, 
welche  die  Lehrlingszeit  nicht  regelmässig  abgedient  haben. 
So  wird  Alles  den  Interessen  der  Meister  und  zwar  aus- 
schliesslich dienstbar  gemacht.  Denn  die  erhebliche  Kosten - 
Verminderung,  welche  aus  der  Vennehi-ung  schlecht  gezahlter 
Lehrlinge  und  der  Vei-wendung  von  Maschinen  erfolgt,  hat 
wie  es  scheint,  dem  Consumenten  keine  Verbilligung  des  Pro- 
ducts eingetragen." 

Die  Einführung  von  Maschinen,  an  denen  man  die  nöthige 
Arbeit  leicht  und  schnell  erlernen  kann,  machte  natürlich  im 
Laufe  der  Zeit  eine  7jährige  Lehrlingszeit  vielfach  ganz  un- 
möglich. So  geht  aus  dem  Report  on  Woollen  Clothiers 
Petition  1802—1803^)  hervor,  dass  die  neu  eingeführten 
Spring-looms  die  Anwendung  von  Arbeitern,  die  nicht  sieben 
Jahre   gedient  haben,   in   der   Tuchindustrie   sehr  befördert 


^)  Siehe  Report  respecting  Calico  Printers  von  1806.  Die  Minutes  of 
Evidence  dazu  von  1804. 

«)  S.  a.  a.  0.  S.  7. 

^  Siehe  S.  1  flf.  Die  Aussagen  von  Thomas  King  S.  9  flF.  Die  von 
John  Clayfield ;  lerner  S.  228  ff.  und  das  angefügte  Schriftst&ck  von  lb04. 


422  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

haben.  Indessen  schon  vorher  nannte  man  einen  legalen 
Weber  denjenigen,  der  sieben  Jahre  überhaupt  gedient  hatte, 
nicht  nur  denjenigen,  der  sieben  Jahre  als  Lehrling  nach  dem 
Gesetz  gedient  hatte  ^).  Und  es  wird  constatirt,  dass  von 
jeher  (S.  383)  Männer  und  Weiber  ohne  üntei'schied  nach  ihrer 
Geschicklichkeit  verwendet  wurden.  Der  Zeuge  Robert  Cookson 
führt  aus,  dass  zwar  die  Geldstrafen  auf  Verwendung  von 
Arbeitei-n,  die  keine  gesetzliche  Lehrlingszeit  hinter  sich  haben, 
erhöht  werden  sollen,  um  die  selbständigen  kleinen  Weber- 
meister gegen  die  ConcuiTonz  von  grossen  Fabrikanten  zu 
schützen,  dass  aber  die  kleinen  Webermeister  selbst  von  den 
alten  Vorschriften  befreit  werden  mtissten,  denenzufolge  nur 
ElteiTi  von  einem  gewissen  Einkommen  ihre  Kinder  als  Lehr- 
linge in  die  Tuchindustrie  geben  dürfen.  Die  alten  Gesetze 
würden  also  nicht  nur  nicht  mehr  beobachtet,  sondern  Niemand 
konnte  mehr  ihre  volle  Aufrechterhaltung  wünschen. 

Der  Report  on  the  Woollen  Manufacture  of  England  von 
1806  constatirt,  dass  das  Lehrlingssystem  der  Elisabeth  zur 
eigentlichen  Fabrikindustrie  überhaupt  nicht  mehr  passe,  dass 
es  aber  auch  da,  wo  Hausindustrie  noch  heri*sche,  nicht  mehr 
in  Geltung  sei.  In  Leeds  hätten  die  Tmstees  der  Tuchhallen 
das  Gebot  der  7jährigen  Lehrlingszeit  1797  selbst  abgeschafft  *) 
ohne  dass  daraus  irgend  eine  Verschlechterung  des  Tuchs 
hervorgegangen  sei.  Auch  sonst  sei  das  Lehrlingsgesetz  trotz 
aller  Gegenagitation  seit  einigen  Jahren  in  Leeds  ausser  Ge- 
brauch. Es  habe  auch  keinen  Sinn  mehr,  da  die  Lehrlinge 
doch  nicht  mehr  im  Hause  des  Meisters  ^Yohnen  und  arbeiten 
und  das  Sul)ordinationsgefühl  verloren  hätten ;  da  der  Export- 
handel mit  seinen  Schwankungen  zu  Weclisel  der  Beschäftigung 
zwinge  und  Tuchmacher  in  grosser  Anzahl  in  die  Baumwoll- 
industrie treibe,  für  die  das  Gesetz  nicht  gilt.  Das  Committee 
von  1806  schlägt  daher  nur  vor  —  ähnlich  wie  man  jetzt  bei 
uns  von    schriftlichen  Lehrlingsverträgen   etwas   erwartet  — 


^)  Siebe  auch  den  unten  8.  424  erwähnten  Report  von  1818,  S.  122. 
Es  konnte  also  das  Recht  des  legalen  Webers  sozusagen  auch  durch 
Ersitzung  erworben  werden. 

*)  S.  Report  on  the  Woollen  Manufacture  von  1806,  S.  18. 


Lehrlingswesen.  423 

dass  überhaupt  Lehrlingsverträge  auf  nicht  über  7  Jahre 
klagbar  und  vollstreckbar  sein  sollen,  ohne  dass  von  solchem 
Lehrlingsverhältniss  das  Recht,  Meister  oder  Arbeiter  zu  wer- 
den, abhängen  soll. 

Wie  sehr  die  alte  Ordnung  vergessen  war,  geht  auch 
daraus  hervor,  dass  nach  der  Vonede  zu  den  Statuten  der 
Clothiei-s  Community  in  Leeds  von  1803  ')  die  Leute  gestehen, 
dass  sie  das  Gesetz  nicht  recht  kennen ;  sie  kennen  und  lieben 
nur  seine  Tendenz  und  wollen  sogar,  über  das  Gesetz  hinaus- 
gehend, dass  kein  qualificirter  Arbeiter  mehr  als  einen  Sohn 
ohne  gesetzliches  Lehrlingsverhältniss  im  Gewerbe  aufziehen 
dürfe,  während  die  Kinder  der  legalen  Arbeiter  und  Meister 
nach  d^r  alten  Ornnung  begünstigt  waren. 

Man  sieht,  wie  der  Drang  nach  Beschränkung  der  lohn- 
drückenden Concurrenz  es  war,  der  die  Liebe  zu  den  alten 
Gesetzen  entflammte! 

Zahlreiche  Zeugenaussagen  beweisen,  dass  das  jetzt  wie- 
der angei-ufene  Gesetz  seit  Langem  durch  allgemeine  Ueber- 
einstimmung  seine  Geltung  verloren  hatte  und  die  Erklärung, 
nur  wegen  der  Kosten  des  Processes  hätte  man  sich  bisher 
gescheut'2)  ß^ch  dem  Gesetz  vor  Gericht  zu  klagen,  ist  off'en- 
bar  ungenügend. 

Man  stritt  sich  darüber,  ob  zur  Ausbildung  eines  tüchtigen 
Arbeiters  wirklich  noch  7  Jahre  Lehrzeit  nöthig  seien*)  — 
die  grösseren  Kaufleute,  welche  Hausindustrielle  beschäftigten, 
begnügten  sich  jedenfalls  factisch  mit  3  Jahren^);  man 
wünschte  allerlei  Beschränkungen  der  Concurrenz,  wurde  aber 
nicht  einig  über  ihr  Maass^).  Offenbar  erkannte  Peel  die 
Bedüi-fhisse  der  Zeit  am  besten,  der  da  meinte^),  das  Ver- 
langen einer  mehr  als  2jährigen  Lehrzeit  sei  nur  ein  Vor- 
urtheil  der  älteren  Arbeiter:  da  man  doch  nicht  mehr  alle 


^)  S.  a.  a.  0.  S.  36. 

2)  S.  a.  a.  0.  S.  135. 

»)  S.  a.  a.  0.  S.  303,  440. 

♦)  S.  a.  a.  0.  S.  171. 

^)  Siehe  verschiedene  Resolutionen  von  Meetings  a.  a.  0.  S.  135  ff. 

^  S.  a.  a.  S.  440  ff. 


424  Zwdtes  Bach,  Cap.  1. 

Lehrlinge  im  Hause  des  Meisters  haben  könne,  so  sei 
besser,  sie  überhaupt  zu  nützlichen  Arbeitern  zu  machen, 
statt  sie  als  Bettelkinder  umherlaufen  zu  lassen.  NtttsUch 
aber  sei  es,  die  JMeister  von  mehr  als  3  Lehrlingen  zur  Sorge 
für  religiöse  Bildung  derselben  zu  zwingen.  Peel  erkannte, 
dass  es  sich  um  Einführung  neuer  Pflichten,  nicht  um  Wieder- 
einführung der  alten  handelte.  Die  alte  Lehrlingsordnung 
war  unrettbar  todt  und  diejenigen,  welche  sie  plötzlich  wieder 
lebendig  machen  wollten,  hatten  die  Absicht,  damit  die  Ent- 
wicklung der  grossen  Fabiiken  zu  hemmen  —  Beweis  dafür 
ist  unter  Anderem,  dass  die  Agitatoren  für  die  alte  7jährige 
Lehi-lingszeit  dieselbe  grossentheils  selbst  nicht  durchgemacht 
hatten  ^).  Im  Januar  1804  richteten  die  Weber  von  Glotucester- 
shire  an  4ie  Clothiers  Propositionen  in  Bezug  auf  eine  neue 
amicable  Ordnung  des  Gewerbes^),  in  denen  sie  wohlweislich 
voi*schlugen ,  dass  erst  von  nun  ab  das  Recht  des  Gewerbe- 
betriebes von  einer  gesetzlichen  Lehrlingszeit  abhängen  solle, 
während  Alle,  äie  jetzt  schon  Weber  seien,  unbehelligt  bleiben 
sollten.  ~ 

Die  Arbeiter  erinnei-ten  sich  der  alten  Lehrlingsbeschrän- 
kungen als  eines  letzten  Mittels  in  ihrer  Noth,  nachdem  Com- 
binationen,  Vei'suche  zu  Einigungsämtern  u.  dgl.  ihnen  Nichts 
geholfen  hatten.  Aehnlich  wie  hier  die  Tuchweber  verlangten 
auch  die  Sti-umpfwirker  ^) ,  dass  die  7jährige  Lehrzeit  in  Zu- 
kunft durchgesetzt,  aber  Niemand,  der  schon  im  Gewerbe  sei, 
hinausgeworfen  werden  solle.  In  diesem  Gewerbe  waren  zwei 
Dritttheile  der  Arbeiter  ohne  regelmässige  Lehrzeit  und  der 
Voi-stand  der  heri-schenden  Company  Hess  seit  Langem  Leute, 
welche  keine  7jährige  Lehrzeit  hinter  sich  hatten,  als  Mit- 
glieder zu. 

1809  und  1811  agitirten  die  schottischen  Arbeiter  stark 
um  ein  neues  Lehrlingsgesetz  —  natürlich  fruchtlos.  Ein 
sachverständiger  Zeuge  sagte  1824  offenbar  nicht  mit  Unrecht 
aus,  die  Abschaffung  des  Lehrlingsgesetzes  habe,   weil  jetzt 

')  S.  die  Aussage  von  Stanhope  a.  a.  0.  S.  447. 

«)  S.  a.  a.  0.  S.  342. 

•'')  Report  on  The  Framework-knitters  1818  S.  43  u.  49. 


Lehrlingswesen.  425 

mehr  Auswahl  sej,  die  Moralität  und  Tüchtigkeit  der  Arbeiter 
nur  gehoben^).  Dennoch  hielten  die  Arbeiter  noch  lange  an 
der  Tendenz,  Beschränkungen  der  Lehrlingszahl  durch  Gesetz 
oder  Gewalt  durchzusetzen,  fest,  da  sie  dies  als  ein  Mittel 
zur  Verbesserung  ihrer  Löhne  ansahen^).  Sie  hatten  und 
haben  darin  auch  in  gewissem  Sinne  völlig  recht  —  nur  be- 
weist der  Erfolg  ihrer  Bestrebungen  erst  recht,  dass  die  Zeit 
vorbei  war,  in  der  allgemeine  gesetzliche  Regulining 
des  Lehrlingswesens  als  Theil  einer  hen*schenden  Handwerker- 
ordnung noch  möglich  war.  Bei  den  Combinationen  und 
Arbeitseinstellungen  im  Anfang  des  Jahrhunderts  spielte  die 
Lehrlingsfrage  oft,  aber  nicht  immer,  eine  grosse  Rolle.  So 
z.  B.  nicht  bei  den  Zimmerleuten*),  bei  denen  Lehrlinge 
überhaupt  selten  waren,  wohl  aber  bei  den  Hutmachern*), 
welche  von  den  neuen  erleichteniden  Gesetzen  Nichts  wussten, 
aber  ihrei-seits  daran  festhielten,  dass  kein  Meister  mehr  als 
zwei  Lehrlinge  haben  sollte.  Mit  „foolmen",  d.  h.  Leuten 
ohne  regelrechte  Lehrlingszeit,  dienten  sie  nicht  in  derselben 
Werkstatt  und  nahmen  sie  in  ihren  Club  nur  gegen  besondere 
Gebühr  auf.  Aehnlich  verlangte  der  Club  der  Schiffszimmer- 
leute in  Liveipool  7jährige  Lehi-zeit  für  seine  Mitglieder  und 
1817  halfen  dort  die  Kaufleute  den  Arbeitern  gegenüber  ihren 
Meistern  dazu,  dass  bei  Reparaturarbeit  auf  drei  Arbeiter  nur 
ein  Lehrling  kommen  solle.  Dagegen  kümmerten  sich  die 
Arbeiter  Nichts  um  einen  Beschluss  der  Meisterassociation 
von  1823,  der  sich  in  ganz  ähnlicher  Richtung  bewegte  wie 
der  Ausschluss  der  foolmen  durch  die  Arbeiter  und  der  dahin 
ging,  es  solle  kein  Arbeiter  angenommen  werden,  der  in  einer 
Firma  ohne  „regulär  establishment"  gedient  hat. 

Es  kam  auch  vor,    dass   man  zwar  von   der  sieben- 
jährigen Lehrzeit  abliess,  aber  das  Princip  um  so  strammer 


^)  Second  Report  on  Artizans  and  Machinery  1824  S.  55. 

*)  Nach  dem  Fifth  Report  on  Artizans  and  Machinery  S.  461  war  die 
Aufrecbterhaltung  einer  7jährigen  Lehrlingszeit  der  allgemeine  Haupt- 
zweck aller  Gewerk vereine  in  Dublin. 

^)  Third  Report  on  Artizans  and  Machinery  1824  S.  181. 

♦)  S.  a.  a.  0.  S.  99  u.  152.    Vgl.  das  oben  von  1777  Angeführte. 


426  Zweites  Bach,  Cap.  1. 

festhielt;  so  bei  den  Maschinenbauern  in  Manchester,  welche 
nur  Leute  zuliessen,  die  fünf  Jahre  im  Geschäft,  in  einer 
Fabrik  oder  Werkstätte  gedient  hatten.  Unter  Geschäft  wurde 
nur  die  Production  von  Maschinen  für  Baumwoll-,  Flache- 
oder  Wollindustrie  verstanden. 

Der  Concurrenzneid  als  Motiv  zeigte  sich  auch  biswefleo 
daiin ,  dass  fremde  Arbeiter  strenger  behandelt  wurden  ab 
einheimische.  Fremde  Arbeiter  ohne  Lehrzeit  wurden  Ten 
den  Tuchmachern  misshandelt,  solche  mit  Lehrzeit  gegen  Zah- 
lung einer  Gebühr  zugelassen^). 

Für  die  Bandweber  galt  in  London  die  sogenannte  Spital- 
fieldsacte,  welche  hier  ausnahmsweise  Lohnregulirung  aofirecht 
erhielt.  In  anderen  Districten,  wo  dieses  Gesetz  nicht  galti 
war  die  Noth  der  Arbeiter  gross  und  hing  mit  dem  yerwfl- 
derten  Lehrlingswesen  zusammen.  Im  schärfsten  Gegensati 
zum  Geist  der  alten  Gesetze  herrschte  in  Coventry,  Nuneatoa 
etc.  unter  den  Bandwebem  das  Halblohn-Lehrlings-System  % 
demzufolge  die  Meister  Lehrlinge  auf  2  bis  5  Jahre  ver^ 
mittelst  ungestempelten  oder  nur  mündlichen  Vertrags  an- 
nahmen. Der  Preis,  den  das  Product  des  Lehrlings  im 
Waarenhaus  ei-zielte,  wurde  ebenso  wie  die  Kosten  für  Licht  etc. 
zwischen  Meister  und  Lehrling  zu  gleichen  Hälften  getheilt, 
oder  der  Lehrling  bekam  die  Hälfte  des  Lohnes  eines  Arbei- 
ters. Nach  Ablauf  der  Lehrlingszeit  wurde  der  Lehrling 
Arbeiter*),  ting  alle  Kosten  selbst  und  bekam  Lohn  nach 
einem  Mustervertrag.  Der  Lehrling  aber  konnte  von  dem 
Halblohn  nicht  leben  und  bedurfte  der  Armenunterstüt^ung,  zu 
welcher  der  meist  in  London  lebende  mit  seinen  Lehrlingen 
durch  Agenten  in  Coventry  verhandelnde  Meister  so  gut  wie 
Nichts  beiting.  Es  befanden  sich  zumeist  Mädchen  in  diesem 
traurigen  Zustand,  da  die  männlichen  Arbeiter  ohne  7  jährige 
Lehrzeit  kein  Wahlrecht  erwerben  konnten*).    Veranlassung 


^)  Fourth  Report  on  Artizans  and  Machincry  1824  S.  293. 
«)  Report  on  Silk  Ribbon  Weavers  1818  S.  4  und  17. 
*)  Das  englische  Wort  Joameyman'*  kann  auch  mit  „GeseUe''  über- 
setzt werden. 

*)  Solche  stadtrechtl.  Bestimmungen  scha£ft  54.  Georg III  c  96  nich  t  ab. 


Lehrlingswesen.  427 

zur  Einfühi-ung  dieses  Systems  gaben  Welthandelsconjuncturen, 
indem  vorübergehend  in  Europa  und  Amerika  sich  der  Markt 
für  englische  Bänder  erweiterte,  während  viele  erwachsene 
Weber  Soldaten  wurden.  Regelmässige,  gesetzliche  Lehrlings- 
verträge hörten  dem  gegenüber  seit  1815  auf  ^). 

In  Macclesfield  gab  es  Halblohn-Lehrlinge,  die  man  auch 
schon  kurzweg  Weber  nannte  und  deren  Verhältniss  noch  un- 
regelmässiger war  als  in  Coventiy.  Unei'wachsene  Hessen  sich 
einfach  wochenweise  bei  verschiedenen  Meisten!  gegen  mög- 
lichst hohen  Lohn  engagiren*).  Ein  Zeuge  von  dort  gestand, 
er  sei  so  ziemlich  der  einzige  Fabrikant,  der  durch  7jährige 
Lehrlingszeit  und  Arbeiterstand  hindurchgegangen  sei*).  In 
Leek  gab  es  zwar  nur  wenige  Halblohn-Lehrlinge,  dafür  aber 
hatte  es  nie  irgend  eine  Ordnung  im  Lehrlingswesen  gegeben  *). 

Wir  sehen  also  in  diesem  Industriezweig  das  Lehrlings- 
verhältniss  völlig  aufgelöst.  Gleichzeitig  litten  die  Arbeiter 
schwere  Noth  und  strebten  nach  Lohnregulirung ,  wovon  im 
nächsten  Paragraph  die  Rede  sein  wird.  Ebenso  soll  später 
ausgeführt  werden,  dass  in  diesem  Göwerbe  1818  kein  eigent- 
licher Handwerksbetrieb  mehr  hen*schend  war.  Hier  sei  nur 
noch  als  Beweis,  wie  obsolet  die  alten  Gesetze  waren,  ei^wähnt, 
dass  in  Macclesfield  vertragsmässige  Abmachungen  zwischen 
Arbeitern  und  Arbeitgebeni  vei-sucht  wurden,  die  an  Stelle 
der  alten  Gesetze  treten  sollten.  Sie  wurden  1807  gedmckt, 
galten  aber  nur  bis  1815.  Danach  durfte  kein  ünteniehmer 
mehr  als  zwei  Lehrlinge  gleichzeitig  halten,  abgesehen  von 
Ausnahmen  betreffs  der  eigenen  Kinder;  Arbeiter  durften  gar 
keine  Lehrlinge  annehmen.  Die  Lehrlingszeit  war  sieben  Jahre. 
Die  Probezeit  dauerte  nur  einen  Monat.  Spätestens  nach  Ab- 
lauf dieser  Zeit  werden  durch  gestempelten  Lehrlingsvertrag 
die  gegenseitigen  Pflichten  festgestellt.  Die  Auflösung  eines 
Lehrlingsverhältnisses  war  aufs  Aeusserste  erschwert  etc.  ^). 

^)  S.  Second  Report  on  Ribbon  weavers  1818  S.  68. 
«)  S.  a.  a.  S.  99. 
')  8.  a.  a.  0.  S.  111. 
*)  8.  a.  a.  0.  8.  135. 

*)  8.  a.  a.  0.  S.  90 — 92:  „Rules  and  ordere  to  be  observed  in  the 
silk  weaying  trade,*^  die  wir  im  Anhang  unter  A  abdrucken. 


428  Zweites  Bach,  Cap.  1. 

Diese  Abmachungen  sind  einer  der  interessantesten  FäUe,  in 
denen  es  der  Selbsthttife  gelang,  vorübergehend  den  G^eirt 
der  alten  (besetze  wieder  zu  beleben.  Natürlich  war  aber 
dieser  Erfolg  eben  so  wie  bei  den  Versuchen  vertragsmässiger 
Lohnregulirungen  nur  von  kurzer  Dauer,  da  die  alte  Lehr- 
lingsordnung einmal  nicht  mehr  in  die  neuen  Verhältnisse 
passte. 

Zu  den  Gewerben,  in  denen  das  Lehrlingswesen  nicht 
durch  das  allgemeine  Gesetz  der  Elisabeth,  sondern  durch 
specielle  Bestimmungen  geregelt  war,  gehörte  auch  das  ühr- 
machergewerbe,  das  in  London  durch  einen  Charter  von  1681 
zu  einer  Zunft  zusammengefasst  war.  Dieser  Charter  gebot» 
dass  kein  Meister  mehr  als  zwei  Lehrlinge  haben  durfte  — 
er  war  aber^)  im  Anfang  dieses  Jahrhundeits  schon  seit 
Langem  factisch  nicht  mehr  in  Kraft. 

Es  handelt  sich  um  ein  Gewerbe,  in  dem  vor  Allem 
gelernte  Arbeit  nöthig  erscheint  und  in  welchem  die 
Dampfmaschine  keine  Umwälzungen  hervorbringen  konnte. 
Aber  die  wachsende  Arbeitstheilung  allein  bewirkte,  dass  man 
Lehrlinge  in  Unzahl  zu  einzelnen  Functionen  annahm  — 
Leute,  aus  denen  nach  der  Lehrlingszeit  nichts  Rechtes  werden 
konnte.  Einzelne  Fabrikanten  beschäftigten  statt  zwei  Lehr* 
lingen  deren  zwanzig  bis  dreissig^).  Nach  der  Aussage  von 
Keene  war  dieses  Unwesen  seit  etwa  40  Jahren  ^)  im  Schwung ; 
die  Lehrlinge  arbeiteten  theils  im  Hause  des  Arbeitgebere,  theils 
ausserhalb  desselben  mit  14 stündiger  täglicher  Arbeitszeit 
und  bedurften  überdies  der  Armencassenzuschüsse.  Die 
Uhren  wurden  Anfangs  dadurch  billiger,  nach  UeberfüUung 
des  Markts  war  aber  seit  6  Jahren  da^durch  Noth  der  Ar- 
beiter und  Verlegenheit  der  Unternehmer  entstanden. 

Man  sah  den  Schaden  —  und  suchte  zunächst  Heil  in 
Rückkehr  zu  der  alten  Ordnung,  wobei  man,  wie  so  oft,  tlber- 


^)  S.  Report  on  the  Petitions  of  Watchmakers  of  Coventry  1817  S.  71. 

^)  S.  a.  a.  0.  S.  93;  nach  dem  Keport  on  the  Laws  relating  to 
watchn>akers  1818  hatten  einzelne  Fabnkanten  sogar  bis  40  outdoor  ap- 
prentices. 

•'')  S.  a.  a.  0.  S.  73. 


( 


Lehrlingswesen.  429 

sah,  dass  man  auf  den  Vortheil  der  Verbilligung  der  Waare 
durch  gi-össere  Arbeitstheilung  nicht  verzichten  könne.  Die 
Fabrikanten  und  Meister  von  London  und  Westminster  er- 
liessen  höchst  reactionäre  Resolutionen^).  Die  Unterzeichner 
dieser  Resolutionen  erkannten  wohl  alle  guten  Folgen,  welche 
das  alte  Gesetz  für  Erhaltung  technischer  Geschicklichkeit, 
für  die  Sittlichkeit  der  Gewerbsgenossen,  für  die  Sicherheit  ihres 
Erwerbs  etc.  hatte,  sie  erkannten  richtig  die  Schäden  des 
reinen  Laissez  faire  —  aber  sie  wollten  oder  konnten 
nicht  erkennen,  dass  die  neuen  Marktverhältnisse  die 
Aufi-echterhaltung  der  alten  Ordnung  unmöglich  machten. 
Die  beiden  Reports  von  1817  und  1818  lassen  daher  die  eigent- 
liche Ursache,  waiiim  gerade  dieses  Gewerbe  so  sehr  seit 
1796  darniederlag,  unerklärt.  Sie  schildern  das  Unheil  und 
sagen,  dass  es  früher  besser  war  —  die  Commission  von 
1818  begnügt  sich,  überhaupt  „some  Parliamentary  Regula- 
tions"  zu  verlangen. 

Ein  Gewerbe,  in  welchem  von  grossem  Fabrikbetrieb 
gar  nicht  die  Rede  sein  kann,  ist  das  Kaminfegergewerbe. 
Dennoch  finden  wir  gerade  hier  die  empörendste  Verwilde- 
iiing  in  Bezug  auf  Missbrauch  jugendlicher  Arbeitskräfte. 
Der  Geist  der  alten  Gesetze,  demzufolge  tüchtige  gesunde 
Meister  herangezogen  werden  sollten,  wurde  hier  geradezu 
auf  den  Kopf  gestellt. 

Am  22.  Mai  1788  2)  petitionirte  ein  Meister  aus  Mary 
le  Bone  ans  Parlament  um  Regulirung  des  Verhältnisses  der 
Kaminfegerlehrlinge  und  constatirte  namenlose  Grausamkeiten 
in  der  Behandlung  dieser  armen  Kinder.  FiHhere  private 
Vei'suche  zur  Reform  waren  fruchtlos  gewesen.  Der  Committee- 
bericht  von  1788  wies  Fälle  nach,  in  denen  4jährige  Kinder 
durch  Kamine  von  unglaublicher  Enge  hinaufgeprtigelt  wurden, 
während  die  Kamine  geheizt  waren.  Die  Kinder  wurden 
sogar  an  Sonntagen  ausgeliehen,  sie  wurden  nie  gewaschen 


^)  Im  Anhang  unter  B  geben  wir  einen  Auszug  aus  diesen  a.  a.  0. 
S.  46  abgedruckten  Resolutionen ,  die  wegen  ihrer  Aehnlichkeit  mit  deut- 
schen zQnftlerischen  Kundgebungen  der  neuesten  Zeit  von  Interesse  sein 
dürften. 

")  Journals  of  the  House  of  Commons  vol.  43. 


48<^  Zweites  Bach,  Gap.l. 

und  entsetzlich  vernachlässigt.  Darauf  wurde  ein  Gesetz  28. 
Georg  III  c.  48  erlassen,  das  verbot,  Kinder  unter  8  Jahren  als 
Lehrlinge  im  Eaminfegergewerbe  anzunehmen,  das  nicht  mebr 
als  6  Lehrlinge  bei  einem  Meister  erlaubte,  das  Ausleihen 
der  Kinder  verbot,  die  Arbeitszeit  begrenzte  etc.  Dieses  Ge- 
setz wirkte  aber  offenbar  wenig,  denn  1817^)  wurde  wieder 
constatirt,  dass  4jährige  Kinder  verwendet  wurden,  indem 
arme  Eltern  ihre  Kinder  förmlich  verkauften;  auch  gestohlene 
Kinder  wurden  verwendet,  selbst  Mädchen.  Sie  vnirden 
durch  angezündetes  Stroh  und  Nadelstiche  in  die  Fttsse  die 
Kamine  hinau^etrieben  und  es  entwickelten  sich  bei  ihnen 
eigenthOmliche  Krebskrankheiten  —  schlimmer  als  das  be- 
rüchtigte Fabrikbein  in  der  Textilindustrie.  Wurden  die 
Kinder  zu  gross,  um  die  engen  Kamine  zu  erklettern,  so  waif 
man  sie  auf  die  Strasse,  nachdem  man  sie  schlecht  ernährt 
und  ohne  alle  Bildung  gelassen  hatte.  Je  ärmer  die  Meister, 
desto  schlechter  beh$indelten  sie  die  Kinder  —  es  kam  vor, 
dass  sie  förmlich  zu  Tode  gequält  wurden.  Man  ninging 
das  Gesetz,  indem  man  die  Kinder  als  Arbeiter,  statt  als 
Lehrlinge  annahm. 

1800  suchte  die  Gesellschaft  zur  Besserung  des  Looees 
der  Aimen,  1803  eine  eigene  Gesellschaft  zu  dem  Zweck  die 
kaminklettemden  Kinder  unnöthig  zu  machen,  einzugreifen. 
DasCommittee  von  1817  wollte  die  Kinderarbeit  in  den  Kaminen 
und  die  zu  engen  Kamine  ganz  verbieten.  Nicht  so  weit  war 
eine  Meisterversammlung  von  1816  gegangen,  die  zwar  auch 
die  allzu  engen  Kamine  verbieten,  aber  die  Kinderarbeit  nicht 
ganz  abschaffen  wollte.  Dieselbe  Versammlung  wollte  nur 
Lehrlinge,  keine  Kinderarbeiter  dulden,  jedem  Meister  nur 
4  Lehriinge  gestatten  und  das  Ausleihen  der  Kinder  verbieten. 
Vor  Allem  war  diese  Versammlung  der  Meinung,  dass  eine 
dauernde  Gesellschaft  der  Meister  gegillndet  werden  mtlsse, 
damit  das  Gesetz  wirklich  durchgefühlt  werde.  Gewiss  ein 
richtiger  Gedanke,  dass  jede  wirklich  lebendige  Ordnung  der 
Gewerbe  in  unserer  Zeit  auf  Corporationen  der  Betheiligten 


^)  S.  Report  on  Employment  of  boys  in  sweeping  of  chimnies.  1817. 


Lehrlingswesen.  431 

beruhen  muss  —  ein  Gedanke,  der  uns  bei  der  Frage  der 
Lohnfeststellung  noch  öfter  begegnen  wird  —  und  dessen  all- 
gemeine Ausführung  selbst  heute  noch  zu  den  unerfüllten  Wün- 
schen gehört! 

Deutschland  hat  in  der  Zeit  des  definitiven  Untergangs 
der  alten  Handwerks-  resp.  Zunft-Ordnung  und  des  Sieges  der 
Grossindustrie  solche  wahrhaft  haarsträubende  Zustände,  wie 
sie  uns  vom  englischen  Kaminfegergewerbe,  von  den  Lehr- 
lingen in  Birmingham  und  den  Kirchspiellehrlingen  berichtet 
sind,  nicht  erlebt  Wohl  aber  kennen  auch  wir  den  Miss- 
brauch jugendlicher  Arbeitskräfte,  die  nach  abgelaufener  so- 
genannter Lehrzeit  zu  nichts  zu  brauchen  sind;  wir  erleben 
die  allgemeinen  Klagen  über  sittliche  Verwildeining  der  Lehr- 
linge, über  ungenügende  technische  Ausbildung  der  Arbeiter 
bei  dem  System  der  freien  Concurrenz,  über  Druck  der  Löhne 
durch  herbeiströmende  ungelenite  Arbeiter,  Und  wie  in 
England  die  Wiedereinführung  des  Gesetzes  der  Elisabeth 
verlangt  wurde,  so  strebt  man  bei  uns  nach  Wiederherstellung 
zünftischen  Lehrlingszwangs.  Hier  wie  dort  ist  es  insbesondere 
die  kleine  Industrie,  welche  sich  durch  die  alte  Handwerks- 
ordnung gegen  die  Wucht  der  concurrirenden  Grossindustrie 
zu  schützen  sucht  und  es  sind  Arbeiterverbände,  welche  in 
ihrem  Streben  nach  Vemngeiiing  des  Arbeitsangebots  Sehn- 
sucht nach  alten  Beschränkungen  der  Arbeiterconcurrenz  ver- 
rathen. 

Es  haben  im  Lehrlingswesen  in  England  zu  Anfang  des 
Jahrhunderts  schwere  Missstände  geheri-scht  —  ein  allge- 
meines Zwangsgesetz  zu  ihrer  Hebung  wurde  nicht  gegeben 
und  konnte  nicht  gegeben  werden,  sondern  langsam  nur  haben 
die  Sitten  und  die  Energie  freier  Corporationen  vieles  gebessert. 

Gewiss  können  bei  uns  der  Staat,  die  Städte  und  die 
grossen  Arbeitgeberverbände  mehr  thun,  als  in  England  ge- 
schah z.  B.  durch  Errichtung  von  Schulen  für  Lehrlinge  und 
jugendliche  Arbeiter.  Es  braucht  nicht  Alles  dem  natürlichen 
Drang  der  Verhältnisse,  ein  neues  Gleichgewicht  zu  finden  und 
dem  kämpfenden  Streben  der  Arbeiterverbände  überlassen  zu 
werden  —  das  aber  lehren   wohl    die  englischen    Vorgänge 


432  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

auch  für  uns,  dass  die  Lehrlingsordnung  des  alten  Handwerks 
nicht  durch  Willkür  und  Bosheit  einzelner  Menschen  oder 
Gruppen  von  Menschen  unterging,  sondern  dass  sie  verschwand, 
weil  sie  unmöglich  geworden  war.  Die  einfache  zwangsweise 
Wiederhei-stellung  auch  nur  eines  Theils  der  alten  Handwerks- 
ordnung im  Zeitalter  der  6i*ossindustrie  und  des  Welthandels 
ist  ein  utopischer  Wunsch. 


§  3.    Lohnregulirungen. 

Nach  der  alten  Ordnung  wurden  die  Löhne  der  Arbeiter 
durch  Gesetz  oder  periodischen  Spruch  der  Behörden  festge- 
setzt. Auch  dies  kam  ausser  Gebrauch  oder  wui'de  gemiss- 
braucht  und  natürlich  rief  das  Absterben  dieses  Theils  der 
alten  Ordnung,  sobald  die  Löhne  niedrig  wurden,  noch  grössere 
Erregung  hervor  als  das  Absterben  der  Lehrlingsordnung, 
weil  der  Lohn  das  Wohl  und  Wehe  des  Arbeiten  am  un- 
mittelbarsten beeinflusst.  W^ie  aus  dem  vorigen  Paragi*aph  her- 
vorgeht, hingen  übrigens  natürlicher  W^eise  die  Bestrebungen 
nach  Beschränkung  der  Lehrlingszahl  und  nach  Erhöhung 
gedrückter  Löhne  praktisch  sehr  enge  zusammen;  beide 
Zwecke  wurden  von  Arbeitercoalitionen  zup:leich  verfolgt. 

Es  gehört  zu  den  interessantesten  Resultaten  des  bekannten 
Buches  von  Brentano  M,  dass  er  ausführt,  wie  Verbände  von  Ar- 
beitern zur  Vertretung  ihrer  Interessen  allenthalben  mit  der 
Auflösung  der  alten  Ordnung  entstanden.  „Sobald  Versuche  zur 
Beseitigung  dieser  Ordnung  gemacht  werden,  sehen  wir  sie 
(die  Arbeiter  und  kleinen  Meister),  wo  gesetzliche  Abhülfe 
verweigert  wird,  zu  deren  Aufreehterhaltung  coaliren  ^)." 

Im  Einzelnen  bedaif  aber  die  Brentano'sche  Darstellung 
des  historischen  Hergangs  der  Ergänzung  und  Berichtigung. 
Jedenfalls  darf  man  sich  die  Sache  nicht  so  vorstellen,  als 
wären  allgemein  in  jedem  Gewerbe   unmittelbar  nach  Auflö- 


^)  r>ie  Arbeitergilden  der  (legenwart  Bd.  1  Cap.  1. 
2)  Brentano  a.  a.  0.  S.  131. 


Lohnregulinmgen.  433 

sung  der  alten  Oidnunf^,  d.  h.  nach  factischem  Wegfall  der 
Lohnregulirung,  sofort  Goalitionen  entstanden,  deren  nächster 
und  erster  Zweck  die  Wiedereinführung  der  Lohnregulirung 
gewesen  wäre.  Vielmehr  verlief  es  meistens  so,  dass  die 
Lohnregulirung  schon  lange  Zeit  ausser  Gebrauch  war  oder 
schlecht  gehandhabt  wurde.  Goalitionen  bildeten  sich  in  ver- 
schiedenen Formen  zur  allgemeinen  Interessenvertretung  der 
Arbeiter  und  diese  geriethen  dann  meist  erst  im  Laufe  der 
Zeit  darauf,  Lohnregulirung  als  ein  Mittel  zur  Besserung  ihi*er 
Lage  zu  verlangen,  wenn  die  längst  nicht  mehr  regulirten 
Löhne  durch  Conjuncturen  schlecht  geworden  waren.  Es 
ging  wie  bei  der  Frage  der  Beschränkung  der  Lehrlingszahl 
—  man  erinnerte  sich  der  alten  Ordnung  erst  im  Laufe  der 
Zeit.  Besonders  interessant  dabei  ist,  dass  in  vielen  Fällen 
nicht  einfach  Lohnregulirung  durch  die  Magistrate  verlangt 
wurde,  sondern  dass  man  staatlich  anerkannte  Einigungsämter 
anstrebte  d.  h.  es  herrschte  die  Idee ,  die  Löhne  sollten  durch 
Vertrag  zwischen  Vertretern  beider  Parteien  festgestellt 
werden,  so  dass  diese  Verträge  durch  Schutz  der  Staatsge- 
walt bindende  Kraft  hätten.  Es  ist  in  der  That  auffallend, 
dass  die  Bewegung  zu  Gunsten  von  Einigungsämtein  im  An- 
fang des  Jahrhunderts  stärker  war  und  zeitweilig  auch  sogar 
gi'össere  Erfolge  hatte  als  heute  seit  Mundella's  und  Kettle's 
Versuchen.  — 

Die  Geschichte  der  Goalitionen  als  solcher  soll  uns  hier 
nicht  beschäftigen.  Hier  müssen  nur  die  Bestrebungen,  eine 
obrigkeitliche  oder  sonst  organisiite  Lohnreguliiiing  an  Stelle 
der  untergegangenen  alten  Ordnung  einzuführen,  besprochen 
werden.  Diese  alte  Ordnung  selbst  beruhte  nicht  nur  auf 
dem  allgemeinen  Gesetze,  das  den  Magistraten  die  Pflicht  zur 
periodischen  Feststellung  aller  Löhne  auflegte,  sondeni  es 
existirten  —  wie  in  England  gewöhnlich  —  eine  grosse  Zahl 
von  öpecialgesetzen,  welche  für  besondere  Gewerbe  und  Orte 
die  Löhne  theils  durch  Gesetz  ohne  Weiteres  fixirten,  theils 
ihre  Regulirung  besonderen  Organen  und  Behörden  zur  Pflicht 
machten. 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  28 


434  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

Schon  1721  ^  fanden  Uniiihen  unter  den  Schneidern  in 
London  statt,  welche  zwar  nicht  gewaltthätig  auftraten,  aber 
behufs  Lohnerhöhung  und  Verkürzung  der  Arbeitszeit  coalirten. 
In  diesem  nicht  der  Grossindustrie  angehörigen  Gewerbe 
waren  also  anarchische  Zustände  vorhanden.  Im  Jahre  1745 
petitionirten  die  Schneidergesellen  wieder  an  das  Parlament  *). 
Es  wurden  nämlich  inzwischen  die  Arbeiterverhältnisse  im 
Schneidergewerbe  durch  Specialgesetze  geregelt,  diese  aber 
erwiesen  sich  als  gänzlich  ungenügend  und  bedrückten  die 
Arbeiter  factisch  hart.  Es  liegt  also  ein  Fall  vor,  in  dem  die 
alte  Ordnung  foimell  bestand,  aber  in  einem  dem  Geiste  der 
alten  Gesetzgebung  widei-sprechenden  Sinne  wirkte.  Es  galt 
nämlich  ein  Gesetz  7.  Georg  I.  stat.  1,  c.  13  „for  regulating  the 
jouiTieymen  tailoi-s  within  the  weekly  bills  of  mortality", 
welches  vom  1.  Mai  1721  ab  Coalitionen  behufs  Lohnerhöhung 
und  Arbeitszeitverkürzung  für  nichtig  und  strafbar  erklärte.  Das 
Gesetz  fixirte  zugleich  die  tägliche  Arbeitszeit  auf  die  Stunden 
von  6  Uhr  Morgens  bis  8  Uhr  Abends  incl.  einer  Stunde 
Essenspause  und  stellte  den  Lohn  auf  2  Schilling  täglich 
zwischen  den  25.  März  und  24.  Juni  und  auf  1  Schilling 
8  pence  im  übrigen  Theil  des  Jahres  fest.  Den  Friedens- 
richtem  wurde  das  Recht  gegeben,  Lohn  und  Arbeitszeit  in 
den  allgemeinen  Vierteljahrssitzungen  nach  Maassgabe  der 
Verhältnisse  zu  ändern.  Ueberschreitung  der  gesetzlichen 
Löhne  wurde  bei  beiden  Parteien«  mit  Strafe  bedroht; 
Contractbruch  der  Arbeiter  noch  schärfer,  ebenso  das  Ver- 
weigern des  Eintritts  zum  Dienst  unter  den  gesetzlichen 
Bedingun^^en.  Extrastunden  gegen  Extralohn  waren  erlaubt, 
der  Normallohn  galt  nur  für  die  Normalarbeitszeit. 

Die  Arbeiter  beklagten  sich  nun,  dass  sie  wegen  ver- 
weigerten Diensteintrittes  ins  Correctionshaus  geschickt  und 
zu  Soldaten  gepresst  wurden,  ^Yährend  factisch  ihre  Löhne 
nur  14  pence  täglich  betrugen,  da  sie  durchschnittlich  nur 
die  Hälfte  oder  zwei  Dritttheile  des  Jahres  bei  den  Meisteni 


^)  Journals  of  the  House   of  Coinmous  Vol.  19  S.  416. 
'^)  Journals  Vol.  24  S.  733. 


Lohnregalirungen.  435 

Beschäftigung  hatten.  Sie  verlangten  aber  noch  nicht  bessere 
Lohnregulii-ung,  sondem  Abschafbng  des  Gesetzes  und  Frei- 
heit: ,,das  Haus  möge  ihre  unglückliche  Lage  in  Er- 
wägung ziehen  und  ihnen  helfen  durch;  Zurückei-stattung  der- 
jenigen Freiheit,  welche  sie,  eine  Köipei-schaft  von  armen 
aber  unschuldigen  und  ntltzlichen  Leuten,  vor  dem  erwähnten 
Gesetz  als  anerkanntes  angeborenes  und  durch  die  Magna 
Charta  und  alte  Beichsverfassung  gesichertes  liecht  besassen/' 
Das  Parlament  ging  auf  diese  Klagen  nicht  ein  und 
das  Gesetz  bestand  fort.  Die  Schneider  wurden  daher  aufge- 
regter. 1752  ^)  beklagten  sich  die  Meister  tlber  gewaltthätiges 
und  tumultuarisches  Benehmen  der  Arbeiter,  worauf  diese 
antworteten,  sie  seien  ruhige  Leute,  die  ehrlich  ihr  Brod  ver- 
dienen wollten  und  es  sei  nicht  recht  von  den  Meistem,  „dass 
diese  einen  exorbitanten  Gewinn  aus  ihrer  ehrlichen  Arbeit 
ziehen  wollten."  1767*)  verlangten  die  Meister  neue  Re- 
guliining  des  Gewerbes,  namentlich  zur  Entscheidung  von 
Streitigkeiten  zwischen  Meistem  und  Gesellen  —  das  bishe- 
rige Gesetz  sei  ungenügend,  weil  man  es  durch  Wegzug  in 
die  Umgebung  von  London  umgehen  könne.  Darauf  wurde 
ein  Gesetz  8.  Georg  lU.  c.  17  (1768)  erlassen,  das  in  den 
Einleitungsworten  constatiil,  dass  die  Friedensrichter  in  der 
That  seit  dem  Gesetz  7.  Georg  I.  von  Zeit  zu  Zeit  die  Löhne 
regulirt  haben,  dass  es  aber  Mittel  gebe,  dem  Gesetz  zu  ent- 
schlüpfen —  womit  wohl  das  Wegziehen  aus  dem  Geltungs- 
bereich des  Gesetzes  gemeint  ist.  Dieses  Gesetz  ei-streckte 
sich  auf  die  City  of  London  und  den  fünfmeiligen  Umkreis, 
setzte  die  Arbeitszeit  auf  6  Uhr  Morgens  bis  7  Uhr  Abends 
fest  (wieder  incl.  1  Stunde  Essenspause)  und  erhöhte  den 
Tageslohn  auf  2  Schilling  7^l2  pence.  Wer  ausserhalb  der 
Grenzen  der  Geltung  des  Gesetzes  Arbeiter  mit  der  Absicht 
der  Gesetzesumgehung  beschäftigt,  wurde  mit  Geldstrafe 
bedroht.  Im  Uebrigen  enthielt  das  Gesetz  Process-  und 
Strafbestimmungen  und  gestattete  wieder  die  periodische 
Revision  der  Lohnsätze. 


')  Journals  Vol.  26  S.  407. 
«)  Journals  Vol.  31  S.  483. 

28* 


436  Zweites  Bach,  Cap.  1. 

Gegen  dieses  Gesetz  aber  petitionii-ten  die  Arbeiter 
neuerdings  0,  weil  die  Gleichheit  der  Löhne  Ar  alle 
Arbeiter  sowohl  die  Meister  als  die  besseren  Arbeiter  be- 
schwere. —  Man  sieht,  die  Lohnreguliiiing  durch  Gesetz  und 
Obrigkeit  wurde  versucht,  erwies  sich  aber  als  imgenQgend 
und  wurde  gerade  von  den  Arbeitern  nicht  gewollt.  Sie 
wollten  nicht  eine  für  sie  günstigere,  sondern  gar  keine  Lohn- 
regulimng  -). 

In  der  ei'sten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  spielt  die 
Frage  der  Lohnregulirung  im  Parlament  überhaupt  eine  sehr 
geringe  Rolle.  Dasselbe  beschäftigte  sich  dafür  um  so  mehr  mit 
Schutzzöllen,  technischen  Productionsvoi'schriften,  Zunftprivi- 
legien und  Competenzstreitigkeiten  zwischen  verschiedenen 
Gewerben.  Offenbar  war  man  noch  im  Allgemeinen  mit  dem 
factischen  Wegfall  der  Lohnregulirung  zufrieden. 

Dies  wird  auch  bewiesen  durch  ein  Gesetz  20.  Georg  II. 
c.  19  (1747)  „for  the  better  adjusting  and  moie  easy  recovery 
of  the  wages  of  certain  servants,  and  for  the  better  regulation 
of  such  servants  and  of  certain  apprentices."  Dieses  Gesetz 
regelt  die  Competenz  der  Friedensrichter  und  anderer  Be- 
hörden in  Streitigkeiten  zwischen  Arbeitern  und  Arbeitgebern 
imd  giebt  diesen  das  Recht,  in  solchen  Streitigkeiten  zu  ent- 
scheiden, „auch  wenn  in  diesem  Jahre  keine  Lohnregulirung 
durch  die  Friedensrichter  stattgefunden  hat.'' 

Das  Gesetz  bezog  sich  auf  die  meisten ,  aber  nicht  auf 
alle  Arbeiter  und  Lehrlinge;  so  nicht  auf  landwiilhschaftliche 
Arbeiter,  die  auf  kürzer  als  ein  Jahr  gedungen  waren;  speciell 
waren  die  Zinngi-uben  von  Comwall  ausgenommen.  Die  dor- 
tigen Zinngi'äber  petitionirten  nun  1754^),  dass  das  Gesetz 
auf  sie  ausgedehnt  werde  und  zwar  mit  Firfolg  —  wohlgemerkt 
verlangten  sie  aber  nicht  Lohnregulirung,  sondem  nur  schnelle 
und  sichere  Justiz  im  Falle  von  Streitigkeiten. 

In   der   zweiten  Hälfte   des   vorifren   Jahrhunderts    aber 


M  Journals  Vol.  32  S.  14. 

')  Eine  unvollständigere  Darstellung  dieses  Falls  s.  bei  Ikentano  a.  a.  0. 
S.  106. 

^)  Journals  Vol.  26  S.  509. 


Lohnregulirungen.  437 

traten  mehr  und  bedeutendere  Fälle  auf,  in  denen  die  Lohn- 
regulirung  namentlich  von  den  Arbeitern  verlangt  wurde,  bei 
denen  aber  nachweislich  ist,  dass  diese  schon  sehr  lange  Zeit 
ausser  Gebrauch  war. 

Nach  einem  Committeebericht  von  1757  ^)  war  die  friedens- 
richterliche Lohnregulimng  bei  den  Wollwebern  in  Gloucester 
vor  1756  längst  ziemlich  ausser  Gebrauch  gekommen.  Combi- 
nationen  und  Unmhen  unter  den  Arbeitern  kamen  schon  frtlh- 
zeitig  vor,  denn  1725  bedrohte  ein  Gesetz  12.  Georg  I.  c.  34 
Combinationen  behufs  Lohnerhöhung,  Contractbruch  und  Ge- 
waltthat  der  Arbeiter,  sowie  die  Lohnzahlung  durch  Waaren 
seitens  der  Arbeitgeber  in  der  gesammten  Wollindustrie  mit 
Strafe.  Das  Gesetz  spricht  ausdrücklich,  wo  es  Truck  er- 
wähnt, von  vertragsmässigen,  nicht  von  obrigkeitlich 
festgesetzten  Geldlöhnen.  Auch  das  vei-schärfende  Gesetz  von 
1726,  13.  Georg  1.  c.  23  stellte  nur  die  Jurisdiction  in  Lohn- 
streitigkeiten fest  und  gab  Voi-schiiften  tlber  die  Methoden 
und  den  Maassstab  für  die  Berechnung  des  Stücklohns  und 
veifügte  Nichts  über  die  Bestimmung  seiner  Höhe.  Es  fanden 
in  diesen  Jahren  (s.  Journals  Vol.  20,  S.  598)  auch  gewalt- 
thätige  Auftritte  statt,  indem  die  Arbeiter  sowohl  auf  Fabri- 
kanten als  auf  Mitarbeiter  und  selbst  Magistrate  losgingen. 
Beide  Parteien  petitionirten  schon  damals  ans  Parlament,  aber 
beide  dachten  dabei  nicht  an  Lohnregulirung,  sondern  nur  an 
Verbot  des  Tnicks  resp.  der  Combinationen. 

1756  petionirten  nun  wieder  die  Weber  aus  Gloucester  *), 
weil  das  Gesetz  von  1726  in  Folge  des  Umstands,  dass  nicht 
summarisch  gestraft  wurde  und  die  Geldstrafen  zu  niedrig 
seien,  dem  Truck  nicht  genügend  vorbeuge.  Darauf  wurde 
1756  das  Gesetz  29.  Georg  11.  c.  33  erlassen,  welches  Gesetz 
nicht  nur  die  Strafen  und  den  Process  im  Falle  von  Truck 
neu  regelte,  sondern  nun  zuerst  auch  den  Friedensrichtern 
jährliche  Festsetzung  der  Löhne  der  Weber  und  anderer 
Arbeiter  in  der  Wollindustrie  auflegte  —  was  die  Gesetze 


»)  Journals  Vol.  27  S.  730  flf. 
«)  Journals  VoL  27  S.  468. 


438  Zweites  Bach,  Cap.  1. 

von  1725  und  1726  noch  nicht  gethan  hatten.  Dabei  berief 
man  sieh  gar  nicht  auf  die  allgemeinen  Gesetze  von  Elisabeth 
und  Jacob  I.,  welche  offenbar  völlig  vergessen  waren  ^). 

Gegen  diese  neu  eingeführte  amtliche  Lohnregulinmg 
petitionirten  nun  1757  *)  die  Tucher  (Clothiers)  aus  Gloucester, 
da  die  Lohnfeststellung  sie  „bei  dem  melancholischen  Zustand 
des  Gewerbes  bedrücke:  man  könne  die  Löhne  der  Arbeiter 
jetzt  nicht  erhöhen  und  die  Lohnreguliiiingsrechte  der  Frie- 
densrichter sollten  wieder  abgeschafft  werden." 

Bei  der  darauf  folgenden  Untersuchung  stellte  sich  nun 
heraus,  dass  die  Friedensrichter  zunächst  den  Webern  die 
Lohnreguliining,  welche  sie  nach  dem  neuen  Gesetze  verlangen 
konnten,  verweigerten,  weil  sich  kein  billiger  Lohnsatz  nach 
dem  vom  Gesetz  verlangten  Maassstab  der  Ellenzahl  feststellen 
Hesse.  Es  entstanden  nun  Unnihen  und  es  wurde  endlich  der 
Lohn  von  den  Friedensrichtera  festgestellt.  Allein  sachver- 
ständige Zeugen  sagten  aus,  der  Lohnsatz  sei  einseitig  und 
unbillig  festgestellt  und  selbst  Arbeiter  meinten,  man  solle  die 
Feststellung  der  Löhne  lieber  den  Tucheni  überlassen,  da  die 
Differenzen  in  der  Breite  des  Tuchs  und  dem  Gewicht  des 
GaiTis  zu  gross  seien. 

Das  war  unzweifelhaft  richtig.  Amtliche  Lohnreguliiiing 
passt  eben  nur  für  einfache  leicht  übei-sichtliche  VeriuUtnisse, 
in  denen  weder  Conjuncturen  des  Markts  noch  Qualitätsunter- 
schiede der  Arbeit  und  des  Products  von  grosser  Bedeutung 
sind.  Sie  passt  zu  dem  alten  localen,  stätigen  Handwerk  und 
war  jetzt  unmöglich  geworden. 

Das  Committee  trat  auch  auf  Seite  der  Tucher  und 
empfahl  Amendirung  des  Gesetzes  von  1756,  obwohl  die  Löhne 
offenbar  sehr  niedrig  waren.  Ein  Weber  konnte  bei  14  stün- 
diger Arbeit  täglich  1  Schilling  verdienen.  Gegenüber  diesem 
Committeebeschluss  baten  die  Weber,  dass,  wenn  auch  das  Ge- 
setz von  1756  amendirt  werde,  man  doch  die  Competenz  der 
Friedensrichter  belassen   und  die  Lohnfeststellung  nicht  rein 


^)  Anders  dargestellt  bei  Brentano  a.  a.  0.  S.  93. 
2)  Journals  Vol.  27  S.  703. 


Lohnregolirungen.  439 

in  die  Willkür  der  Tucher  stellen  solle.  Das  Resultat  war 
das  Gesetz  30.  Georg  II.  c.  12  (1757),  welches  die  Lohn- 
regulirung  durch  die  Friedensrichter  einfach  abschaffte  und 
die  völlige  Veilragsfreiheit  wieder  herstellte^).  Das  Gesetz 
schaffte  sogar  implicite  das  nach  älteren  allgemeinen  Gesetzen 
bestehende  Recht  der  Friedensrichter,  die  Löhne  zu  regu- 
liren,  ab,  indem  es  einfach  den  Veitrag  zwischen  Arbeiter 
und  Arbeitgeber  als  einzige  Nonn  für  die  Lohnhöhe  hin- 
stellte.   Nur  der  Truck  wurde  wiederholt  verboten. 

Das  Verlangen  nach  Lohnreguliiiing  hatte  hier  also  sehr 
kurzen  Erfolg.  Es  trat  dasselbe  in  der  zweiten  Hälfte  des 
18.  Jahrhunderts  noch  in  einer  Reihe  von  anderen  Fällen  auf: 

So  petitionirten  die  Kohlenträger  an  den  Kohlenschiffen 
am  30.  Mai  1758  2)  um  obrigkeitliche  Lohnreguliiimg  gegen- 
über dem  Monopol  ihrer  Lohnhen'u.  Diese  Leute,  deren 
Streitigkeiten  mit  den  Hen'u  uns  noch  an  anderen  Stellen 
besch^igen  werden,  baten  zugleich,  dass  Vorsorge  für  ihre 
Kranken,  Invaliden,  Wittwen  und  Waisen  getroffen  werde. 
Die  Kohlenträger  eiTeichten  ihrer  Petition  entsprechend  ein 
Gesetz   31.   Georg  II.   c.  7G,   welches   später   (1770)   durch 

10.  Georg  lü.  c.  53  abgeschafft  wurde,  weil  es  unwirksam  war. 
Die    nunmehr   ganz    schutzlosen    Arbeiter    petitionirten    am 

11.  Februar  1796  3)  wiederholt  um  Lohnregulirung. 

1776  lehnte  das  Unterhaus  eine  Petition  von  Maurern 
ab*),  welche  klagten,  dass  ihre  Löhne  seit  70  Jahren  nicht 
mehr  regulirt  worden  seien  und  welche  Erhöhung  ihres  Wochen- 
lohns von  15  auf  18  Schilling  verlangten. 

1778  baten  Strumpfwirker  aus  London  und  Nottingham 
fruchtlos  um  Reguliiiing  ihrer  Hungerlöhne*)  —  die  Fabri- 
kanten widei-sprachen  im  Hinblick  auf  die  Vei-schiedenheit 
und  Mannigfaltigkeit  der  Producte,  sowie  auf  die  Conjuneturen 


^)  Dies  Gesetz  erwähnt  Brentaoo  nicht.    S.  a.  a.  0.  S.  107. 

«)  Journals  Vol.  28  S.  259. 

^)  Journals  Vol.  51. 

*)  Journals  35.    20.  Dcbr.  1775  u.  1.  April  1776. 

^)  Journals  Vol.  36.    28.  Januar,  23.  u.  25.  Febr.  1778. 


440  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

des  Expoi-tgeschäfts.  Von  Februar  bis  Mai  1779^)  wieder- 
holten sich  ähnliche  Petitionen  und  Gegenpetitionen  beider 
Parteien  aus  demselben  Gewerbe. 

1799  petitionirten  *)  Mühlenbauer  gegen  Combinationeii 
der  Arbeiter  und  zugleich  um  Lohnregulimng.  In  demselben 
Jahre  verlangten  Bandweber  Lohnregulirung  (25.  Februar). 
Auch  wurde  nach  mannigfachen  Petitionen  und  Gegenpetitionen 
verfügt,  dass  die  Magistrate  die  Löhne  der  Arbeiter  in  den 
schottischen  Steinkohlengruben  reguliren  sollten  (39.  Georg  III. 
c.  56).  Diese  Arbeiter  hatten  sich  bis  15.  Georg  III.  c.  28  im 
Zustand  absoluter  Leibeigenschaft  befunden,  der  noch  nicht  völlig 
überwunden  war  ^).  Auch  die  Bandweber  erreichten  vor  dem 
Ende  des  Jahrhunderts  die  gewünschte  Lohnregulirung  —  jedoch 
nicht  allgemein.  Es  soll  davon  im  Zusammenhang  mit  den 
Bewegungen,  welche  dieses  Gewerbe  im  10.  Jahrhundert  dui*ch- 
gemacht  hat,  gesprochen  werden. 

Das  vorige  Jahrhundert  zeigt  im  Allgemeinen,  dass  die 
Lohnregulirung  längst  obsolet  geworden  war.  Sporadisch 
wurde  ihre  Wiedereinführung  noch,  vereinzelter  und  unge- 
nügender Weise,  angestrebt  und  in  der  zweiten  Hälfte  des 
Jahrhunderts  en-eicht.  Im  19.  Jahrhundert  wurde  in  Folge 
des  stärkeren  Wechsels  der  Conjuncturen  und  des  mehr  be- 
festigten Uebergewichts  der  grossen  Unternehnmugen  die  Noth 
der  Arbeiter  in  vielen  Gewerben  grösser  und  nun  wurde  die 
Frage  der  Regulirung  der  Löhne  an  einzelnen  Punkten  bren- 
nender. 

\Vas  zunächst  die  W^ollindustrie  betrifl't,  so  warfen  sich 
die  Arbeiter  nicht  direct  auf  die  Lohnregulirung,  sondern  sie 
strebten  durch  Aufrechtorhaltung  verschiedener  alter  Gesetze 
ihre  Löhne  auf  mittelbarem  Wege  hoch  zu  halten.  Dieser 
Industriezweig,  der  schon  im  Mittelalter  von  grösster  Bedeu- 
tung war  und  sich  theilweise  zur  W'eltindustrie  entwickelt 
hatte,  machte  im  18.  Jahrhundert  eine  schwere  Krisis  durch. 


^)  Journals  Vol.  37. 
")  Journals  Vol.  54.    5.  April. 

")  Diese  merkwürdige  Anomalie  in  den  Eingangsworten  von  39.  Georg 
111.  c.  56  selbst  bezeugt. 


Lohnregulirangen.  441 

die  von  veränderten  Verbältnissen  der  Nachfrage  henühi-te 
und  befand  sieb  im  Anfang  unseres  Jabrbunderts  neuerdings  in 
einem  Uebergangsstadium  in  Folge  von  inneren  Verändeningen 
der  Productionsweise.  Einblick  in  diese  Verbältnisse  gewäbrt 
vor  Allem  der  Report  on  tbe  Woollen  Manufacture,  den  aucb 
Brentano  als  besonders  lehrreich  bei-vorbebt.  An  anderen 
Orten  wird  zur  Sprache  kommen,  welche  Rolle  in  diesem 
Gewerbe  die  Schutzzölle  und  technischen  Productionsvor- 
schiiften  spielten.  Von  den  Lehrlingsverhältnissen  habe 
ich  schon  gesprochen.  Auch  den  Kampf,  den  damals  die  drei 
Productionsformen  des  Handwerks,  der  Hausindustrie  und  der 
Fabrik  miteinander  führten,  kann  ich  erst  später  schildern. 
Hier  genügt  es,  zu  bemerken,  dass  in  der  Wollindustrie  sieh 
allmälig  trotz  entgegenstehenden  Verbots  verschiedene  Ma- 
schinen eingebürgert  und  dass  sich  Fabriken  etablirt  hatten 
trotz  der  Gesetze ,  welche  die  Zahl  der  Webstühle  in  jedem 
Hause  beschränkten.  In  keinem  Industriezweig  tritt  der  Kampf 
zwischen  der  alten  und  neuen  Zeit  deutlicher  hervor,  da 
andere  entweder  nicht  so  bedeutend  waren  oder,  wie  die  Baum- 
wollindustrie, nie  unter  der  alten  Ordnung  gestanden  hatten. 
Während  dieses  Kampfes  strebten  die  Arbeiter  natürlich  auch 
nach  Aufrechterhaltung  höherer  Löhne  und  bildeten  zu  diesem 
Zweck  Verbände,  ohne  jedoch  dieses  Ziel  in  erste  Linie  zu 
stellen  und  direct  anzustreben. 

Schon  17801)  und  1802  waren  Unruhen  über  Einführung 
von  Maschinen  ausgebrochen^),  1803  begann  eine  systematische 
Opposition  gegen  die  Fabriken^)  und  es  bildete  sich  eine 
grosse  verzweigte  Arbeitergesellschaft,  welche  die  zwei  Haupt- 
Wolldistrikte  durch  Agenten  verband^)  und  welche  zugleich 
Hülfscasse  war,  nun  aber  vor  Allem  die  Interessen  der  Arbeiter 
in  jeder  Richtung  vertrat  und  eine  drohende  Haltung  annahm. 
Es  war  dies  die  „Clothiers  Institution'*  von  1805,  welche  vor 
Allem  ans    Parlament   petitionirte ,   aber  zugleich  Feuerver- 


^)  Report  on  the  Woollen  Manufacture  von  1806.    Minutes  S.  81. 
«)  S.  Report  on  Woollen  Clothiers  Petition  1803. 
•")  Report  von  1806.    Minutes  S.  25. 
*)  Report  von  1806.  S.  353. 


442  Zweites  Bach,  Cap.  1. 

Sicherungsgesellschaften  in  gewaltthätiger  Weise  warnte,  Fa- 
briken zu  versichern,  da  man  dieselben,  wenn  das  Parlament  sie 
nicht  verböte,  verbrennen  würde.  Nach  den  officiellen  Statu- 
ten *)  strebte  die  Gesellschaft,  der  Anfangs  auch  Meister  ange- 
hörten, ausser  Gillndung  von  Hülfscassen  und  Schiedsgerichten 
allerdings  in  erster  Linie  die  Aufrechterhaltung  der  alten  Ge- 
setze an.  Dies  war  offenbar  der  Grund,  waiiim  auch  (kleine) 
Meister  mitthaten.  Indessen  ist  trotz  des  Widerspruchs  einzelner 
Zeugen  unzweifelhaft,  dass  die  Gesellschaft  auch  Arbeitsein- 
stellungen (Strikes)  betrieb^),  dass  die  Mitglieder  sich  wei- 
gerten ,  mit  Nichtmitgliedern  zusammen  zu  arbeiten  und  Aus- 
getretene   (Snakes)  verfolgte. 

Die  Agitation  für  das  alte  Recht  scheint  1796  begonnen 
zu  haben,  wo  schon  eine  ähnliche  „Institution"  bestand  *),  Es 
wurde  aber  constatirt,  dass  die  Masse  der  Arbeiter  weder  da- 
mals noch  jetzt  das  alte  Recht  wirklich  kannte,  dass  es  also 
längst  vergessen  war.  Die  Arbeiter  fingen  an  dafür  zu  agi 
tiren,  nachdem  der  Umschwung  zur  Grossindustrie  schon 
längere  Zeit  im  Gange  war  und  sie  zu  bedrücken  begann/ 
Dabei  war  ihr  Hauptzweck  immer  die  Vernichtung  der  Fabriken^ 
wie  unter  Anderem  aus  einer  Adresse  der  Weber  von  Glou- 
cestershire  an  ihre  Arbeitgeber  vom  Januar  1804  hervorgeht, 
die  sehr  milde  in  der  Form  gehalten  war,  die  Absichten  der 
Arbeiter  aber  doch  deutlich  erkennen  lässt^).    Noch  deutlicher 

')  Report  von  1806.    Minutes  S.  36. 
'-)  Report  von  1806  S.  367. 
«)  Report  von  1806  S.  231. 
*)  Report  von  1800  S.  342: 

„Wir,  die  Weber  besagter  County,  erklären  l'eierlich,  dass  wir  zu 
keiner  Zeit  in  irgend  einem  Zusammenhange  mit  den  Arbeitern  aus  irgend 
anderen  Zweigen  der  Wollmanufactur  gestanden  haben,  noch  jemals  stehen 
werden,  und  wir  beklagen  es  aufrichtig,  dass  jemals  irgend  welche  Un- 
annehmlichkeit zwischen  Sie,  unsere  Arbeitgeber,  und  uns,  Ihre  Unter- 
gebenen (servants)  getreten  ist.  Wir  sind  überzeugt,  dass  dies  von  einem 
Missverstehen  unserer  Absichten  Ihrerseits  herrührt,  und  sollte  dem  nicht 
so  sein,  so  würden  wir,  was  auch  immer  die  Veranlassung  zu  einer  unse- 
ren W'ünschen  so  fem  liegenden  Bestrebung  (effort)  gegeben  hat,  gerne 


LohnreguliruDgen.  443 

zeigt  sich  diese  Absicht ,  die  Fabriken  zu  verhindern  in  den 


jede  unsere  Personen  und  Familien,  unser  Gewerbe  und  die  WoUmanufactur 
im  Allgemeinen  nicht  beeinträchtigende  Maassregel  ergreifen,  um  jene 
Unannehmlichkeiten  aus  dem  Wege  zu  räumen;  und  da  wir  überzeugt 
sind,  dass  es  möglich  ist,  eine  richtige  Verständigung  zwischen  uns  hef- 
zustelleUf  ohne  zu  Mitteln  zu  greifen,  die  für  Sie  feindseliger  oder  für  uns 
beeinträchtigender  Natur  wären,  so  bitten  wir  um  die  Erlaubniss,  die  fol- 
genden Vorschläge  und  Verfugungen  Ihrer  Erwägung  vorzulegen: 

1.  Dass  es  unser  Wunsch  ist,  dass  die  in  Dörfern  sowohl  wie  in 
Städten  wohnenden  Tucher  und  Weber  wechselweise  die  gleichen 
Rechte  und  Privilegien  ausüben  und    besitzen  sollen. 

2.  Dass  alle  diejenigen,  welche  von  früher  her  das  Webergewerbe 
treiben,  dasselbe  unbehindert  forttreiben  sollen. 

8.  Dass  nach  Bestätigung  dieser  Verfügungen  Niemand  das  Gewerbe 
eines  Webers  treiben  darf,  ohne  dass  er  oder  sie  eine  gesetzliche 
Lehrzeit  durchgemacht  habe  (ausgenommen  davon  sind  Kinder, 
die  unter  ihren  Eltern  arbeiten),  um  künftigen  Streitigkeiten  vorzu- 
beugen, welche  diese  unangenehmen  Reibereien  und  unnöthigen 
Kosten  in  jüngster  Zeit  verursacht  haben. 

4.  Dass  es  unser  Wunsch  ist,  dass  kein  Tucher  eine  Manufactur 
errichten  oder  besitzen  solle  mit  dem  Zwecke,  dort  eine  den  Sta- 
tuten zuwiderlaufende  Weberei  zu  treiben;  dass  wir  hingegen  in 
unsem  eigenen  Wohnungen  die  Arbeit  zu  den  üblichen  und  ge- 
gewöhnlichen Preisen  verrichten  können  (may),  welche  Arbeit  im 
eigenen  Hause  uns  und  unseren  Familien  zum  Unterhalt  und  dem 
Gewerbe  im  allgemeinen  zum  Nutzen  gereicht. 

5.  Dass  wir  den  Wunsch  hegen,  die  Zahl  der  Webstühle,  die  zu  glei- 
cher Zeit  von  irgend  einer  Person  benutzt  werden,  einzuschränken, 
um  das  Webergewerbe  so  weit  als  möglich  nutzbar  zu  machen  und 
dem  Geist  des  Monopols  unter  uns  Einhalt  zu  gebieten ;  man  sagt 
uns,  dass  das  Statut  von  Philipp  und  Mary  diesen  Zweck  verfolgt, 
allein  wir  wissen,  dass  die  in  genanntem  Statut  angegebene  Zahl 
für  die  Beschäftigung  und  den  Unterhalt  vieler  grosser  Familien 
nicht  genügend  ist;  aus  diesem  Grunde  bedürfen  wir  in  diesem 
Fall  einer  neuen  Verfügung,  und  wir  wünschen,  dass  anstatt  zwei 
Stühle,  wie  genanntes  Statut  es  angiebt,  es  einem  jeden  Weber  ge- 
stattet werde,  zu  gleicher  Zeit,  je  nach  Belieben,  drei  breite  oder 
sechs  schmale,  oder  einen  breiten  und  vier  schmale,  oder  zwei 
breite  und  zwei  schmale  Stühle  zu  haben. 

6.  Schliesslich  wünschen  wir,  dass  alle  anderen  uns  zukommenden 
Rechte  und  Privilegien  nach  den  verschiedenen  Statuten  bestehen 
bleiben  mögen. 

Die  Weber  der  County  of  Gloucester. 


444  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

Resolutionen  einer  am  28.  Mai  1806  in  Honley  abgehaltenen 
Vei*sammlung  ^).  Die  Absicht,  das  hausindustrielle  System  zu 
erhalten,  wird  gleich  vorangestellt  und  die  gewünschten  Maass- 
regeln beziehen  sich  alle  auf  das  Unmöglichmachen  der  Fa- 
briken. 

Dieser  Anstuim  gegen  die  Fabriken  blieb  natürlich  er- 
folglos —  und  nachdem  dieselben  eine  unangefochtene  Stellung 
erningen  hatten,  dann  ei-st  vei*fielen  die  Arbeiter  wieder  auf 
den  Gedanken,  es  müsse  ihnen  durch  Lohnre^ulirung  geholfen 
werden. 

Von  mehr  directem  Interesse  für  die  Lohnregulirungsfrage 
sind  die  Vorgänge  in  der  Seidenbandweberei. 

Wir  haben  schon  gesehen,  wie  in  dieser  Industrie  das 
System  der  Halblohnlehrlinge  die  Arbeiter  bedrückte.  Dieses 
System  existiile  aber  nicht,  wo  die  sogenannten  Spitalfields- 
gesetze  galten,  welche  nach  langen  Streitigkeiten  und  Un- 
ordnungen für  London  gegeben  wurden. 

Das  Hauptgesetz  ist  13.  Georg  HI.  c.  68  (1773),  welches 
für  alle  Seidenweber  in  der  City  of  London,  City  of  West- 
minster,  in  der  Liberty  of  the  Tower  of  London  und  der 
County  of  Middlesex  amtliche  Lohnreguliruug  und  das  Verbot 
des  Haltens  von  mehr  als  zwei  Lelirlingen  verfügte.  Ueberall 
waren  Combinationen  verboten  und  es  war  mit  Strafe  bedroht, 
Weber  ausserhalb  des  Districts,  für  die  das  Gesetz  galt, 
behufs  Umgeliung  desselben  zu  beschäftigen.  Die  Strafgelder 
flössen  in  die  Casse  der  „Weavers  Company''.  Das  Gesetz 
wurde  durch  32.  Georg  111.  c.  44  aucli  auf  die  Weberei  ge- 
mischter Seidenstoffe  und  durch  51.  Georg  lU.  c.  7  auf  weib- 
liche Arbeiter  ausgedehnt. 

Das  Gesetz  geborte  zu  denjenigen,  die  in  der  Haupt- 
sache wirklich  ausgeführt  wurden  und  zwar  setzten  die  Be- 
hörden die  Löhne  fest,  nachdem  vorher  gewöhnlich  beide  Par- 
teien mit  den  Behörden  und  untereinander  verhandelt  resp.  sich 
verständigt  hatten. 


^)  Report  von  1806,   am   Schluss;  wir  lassen  im  Anhang  die  sehr 
lehrreichen  Beschlüsse  unter  C.  abdrucken. 


Lohnregulirungen.  445 

In  Coventry,  Leek  und  Macclesfield  aber  galten  diese 
Gesetze  nicht ;  und  es  stellte  sich  daselbst  durch  die  Halblohn- 
lehrlinge seit  1815  Depression  der  Löhne  ein.  Es  wurde 
1816^)  auf  Bitten  der  Weber  in  Coventry  ein  Einigungsamt 
gegiilndet,  d.  h.  die  Löhne  wurden  durch  drei  gewählte  Depu- 
tirte  der  Meister  und  Unternehmer  bestimmt  —  was  aber  nur 
ein  Jahr  in  Geltung  blieb.  Die  „undertakerä"  waren  eine  Art 
Mittelspersonen  zwischen  Herren  und  Arbeitern.  Es  entstand 
nun  der  Wunsch  nach  amtlicher  Lohnregulirung  —  erat  nach 
langer  Aufregung  und  anderen  finichtlosen  Vei*suchen  kamen 
einzelne  Arbeiter  darauf,  die  alten  Gesetze  nachzusehen  und 
für  sich  zu  benutzen,  wobei  sie  aber  oft  genug  die  wenig  be- 
kannten Gesetze  missvei*standen  *). 

Bei  dem  Streben  nach  amtlicher  Lohnregulirung  halfen 
den  Arbeitern  theilweise  die  Ladeninhaber  der  Stadt  und  auch 
eine  Minorität  der  Meister  selbst*). 

Auch'  in  Macclesfield  bestand  1814  ein  Einigungsamt, 
d.  h.  es  fand  Lohnfeststellung  durch  „agreement"  zwischen 
beiden  Parteien  statt,  aber  1815  waren  die  Meister  unbedingte 
HeiTen  der  Situation  und  von  Vereinbarung  war  nicht  mehr  die 
Rede^).  Die  Lohnfeststellung  durch  organisirten  CoUectiv- 
vertrag  bestand  hier  von  1796  bis  1815^),  indem  Meister  und 
Arbeiter  sich  gegenseitig  schriftlich  auf  bestimmte  Lohnsätze 
veipflichteten.  1810  und  1813  wurden  die  Lohnsätze  von 
1797  erhöht  1815  aber  verlangten  die  Meister  Lohnreduction 
von  25%  und  blieben  nach  einem  fmchtlosen  Strike  Sieger. 
In  Leek  dagegen  existirte  eine  solche  Institution  nicht,  sondern 
die  Meister  zahlten  nur  factisch  lange  Zeit  gleiche  Preise.  In 
Manchester  bestand  eine  auf  Vereinbarung  beinihende  Preis- 
liste, die  aber  1812  und  1813  in  Wegfall  kam,  worauf  dann 
die  Löhne  erheblich  sanken. 

Diese  Concurrenz  von  Manchester  wurde  von  den  Meistern 


')  First  Report  on  Silk  Ribbon  Weavers  1818. 

')  S.  a.  a.  0.  S.  11,  die  Erzählung  eines  Zeugen  aus  Arbeiterkreisen. 

T  S.  a.  a.  0.  S.  27,  34,  35. 

*)  Second  Report  on  Ribbon  Weavers  1818,  S.  63,  99. 

0  S.  a.  a.  0.  S.  113. 


446  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

bei  der  Lohnreduction  von  1815  in  Macclesfield  als  Grund 
ihres  Verhaltens  angefühlt.  Jedenfalls  benutzten  sie  selbst 
gegenüber  ihi'en  feiernden  Arbeitern  Leute  aus  andei-en  Ge- 
werben und  Orten  und  ihr  Sieg  1815  war  so  vollständig,  dass 
sie  von  Jedem,  der  bei  ihnen  Arbeit  wollte,  einen  Revers  ver- 
langen konnten,  dass  man  nicht  Mitglied  eines  Gewerkvereins 
sei  ^).  Die  Löhne  sanken  nunmehr  unleugbar  stark  ^)  und  die 
Armenlast  in  Macclesfield  wuchs  —  es  gab  aber  vorläufig 
keinen  Streit  mehr,  weil  die  Hen-en  die  Uebennacht  hatten 
und  sogar  Klagen  und  MuiTon  mit  Dienstentlassung  bestraften*). 


^)  S.  Second  Report  on  ribbon  weavers  1818. 

8)  S.  a.  a.  0.  S.  86,  93,  96. 

^)  S.  a.  a.  0.  S.  89.  —  1817  wurde  ein  Arbeiter  wegen  Theilnahme  an 
einer  Adresse  entlassen,  die  ich,  weil  sie  sehr  charakteristisch  ist,  im 
Wortlaut  folgen  lasse: 

Adresse  der  Seidenweber 
des  Borough  of  Macclesfield  an  die  Master  ManufiEu:tarer8. 

„nur  Herren,  was  recht  and  gleich  ifft,  das  K* weiset  deo 
Knochten  und  wisset,  dass  Ihr  auch  einen  Herrn '  im  Hinmel 
habt!**  CoL  4,  1. 

Geehrte  Herren! 

Wir  sind  tief  durchdrungen  von  dem  Ernste  der  sich  uns  täglich  dar- 
stellenden Thatsachen,  und  halten  es  zugleich  für  absolut  nothwendig,  dass 
Sie  in  Ihrer  Stellung  als  Meister  durch  Einschreiten  (iuterference)  und  wir 
als  Lohnarbeiter  (joumeymcn)  durch  richtiges  und  gesetzmässiges  Aus- 
harren  es  versuchen,  ernsthaft  auf  Mittel  zur  Besserung  der  jetzigen  Miss- 
stände zu  sinnen;  denn  diese  Missstände  sind  der  Art,  dass  sie  sicher- 
lich und  unausbleiblich  den  vollständigen  Ruin  der  Scidenmanufactur  der 
•Stadt  nach  sich  ziehen  müssen,  wenn  ihnen  nicht  rechtzeitig  und  wirksam 
entgegengearbeitet  wird.  Wir  bitten  bei  diesem  Anlass  um  Erlaubniss, 
Ihre  Aufmerksamkeit  auf  die  wahrlich  beklagenswerthe  LcOge  zu  lenken« 
in  welche  das  Gewerk  versetzt  und  herabgewürdigt  worden  ist,  seit  unsere 
Löhne  in  einer  noch  nie  dagewesenen  Weise  vermindert  worden  sind; 
auch  der  sich  Ihren  Augen  täglich  darbietenden  erschreckenden  Zunahme 
der  Armen,  welche  den  Bewohnern  der  Stadt  im  Allgemeinen  erwiesenei^ 
maassen  verderblich  ist,  bitten  wir  Sic,  Ihre  r)eachtung  zu  schenken.  Wir 
hegen  zu  Ihnen  als  Meistern  und  Mitbürgern  derselben  Stadt  die  feste 
Hoffnung,  dass  Sie  das  jetzige  System  der  Hinge  einer  ernsthaften  Er- 
wägung unterziehen  werden,  um  das  Volk  dem  drohenden  Ruin  zu  ent- 
reissen,  dessen  wirkliche  Interessen  zu  fördern  stürmisch  von  Ihnen   ver- 


Lohnregulimngen.  447 

Die  Sachlage  in  unserem  Gewerbe  war  also  die,  dass 
in  London  ausnahmsweise  die  amtliche  Lohnreguliiimg  be- 
stand, in  den  anderen  Sitzen  der  Industiie  aber  nicht  und 
dass  in  London  im  allgemeinen  Friede  zwischen  den  Parteien 
herrschte,  während  in  Coventiy  etc.  seit  1815  Noth  ausge- 
brochen war  und  damit  Unruhe  und  Unzufidedenheit,  die  den 
Wunsch  nach  Lohnregulirung  auch  an  den  anderen  Orten 
erzeugte. 

Dabei  ist  vor  Allem  auffallend,  dass  man  vor  1815  mit 
der  Freiheit  an  den  anderen  Orten  zufrieden  war  —  wieder 
ein  Beweis,  wie  nicht  der  Wegfall  der  alten  Ordnung  sofort 
die  Arbeiter  veranlasst,  diese  wieder  zu  verlangen,  sondern 
dass  sie  sich  derselben  erst  nach  ausgebrochener  Noth  er- 
innern. Dass  die  Verhältnisse  bis  1815  besser  waren,  erklärt 
sich  zunächst  daraus,  dass  ja  nach  1815  überhaupt  in  vielen 
Gewerben  nach  kurzer  Ueberspeculation  eine  Erisis  ausbrach. 
Es  war  übrigens  an  diesem  Umschwung  der  Verhältnisse  im 
Seidengewerbe  nicht  nur  der  allgemeine  Wechsel  der  Conjunc- 
turen  schuld  (Second  Report  S.  106);  vielmehr  ist  deutlich, 
dass  auch  hier  der  Uebergang  von  der  Hausindustrie  zum 
Fabriksystem  begann,  ein  Uebergang,  der  so  oft  mit  Lohn- 
reduciiiing  verbunden  war  und  es  naturgemäss  ist,  wenn  nicht 
gleichzeitig  bedeutende  Steigei-ung  der  Nachfrage  eintritt. 
Wirksam  war  noch  wie  es  scheint  die  Concurrenz  von  Fabrik- 


laDgt  wird;  ein  Volk,  dessen  Fleiss  und  nie  nachlassende  Bemühun- 
gen so  viel  zu  der  Verschönerung  und  Verfeinerung  der  Seidenmanu- 
factur,  wie  zu  dem  Aufblühen  der  Stadt  im  Ganzen  beigetragen  haben. 
Auch  auf  die  so  gar  nicht  übereinstimmende  Art,  in  welcher  die  für  ver- 
schiedene Magazine  arbeitenden  Weber  bezahlt  werden,  wünschten  wir 
Ihre  Aufinerksamkeit  zu  richten,  wodurch  dieselben,  allgemein  zu 
sprechen,  nicht  genug  erwerben  können,  um  davon  zu  leben  und  folglich 
aller  Behaglichkeit  des  Daseins  entbehren  müssen;  und  zugleich  sind 
wir  überzeugt  davon,  dass  Sie  als  Meister  mit  vielen  Unannehm- 
lichkeiten zu  kämpfen  haben ,  die  Ihnen  als  Solchen  eigenthümlich 
sind,  durch  welche  unser  Gewerbe  sehr  muthlos  gemacht,  und  Ihr  Ge- 
winn und  wahres  Interesse  vielfach  benachtheiligt  wird.  Dann  bitten  wir 
Sie,  Ihr  Augenmerk  darauf  zu  richten,  wie  sehr  unglückliche  Folgen  es 
hat,  wenn  unser  Gewerbe  dem  willkürlichen  Eindringen  aller  Arten  wan- 


448  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

arbeitern  aus  anderen  Zweigen  der  Textilindustrie  ^ ,  die  sich 
billig  anboten. 

In  Coventry  gab  es*)  damals  13346  Seidenweber,  unge- 
rechnet viele  Hunderte  von  unter  10jährigen  Kindem.  Diese 
arbeiteten  an  3008  Maschinenwebstühlen  und  5483  Handweb- 
stühlen. Die  Maschinenweber  verdienten  wöchentlich  10  Sh., 
die  Handweber  bei  14  stündiger  täglicher  Arbeit  nur  5  Sh. 
6  pence  —  während  sie  20  Jahre  fiHher  1  Pfd  St.  10  Sh. 
verdient  hatten.  Weit  weniger  verdienten  noch  diejenigen, 
die  Vor-  und  Hülfsarbeiten  leisteten.  Die  Maschinenwebstühle 
standen  durchaus  nicht  nothwendig  in  den  Fabriken,  sie  waren 
aber  theurer  und  gehörten  vielfach  den  Unternehmern,  welche 
Halblohnlehrlinge  daran  beschäftigten^),  gegen  einen  Lohn 
von  3  Sh.  die  Woche.    So  war  es  in  Nuneaton.    Es  konnten 


dernder  Flüchtlinge  offen  steht,  deren  Hauptzweck  darin  besteht,  die  bei 
uns  gebräuchlichen  Kunstgriffe  und  Geheimnisse  zu  erlernen,  am  bei  der 
günstigsten  Gelegenheit  sich  mit  der  sehnlichst  erwünschten  Beute  in  ihre 
Lieblingsstädte  und  Wohnsitze  zurück  zu  ziehen,  wodurch  sie  sowohl  Sie 
als  Meister  wie  uns  als  Arbeiter  empfindlich  s(!hädigen;  denn  es  ist  uns 
bcwusst,  dass  die  Interessen  unserer  Meister  mit  unsem  eigenen  antrenn* 
bar  verbunden  sind,  und  wir  glauben,  dass  diese  beklagenswerthen  Miss- 
stände ihren  Grund  in  dem  Mangel  einer  fortdauernden  Regulirung  haben; 
wir  sprechen  hiermit  die  ergebene  HoftnuDg  aus,  dass  Sie  sich  gütigst  mit 
uns  vereinigen  möchten,  in  dem  Bestreben,  die  jetzt  vorhandenen  Uebel- 
stände  aus  dem  Wege  zu  räumen,  indem  Sie  uns  ihren  Beistand  und  Ihre 
Unterstützung  zu  Tlieil  werden  lassen,  um  das  zu  erreichen,  dessen  wir 
so  sehr  bedürfen,  nämlich  eine  Regulirung,  welche  für  Meister  und  Ar- 
beiter gleich  bindend  ist,  wodurch  die  jetzigen  ^lissbräuche  abgestellt  und 
unserem  Gewerbe  wieder  zu  einer  dauernden  Festigkeit  verholfen  würde. 

Geehrte  Herren!    Wir  verharren  mit  ausgezeichneter 

Hochachtung 
Novbr.  8,  1817.  Ihre  ergebenen  Diener 

die  Seidenweber  von  Macclesfield. 
NB.  Wir  erwarten  bis  Montag,  den  17.  dieses,  Antwort. 

1)  Second  Report  S.  108. 
-)  First  Report  S.  0—8. 
• )  S.  a.  a.  0.  S.  8,  18. 


LohnreguliruDgen.  449 

zwar  auf  den  Maschinenstühlen  nicht  dieselben  Producte  wie 
auf  den  Handstühlen  gemacht  werden  ^),  immerhin  aber  wurde 
dadurch  die  Gesammtnachfi-age  nach  Arbeit  gedrückt.  Die 
Mehrzahl  der  Arbeiter  waren  noch  Hausindustrielle,  aber  die 
Fabriken  kamen  doch  empor  und  es  war  ein  häufiger  Fall, 
dass  dei*selbe  Fabrikant  zugleich  eine  Fabrik  hatte  und  noch 
eine  grössere  Anzahl  Weber  in  ihren  Wohnungen  beschäftigte  *). 

Conjuncturen  und  Aenderungen  der  Technik  drückten  seit 
1815  die  Löhne.  Auch  in  London  selbst  standen  dieselben 
nicht  hoch  ^)  und  sanken  in  den  schlechten  Zeiten.  Der  Unter- 
schied zwischen  London,  wo  die  Spitalfieldsgesetze  bestanden 
und  den  anderen  Orten  war  vor  1815  factisch  nicht  so  gross. 
In  London  selbst  bestand  unter  der  HeiTschaft  des  Gesetzes 
ein  Arbeiterverein,  welcher  seinen  Mitgliedern  half,  wenn 
Streit  darüber  ausbrach,  ob  der  Lohn  nach  der  Vorachrift  ge- 
zahlt werde  oder  nicht;  und  ein  Arbeitgeberverein,  der  zu- 
nächst Untei*schlagungen  von  Material  verfolgte,  zugleich  aber 
auch  seinen  Mitgliedern  half,  wenn  diese  von  den  Arbeitern 
verklagt  wurden  *).  Da  nun  zugleich  die  Friedensrichter  ihre 
Lohnfestsetzungen  nach  den  Abmachungen  zwischen  den  bei- 
den organisirten  Parteien  richteten,  so  bestand  im  Bereich  der 
Spitalfieldsgesetze  ein  Einigungsamt  und  Schiedsgericht  unter 
obrigkeitlichem  Schutz,  während  an  den  anderen  Oiten  die 
organisirten  Parteien  die  Lohnverhältnisse  ohne  Hülfe  und 
Autorität  der  Obrigkeit  regulirten.  Nach  1815  sanken  die 
Löhne  überall ,  aber  in  London  weniger  und  es  entstand  da, 
weil  die  obrigkeitlich  geschützte  und  gestützte  Organisation 
fortbestand,  weniger  Streit.  Die  Londoner  hatten  übrigens, 
weil  sie  an  dem  beheiTschenden  Marktort  sassen,  eine  begün- 
stigte Lage. 

Es  erhob  sich  nun  die  Frage,  ob  die  Spitalfieldsgesetze, 
da  in  London  die  Lage  der  Arbeiter  etwas  günstiger  und  die 
des  ganzen  Gewerbes  friedlicher  war,   allgemein  ausgedehnt 


')  S.  a.  a.  S.  22. 

«)  Second  Report  S.  66,  76,  122. 

^)  Second  Report  S.  183. 

*)  Second  Report  S.  54,  165,  166. 

Held,  Soc  Gesch.  Engl.  29 


450  Zweites  Bach,  Gap.  1. 

werden  sollten.  Die  Arbeiter  überall  und  die  Meister,  d.  h. 
die  Fabrikanten  und  Eaufieute,  in  London  waren  meisteiiB 
daf&r.  Man  darf  aber  dieser  Meinung  der  Londoner  Fabri- 
kanten nicht  zu  viel  Gewicht  beilegen,  denn  ihnen  kam  es 
vor  Allem  darauf  an,  sich  gegen  die  Goncurrenz  der  billigem 
Löhne  von  Macclesfield  etc.  zu  schützen  und  sie  hatten, 
wenn  überall  gleich  hohe  Löhne  gezahlt  werden  mussten,  ent- 
schieden noch  einen  Vortheil,  weil  sie  auf  dem  grOssten 
Marktort  selbst  producirten.  Dass  in  diesem  Gewerbe  eine 
grosse  Anzahl  von  Capitalisten  selbst  für  die  Lohnregalinmg 
sich  aussprach,  erklärt  sich  auch  dadurch,  dass  dieses  Geweibe 
relativ  wenig  vom  internationalen  Handel  abhing  und  anf  den 
heimischen  Markt  angewiesen  war,  so  dass  es  also  sich  leichter 
auf  stätige  Verhältnisse  einrichten  konnte.  Die  Zollgesetz- 
gebung erschwerte  nämlich  sehr  den  Export  und  machte  einen 
concun-irenden  Lnport  unmöglich*). 

Dennoch  waren  die  Stimmen  über  die  Ausdehnung  der 
Spitaliieldsact  wesentlich  getheilt  und  es  wurden  sehr  triftige 
Gründe  gegen  dieselbe  vorgebracht.  Das  Committee  selbst  wagte 
dieselbe  nur  vei*suchsweise  auf  die  Zeit  einiger  Jahre  vonni- 
schlagen. 

Gegenüber  den  häufigen  Aussagen,  dass  in  London  zwar 
Streitigkeiten,  aber  keine  Unruhen  vorkämen,  dass  dort  beide 
Parteien  zufrieden  seien,  während  anderswo  die  Meister  sich 
zu  ihrem  Schaden  selbst  unterböten  etc.  ^),  würfe  nicht  nur 
geltend  gemacht,  dass  die  Spitalfieldsgesetze,  so  lange  sie  nur 
in  London  gelten,  das  Gewerbe  von  dort  vertreiben,  sondern 
auch,  dass  sie  in  unbilliger  Weise  gute  und  schlechte  Arbeiter 
gleichstellen,  zur  Entlassung  schlechterer  Arbeiter  zwingen, 
die  Maschinenarbeit  unterdrücken^),  dass  die  Friedensricht^ 
weder  zur  Lohnfeststellung,  noch  zur  Entscheidung  von  Streitig* 
keiten  die  nöthigen  Kenntnisse  besässen ,  dass  die  Lohnrego- 
lirung  die  Einftihnmg  neuer  Muster  verhüte  etc. 


1)  First  Report  S.  40,  48,  Second  Report  S.  69,  146,  173. 

2)  Second  Report  S.  105,  108,  118,  122,  125,   128,   189,  172,  180; 
183  ff. 

8)  Second  Report  S.  50—57,  140  ff.,  149  ,  157  ff,  190. 


Lohnreguliningen.  451 

Obwohl  die  Mehrzahl  der  Zeugenaussagen^)  und  das 
Gommittee  selbst  zu  Gunsten  der  Lohnregulimng  sprechen,  so 
kann  sich  eine  voiniitheilsfreie  Betrachtung  des  ganzen 
Repoi*ts  doch  nicht  des  Eindmcks  erwehren,  dass  dieselben 
im  Grunde  doch  nur  als  ein  Mittel,  den  alten  mehr  still- 
stehenden Zustand  des  Gewerbes  gegenüber  den  Anfängen 
neuer  Marktverhältnisse  und  neuer  Technik  zu  erhalten,  ge- 
wünscht wurden  und  mit  einem  lebendigen  Fortschritt  des- 
selben nicht  mehr  verträglich  waren.  An  einem  Sitz  eines 
wichtigen  Gewerbes  war  die  alte  Ordnung  etwas  modificiit 
neu  eingeführt  worden,  nachdem  sie  auch  hier  vorher  todt  g^ 
wesen  war.  Sie  erhielt  sich  unter  exceptionellen  Verhältnissen 
in  einem  Gewerbe,  in  dem  der  Lohn  gegenüber  dem  Werth  des 
Rohmaterials  wenig  ausmachte  und  das  einen  relativ  stätigen 
Markt  hatte  —  man  begehrte  sie  zu  verallgemeinern,  nachdem 
man  in  guten  Zeiten  an  anderen  Orten  ohne  sie  ganz  gut  aus- 
gekommen war.  Es  liess  sich  aber  nicht  leugnen,  dass  es 
schwierig  war,  dies  Begehren  zu  erfüllen.  Und  im  Jahre 
1824*.)  wurden  die  Spifalfieldsgesetze  abgeschafft,  weil  sie 
gegenüber  der  erleichteiten  Concurrenz  der  Franzosen  un- 
möglich waren.  Sowie  das  Gewerbe  aus  seiner  exceptionellen 
Lage  kam,  musste  es  aufhören,  der  ehrwürdige  und  inter- 
essante Sitz  eines  Restes  der  alten  Ordnung  zu  sein. 

Die  Spitalfieldsgesetze  waren  nicht  nur  für  die  Seidenweber 
ausserhalb  Londons  ein  Gegenstand  des  Neides,  auch  in 
anderen  Gewerben  berief  man  sich  auf  dieselben. 

Schon  im  vorigen  Paragraphen  war  von  den  Klagen  über  ein 
üebermaass  von  Lehrlingen  unter  den  Calicodnickern  die  Rede. 
Seit  1802  existirten  unter  diesen  Arbeitern  Combinationen, 
welche  fortgesetzt  an  das  Parlament  petitionirten.  Das  Üeber- 
maass von  Lehrlingen  und  das  Sinken  der  Löhne  fiel  auch  hier 


^)  S.  eine  von  90  Namen,  der  M^orität  der  Spitalfieldsfabrikanten, 
unterschriebene  Erklärung  am  Ende  des  Second  Report;  abgedruckt  in 
unserem  Anhang  unter  D. 

')  5.  Georg  lY.  c.  66  schaffte  die  Spitalfieldsgesetze  sammt  ähnlichen 
für  die  Seidenweberei  in  Dublin  gültigen  Gesetze  als  „yexatious  and  in- 
jurious"  ab  (1824). 

29* 


452  ZwätM  Buch,  Cap.  1. 

mit  der  Einführung  von  Maschinen  zusammen  und  begana 
etwa  1790^).  Arbeitseinstellungen  waren  an  der  Tagesord- 
nung und  die  Lehrlinge  betheUigten  sich  an  denselben  mit 
den  erwachsenen  Arbeitern.  Das  Hauptstreben  der  Arbeiter 
war  auf  Beschränkung  der  Lehrlingszahl  gerichtet  um  dadurch 
den  Lohn  indirect  zu  erhöhen.  Die  Löhne  waren  gegenüber 
anderen  Gewerben  nicht  besonders  niedrig^  sie  betrugen  dnrcii- 
schnittlich  25  Sh.  pro  Woche  bei  Stücklohn.  Sie  wechselten 
aber  stark  und  die  Arbeiter  kamto  oft  ausser  Verdienst 

Das  Gommittee,  welches  diese  Verhältnisse  untersuchte,  ist 
nur  eventuell  fbr  Einfahrung  von  staatlichen  Maassregeln 
und  wünscht,  dass  zunächst  veraucht  werde,  ob  nicht  bei 
beiderseitiger  Freiheit  die  Parteien  vertragsmässig  ihre  Ver- 
hältnisse reguliren  würden.  Es  beruft  sich  darauf,  dass  nidit 
nur  im  Bereich  der  Spitalfieldsgesetze,  sondern  allgemein  in  deil 
„mechanical  professions'^  die  Rßgel  bestehe,  dass  kein  Meister 
mehr  als  2 — 3  Lehrlinge  annehme  —  und  diese  Regel  bemhe 
auf  allgemeinen  Abmachungen  zwischen  Arbeitern  nnd 
Meistern  ^).  Als  Beweis  wird  angeführt  ^),  dass  in  Laneashiie 
allerdings  die  Zahl  der  Lehrlinge  und  Arbeiter  gleich  gross 
sei,  dass  aber  in  der  Umgebung  von  London,  wo  die  Verhält* 
nisse  zwischen  den  Parteien  freundschaftlich  geregelt  werden, 
nur  37  Lehrlinge  auf  216  Arbeiter  kommen.*) 

Man  sieht  deutlich,  dass  in  diesem  jungen  Gewerbe  nicht 
der  Mangel  an  Ordnung  und  Regulirung  die  Arbeiter  bedrückt, 
sondern  dass  diese  erst  durch  die  wachsende  Macht  des  Capi- 
tals,  die  beginnende  Fabrikation  in  grossem  Maassstab  und 
die  stärker  wechselnden  Conjuncturen  in  Noth  geriethen.  Bei 
der  grösseren  Macht  des  Capitals  ergab  es  sich,  dass  der  vor- 
handene Rest  der  alten  Ordnung,  das  Coalitionsverbot,  ledig- 
lich zu  Ungunsten  der  Arbeiter  wirkte.  Und  der  Gedanke, 
der  nun  vor  Allem  auftauchte,  war  nicht  die  Einführung  einer 
zwingenden  Ordnung  mit  Lohnregulirung ,  sondern  der,  dass 

^)  Minutes  of  Evidence  respecting  Calico  Printers    1804,  8.  9. 

8)  Report  von  1806  S.  6. 

*)  S.  a.  a.  0.  S.  17. 

*)  S.  auch  Minutes  S.  37. 


Lohnregulirangen.  453 

nach  Herstellung  völliger  Freiheit  die  Verhältnisse  zwischen 
Arbeitern  und  Arbeitgebern  durch  ein  freies  Einigungsamt 
völlig  geregelt  werden  könnten  und  sollten.  Das  Committee 
äussert  sich  darüber,  ^)  indem  es  zugleich  eine  charakteristische 
Schilderung  der  Verhältnisse  entwiift,  folgendeimaassen : 

„Ohne  in  die  heikle  Frage  betreffend  die  Vei-theilung 
des  Gewinnes  zwischen  Meistern  und  Arbeitern,  sowohl  in 
dieser  als  den  anderen  mechanischen  Berufsarten,  eingehen  zu 
wollen,  möge  es  Ihrem  Committee  doch  erlaubt  sein,  der  Er- 
wägung des  Hauses  folgende  Frage  vorzulegen:  ob  es  gegen 
die  beiden  Parteien  vollkommen  gerecht  oder  für  das  allge- 
meine Interesse  förderlich  sein  könne,  dass  auf  der  einen 
Seite  eine  grosse  Werthanhäufung  stattfindet,  während  auf 
der  anderen  eine  so  gi'osse  Armuth  um  sich  greift,  dass  die 
zu  dieser  Giuppe  Gehörigen  bei  äusserster  Anspannung  aller 
Kräfte,  durch  Betriebsamkeit,  Geschicklichkeit  und  emsigen 
Fleiss  es  doch  nicht  vermögen,  sich  daraus  emporzuschwingen, 
und  ihnen  möglicherweise,  trotz  unausgesetzter  Thätigkeit, 
in  vorgeiilckterem  Alter  nichts  anderes  übrig  bleibt,  als  sich 
zur  Erhaltung  ihrer  Familien  an  die  Gemeinde  um  Hilfe  zu 
wenden.  Ist  es  recht,  dass  ein  solcher  Zustand  existire?  Ist 
es  billig  gegen  die  Grundbesitzer  in  jenen  Districten,  wo 
Fabriken  gegillndet  sind,  von  denselben  zu  verlangen,  dass 
sie  einen  Beitrag  aus  den  Aimensteueni  zur  Untei'stützung 
der  Familien  derer  liefern  sollen,  von  denen  man  erwarten 
könnte,  dass  sie  im  Stande  sein  müssten,  aus  ihrem  Arbeits- 
ertrag sich  selbst  helfen  zu  können ,  und  die  zu  gleicher  Zeit 
dazu  beitragen,  den  Geschäftsherren  ein  Vennögen  zu  erwer- 
ben? Die  Anwendung  dieser  Bemerkungen  ist  einleuchtend: 
die  höchste  Einnahme  eines  Kattundruckers  übersteigt,  den 
Angaben  des  Ihrem  Committee  vorgelegten  Entwurfs  gemäss, 
nicht  30  Schilling  per  Woche  und  der  Durchnittslohn  beträgt 
25  Schilling. 

„Wenn  wir  also  auch  allem  Rechnung  zu  tragen 
bereit  sind,  was  ja  voraussetzlich  den  Geschäftsherren  einer 


')  Report  S.  6. 


454  Zweites  Bach,  Cap.  1. 

Eattandruckerei  obli^,  so  scheint  es  uns  doch,  dass  in 
einem  so  einträglichen  Gewerbe  ein  Wochenlohn  von  25  oder 
SO  Schilling  eine  sehr  wenig  entsprechende  YergQtimg  ftlr 
die  Arbeiter  ist;  aber  wie  uiuss  erst  das  Hans  empfinden, 
wenn  es  bedenkt,  dass  sogar  diese  Yergfttung  eine  onznyer- 
Iftssige  nnd  schwankende  ist. 

„Doch  kehren  wir  zu  dem  Gegenstande  der  Einschrin- 
kungen  (restrictions)  zurück :  Ihr  Committee  ist  überzeugt,  daas 
die  Regierung  nOS  für  gut  befunden  hat,  ihre  Autorität  einzu- 
setzen, um  die  Arbeiter  zu  verhindern,  unter  sich  selbst  Mittd 
zu  verabreden,  vermöge  derer  sie  ihre  Angelegenheiten  mit  den 
Meistern  ordnen  könnten ;  dass  dieselbe  bereitwilligst  alle  Be* 
schwerden  aus  dem  Wege  räumen  werde,  welche  mög^icher^ 
weise  dadurch  entstehen,  dass  die  Meister  aus  der  Existenz  einer 
solchen  Einschränkung  Vortheile  ziehen.  Die  Weisheit  nnd 
Menschlichkeit  des  Parlaments  würde  davor  zurück  Schändern, 
das  „Gombination  Law"  zu  genehmigen,  wenn  beim  Erlassen 
desselben  ihm  als  wahrscheinlich  ei'schienen  wäre,  dass  die 
Wirkung  des  Gesetzes  lediglich  zu  Gunsten  der  Starken  nnd 
zum  Schaden  der  Schwachen  gereichen  würde;  wenn  das- 
selbe die  augenscheinliche  Tendenz  zu  haben  schiene,  den 
Unterdrückern  Freiheit  von  jeder  Strafe  zu  sichern  und  den 
Meistern  einen  unbilligen  Vortheil  einzuräumen :  da  diese  sich^ 
unter  einander  vei*einigen  können,  ohne  sich  irgend  me 
gi'osser  Gefahr  des  Entdecktwerdens  auszusetzen,  und  da  sie 
ihre  Pläne  zur  Ausführung  bringen  können,  ohne  eine  Oppo- 
sition fürchten  zu  müssen.  Es  kann  niemals  die  Absicht  der 
Regierung  sein,  den  Mann  zu  benachtheiligen,  dessen  einziger 
Wunsch  darin  besteht,  von  seiner  Arbeit  leben  zu  können  und 
das  ist  in  der  That  alles,  was  ein  Kattundinicker  anstreben 
darf,  denn  er  kann  wegen  der  besonderen  Natur  seines  sich 
so  sehr  von  anderen  unterscheidenden  Gewerbes  niemals 
darauf  rechnen,  Meister  zu  werden,  weil  dazu  ein  Capital 
nöthig  ist« '). 


^)  Report  from  the  Committee  on  the  minutes  of  evidence  respecting 
the  calico  printers  Bd.  34,  S.  6. 


LohnreguliroDgen.  455 

Bei  den  Baumwollwebem  war  die  Lohnreduction  im  An- 
fang des  Jahrhunderts  weit  stärker.  Diese  armen  Leute 
arbeiteten  15—16,  sogar  18 — 20  Stunden  pro  Tag  und  kamen 
doch  nur  auf  einen  Wochenverdienst  von  9  Schilling  oder 
nach  Abzug  aller  Kosten  von  nur  7  Schilling.  Die  Löhne 
sanken  1803  auf  die  Hälfte  oder  ein  Drittheil  ihres  frühem 
Stands  oder  noch  tiefer,  und  stiegen  1805  nur  wenig.  *)  Grund 
dieser  Depression  war  Uebeiproduction ,  hauptsächlich  betrie- 
ben durch  kapitalarme  SpeculanteU;  Abnahme  des  ausländi- 
schen Absatzes  —  und  Verbesserung  der  Technik,  durch 
welche  in  gleicher  Arbeitszeit  mehr  geleistet  wurde.  Die 
Weber,  welche  noch  durchaus  Hausweber  waren,  standen  in 
ihren  Löhnen  stark  hinter  den  Spinnern  zuiilck.  Sie  petitio- 
nirten  seit  1799  ans  Parlament  und  verlangten  jetzt  mit 
grosser  Energie  ein  gesetzliches  Lohnminimum,  *)  wobei  sie 
von  einem  Theil  der  Fabrikanten  unterstützt  wurden,^)  welche 
davon  eine  Verminderung  der  Concurrenz  und  Preiserhöhung 
ihrer  VoiTäthe  erwarteten.  Das  Committee  lehnte  aber  diese 
Vorschläge  als  gänzlich  unannehmbar  ab,  und  es  hatte  darin 
nicht  Unrecht,  denn  es  wurde  vorgeschlagen,  ein  veraltetes 
Mittel  gegenüber .  einer  gänzlich  neuen  Lage,  einem  leidens- 
vollen Uebergangsstadium  des  Gewerbes  gegenüber  anzu- 
wenden. 

Bald  darauf  warfen  sich  denn  auch  die  Weber  auf  die 
Idee  des  Einigungsamtes.  Ihre  Noth  bestand  in  wachsendem 
Maasse  fort,  durch  Hereinströmen  von  Arbeitern  aus  dem  Acker- 
bau, durch  Heranziehung  von  Weibeni  und  Kindeni  wurde  der 
Lohn  stets  weiter  gedrückt*);  von  12  000  Webern  in  Man- 


^)  NatargemäSB  gehen  die  Angaben  über  die  Lohnsätze  stark  aus- 
einander 8.  Beport  on  Petitions  of  Several  Cotton  Manufactarers  and 
joumeymen  Cotton  Weavers  1808  u.  1809  S.  3,  4,  5,  9,  11. 

*)  Ueber  diese  Petitionen  s.  auch  Handloom  weavers  Report  von 
1834  8.  447:  die  Stelle  ist  in  unserm  Anhang  abgedruckt  unter  E. 

«)  S.  a.  a.  0.  (vorletzte  Anmerkung),  S.  5,  12,  19,  21,  32,  34. 

*)  Report  on  Petitions  of  Several  Weavers  1811  S.  2. 


4S6  Zweites  Bach,  Gap.  1. 

ehester  waren  4170  ohne  regehnässige  Beschäftigiing.     Ein 
Zeuge  äusserte  sich  1811  zusammenfassend:^) 

^Froher  wünschten  die  Weber  ein  Lohnminimum«  oder 
wenn  dies  unthunlich  sein  sollte,  eine  Regulirung  in  der 
Weise,  dass  Meister  und  Arbeiter  womöglich  untereinander 
übereinkommen  und  im  Fall  des  Auseinandergehens  ihrer 
Meinungen  die  Entscheidung  einem  Unparteiischen  übertragen 
sollten.  Sollte  auch  dies  nidit  zu  machen  sein,  so  würden  de 
mit  7  jähriger  Lehrzeit  zur  Abhaltung  eines  üebermaasses  von 
Arbeitskräften  zufrieden  sein/' 

Das  Einigungsamt  *)  wurde  als  eine  allgemeine  Institation 
gewünscht  und  offenbar  schwebte  den  Arbeitern  dabei  die 
schon  gesetzlich  bestehende  Einrichtung  der  Schiedsgerichte 
als  Muster  und  Analogie  vor  ^).  Mit  den  Webern  von  Lanca- 
shire  verbanden  sich  nun  die  aus  Schottland,  welche  70  Jahre 
hindurch  an  gleichmässige  Löhne  gewöhnt^)  waren  und  nun 

»)  S.  a.  a.  0.  S.  7. 

s)  Das  in  dieser  Zeit  übliche  Wort  „agreement*'  kann  man  mit  ,JSiiii- 
gongsamt*'  übersetzen;  ausdrücklich  wurde  darunter  nicht  IndiTidaalTer- 
trag,  sondern  „a  general  rate,  settled  by  somebody  for  each  trade  acoor- 
ding  to  the  drcumstances  of  the  times"  verstanden  (Report  on  petitioiis 
of  several  weavers,  1811,  S.  8). 

Oder  noch  deutlicher  a.  a.  0.  S.  12 :  that  a  certain  number  of  masters 
and  workmen  should  be  appointed  so  see  if  they  can  agree  apon  any 
plan ;  and  if  they  can  not  agree,  that  an  umpire  should  be  fixed  to  dedde 
any  difference. 

')  Fifth  Report  on  Artizans  and  Machinery  1824  S.  544  verlangt  dn 
Baumwollwcber  aus  Bolton  ein  sehr  massiges  Lohnminimnm  und  leitet 
dies  y erlangen  folgendermaassen  ein : 

1800  we  applied  to  Parliament  for  a  regulation  of  wages  on  the 
principle  of  the  Spitalfieldsact  Mr.  Pitt  at  that  time  being  chancellor 
of  the  exchequer,  sent  our  sollicitor  down  to  Lancashire  to  propose  that 
if  we  would  give  up  the  regulation  of  wages  he  would  grant  us  a  law 
that  would  answer  our  purpose  as  well  or  better  than  the  regulation. 
We  unanimously  agreed  at  a  meetiug  of  delegates  to  fall  in  with  the 
ofifer  of  Mr.  Pitt  and  he  granted  the  Arbitration  Law  89«  and  40.  Geoi^  III. 
c.  90.  In  1804  we  applied  for  an  amendment  and  it  was  amended  at  the 
ezpense  of  govemment.  These  Laws  answered  our  purpose  to  a  very 
great  extent. 

*)  Report  von  1811,  S.  10.  —  Ueber  die  schottischen  Zustände  im 


Lohnregalinmgen.  457 

durch  die  neue  Lage  der  Dinge  mit  einem  Wochenverdienst 
von  5  Schilling  in  gi-össte  Noth  kamen.  Daraus  geht  deutlich 
hervor,  dass  man  lange  Zeit  ohne  Ordnung  der  Lohnverhält- 
nisse ganz  zufrieden  war ;  dass  die  Klagen  nun  auf  einmal  auf- 
traten, das  hatte,  wie  aus  dem  Report  aufs  Klai'ste  hervor- 
geht, seinen  Hauptgrund  in  dem  Aufkommen  und  der  Ver- 
mehining  der  Dampfwebstühle,  die  man  sogar  zu  besteuem 
vorschlug.  ^)  Ausserdem  wurden  auch  Geldunterstüzungen  für 
die  Nothleidenden  und  öffentliche  Waarenlager  zur  Bekäm- 
pfung der  preisdrückenden  Speculationen  der  Londoner  Com- 
missionäre  vorgeschlagen. 

Das  Committee  verhielt  sich  aber  durchaus  ablehnend 
und  huldigte  unbedingt  dem  Princip  des  laissez  faire.  Es 
hatte  gewiss  unrecht,  dass  es  jede  voiilbergehende  Hülfe 
gegenüber  den  schmerzvollen  Uebergangszuständen  versagte, 
aber  es  hatte  ebenso  gewiss  recht,  dass  es  in  staatlicher 
Lohnregulirung  kein  brauchbares  Mittel  zur  Linderung  der 
Leiden  der  Arbeiter  in  einem  Industriezweig  erblickte,  der  im 
Begriffe  war,  sich  modernen  Bedürfnissen  gegenüber  umzuge- 
stalten. Unverkennbar  war  es  ja  denjenigen,  welche  die  alte 
Ordnung,  die  in  diesem  Gewerbe  theils  nie  gegolten  hatte, 
theils  eingeschlafen  war,  nun  anriefen,  darum  zu  thun,  diese 
nothwendige  Umgestaltung  selbst  zu  hindern.  Das  Einigungs- 
amt freilich,  welches  subsidiär  oder  cumulativ  gewünscht 
wurde,  stand  nicht  in  Widerspi-uch  mit  den  moderen  Bedürf- 
nissen —  für  seine  allgemeine  Einführung  unter  staatlichem 
Schutz  waren  aber  die  Dinge  noch  nicht  reif  genug. 

Das  leidensvolle  Uebergangsstadium  dauerte  gerade  bei 
den  Webern  besonders  lange.  Der  Sieg  des  Dampfwebstuhls 
vollzog  sich  nur  sehr  langsam  und  die  Handweberei  wurde 
daneben  immer  fortbetrieben.  Die  Fruchtbarkeit  der  Weber, 
die  Leichtigkeit  der  Arbeit  an  den  Handwebstühlen,  der 
Andrang  anderer  armer  und  schwacher  Leute,  auch  irischer 
Einwanderer  in  dieses  Gewerbe  übten  fortwährend  steigenden 


Jahr  1816  und  1817  giebt  interessante  Auskunft:   Richmond,  Narrative 
of  the  condition  of  the  manufacturing  population,  1825. 
')  S.  Report  von  1811,  S.  7. 


458  Zweites  Buch,  Ciq^  1. 

Druck  auf  die  Löhne  und  am  Ende  unserer  Periode,  ja  noch 
weit  in  die  folgende  Zeit  hinein  war  die  Noth  der  Handweber 
eine  grosse  öffentliche  Calamität  ^)  —  ähnlich  haben  wir  ja 
auch  in  Deutschland  in  verschiedenen  Gegenden  ehromsche 
Noth  gerade  der  Weber  zu  verzeichnen.  Die  Weber,  die  einst 
zur  Zeit  der  Blüthe  des  Handwerks  an  der  Spitze  der  indu- 
striellen Arbeiterschaft  standen,  Zünfte  und  Städte  dominirten, 
zu  Reichthum  und  Ansehen  gelangten,  litten  nun  bei  Eäi- 
fbhrung  der  Fabrikindustrie  am  längsten  und  stärksten. 

In  England  hatte  die  Weberei  noch  1788  einen  neoM 
Aufschwung  erlebt  und  die  Löhne  stiegen  damals  auf  100  Fl 
St.  per  Jahr.  Dies  liess  die  folgende  Noth  einerseits  um  so 
starker  empfinden,  anderseits  hielt  die  Erinnerung  daran  die 
Leute  um  so  mehr  in  dem  Gewerbe  fest  *) 

Die  Noth  der  Handweber  entstand  zwar  keineswegs  an»- 
schliesslich  und  direct  durch  die  Concurrenz  der  Maschinen* 
Weberei.  Sie  war  vielmehr  schon  vorhanden,  als  die  Maachi- 
nenweberei  erst  in  äusserst  schwachen  Anfängen  existiite. 
Allein  sie  hing  in  ihrer  Entstehung  damit  zusammen,  dase  die 
neue  Betriebsweise  der  Grossindustrie  überhaupt  ein  Arbeiter» 
Proletariat  schuf  und  sie  wurde  durch  das  langsame  Umddi- 
greifen  der  Mascbinenwebei-ei  fortwährend  erhalten  und  ge- 
steigert Die  Betheiligten  erkannten  diesen  Einfluss  der 
neuen  Betriebsweise  selten  und  täuschten  sich  meistens  durch 
die  Thatsache,  dass  die  Handweberei  und  Maschinenweberei 
vei-schiedene  Artikel  erzeugten  ^)  —  als  wenn  nicht  jedesmal, 
so  oft  ein  Artikel  neuerdings  der  Maschinenweberei  verfid, 
dadurch  Arbeiter  in  die  der  Handweberei  noch  verbliebenen 
Geschäftszweige  gedrängt  woi*den  wären.  Schadete  doch  sogar 
der  auf  Maschinen  gewebte  Baumwollshirting  der  Leinenhand- 
weberei. *) 

Die  Schilderung  dieses  Uebergangs  zu  neuer  Productions- 
weise  kann  ei*st  später  erfolgen.    Hier  interessirt  uns,  dass 


^)  Handloom  weayers  Keport  1884. 

«)  S.  a.  a.  0.  8.  12. 

»)  S.  a.  a.  0.  S.  13,  77,  101,  102,  117,  147  etc.  etc. 

*)  S.  a.  a.  0.  S.  108. 


LohnreguliniDgen.  459 

alle  Arten  von  Handwebern,  BaumwoU-,  Seide-,  Wollweber 
etc.  sich  im  Anfang  der  dreissiger  Jahre  mit  übeiTaschender 
Einstimmigkeit  und  unter  noch  übeiTaschenderer  Zustimmung 
vieler  Capitalisten  auf  die  Idee  des  Einigungsamts  gewoi-fen 
hatten.  Die  Erinneiiing  an  die  bereits  abgeschafften  Spital- 
fieldsgesetze^  sowie  die  Analogie  der  Schiedsgerichte  waren 
dabei  wirksam.^)  Das  entscheidende  Motiv  aber  war  unbe- 
dingt, dass  man  einer  evidenten  grossen  Noth  abhelfen  wollte 
durch  eine  Modification  der  alten  gewerblichen  Ordnung 
behufs  Beschränkung  der  Concunenz  —  zu  allen  Zeiten  haben 
ja  nothleidende  Arbeiter  und  Capitalisten  in  der  äusserlich 
hervortretenden  ConcuiTcnz  die  Quelle  ihrer  Leiden  und  in 
deren  Beschränkung  einen  helfenden  Dens  ex  machina  erblickt 
—  statt  die  innei-sten  Gründe  sich  entwickelnder  Umwälzun- 
gen zu  erkennen  und  sich  letzteren  anzupassen.  Unbedingt 
ist  aus  dem  Handloomweavers  Report  zu  ei*sehen,  dass  die 
Idee  des  Einigungsamts  unter  staatlichem  Schutz  damals  in 
einer  Kraft  und  einer  Verbreitung  auftrat,  die  sie  bis  heute 
nicht  mehr  erreicht  hat. 

Dennoch  wurde  kein  dauernder  Erfolg  erreicht.  Damit 
ist  das  Einigungsamt  als  Institution  der  Zukunft  nicht  ge- 
richtet Man  wollte  es  ja  damals  als  Ersatz  für  das,  was 
vor  Allem  unbedingt  nöthig  war  —  Veiinindening  der  Zahl 
der  Handweber.  Man  betrachtete  es  als  Panacee  und  wollte 
dadurch  die  alte  Stätigkeit  der  Verhältnisse  wieder  hei-stellen. 
Das  war  der  Irrthum  und  die  Schwäche  der  damaligen  Be- 
wegung, dass  die  Erinneiaing  an  alte  Ordnungen,  die  unrett- 
bar todt  waren,  gegen  das  Wesen  der  neuen  Zustände  blind 
machte  und  daher  von  der  modificirt  wiederhergestellten  alten 
Ordnung  zu  viel  erwarten  liess. 

Erst  nachdem  die  Umwälzungen  im  gesammten  Gebiet 
des  Handels  und  der  Industrie  zu  grösserem  Abschluss  gelangt 
sein  werden,  wird  sich  eine  neue  Ordnung  kräftig  und 
dauernd  entwickeln  können.    Die  alte  Ordnung  gegen  eine 


^)  Um  zu  zeigen,  wie  man  sich  die  Sache  yorstellte,  lasse  ich  im 
Anhang  unter  F  als  Beispiel  die  Aussagen  eines  Zeugen  a.  a.  0.  S.  62 
folgen. 


460  Zweites  fiuch,  Cap.  1. 

wesentliche  Folge  der  neuen  Verhältnisse  und  des  Umschwungs, 
nämlich  gegen  den  Wechsel  der  Conjuncturen ,  ins  Feld  zu 
fbhren,  konnte  keinen  Erfolg  haben. 

Man  täuschte  sich  also  damals  über  die  tiefsten  Grfinde 
der  Noth.  Nur  vereinzelte  Zeugen  erkannten  die  Lage  richtigi 
andere  mischten  in  ihren  Aussagen  entscheidende  und  neben- 
sächliche Gründe  der  Noth  durcheinander,  bei  den  Meisten 
war  die  Ansciiauung  oder  doch  ein  unbestimmtes  Gefllhl  vo^ 
banden,  dass  das  niedrige  Einkommen  der  Weber  von  einer 
durch  Willkür  und  Bosheit  Einzelner  hervorgerufenen  ttber- 
massigen  Goncurrenz  der  Arbeitgeber  im  Handwebereigeschift 
selbst  herrühre  und  dass  die  Lage  der  Arbeiter  also  sofort 
gebessert  werden  müsse,  wenn  man  diesen  Concurrenten  das 
Handwerk  legen  würde.  0  Natürlich  wurden  einzelne  schaurige 
Thatsachen  zur  Bestätigung  dieser  Meinung  angeführt,  — 
ähnlich  wie  jederzeit  Schutzzöllner  Aufregendes  über  unsinni- 
gen Import  fremder  Waaren  zu  erzählen  wissen.  So  wurde 
berichtet,  ^  dass  in  Glasgow  800  sogenannte  kleine  ManufiM>- 
turisten  existiren,  welche  die  Weber  zu  Unterechlagungen  ver- 
leiten, ihr  schlechtes  Gewebe  dann  zu  Schleuderprdsen 
kaufen  und  verkaufen  und  dadurch  Löhne  und  Preise  drücken. 
Es  wird  erzählt,  wie  eine  Firma  die  Löhne  im  ganzen  Lande 
drücken  könne  und  dergl.,  es  wird  ausgeführt,  wie  besonders 
die  ganz  kleinen  den  Arbeitern  noch  nahe  stehenden  Meister 
(„small  corks")  schlechte  Löhne  zahlen*),  —  als  ob  solche 
verderbliche  Goncurrenz  des  Capitals  schädlich  wirken  könnte, 
wenn  dies  nicht  einen  üebeiHuss  von  Arbeitern  zur  Ver- 
fügung hat!^)  Interessant  ist  das  Geständniss  eines  Zeugen^) 
die  Arbeitgeber  der  Handweber  würden  die  Löhne  gar  nicht 
so  drücken,  wenn  sie  ihre  Arbeiter  gleich  den  Besitzei-n 
gi'osser  Fabriken  unter  den  Augen  hätten  und  ihr  Elend 
sehen  könnten  —  und  doch  wollte  man  dem  ümsichgi-eifen  der 


*)  S.  a.  0.  S.  41,  69  (Qu.  951). 

*)  S.  a.  a  S.  54  £f. 

>)  S.  a.  a.  8.  155  ff. 

*)  S.  a.  a.  0.  S.  66. 

»)  S.  a.  a.  0.  S.  71  (Qu.  975). 


Lohnregulirungen.  461 

Fabriken  und  des  Maschinenwebstuhls  durch  Steueim  auf 
den  letzteren  vorbeugen  und  zahlreiche  Weber  verharrten 
in  eigensinniger  Abneigung  gegen  Fabrik  und  Maschine,  ^) 
während  ihre  Kinder  in  der  Fabrik  mehr  verdienten  als  sie 
zu  Hause.  ^)  Es  kam  dabei  auch  der  Gedanke  vor,  der  Hand- 
weber habe  ein  Recht,  im  Ei'werb  von  seiner  gewohnten 
Arbeit  geschützt  zu  werden,  wie  ein  Eigenthümer  in  seinem 
Besitz^)  oder  dass  der  entlassene  Weber  der  Pensionirung 
ebenso  würdig  sei,  wie  der  entlassene  Soldat.  All  diese 
Gedanken  und  Gefühle  konnten  aber  nicht  aufkommen  gegen- 
über der  Thatsache,  dass  namentlich  seit  1812  der  Maschinen- 
webstuhl, abgesehen  von  der  Leinenindustrie,  um  sich  griff 
und  Klarsehende  den  allmäligen  Untergang  der  Hand  weher  ei 
als  nothwendig  erkannten  (a.  a.  0.  S.  144).  Wie  naiv  man 
war,  mag  auch  der  Umstand  beweisen,  dass  zwar  viele  Hand- 
weber den  Maschinenwebstuhl  instinctiv  hassten  und  ihn  be- 
steuern wollten,  dennoch  aber  keinen  Groll  gegen  die  daran 
beschäftigten  Arbeiter  hatten,  welche  allerdings  grossentheils 
ihre  eigenen  Kinder  waren  und  auch  nicht  in  beneidenswer- 
then  Verhältnissen  lebten.  Auch  machte  man  seit  1826  keine 
Vei*suche  zur  Zei-störung  der  Maschinenstühle  mehr*).  — 

Aus  solchen  beschränkten  Anschauungen  über  die  Con- 
currenz  ging  also  das  seit  1832  allgemeine  Verlangen  nach 
einem  Gentrallohu-Reguliruugsamt  (board)  für  das  ganze  Land 
hervor,  unter  dem  dann  in  den  einzelnen  Districten  locale 
Aemter  fungiren  sollten.  Nur  wenige  Zeugen  widersprachen  ^) 
oder  beschränkten  ihre  Wünsche  auf  rein  freiwillige  Einig- 
ungsämter. Combinationen  und  Arbeitseinstellungen  waren 
natürlich  vorangegangen,  auch  war  die  Einrichtung  freiwilli- 
ger localer  Einigungsämter  ohne  Schiedsmann  schon  vorher 
vereinzelt  gelungen,  z.  B.  in  Paisley,  wo  man  sich  für  je  zwölt 


')  a.  a.  0.  S.  66. 

*)  a.  a.  0.  S.  41. 

»)  S.  71,  Qu.  973;  Qu.  5330. 

*)  a.  a,  0.  Qu.  1978  u.  5731. 

^)  a.  a.  0.  S.  310  ff. 


462  Zweites  Buch,  Cap.l. 

Monate  auf  ein  Lohnminimum  vereinbarte.^)  In  Manchester 
war  dagegen  ein  ähnlicher  Versuch  misslungen  (Qu.  6846). 
1827  und  1828  hatte  man  noch  um  Oi^anisation  von  Ana- 
Wanderung  mit  Unterstützung  gebeten.  <) 

Es  ist  klar,  man  warf  sich  auf  den  Gedanken  des  staat- 
lich autorisirten  und  organisirten  Einigungsamts  als  auf  ein 
letztes  Mittel  gegen  die  Noth  und  Viele  stimmten  offenbar 
nur  in  dem  allgemeinen  Gefühl  zu,  dass  überhaupt  Etwas 
geschehen  müsse.  Betreffs  der  Organisation  der  Aemter 
im  Einzelnen  gingen  die  Vorschläge  natürlich  etwas  aus- 
einander'), auch  unterschieden  sie  sich  darin,  dass  man 
Aemter  theils  nur  für  Handweber,  theils  für  Hand-  und  Ma- 
schinenweber ^  theils  für  alle  Gewerbe  verlangte.  Die  Idee 
der  Lohnregulirung  blieb  unausgeführt  —  sie  trat  aber  ge- 
rade in  dieser  Zeit,  nachdem  die  alte  allgemeine  Lohn- 
reguliiung  längst  eingeschlafen  und  selbst  das  Lehrlings- 
gesetz  längst  abgeschafft  war,  in  einer  Stärke  und  mit 
einer  allseitigen  Untei*stützung  auf,  wie  es  weder  vorher  noch 
nachher  jemals  vorgekommen  ist.  Die  Erfolglosigkeit  diesJor 
grossartigen  Agitation  beweist  nur,  wie  unmöglich  die  alte 
Ordnung  geworden  war,  während  andrerseits  die  bei  dieser 
Gelegenheit  enthüllten  Thatsachen  beweisen,  wie  traurig  und 
unhaltbar  die  mit  dem  Eintritt  der  neuen  Verhältnisse  einge- 
rissene Anarchie  war. 


In  anderen  Gewerben  traten  ähnliche  Tendenzen,  wenn 
auch  nirgends  in  so  starkem  Maasse  auf.  Sie  fehlten  nicht 
bei  den  Strumpfwirkern  *),  bei  denen  die  Sache  eigenthündich 
lag,  weil  eine  privilegirte  Corporation  existirte,  von   der  spä- 


1)  a.  a.  0.  S.  49,  S.  62  ff. 

*)  a.  a.  S.  810. 

°)  Der  Wortlaat  des  Vorschlags  von  Fielden  a.  a.  0.  S.  626  findet 
sich  in  unserem  Anhang  unter  G. 

^)  S.  Appendix  zu  dem  Framework-knitters  Report  von  1812  Nn  5, 
8.  auch  was  oben  von  1778  u.  1779  berichtet  ist. 


Lohnregulirungen.  463 

ter  die  Rede  sein  wird.  Es  bestand  in  diesem  Gewerbe  1805 
ein  Einigungsamt  ^).  Von  der  Aufhebung  der  Coalitionsgesetze 
wurde  die  allgemeine  Einnchtung  freiwilliger  Einigungsämter 
vielfach  ei'wartet,  und  man  war  im  Stande,  sich  die  Organi- 
sation derselben  ganz  detaillirt  auszumalen.^) 

1819  appellirten  die  Strumpfwirker  von  Howick  vergeb- 
lich an  die  Magistrate  um  Lohnregulining :  sie  wurden  ab- 
gewiesen.^) 1810—1817  fanden  gemeinsame  Lohnfeststellungen 
durch  die  Arbeiter  und  Arbeitgeber  bei  den  Kattundruckera 
in  Dublin  statt. 

^)  S.  Fonrth  Report  on  Artizans  and  Machinery  S.  269 :  The  men  very 
seldom  meet  the  hosiers:  they  meet  by  themselves  and  the  framework- 
knitters  meet  by  themselves;  and  they  transmit  what  they  wish,  to  each 
other.  —  Aregulation  of  prices  took  place  1805;  a  Statement  was  formed; 
t  was  a  regulation  agreed  upon  by  Uie  masters. 

^)  Second  Report  on  Artizans  and  Machinery,  S.  68. 

')  Die  charakteristische  Antwort  der  Friedensrichter  s.  Fifth  Re- 
port on  Artizans  and  Machinery  S.  865: 

Howick,  6th.  May  1819. 

The  justices  having  taken  into  consideration  the  foregoing  petition, 
are  perfectly  sensible  that  the  Statement  of  grievances,  which  it  exhi- 
bits,  is  not  overcharged,  and  they  are  aware  that  they  are  such  as  must 
interest  every  compassion^te  mind.  They  are  of  opinion,  however,  that 
any  interference  on  their  part,  would  not  only  be  vain  and  nugatory  but 
might  even  eventually  operate  to  the  prejudice  of  the  petitioners  them- 
selves. They  think  it  neccessary  to  observe,  that  they  are  not  impcrati- 
vely  commanded  to  do  so;  but  to  act,  on  all  occasions  of  this  nature, 
as  they  themselves  after  enquiry  may  judge  expedient.  I<>om  the  enqui- 
ries  which  they  have  thought  it  their  duty  on  this  occasion  to  make  they 
are  perfectly  convinced  that  the  master  manufacturers ,  far  from  wishing 
to  keep  down  the  wages  of  the  operatives  have,  in  the  expectation  that 
matters  would  soon  retum  again  to  their  former  Channel,  submitted  to 
a  sacrifice  on  their  part  to  maintain  them  at  their  present  rates.  No 
other  conduct,  indeed,  was  to  have  been  expected  from  a  set  of  men,  who 
in  a  case  of  peculiar  distress,  about  two  years  ago,  stiU  fresh  in  our 
memories,  contrived  by  a  wise  and  human  management,  to  maintain  all 
the  operatives  in  their  service,  when  in  many  other  of  the  manufacturing 
towns  the  masters  found  themselves  obliged  to  dismiss  a  considerable 
part  of  their  servants.  In  adverting  to  this  period  of  distress,  the  justi- 
ces think  it  incumbent  on  them  to  State,  at  the  same  time,  the  meritori- 
ous  conduct  of  the  operatives,  who  submitted,  for  a  long  period,  to  many 


4Ü4  Zweites  Buch,  Ci^  1. 

Doch  genug  der  Beispiele.  Die  angefahrten  mögen  ge- 
nügen, um  zu  beweisen,  dass  in  den  ersten  Jahi-zehnten  dieBea 
Jalirhunderts  das  Begehren  nach  Lohnr^ulirung  dureh  die 
Behörden  resp.  Deputirte  der  Parteien  stark  auftrat  und  ge- 
legentlich sogar  zeitweilig  Erfolg  hatte.  Es  kam  aber  weder 
die  Einführung  einer  neuen  noch  die  allgemeine  Wied^^ele- 
bung  der  alten  Ordnung  zu  Stande.  Die  Agitationen  hingee 
stark  mit  den  Gewerkvereinen  zusammen,  diese  aber  verfielei 
keineswegs  gewöhnlich  zuerst  auf  diese  Anrufung  alter  G^ 
setze,  sondern  erst  nach  längerer  Noth.  Die  Untersachong  ' 
der  damaligen  Verhältnisse  beweist,  wie  unmöglich  die  alte 
Ordnung  geworden  war ;  und  unverkennbar  ist,  dass  diese  sih 
gemein  längst  factisch  nicht  mehr  geübt  wurde.  Zum 
Schlüsse  mag  als  Beweis,  wie  sehr  die  alte  Ordnung  in  iD 
ihren  zusammenhängenden  Theilen  verkommen  und  todt  war, 
noch  auf  das  bekannte  Unwesen  des  „AUowance-Systems^  hin* 
gewiesen  werden,  das  namentlich  in  der  Landwirthschaft 
blühte.  Auch  in  der  Industrie  kam  es  ja,  wie  wir  gesehen 
haben,  vor,  dass  bestimmte  Kategorien  von  Arbeitern ,  re^. 
Lehrlingen  auf  regelmässige  Armencassenzuschüsse  angewiesen 
waren.  In  der  Landwirthschaft  wurde  es  seit  1795  in  vielen, 
wenn  auch  nicht  in  allen  Grafschaften  föimlich  die  Regel, 
dass  die  Arbeiter,  deren  Lohn  nur  3  Sh.  die  Woche  be- 
trug *),  den  grösseren  Theil  ihres  Einkommens  aus  der  Aimen- 

hard  privations,  in  the  most  peaceable  and  becoming  manner;  and  they 
cannot  help  indulging  a  hope,  that  by  perseverance  in  a  similar  line  of 
conduct  for  a  short  time,  matters  in  the  natural  course  of  things  may 
operate  a  fouvourable  change.  or  the  wisdom  of  Government  may  intei^ 
pose,  to  remove  the  cause  of  the  evils  now  complained  of. 

(Folgen  die  Namen.) 

^)  Dies  ist  das  Minimum,  welches  der  Report  on  Labourera  Waget 
1824  constatirt.  Das  in  guten  Grafschaften  vorkommende  Maximum  wird 
auf  18  sh.  angegeben.  Diese  grossen  Differenzen  lassen  sich  nur  thdi- 
weise  durch  das  Allowance-System  erklären.  Auch  in  der  Industrie  Tari- 
irten  nach  zahlreichen  Angaben  die  Löhne  sehr  stark  nach  Ort,  Zeit 
und  Gewerbe  —  eine  Thatsache,  die  unter  ^Vnderem  auch  neua^ngs 
wieder  sehr  deutlich  in  den  Lohnangaben  der  Zeitschrift  Concordia  (1880) 
hervortritt  —  und  ein  Hauptbeweis  gegen  das  eherne  Lohngesetz  ist. 


Technische  Vorschriften.  465 

casse  empfingen  und  es  bestanden  feststehende  Sätze,  nach 
denen  eine  Arbeitei-familie  je  nach  ihrer  Eop£zahl  Unterstütz- 
ung empfing.  Dieses  Unwesen  entsprang  allerdings  zumeist 
aus  der  Verwilderung  des  Armen  wesens  und  dem  Egoismus 
der  Pächter,  welche  aus  der  Steigerung  der  Armenlast  einen 
Grund  zur  Verminderung  des  Pachtzinses  ableiten  konnten. 
Es  hätte  aber  nicht  um  sich  gi*eifen  können,  wäre  die  lohn- 
r^gulirende  Thätigkeit  der  Friedensrichter  nicht  ebenso  ver- 
kommen und  vergessen  gewesen  wie  der  Pflichteifer  der 
Annenbehörden  verschwunden  war. 


§  4.    Technische  Vorschriften. 

Die  mittelalterliche  Ordnung  des  Handwerks  beschränkte 
sich  nicht  auf  Regulirung  der  Lehrlinge  und  der  Löhne,  sie 
gab  auch  direct  Voi'schriften  über  die  Art  und  Weise,  wie 
gearbeitet  werden  musste  und  über  die  Qualitäten  der  Waaren, 
die  zu  Markte  gebracht  werden  duiften.  Solche  Bestimmun- 
gen sollten  die  gewerbliche  Kunstfertigkeit  erhalten,  die  Kund- 
schaft befestigen  und  das  Publicum  gegen  UebeiTortheilung 
schützen.  Das  Geben  und  die  Handhabung  solcher  Bestimm- 
ungen war  in  England  theilweise  in  der  Hand  von  Zünften 
und  localen  Obrigkeiten,  theilweise  beruhten  aber  solche  Be- 
stimmungen auch  auf  Landesgesetz.  Auf  dem  Continent  unter- 
scheiden sich  die  Productionsreglements,  welche  von  der  Regie- 
i-ung  für  die  neuen  Manufacturen  gegeben  wurden,  scharf  von 
den  alten  zünftischen  Ordnungen.  In  England  sind  alte  und 
neue  Produktionsreglements  dagegen  ununtei*scheidbar. 

Gewiss  sind  derartige  Bestimmungen  nützlich,  insofern 
sie  üeberschwemmung  des  Marktes  mit  Waaren  verhüten, 
denen  dasPrädicat  ^billig  und  schlecht^  gebührt  Aber  noch 
mehr  als  bei  der  Regulirung  der  Lehrlinge  und  Löhne  zeigt 
sich  hier,  dass  die  stramme  Ordnung  nur  zu  stätigen  Ver- 
hältnissen passt,  dass  sie  dagegen  in  Zeiten  eines  lebendigen 
gewerblichen  Fortschritts,  in  welchen  der  Einzelne  strebt,  Erfin- 
dungen und  Verbesserungen  einzuführen  und  neue  Märkte  zu 
erobeiD,  als  eine  äusserst  lästige  Fessel  empfunden  werden, 

H el d ,  Soc  G«8cli.  Engl.  SO 


466  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

welche  man  theils  durch  Gesetzesumgehung  übei*springt,  theils 
durch  offene  Agitation  zu  durchbrechen  strebt.  Wir  sehen 
also  diesen  Theil  der  alten  Ordnung,  welcher  naturgemftss 
nicht  auf  allgemeinen  Gesetzen  beruhte,  sondern  sich  aus  einer 
Menge  Specialbestimmungen  zusammensetzte,  in  unserer  Zeit 
in  vollster  Auflösung. 

Nur  in  Ausnahmefällen,  in  denen  es  sich  um  Heranzieh- 
ung einer  jungen  Industrie  handelte,  sehen  wir  das  System 
noch  in  Kraft  und  wohlthätig  wirkend.  Das  Leinengeschftft 
in  Irland  wurde  auf  diese  Weise  in  die  Höhe  gebracht,  indem 
man  in  Irland  zwar  die  Verarbeitung  von  Wolle  g^enüber 
England  zu  unterdrücken  suchte,  dafür  aber  den  Irländem 
die  Leinenindustrie  lassen  und  diese  heben  wollte. 

Seit  der  Königin  Anna  bestand  in  Irland  ein  „Board  of 
trustees  appointed  to  supeiintend  the  concerns  of  the  linen 
and  hempen  manufacture''.  Dasselbe  war  aus  unentgeltlich 
amtirenden,  vom  Chief  Govenior  ernannten  vornehmen  und 
reichen  Leuten  zusammengesetzt  0 ,  vertheilte  Prämien  und 
veranstaltelte  Experimente,  vertheilte  Utensilien  etc.  und 
seine  Wirksamkeit  gereichte  im  Allgemeinen  zur  Zufriedenheit 
Spinnschulen  wurden  in  Irland  schon  fiühzeitig  emchtet  *). 

Das  Parlament  hielt  es  1825  3)  für  nöthig,  die  Thätigkeit 
dieses  Amtes  zu  untersuchen  und  gab  allerlei  Anregungen. 
Einige  ältere  Vorschriften  sollten  erleichtert  werden.  Die  Ar- 
beitstheilung  unter  den  irischen  Webern  wurde  als  ungenügend 
bezeichnet.  Vor  allem  wurde  das  Amt  aufgefordert,  darauf 
zu  sehen,  dass  nur  Leinengarn  „in  a  clear  regulär  made-up 
State"  nach  England  komme.  Und  es  wurde  vorgeschlagen, 
das  Amt  solle  die  Länge  und  Qualität  der  zu  verkaufenden 
Producte  feststellen  —  kurz,  man  hielt  es  im  Allgemeinen 
fiir  gut,  die  alten  Regulirungen  dem  Wesen  nach  aufi-echt  zu 
erhalten. 


')  Report  on  the  Laws  which  regulate  the  Linen  Trade  iu  Ireland 
1822. 

'^)  S.  Report  on  Traders  and  Dealers  in  the  Linen  Manufactorr, 
26.  April  1751. 

-')  S.  Zwei  Reports  on  the  Linen  Trade  of  Ireland  6.  u.  22.  Juni  1825. 


Technische  Vorschriften.  467 

Allein  das  bezog  sich  auf  eine  verwahrloste  Bevölkeiiing, 
die  durch  Einfluss  von  oben  herab  zur  industriellen  Thätig- 
keit  herangebildet  werden  sollte  und  keine  eigene  Initia- 
tive hatte. 

Ganz  andei*s  standen  die  Dinge  in  den  Gewerben  in  Eng- 
land. Die  Strumpfwirker,  deren  Lage  1812  und  1819  unter- 
sucht wurde,  begehrten  zwar  stark  nach  technischen  Reglements. 
Allein  der  Zweck  dieses  Verlangens  war  Aufrechterhaltung 
höherer  Löhne  gegenüber  neuen  billigeren  Productionsweisen 
und  die  Durchführbarkeit  der  gewünschten  Bestimmungen  wurde 
mit  Recht  bezweifelt.  Diese  Vorgänge,  sowie  die  bei  den 
Ziegelbrennem  sollen,  da  sie  mit  altem  Zunftrecht  zusammen- 
hingen, später  besprochen  werden. 

Was  andere  englische  Gewerbe  betrifft,  so  zeigt  sich  die 
Ueberlebtheit  der  technischen  Reglements  am  deutlichsten  in 
der  Wollindustrie,  sowie  in  der  Gerberei  und  dem  Lederhandel. 

Für  die  Wollindustrie  bestanden  noch  alte  Vorschriften, 
welche  die  Länge  und  Breite  des  zu  verkaufenden  Tuchs  fest- 
setzten und  verfügten,  dass  dasselbe  amtlich  gesiegelt  werden 
musste,  1715^)  wurde  nun  schon  geklagt  über  das  Messen  des 
Tuchs  in  den  Walkmühlen,  das  seit  1712  vorgeschrieben  war. 
1725*)  liefen  Klagen  ein,  dass  das  Siegeln  ausser  Gebrauch 
komme  und  die  Länge  des  Tuchs  falsch  angegeben  werde: 
insbesondere  wurde  über  das  betiügerische  Ausdehnen  (stret- 
ching  and  straining)  des  Tuchs  geklagt.  1729  ^)  wurde  aus  dem 
Tuchdistrict  West  Riding  of  York  petitionirt  und  11.  Georg  L 
c.  24  „for  the  better  Regulating  the  Manufacture  of  Cloth" 
(1724)  als  unwirksam  bezeichnet  Das  Stempeln  und  Siegeln 
der  Tuche  in  den  Walkmühlen  geschehe  fortwährend  schlecht, 
und  es  werde  falsch  gemessen.  Auch  gegen  betrügerisches 
Färben  mit  falscher  schwarzer  Farbe  gewährte  das  Stempeln 
keinen  Schutz.*)     1734  wiederholen  sich  die  Petitionen  aus 


^)  Journals  of  the  House  of  Commons,  Vol.  18  S.  67,  165. 

*)  Journals  Vol.  20  S.  377. 

•'»)  Journals  Vol.  21  B.  246. 

*)  Journals  VoL  20  S.  776. 

80* 


468  Zweites  Bach,  Cap.  1. 

dem  West  Riding  of  York^);  ebenso  1738*);  immer  wieder 
zeigt  es  sich,  dass  die  Aufsicht  Betrügereien  nicht  yerhindom 
konnte.  Es  wird  auch  1788^)  mitgetheilt,  dass  es  WoUhftndler 
giebt,  welche  die  Wolle  an  arme  Leute  ausgeben,  die  mit 
Truck  bezahlt  werden  und  aus  dem  Pfund  Wolle  statt  16 
ounces  18 — 20  ounces  Garn  spinnen,  welche  verschlechterte 
Waare  das  Ansehen  der  englischen  Wollproducte  im  Ansland 
erschüttere. 

1739*)  und  1751*)  wird  über  betrügerisches  Aufwindoi 
der  Wolle,  Mischung  von  guter  mit  schlechter  Wolle,  Ein- 
mischung von  Schmutz,  Gebrauch  von  zu  viel  Pech  und  Theer 
beim  Zeichnen  der  Schafe  etc.  geklagt  —  diese  Missbräuehe 
aber  von  anderer  Seite  geleugnet,  resp.  gerechtfertigt. 

Kui-z  es  zeigt  sich  ein  beständiger  fruchtloser  Kampf  der 
reglementirenden  Gesetze  gegen  die  sie  stets  durchbrechende 
gewerbliche  Praxis.  1765  endlich  wurde  11.  Georg  I.  c.  24 
nebst  zwei  folgenden  vei-schärfenden  resp.  bestätigenden  Ge- 
setzen gleicher  Art,  soweit  sich  diese  auf  die  Constatinmg 
von  Länge,  Breite  und  Gewicht  des  Wolltuchs  im  West  Ri- 
ding of  York  bezogen,  wegen  ihrer  Unwirksamkeit  durch 
5.  Georg  III.  c.  51  aufgehoben.  Dieses  höchst  umfängliche  Ge- 
setz, das  viele  strenge  Strafliestimmungen  enthält,  gab  aber 
das  Princip  der  amtlichen  Constatirung  der  Länge  der  Tuche 
nicht  auf,  sondeni  verfügte  nur,  entsprechend  vielen  Petitionen 
von  1705^),  dass  nunmehr  jedes  Stück  Tuch  nach  seiner  wirk- 
lichen Länge  abgestempelt  werden  solle,  während  bis  dahin 
eine  Nonnallänge  von  1  yard  13  inches  gegolten  hatte,  die 
im  einzelnen  Fall  nicht  genau  eingehalten  werden  konnte,  so 
dass  bei  einem  kleinen  Manco  das  Tuch  als  richtig  abge- 
stempelt wurde. 

^)  Journals  Vol.  22  S.  234. 

*)  Journals  Vol.  23  S.  52,  75. 

0  Journals  Vol.  23  S.  89. 

*)  Journals  Vol.  23  S.  481. 

«)  Journals  Vol.  26  S.  320,  329,  385. 

•)  Journals  Vol.  30  S.  91,  143,  167,  207,  155,  158,  262. 


Technische  Vorschriften.  469 

Kaum  war  das  neue  Gesetz  gegeben,  so  wurde  auch  über 
dieses  wieder  geklagt.^)  Die  Strafen  seien  zu  streng,  die 
Kaufleute  und  Fabrikanten  würden  durch  die  Inspectoren 
chikaniil,  durch  Zeitverlust  benachtheiligt.  Das  Gesetz  wurde 
daher  1766  durch  6.  Georg  ni.  c.  28  amendirt. 

Damit  hatte  es  nun  einstweilen  sein  Bewenden.  Der  schon 
erwähnte  grosse  WooUen  Report  von  1806  erklärt,  dass  die 
Gesetze  über  Abstempeln  des  Tuchs  wenigstens  im  Westen 
Englands  aufgehoben  werden  sollten,  wenn  auch  im  Norden 
noch  einige  „Regulations''  am  Platze  sein  möchten  ^)  und  1821 
wurde  die  Frage  der  Stemplung  des  Tuchs  speciell  unter- 
sucht.*) Das  Untei-suchungscommittee  erklärte  rundweg,  diese 
Gesetze  belästigten  nur  die  Fabrikanten  und  Eaufleute,  das 
kaufende  Ausland  lege  nicht  den  geringsten  Werth  darauf. 
Nur  dadurch,  dass  die  Gesetze  lässig  ausgeführt  würden, 
hätten  sie  die  Industrie  noch  nicht  iiiinirt.  In  Leeds  aller- 
dings, wo  noch  kleine  Industrie  mit  Tuchhallen  vorheiTsche, 
sympathisire  man  noch  mit  den  alten  Gesetzen;  dies  bei-uhe 
aber  nur  auf  Einbildung,  denn  die  Eaufleute  kauften  trotz 
des  Siegeins  in  der  Tuchhalle  nur  nach  der  Elle  und  messen 
zu  Hause  genau  nach,  ehe  sie  bezahlen.  Dabei  seien  die  Ge- 
setze nicht  einmal  den  kleinen  Tuchmachern  günstig,  sondem 
geben  im  Streitfall  den  Kaufleuten  grössere  Rechte. 

üeberblickt  man  diesen  ganzen  Vorgang,  so  ergiebt  sich, 
dass  schon  seit  Anfang  des  vorigen  Jahrhundeits  die  Regle- 
ments über  Länge  etc.  des  Tuchs  mehr  zu  Klagen  Veranlas- 
sung gaben  als  nützten  —  und  dass  sie  schliesslich  seit  dem 
Siege  der  Fabriken  und  der  Heri'schaft  des  Welthandels 
gänzlich  sinnlos  und  unmöglich  geworden  waren. 

^)  Journals  Vol.  30  S.  529,  623,  dagegen  S.  692. 

')  Dieser  Report  erklärt  die  betreffenden  Gesetze  als  factisch  bereits 
obsolet.  S.  422  sagt  ein  Zeuge,  die  Industrie  brauche  heutzutage  keine 
Aufsicht  gegen  Missbräuche  mehr,  sondem  billiges  Rohmaterial  und  gros- 
sen Markt;  sie  hänge  vielmehr  von  der  Coneurrenz  als  von  „nugatory 
legislative  acts**  ab. 

^)  Report  on  the  Laws  relating  to  the  stamping  of  Wo  ollen  Cloth 
29.  April  1821. 


470  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

Im  Ledergewerbe  stritt  man  sich  1733^)  darum,  ob  den 
MetzgeiTi  das  Zerfetzen  und  Zerschneiden  der  Felle  verboten 
werden  solle  und  1798  beschloss  das  Haus'),  dass  die  alten 
Gesetze  für  die  Lederindustrie  überhaupt  amendirt  werden 
sollen.  Dieselben  wurden  1808  durch  48.  Georg  HL  c  60 
wirklich  aufgehoben,  nachdem  1807  eine  Untersuchung  darOber 
stattgefunden  hatte. ^)  Das  Hauptgesetz,  welches  bis  dahin 
galt,  war  1.  Jacob  I.  c.  22,  welches  im  Laufe  der  Zeit 
vielfach  bestätigt  und  amendirt  worden  war.  Nach  diesen 
Gesetzen  bestanden  nicht  nur  scharfe  Competenzbeschränk- 
ungen  zwischen  Gerbern,  Lederarbeitern,  Schuhmachern  und 
Metzgern,  sondern  es  war  auch  bestimmt,  dass  die  Gerber 
Häute  nur  auf  offenem  Markt  einkaufen  und  nur  an  Leder- 
arbeiter verkaufen  durften.  Dies  war  allerdings  schon  kürzlich 
aufgehoben  worden.  Dagegen  bestanden  noch  formell  Verbote 
gegen  die  Anwendung  von  Surrogaten  für  Eichenrinde  und 
Vorschriften  über  die  Zeitdauer  des  Gerbeprocesses.  Femer 
waren  die  Stadtobrigkeiten  noch  verpflichtet,  alles  Leder  vor 
dem  Verkauf  prüfen  und  siegeln  zu  lassen. 

All  diese  Bestimmungen  bezeichnet  das  Committee  von 
1807  als  obsolet.  Sie  wurden  auch  1808  abgeschafft,  nur  die 
Beschränkung  der  Gerber  auf  ihr  eigenes  Gewerbe  blieb. 

Die  Sicherung  guter  Waare  durch  technische  Reglements 
und  obrigkeitliche  Aufsicht  erwies  sich  also  auch  hier  als  un- 
durchführbar. 

1781  begannen  auch  die  Goldschmiede,  gegen  das  Gebot, 
nur  20karätiges  Gold  verarbeiten  zu  dürfen,  zu  petitioniren*), 
was  1798  Erfolg  hatte,  indem  38.  Georg  HI.  c.  69  auch 
18karätiges  Gold  gestattete. 

In  andern  Gewerben  fielen  ilhnliche  Bestimmungen,  weil 
die  auswärtige  Concurrenz  die  Aufrechterhaltung  bestimmter 
Qualitäten  der  Waare  in  England  unmöglich  machte. 

1)  Journals  of  the  House  of  Commons  Vol.  22  S.  264,  273,  305. 
*)  Journals  Vol.  53.    19.  März  1798. 

")  Report  on  Tanners,   Shoemakers  and  other  Artificers  occapyiog 
the  Cutting  of  Leather.    15.  Febr.  1807. 
*)  Journals  Vol.  38.    2  April  1781. 


Preistaxen  und  Marktpolizei.  471 

Diese  Beispiele  mögen  genügen,  zu  zeigen,  dass  die  alte 
Ordnung,  welche  die  Production  in  technischer  Hinsicht  zu 
beheiTschen  suchte,  den  Bedürfnissen  der  neuern  Zeit  gegen- 
über unmöglich  geworden  war. 


§  5.    Preistaxen  und  Marktpolizei. 

Die  alte  Ordnung  in  ihrer  guten  Zeit  strebte  nicht  nur 
die  Meister  in  ihrer  Stellung  und  in  ihrem  Erwerb  zu  sichern, 
sondeiTi  sie  sorgte  auch  für  Arbeiter  und  Lehrlinge,  die  zwar 
zum  Dienst  gezwungen  wurden,  aber  denen  auch  ihr  Aus- 
kommen garantirt  wurde.  —  So  wenigstens  war  es  nach  den 
Gesetzen  der  Elisabeth,  wenn  auch  fi-ühere  Gesetze  mehr  an 
Erzwingung  billiger  Arbeitskraft  dachten  und  spätere  die  Ar- 
beiterinteressen wieder  vergassen.  Immerhin  geholte  es  zu 
den  wesentlichen  Principien  der  alten  Ordnung,  derzufolge 
der  Lehrling  und  Arbeiter  ein  künftiger  Meister  war. 

Aber  nicht  nur  in  dieser  Hinsicht  zeigte  die  alte  Ordnung 
eine  gewisse  Vielseitigkeit  und  Billigkeit,  sie  dehnte  ihre  Rück- 
sichtnahme auch  auf  die  Consumenten  aus,  denen  man  wenig- 
stens in  Bezug  auf  die  wichtigsten  Lebensbedürfnisse  Sicher- 
heit der  nöthigen  Zufuhr  auf  den  Markt  und  einen  billigen 
Preis  für  gute  Waare  gewährleisten  wollte. 

Ein  Einschreiten  der  öffentlichen  Macht  zu  diesem  Zweck 
war  im  fiühen  Mittelalter^)  nicht  nur  nützlich,  sondern  ge- 
radezu nothwendig.  In  gewaltthätigen ,  unfriedlichen  Zeiten, 
bei  allgemeiner  Unkenntniss  des  Publicums  über  die  Waaren 
und  Unfähigkeit  desselben,  zu  messen  und  zu  wägen,  bei  ge- 
ringer Concurrenz  war  es  unerlässlich ,  in  dieser  Weise  zu 
helfen,  sollte  überhaupt  Verkehr  entstehen  und  wachsen.  Die  im 
vorigen  Paragraphen  erwähnten  Normalmaasse  für  die  Länge  des 
Tuchs  erklären  sich  z.  B.  auch  daraus,  dass  es  lange  Zeit  für 
das  Publicum  bequem  war,  nach  ein  für  allemal  feststehenden 
Maassen  zu  kaufen,  an  die  man  gewohnt  war  und  mit  denen 

')  S.  darüber  auch  Ochenkowsky  a.  a.  0.  S.  80,  94  (vgl.  oben  S.  410). 


472  Zwmtes  Buch ,  Cap.  1. 

man  sich  gewöhnt   hatte,   bestimmte   Preisvorstellungen  zu 
verbinden.  — 

Was  so  anfangs  nöthig  war,  erwies  sich  lange  als  nütz- 
lich, so  lange  als  die  Verhältnisse  bis  zu  gewissem  Grade 
stereotyp  waren,  d.  h.  so  lange  kein  rascher  Wechsel  der 
Qualitäten  der  Waare  und  ihrer  Herstellungsweise  stattfand, 
und  so  lange  der  directe  Absatz  des  Producenten  an  den 
Consumenten  ohne  speculirende  Zwischenhändler  mit  ausge- 
dehnter Concurrenz  vorheiTschte.  Einer  intelligent  vorwärts 
schreitenden  Production  und  einem  rege  entwickelten  Handel 
gegenüber  aber  wurden  solche  auf  den  kleinen  stätigen  Markt 
berechnete  Massregeln  unmöglich.  Wir  sehen,  dass  was  von 
ähnlichen  Einrichtungen  noch  bestand,  schon  im  18.  Jahrhun- 
dert schwer  lösbare  Schwierigkeiten  in  der  Ausführung  be- 
reitete. Das  19.  Jahrhundert  aber  musste  nothgedrungen 
giUndlich  damit  aufräumen. 

Preistaxen  und  Marktpolizei  bezogen  sich  natürlich  auf 
allgemein  verbrauchte  unentbehrliche  Waaren.  So  bereitete 
die  Kohlenzufuhr  nach  London  der  Gesetzgebung  grosse  Sorge, 
von  der  wir  aber  wegen  der  Existenz  von  geschlossenen  Zünf- 
ten in  diesem  Handelsgeschäft  erst  später  reden  werden. 
Unter  strengen  Bestimmungen  stand  der  Butterhandel,  in 
welchem  aber  nichtsdestoweniger  fortgesetzt  Betrügereien  statt- 
fanden.^) 

Im  März  1737  ^)  wurde  daiilber  gestritten,  ob  der  Käse- 
handel in  ehester  in  der  Hand  der  P'actoi-s  bleiben  oder  regu- 
liit  werden  solle. 

1762  wurde  ^)  petitionirt,  dass  den  Metzgern  das  Schlach- 
ten und  Fleischverkaufen  im  Hause  verboten  und  nur  auf 
öffentlichen  Märkten  gestattet  werden  solle.     Im  April  und 

^)  Report  on  Butter  Trade  in  Ireland  1826;  ferner  36.  Georg  in. 
c.  86  und  38.  Georg  III.  c.  78  und  Journals  of  the  House  of  Commons 
Vol.  51  (Februar  und  März),  Vol.  52  (5.  Mai),  Vol.  53  (7.  Mai). 

")  Journals  Vol.  23  S.  69,  139. 

^)  Journals  Vol.  29  S.  149. 


Preistaxen  und  Marktpolizei.  473 

Mai  1796  *)  klagten  die  Metzger  gegen  die  Praxis  der  Vieh- 
verkäufer. 1796  wurde  mit  Erfolg  um  Verschärfung  alter  Ge- 
setze gegen  die  Praxis  der  Zwischenhändler  im  Heu-  und 
Strohhandel  von  London  geklagt.^) 

Die  hervoiTagendste  Rolle  unter  den  Waaren  aber,  welche 
einer  Taxe  unterworfen  waren,  spielte  das  Brod.  Es  existirten 
Gesetze  seit  Heinrich  HI.,  welche  deutlich  und  entschieden 
das  Wohl  der  ärmeren  Classen  im  Auge  hatten  und  auf  dem 
Princip  beruhten,  dass  bestimmt  werde,  wieviel  das  Farthing- 
Brod  bei  einem  bestimmten  Preis  des  Quailera  Weizen  wiegen 
musste.  Dieses  Gewicht  wurde  so  berechnet,  dass  der  Bi*od- 
preis  dem  Bäcker  ersetzen  sollte  die  Auslagen  für  Korn,  Salz, 
Licht,  Holz  und  Lohn  und  dass  ihm  dann  pro  Quarter  Weizen 
zwei  Brode  und  etwas  Geldgewinn  übrig  blieben. 

Im  Jahre  1736^)  nun  petitionirten  Bäcker,  dass  die  Me- 
thode der  Festsetzung  der  Brodtaxe  den  Verhältnissen  nicht 
mehr  entspreche  und  geändert  werden  solle,  und  1758  wurden 
durch  31.  Georg  H.  c.  29,  eines  der  umfangi-eichsten  Gesetze 
seiner  Zeit,  die  alten  Gesetze  unter  einiger  Modification  co- 
dificirt.  Der  Gewinn  der  Bäcker  wurde  factisch  etwas  erhöht, 
indessen  bald  wieder  herabgesetzt*),  so  dass  das  Gesetz  in 
London  1800  trotz  gemachter  Anstrengungen  sich  als  unaus- 
führbar erwies.  Das  Gesetz  zwang  übrigens  die  Behörden  nicht 
zur  Aufstellung  einer  Brodtaxe,  so  dass  diese  auch  nicht 
überall  existirte.  Es  war  im  Uebrigen  sehr  streng,  zwang 
z.  B.  auch  die  Bäcker,  dass  sie  Brod  an  denjenigen,  der  den 
haaren  Preis  nach  der  Taxe  anbot,  abgeben  mussten. 

Die  grösste  Schwierigkeit  nun  bestand  in  der  Constati- 
rung  des  Weizenpreises;  darüber  verfügt  zuei-st  8.  Anne  c.  18 
Etwas,  welches  Gesetz  einfach  auf  die  Korn-  und  Mehlpreise 
auf  den  „several  public  markets**  verwies.    31.  Georg  IL  be- 


*)  Journals  Vol.  51. 

*)  Journals  Vol.  51  (März  u.  April). 

^)  Journals  of  the  House  of  Commons  Vol.  22  S.  602. 

*)  S.  Report  on  Laws  being  relative  to  the  assize  of  Bread  1772, 
der  an  der  Nothwendigkeit  einer  Brodtaxe  im  Allgemeinen  nicht  zweifelt, 
aber  Kückkehr  zur  alten  Norm  empfiehlt. 


474  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

Stimmte,  dass  die  Preise  während  der  ganzen  Marktzeit  unter 
eidlicher  Bestätigung  der  „Clerks  of  the  market"  zu  Grunde 
gelegt  werden  mussten. 

Daraus  geht  klar  heiTor,  dass  die  Brodtaxe  sich  leicht 
reguliren  liess,  so  lange  der  Kornpreis  zu  jeder  Zeit  an  jedem 
Ort  eine  einfache  und  notorische  Grösse  war,  so  lange  der 
Mehlpreis  in  constantem  Verhältniss  zum  Kornpreis  stand, 
und  so  lange  die  Art  des  Brodbackens  eine  einfache  und 
gleichmässige  war.  Sowie  ein  speculirender  Koni-  und  Mehl- 
handel auftrat  und  die  Mehlpreise  in  derselben  Zeit  ungleich 
waren,  fehlte  die  richtige  Basis  für  eine  allgemein  billige 
Brodtaxe. 

Auch  1774  war  man  noch  unbedingt  der  Meinung,  dass 
eine  Brodtaxe  sein  müsse,  doch  sah  man  ein,  dass  diese  sich 
nicht  mehr  ausschliesslich  nach  dem  Kornpreis  reguliren  lasse, 
da  auch  der  mit  dem  Koinpreis  nicht  immer  im  gleichen  Ver- 
hältnisse stehende  Mehlpreis  in  Betracht  komme.  Die  Specu- 
lation  der  Müller,  ihre  verschiedenartige  Production  und  ihre 
complicirten  Handelsbeziehungen  zu  den  Bäckern  bewirkten 
also,  dass  die  Brodtaxe  sich  nicht  mehr  so  einfach  und  sicher 
bestimmen  liess.  Indessen  war  der  Glaube  an  die  Nützlich- 
keit der  Reglementirung  noch  so  stark,  dass  man  zunächst 
auf  den  Gedanken  kam,  auch  die  Müller  einer  Taxe  zu  unter- 
werfen.*) 

Die  Stärke  dieses  Glaubens  zeigte  sich  auch,  als  steigende 
Kompreise  Noth  hervorriefen;  zugleich  aber  zeigen  die  ge- 
machten Vorschläge  in  ihrer  schwer  ausführbaren  Compliciit- 
heit,  wie  überlebt  dieser  Glaube  war.  1796^)  wurde  vorge- 
schlagen ,  in  Theueiungszeiten  sollten  die  Magistrate  die  Aus- 
scheidung der  Kleie  über  ein  gewisses  Maximum  in  den  Müh- 
len verbieten,  sie  sollten  die  Production  von  feinem  Mehl,  das 
Backen  von  Brod  aus  Mehl  mit  Abzug  von  mehr  als  5  Pfund 
Kleie  auf  60  Pfund  Weizen  verbieten  etc.     Zugleich   wurde 


^)  Report  on  Methods  practised  in  making  flour  from  Wheat  etc., 
14.  Juni  1774. 

2)  Fourth  and  Fifth  Report  on  the  High  Price  of  Cora.  3.  u.  8. 
März  1796. 


Preistaxen  und  Marktpolizei.  475 

verlangt,  es  sollte  Korn  nur  nach  Gewicht  verkauft  und  es 
sollten  öffentliche  Wagen  aufgestellt  werden. 

Aehnliche  Voi-schläge  tauchten  1800  und  1801  auf^),  wo 
auch  die  Beschränkung  der  Verwendung  von  Korn  zur  Spiri- 
tusfabrikation neuerdings  ihre  Rolle  spielte. 

Für  London  speciell  galt  37.  Georg  III.  c.  98  (1797),  wo- 
nach die  Magistrate  sowohl  den  Eom-  als  den  Mehlpreis  zu 
Grunde  legen  konnten,  wobei  diese  Preise  auf  Grundlage 
wöchentlicher  eidlicher  Aussagen  der  Bäcker  selbst  consta- 
tirt  wurden.  In  Folge  dessen  verloren  die  Bäcker  das  Inter- 
esse am  billigen  Mehleinkauf,  kauften  unbesorgt  theuer  gegen 
Credit,  gaben  jedenfalls  nur  diese  höchsten  bei  langem  Credit 
gezahlten  Preise  an  und  warfen  sich  mit  Vorliebe  auf  den 
Kauf  des  theuersten  nnd  besten  Mehls,  aus  dem  am  meisten 
Brod  gemacht  werden  konnte. 

So  konnten  Müller  selbst,  die  Backhäuser  anlegten  und 
und  einzelne  Bäcker,  die  das  Mehl  billig  gegen  Baaraahlung 
kauften,  das  Brod  unter  der  Taxe  verkaufen  und  das  Bi*od 
war  in  London  überhaupt  theurer  als  in  Biimingham  und 
Manchester,  wo  keine  Taxe  existirte.  Ein  grösserer  Capitalist 
White  verkaufte  Jahre  lang  Brod  unter  der  Taxe  und  wurde 
reich  dabei,  weil  er  das  Mehl  im  Grossen  billiger  einkaufte. 

Nach  38.  Georg  III.  c.  62  (1798)  wurden  die  Behörden 
angewiesen,  bei  den  Brodtaxbestimmungen  dem  Preis  des  Quar- 
tei-s  Weizen  5  pence  in  Anbetracht  der  neuen  Erhöhung  der 
Salzsteuer  zuzufügen. 

Indessen  alle  Mühe,  die  man  sich  gab,  konnte  einen  all- 
gemein befriedigenden  Zustand  nicht  schaffen.  Es  wurde 
fortgesetzt  geklagt,  sowohl  in  London*)  als  in  der  Provinz 3). 
Es  wurde  dabei  constatirt,  dass  in  Bristol  eine  Brodactien- 
Gesellschaft  existiite,  die  schlechteres  Brod  unter  der  Taxe 
abgab  und  über  die  die  Magistrate  keine  Gewalt  hatten.*) 


^)  Second  Report  on  the  Assize  and  Making  of  Bread,  6.  März  1800. 
Report  on  High  Price  of  Provisions,  1800  u.  1801. 
*)  Report  on  London  Bakers  27.  AprU  1813. 
^)  Report  on  the  Petitions  of  Country  Bakers  1813. 
*)  Minutes  of  Evidence  3.  Juni  1813. 


476  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

Das  Gesetz  53.  Georg  IE.  c.  116  (1813)  suchte  darauf 
das  ganze  Bi*odtaxwesen  neu  zu  reguliren. 

1815  ^)  wurde  die  Sache  eingehender  untei*sucht  und  die 
Parlements-Commission  kam  aus  den  angegebenen  GiUnden 
wegen  der  Verschiedenheit  des  Mehlpreises,  sowie  auch  des- 
halb, weil  aus  derselben  Quantität  Korn  doch  nicht  überall 
und  jederzeit  dieselbe  Quantität  Brod  gemacht  wird  und  ge- 
macht werden  kann,  zu  dem  Resultat,  dass  jede  Taxe  abge- 
schafft und  freie  ConcuiTenz  eingeführt  w^erden  solle. 

Unzweifelhaft  hatte  die  Commission  Recht  —  für  ihre 
Zeit  ging  es  nicht  mehr;  ihr  allgemeiner  Zweifel,  ob  die  Ge- 
setze jemals  nützlich  gewirkt  hätten,  ei-scheint  dagegen  als 
ungerechtfertigt.  Darauf  wurde  die  Brodtaxe  für  London  und 
nächste  Umgebung  durch  55.  Georg  III.  c.  99  wirklich  auf- 
gehoben, bestand  aber  sonst  noch  fort. 

Uebrigens  erwies  es  sich  bald,  dass  nicht  nur  eine  eigent- 
liche Brodtaxe,  sondern  auch  das  amtliche  Wägen  des  zum 
Verkauf  gelangenden  Brodes  undurchführbar  war.  Das  Brod 
ändert  bekanntlich  sein  Gewicht,  wenn  es  länger  liegt  und 
trockener  wird.  Wog  man  das  Brod  zu  beliebiger  Zeit  nach 
dem  Backen,  so  verloren  die  Bäcker,  die  über  dem  Gewicht 
backen  mussten.  Durfte  es  nur  24  Stunden  nach  dem  Backen 
gewogen  werden,  so  hatte  das  Publicum  keinen  Schutz^). 

Das  Committee  von  1821  war  daher  gegenüber  dem  in- 
zwischen (1819)  erlassenen  Gesetz  59.  Georg  III.  c.  36,  das 
den  BäckeiTi  ausserhalb  Londons  schon  manche  Erleichterun- 
gen schaffte,  der  Meinung,  man  solle  sich  einfach  auf  das 
Verbot  der  Beimischung  fremder  Stoffe  zum  Brod  und  auf  das 
Gebot  beschränken,  dass  die  Bäcker  legales  Gewicht  haben 
und  auf  Verlangen  des  Käufers  das  Brod  vorwiegen  müssen. 

Dennoch  bestand  die  Brodtaxe  ausser  für  London  und 
seine  Umgebung  noch  fort  und  wurde  immer  wieder  neu  regu- 


^)  Report  on  Laws  relative  to  the  Monufacture,  Säle  and  Assize  of 
Brcad. 

2)  Report  ou  Petitions  of  Country  Bakers  1^18  und  Report  on  the 
existiug  regulations  relative  to  the  making  and  the  Säle  of  Bread  1821. 


Competenzbegrenzungen  verschiedener  Gewerbe.  477 

lirt,  während  in  London  verschiedene  Versuche  gemacht  wur- 
den, den  Brodhandel  ohne  Taxe  zu  reguliren^). 


§  6.    Competenzbegrenzungen  verschiedener 

Gewerbe. 

Es  war  im  Allgemeinen  der  Zweck  der  alten  Ordnung, 
gewerbliche  Kunstfertigkeit  zu  erhalten  und  auszubilden  und 
Jedem,  der  dem  Gewerbe  berechtigter  Weise  angehörte,  seinen 
Nahrungsstand  zu  sichem.  Dieser  Zweck  wurde  in  England 
weder  ausschliesslich  durch  allgemeine  organische  Gesetze 
noch  durch  legalisirte  Zunftstatuten  angestrebt,  sondern  beide 
Wege  wurden  zugleich  beschritten  und  dazu  kamen  eine  Menge 
specieller  Gesetze  für  einzelne  Orte  und  Gewerbe.  So  herrschte 
zu  keiner  Zeit  in  England  eine  überall  gleiche  Ordnung.  Aber 
es  lässt  sich  stets  aus  einzelnen  wichtigen  Beispielen  der  Geist 
ableiten,  der  zu  irgend  einer  Zeit  in  der  Ordnung  der  Ge- 
werbe vorhen-schte.  Die  wichtigsten  Quellen  für  solche  Er- 
kenntniss  sind  einerseits  die  Gesetze  über  Lehrlingswesen  und 
Lohnregulining,  anderseits  die  Verfassungen  wichtiger  Zünfte. 

In  diesen  spielten  auch  Voi-schriften  über  die  den  einzel- 
nen Gewerben  gestatteten  Thätigkeiten  ihre  Rolle,  welche  dem 
Zweck  der  Sicherung  des  Nahrungsstandes  dienten.  Indessen 
es  kamen  solche  Vorschiiften  auch  unabhängig  von  Zünften 
und  Corporationen  vor  und  deshalb  mögen  vor  der  Bespre- 
chung der  Zünfte  noch  einige  besondere  Thatsachen  angeführt 
werden,  aus  denen  das  Verkommen  gewerblicher  Competenz- 
beschränkungen  erhellt: 

Im  März  1725  wehrten  sich  die  Clothdressers  in  Leeds 
dagegen,  dass  auch  die  Clothiers  ihre  Arbeit  betrieben  und 
verlangten,  dass  diese  ihnen  als  einem  selbständigen  Ge- 
werbe vorbehalten  bliebe.*) 

Im  Februar  1 737  beklagten  sich   Schuster  *)   über  den 

*)  S.  1.  u.  2.  Georg  IV.  c.  50  (1821),  8.  Georg  IV.  c.  106,  5.  Georg  IV. 
c.  50. 

«)  Journals  Vol.  20. 

«)  Journals  Vol.  22  S.  62  u.  Vol.  23  S.  174. 


478  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

Unfug,  dass  Lederhändler  heimlich  Leder  an  Schusterarbeiter 
verkaufen,  die  daraus  Schuhe  machen. 

Die  Fabrikanten  von  mit  Seide  übei*sponnenen  Knöpfen 
genossen  gewisse  Vorrechte  durch  das  Verbot  von  Tuchknöpfen 
und  verlangten  Versch«arfiing  des  letztem  1718  und  1738.*) 

1796  erlangten  die  Fabrikanten  von  vergoldeten  Knöpfen 
Schutz  gegen  verfälschte  Waare.^) 

Die  Schnallenmacher  in  Birmingham  verlangten,  dass 
Schnallenhakenmacher  ihr  Product  nicht  ausführen  dürften, 
sondern  es  ihnen  verkaufen  müssten,  1760.*) 

Für  die  Metzger  bestanden  durch  5.  Anne  c.  34  und 
7.  Anne  c.  6  Vorschriften,  denen  zufolge  nur  bestimmte  Arten 
von  Metzgem  Schafe  und  Lämmer  direct  von  den  Päch- 
tern kaufen  durften,  was  1765  zu  Klagen  Veranlassung  gab*)« 

Seit  1785  entspann  sich  ein  langer  Kampf  zwischen  den 
Ladeninhabem  und  Hausireiii,  deren  Berechtigungen  sehr  be- 
schränkt wurden.^)  Die  Hausirer  wurden  dabei  von  kleineren 
Manufacturisten  vielfach  untei*stützt. 

Diese  Beispiele  mögen  genügen,  um  zu  zeigen,  dass  im 
vorigen  Jahrhundert  gewerbliche  Competenzbeschränkungen 
nicht  selten  waren  und  dass  durch  den  Egoismus  der  Bethei- 
ligten das  Interesse  an  solchen  Voi*schriften  noch  nicht  er- 
loschen waren.  Sie  hatten  indess  keine  grössere  Bedeutung, 
so  dass  eine  eingehende  Schilderung  dei-selben  unterbleiben 
kann.  Ich  gehe  nun  zu  den  Zünften  über,  als  dem  letzten 
wichtigen  Best  der  mittelalterlichen  Ordnung,  der  hier  be- 
sprochen werden  soll. 


')  Journals  Vol.  18  S.  675  u.  Vol.  23  S.  75. 

2)  Journals  Vol.  51,  9.  Febr. 

3)  Journals  Vol.  28  S.  785. 
*)  Journals  Vol.  30  S.  295. 

»)  Journals  Vol.   40  S.   85,   Vol.    41   (Februar  u.   März),   Vol.   44 
(April),  Vol.  50  CSIärz). 


Zünfte.  479 

§  7.    Zünfte. 

Die  gewerblichen  Coi-porationen  des  18.  Jahrhunderts 
nenne  ich  kurzweg  Zünfte,  weil  sie  Fortsetzungen  älterer 
Verbände  waren ,  die  zwar  in  England  in  Bezug  auf  Allge- 
meinheit ihres  Vorkommens  und  Autonomie  sich  stets  von 
den  deutschen  Zünften  unterschieden,  letzteren  aber  doch  in 
Bezug  auf  Zweck  und  Organisation  im  Wesentlichen  gleich 
waren.  Ihren  ursprünglichen  Zwecken  waren  sie  im  18.  Jahr- 
hundert wesentlich  entfremdet  —  dies  Schicksal  theilten 
sie  mit  den  deutschen  Zünften.  Eigenthümlich  aber  war 
ihnen,  dass  sie  in  einzelnen  Fällen  zu  privilegirten  Corpora- 
tionen  geworden  waren,  deren  Competenz  sich  über  das  ganze 
Land  ei*streckte.  In  solchen  Fällen  kann  man  denn  das  Wort 
Zunft,  woninter  man  sich  doch  immer  einen  localen  Verband 
vorstellt,  nur  in  uneigentlichem  Sinne  anwenden.  Indessen 
auch  solche  sogenannte  Zünfte  hatten  ihre  Basis  in  einzelnen 
Städten  und  so  mag  es  zulässig  sein,  das  englische  Wort 
„Company"  durchweg  mit  „Zunft"  zu  übersetzen. 

Im  18.  Jahrhundert  hatten  die  Zünfte  als  gewerbliche 
Goi*porationen ,  denen  die  Ausbildung  und  Ausfühmng  der 
gewerblichen  Ordnung  theilweise  übertragen  war,  aufgehört 
wohlthätig  zu  wirken.  Diese  Ordnung  selbst  hörte  auf  lebens- 
fähig zu  sein,  ihre  coiporativen  Träger  verwandelten  sich  in 
egoistische  Vertretungen  von  Sonderinteressen  oder  vergassen 
aus  Lässigkeit  ihre  Pflichten  zu  erfüllen.  Um  den  Zustand 
der  Zünfte  in  unserer  Periode  zu  schildern,  will  ich  zunächst 
zwei  besonders  interessante  Zünfte,  die  der  Gesetzgebung  viel 
zu  schaffen  machten,  nämlich  die  der  Kohlenhändler  und 
Strumpfwirker  vorführen  und  dann  noch  eine  Reihe  anderer 
Zünfte  kürzer  besprechen. 

Der  Kohlenhandel  zwischen  Newcastle  on  Tyne  und 
London  bereitete  der  Gesetzgebung  während  des  18.  Jahr- 
hunderts grosse  Sorge.  Es  handelte  sich  um  die  Versorgung 
des  hauptstädtischen  Publicums  mit  unentbehrlichem  Brenn- 
material und  sowohl  im  Interesse  des  Publicums  als  der  be- 
theiligten Händler,  Schiffer  und  Arbeiter  griff  die  Staatsgewalt 


480  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

fortwährend  ein.  1729  *)  erkannte  das  Parlament  auf  Grund- 
lage vieler  Petitionen  an,  dass  unter  den  Eigenthümein  und 
Ftthrem  der  Schiffe  schädliche  und  ungesetzliche  Combina- 
tionen  behufs  Erhöhung  des  Kohlenpreises  bestanden.  Im 
Jahre  darauf  wurde  über  die  Praktiken  der  Lichterschiffer 
in  London  geklagt,  die  durch  11.  und  12.  Wilhelm  UI.  c.  21  zu 
einer  Zunft  „the  Watermen's  Company"  incoi'porirt ,  und 
denen  durch  2.  Georg  11.  c.  26  strenge  Verpflichtungen  in 
Bezug  auf  Lehrlinge  aufgelegt  wurden.  Und  1730*)  erschien 
ein  Committeebericht,  welcher  diese  Klagen  als  berechtigt  aner- 
kannte. Die  Lichterschiffer  benutzten  ihre  Stellung  als  Mit- 
glieder einer  privilegirten  Zunft,  indem  sie  gleichzeitig  gegen- 
über den  SchiffsheiTn  als  Factoren  fungirten  und  selbst  auf 
eigene  Bechnung  Kohlen  kauften.  Sie  verhindeiten  die  Koh- 
lenhändler, Kohlen  in  ihren  eignen  Schiffen  von  einer  Stelle 
des  Themseufers  zu  einer  anderen  zu  fahren.  Sie  erhoben 
Prämien  dafür ,  dass  sie  bestimmten  Kohlensorten  einen  Vor- 
zug beim  Verkauf  einräumten.  Kurz  sie  missbrauchten  ihre 
Stellung  zur  Ausbildung  eines  gemeinschädlichen  Monopols 
des  Kohlenverkaufs.  Zugleich  wurden  Betrügereien  im  Messen 
der  Kohlen  constatiil.  Dagegen  protestirten  natürlich  die 
Lichterschiffer;  ihre  Privilegien  hätten  sie  durch  7jährige 
Lehrzeit  ei*worben.  ^) 

Darauf  wurde  3.  Georg  IL  c.  26  „An  Act  for  the  better 
Regulation  of  the  Goal  Trade"  erlassen,  welches  Gesetz  den 
Kohlenhändlern  den  Gebrauch  ihrer  eigenen  Schiffe  gestattete. 
Doch  mussten  sie  ihre  Schiffe  bei  der  Corporation  der  Lich- 
terschiffer gegen  eine  Gebühr  einschreiben  lassen.  Den 
Lichterschiffern  und  Kohlenhändlern  wurde  bei  Strafe  ver- 
boten, für  die  Schiffsherrn  als  Factoren  oder  Agenten  Kohlen 
zu  verkaufen.  Auch  wurden  die  alten  Strafen  auf  Prämien- 
zahlung behufs  Bevorzugung  einzelner  Kolilenarten  und  Schiffe 
erhöht.     Das  Gesetz  verhinderte  aber  nicht,   dass  schon  im 


*)  Journals  Vol.  21  S.  372. 

2)  Journals  Vol  21  S.  465,  468,  474,  518. 

■•)  Journals  Vol.  21  S.  539. 


Zünfte.  481 

folgenden  Jahre  und  dann  wieder  1738^)  über  Hinaufechrau- 
ben  der  Kohlenpreise  und  Gombinationen  geklagt  wurde. 
Diese  Klagen  erstreckten  sich  nun  auch  auf  Machinationen 
in  Newcastle,  nicht  nur  in  London.  Die  Klagen  wiederholten 
sich  1746  und  1747*)  und  die  Lichtenmänner  protestirten 
g^en  ein  den  Klagen  entsprechendes  Gesetz. 

Hatten  bisher  nur  die  Interessen  der  Consumenten,  Händler, 
Schiflfer  und  Lichterschiffer  sich  gemessen,  so  griffen  nunmehr 
auch  die  Arbeiter,  nämlich  die  Kohlenträger  ein,  deren  Ver- 
hältnisse durch  31.  Georg  IL  c.  76  (1758)  regulirt  wm-den. 
Die  Kohlenträger  beklagten  sich  nämlich,  3)  dass  Bierwirthe 
das  Besorgen  von  Ausladem  für  die  Kohlenschiffer  monopoli- 
sirt  hätten  und  verlangten  ein  obrigkeitliches  Vermittlungs- 
amt, sowie  Hilfe  zur  Bildung  einer  Hilfskasse.  Die  Unterhändler 
brachten  es  in  ihrem  Streben,  die  Arbeitsvermittlung  zu  mono- 
polisiren,  sogar  dahin  dass  die  Schaufelmacher  keine  Schau- 
feln an  die  ihnen  nicht  unterthänigen  Kohlenträger  verkauften.*) 

Das  Parlament  trat  auf  die  Seite  der  Arbeiter  gegen  die 
Unterhändler  und  Kohlenschiffer.  Allein  schon  1762  sehen  wir 
die  Arbeiter  wieder  petitioniren.  Nach  dem  Gesetz  waren  circa 
50  besondere  Gruppen  von  Kohlenträgern  mit  je  einem  Vor- 
mann gebildet  und  registrirt  worden.^)  Allein  die  Unter- 
händler hatten  sich  dagegen  combinirt  und  beschäftigten  nur 
solche  Gruppen,  die  keine  Hilfscasse  gebildet  haben  und  nicht 
registrirt  sind.  Sie  wollten  die  selbständig  organisirten 
Gruppen,  durch  welche  die  Unterhändler  überflüssig  wurden, 
sprengen.  Und  ihr  Streben  war  erfolgreich,  denn  1764^) 
erklärte  ein  Committeebericht,  dass  das  nach  31.  Georg  H.  den 
Arbeitern  gewährte  ßegisteramt  factisch  eingegangen  sei. 
1770  wurde  das  Gesetz  durch  10.  Georg  IH.  c.  53  aufgehoben. 
So  endigte  dieses  Intermezzo  in  der  Geschichte  der  Regulirung 


1)  Vol.  23  S.  155,  160,  164,  166,  263,  283,  318. 

«)  Vol.  25  S.  142,  133,  360,  374,  381. 

^  Vol.  28  S.  73,  202,  228,  258,  268. 

*)  a.  a.  0.  S.  259,  264,  270. 

^)  Vol.  29  S.  122,  319,  766;  die  Gruppen  heissen  „Gänge". 

«)  Vol.  29  S.  936. 

Held,  Soe.  Gesch.  Engl.  *  31 


482  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

des  Kohlenhandels,  indem  die  Gesetzgebung  den  Versuch,  die 
Arbeiter  zu  unterstützen,  bald  und  vollständig  aufgab. 

Inzwischen  erhoben  sich  1766  neue  Streitigkeiten  in  New- 
castle,  wo  die  Kohlenzubereiter  selbst  Schiffsheim  wurden 
und  die  Schiffer  beeinträchtigten,  indem  sie  gute  Kohlen  nur 
auf  ihren  Schiffen  verluden^)  und  1770  erhoben  auch  die 
Arbeiter  dieser  Zubereiter  Klage,  dass  die  alten  Gesetze  über 
das  Maass  der  Ladungen  zum  Schaden  ihrer  Löhne  übertreten 
würden*).  Auch  waren  inzwischen  6.  Georg  TU.  c.  35  und 
7.  Georg  IIl.  c.  23  Gesetze  erlassen  worden,  welche  das 
Messen  der  Kohlen  in  Westminster  und  London  unter  Auf- 
sicht stellten  und  regulirten. 

Im  Jahre  1787  und  1788  3)  wurden  neue  Anstrengungen 
gemacht,  die  Benachtheiligungen  der  Kohienschiffer  durch  die 
Lichterschiffer  in  London  und  der  Kohlenbereiter  in  NewcasÜe 
durch  einen  geregelten  Tunius  der  zum  Laden  zugelassenen 
Schiffe  zu  heben.  1788  hob  28.  Georg  III.  c.  53  die  dui-ch 
9.  Anne  c.  28  und  3.  Georg  IL  c.  26  verhängten  Strafen  auf, 
weil  die  betreffenden  Personen  die  Praxis  des  Handels  so 
vorgefunden  haben  und  durch  Strafen  minirt  werden ;  dasselbe 
Gesetz  erklärte  aber  gegenüber  der  Gesellschaft  der  Londoner 
Kohlenbörse  alle  Vereinigungen  von  mehr  als  5  Pei-sonen 
behufs  Ankaufs  von  Kohlen  oder  Regulirung  des  Kohlenhan- 
dels als  ungesetzlich. 

Ueberblicken  wir  alle  Klagen  über  die  Missbräuche  im 
Kohlenhandel  und  alle  dagegen  erlassenen  Gesetze  im  18.  Jahr- 
hundert, so  sehen  wir,  dass  der  Glaube  noch  allgemein  heiTScht, 
es  müsse  der  Handel  mit  einem  so  wichtigen  Product  streng 
regulirt  werden.  Alle  Versuche  der  Regulirung  aber  erweisen 
sich  fortgesetzt  als  unwirksam  oder  ungenügend.  Die  Con- 
sumenten  und  die  Gesetzgebung  liegen  dabei  fortwährend  im 
Kampf  mit  gesetzlichen  Corporationen,  wie  denen  der  Lichter- 
schiffer und  mit  ungesetzlichen  Combinationen  der  Producenten 

')  Journals  Vol.  30  S.  542,  670,  706. 
*)  Journals  Vol.  32  S.  644. 

•'')  Journals  Vol.  42.  7.  9.,  11.,  15.,  18.  März,  Vol.  43.  80.  Novbr., 
10.  Dcbr.,  29.  Febr.,  8.  u.  14.  April. 


Zünfte.  483 

und  Verkäufer,  welche  fortwährend  mit  Erfolg  den  Preis  der 
Kohle  in  die  Höhe  zu  treiben  suchen.  In  den  Coiporationen 
dominiren  egoistische  Specialinteressen ,  der  Staat  erscheint 
unfähig  die  allgemeinen  Interessen  durch  seine  Regulimngen 
und  durch  Herstellung  von  freierer  Concurrenz  auf  künstlichem 
Wege  zu  schützen.  Aus  dem  Jahre  1800  haben  wir  noch 
zwei  Committeeberichte  ^)  welche  unbedingt  constatiren ,  dass 
der  ganze  Kohlenhandel  nach  London  von  monopolistischen 
Gruppen  beherrscht  werde.  Die  Gnibenbesitzer  hatten  einen 
Verband  „The  Limitation  of  vends"  genannt,  demzufolge  jede 
Grube  nur  ein  gewisses  Quantum  Kohlen  im  Jahr  verkaufen 
durfte,  die  Schüfe  in  Newcastle  mussten  unmässig  lange  auf 
Ladung  warten,  und  in  London  existiite  kein  freier  Markt.*) 
Es  wurde  daher  vorgeschlagen,  den  Kohlenhandel  der  City  of 
London  selbst  zu  übertragen,  oder  ihn  doch  auf  einen  öffent- 
lichen der  Aufsicht  der  Stadtbehörden  unterworfenen  Markt 
zu  verlegen  und  durch  Ganalbauten  eine  Concurrenz  mit  den 
Kohlen  aus  Newcastle  in  London  zu  ermöglichen.  Interessant 
ist  dabei,  wie  man  sich  bemühte,  die  Kosten  und  Gewinne 
der  Kohlen  verkauf  er  au&  Genaueste  zu  constatiren  und  daraus 
Folgerungen  für  wünschenswerthe  Regulirung  des  Handels  zu 
ziehen. 

Alle  diese  Vorgänge  zeigen  deutlich  den  Bankerott  der 
alten  Ordnung  und  das  Verkommen  der  Corporationen  in 
egoistischen  Sonderinteressen.  Gruppen  von  empoi*strebenden 
Capitalisten  beuteten  den  Markt  aus  und  möglichste  Befreiung 
der  Concurrenz  als  Gegenmittel  war  theils  noch  ni^ht  den 
hen*schenden  Meinungen  entsprechend,  theils  noch  nicht  mög- 
lich. Beim  Versuch  einzugieifen  gedachte  der  Staat  gelegent- 
lich der  Arbeiter,  diese  Rücksicht  trat  aber  gegenüber  der- 
jenigen auf  die  geschlossen  organisirten  Gruppen  der  Produ- 
centen  und  Händler  und  der  Consumenten  in  den  Hintergrund. 

^)  Reports  from  Committees  on  the  Goal  Trade.    Juni  u.  Dcbr.  1800. 

^)  Diese  Gnibenbesitzer  hatten  schon  lange  Alles  gethan,  die  Con- 
currenz zu  erschweren.  Schon  1739  (Journals  Vol.  23  S.  283  etc.)  wurde 
constatirt,  dass  sie  Grubenfelder  pachteten,  nicht  um  sie  abzubauen,  son- 
dern um  ihre  Abbau  durch  Andere  zu  verhüten. 

31* 


484  Zweites  Buch,  Gap.  1. 

Die  Hechte  incorporirter  legaler  Zünfte  spielen  bei  der 
ganzen  Entwicklung  eine  Bolle,  doch  ist  hier  offenbar  das 
Treiben  freier  Verbände  von  gi-össerer  Bedeutung.  Anders 
bei  den  Strumpfwirkern.  In  diesem  Gewerbe  beginnt  der 
Streit  mit  einer  Opposition  gegen  Zunftrechte. 

Das  Stinimpfwirkergewerbe  in  London  yvurde  schon  unter 
Cromwell,  wie  alle  Londoner  Gewerbe,  incorporirt  ^).  15.  Karl 
II.  (1664)  erhielt  die  Stinimpfwirkerzunft  darauf  einen  Charter, 
der  sie  zu  einer  „Coiporation  mit  staatlicher  Autorität"  unter 
dem  Titel  „Master,  Wardens,  Assistants  and  Society  of  the 
Company  of  Frameworkknitters  of  our  said  cities  of  London 
and  Westminster  and  our  Kingdom  of  England  and  dominion 
of  Wales"  gestaltete. 

Danach  konnte  jeder  Stinimpfwirker  zum  Beitritt  zur 
Gesellschaft  gezwungen  werden^)  unter  Geldstrafe  von  5  Pf. 
Sterl.  für  jede  Woche,  in  der  er  ohne  Beitritt  das  Gewerbe 
trieb.  Die  Organe  der  Zunft  bekamen  das  Recht,  alle  Werk- 
stätten zu  betreten  und  Geldstrafen  für  betrügerische  oder 
regelwidrige  Arbeit  aufzulegen.  Die  Coi-poration  durfte 
Statuten  erlassen.  Sie  sollte  im  Allgemeinen  die  gesetzliche 
7  jährige  Lehrzeit  im  Gewerbe  einführen,  der  Vorstand  konnte 
aber  auch  Andere  aufnehmen  ^). 

Es  wurde  also  eine  Zunft  mit  dem  Sitze  in  London  ge- 
gründet, welche  das  Gewerbe  im  ganzen  Lande  beherrschen 
sollte  und  welcher  ausgedehnte  ^ewerbepolizeiliche  Befugnisse 
übertragen  wurden. 

Im  Jahre  1710  kamen  bereits  Streitigkeiten  mit  den 
Arbeitern  vor,  welche  über  Ueberzahl  von  Lehrlingen  nament- 
lich in  Folge  der  Annahme  von  Kirchspiellehrlingen  klagten 
und  als  Vorläufer  der  späteren  Ludditeu  die  Rahmen  zer- 
störten. Die  Meister  gaben  damals  nach,  Einer  aber  wanderte 
nach  Nottingham  aus,  setzte  sich  über  die  Londoner  Regeln 
weg  und  nahm  unbeschränkt  Kirchspiellehrlinge  an,  wofür  er 


^)  Felkin,  History  of  the  Machine  wrought  Hosiery  and  Lace  Ma- 
nufactures,  London  1867,  S.  07. 

')  Report  on  Framework-knitters  Petitions.  27.  Mai  1812. 
^)  a.  a.  0.  S.  49,  siehe  den  Wortlaut  des  Charters. 


Zünfte.  485 

5  Pf.  St.  pro  Kopf  von  den  Kirchspielen  bekam.  1729 
unterliess  es  das  Parlament,  dem  Unfug  mit  den  Kirchspiel- 
lehrlingen Einhalt  zu  thun,  bedrohte  aber  das  Zerstören  von 
Werkzeugen  mit  Todesstrafe,  welche  in  einigen  Fällen  1770 
wirklich  vollstreckt  wurde*). 

Die  Londoner  Zunft  machte  von  ihrem  Rechte  Statuten 
zu  erlassen  1744  Gebrauch.  Die  neuen  Statuten  wurden  1745 
bestätigt  ^).  Danach  ernannte  die  Zunft  Deputirte,  welche  in 
allen  Werkstätten  die  Güte  der  Arbeit  beaufsichtigten.  Es 
wurde  streng  verboten,  Rahmen  vonNichtmitgliedemzu  miethen. 
Die  7jährige  Lehrlingszeit  wurde  zur  Vorbedingung  für  den 
Gewerbebetrieb  und  Eintritt  in  die  Gesellschaft  erklärt. 
Genaue  Vorschriften  wurden  über  Annahme  von  Lehrlingen 
und  Arbeitern  erlassen.  Letztere  durften  nur  bei  Zunftmit- 
gliedeiTi  eintreten  mit  gegenseitiger  einmonatlicher  Kündi- 
gungsfrist und  mussten  selbst  Gesellschaftsmitglieder  sein.  Die 
Meister  mussten  vierteljährlich  6  pence,  die  Arbeiter  3  pence, 
berechtigte  Mitglieder,  die  das  Gewerbe  nicht  ausüben,  auch 

6  pence  bezahlen.  Die  Aufnahme  in  die  Zunft  kostete 
13  Schillinge.  Die  Lehrlinge  mussten  am  Schluss  der  Lehr- 
zeit ein  Meisterstück  machen  und  12  Schillinge  12  pence 
erlegen. 

Diese  Statuten  beweisen,  dass  die  Zunft  gegen  Gewerbs- 
beeintiächtigung  durch  Nichtmitglieder  zu  kämpfen  hatte. 
In  Nottingham  wurde  1753  gegen  diese  Prätensionen  Opposi- 
tion erhoben,  weil  sie  „gegen  die  Vernunft  und  die  Freiheit 
der  britischen  Unterthanen*'  seien  ^),  das  Gewerbe  nicht  höben, 
sondern  diückten,  —  die  Jurisdiction  der  Zunft  sei  schon 
seit  22  Jahren  ausser  Gebrauch.  In  London  selbst  erhob  sich 
Opposition  gegen  die  egoistischen  Statuten.  Natürlich  wehrte 
sich  die  Zunft  und  in  Nottingham  selbst  fanden  sich  neben 
den  Opponenten  auch  Bundesgenossen  der  Londoner  Zunft, 
welche  Regulirung  des  Gewerbes  im  Interesse  der  Erhaltung 
guter,  geleiTiter  Arbeiter  verlangten. 

^)  Felkin  a.  a.  0,  S.  227  fif. 

')  Journals  of  the  House  of  Commons  Vol.  26  S.  779  ff. 

■'^)  Journals  Vol.  26  S.  593. 


486  Zweites  Buch ,  Cap.  1. 

Es  erfolgte  eine  eingehende  Untei-suchung,  bei  der  sich 
herausstellte,  dass  die  Zunft  selbst  ihre  Pflichten  nicht  erfüllte, 
sondern  zumeist  nur  ihre  Rechte  zum  Zweck  der  Bereiche- 
ning  der  Mitglieder  missbrauchte.  Die  Meisterstücke  wurden 
nicht  gepi-üft,  sondern  nur  die  Gebühren  erhoben:  Gewerbs- 
missbräuche wurden  nicht  gerügt  und  unterdrückt,  sondern 
nur  die  Strafen  wurden  eincassirt.  Es  gab  Deputirte,  die 
selbst  keine  Lehrzeit  durchgemacht  hatten.  Gegen  Zahlung  von 
Gebühren  wurde  Jedermann  in  die  Gesellschaft  aufgenommen. 

Das  Parlament  erkannte  die  Klagen  gegen  die  Zunft  als 
berechtigt  an  und  ihre  Macht  über  das  ganze  Gewerbe  war 
seitdem  factisch  gebrochen.  Andere  Ordnungen  zum  Schutze 
der  Arbeiter  wurden  nicht  eingeführt.  Seit  1740  hatten  sich 
in  dem  Gewerbe,  namentlieh  durch  einen  gewissen  Stnitt, 
der  sich  später  mit  Arkwright  associirte,  technische  Fortschritte 
entwickelt.  Diese  aber  kamen  den  Arbeitern  nicht  zu  Gute. 
In  London  wie  in  Nottingham  standen  den  Arbeitern  capi- 
talistische  Unteniehmer  dort  zunftmässig  organisiit,  hier  ohne 
solche  Organisation  gegenüber  und  drückten  die  Löhne  foit- 
während  herunter,  so  dass  1778— -1790  bittere  Streitigkeiten 
zwischen  den  Arbeitern  und  Arbeitgebeni  entstanden,  während 
deren  die  ei-steren  finichtlos  um  Regulirung  des  Gewerbes 
und  der  Löhne  petitionirten  ^),  Die  Noth  der  Arbeiter  wurde 
zwar  anerkannt  *),  allein  es  scheint  dass  namentlich  die  Furcht 
vor    französischer    Concurrenz    ein   Einschreiten   verhinderte. 

Fruchtlos  wurde  an  die  alte  Ordnung  appellirt,  nachdem 
diese  durch  neuen  capitalistischen  Betrieh  der  Production  und 
durch  den  Welthandel  unmöglich  geworden  war.  Grosse 
Fabriken  blühten  in  diesem  Gewerbe  ei-st  seit  1860  auf,  aber 
die  Abhängigkeit  der  hausindustriellen  Meister  von  kapital- 
reichen Arbeitgebeni  war  längst  begründet.  1780—1810 
kamen  zwar  keine  Unruhen  unter  den  Strumpfwirkern  mehr 
vor,  aber  die  inicksichtslose  Uebermacht  der  Herren  wuchs 
fortwährend   und   1811—1814  trieb   das  Elend   der  Stnmipf- 


^)  S.  Brentano  a.  a.  0.  S.  110  fif. 
'')  Journals  Vol.  37.    5.  Mai  1779. 


Zanfte.  487 

Wirker  diese  zum  Schliessen  heimlicher  Verbände.  Die 
Strumpfwirker  betrieben  nunmehr  unter  den  Namen  Ludditen 
das  Zerstören  der  Rahmen  planmässig. 

Auch  in  dieser  Zeit  erinnerte  man  sich  wieder  der  alten 
zünftigen  Ordnung  und  strebte  danach,  wenigstens  ihren  Geist 
durch  neue  allgemeine  Gesetze  wieder  zu  beleben.  Es  ist 
dabei  charakteristisch,  dass  das  Postulat  der  Reguliioing  des 
Lehrlingswesens  und  der  Löhne  stark  in  den  Hintergiund 
trat  gegenüber  der  Tendenz,  die  Concurrenz  von  billigeren 
nach  neuer  Methode  gemachten  Producten  zu  unterdrücken. 
Was  die  Löhne  betrifft,  so  wurde  stark  über  Truck  geklagt; 
auch  wurde  verlangt,  dass  jeder  Strumpf händler  in  seinem 
Waarenhaus  Tabellen  über  die  Löhne  für  jede  Art  Arbeit 
und  über  die  Rahmenmiethe  aufhängen  solle.  Es  könne  eine 
Strumpf  Wirkerfamilie  nur  13^  ^  Schilling  per  Woche  verdienen  ^) 
Indessen  als  Hauptbeschwerdepunct  erscheint  immer  „betiüge- 
rische  Arbeit,''  d.  h.  man  agitirte  in  erster  Linie  gegen  neue 
Productionsmethoden  *),  deren  ümsichgi*eifen  stark  auf  ver- 
mehrter Verwendung  von  Baumwolle  beruhte^). 

Nach  diesen  Unruhen  gelang  es  an  einzelnen  Orten  Lohn- 
erhöhung durch  Verabredung  durchzusetzen.  Bald  aber  sanken 
die  Löhne  wieder  in  Folge  einer  neuen  technischen  Aende- 
rung,  des  sogenannten  „cut-up-work".  Die  Löhne  in  Leicester 
sanken  dadurch  auf  6—7  Shill  per  Woche  bei  15  stündiger 
täglicher  Arbeit.  Wieder  wurde  das  Verbot  dieser  Production 
verlangt*).  Die  Noth  dauerte  fort  bis  1845.  1846  begannen 
sich  gi'össere  Fabriken  mit  Dampfbetrieb  zu  entwickeln  und 
seit  1860  datirt  ein  neuer  Aufschwung  des  Gewerbes^).  Un- 
leugbar gehört  das  Strumpfwirkergewerbe  zu  denjenigen,  in 
welchen  die  Arbeiter  am  stärksten  und  am  längsten  gelitten 
haben.     Deutlich  ist  aber  an  diesem  Gewerbe  zu  sehen,  dass 

^)  Report  on  Framework-knitters  Petitions,    27.  Mai  1812. 
*)  S.  a  a.  0.  Appendix  No.  5:  Statement  by  the  Frame work-knitters 
of  the  Groiuids  of  their  petitioning  Parliament. 

^)  Second  Report  on  Framework-knitters.    16.  Juli  1812. 
*)  Report  on  Framework-knitters  Petition  1819. 
')  Felkin  a.  a.  0.  S.  442  ff. 


488  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

nicht  willkürliche  Aufhebung  der  alten  Ordnung  die  Noth  der 
Arbeiter  verschuldete.  Vielmehr  war  die  alte  Zunft,  welche 
der  Form  nach  noch  bis  1835  fortbestand,  bereits  in  der  Mitte 
des  vorigen  Jahrhunderts  keine  Einrichtung  zum  Schutze  aller 
berechtigten  Interessen  mehr,  sondern  eine  Clique  mit  Sonder- 
interessen und  ein  Hemmniss  für  den  Foiischritt  des  Gewerbes. 
Internationale  Conjuncturen,  häufiger  und  rascher  Modewechsel 
und  technische  Fortschritte  machten  jede  eniste  Ordnung  alten 
Stik  seit  dieser  Zeit  unmöglich  in  einem  Gewerbe,  in  welchem 
der  sogenannte  Meister  abhängig  war  vom  Kaufmann  und 
Rahmenvermiether.  Leidenschaftlicher  Zerstörungstrieb  und 
reactionäre  Petitionen  der  Arbeiter  kämpften  vergebens  g^en 
die  Macht  des  Capitals  und  die  neue  Technik,  bis  endlich 
nach  Uebergangsleiden  und  anarchischen  Zuständen,  die  1^^ 
Jahrhunderte  ^)  hindurch  gewährt  hatten,  dies  EiTeichen  eines 
gewissen  Höhepunkts  der  technischen  Entwicklung  wieder 
bessere  Tage  brachte.  Die  Leiden  der  Arbeiter  eiregen  unser 
Mitgefühl  und  wir  sympathisiren  mit  Lord  Byron,  der  1812 
seine  Jungfemrede  gegen  die  auf  Maschinenzerstörung  gesetzte 
Todesstrafe  hielt.  Ja,  wir  können  es  tadeln,  dass  weder  1779 
noch  1812  überhaupt  ein  energischer  Versuch  zur,  wenn  auch 
nur  voiHbergehenden,  Abhülfe  der  Noth,  gemacht  wurde.  Aber 
wir  müssen  zugestehen,  dass  die  alte  und  speciell  zünftische 
Ordnung  als  solche  nicht  mehr  helfen  konnte. 

Auch  in  anderen  Gewerben  erwiesen  sich  vorhandene 
Zünfte  als  ihrer  Aufgabe  nicht  mehr  gewachsen. 

Schon  die  Königin  Elisabeth  liatte  der  Zieglerzunft  in 
London  unter  dem  Namen  „Company  of  freemen  of  the  Art 
and  Mystery  of  tilers  and  bricklayers^  einen  Cluirter  gegeben, 
demzufolge  sie  das  ganze  Gewerbe  im  ISmeiligcn  Umkreis  von 
London  beherrschte  und  Verordnungen  über  das  Ziegelbrennen 
gegeben  hatte.  Diese  wurden  aber  nicht  eingehalten.  Das 
Parlament  beschloss  daher  1725-),  neue  Anordnungen  zu  er- 
lassen und  die  Befugnisse  der  Zunft  zu  verstärken,    wogegen 

')  S.  Report  von  1812  S.  1—4. 
')  Journals  Vol.  19  S.  593  ff. 


Zünfte.  489 

zwar  andere  Meister  protestirten ,  was  aber  doch  den  Erlass 
eines  Gesetzes  12.  Georg  IL  c.  35  zur  Folge  hatte.  Bald 
aber  ertönten  wieder  Klagen  ^ ,  dass  die  Zunft  ihre  Befug- 
nisse schlecht  ausführe.  Der  Voi-stand  der  Zunft  begünstige 
XJnterschleife,  gestatte  einzelnen  Mitgliedern  das  Gesetz  zu 
umgehen  und  dadurch  Concurrenten  zu  unterbieten  etc.  Das 
Parlamentscommitee  schlug  selbst  vor,  dass  obrigkeitlich  be- 
stellte Aufseher  eine  mit  dem  Zunftvoretand  concurrirende 
Gewalt  ausüben  sollten ;  auch  erklärte  es  die  technischen  Vor- 
schriften über  Grösse  und  Herstellungsweise  der  Ziegel  auf 
Vorstellung  von  Hausbesitzern  für  veränderungsbedürftig.  Ge- 
setze wurden  dem  entsprechend  1728  und  1749  erlassen  — 
die  1770  noch  einmal  amendirt,  bis  1773  verlängert  wurden 
und  dann  erloschen. 

Erwies  sich  hier  die  Zunft  als  unfähig,  eine  wohlthätige 
Ordnung  des  Gewerbes  aufrecht  zu  erhalten,  so  sehen  wir 
auch  anderswo,  wo  immer  Zünfte  auftraten,  nur  Klagen  über 
ihr  Verhalten. 

Durch  13.  Karl  I.  waren  die  Londoner  Metzger  zu 
einer  Zunft  vereinigt.  Diese  erklärten  sich  1746*)  ausser 
Stande,  den  Vorstand  vorschriftsmässig  zu  wählen.  Auch  eine 
Bäckerzunft  existirte  in  London,  die  1787 »),  1788  *)  und  1789*) 
um  Anerkennung  ihrer  Rechte  petitionirte.  Dieselbe  spielt 
aber  bei  der  lebhaft  ventilirten  Frage  der  Brodtaxe  keine 
Rolle. 

In  London  existirte  auch  eine  Zunft  der  Färber,  welche 
im  10  meiligen  Umkreis  von  London  das  Gewerbe  zu  über- 
wachen hatte,  dass  nur  in  erlaubter  Weise  mit  gesetzlichen 
Farbstoffen  gefärbt  werde.  1783  wurde  wegen  vorkommender 
Betrügereien  und  in  Anbetracht  von  technischen  Fortschritten 
um  Aendening  dieser  ^)  Einrichtung  petitionirt.   Darauf  wurde 

^)  Journals  Vol.  21  S.  57,  60,  64,  76,  142,  210,  230,  436,  496. 

«)  Journals  Vol.  25  S.  50. 

»)  Journals  Vol.  42.  15.  März,  21.  Mai. 

*)  Journals  Vol.  43.  8.  Febr. 

^)  Journals  Vol.  44.  11.  Febr. 

^)  Journals  Vol.  39.  31.  Januar. 


490  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

23.  Georg  III.  c.  15  erlassen,  welches  Gesetz  dafür  Sorge 
trug,  (lass,  wenn  die  Londoner  Färberzunft  ihren  Verpflich- 
tungen nicht  nachkam,  andere  Aufseher  des  Gewerbes  eventuell 
durch  die  Friedensrichter  bestellt  würden.  Offenbar  war  also 
die  Zunft  unfähig,  die  Ordnung  im  Gewerbe  aufiecht  zu  er- 
halten. 

Die  Zunft  der  Goldschmiede  in  London  hatte  schon  1329 
einen  Charter.  Im  18.  Jahrhundert  aber  hatte  diese  Zunft 
durchaus  aufgehört,  nur  aus  Leuten  zu  bestehen,  die  7  Jahre 
in  ihr  gedient  hatten,  oder  alle  Meister  zu  umfassen  ^).  Nach 
älteren  Gesetzen  war  dieser  Zunft  das  Stempeln  der  Gold-  und 
Silberwaaren  übertragen. 

In  Hallamshire  existirte  seit  21.  Jacob  I.  eine  Zunft  der 
Messerschmiede.  Gegen  die  Missbräuche  in  dieser  Zunft  er- 
hoben 1 789  Mitglieder  selbst  ihre  Stimme  -).  Es  herrschte  in 
dieser  Zunft  die  auch  sonst  vorkommende  Einrichtung,  dass 
die  Beamten  ihre  Nachfolger  selbst  ernannten.  So  bildeten  die 
Leute,  welche  die  Zunft  leiteten  und  ihr  Vermögen  ver- 
walteten, eine  Gi'uppe,  welche  ihre  Sonderinteressen  auf  Kosten 
der  ganzen  Zunft  verfolgten.  Es  wurde  nun  gebeten,  die  Be- 
amten sollten  durch  Wahl  aller  Zunftmitglieder  bestellt  wer- 
den, die  Feilenschmiede  sollten  in  die  Corporation  aufgenommen 
werden,  und  es  solle  nicht  nur  den  Meistern,  sondern  auch 
den  Arbeitern,  die  Mitglieder  der  Zunft  sind,  das  Recht  zu- 
stehen, Lehrlinge  anzunehmen  —  eine  Forderung,  die,  neben- 
bei bemerkt,  deutlich  zeigt,  wie  bei  dem  Herrschen  der  Haus- 
industrie der  Untei-schied  zwischen  Meister  und  Arbeitem  sich 
verwischt  hatte.  Dieser  Unterschied  war  übrigens  in  England 
mit  seiner  7jährigen  Lehrzeit  und  dem  Mangel  an  Ausbildung 
eines  eigentlichen  zünftigen  Gesellenstandes  nie  so  scharf  wie 
bei  uns. 

Im  folgenden  Jahre  wiederholten  sich   diese  Petitionen  ^). 


^)  lleport  on  the  Manner  of  Condueting  the  scvcral  Assay  Offices  in 
in  London  etc.  1793. 

«)  Journals  Vol.  44.  20.  März  1789. 

^)  Journals  Vol.  45.  März  und  April  1790. 


Zünfte.  491 

Zugleich  kamen  Gegenpetitionen  von  Leuten,  die  bisher  das 
Gewerbe  ausserhalb  der  Zunft  betrieben  hatten  und  nicht 
unter  dieselbe  gestellt  werden  wollten.  Namentlich  erklärten 
die  Sheffielder,  dass  alle  Beschränkungen  schädlich  seien  und 
verlangten  eine  „liberale  Gewerbepolitik"  ^).  Die  Mitglieder 
der  Zunft  selbst  verlangten  zwar  Beschränkungen  und  Zunft- 
ordnung, aber  doch  Erleichterung  derselben.  Insbesondere 
handelte  es  sich  dabei  um  die  Beschränkungen  der  Lehrlinge  *). 
Nach  den  Zunftstatuten  von  21.  Jacob  L  c.  31  durfte  kein 
Messer-,  Scheeren-  oder  Sichelschmied  Lehrlinge  halten,  der 
nicht  selbst  Eigenthümer  eines  Werks  war  (Meister) ;  und  ein 
solcher  durfte,  abgerechnet  seine  eigenen  Söhne,  zu  gleicher 
Zeit  nur  einen  Lehrling  haben.  Man  bat  darum,  dass  mehr 
Lehrlinge  gestattet  werden  sollten,  und  zugleich  um  besseren 
Schutz  gegen  den  Gebrauch  falscher  Marken.  Die  alten  Be- 
schränkungen der  Lehrlinge  seien  bei  der  heutigen  Ausdehnung 
des  Gewerbes  schädlich").  Es  kam  darauf  das  Gesetz  31. 
Georg  III.  c.  58  zu  Stande,  welches  sich  den  Petitionen  der 
Messei-schmiede  anschloss  und  durch  41.  Georg  III.  c.  97 
amendirt  und  verschärft  wurde.  — 

Ausser  den  im  Vorstehenden  erzählten  Fällen  konnte  ich 
keine  anderen  entdecken,  in  denen  im  18.  Jahrhundert  Zünfte 
die  öffentliche  Aufmerksamkeit  auf  sich  lenkten.  Sie  existirten 
in  wichtigen  alten  Industriezweigen,  wie  in  der  Tuchindustrie, 
sowie  in  den  ganz  neuen  wie  der  Baumwollindustrie  überhaupt 
nicht.  Sie  waren  niemals  in  England  eine  allgemeine  Institu- 
tion, sondern  entstanden  immer  nur  für  einzelne  Gewerbe  und 
Bezirke  durch  besondere  Creirnng  seitens  der  Staatsgewalt. 
Wo  sie  in's  Leben  gerufen  wurden,  waren  sie  sozusagen  spe- 
cielle  Organe  der  allgemeinen  Gewerbeordnung.  Offenbar 
aber  waren  diese  Organe  im  18.  Jahrhundert  noch  hinfälliger 


^)  Journals  Vol.  46.  22.  März  1791. 

«)  Journals  Vol.  46.  1.  Dzbr.  1790.      * 

^  Brentano  a.  a.  0.  S.  114  meint,  die  Arbeiter  hätten  sich  gegen 
die  Aufhebung  der  Beschränkung  der  Lehrlinge  gewehrt  Allein  aus  dem 
Obigen  geht  hervor,  dass  diese  vielmehr  selbst  trachteten,  Lehrlinge  halten 
zu  dürfen. 


492  Zweites  Buch,  Cap.  1. 

geworden  wie  die  Ordnung  selbst.  In  vielen  Gewerben,  in 
denen  sie  formell  noch  existirten,  scheint  ihre  Thätigkeit 
schon  völlig  eingeschlafen  zu  sein.  Was  sollten  auch  Ver- 
bände gleichstehender  Meister  gegenüber  den  grossen  Gapita- 
listen mit  ihrem  Gefolge  von  Hausindustriellen  ?  Wo  sie  aber 
noch  Energie  entwickelten,  war  es  zumeist  eine  gemeinschäd- 
liche Richtung,  in  der  sie  wirkten  und  dieses  ihr  Wirken  rief 
die  fiilhesten  mir  bekannten  Appelle  an  das  natürliche  Recht 
der  Gewerbefreiheit  in  Kreisen  von  praktischen  Industriellen 
hervor.  Sie  waren  Ruinen,  die  dem  Aufbau  neuer  Gebäude 
gelegentlich  im  Wege  standen,  aus  deren  Fugen  aber  nicht 
einmal  neues  Leben  sprosste,  deren  Steine  sich  nicht  einmal 
bei  neuen  Gebäuden  venvenden  Hessen.  Die  grossen  Kämpfe 
und  Agitationen,  die  uns  das  18.  und  der  Anfang  des  19.  Jahr- 
hundeits  auf  gewerblichem  Gebiete  zeigen,  gehen  an  den 
Zünften  ohne  Interesse  und  Aufregung  vorüber.  — 


Zweites  Capitel. 
Entartung  des  Mercantilsystems. 

§  1.    Das  Mercantilsystem. 

Die  Handwerksordnung,  wie  sie  namentlich  in  der  Gesetz- 
gebung der  Elisabeth  verkörpert  war,  zeigt  sich  im  18.  Jahr- 
hundei-t  unbedingt  im  Absterben  und  Verfall.  Es  wird  aller- 
dings in  praktischen  Kreisen  noch  nicht  stark  für  ihre  prin- 
cipielle  Abschaflfung  agitirt,  ja  es  wird  theilweise  mit  Leiden- 
schaft für  ihre  Wiederbelebung  gekämpft.  Aber  die  Agi- 
tationen gegen  diese  Ordnung  sind  nur  deshalb  so  schwach, 
weil  sie  ein  kräftiges  Leben  nicht  mehr  hat  und  die  Kämpfe 
für  ihre  Wiederbelebung  sind  fruchtlose  Versuche,  welche  aus 
wenig  überlegter  Empfindung  der  Noth  hervorgehen. 

Anders  steht  es  mit  den  Schutzzöllen,  den  Navigations- 
gesetzen und  den  damit  zusammenhängenden  Maassregeln, 
welche  die  modenie  Staatsgewalt  zur  Begünstigung  und  Reg- 
lung  des  grossen  Handels  und  des  modernen  Manufacturbetriebs 
eingeführt  hatte.  Diese  Einrichtungen  standen  gerade  im 
18.  Jahrhundert  in  vollster  Blüthe  und  wenn  die  Literatur, 
wenn  modenie  Freiheitsideen  bereits  dagegen  kämpften,  so 
dachte  doch  die  Gesetzgebung  nicht  an  ihre  Abschaffung.  Die 
Betheiligten  verlangten  sie  allgemein  mit  grosser  Energie  und 
die  zu  ihrer  Durchführnng  bestellten  Organe  Hessen  sie  nichts 
weniger  als  einschlafen.  Ei-st  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts 
zeigen  sich  in  Interessentenkreisen  vereinzelt  entgegengesetzte 
Ansichten  und  ei-st  im  19.  Jahrhundert  beginnt  das  erstarkte 
Capital  seinen  Sturmlauf  gegen  den  Protectionismus ,  den  es 
lange  Zeit  so  eifrig  erbeten  hatte. 


494  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

Es  ist  bezeichnend  für  das  18.  Jahrhundert,  dass  das 
Parlament  sich  sehr  viel  mehr  mit  Zollfragen  und  Interessen 
des  Handels  und  der  grossen  Industrie  als  mit  Arbeitemoth 
und  Beglung  des  Handwerks  beschäftigte.  Die  arbeitenden 
Massen  schwiegen  dazu,  wenn  die  Gesetzgebung  sich  mit  För- 
derung des  Reichthums  der  Reichen  im  Lande  befasste.  Die 
hervoiTagende  Wichtigkeit  der  Interessenkämpfe  der  Reichen 
unter  einander  beweist  eben  den  Niedergang  des  kleineren 
Gewerbes. 

Die  ältere  Handwerkerordnung  legte  Pflichten  und  Rechte 
zugleich  auf.  Das  mercantilistische  Protectivsystem  förderte 
zwar  einen  Theil  der  Interessen  auf  Kosten  eines  anderen, 
legte  aber  den  von  ihm  Begünstigten  keine  Pflichten  zur  Her- 
stellung und  Innehaltung  einer  allgemein  wohlthätigen  Ordnung 
auf.  Es  erzog  gewissermaassen^  einen  uusocialen  und  staatlosen 
Egoismus  des  grossen  Capitals,  bis  dieser  zum  Manchester- 
thum  ausartete,  das  weit  eher  eine  Fmcht  des  Protectivsystems 
als  ein  Gegensatz  zu  demselben  ist.  Es  ist  allerdings  bei  der 
englischen  Entwicklung  und  der  englischen  Verfassung  nicht 
möglich,  die  ältere  und  neuere  Ordnung  scharf  zu  trennen, 
wie  denn  z.  B.  privilegirte  Actiengesellschaften  zur  Hei-stellung 
von  Glasplatten  mit  privilegirten  Zünften  grosse  Aehnlichkeit 
haben.  Allein  namentlich  die  auf  das  Zollwesen  und  die 
Schifffahit  bezüglichen  Maassregeln  lassen  sich  immer  als 
specifisch  mercantilistisch  ausscheiden,  zumal  sie  seit  Crom- 
well  und  namentlich  im  18.  Jahrhundert  gegenüber  den  mittel- 
alterlichen Zöllen  einen  entschieden  eigenthümlichen  Charakter 
angenommen  hatten.  Die  Tendenz,  die  Production  wohlthätig 
zu  regeln,  die  Consumenten  sicher  zu  versorgen ,  alle  mit  der 
alten  Marktpolizei  verwandten  Tendenzen  traten,  wenn  man 
sie  auch  noch  im  Munde  führte,  fectisch  durchaus  in  den 
Hintergrund  gegenüber  der  Tendenz,  einzelne  Gruppen  von 
grösseren  Producepten  und  Besitzen!  zu  begünstigen.  „Er- 
muthigung'*  der  Production  war  das  grosse  Losungswort. 
Aeusserlich  zeigte  sich  dies  in  dem  Vorherrschen  der  Ein- 
gangszölle und  Ausfuhrprämien. 


Das  Mercantilsystem.  495 

Indessen  so  sehr  diese  Maassregeln  noch  in  Kraft  und 
Blüthe  standen,  sie  ti-ugen  doch  schon  im  18.  Jahrhundert 
deutlich  erkennbar  ihren  Todeskeim  in  sich.  Sie  wurden 
so  unsinnig  gehäuft,  dass  sie  sich  gegenseitig  neutralisirten 
und  eben  ihre  beständige  Steigerung  beweist,  dass  sie  die 
gehegten  Erwartungen  nicht  mehr  erfüllten.  So  sehr  man 
sich  noch  um  sie  kümmerte,  so  hatten  sie  doch  factisch  auf- 
gehört, eine  wirklich  in  grossartigem  Maassstab  vorwärts 
treibende  Kraft  zu  sein.  Innerlich  waren  auch  sie  schon 
im  Verfall  und  sie  waren  das,  nachdem  sie  kürzere  Zeit,  als 
die  alte  Handwerksordnung,  heilsam  gewirkt  hatten. 

Es  gehört  heute  zu  den  nationalökonomischen  Gemein- 
plätzen, dass  es  unsinnig  sei,  principiell  und  unbedingt  für 
Freihandel  oder  Schutzzoll  zu  sein.  Man  müsse  im  einzelnen 
Fall  untei-suchen,  ob  und  welcher  Schutzzoll  nützlich  sei. 

Unzweifelhaft  ist  dieses  richtig.  Schutzzölle  können 
wünschenswerth  sein  im  Interesse  der  Selbständigkeit  des 
Landes,  im  Interesse  der  Hei-stellung  eines  besseren  Gleich- 
gewichts zwischen  verschiedenen  nationalen  Productionszweigen. 
Ihre  Forterhaltung  kann  wünschenswerth  sein  zur  Vermeidung 
jäher  Wechsel  der  wirthschaftlichen  Verhältnisse  oder  zur 
zeitweiligen  Fenihaltung  einer  Concurrenz,  die  durch  Schleuder- 
preise den  Markt  ruinirt.  Besondei-s  können  Schutzzölle  am 
Platz  sein,  um  einem  jungen  aufstrebenden  Productionszweig 
rascher  über  die  Anfangsschwierigkeiten  wegzuhelfen.  Es  ist 
wahr,  dass  die  dauernden  Interessen  einer  Nation  mit  den 
momentanen  Interessen  der  Kaufleute  und  Consumenten  der 
ganzen  Welt  nicht  nothwendig  zusammenfallen,  und  dann  hat 
der  Staat  als  Hüter  der  nationalen  Interessen  das  Recht  und 
die  Pflicht,  diese  mit  aller  Macht  zu  wahren.  Denn  derjenige 
Staat,  der  sich  selbst  dauenid  stark,  reich  und  hochcultiviit 
macht,  dient  auch  dem  Fortschritt  der  Menschheit  am  Besten. 

Schutzzölle  sind  Eines  unter  vielen  Mitteln,  durch  die  der 
Staat  diese  Aufgabe  erfüllen  kann  und  diese  Auffassung  der 
Schutzzölle  hat  ihr  volles  Recht  gegenüber  den  Einseitigkeiten 
abstracter  Freihändler.  Aber  man  darf  aus  dieser  Auffassung 
nicht  ein  allgemein  günstiges  Voi-urtheil   für  Schutzzölle  ab- 


496  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

leiten.    Sie  haben  gegenüber  anderen  staatlichen  Maassregeln 
immer  zwei  sehr  bedenkliche  Eigenschaften.    Während  sie  in 
erster  Linie  dem  Geschützten  nützen,  schaden  sie  nothwendig 
irgend  welchen  anderen  Unterthanen,  ohne  dass  die  Begünstig- 
ten Zug  um  Zug  eine  Pflicht  zu  Gunsten  der  Gesammtheit  auf 
sich  nehmen.    Es  kann  dies  ja  gerechtfertigt  sein,  wenn  eben 
dennoch  künftig  die  Gesammtheit  profitirt,  aber  es  mahnt  zur 
Vorsicht  <  dass  man  nicht  Einzelnen  mehr  nütze  als  Allen. 
Wie  anders  steht  es  z.  B.  wenn  der  Staat  Industrieschulen 
gründet,  die  zwar  auch  —  theilweise  —  auf  Kosten  der  Steuer- 
zahler errichtet  werden,  den  sie  Benutzenden  aber  die  Pflicht 
des  Beitrags  zu  den  Kosten  oder  doch  die  Pflicht  auferlegen, 
in  der  Schule  zu  lernen.    WMe  anders  selbst  steht  es  bei  der 
Monopolisirung  einer  grossen  Notenbank,  welcher  zugleich  ein 
strenges  Reglement  auferlegt  wird! 

Die  andere  bedenkliche  Eigenschaft  der  Schutzzölle  ist 
die,  dass  der  künftige  Nutzen  der  Gesammtheit  stets  auf  einer 
Wahi-scheinlichkeitsrechnung  beruht,  zu  welcher  die  Sachver- 
ständigen die  nöthigen  thatsächlichen  Anhaltspuncte  beibringen 
müssen  —  und  diese  Sachverständigen  sind  die  Interessenten 
selbst.  Gerade  bei  Schutzzöllen  liegt  die  Gefahr  unendlich 
nahe,  dass  der  Staat  trotz  besten  Willens  lediglich  Sonder- 
iiiteressen  dienstbar  werde. 

Wie  oft  diese  Gefahr  Wirklichkeit  wurde,  geht  schon 
daraus  hervor,  dass  stets  diejenip:en  Productionszweige,  in 
denen  sich  das  gi'össte  Capital  concentrirte,  am  erfolgreichsten 
im  Streben  nach  Schutzzöllen  waren.  Haben  doch  auch  jetzt 
hei  uns  die  Spinnereien  und  die  pjsenwerke  den  Löwenantheil 
bekommen,  während  unsere  stark  exportireuden  Hausindustrien 
leer  ausgingen  —  und  das  für  den  loealen  Bedarf  arbeitende 
Kleingewerbe  schwieg.  Nun  kann  es  freilich  im  dauernden 
Interesse  des  Ganzen  liegen,  dass  der  Staat  zunächst  die 
wirthsehaftlich  Stärksten  noch  mehr  stärkt,  damit  ihre  Kraft, 
die  Anderen  zur  Stütze  dient,  sich  befestige  und  constant 
werde.  Es  wirkt  ja  erschütternd,  wenn  eine  grosse  Pi-oduction 
zu  Grunde  geht,  es  wirkt  weithin  belebend,  wenn  sie  aufl)lüht. 
Und   die   heilsamen  Folgen   einer  begünstigenden  Staatsein- 


Schutz  der  Textilindastrie.  497 

mischung  lassen  sich  dann  auch  deutlich  constatiren.  Aber  wie 
schwer  ist  es  dabei,  den  Moment  richtig  zu  treffen,  von  dem 
an  die  weitere  Begünstigung  der  Stärksten  diese  nur  zur 
Ausbeutung  Anderer  eimächtigt  und  zum  Uebermuth  reizt ! 

Weit  entfernt  davon ,  alle  Schutzzölle  unbedingt  zu  ver- 
werfen, bin  ich  doch  der  Meinung,  dass  es  kaum  eine  ge- 
werbe-  und  handelspolizeiliche  Maassregel  giebt,  deren  Segen 
mehr  übertrieben  und  die  mehr  im  schädlichen  Uebermaass 
angewendet  worden  ist  als  die  Schutzzölle.  Daran  ändert 
auch  Nichts  die  Thatsache,  dass  die  Schutzzölle  vielfach  mehr 
von  anderen  Sonderinteressen  als  von  solchen,  die  nur  das 
Allgemeine  im  Auge  hatten,  angegriffen  und  gestürzt  wor- 
den sind. 

Einen  wichtigen  Beweis  für  diese  Meinung  liefert  eben 
das  England  des  18.  Jahrhunderts.  Unverkennbar  war  da- 
mals schon  die  Masse  der  Schutzzölle  mehr  eine  Chikane  des 
Handels  als  eine  Hülfe  für  die  Industrie.  Es  ist  bekannt, 
dass  schliesslich  Pitt  durch  mehr  als  3000  Gesetze  zur  Ab- 
schaffung alter  Zölle  das  unübersehbare  Zollwesen  verein- 
fachen musste,  was  allein  schon  beweist,  zu  welchen  üeber- 
treibungen  man  gekommen  war,  indem  man  fortgesetzt  allen 
Sonder-Egoismen  nachgab.  Besondei*s  interessant  ist  auch  zu 
sehen,  wie  sehr  es  Machtfrage  war,  welche  Schutzzölle  kamen 
oder  blieben  und  welche  nicht.  Der  gesammten  Industrie  ge- 
lang es  nicht,  die  ihr  schädlichen  Kornzölle  zum  Falle  zu 
bringen,  aber  der  einen  von  Alters  her  mächtigen  Tuchindustrie 
gelang  es,  die  Wollausfuhrverbote  zu  halten.  Wo  sehen  wir 
in  solchen  Einrichtungen  einen  einheitlich  leitenden  auf  das 
Gesammtinteresse  allein  gerichteten  Gedanken? 


§  2.    Handelspolitischer  Schutz  der  Textil- 
industrie. 

Es  kann  nicht  meine  Absicht  sein,  all  die  Tausende  von 
Schutzzöllen,  die  im  18.  Jahrh.  bestanden,  die  abgeschafft, 
ermässigt,  eingeführt  und  erhöht  wurden,  einzeln  aufzuzählen. 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  32 


498  Zweites  Bach,  Cap.  2. 

Ich  werde  mich  nur  mit  denjenigen  befassen,  welche  die  öffent- 
liche Aufmerksamkeit  in  höherem  Maasse  auf  sich  gelenkt  und 
eine  grössere  Bedeutung  erlangt  haben.  Im  Vordergrund 
stehen  die  Zölle,  durch  welche  die  Tuchindustrie  gegenüber 
der  Landwiithschaft  begünstigt  wurde,  die  Einrichtungen, 
welche  sich  auf  die  verschiedenen  Zweige  der  Textil- 
industrie in  ihren  einander  entgegengesetzten  Interessen  be- 
ziehen und  die  Zölle  zu  Gunsten  des  Grundbesitzes.  Daneben 
sollen  eine  Reihe  anderer  Zollagitationen  und  Zollgesetze  be- 
spi*ochen  werden,  die  charakteristisch  sind  fbr  den  Geist,  in 
dem  das  Zollwesen  überhaupt  betrachtet  und  verwaltet  wurde. 

Nach  John  Smith  ^)  war  die  Kunst  der  Wollweberei  in 
England  schon  seit  den  Römerzeiten  bekannt,  wurde  aber 
1331  durch  flandrische  Einwanderung  sehr  gehoben.  1337 
wurde  zuerst  der  Wollexpoit  und  der  Gebrauch  ausländischer 
Tuche  verboten,  was  aber  nicht  ausgeführt  wurde.  1339 
kamen  fisealische  Wollsteuem  und  1346,  statt  des  Ausfuhr- 
verbots, WoUausfiihrzölle.  Diese  Steuern  von  der  Wolle  bildeten 
bis  Eduard  III.  einen  Zankapfel  zwischen  König  und  Volk. 

Unter  Elisabeth  fand  neue  Einwanderung  von  Tuchwebern 
statt.  In  dieser  Zeit  blühte  die  Tuchindustrie  sehr.  Es  be- 
stand kein  Wollexportverbot,  nur  ein  Ausfuhrzoll.  Die  ganze 
Industrie  war  stark  reglementiit.  Der  Tuchexport  war  sehr 
stark  entwickelt,  und  gleich  dem  Wollexpoit  in  fiscalischem 
Interesse  besteuert.  Zugleich  bestand  in  Bezug  auf  den  Gross- 
handel mit  Tuch  ein  Monopol  grosser  Gesellschaften  seit 
Heinrich  VIII.  Unter  diesem  Regenten  gab  es  auch  schon 
eigentliche  Tuchfabrikanten,  deren  Einer  hundert  Webestühle 
in  seinem  Hause  hatte.  Schon  unter  den  Tudors  war  also  die 
Tuchindustrie  vielfach  eine  capitalistische  Industrie,  d.  h.  eine 
solche,  deren  Absatz  vom  Welthandel  abhing  und  von  grossen 
Handelsleuten  beherrscht  wurde,  daher  auch  in  dieser  Industrie 
schon  damals  bei  stockendem  Absatz  Unruhen  der  Arbeiter 
vorkamen.  Unter  den  grossen  Gesellschaften,  die  den  Export 
beheiTSchten,  waren  die  „Merchant  adventurers"  die  wichtig- 


»)  Memoirs  of  Wool,  1757. 


Schutz  der  Textilindustrie.  499 

tigste.  Sie  erhielten  unter  Jacob  I.  ein  Monopol  für  das  Färben 
und  Appretiren  des  Tuchs. 

Der  Monopolgeist  dieser  Capitalisten  wusste  die  früher 
mehr  fiscalische  Zollgesetzgebung  in  ihrem  Interesse  zu  ver- 
schieben. Da  man  einmal  —  und  zwar  iiTthümlicher  Weise  — 
glaubte,  englische  Wolle  sei  zu  gutem  Tuch  unentbehrlich, 
so  glaubte  man  durch  das  Verbot  des  Exports  von  Rohwolle 
ein  Monopol  der  englischen  Tuche  auf  dem  Weltmarkt  consti- 
tuiren  zu  können  und  so  entstand  1622  ein  Wollexportverbot, 
das  aber  ei-st  1660  durch  ein  neues  Gesetz  als  ernst  gemeint 
und  streng  durchgeführt  in's  Leben  trat^). 

Es  wurde  seitdem  eigensinnig  von  den  Interessenten  fest- 
gehalten und  von  der  Gesetzgebung  —  dem  Schmuggel  gegen- 
über —  beständig  erneuert  und  vei-schärft.  Es  kam  dazu  das 
Verbot  des  Tuchexports  aus  Irland,  d.  h.  die  Vernichtung  der 
irischen  zu  Gunsten  der  englischen  Tuchindustrie  unter  Be- 
günstigung der  irischen  Leinenindustrie.  Dies  drückte  die 
Irländer  und  erregte  später  die  Opposition  der  englischen 
Leinenindustrie,  welche  auch  für  sich  das  Recht  des  directen 
Exports  nach  englischen  Colonien  verlangte*). 

Der  Impoit  von  Seidenstoffen  und  gedruckten  Calicos 
aus  Ostindien  war  dem  Absatz  des  Tuchs  schädlich  und  gab 
daher  1696  zu  Webertumulten  Veranlassung.  1699  wurde 
daher  durch  11.  und  12.  Wilhelm  III.  c.  10  dieser  Import 
verboten  und  zugleich  wurden  die  Tuchausfuhrzölle  aufge- 
hoben. 

Es  fand  also  eine  beständig  wachsende  Begünstigung  der 
englischen  Tuchindustrie  und  des  Tuchhandels  auf  Kosten  der 
Landwirthschaft  und  anderer  Productionszweige  statt.  Die 
grösste  und  mächtigste  Industrie,  die  England  hatte,  wurde 
durch  das  Mercantilsystem  am  meisten  geschützt  —  ein  grosser 
Beweis  für  den  Satz,   dass  nicht  die  jungen  und  schwachen 


^)  Verbote  der  Einfuhr  fremden  Tuchs  waren  noch  älter  (schon  1399), 
waren  aber  weniger  bedeutungsvoll  bei  dem  alten  Uebergewicht  der  eng- 
lischen Tuchmacher. 

^)  Journals  of  the  House  of  Commons  Vol.  18.  5.  u.  9.  April  1717. 

32* 


500  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

Productionszweige  es  sind,  die  in  der  Wirklichkeit  mit  dem 
grössten  Erfolg  Schutzzölle  anstreben. 

Anfangs,  als  die  Begünstigung  der  Tuchindustrie  noch 
weniger  stark  war,  trug  sie  zugleich  Steuern  —  hatte  also 
auch  Pflichten;  aber  diese  verschwanden  mit  den  wachsenden 
Rechten,  je  mehr  in  der  Politik  an  die  Stelle  des  Gedankens 
einer  allgemein  nützlichen  Organisation  des  Gewerbes  der  Ge- 
danke der  Beförderung  des  ßeichthums  um  seiner  selbst  willen 
trat^.  Auch  die  Reglements,  welche  der  Tuchindustrie  in 
Hinsicht  auf  Technik,  Marktwesen  und  Arbeiterverhältnisse  auf- 
erlegt waren,  verfielen  allniälig,  wie  wir  bereits  gesehen  haben. 

Nun  ist  es  ja  keineswegs  verwerflich,  eine  schon  starke 
Industrie  besondei*s  zu  befördern,  weil  sich  dabei  die  gi*össten 
Erfolßre  erzielen  lassen  und  weil  eine  solche  Industrie  ein 
Centrum  werden  kann,  an  das  sich  der  Aufschwung  anderer 
Productionszweige  gleichsam  anlehnt  Wenn  einmal  der  Reich- 
thum  der  Unterthanen  Staatszweck  geworden  ist,  so  ist  es 
natürlich,  den  Hebel  da  anzusetzen,  wo  am  meisten  zu  hoffen 
ist.  Aber  die  Gefahr  besteht,  dass  andere  und  allgemeine 
Staatszwecke  dem  Sonderinteresse  einzelner  Gruppen  von 
Reichen  untergeordnet  werden.  Und  dies  zeigte  sich  bei  der 
englischen  Tuchindustrie.  Ihrer  Blülhe  zu  Ehren  litt  die 
Schafzucht,  litt  Irland,  litt  die  englische  Leinenindustrie  und 
der  Handel  von  Ostindien.  Und  bald  begann  ein  neuer 
Kampf. 

Das  Verbot  des  Imports  gedruckter  Calicos  von  Indien 
bewirkte,  dass  man  in  England  selbst  Calicos  zu  drucken  be- 
gann, wodurch  neue  Weberunruhen  entstanden.  Es  wurde 
aber  nicht  nur  weisser  Calico,  der  von  Indien  importirt  wurde 
und  eine  Steuer  beim  Eingang  trug,  die  bei  Ausfuhr  rück- 
vergütet wurde,  in  England  bedruckt,  sondern  auch  Leinwand. 
Die  Zahl  derjenigen,  welche  den  Interessen  der  Tuchindustrie 
gegenüberstanden,  wuchs  dadurch.  Namentlich  Ende  1710 
und  Anfang  1720  war  der  Kampf  der  zwei  Interessengruppen 


M  Ochenkowski  über  Locke  in  Hildebrands  Jahrbüchern,  18.  Jahi^ 
gang,  1.  Bd.,  G.  Heft. 


Schutz  der  Textilindustrie.  501 

ein  sehr  lebhafter,  wobei  sich  das  Eigenthümliche  zeigte,  dass 
die  Tuchindustriellen  und  ihre  Gegner  selbst  keineswegs  in 
jedem  Lager  unter  einander  einig  waren.  So  wurde  aus 
Beeckles  gegen  den  Gebrauch  gedruckter  Galicos  und  Leinen- 
stoflfe  im  Interesse  der  Tuchmanufactur  petitionirt  ^) ,  aber 
andere  Wollindustrielle  petitionirten  *)  für  den  Gebrauch  dieser 
Stoffe,  da  sonst  bei  ausschliesslicherem  Gebrauch  des  Tuchs 
der  Wollpreis  steigen  und  der  Tuchexport  beschädigt  werden 
würde  —  ein  frühzeitiges  Beispiel  von  den  freihändlerischen 
Interessen  der  Exportindustrien,  die  sich  hier  in  dem  geschützten 
Tuchgeschäft  selbst  geltend  machten.  Eine  ähnliche  Petition 
haben  wir  aus  Colchester  und  Bocking*).  Auch  hier  ver- 
langen Wollindustrielle  Aufhebung  des  Calicoverbots,  weil  das- 
selbe den  Wollpreis  steigere  und  dadurch  den  Tuchexport 
vermindere  und  weil  dann  der  Calico  um  so  mehr  exportiit 
werden  und  den  englischen  Tuchen  im  Ausland  Concurrenz 
machen  würde.  Ihnen  schlössen  sich  Londoner  Kaufleute,  die 
den  Tuchexpoit  betrieben,  an,  natürlich  aber  überwog  unter 
den  Tuchmachern  der  Wunsch  nach  absoluter  Vernichtung 
der  neuen  Concurrenz.  So  wurde  in  Worcester  der  Nieder- 
gang der  Tuchmacherei  beklagt  *)  und  als  Gi-und  sowohl  der 
Export  von  roher  Wolle  als  namentlich  die  Concun-enz  von 
gedeckten  Galicos  und  Leinenstoffen  angeführt  Auch  die 
der  ostindischen  Seidenstoffe  wird  erwähnt.  Aehnliche  Peti- 
tionen traten  1719  und  1720  geradezu  massenhaft  auf  ^).  Auch 
die  inländischen  Seidenfabrikanten  verbinden  sich  mit  den 
Tuchmacheni  wegen  der  ostindischen  Seidenstoffe,  weil  die 
gedruckten  Galicos  etc.  auch  ihnen  Goncurrenz  machten.  Die 
petitionirenden  Interessen  waren  aber  dabei  keineswegs  ein- 
müthig  und  jedenfalls  mannigfach  complicirt.  Die  Tuchmacher 
klagten  z.  B.  nicht  nur,  weil  ihre  Waare  durch  Galicos  im 
Inland  an  Absatz  verlor,  sondern  auch,   weil  in  Folge  ver- 


1)  Journals  Vol.  19  S.  245. 

*)  Journals  Vol.  19  S.  254. 

••')  a.  a.  0.  S.  231  u.  254.  Januar  1720. 

*)  Journals  Vol  19  S.  168,  169. 

«)  Journals  Vol.  19  S.  176,  178,  180  ff.,  254. 


502  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

mehrten  Gebrauchs  der  Calicos  weniger  Rohseide  verarbeitet 
und  gekauft  werde,  so  dass  die  Rohseidenimporteure  weniger 
Tuch  zur  Ausfuhr  kaufen  könnten^).  Gegen  das  postuliile 
Galicoverbot  petitionirten  natürlich  die  Kaufleute,  welche  mit 
Indien  Handel  trieben.  Die  inländischen  Leinwandfabrikanten 
verlangten,  dass  nur  indischer  Calico,  nicht  ihr  heimisches 
Product  verboten  werde  und  die  Londoner  Tapezierer  baten, 
dass  ihnen  der  Gebrauch  von  Calico  gestattet  werde,  da  sie 
Bettdecken  machten,  die  inwendig  aus  Wolltuch,  auswendig 
aus  bedmcktem  Calico  oder  Leinwand  waren.  Zu  diesen 
Petenten  gegen  das  Verbot  gegen  das  Verbot  gedeckter 
Calicos  und  Leinen  gesellte  sich  auch  das  irische  Leinwand- 
amt, welches  sich  darauf  berief,  dass  Irland  seit  dem  Verbot 
des  Exports  von  Tuch  1699  auf  Leinwand  angewiesen  sei. 

Das  Pariamen tscommittee,  das  über  all  diese  Petitionen 
zu  berichten  hatte,  schätzte  die  Interessen  der  Exporteure 
aber  noch  gering  und  schlug  vor,  in  Grossbritannien  gedi*uckte 
Calicos  ganz  zu  verbieten  und  nur  gedruckte  Leinwand,  die 
in  Grossbritannien  und  Irland  gemacht  war,  zu  gestatten*). 

Dagegen  protestirten  aber  nicht  nur  Londoner  Leinwand- 
import^ure,  die  baten,  auch  deutsche  Leinwand  solle  bediiickt 
werden  dürfen,  sondern  auch  aus  Bristol  ertönten  Klagen, 
dass  der  Tuchexport  geschädigt  und  der  Absatz  nach  den 
Colonien  in  fremde  Hände  getrieben  werden  würde,  wenn 
deutsche  Leinwand  nicht  mehr  in  England  gefärbt  werden 
dürfe  3). 

Endlich  protestirten  auch  Leute  aus  Weymouth  und  Mel- 
conibe,  welche  constatirten ,  dass  rohe  Baumwolle  aus  eng- 
lischen Colonien  in  England  seit  Jahren  versponnen  und  ver- 
webt werde.  Das  Product  werde  bedruckt  oder  blau  ge- 
färbt ;  es  solle  nicht  schlechter  behandelt  werden  als  englische 
Leinwand.  Das  Haus  beschloss,  dass  diese  Petition  berück- 
sichtigt und  den  Webermeistern  zugleich  Beschränkungen  in 


M  Journals  Vol.  19  S.  178. 
■2)  a.  a.  0.  S.  263. 
■)  a.  a.  0.  S.  295 


Schutz  der  Textilindustrie.  503 

der  Zahl  der  Lehrlinge  auferlegt  werden  sollen.  —  Das  Re- 
sultat der  üntei-suchung  war  das  Gesetz  7.  Georg  I.  stat  1,  c.  7 
von  1720.  Schon  vorher  war  durch  10.  Anna  c.  19,  LXVI  bis 
LXIX  (1711)  auf  importirte  gedinickte  Leinwand,  sowie  auf 
Seide,  Calico  und  Leinwand,  die  in  England  gedruckt  oder 
gefärbt  wurden,  eine  Steuer  gelegt,  von  der  jedoch  die  ganz 
einfarbigen  und  die  Stoffe,  die  der  Hauptsache  nach  aus  bei- 
gemischter Wolle  bestanden,  ausgenommen  waren.  Nunmehr 
wurde  verfügt,  dass  vom  25.  December  1722  ab  der  Gebrauch 
gedmckter  Calicos,  als  Eleidungs-,  Möbel-  oder  Bettzeugstoff 
bei  Strafe  in  Grossbrisannien  absolut  verboten  sei.  Auch 
das  Verkaufen  solcher  Stoffe  wurde  mit  Strafe  bedroht.  Nur 
der  Export  war  gestattet.  Auch  ganz  blau  gefärbte  Calicos 
waren  erlaubt  und  wenn  auch  unter  Calico  die  mit  Baum- 
wolle gemischten  Stoffe  einbegriffen  wurden,  so  waren  doch  ge- 
wisse Gewebe  (Muslins,  Neckcloths  und  Fustians)  ausdiUcklich 
befreit.  Ganz  naiv  bezeichnete  das  Gesetz  in  den  Eingangs- 
worten selbst  die  Beförderung  der  Tuch-  und  Seidenmanufactur 
als  seinen  Zweck  —  als  wenn  die  Calicodnickerei  nicht  auch 
eine  Industrie  gewesen  wäre  ^). 

Die  Verhältnisse  der  Industrie  aber  waren  bereits  so 
complicirt,  dass  bald  Streit  entstand,  ob  gewisse  Stoffe  unter 
das  Verbot  fielen  oder  nicht.  In  Manchester  wurde  Barchent 
(Fustian)  gemacht,  der  aus  Baumwolle  von  englischen  Colonien 
und  aus  irischer  und  englischer  Leinwand  gemischt  war.  Das 
Calicoverbot  wurde  auch  auf  diese  Barchente  angewendet  *), 
bei  deren  Fabrikation  Tausende  Arbeit  fanden.  Das  Parlaments- 
committee  trat  auf  die  Seite  der  Barchentindustrie  (1736), 


^)  „Whereas  it  is  most  evident,  that  the  wearing  and  using  of  printed, 
painted,  stained  and  dyed  calicoes  in  Apparel,  Householdstuff,  Furniture 
and  otherwise  does  manifestly  tend  to  the  great  Detriment  of  the  WooUen 
and  Silk  Manufactures  of  this  kingdom  and  to  the  excessive  increase  of 
the  Poor,  and  if  not  effectually  prevented,  may  be  the  utter  Ruin  and  De- 
struction  of  the  said  Manufactures  and  of  many  thousands  of  your  Ma- 
jesty*8  Subjects  and  their  families,  whose  Livelihoods  do  intirely  depend 
thereon  etc..** 

-)  Journals  Vol.  22  S.  551,  565. 


504  Zweites  Buch ,  Cap.  2. 

wogegen  aber  WoU-  und  Seidenindustrielle  erklärten,  dass  die 
Barchente  von  indischen  oder  gar  englischen  Calicos  gar  nicht 
unterschieden  werden  könnten  und  die  Barchentindustrie  nicht 
so  nützlich  sei  wie  die  ihrige.  Es  werde  auch  immer  noch 
importirte  Leinwand  bedruckt.  Livei'pooler  Eaufleute  dagegen 
traten  auf  die  Seite  der  Barchentindustrie  ^).  Diese  KauiSeute 
brachten  als  Rückfracht  für  die  Barchente  Rohbaumwolle  und 
kauften  mit  dem  Erlös  der  Barchente  Sklaven. 

Darauf  wurde  durch  9.  Georg  II.  c.  4  (1736)  allgemein 
der  Gebrauch  aller  gedruckten  Stoffe  aus  Leinwand  und 
Baumwolle  gestattet;  wenn  die  Kette  ganz  aus  Leinwand  be- 
stand. Dies  war  aber  nur  gewisseimaassen  eine  authentische 
Interpretation  des  Begriffs  Fustian  und  das  Gesetz  von  1720 
in  Bezug  auf  die  Calicos  bestand  foit.  Die  Benachtheiligung 
der  Baumwollindustrie  erstreckte  sich  noch  in  die  Zeit  der 
neuen  gi'ossen  Fabriken  hinein.  1774  petitioniite  Arkwright 
dagegen.  Er  führte  aus,  dass  nach  10.  Anna  c.  19  etc.  ge- 
dmckte  Baumwollstoffe  mit  6  pence  per  Yard  belastet  seien, 
wobei  man  aber  urspiUnglich  nur  importirte  Baumwollstoffe 
im  Auge  gehabt  habe.  Nun  würden  diese  Stoffe  aber  selbst 
in  England  gemacht,  nicht  nur  bedruckt.  Es  solle  also  die 
Steuer  auf  3  pence  herabgesetzt,  der  Gebrauch  dieser  Stoffe 
im  Inland,  unter  Abschaffung  von  7.  Georg  I.  c.  7,  unbedingt 
gestattet  und  die  Steuer  bei  der  Ausfuhr  rückvergütet  wer- 
den. Das  Parlamentscommittee  trat  (10.  Mai  1774)*)  Arkwright 
unbedingt  bei,  zumal  die  verarbeitete  Baumwolle  meist  aus 
britischen  Colonien  stamme  und  das  Gesetz  14.  Georg  III. 
c.  72  (1774)  hob  enillich  das  Verbot  des  Gebrauchs  von  Calieo 
für  Stoffe,  die  ganz  im  Inland  gesponnen  und  verwebt  waren, 
auf.  Auch  die  Herabsetzung  der  Steuer  auf  3  pence  wurde 
erreicht.  Doch  auch  diese  eniiedrigte  Steuer  war  noch  eine 
Belästigung.  1785  wurde  gegen  die  Steuern  auf  gedruckte 
Baumwolle  petitionirt,  die  früher  ein  von  den  Reichen  ge- 
tragener   Luxusartikel,   jetzt    Gegenstand    allgemeinen   Ver- 


1)  Journals  Vol.  22  S.  589,  592. 
'')  Journals  Vol.  34  S.  496,  708,  730. 


Schutz  der  Textilindustrie.  505 

brauchs  geworden  waren  ^).  Das  Haus  beschloss  Erleichte- 
rungen, aber  erst  später  gelang  die  völlige  Ei-fbllung  dieser 
Wünsche,  1818*)  erklärte  sich  ein  Parlamentscommittee  für 
völlige  Abschaffung  der  Steuern  auf  bedruckte  Baumwollstoffe, 
welche  in  den  letzten  10  Jahren  nach  Abzug  der  ROckzölle 
dem  Fiscus  jährlich  zwischen  168,790  und  390,186  Pf.  St. 
eingetragen  hatten.  Weisse  und  vor  dem  Weben  gefärbte 
Baumwollstoffe  waren  dagegen  steuerfrei.  Die  Galico- 
drucker  schlugen  vor,  zum  Ersatz  fQr  den  Fiscus  die  Roh- 
baumwoll-EinfuhrzöUe  zu  erhöhen,  wogegen  die  anderen  Baum- 
wollfabrikanten protestirten.  —  Gegen  diese  Rohbaumwoll- 
zölle war  übrigens  schon  1816  aus  West-Riding  of  York, 
London  und  Edinburgh  petitioniil;  worden^)  und  man  ver- 
langte statt  derselben  Baumwollausfuhrzölle  zum  Schutz  gegen 
fremde  Weberei  —  also  auch  der  Baumwollindustrie  hatte 
sich  das  Schutzzollfieber  bemächtigt.  Es  wurde  aber  1819 
durch  59.  Georg  III.  c,  90,  §  11  nur  der  Erhebungsmodus  der 
Steuern  geändert  und  erat  1831  wurden  sie  durch  1.  Will.  IV. 
c.  17  aufgehoben.  — 

Man  sieht,  1736  begann  die  Baum  Wollindustrie  ihren  sieg- 
reichen Kampf  gegen  die  ältere  Tuchindustrie,  der  zu  all- 
mäliger  Erringung  des  Freihandels  und  zu  einer  neuen  Blüthe 
der  Tuchindustrie  selbst  ftthrte.  Die  Baumwollindustrie,  von 
Anfang  auf  Import  ihres  Rohmaterials  und  Export  ihrer  Pro- 
ducte  angewiesen,  durch  die  Zollgesetzgebung  mehr  gedrückt 
als  gefördert,  war  sozusagen  von  Natur  freihändlerisch.  Und 
wenn  auch  gerade  in  dieser  Industrie  das  Elend  des  Fabrik- 
proletariats und  der  Fabrikkinder  eigentlich  erzeugt  und  gross- 
gezogen worden  ist  —  so  darf  man  nicht  vergessen,  dass  sie 
es  war,  in  der  die  Maschinen  erfunden  und  ausgebildet  worden 
sind,  die  der  ganzen  Textilindustrie  mehr  nützen  als  alle 
Zölle.  Und  man  darf  nicht  vergessen ,  dass  sie  das  Monopol 
einzelner  Capitalistengruppen  gebrochen  hat,  dass  sie  eine 
weitere  Verbreitung  des  Capitalbesitzes  und  eine  Vergrösserung 


^)  Journals  Vol.  40.  16.  März,  12.  u.  21.  April  1785. 
')  Report  on  Daties  payable  on  printed  cotton  goods. 
8)  Accounts  and  Papers  1800—1826  Vol.  84. 


506  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

des  Gesanimtcapitals  angebahnt  hat,  die  schliesslich  der  6e- 
sammtheit  zu  Gute  kam.  Mit  Leiden  und  Opfern  war  dieser 
Process  der  Capitalentwicklung  verbunden  —  das  nicht  ge- 
schützte, Jedeimann  zugängliche  Capital  musste  erst  einen 
halten  Kampf  ums  Dasein  kämpfen,  bis  es  jene  Grösse  er- 
reicht hatte,  die  seine  Besitzer  von  der  Nothwendigkeit  rück- 
sichtslosesten Erwerbstriebs  befreit. 

Doch  kehren  wir  nach  dieser  Abschweifung  zur  Tuch- 
industiie  zurück.  Obwohl  dieselbe  1720  im  höchsten  Maasse 
begünstigt  und  nach  1736  noch  lange  gegenüber  der  Baum- 
woUindustrie  bevorzugt  wurde,  so  hatte  sie  doch  beständig  zu 
klagen.  Da  der  Wollexportschmuggel  nicht  zu  unterdiUcken 
war,  so  tauchten  seit  1731  die  abenteuerlichen  Vorschläge 
der  Registriiiing  aller  englischen  Schafe  auf.  1732  sehen  wir 
einen  neuen  Antrag,  das  Wollexportverbot  zu  verschärfen  und 
das  Recht  jedes  Schiffers,  für  40  Shill.  Tuch  aus  Irland  auszu- 
führen, abzuschaffen^).  1739  und  1740  ertönten  laute  Klagen 
über  den  Niedergang  der  WoUmanufactur ,  welche  natürlich 
Verschärfung  des  Exportverbots  von  Rohwolle  und  Erleichte- 
mng  des  Imports  derselben  aus  Irland  wünschte.  Gegen  letz- 
teres Postulat  protestirten  die  Farmer  vergebens  —  das  Parla- 
ment trat  auf  die  Seite  der  Industrie  *).  Und  da  durch  andere 
Mittel  sich  der  Schmuggel  behufs  Wollausfuhr  nicht  verbieten 
liess,  so  trat  Walpole's  Committee  sogar  dem  schon  erwähnten 
Vorschlag  bei,  es  solle  jeder  inländische  Wollproducent  seine 
Wolle  registriren  lassen  und  nur  durch  Landfuhrwerk  trans- 
portiren  lassen  ^).  Es  gelang  aber  nicht,  sich  über  eine  Methode 
zur  Ausführung  des  vom  Parlament  gebilligten  Registrirungs- 
gedankens  zu  einigen,  weshalb  die  Petitionen  in  diesem  Sinn 
weiter  gingen  (1744  und  1745)*).  Zugleich  wurde  um  freie 
Einfuhr  von  Vieh  aus  Irland  gebeten,  damit  dort  Schafzucht 
und  Wollexport  nicht  zunehme^).     Später  (1753)  wurde  um 


^)  Journals  Vol.  21  S.  847. 

«)  Journals  Vol.  23  S.  223,  237-292,  375. 

-'')  a.  a.  0.  S.  481,  G24,  639,  673. 

*)  Vol.  24  S.  542. 

'')  Vol.  24  S.  447,  457;  Vol.  25  S.  9,  15. 


Schutz  der  Textilindastrie.  507 

fi-eien  Import  von  Wolle  und  Garn  aus  Irland  gebeten*). 
1766  beschloss  das  Haus,  den  Export  irischer  Wolle  in's  Aus- 
land durch  schärfere  Mittel  zu  verhindern  und  ihren  ausschliess- 
lichen Import  nach  England  mehr  zu  sichern  *). 

Fast  krankhaft  hielt  die  Tuchindustrie  an  dem  Glauben 
fest,  dass  sie  ein  Recht  auf  besondere  Begünstigung  habe  und 
dass  ihr  durch  Zollmaassregeln  geholfen  werden  könne.  Auch 
der  Plan  der  Schafregistrirung  tauchte  immer  wieder  auf^) 
und  fortwährend  wurde  um  Verschärfung  des  Verbots  des 
Exports  von  Wolle  und  Schafen  petitionirt,  da  man  daran 
festhielt,  es  könnte  ohne  englische  Wolle  Tuch  von  bestimmter 
Qualität  nicht  gemacht  werden,  es  könne  also  das  Wollaus- 
fuhrverbot den  englischen  Tuchmachern  ein  Monopol  geben. 
Die  vei*schärften  Gesetze  wurden  aber  immer  wieder  um- 
gangen, der  Schmuggel  z.  B.  auch  dadurch  geübt,  dass  man 
Matratzen  exportii-te,  aus  denen  dann  die  Wolle  wieder  her- 
ausgenommen  wurde*).      In   der  That   war   aber  nicht  der 


^)  Vol.  26  S.  621. 
«)  Vol.  30  S.  466. 

')  An  Essay  on  the  improvemeDt  of  the  Woollen  Manufacture  and 
of  some  other  branches  of  Trade  depending  thereon,  London  1741. 

Aus  folgenden  Broschüren  kann  man    den  Interessengegensatz   gut 
entnehmen: 

Sir  Dalr}'mple,  Bart  The  Question  considcred,  whether  wool  should 
be  allowed  to  be  exported  when  the  price  is  low  at  horae  on 
paying  a  duty  to  the  public.    London  1782. 

Nathanael  Forster.  An  Answer  to  Sir  John  Dalrymple's  Pamphlet. 
Colchester  1782. 

Josiah  Tucker.  Reflections  on  the  Present  Low  Price  of  Coarse  Wools 
London  1782. 

The  Propriety  of  allowing  a  qualified  exportation  of  Wool,  discussed 
historically,  London  1782. 

Considcrations  upon  the  present  State  of  the  Wool-Trade  by  a 
Gentleman,  London  1781. 

The  Contract  or  a  Comparison  between  Woolen,  Linen,  Cotton  and 
Silk  Manufactures,  London  1782. 

*)  S.  darüber:  Journals  Vol. 41.  10. April,  12.,  19.Junil786;  Report 
on  the  illicit  exportation  ofWooll,  Live  sheep  etc.,  12.  Juni  1786;  ferner 


'M 


508  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

Export  von  roher  Wolle  der  Grund  des  relativen  Niedergangs 
der  Tuchindustrie,  sondern  dieser  lag,  abgesehen  von  Con- 
juncturen  und  Kriegen,  in  einem  Wechsel  des  Geschmacks, 
demzufolge  das  Publikum  leichtere  Stoffe  von  Leinwand, 
Baumwolle  etc.  immer  mehr  vorzog.  Das  Wollexportverbot, 
das  den  Farmer  schädigte,  wirkte  auch  dahin,  dass  die  eng- 
lische Wolle  schlechter  wurde  und  es  nahm  der  Verbrauch 
ausländischer  Wolle  zu,  namentlich  seit  1802.  Die  Hälfte  der 
ausländischen  Wolle  wurde  ohne  Vermischung  mit  englischer 
Wolle  zu  feinem  Tuch  verarbeitet.  Da  gleichzeitig  die  in- 
ländische Schafzucht  in  Folge  von  Einhegungen  abnahm,  so 
wurde  um  Aufhebung  der  Zölle  auf  fi'emde  Wolle  gebeten*). 
Die  meiste  fremde  Wolle  wurde  nach  Yorkshire  importirt '). 

Mit  dem  19.  Jahrhundert  änderten  sich  also  die  Ver- 
hältnisse dahin,  dass  für  die  Tuchindustrie  selbst  das  Woll- 
exportverbot weniger  wichtig  wurde,  während  zugleich  die 
landwirthschaftlichen  Interessen  mit  denen  der  Tuchindnstrie 
erfolgreich  um  Schutz  petitionirten.  1802  wurden  Eingangs- 
zölle auf  fremde  Wolle  gelegt,  gegen  welche  die  Tuchindustrie, 
wie  erwähnt,  Opposition  machte.  1816  wurde  die  Frage  auf- 
geworfen, ob  die  sinkenden  Wollpreise  wegen  ihres  Schadens 
für  die  Landwirthschaft  durch  Zollgesetze  gehoben  werden 
könnten,  aber  die  Frage  wurde  verneinend  beantwortet.  Da- 
gegen wurde  Erhöhung  der  Einfuhi-zölle  auf  Rapssaat  em- 
pfohlen, woraus  Rapsöl  bereitet  wurde,  das  neben  anderen 
Oelarten  in  der  Tuchindustrie  gebraucht  wurde,  und  es  wurde 
Herabsetzung  der  Zölle  auf  Raps-  und  Leinsaatkuchen  vor- 
geschlagen, die  in  der  Landwirthschaft  verwendet  wurden. 
Der  Glaube  an  die  Schutzzölle  war  also  noch  in  Kraft,  die 
Rücksicht  auf  die  landwirthschaftlichen  Interessen  aber  vor- 


Journals Vol.  43;  25.  Febr.,  S.März,  15.,  17.  April,  25.  Juni  1788;  Report 
on  the  laws  relating  to  the  exportation  of  Live  shecp  etc.  5.  Mflrz  1778. 

^)  Minutes  before  the  Committee  of  the  Privy  Council  for  the  Aflfairs 
of  trade  regarding  the  Wool  tax.  15.  Dezbr  1819. 

*)  Aus  der  Fortsetzung  der  citirten  Minutes  vom  18.  Dzbr.  kann  man 
den  Werth  des  Wollimports  nach  England  incl.  des  nicht  sehr  erheb- 
lichen Imports  aus  Irland  ersehen. 


Schatz  der  Textilindustrie.  509 

herrschend^).      So    war    die    Tuchindustrie    der  Baumwoll- 
industrie näher  gertlckt,  indem  sie  nicht  nur  wie  von  jeher 
stark  auf  Export  angewiesen  war,   sondeni  auch  noth wendig 
ausländischen   Rohstoff  brauchte  und   gegenüber  der  Land- 
wirthschaft  freihändlerische  Tendenzen  annehmen  musste.  1825 
fiel   endlich   das  Wollexportverbot  und  die   künstlichen  Be- 
günstigungen  der  Tuchindustrie   nahmen   ein   Ende.     Dafür 
profitirte  dieselbe  durch  die  aus  der  Baum  Wollindustrie  stam- 
menden technischen  Fortschritte.    Jahrhunderte  hindurch  hatte 
die  mächtige  Tuchindustrie  den   schärfsten  Schutz  genossen, 
aber  je  leidenschaftlicher   der  Schutz   begehrt   und  je   aus- 
giebiger er  gewählt  wurde,  desto  weniger  nützte  er  den  Ge- 
schützten  selbst,   während   er  zugleich   andere   Producenten 
ganz  unmotivirter  Weise  beschädigte.   Seit  1720  zeigt  sich  in 
der  Tuchindustrie  ein  widerliches  und  doch  erfolgloses  Spiel 
kleinlich  kurzsichtiger,  egoistischer  Interessen,  welchen   die 
Gesetzgebung  lange  Zeit  nachgab  —  ohne  auf  irgend  einem 
Puncte   Nutzen   zu  stiften.     Starke  Begünstigung  der  Tuch- 
industrie konnte  wenigstens  dieser  selbst  nützen,  so  lange  sie 
der  einzige   wichtige  Zweig  der  Textilindustrie  war.    Sowie 
sich   die  Production  vielfältiger  entwickelte  und  die  Verhält- 
nisse complicirter  wurden,  erwies  sich  das  unter  allen  Um- 
ständen rohe  und  äusserliche  Mittel  der  Schaffung  von  Mono- 
polen durch    Schutzzölle  und  ähnliche  Maassregeln   als  eine 
störende  Chicane  des  gesammten  Handels  und  der  gesammten 
Production. 

Während  die  höchst  begünstigte  Tuchindustrie  ihren 
immer  erfolgloseren  Kampf  gegen  die  junge  Baumwollindustrie 
führte,  strebten  auch  die  älteren  Zweige  der  Textilindustrie 
nach  immer  schärferen  Schutzmaassregeln  für  sich  und  auch 
hier  entwickelte  sich  im  18.  Jahrhundert  das  Schauspiel,  dass 
die  Leidenschaft .  nach  Schutz  stets  unersättlicher  wird. 

Die  englische  Seidenindustrie   war   vollständig    ein  Ge- 


^)  S.  3  Reports  on  the  Import  of  foreign  Seeds ,  the  Trade  in  AYool 
and  Growth  of  Tobacco  29.  April,  9.  Mai,  17.  Mai  1816. 


510  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

schöpf  des  Schutzzolles,  durch  welchen  allein  sie  gegenüber 
der  französischen  und  italienischen  Seidenmanufactur,  welche 
über  billigeres  Rohmaterial  veifQgten,  aufkommen  konnte. 
Diese  Industrie  ist  in  der  That  ein  Beispiel  dafür,  dass  der 
Schutzzoll  gewisse  Effecte  erzielen  kann.  Dennoch  bmchte  es 
die  englische  Seidenindustrie  nur  in  gewissen  Producten  zur 
Vollkommenheit  und  noch  heute  sind  fremde  Seidenstoflfe 
eines  der  wenigen  Industrieproducte,  die  nach  England  in  be- 
merkenswerther  Menge  eingeführt  werden.  Der  Schutz  der 
englischen  Seidenmanufactur  steigerte  sich  im  vorigen  Jahr- 
hundert bis  zur  Prohibition.  Es  Hess  sich  dies  verhältniss- 
mässig  leicht  durchführen,  da  keine  anderen  inländischen  In- 
teressen dadurch  direct  beschädigt  wurden.  Mit  diesem  Mono- 
pol hing  nebenbei  bemerkt  auch  die  Möglichkeit  zusammen, 
die  früher  erwähnten  Spitalfieldsgesetze  (oben  S.  444)  so  lange 
aufrecht  zu  erhalten. 

Die  englische  Seidenmanufactur  verarbeitete  im  Anfang 
des  Jahrhunderts  Rohseide,  welche  in  Italien  und  in  der  Tür- 
kei mit  englischen  Tuch  gekauft  wurde.  Die  Tuchindustrie 
war  also  ihre  Bundesgenossin  in  dem  Begehren  nach  schär- 
ferem Schutz,  namentlich  gegen  die  ostindische  Concurrenz.*) 
Die  Gesetzgebung  suchte  das  Einschmuggeln  fremder  Seiden- 
stoffe mit  allen  Mitteln  zu  verhüten  und  die  hohen  Zölle  zu 
sichern.  1753  wurde  durch  26.  Georg  II.  c.  21  amtliche  Sieg- 
lung  aller  importirten  Seidenstoffe  verfügt.  2)  Indessen  der 
Schmuggel  der  kostbaren  Seidenwaaren  blühte  dennoch  weiter, 
während  die  fiscalischen  Rohseidenzölle  die  Seidenmanufactur 
beschwerten. 

1765  petitionirten  verschiedene  Seidenindustrielle,  Band- 
macher, Handschuhmacher  etc.  um  verschärften  Schutz  gegen 
französische  Concurrenz  und  freie  Einfuhr  von  Rohseide. 3)  Ein 
Committee  von  1766  schlug  sogar  zeitweiliges  absolutes  Ver- 


^)  Journals,  Vol.  19,  S.  679;  Vol.  20,  S.  749,  784,  808;  Vol.  21,  S. 
298  (1729). 

«)  S.  auch  Journals  Vol.  26,  S.  754. 

•'')  Vol.  30,  S.  65,  71,  87,  93,  110,  120,  141,  153,  158,  208,  376,  387, 
671,  705,  758. 


Schatz  der  Textilindustrie.  511 

bot  des  Imports  fremder  Seidenwaaren  mit  Ausnahme  der 
ostindischen  vor ;  indessen  es  zeigte  sich  doch  auch  hier,  dass 
die  inländischen  Interessen  nicht  unbedingt  harmonisch  waren 
und  es  ertönten  bereits  freihändlerische  Stimmen,  die  da  be- 
haupteten, die  Engländer  brauchten  kein  Monopol,  sondern  sie 
seien  den  Franzosen  durch  bessere  Qualität  tiberlegen,  wohin- 
gegen letztere  besseni  Geschmack  in  den  Mustern  hätten. 
Der  Import  französischer  Waaren  sei  daher  der  englischen  In- 
dustrie förderlich,  die  dadurch  bessere  Zeichnungen  bekomme. 
Diese  fi-eihändlerischen  Stimmen  drangen  aber  nicht  durch 
und  1766  wurde  durch  6.  Georg  HI.  c.  28  der  Import  aller 
fremden  Seidenwaaren  in  der  That  verboten,  nachdem  das 
alte  Verbot  des  Imports  seidener  Bänder,  Spitzen  und  Gürtel, 
das  von  Heinrich  VII.  herstammte,  schon  1762  durch  3.  Georg  III. 
c  21  erneuert  worden  war.  Dieses  Importverbot  wurde  von 
Zeit  zu  Zeit  und  noch  1808  durch  48.  Georg  III.  c.  22  für 
alle  Zukunft  erneuert,  ausser  insoweit,  als  es  der  Zollgesetz- 
gebung von  1803  (43.  Georg  III.  c.  68)  widersprach. 

Dieses  absolute  Monopol  wirkte  aber  auf  die  Dauer  er- 
schlaffend auf  die  englische  Seidenindustrie,  welche  keine  tech- 
nischen Fortschritte  machte. 

Seit  1812  hatten  sich  in  Folge  der  Hebung  der  Seiden- 
zucht in  Indien  die  Verhältnisse  geändert  und  das  Haus  der 
Lords  erklärte  sich  daher  für  Herabsetzung  der  Rohseide,  so- 
wie für  Aufhebung  der  Spitalfieldsgesetze  1821  *)  und  für  ver- 
ringerten Schutz  der  Manufactur,  Doch  wurde  erst  1824  resp. 
1826  durch  Huskisson  mit  dem  alten  [System  des  Monopols 
gebrochen  und  seitdem  hob  sich  die  englische  Seidenmanu- 
factur  wieder;  ihr  Export  war  früher  von  minimaler  Bedeu- 
tung gewesen,  seitdem  aber  wuchs  er.  — 

Während  die  Seidenindustrie  den  höchsten  Schutz  genoss 
und  durch  Nichts  bedrückt  wurde  —  denn  die  Rohseidenzölle 
waren  lange  Zeit  durch  das  Monopol  völlig  aufgewogen  — 
war  die  Leinenindustrie  Englands  durch  die  Begünstigung  Ir- 
lands mit  seinen  Leinwandexportprämien  etc.  und  durch  das 


')  Report  of  the  Lords  od  Silk-  and  Wine-Trade  28.  Juni  1821. 


512  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

zeitweilige  Verbot  gedruckter  Leinenstoffe  beschädigt.  Diese 
BeDachtheiligungen  suchte  man  aber  durch  andere  Begünstigun- 
gen wieder  auszugleichen.  Zunächst  wurde  die  britische  Leinen- 
industrie gegen  die  überlegene  deutsche  geschützt. 

Die  Leinenindustrie  litt  unter  überlegener  Concurrenz 
deutscher  Leinwand,  die  unter  dem  Namen  „Osnaburgh"  in 
den  Handel  kam  und  beim  Wiederexport  Rückzölle  genoss. 
Sie  wurde  stark  nach  den  Colonien  vei-schifft.  Die  Kaufleute 
petitionirten  für  diese  Rückzölle,  die  inländischen  Leinenmanu- 
factunsten  dagegen,  unter  Berufung  darauf,  dass  sie  in  Folge 
der  SteueiTi  auf  Seife  und  Asche  nicht  so  billig  produciren 
könnten.  Obwohl  behauptet  wurde,  die  inländische  Industrie 
liefere  nur  ein  Drittel  des  inländischen  Bedarfs,  trat  das  Par- 
lamentscommittee  doch  auf  Seite  der  Industrie  ^)  (1738).  1742 
wiederholten  sich  die  Petitionen  gegen  die  Rückzölle  auf 
fremde  Leinwand. 2)  Zugleich  wünschte  man  Rückei-stattung 
der  Steuern  auf  Seife,  soweit  diese  bei  der  Leinenindustrie 
verwendet  wurde  und  es  wurden  nun  Prämien  auf  exportirte 
britische  Leinwand  vorgeschlagen,  auch  dass  englische  Tnip- 
pen  nur  inländische  Leinwand  sollten  tragen  dürfen.  3) 

In  der  That  erhielt  auch  die  englische  Leinenindustrie  durch 
15.  Georg  II.  c.  29  seit  1743  Exportprämien  und  diese 
wurden  ihr  später  ausgedehnt.  Das  aber  beschwerte  Lein- 
wand- und  Baumwollfabrikanten  in  Mancliester,  welche  be- 
steuerte irische  Leinwand  zu  gewissen  Waaren  verarbeiteten, 
und  datQr  keine  Exportprämien  genossen.  Das  Parlament 
erklärte  sich  im  Interesse  dieser  Manchester-Fabrikanten  für 
Erniedrigung  der  Zölle  auf  irische  Leinwand  (1750).^) 

Trotz  aller  Begünstigung  und  Exportprämien  aber  wollte 
die  Leinenindustrie  nicht  recht  prosperiren  und  suchte  in 
neuen  Zollgesetzen   ihr  Heil-'»)  sowie  in   künstlichen  Mitteln, 


')  Journals  Vol.  23,  S.  26,  07—77,  89,  121—124,  135,  157. 
»)  Journals  Vol.  24,  S.  189—194,  212,  256. 
•'')  a.  a.  0.  S.  650,  841. 

*)  Journals  Vol.  2(5,  S.  74,  109,  118,  218,  239. 
^)  Report   on   Manufacturers   of  Linen,   11.  März  1744;  Report  on 
Traders  and  Dealers  in  the  Linen  Manufactory  26.  April  1751. 


Schutz  der  Textilindustrie.  513 

das  Angebot  von  LeinengarD  zu  steigein.  Die  englische 
Leinenindustrie  befand  sich  aber  in  Interessencollision  mit 
schottischen  Fabrikanten,  welche  Leinengarn  aufkauften  um 
es  mit  Baumwolle  veimischt  zu  verweben,  und  mit  den  Fabri- 
kanten von  Leinenfaden.  Dieser  gesteigerten  Nachfrage  gegen- 
über wurde  künstliche  Ermunterung  der  Flachsspinnerei  ver- 
langt.') 

1773^)  befand  sich  die  Leinenindustrie  in  arger  Noth 
und  das  Elend  der  Arbeiter  war  gross.  Man  kam  auf  kein 
anderes  Mittel  zur  Abhülfe,  als  verschäifte  Beschränkung  der 
ausländischen,  namentlich  deutschen  Concun*enz.  Man  ergriff 
fortgesetzt  allerlei  künstliche  Mittel  zur  Hebung  der  Leinen- 
industrie, namentlich  auch  zur  Beförderung  des  Flachsbaues, 
doch  jede  gewährte  Hülfe  rief  immer  nur  neue  Wünsche  hervor. 

1781  liefen  Petitionen  um  Gelduntei-stützung  des  Flachs- 
baues und  eine  Gleichstellung  der  englischen  und  irischen 
Leinenmanufactur  in  Bezug  auf  Zoll  ein. 3) 

Am  1.  Juli  1783  beschloss  das  Haus  Rückzölle  zu  ge- 
währen für  die  in  der  Leinen-  und  BaumwoUeuiudustrie  ge- 
brauchte Seife,  was  auch  geschaht) 

Trotz  der  Prämien  auf  inländischen  Flachs  (Gesetz  vom 
21.  Georg  HI.)  hob  sich  aber  der  inländische  Flachsbau  nicht 
wurde  178G  um  neue  Unterstützung  gebeten.*) 

Auch  der  Hanfbau  bekam  Unterstützung.  1787  beschloss 
das  Haus  6  Pf.  St.  Prämie  auf  jede  Tonne  Hanf  und  20  Seh. 
auf  jeden  Acre  bisherigen  wüsten  Landes,  das  in  Hanfland 
umgewandelt  werde.  ^) 

1795  wurde  beschlossen,  die  gewährten  Prämien  für  Hanf- 
und Flachsbau  fortzusetzen.') 


*)  S.   einen  Report  von  1738,  abgedruckt  im  Appendix  des  erwähn- 
ten Reports  von  1751. 

*)  Report  on  Linen  Trade  of  Great  Britain  and  Ireland  25.  Mai  1773. 

')  Journals  Vol.  38.     24.  April,  21.  Mai  1781. 

*)  Journals  Vol.  48.    26.  März  1783. 

»J  Journals  Vol.  41.     13.  April,  13.  Juni  1786. 

^)  Journals  Vol.  46.      8.  April  1787. 

'')  Journals  Vol.  50.     19.  Mai,  8.  Juni  1795. 

Held,  Soc.  Gesch.  Engh  33 


514  Zweites  Bach ,  Cap.  2. 

Trotz  all  dieser  Mittel  blieb  die  britische  Leinenindustrie 
aber  verhältnissmässig  schwach,  namentlich  gegenüber  der 
nicht  geschützten  Baumwollindustrie.  Besonders  stark  war 
der  Schutz  der  inländischen  Segeltuchfabrikation,  doch  auch 
diese  war,  trotz  aller  Begünstigung,  der  russischen  (Doncurrenz 
nicht  gewachsen. 

Auch  zeigte  sich  bei  dieser  Frage,  dass  der  Schutz 
einer  inländischen  Production  nicht  ohne  Druck  auf  andei'e 
Zweige  des  nationalen  Erwerbslebens  möglich  war. 

Die  Segeltuchmacher  verlangten  nicht  nur  Schutz  g^en 
russische  Concuirenz,  sondeni  auch  Exportprämien  für  sich, 
zumal  in  Anbetracht  der  Importzölle  von  Flachs  und  Hanf.*) 
1736  verlangten  sie  schon  wieder  stärkeren  Schutz  und  ein 
Parlamentscommittee  schlug  unter  Protest  von  Schiffseigen- 
thümem  vor,  diese  einfach  zum  Gebrauch  von  britischem  Segel- 
tuch zu  zwingen,*) 

1746  wird  wieder  im  Interesse  des  inländischen  S^el- 
tuchs  petitionirt,  weil  fortwährend  fremdes  Segeltuch  einge- 
schmuggelt wurde,  obwohl  es  gesetzlich  feststand,  dass  alles 
importirte  Segeltuch  gestempelt  und  verzollt  werden  und 
jedes  britische  Schiff  eine  volle  Garnitur  inländischen  Segel- 
tuchs haben  musste.  Die  Flachsbauer  verbanden  sich  mit  den 
Segeltuchmachern.  ^) 

So  sehen  wir  in  der  Leinenindustrie  einen  wirren  Kampf 
der  Interessen  von  Irland  und  England,  der  Segeltuchmacherei 
und  der  Seeschifffahrt,  der  Spinner  und  der  Weber,  bei  wel- 
chen all  diese  Interessen  Schutz  verlangten  und  erreichten, 
dadurch  aber  nur  sich  gegenseitig  durchkreuzten  und  beschä- 
digten. —  In  der  Seidenindustrie  wurde  doch  der  eine  Zweck, 
diese  nationale  Production  rücksichtslos  durch  Monopol  zu 
fördeiTi,  in  der  Tuchindustrie  die  Bevorzugung  dieser  Manufactur 
vor  anderen  mit  principieller  Klarheit  angestrebt.  Bei  den 
Maassregeln  zu  Gunsten  der  Leinwandproduction   bekämpfen 


^)  Journals  Vol.  20  S.  67;  Vol.  21  S.  645  (1731). 

'')  Journals  Vol.  22,  S.  646,  682. 

^)  Journals  Vol.  24,  S.  42,  66,  73,  99,  132. 


Schutz  der  übrigen  Industrien.  515 

sich  aber  in  aufreibender  Weise  die  Interessen  ihrer  einzelnen 
Zweige  und  der  einzelnen  Theile  des  Reiches. 


§  3.    Handelspolitischer  Schutz  der  übrigen 

Industrien. 

Die  Textilindustrie  war  im  vorigen  Jahrhundert  wie  in 
jeder  anderen  Zeit  die  wichtigste  Industrie  und  daher  waren 
auch  für  sie  die  Schutzmaassregeln  am  meisten  ausgebildet.  In 
den  anderen  Industriezweigen  aber  herrschten  ganz  ähnliche 
Verhältnisse  —  Monopolsucht  und  unlösbare  Interessencolli- 
sionen. 

So  finden  wir  1720  einei'seits  Petitionen  von  Strohhut- 
machern gegen  den  Impoil  von  Frauensti-ohhüten  ^),  andrer- 
seits Petitionen  für  das  wenn  auch  zollpflichtige  Einlassen  von 
Strohgeflecht,  da  dieser  Import  des  Materials  für  Strohhüte 
den  Export  von  Wolltuch  und  anderer  Waaren,  womit  bezalilt 
werde,  ermögliche.  2) 

Manchmal  halfen  auch  die  Arbeiter  bei  den  Petitionen 
um  Schutzzoll  mit.  Doch  kommt  das  nicht  häufig  vor,  und  es 
scheint,  als  ob  die  Arbeiter  in  solchen  Fällen  von  ihren  Lohn- 
heiTen  zum  Petitioniren  veranlasst  worden  wären.  So  peti- 
tionirten  1764  die  Hutmacher  im  Verein  mit  ihren  Arbeitern 
gegen  die  Rückzölle  auf  Biberfelle,  welche  die  französische 
Hutmacherei  begünstigten.  Man  verlangte  sogar  die  Rück- 
zölle durch  Ausfuhrzölle  zu  ersetzen,  indem  man  alles  Biber- 
haar gewaltsam  in  England  festhalten  wollte.*) 

1737  erhoben  sich  Interessenkämpfe  zwischen  Hohofen- 
besitzeiTi  und  andem  Eisenindustriellen.  Letztere  wünschten 
Importprämien  auf  Roheisen  aus  englischen  Colonien,  um  dort 
das  Entstehen  der  Eisenmanufactur  zu  verhindern  und  um  in 
England  schwedisches  Eisen  entbehrlich  zu  machen.  Eretere 
aber  und  die  Besitzer  von  Wäldeni  waren  gegen  die  freie 


')  Journals  Vol.  19,  S.  245,  249,  250,  252,  254. 
*)  Journals  Vol.  19,  S.  272,  277,  288,  281,  289. 
•')  Journals  Vol.  29,  S.  761,  769,  905. 

33 


516  Zweites  Bach,  Cap.  2. 

Einfuhr  von  Roheisen  aus  Colonien,*)  1738  gingen  diese  Agi- 
tationen fort  und  die  Hohofenbesitzer  beriefen  sich  vor  Allem 
auf  die  Interessen  des  Waldlands.  2)  Offenbar  litt  die  Hoh- 
ofenindustrie  durch  zunehmende  Theuerung  des  noch  allein  ge- 
brauchten Holzes  und  suchte  sich  auf  Kosten  der  Consumen- 
ten  durch  Schutz  gegen  Colonialroh eisen  zu  halten,  in  welchem 
Streben  ihr  das  Parlament  zur  Seite  trat. 

1750  wurde  wieder  gegen  Einfuhr  amerikanischen  Eisens 
petitionirt.^) 

Schiifsbauholz  wurde  seit  1809  geschützt,  d.  h.  ausländi- 
sches Holz  wurde  zu  Gunsten  von  schlechterem  canadischen 
Holz  besteuert,  was  1820  bei  den  Lords  Anstoss  erregte.  1821 
beantragten  auch  die  Gemeinen  mehr  Gleichstellung  des  cana- 
dischen und  baltischen  Holzes.^)  Es  war  die  Zeit,  wo  endlich 
auch  im  Parlament  der  Glaube  an  das  Protectivsystem  wan- 
kend geworden  war  und  die  Uebei-zeugung  durchzudringen 
begann,  der  englische  Handel  brauche  keinen  Schutz  mehr, 
sondern  nur  „ein  offenes  und  gleiches  Feld  für  seine  Anstreng- 
ungen." Schon  wieder  existiiten  über  2000  den  Handel  be- 
treffende Gesetze  (darunter  1100  schon  1815).  Niemand  konnte 
ohne  Hülfe  von  Advocaten  die  Gesetze  übersehen.  Doch  dachte 
man  noch  nicht  an  volle  Aufhebung  namentlich  der  Naviga- 
tionsgesetze, sondern  nur  an  Erleichterung.'^) 

Gegen  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  geriethen  die  Kupfer- 
bergwerksbesitzer in  Conflict  mit  den  Kupferindustriellen. '^j 
Letztere  verlangten,  dass  bei  Erreichung  eines  bestimmten 
Kupferpreises,  der  den  Bergwerksbesitzeni  einen  billigen  Ge- 
winn Hesse  und  sie  dem  Ausland  gegenüber  concurrenzfühig 
hielte,  der  Kupferexport  verboten  und  der  Import  frei  erlaubt 
werden  solle.    Die  Kupferindustrie  selbst  kämpfte  gegen  aus- 


M  Journals  Vol.  22,  S.  772— 78S,  791,  SlO,  862,  878. 
»)  Journals  Vol.  23,  S.  15,  21,  100,  151,  172. 
s)  Journals  Vol.  25,  S.  1021. 

*)  First  Keport  f.   t.  Lords  on  Timber-Trade  11.  Juli  1820;  First 
Report  ou  Foreign  Trade  9.  März  1821. 

*)  Report  on  Foreign  Trade  18.  Juli  1820. 

^)  Report  on  the  State  of  Copper  raines  and  Copper  Trade,  7.  Mai  1799. 


Schatz  der  übrigen  Industrien.  517 

ländische,  namentlich  deutsche  Concun*enz  und  man  glaubte, 
es  Hesse  sich  der  Gewinn  der  Bergwerke  amtlich  constatiren 
und  feststellen.  Zeugen  von  beiden  Seiten  wurden  verhört. 
Schliesslich  erklärten  zwei  Sachverständige,  nicht  aus  theore- 
tischer Vorliebe  für  Eisenhandel,  sondern  in  Folge  ihres  Ein- 
blicks in  die  praktischen  Verhältnisse,  dass  es  am  besten  sei, 
den  Kupferhandel  einfach  ganz  frei  zu  geben.  ^) 


^)  A.  a.  0.  Schluss  des  Reports: 

Thomas  Williams.  Qu.  What  do  you  think  would  be  the  effect  on 
the  mines  and  trades  of  this  country  of  making  the  trade  in  copper  per- 
fectly  free?  —  To  give  a  decided  opinion  upon  this  question  it  is  neces- 
sary  that  the  interest  and  encouragement  of  the  miners,  manufacturers  and 
merchants  should  be  duly  weighed  and  considered ;  that  the  advantages  of 
the  copper  improvements  in  our  navy  and  trading  ships,  so  essential  to 
our  great  and  inestimable  commerce,  should  be  duly  attended  to,  and  that 
the  revenues  consequently  arising  to  the  State  from  the  increase  and  pro- 
sperity  of  these  branches  of  british  industry  should  be  fully  understood. 
Not  having  time  to  enlarge  as  I  might  upon  the  different  points  that  oc- 
cur  in  contemplating  this  important  subject,  I  can  but  shortly  observe  that 
after  füll  twenty  years  close  attention  and  indefatigable  labour  in  the  ge- 
neral  trade  from  the  working  of  the  mines  to  the  ultimato  sale  of  the 
copper  at  the  home  and  foreign  markets  as  well  in  the  cakes  or  ingots 
as  in  the  various  manufactured  states  for  the  numberless  uses  of  the  brass 
makers,  the  Birmingham  and  Sheffield  trades,  the  London,  Liverpool  and 
Bristol  coppersmiths,  braziers  and  other  minor  manufacturers  through  the 
Eingdom;  after  studying  also  the  produce  and  effects  of  all  foreign  mines, 
markets  and  manufactories  during  all  that  time  and  making  imports  of 
copper  every  year  previous  to  the  present  war  from  all  the  foreign  mar- 
kets where  I  could  do  it  without  serious  loss,  with  a  view  of  gaining  au- 
thentic  knowledge  of  the  State  of  the  trade  there,  I  am  of  opinion : 
that  a  perfectly  free  and  open  trade  out  of  and  into  this  country 
would  be  more  beneficial  both  to  the  country  and  to  the  mines,  to  the 
trade,  traders  and  manufacturers  of  every  description,  than  subjecting  them 
to  any  restraints  under  the  idea  of  regulations  however  well  intended ;  and 
with  this  idea  strongly  impressed  in  my  mind  I  should  regoice  that  the 
whole  trade  should  be  laid  perfectly  free  and  open,  not  from  a  wish  of 
advantage  to  myself,  as  I  am  dcsirious  and  determined  at  the  close  of 
this  present  year  to  take  my  leave  of  the  trade. 

Ebenso  antwortete  Mr.  Vivian  auf  dieselbe  Frage: 

I  have  no  difficulty  in  saying  that,  in  order  to  shew  that  is  not  our 
wish  to  shackle  the  manufacturers  and  to  put  an  end  to  all  controversy 
a  free  export  and  Import  of  copper  would  be  a  measure  in  my  opinion 


518  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

Die  angeführten  Beispiele  mögen  genügen,  um  ein  Bild 
davon  zu  geben,  in  welcher  Weise  die  Schutzzölle,  welche 
gegen  die  Concurrenz  des  Auslands  die  inländische  Industrie 
begünstigen  sollten  und  wie  die  damit  in  Verbindung  stehen- 
den Versuche,  selbst  einzelne  inländische  Industrien  zu  Gun- 
sten anderer  zu  unterdillcken,  wirkten.  Kein  vorurtheilsfreier 
Beobachter  kann  in  dem  Zustand,  wie  er  sich  im  18.  Jahrhun- 
dert in  England  entwickelte,  eine  heilsame  Beeinflussung  der 
nationalen  Production  durch  Organisation  von  Oben  erkennen. 
So  sehr  einzelne  Schutzzölle  zeitweilig  genützt  haben  mögen, 
in  ihrer  Gesammtheit  waren  sie  nothwendig  systemlos  und  das 
Gegentheil  einer  organisatorischen  Ordnung.  Sie  stellten  eine 
durch  die  mächtige  Hand  des  Staats  gestützte  Anarchie  egoi- 
stischer Interessen  dar,  ärger,  als  es  die  „Anarchie  der  freien 
Concurrenz"  werden  kann.  Das  Bild  dieser  Anarchie  der  ge- 
schützten Interessen  wäre  übrigens  kein  vollständiges,  wollten  wir 
nur  die  eigentlichen  Schutzzölle  und  die  aus  ihnen  hervorge- 
gangenen Maassregeln  schildern.  Der  Eifer  auf  Kosten  des 
Auslands  zu  profitiren,  verstieg  sich  noch  zu  audem  Maass- 
regeln, die  vielleicht  noch  weniger  nützten  und  noch  mehr 
schadeten. 

Zu  den  engherzigsten  Maassregeln  des  Mercantilsystems 
gehörten  diejenigen,  welche  dem  Inland  das  Monopol  auf  ein- 
zelne technische  Fortschritte  zwangsweise  sichern  wollten.  Dies 
bezweckten  die  Mascliinenausfuhrverbote  und  die  Strafen  auf 
das  Auswandern  gelernter  Arbeiter.  Die  englische  Gesetz- 
gebung entwickelte  im  Laufe  der  Zeit  viele  derartige  Be- 
stimmungen, doch  waren  diese,  dem  ganzen  Geist  der  eng- 
lischen Gesetzgebung^  entsprechend,  nicht  genereller  Art,  son- 
dern bezogen  sich  immer  auf  einzehie  Fälle.  ^) 

169G  wurde  zuerst  der  Export  der  neuen  von  Lee  er- 
fundenen Stmmpfwirkerrahmen  verboten.  Diese  durften  selbst 
in  England  nur  mit  Bewilligung  der  Londoner  Strumpfwirker- 

under  tbe  present  circumstances  of  the  copper  trade  bighly  advantageous 
to  tbe  niining  and  manufacturing  interests  of  tbis  kingdom. 

^j  Diese  sind  aufgezäblt  in  dem  Report  on  tbe  Laws  relating  to  tbe 
Export  of  Tools  and  Macbinery  1825. 


Schutz  der  übrigen  Industrien.  519 

zunft  verpflanzt  werden,  was  indessen  durch  das  Absterben 
dieser  Zunft  bald  unwirksam  wurde. 

1750  wurde  der  Export  aller  in  der  Tuch-  und  Seiden- 
industrie gebrauchten  Werkzeuge,  1774  auch  der  in  der  Baum- 
woU-  und  Leinenindustrie  gebrauchten  Werkzeuge  verboten, 
wovon  indessen  1775  zu  Ehren  der  nordamerikanischen  Colo- 
nien  und  im  Interesse  vieler  armer  Familien  in  der  Heimath 
Ausnahmen  gemacht  wurden. 

Es  folgten  weitere  Gesetze:  1781  und  1782  wurde  die 
Ausfuhr  von  Musteni,  Zeichnungen  und  Platten  zum  Bedrucken 
von  Stoffen  verboten.  1785  erschien  ein  höchst  umfängliches 
Gesetz,  welches  den  Export  der  in  der  Eisen-  und  Stahl- 
industrie und  der  Knopfinacherei  gebrauchten  Werkzeuge 
verbot  Die  Knopfmdustrie  sank  aber  durch  die  Kupferzölle 
und  den  Silberstempel  dennoch  und  das  Gesetz  von  1785 
wurde  1786  bis  zur  gänzlichen  ünanwendbarkeit  modificirt. 
Principlos  wurden  von  da  ab  die  Ausfuhrverbote  aufgehoben 
und  verlängert,  so  dass  sie  unübersichtlich  wurden  und  Schaden 
stifteten. 

Die  Auswanderung  von  gelernten  Arbeitern  (Manufac- 
turere  and  Artificei's)  namentlich  aus  der  Woll-,  Metall-  und 
Uhrenindustrie  wurde  1718  durch  5.  Georg  I.  c.  27  verboten 
und  mit  Strafe  bedroht  und  dieses  Gesetz  wui-de  1750  durch 
23.  Georg  II.  c.  13  verschärft.  Das  Gesetz  von  1718  erfolgte 
auf  viele  Petitionen  hin,  die  im  Januar  1781  von  Industriellen 
ausgingen.^) 

Diese  Gesetze,  die  gewissennaassen  einen  Excess  des 
Mercantilsystems  darstellen,  gelangten  verhältnissmässig  spät 
zur  Entwicklung.  Es  ist  klar,  dass  sie  eine  VeriiTung  waren ; 
solche  Gesetze  sind  gegenüber  dem  Schmuggel  undurchführbar, 
rufen  Repressalien  hervor  und  schädigen  stets  diejenige 
Industrie,  welche  die  Werkzeuge  herstellt,  zugleich  auch  die 
andere,  welche  sie  benutzt,  weil  der  Fortschritt  in  der  Maschi- 
nenindustrie gelähmt  wird.  Dass  man  sich  auf  solche  Gesetze 
warf,  zeigt,  dass   das  Mercantilsystem  in  das  Stadium   eines 

')  Journals  Vol.  19  S.  78,  83,  89. 


520  Zweites  Buch,  G19.  8. 

schwächlichen  Greisenalters  getreten  war.  Die  UnansfÜhrbar- 
keit  und  Schädlichkeit  dieser  Maassregeln  zeigte  sich  fibri- 
gens  bald. 

1824  erschienen  fünf  Parlamentsreporte  ,,on  artizans  aad 
machinery/'  welche  über  diese  Gesetze  und  zugleich  über 
Combinationen  Auskunft  gaben.  Es  zeigte  sich,  dass  noch  ein 
Theil  der  Industriellen  an  den  Exportverboten  festhielt, 
während  ein  anderer  geneigt  war,  sie  aufzugeben;  der  Zu- 
sammenhang dieser  Gesetze  mit  den  Arbeitercombinationen 
lag  einerseits  darin,  dass  das  Arbeiterauswandenrngsverbot 
Erbitterung  unter  den  Arbeitern  erzeugte,  andererseits  darin, 
dass  man  von  der  Maschinenausfuhr  die  Stärkung  ausländi* 
scher  Ck)ncurrenz  und  Druck  der  inländischen  Löhne  befürch- 
tete. Der  schon  oben  (Seite  518,  Anmerkung)  erwähnte 
Report  vom  Jahre  1825  erklärte  die  Ausfuhrverbote  unbe- 
dingt für  nutzlos  und  schädlich.  Alle  Zollbeamten  waren 
g^en  die  Ausfuhrverbote  wegen  ihrer  Unausfahrbarkeit  Es 
existirte  eine  Versicherungsgesellschaft  zur  Organisation  des 
Schmuggels,  bei  der  man  die  auszuschmuggelnden  Maschinen 
versicherte.  Wenn  man  verbotene  und  erlaubte  Maschinen, 
resp.  Maschinentheile  vermischt  zur  Ausfuhr  brachte,  so  stand 
dei-selben  ohnedies  nichts  im  Wege.  —  Natürlich  war  die 
Majorität  der  Maschinenfabrikanten  selbst  gegen  die  Verbote 
und  zahlreich  wai*en  unter  den  vernommenen  Sachvei-ständigen 
die  rein  freihändlerischen  Stimmen,  welche  der  Meinung 
waren,  die  Superiorität  der  englischen  Industrie  sei  fest  be- 
gründet auf  dem  Kohlenreichthum ,  dem  grossen  Capital  des 
Landes,  der  Intelligenz  und  Energie  der  Arbeiter,  den  guten 
Verkehrsmitteln.  Sie  brauche  nicht  mehr  den  Schutz  von 
Maschinenausfuhrverboten,  deren  Wegfall  auch  die  gute  Folge 
haben  würde,  dass  England  veraltete  Maschinen  schneller  los- 
schlagen könne.  Aufs  deutlichste  zeigt  dieser  Bericht  an  dem 
Beispiel  spätentwickelter  excessiver  Schutzmaassregeln,  dass 
und  wie  das  Mercantilsystem  sich  überlebt  hatte. 


Schutz  des  Ackerbaus.  521 


§  4.  Handelspolitischer  Schutz  des  Ackerbaus. 

Ich  habe  im  Bisherigen  nur  die  künstlichen  Begünsti- 
gungen der  Industrie  erwähnt,  welche  ja  das  eigentliche  Ziel 
des  Mercantilsystems  waren.  Nur  gelegentlich  wurde  bemerkt, 
dass  auch  das  Interesse  des  Grundbesitzes  und  des  Acker- 
baus sich  regte  und  berücksichtigt  wurde.  Es  ist  aber  eben 
eine  grosse  und  besondei*s  wichtige  Eigenthümlichkeit  des 
englischen  Mercantilismus ,  dass  derselbe  es  unternahm,  auch 
den  Landbau  in  seine  Kreise  hereinzuziehen.  Durch  dieses 
ganz  unmögliche  Streben  ginib  er  sich  schliesslich  sein  eigenes 
Grab.    Der  unmögliche  Versuch  lag  in  den  Komzöllen. 

Die  Eomzölle,  die  im  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  in 
England  von  so  eingreifender  Bedeutung  wurden,  hatten  sich 
langsam  entwickelt  und  die  leitenden  Gesichtspuncte  der  Gesetz- 
gebung waren  keineswegs  constant. 

Im  Mittelalter  herrschte  die  Absicht,  dem  Lande  stets 
die  nöthige  Menge  Getreides  zu  billigem  Preise  zu  sichern. 
Bei  der  geringen  Entwicklung  des  Komhandels,  demzufolge 
jedes  Land  zumeist  auf  sich  selbst  angewiesen  war,  konnte 
man  dieses  Ziel  durch  inländische  Gesetzgebung  zu  erreichen 
hoffen  und  das  allgemeine  Getreideausfuhrverbot,  das  im 
Mittelalter  galt,  kann  nicht  ohne  Weiteres  als  eine  verfehlte 
Maassregel  betrachtet  werden. 

Im  15.  Jahrhundert  begann  man  von  dem  alten  Grund- 
satz abzuweichen,  indem  1436  die  Ausfuhr  von  Weizen  und 
Gei-ste  gestattet  wurde,  wenn  der  Preis  dieser  Producte  eine 
bestimmte  Höhe  nicht  überstieg.  Es  wurde  also  noch  stärke- 
res Sinken  des  Preises  verhütet.  1463  wurde  weiter  ver- 
ordnet, dass  die  Getreideeinfuhr  verboten  sein  solle,  so  lange 
der  Preis  die  Höhe,  unter  welcher  die  Ausfuhr  gestattet  war, 
nicht  erreicht  hatte.  Dies  war  der  Anfang  der  Gesetzgebung, 
welche  nicht  mehr  trachtete,  dem  Volke  möglichst  billiges 
Korn  zu  sicheni,  sondern  darauf  ausging,  dem  Landbauer 
einen  gewissen  Minimalpreis  des  Korns  zu  verschaffen.  In- 
dessen waren   diese  ei*sten  Gesetze  noch  keineswegs  derait, 


522  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

dass  sie  den  Landbauer  stark  auf  Kosten  des  Consumenten 
begünstigten  und  in  der  Ausführung  erwiesen  sie  sich  als 
einflusslos.  Die  alte  Tendenz  dem  Volke  billiges  Korn  und 
Verdienst  zu  sichern  bestand  auch  noch  fort  in  den  Gesetzen, 
welche  die  Umwandlung  von  Kornland  in  Weideland  verboten. 
1562  wurden  die  Preise,  bei  welchen  Ausfuhr  gestattet  war, 
erhöht;  1751  das  Ausfuhrverbot  in  einen  Ausgangszoll  unter 
abermaliger  Erhöhung  des  maassgebenden  Preises  verwandelt 
Die  Tendenz,  dem  Landbauer  höhere  Preise  zu  sichern  wuchs 
also.  Es  folgten  nun  die  Gesetze  15.  Karl  11.  c.  7  und 
22.  Karl  c.  13  von  16G3  resp.  1670^).  Das  erstere  Gesetz 
gestattete  Export  des  Weizens  bei  einem  inländischen  Preis 
von  48  Schilling  pro  Quaiter  und  gab  zugleich  bei  demselben 
Preis  den  bis  dahin  unterdrückten  inländischen  Kornhandel 
frei ;  das  letztere  auch  bei  jedem  höheren  Preis  gegen  einen 
factisch  sehr  kleinen  Ausfuhrzoll,  welcher  durch  1.  Wilhelm  und 
Maria  c.  12  und  namentlich  durch  11.  und  12.  Wilhelm  III.  c.  20 
wegfiel.  Das  Gesetz  von  1670  führte  zugleich  Weizenein- 
gangszölle ein,  und  zwar  betrugen  diese  16  Schillinge  pro 
Quai-ter,  wenn  der  Preis  nicht  über  53  Schilling  4  pence  stand; 
8  Schilling  bei  einem  Preis  bis  zu  4  Pf.  St.;  5  Schillinge 
4  pence  bei  einem  Preis  über  4  Pf.  St.  Durch  1.  Wilhelm  u.  Maria 
c.  12  kam  noch  eine  Exportprämie  auf  Weizen  von  5  Schil- 
ling pro  Quarter  dazu ,  Nvenn  der  Preis  auf  48  Schilling  oder 
darunter  stand.  Damit  war  der  Anfang  einer  das  Land- 
interesse begünstigenden  Gesetzgebung  gemacht.  Da  1697— 
1764  der  Weizenpreis  durchschnittlich  auf  33  Schilling  3  pence 
stand,  so  waren  es  in  dieser  Zeit  die  Ausfuhrprämien,  auf 
denen  die  Begünstigung  hauptsächlich  beruhte. 

Als  aber  nach  1760  die  Bevölkerung  w^uchs,  trat  eine 
entgegengesetzte  Strömung  in  der  Gesetzgebung  ein.  1765 
wurden  durch  5.  Georg  III.  c.  31  und  32  die  Weizeneinfuhr- 
zölle und  Exportprämien  zeitweilig  aufgehoben  und  der  Krone 
das  Recht  gegeben,  den  Export  zeitweilig  ganz  zu  verbieten. 


M  Die  Gesetze  seit  dieser  Zeit  s.  Report  od  Corn  Trade,  11.  Mai 
1813;  ferner  Adam  Smith,  Wealth  of  Nations,  Buch  IV,  c  5. 


Schutz  des  Ackerbaus.  523 

Durch  13.  Georg  IIL  c.  43  (1773)  wurde  dann  verordnet, 
dass  die  Einfuhr  frei  sein  solle,  sobald  der  inländische  Preis 
des  Weizens  auf  48  Schilling  gestiegen  ist  und  dass  die  Ex- 
portprämie wegfallen  soll,  wenn  der  Preis  auf  44  Schilling 
(statt  48  Schilling  wie  fi-üher)  steht. 

Seit  dieser  Zeit,  also  seit  dem  »Beginn  einer  regelten  Ent- 
wicklung der  grossen  Industrie,  überwog  der  Import  von 
Weizen  regelmässig  den  Export  und  der  Durchschnittspreis 
betrug  1764— 1794:  44  Schilling  7  pence.  Die  Bestimmungen 
über  andere  Getreidearten  übergehe  ich  als  principiell  minder 
wichtig.  Die%  Gesetzgebung  von  1773  war  also  dem  Land- 
interesse weniger  unbedingt  günstig  als  die  von  Karl  II  und 
Wilhelm  III,  doch  suchte  sie  dem  Landbauer  noch  immer  einen 
gewissen  Preis  des  Weizens  zu  sichern.  1791  traten  neue 
Veränderungen  ein,  indem  ein  Eingangszoll  von  24  Schilling 
3  pence  bei  einem  Preis  unter  50  Schilling  eintrat;  bei  einem 
Preis  zwischen  50  und  54  Schilling  betrug  der  Eingangszoll 
2  Schilling  6  pence,  bei  einem  Preis  über  54  Schilling  be- 
trag er  6  pence.  Die  Exportprämie  von  5  Schilling  wurde 
bei  einem  Preis  über  44  Schilling  gezahlt;  bei  einem  Preis 
über  46  Schilling  wurde  der  Export  verboten.  Unter  der 
Herrschaft  dieses  Gesetzes  wurden  1792—1803  für  37613435 
Pf.  St  Weizen  und  Mehl  (excl.  des  irischen  Imports)  ein- 
geführt und  der  Durchschnittspreis  im  Inland  betrag  68  Schil- 
ling 6  pence.  1804  wurden  die  Sätze  abermals  verändert, 
indem  der  hohe  Eingangszoll  von  24  Schilling  8  pence  gezahlt 
wurde,  bis  der  Preis  im  Inland  63  Schilling  erreicht  hatte. 
Bei  einem  Preis  zwischen  63  und  66  Schilling  betrag  der 
Eingangszoll  2  Schilling  6  pence,  bei  einem  Preis  über 
66  Schillinge  betrag  er  6  pence.  Die  Exportprämie  von  5  Seh. 
wurde  gezahlt  bei  einem  Preis  von  48  Schilling  und  daranter, 
bei  54  Schilling  Weizenpreis  war  der  Export  verboten.  Unter 
diesem  Gesetz  wurde  1804—1812  für  21021700  Pf.  St.  Kora 
eingeführt,  der  Durchschnittspreis  im  Inland  betrag  88  Schil- 
ling 11  pence.  1812  zeigte  sich  sogar  wieder  ein  kleiner 
Ueberschuss  des  Exports  über  den  Import  an  Kora,  obwohl 
der  Preis  noch  im  Steigen  war. 


524  Zweites  Bncb,  Gap.  2. 

Man  siebt,  dass  seit  der  neaen  Gesetzgebung  von  1773 
die  Eornpreise  in  Folge  der  Znnabme  der  Bevölkerung  toirtr 
während  bedeutend  stiegen.  Die  Ausdehnung  des  Ackerbaus, 
die  unbedingt  stattfand,  genügte  nicht  die  steigende  Nach- 
frage zu  neutralisiren  in  Bezug  auf  den  Preis.  Die  Gesetz- 
gebung seit  1791  that  aber  nichts  um  die  steigenden  Preise 
zu  drücken,  sondern  sie  war  vielmehr  darauf  berechne ,  die 
hohen  Preise  zu  erhalten,  indem  die  Einfuhr  nur  bei  immer 
höheren  Preisen  gegen  den  nur  nominellen  Zoll  gestattet 
wurde.  Dies  war  die  Folge  steigender  Macht  des  Luidinter- 
esses,  das  sich  dabei  auf  die  Vorsorge  berief,  dass  das 
Land  während  der  Eriegszeit  von  Eomimport  unabhängig 
gemacht  werden  müsse,  und  dadurch  scheinbar  sich  mit  dem 
allgemeinen  Interesse  identificirte.  Man  behauptete,  es  liege 
im  Interesse  des  Landes ,  dass  in  guten  Jahren  ein  exportir* 
barer  Ueberschuss  von  Eom  producirt  werde,  damit  in  schlech- 
ten das  Land  doch  noch  genug  ftlr  den  eigenen  Bedarf  pro- 
dudre,  und  es  müsse  dem  Farmer  ein  „sicherer ,  gleichmässi- 
ger,  billiger  und  vernünftiger  Preis^  gewährleistet  werden^). 
In  der  That  dehnte  sich  der  Ackerbau  im  Anfang  des  Jahr: 
hunderts  sehr  bedeutend  aus ,  als  auch  das  Sinken  der  Valuta 
noch  die  Preissteigerung  des  Korns  begünstigte. 

Wir  sehen,  dass  die  Gesetzgebung  bis  1804  in  Bezug 
auf  das  Maass  der  Begünstigung  des  Landinteresses  Schwan- 
kungen unterlag  und  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  schärfer 
denn  je  auf  Seiten  des  Landinteresses  trat.  Seit  dem  15.  Jahr- 
hundert aber  blieb  man  dem  formalen  Grundsatz  getreu,  dass 
Erlaubniss  zur  Ausfuhr  resp.  Einfuhr,  Prämien  und  Zölle  vom 
Preis  abhängig  gemacht  wurden.  Natürlich  hatte  dies  seine 
grossen  Schwierigkeiten,  wie  denn  alle  künstlichen  Handels- 
beschränkungen in  der  Ausführung  vom  Gesetzgeber  nicht  ge- 
wollte Folgen  erzeugen.  1791  war  die  Sache  dahin  geordnet, 
dass  der  Durchschnittspreis  in  jedem  einzelnen  maritimen 
District  für  diesen  maassgebend  war,  so  dass  der  Impoit  in 
einem  District  gestattet  sein  konnte,  im  anderen  nicht.    Das 


^)  Report  on  Com  trade,  14.  Mai  1804. 


Schutz  des  Ackerbaus.  525 

Gesetz  von  1804  dagegen  fasste  die  12  maritimeu  Districte 
Englands  zusammen,  1805  wurde  auch  Schottland,  1806  Irland 
unter  dieselbe  Regel  gestellt.  Doch  auch  dies  half  nicht.  Es 
wurden  immer  Betrügereien  geübt,  um  den  hohen  Pi*eis,  bei 
dem  die  Einfuhr  gestattet  war,  herauszurechnen  ^). 

Die  hohen  Kornpreise ,  deren  sich  das  Landinteresse 
während  der  Kriegszeit  erfreute;  sanken  1813  rasch  und  be- 
deutend durch  den  Wegfall  der  Continentalsperre.  Es  ent- 
stand nun  eine  Leidenschaft,  die  hohen  Preise  zu  erhalten 
und  der  Masse  des  inzwischen  dem  Pfluge  neu  unterworfenen 
Komlands  dauernd  zu  gutem  Geldertrag  zu  verhelfen.  Der 
durch  dies  Gesetz  von  1804  gewährte  Schutz  sollte  gesteigert, 
auch  den  amerikanischen  Colonien  keine  Begünstigung  in  Be- 
zug auf  Kornausfuhr  nach  England  gewährt  werden  ^).  Man 
einigte  sich  schliesslich  dahin,  dass  die  Gesetzgebung  darauf 
ausgehen  müsse,  einen  inländischen  Weizenpreis  von  80  Sh. 
zu  sichem  und  demgeinäss  verfügt  55.  Georg  III.  c.  26  in  der 
That,  dass  Weizeneinfuhr  zu  inländischem  Verbrauch  erst  bei 
einem  inländischen  Durchschnittspreis  von  80  Sh.*(resp.  von 
67  Sh.  gegenüber  den  englischen  Colonien  in  Nordamerika) 
gestattet  werde.  Bei  diesem  Preis  war  die  Einfuhr  frei,  bei 
einem  Preis  darunter  ganz  verboten.  Ausfuhrprämien  hörten 
ganz  auf,  die  Ausfuhr  war  aber  bei  jedem  Preis  frei. 

Dieses  Gesetz  bezeichnet  den  Höhepunct  des  Erfolgs  des 
Landinteresses,  das  seinen  Egoismus  mit  den  Mitteln  des 
Mercantilsystems  zu  befriedigen  suchte.  Wir  können  jetzt 
nicht  schildern,  wie  dieses  Gesetz  der  Ausgangspunct  für 
grosse  Gegenagitationen  wurde,  wie  es  geändert  wurde  und 
wie  schliesslich  die  Kornzölle  ganz  fielen.  Hier  interessirt  uns 
vorerst  nur  zu  zeigen,  wie  diese  mercantilistische  Begünsti- 
gung des  Landbaus  ihren  Zweck  verfehlte,  dass  also  auch  hier 
sich  der  innere  Bankerott  des  Protectivsystems  zeigte. 

Schon  die  Gesetzgebung  von  1791 — 1815  zeigt,  wie  man 


')  Report  on  Agricultural  Distress,  8.  Juli  1820. 
')  S.  den  oben  S   522  erwähnten  Report  von  1813  und  den  Report 
on   Petitions  relating  to  Corn  Laws,  26.  Febr.  1814. 


526  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

nie  im  Stande  war,  durch  ein  Gesetz  den  beabsichtigten  Er- 
folg daueiiid  zu  erreichen,  sondein  dass  man  zu  beständiger 
Erhöhung  des  Schutzes  genöthigt  wurde.  Es  ist  das  allge- 
meine Schicksal  der  Schutzzölle,  dass  man  dem  Glassenegois- 
mus  stets  weiter  nachgeben  muss,  wenn  man  ihm  einmal  in 
dem  Wahn  und  unter  der  Behauptung,  er  falle  mit  dem  all- 
gemeinen Interesse  zusammen,  eine  Concession  gemacht  hat 
Schliesslich  geht  das  irrthümliche  System  an  der  Uebertreibung, 
zu  der  seine  eigene  Consequenz  zwingt,  zu  Gmnde. 

Im  Jahre  1821  wurde  die  Lage  des  Ackerbaus,  der  sich 
des  Schutzes  von  1815  erfreute,  untei-sucht ')  und  dabei  con- 
statirt,  dass  der  inländische  Ackerbau  trotz  alles  Schutzes  bei 
den  bestehenden  Preisen  nicht  auf  seine  Kosten  komme  — 
eine  Klage,  die,  nebenbei  bemerkt,  heute  in  Deutschland  ganz 
in  derselben  Weise  und  bei  einer  sehr  ähnlichen  Sachlage 
ertönt,  nämlich  in  einer  Zeit,  in  der  die  Kompreise  nach 
langem  Steigen  rückwärts  gehen  2). 

Die  Farmer  halfen  sich  in  der  schlechten  Zeit  mit  alten 
ErsparnissSn  und  Credit.  Sie  litten  nicht  nur  durch  gute 
Eraten  und  vermehrten  Import  von  Irland,  sondern  nament- 
lich dadurch,  dass  sie  hohe  Pachtzinsen  zahlen  mussten,  welche 
in  der  Zeit  der  vei-schlechterten  Währung:  pactirt  waren  und 
den  veränderten  Geld-  und  Preisverhältnissen  nach  Wieder- 
herstellung der  Metallvaluta  nicht  mehr  entsi)rachen. 

Das  Committee  von  1821,  anders  als  die  von  1813  und 
1814,  erkannte  diese  wahren  Gründe  der  Noth.  Es  war  eine 
Krisis  da,  der  keine  Protectivmaassregeln,  sondern  der  nur 
Verminderung  des  Angebots  und  Einschränkung  der  Ueber- 
production  von  Korn  auf  schlechtem  Boden  abhelfen  konnte. 

Der  Ruf,  der  Ackerbau  decke  seine  Kosten  nicht,  der  so 


^)  Repoii  on  the  depressed  State  of  Agriculture,  18.  Juni  1821. 

*)  Freilich  besteht  zwischen  der  damaligen  englischen  und  der  heu- 
tigen deutschen  Lage  der  Dinge  der  Unterschied,  dass  der  Eornimport 
nach  England  zumeist  von  den  Ostseeländern  erfolgte,  wo  eine  bedeutende 
Steigerung  der  Production  nicht  erwartet  werden  konnte,  während  das  in 
Amerika  anders  steht.  Aber  die  grosse  Aehnlichkeit  besteht  doch,  dass 
Komzölle  im  Grunde  nur  den  Bodenpreis,  nicht  den  Ackerbau  schützen. 


Schatz  des  Ackerbaus.  527 

oft  ertönt,  geht  stets  von  der  merkwürdigen  Annahme  aus, 
dass  die  Zinsen  des  Ankaufspreises  des  Bodens  resp.  die 
Pachtzinsen  und  dass  die  herrschende  Weise  des  Anbaus, 
d.  h.  die  bestehende  Ausdehnung  des  Könierbaus,  constante 
Grössen  seien  —  während  doch  der  Ackerbau  wie  jedes  andei*e 
Gewerbe  Werthverminderungen  seines  Anlagecapitals  ausgesetzt 
ist  und  sich  der  Noth wendigkeit  von  Betriebsänderungen 
unterwerfen  muss.  Das  Committee  von  1821  führte  dem 
gegenüber  ganz  richtig  aus,  dass  man  den  Preis,  bei  welchem 
Import  gestattet  sei,  bei  jeder  Zunahme  der  Bevölkeining  immer 
wieder  steigern  müsse,  wenn  man  fortfahre,  unter  einem  die 
Kosten  die  Ackerbaus  deckenden  Kornpreis  denjenigen  zu 
vei-stehen,  der  alle  Kosten  und  Lasten  auf  dem  schlechtesten 
Boden  ohne  Ginindrente  und  der  auf  anderem  besseren  Boden 
diese  Kosten  nebst  einer  steigenden  Pachtrente  ersetzt. 

Uebrigens,  meint  das  Committee,  könne  kein  Schutz  weiter 
gehen  als  bis  zum  völligen  Monopol.  Und  dieses  habe  der 
englische  Ackerbau  zur  Zeit  —  und  dennoch  leide  er  gerade 
unter  dem  Monopol.  In  gewöhnlichen  Jahren,  wenn  in  Eng- 
land eine  Mittelenite  sei,  könne  kein  fremdes  Koni  importirt 
werden;  bei  guten  Eniten  aber  könne  aus  England  nicht 
exportirt  werden,  weil  der  Preis  im  Inland  den  in  der  übrigen 
Welt  zu  sehr  übei-steige.  Bei  Fehlemten  aber  litten  die 
Consumenten  sehr  stark.  In  der  That  werde  auch  kein  con- 
stanter  Preis  von  80  Sh.  erzielt,  sondern  die  Weizenpreise 
schwankten  in  England  stärker  als  andei'swo  zwischen  dem 
Maximum,  bei  dem  importirt  werden  darf  und  dem  Minimum, 
zu  dem  gute  Einten  den  Preis  bei  unmöglichem  Export  diücken 
können  ^).  Wenn  man  sich  auf  den  Standpunct  stelle ,  „dass 
Ginindbesitzer,  Pächter  und  Consument,  das  eine  grosse  ge- 
meinsame Interesse  an  constantem  genügendem  Angebot  bei  mög- 
lichst constantem  Preise  haben,"  so  sei  die  Gesetzgebung  von 


^)  a.  a.  0.,  S.  11 :  „If  on  the  one  hand  the  risk  of  a  defectiye  harvest 
is  increased,  so  on  the  other  will  the  occasional  pressure  of  yery  unade- 
quate  prices  be  more  severely  feit  by  the  growers,  whenever  an  abnndant 
harvest  or  possibly  more  than  one  in  succession  shall  lead  to  a  glut 
of  produce  without  the  relief  of  a  vent  from  ezportation.'^ 


528  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

1815  ganz  besonders  schädlich.  So  lange  die  Preise  noch 
79  Sh.  11  pence  stehen,  könne  nicht  importirt  werden,  stehen 
sie  aber  einmal  auf  80  Sh. ,  so  werde  dann  drei  Monate  lang 
plötzlich  massenhaft  importirt  unter  steigenden  Preisen  im 
Ausland  und  während  vielleicht  im  Inland  besondere  gute 
Emteaussichten  sind.  In  der  That  schwankten  die  Weizen- 
preise zwischen  Januar  1816  und  Juni  1817  zw^ischen  53  Sh. 
1  penny  und  112  Sh.  7  pence;  zwischen  Juni  und  September 
1817  zwischen  112  Sh.  7  pence  und  74  Sh.  \). 

Man  kann  das  Komzollsystem  nicht  besser  kritisiren,  als 
es  in  diesem  Bericht  von  1821  geschehen  ist.  Das  Commktee 
schlug  nichtsdestoweniger  keine  radicalen  Maassregeln  vor,  da 
die  einmal  in  der  englischen  Landwirthschaft  angelegten  Capi- 
talien  Schonung  verdienten.  Es  verzichtete  nur  darauf,  die 
Grundrente  fortwährend  künstlich  zu  steigern,  zumal  diese 
bei  wachsender  Bevölkening  von  selbst  wachse.  Es  wurde 
daher  nach  einigen  Uebergangsmaassregeln  vorgeschlagen,  ein- 
fach einen  massigen  Eingangszoll  unabhängig  vom  inländischen 
Preise  einzuführen  ■--  ein  Vorschlag,  der  1822  wiederholt^) 
wurde,  jedoch  nur  für  die  weitere  Zukunft,  während  für  die 
nächste  Zeit  in  Anbetracht  der  drängenden  Noth  der  Land- 
wirthe  andere  Maassregeln  empfohlen  wurden. 

Die  definitive  Abschaffung  des  alten  Systems  erfolgte  ja 
auch  erst  später.  Aber  man  hatte  doch  erkannt,  dass  es  total 
überlebt  sei.  Zugleich  erkannte  man,  dass  die  industriellen 
Schutzzölle  werthlos  geworden  waren  ^).  Und  diese  Erkennt- 
niss  beruhte  einfach  darauf,  dass  man  das  Schutzzollsystem 
fortwährend  gesteigert  hatte,  bis  es  gleichsam  unter  diesem 
Vergrösserungsglase  in  all  seinen  Mängeln  und  Schwächen 
klar  vor  Aller  Augen  lag. 

Erst  gegen  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  begann  die  arge 


^)  Dagegen  schwankte  der  Weizenpreis  in  den  Jahren  1860 — 1878 
nur  zwischen  62  sh.  und  48  sh.  3  pence.  I^IS  sank  er  noch  tiefer.  Im  An- 
fang des  Jahrhunderts  waren  also  die  Weizenpreise  enorm  viel  höher  als 
heute,  —  diese  Wirkung  der  Getreidezölle  ist  klar. 

*)  Report  on  distressed  State  of  Agriculture,  1.  April  1822. 

••)  Keport  von  1813  S.  21  ff. 


Bekämpfimg  der  Schutzzölle.  529 

üebertreibung  der  Kornzölle ;  eben  dabei  zeigte  sich  aber  am 
schnellsten  und  stärksten  der  innere  Bankerott  des  Systems, 
weil  es  sich  um  ein  allen  Menschen  nöthiges  Product  handelte 
und  weil  bei  der  Gonstanz  des  im  Ackerbau  vorhandenen 
fixen  Capitals  —  des  unbeweglichen  Grund  und  Bodens  — 
die  Folge  der  Zölle  —  einseitige  Bereicherung  einer  Classe 
von  Besitzenden  —  zu  unverkennbar  hervortrat.  Die  gehäuften 
industriellen  Schutzzölle  des  18.  Jahrhundei*ts  haben  aber,  wie 
wir  gesehen  haben,  im  Kleinen  ähnliche  Wirkungen  erzeugt 
Auch  sie  erreichten  ihre  Zwecke  trotz  ewiger  Steigerung 
nicht  —  nur  der  Umstand,  dass  der  enorme  Aufschwung  der 
Industrie  alle  Handelsbeschränkungen  in  ihrer  Wirkung  auf- 
hob, resp.  sich  darüber  hinwegsetzte,  verhinderte,  dass  auf 
diesem  Gebiete  nicht  ebenfalls  eine  leidenschaftliche  Gegen- 
agitation ausbrach. 


§  5.    Bekämpfung  der  Schutzzölle. 

Gegen  die  übei*spannten  und  übermässig  gehäuften  Schutz- 
zölle, Ausfuhrverbote  etc.  erhob  sich  überall  in  nicht  zu  ver- 
tilgender Weise  der  Schmuggel.  Der  Schmuggel  wurde  auch 
von  fremden  Gesandten  betrieben  und  dagegen  petitionirten 
1773  Uhrenmacher  und  Möbelschreiner  ^).  Selbst  die  Navi- 
gationsgesetze*), die  sogar  nach  A.  Smith's  Meinung  dem 
Lande  indirect  Vortheil  brachten  und  die  sicher  die  Ent- 
wicklung des  englischen  Handels  befördert  und  beschleunigt 
haben,  wenn  sie  auch  später  demselben  Schranken  zogen  (ähn- 
lich wie  das  Monopol  der  Seidenindustrie  diese  Anfangs  hob 
und   später   lähmte)  —   selbst    diese  Gesetze    wurden   um- 


^)  Journals  of  the  House  of  Commons,  Vol.  84  S.  297,  349. 

^  Die  aus  dem  17.  Jahrhundert  stammenden  Navigationsgesetze  s.  in 
der  Einleitung.  Sie  wurden  im  19.  Jahrhundert  abgeschafft.  Im  18. 
gahen  sie  zu  Klagen,  Petitionen  und  Agitationen  wenig  Veranlassung  und 
es  knüpften  sich  daran  keine  Collisionen  inländischer  Interessen.  Ich  unter- 
lasse es  daher,  sie  hier  eingehend  zu  besprechen,  obwohl  sie  ein  wichtiger 
Theil  des  englischen  Mercantilsystems  waren. 

Held,  Soc.  GoBch.  Engl.  84 


530  Zweites  Bach,  Cap.  2. 

gangen.  Englische  Schiffer  kauften  Fische  von  Fremden,  um 
sie  in  England  zu  verkaufen,  wogegen  Fischer  aus  verschie- 
denen Seestädten  petitionirten  ^).  1720  wurde  um  das  Verbot 
der  Einfuhr  fi-anzösischer  Austern  petitionirt  *) ,  wobei  insbe« 
sondere  bemerkt  wurde,  dass  durch  diese  ConcuiTenz  englische 
Schiffer  brodlos  werden  und  sich  dann  auf  den  verbotenen 
Wollexport  werfen  könnten. 

Unter  allen  Umständen  ist  der  Schmuggel  höchst  un- 
sittlich und  verwerflich,  auch  ist  er  in  einem  einigermaassen 
wohlgeordneten  Lande  nie  im  Stande ,  die  Wirkung  von  Zoll- 
gesetzen völlig  aufzuheben.  Dennoch  kann  es  als  ein  Bewds 
für  die  Schlechtigkeit  der  Zollgesetzgebung  gelten,  wenn  der 
Schmuggel  in  einem  Lande  mit  guter  Verwaltung  und  weit- 
verbreitetem gesetzlichen  Sinn  der  Bewohner  sich  beständig 
steigert  und  unvertilgbar  wird,  so  dass  er  zu  beständiger  Ver- 
änderung der  Gesetzgebung  Veranlassung  giebt.  Es  ist  ge- 
wissermaassen  eine  Reaction  des  gesetzwidrigen  gegen  den 
gesetzlich  unmotiviiter  Weise  sanctionirten  Egoismus  einzelner 
Classen. 

Lidessen  der  nie  völlig  siegreiche,  sondern  immer  schwerer 
werdende  Kampf  des  Gesetzes  gegen  den  Schmuggel  würde 
für  sich  allein  die  Schlechtigkeit  des  Gesetzes  nicht  definitiv 
beweisen.  Entscheidend  sind  die  in  den  erzählten  Beispielen 
klar  gestellten  Thatsacheu,  dass  im  18.  Jahrhundert  bei*eits 
fast  alle  Schutzzölle  andere  inländische  Interessen  schädigten 
und  dass  sie  sich  unter  einander  in  ihrer  Wirkung  bekämpften 
und  aufhoben.  Aber  je  mehr  dies  der  Fall  war,  desto  mehr 
steigerte  man  lange  Zeit  hindurch  den  Schutz.  Einmal  auf 
der  schiefen  Ebene  der  Begünstigung  von  Sonderinteressen 
angelangt,  rollte  die  Gesetzgebung  weiter  —  bis  sie  in  den 
Abgrund  versank,  d.  h.  bis  man  sich  allgemein  von  ihr  ab- 
wandte und  das  Princip  der  Nichtintervention  aufstellte.  Weil 
die  bestehende  Gesetzgebung  nur  Sonderinteressen  und  den 
Leidenschaften  von  Gruppen  diente  und  von  keinem  staat- 


1)  Journals  VoL  18  S.  117  (1715). 

>)  Journals  Vol.  19  S.  387,  897,  401,  411. 


Bekämpfung  der  Schutzzölle.  531 

liehen  Gedanken  mehr  beheiTScht  war  —  daioim  meinte  man, 
dass  überhaupt  der  Staat  unfähig  sei,  organisatorisch  und 
helfend  in's  wirthschaftliche  Leben  einzugi'eifen. 

Von  heutigen  Schutzzöllnern  wird  oft,  wenn  von  Englands 
freihändlerischer  Gesinnung  die  Rede  ist,  höhnisch  darauf  hin- 
gewiesen, wie  sehr  England  selbst  schutzzöllnerisch  war  und 
dadurch  erst  auf  die  jetzige  Höhe  kam.  Man  sollte  dabei  doch 
nicht  vergessen,  dass  England  allerdings  noch  1818  weit  schutz- 
zöllnerischer  war  als  Preussen,  dass  aber  gerade  seine  stärksten 
und  wirksamsten  Schutzzölle  nicht  seiner  Industrie,  sondern 
seinem  Grundbesitz  nützen  wollten  und  dass  diese  abgeschafft 
werden  mussten,  ohne  dass  irgend  Jemand  behaupten  konnte, 
dass  sie  vorher  die  Landwirthschaft  dauenid  zu  höherer  Pro- 
ductivität  gehoben  hätten.  Man  sollte  nicht  vergessen,  dass 
die  mächtigste  aller  britischen  Industrien,  die  Baumwoll- 
industrie, nicht  durch  Schutz  emporgekommen  ist,  und  dass 
der  Schutz  der  anderen  Industrien  schon  im  vorigen  Jahr- 
hundeit  nur  eine  von  irregeleiteten  Leidenschaften  gehaltene 
und  gesteigerte  Institution  ohne  nachweislichen  Nutzen  war. 
In  der  That  ist  es,  wenn  man  die  Verhältnisse  seit  der  Mitte 
des  18.  Jahrhunderts  betrachtet  und  von  einzelnen  Fällen  ab- 
sieht, wahr,  dass  Englands  Industrie  nicht  durch  die  Schutz- 
zölle, sondern  trotz  derselben  so  mächtig  geworden  ist.  — 

Diese  Einsicht  tauchte,  wie  wir  (oben  Seite  517)  ge- 
sehen haben,  voiübergehend  schon  in  den  Interessenkämpfen 
des  18.  Jahrhunderts  auf  und  wurde  im  19.  Jahrhundert  von 
entscheidender  Macht.  Zum  Schlüsse  mag  ein  Fall  angeführt 
werden,  aus  dem  hervorgeht,  dass  gegen  Ende  des  18.  Jahr- 
hunderts diese  Ueberzeugung  in  einzelnen  Kreisen  von  Prak- 
tikern —  nicht  nur  bei  Theoretikern  —  schon  völlig  zum 
Princip  ausgebildet  war.  1792  wurden  in  einer  allgemeinen 
Versammlung  auf  der  Liverpooler  Börae  Resolutionen  gegen 
das  Monopol  der  ostindischen  Compagnie  gefasst  ^),  mit  welcher 
die  Liverpooler  Kaufleute  frei  zu  concurriren  wünschten  — 
zugleich  zum  Ersatz  für  den  drohenden  Verlust  des  afrika- 


')  Aikin  a.  a.  0.  Additions  S.  608. 

84 


582  Zweites  Bach,  Cap.  2. 

nischen  Sklavenhandels.  In  diesen  Resolutionen  kamen  folgende 
Sätze  vor:  I.  „Der  Schöpfer  des  Weltalls  hat  verschiedene 
Theile  der  Erde  mit  verschiedenen  Producten  begabt  und  da- 
durch die  Gnmdlage  des  Handels  gelegt.  Dieser  hat  den 
Zweck  der  Ausgleichung  der  Bedürfnisse  und  des  gegenseitigen 
Austauschs  von  Gütern.  Er  kann  mit  sicherem  Erfolg  der 
Regulimng  durch  die  gegenseitigen  Interessen  tiberlassen  wer- 
den und  sollte  so  weit  als  möglich  frei  von  allen  BeschrÄn- 
kungen  bleiben.  —  VI.  Friede  ist  der  natürliche  und  sollte 
der  untrennbare  Begleiter  des  Handels  sein.  —  X.  Der 
Foitschritt  der  Zeit  und  die  Erfahining  haben  nun  alle  Gründe 
aufgehoben,  die  einst  zu  Gunsten  des  exclusiven  Handels  mit 
Indien  sprachen,  nämlich  die  Gefahr  und  Kosten  eines  Han- 
dels auf  so  weite  Entfernung.  Der  freie  Handel  und  die  freie 
Industrie  von  Grossbritannien  haben  solche  Vermehrung  von 
Reichthum  und  Ansammlung  von  Capital  erzeugt,  dass  kein 
Unternehmen  mehr  für  private  Kaufleute  zu  gross  ist.  Die 
geniale  Arbeitskraft  und  das  Talent  unseres  Volkes  sind  so 
gross,  dass  es  kein  Land  der  Erde  giebt,  mit  dem  sie  nicht 
einen  freien  Handel  und  zwar  annähernd  im  Verhältniss  zu 
seinem  Reichthum  und  zu  seiner  Bevölkerung  gewinnreich 
machen  könnten.  Und  so  gross  sind  Geschicklichkeit  und 
Muth  unserer  Seeleute,  dass  keine  Küste  so  gefährlich,  kein 
Land  so  weit  entfernt  ist,  um  ihren  Muth  zu  dämpfen  und  ihr 
Landen  zu  verhindern."  — 

Die  folgende  Kriegszeit  drängte  die  freihändlerischen  Ten- 
denzen zeitweilig  in  den  Hintergrund.  Sie  traten  später  in 
der  Manchestcrer  Industrie  und  im  Liverpooler  Handel  mit 
verstärkter  Kraft  und  siegreich  wieder  auf  Die  Gesinnung 
der  Vertreter  des  Freihandels  blieb  dabei  dieselbe  wie  im 
vorigen  Jahrhundert.  Auch  sie  vertraten  einseitige  Interessen 
und  es  bleibt  eine  Schmach,  dass  dieselben  Intercssenkreise. 
welche  zuerst  die  Fahne  des  Freihandels  erhoben,  sich  lange 
gegen  die  Unterdrückung  des  Sklavenhandels  gewehrt  haben. 
Aber  doch  bleibt  es  wahr,  dass  die  Interessen  der  Freihändler 
mehr  mit  dem  allgemeinen  Interesse  des  Landes  zusammen- 
fielen  als   die   der  schutzzöllnerischen   und   monopolistischen 


Rückblick  und  Yorblick.  538 

Gruppen  und  dass  der  engherzige,  schnöde,  manchesterliche 
Geist  der  englischen  Freihändler  eben  durch  den  Schutzzoll 
gi'oss  gezogen  worden  ist.  Di^  Freihandelspartei  wai'  das 
kleinere  Uebel  und  soweit  sie  selbst  ein  Uebel  war,  d.  h.  so- 
weit sie  egoistische  Grundsätze  hatte,  war  ihr  die  Schutzzoll- 
partei absolut  nicht  Qberlegen. 


§  6.    Rückblick  und  Vorblick. 

Zwei  Systeme  der  staatlichen  Einwirkung  auf  Handel  und 
Gewerbe,  zwei  Ordnungen  des  gewerblichen  Lebens  waren 
schon  in  der  Mitte  der  vorigen  Jahrhundeils  in  England  ab- 
gestorben. Die  alte  Ordnung,  welche  Bechte  gab  und  zugleich 
Pflichten  auferlegte,  den  Erwerb  aller  redlichen  Arbeit  und 
den  Consum  aller  Unterthanen  zu  sichern  strebte,  berechnet 
auf  einfache  stätige  Verhältnisse  und  deren  Erhaltung,  war 
längst  lebensunfähig  geworden.  Die  Lehrlingsgesetze  und 
Lohnreguliiningen  waren  ausser  Gebrauch,  die  Zünfte  waren 
theils  zur  leeren  Form,  theils  zu  monopolsüchtigen  Grup- 
pen geworden.  Technische  Reglements,  Marktpolizei  und 
Preistaxen  wurden  theils  nicht  mehr  geübt,  theils  wurden  sie, 
in  der  Ausführung  immer  schwieriger,  ein  Gegenstand  von 
Klagen.  Die  alten  Ordnungen  starben  unter  allgemeiner  Zu- 
stimmung ab,  nachdem  aber  längere  Zeit  ein  Zustand  ohne 
kräftige  Ordnung  gewährt  hatte,  entsteht  bei  einem  Theil  der 
Gewerbetreibenden,  unter  den  Arbeiten!,  vielfach  Noth,  Unzu- 
friedenheit, Gährung  und  das  Verlangen  nach  schützender 
Organisation. 

Die  mercantilistischen  Ordnungen  waren  nicht  äusserlich, 
aber  innerlich  abgestorben,  konnten  ihren  einseitigen  Zweck 
nicht  mehr  erreichen  und  übten  nach  vielen  Seiten  einen  schäd- 
lichen Druck.  Die  künstliche  Befördeioing  des  Reichthums 
wirthschaftete  noch  schneller  ab  als  die  Organisation  des  Er- 
werbslebens im  allgemeinen  Interesse. 

Aus  der  Schildemng  dieser  Thatsache  des  Verfalls  der 
alten  Ordnungen  ging  schon  hervor,  welches  ihr  Grund  war. 


534  Zweites  Buch,  Cap.  2. 

Die  alte  Handwerksordnung  war  unhaltbar  in  einer  Zeit 
rascheren  technischen  Fortschritts,  in  einer  Zeit,  in  der  die 
Gewerbe  von  Welthandelsconjuncturen  abhängig  wurden  und 
ein  grosskaufmännischer  Betrieb  führend  an  die  Spitze  trat. 
Diese  Gonjunctui'en  in  ihrer  wachsenden  Stärke  und  häufigen 
Wechseln  konnte  aber  auch  kein  Schutzzollsystem  mehr  bannen 
und  reguliren  und  die  giössere  Vielfältigkeit  der  Production, 
die  entwickeltei-e  Arbeitstheilung  und  grössere  Complicirtheit 
der  Interessen  machten  es  unmöglich,  einzelne  Intei*essen  ohne 
Schädigung  anderer  durch  dauernde  Gesetze  zu  befördern. 
Neue  Kräfte  sprengten  die  auf  einfachere  Zustände  berechneten 
Ordnungen  und  die  officielle  Aufhebung  der  letzteren  wurde 
zur  Nothwendigkeit.  Mag  man  es  beklagen,  dass  zunächst 
alle  Ordnung  wegfiel ,  mag  man  der  Ansicht  sein ,  dass  eine 
neue  Ordnung  entwickelt  werden  soll  und  muss  —  der  Tod 
der  alten  Ordnungen  selbst  war  nicht  zu  beklagen.  Denn  es 
besteht  eine  ewige  Wechselwirkung  zwischen  den  thatsäch- 
lichen  wirthschaftlichen  Verhältnissen  und  der  sie  behen-schen- 
den  Ordnung.  Die  alte  Ordnung  wuchs  aus  alten  Verhält- 
nisse!^' heraus,  stärkte  diese,  consolidirte  sie  —  ti*ug  aber  auch 
zu  ihrer  weiteren  Entwicklung  bei,  so  dass  sie  selbst  die  neuen 
Kräfte,  welche  sie  stüraen  musste,  mit  erzeugte.  Unendlich 
stark,  segensreich  und  fördenid  sind  weise  Maassregeln  der 
Staatsgewalt,  welche  die  wirklich  vorhandenen  Kräfte  des 
wirthschaftlichen  Lebens  erkennen  und  ihnen  zu  einer  be- 
friedigenden, geregelten  Entwicklung  verhelfen;  aber  nie  sind 
solche  Maassregeln  im  Stande,  gar  nicht  vorhandene  Kräfte 
selbständig  zu  schaffen  oder  vorhandene  gewaltsam  zu  unter- 
drücken und  alte  Zustände  künstlich  zu  erhalten.  Wenn  neue 
Kräfte  aus  der  alten  Ordnung  selbst  herausgewachsen  sind,  so 
wird  ein  altmodischer  unorganischer  Druck  auf  diese  nicht  ihre 
Entwicklung  verhindeni,  nur  sie  leidensvoller  machen  und  mit 
unmoralischen  Elementen  vei*setzen.  Es  ist  natürlich,  dass 
solche  neue  Kräfte  nicht  sofoit  in  ihrer  ganzen  Bedeutung 
erkannt  werden,  sondeni  dass  sie  erst  im  Kampf  mit  der  alten 
Ordnung  ihre  Kraft  beweisen  müssen.  Aber  allzulange  darf 
solcher  Kampf  nicht  dauern  und  dass  er  in  unserem  Falle  so 


Rttckblick  und  Yorblick.  535 

lange  in  aufreibender  Weise  gewählt  hat,  mag  mit  ein  Grund 
sein,  dass  es  so  schwer  wurde,  rechtzeitig  neue  Ordnungen 
den  im  Kampfe  freiheitslustig  gewordenen  neuen  Kräften  auf- 
zulegen. 

Die  Frage  der  neuen  Ordnungen  bleibt  späterer  Unter- 
suchung vorbehalten.  Hier  handelt  es  sich  zunächst  um  die 
Darstellung  der  neuen  Kräfte  selbst.  Sie  lassen  sich  mit  einem 
Worte  bezeichnen:  das  grosse  Capital  trat  an  die  Spitze  des 
Betriebs  von  Handel  und  Gewerbe,  nicht  ei-st  als  die  grossen 
Fabriken  gegillndet  wurden,  sondern  schon  vorher.  Dem  Be- 
weise dieses  Satzes  sei  der  folgende  Abschnitt  gewidmet. 


Drittes  Capitel. 
Der   Sieg  des   grossen    Capitals. 

§  1.    Das  Capital  und  die  Formen  der  Industrie. 

Die  bocialdemokratische  Theorie  nennt  das  Capital  eine 
wirthschaftsgeschichtliche  Kategorie  und  bezeichnet  die  gegen- 
wärtige Zeit  als  die  capitalistische  Periode.  Sie  hat  sich  bei 
dieser  zugespitzten  Charakterisirung  der  modernen  Verhält- 
nisse das  Studium  der  geschichtlichen  Entwicklungen  aus- 
giebig nutzbar  gemacht  ^)  und  hat  dadurch  in  der  That  auf 


*)  Will  man  den  Gedankenkreis  der  modernen  Socialdemokratie  in 
nuce  kennen  lernen,  so  giebt  es  noch  heute  keine  bessere  Quelle  als  das 
communistische  Manifest  von  Marx  und  Engels,  das  1847  abgefasst  wurde 
und  1848  in  die  Oeflfentlichkcit  drang.  In  diesem  interessanten  Document 
ist  auch  die  socialdemokratische  Auffassung  der  Wiithschaftsgeschichte 
sehr  bündig  enthalten: 

,,Aus  den  Leibeignen  des  Mittelalters  gingen  die  Pfahlhürger  der 
ersten  Städte  hervor;  aus  dieser  Pfahlbürgerschaft  entwickelten  sich  die 
ersten  Elemente  der  Bourgeoisie. 

„Die  Entdeckung  Amerika's,  die  Umschifiung  Afrika's  schufen  der 
aufkommenden  Bourgeoisie  ein  neues  Terrain.  Der  ostindische  und  chi- 
nesische Markt,  die  Colonisirung  von  Amerika,  der  Austausch  mit  den 
Colonien,  die  Vermehrung  der  Tauschmittel  und  der  AVaaren  überhaupt 
gaben  dem  Handel  der  Schifffahrt,  der  Industrie  einen  ungekannten  Auf- 
schwung und  damit  dem  revolutionären  Element  in  der  zerfallenden  feu- 
dalen Gesellschaft  eine  rasche  Entwicklung. 

„Die  bisherige  feudale  oder  zünftige  Betriebsweise  der  Industrie 
reichte  nicht  mehr  aus  für  den  mit  den  neuen  Märkten  anwachsenden 
Bedarf.    Die  Manufactur  trat  an  seine  Stelle.    Die  Zunftmeister  wurden 


Das  Capital.  537 

die  entscheidenden  Eigenthümlichkeiten  unserer  Zeit  gegen- 
über der  Vergangenheit  mit  Erfolg  hingewiesen. 

Ihre  Darstellung  ist  aber  tendenziös  und  übertrieben. 
Abgesehen  von  dem  verwinenden  Sprachgebrauch,  demzufolge 
grosse  Veränderungen  der  wiilhschaftlichen  Verhältnisse 
Revolutijonen  genannt  werden,  ist  vor  Allem  ein  Dreifaches 
gegenüber  der  Socialdemokmtie  zu  erwähnen. 

Das  alte  Handwerk,  gewöhnlich  das  zünftige  Handwerk 
genannt,  war  kein  Product  der  feudalen  Ordnung,  sondern  es 
schuf  in  den  Städten  eine  dem  Feudalismus  wesentlich  ent- 
gegengesetzte Ordnung.  Es  basirte,  als  es  erstarkte,  nicht 
auf  Leibeigenen  und  Pfahlbürgeiii,  sondern  auf  fielen  Bürgern 
der  Stadt  resp.  des  Staats. 

Seine  Macht  und  seine  Blüthe  beruhten  im  Gioinde  auf 
denselben  Kräften,  die  später  dem  grösseren  Capital  zum  Siege 
verhalfen  —  auf  der  Beheri-schung  des  Markts  durch  eine 
wagende,  mit  Besitz  verbundene  Intelligenz.  Markt,  Risico 
und  Besitz  waren  kleiner,  die  Verhältnisse  stätiger.  Aber 
im  Gioinde  liegt  doch  nur  ein  quantitativer  Unterechied  vor. 
Im  zünftigen  Handwerk  erwarb  sich  das  kleine  unfreiere 
Capital,  im  moderaen  Welthandel  das  grosse  ungebundene 
Capital  seine  Stellung  und  Heri-schaft 


verdrängt  durch  den  industriellen  Mittelstand;  die  Theilung  der  Arbeit 
zwischen  den  verschiedenen  Corporationen  verschwand  vor  der  Theilung 
der  Arbeit  in  den  einzelnen  Werkstätten  selbst. 

„Aber  immer  wuchsen  die  Märkte,  immer  stieg  der  Bedarf.  Auch 
die  Manufactur  reichte  nicht  mehr  aus.  Da  revolutionirte  der  Dampf 
und  die  Maschinerie  die  industrielle  Production.  An  die  Stelle  der  Ma- 
nufactur trat  die  moderne  grosse  Industrie,  an  die  Stelle  des  industriel- 
len Mittelstandes  traten  die  industriellen  Millionäre,  die  Chefs  ganzer 
industrieller  Armeen,  die  modernen  Bourgeois. 

„Die  grosse  Industrie  hat  den  Weltmarkt  hergestellt,  den  die  Ent- 
deckung Amerika's  vorbereitete.  Der  Weltmarkt  hat  dem  Handel,  der 
Schifffahrt,  den  Landcommunicationen  eine  unermessliche  Entwicklung  ge- 
geben. Diese  hat  wieder  auf  die  Ausdehnung  der  Industrie  zurückgewirkt 
und  in  demselben  Maasse,  worin  Industrie,  Handel,  Schififahrt,  Eisen- 
bahnen sich  ausdehnten,  in  demselben  Maasse  entwickelte  sich  die  Bour- 
geoisie, vermehrte  sie  ihre  Capitalien,  drängte  sie  alle  vom  Mittelalter 
her  überlieferte  Classen  in  den  Hintergrund.^^ 


538  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

Es  ist  allei*dings  wahr,  dass  Stellang  und  Wohlstand  des 
alten  zünftigen  Meisters  relativ  viel  mehr  auf  erworbener  Ge- 
schicklichkeit und  gesichertem  Absatz  beruhten  als  auf  mate- 
riellem Besitz.  Erst  neuerlich  hat  Schönberg  in  seiner  Finanz- 
geschichte von  Basel  wieder  nachgewiesen,  wie  klein  der 
Gapitalbesitz  der  mittelalterlichen  Industriellen  war.  Aber 
wenn  wir  von  Capital  nicht  im  Sinne  von  Capitalgütem  oder 
von  Privatvermögen  einzelner  Personen  reden,  sondern  wenn 
wir  darunter  im  übertragenen  Sinn  die  Gesammtheit  der 
Capitalisten ,  also  eine  Gi*uppe  von  Menschen  verstehen,  die 
mit  socialpolitischer  Macht  ausgeiüstet  sind,  so  dürfen  wir 
nie  vergessen;  dass  diese  Macht  der  Hauptsache  nach  nicht 
von  der  Grösse  des  Besitzes,  sondern  von  der  Art  abhängt, 
wie  der  Besitz  benutzt  wird.  Ein  gewisses  Minimum  von 
Besitz  braucht  auch  der  zünftige  Meister  und  heute  kann 
Jemand  Grosshändler  und  Fabrikant  sein,  indem  der  Credit 
die  Kleinheit  seiner  eigenen  Mittel  ergänzt. 

Das  zünftige  Handwerk  war  also  nicht  kurzweg  feudal 
und  es  unterschied  sich  nicht  so  principiell  scharf  von  der 
heutigen  Bourgeoisie.  Auch  finden  wir  schon  im  Mittelalter 
selbst  Fälle  von  grossen  Capitalien  und  Industrien  mit  Absatz 
in  weite  Femen  mit  grossem  Betrieb.  Soweit  der  Unterschied 
nicht  rein  quantitativ  ist,  besteht  er  nur  darin,  dass  das  alte 
Handwerk  eine  Pflichten  auferlegende  vollständige  Organisation 
entwickelt  hatte,  während  wir  betreffs  der  heutigen  Industrie 
noch  in  den  Anfängen  der  Entwicklung  einer  neuen  Ordnung 
stecken. 

Das  Dritte,  was  gegen  die  Socialdemokratie  eingewendet 
werden  muss,  ist  endlich  dies,  dass  sie  zwar  dem  modernen 
Capital  das  Verdienst  einer  bisher  unerhörten  Steigerung  der 
Production  zugesteht,  es  aber  höchst  einseitiger  Weise  in 
socialer  Hinsicht  rein  als  revolutionäre,  illegitimer  Weise  aus- 
beutende, Ordnung  und  Gerechtigkeit  auflösende  und  daher 
neue  Revolution  erzeugende  Macht  hinstellt. 

Dies  ist  eine  extreme  Anschauung  gegenüber  der  anderen, 
ebenso  extremen  und  falschen,  welche  das  Verhältniss  zwischen 


Das  Capital.  539 

Gapitalisten  und  Arbeitern  als  einen  freien  Austausch  gegen- 
seitiger Dienstleistungen  aufifasst,  bei  dem  beide  Theile  gleich- 
massig  ihre  Rechnung  finden.  Damit  ist  die  Charakterisirung 
des  Verhältnisses  keineswegs  erschöpft:  es  ist  dabei  ver- 
gessen zu  untersuchen,  warum  der  eine  Theil  nur  diese  und 
der  andere  nur  jene  Dienste  leisten  kann;  und  es  ist  dabei 
versch¥riegen ,  dass  der  Capitalist  eine  Hen-schaft  über  die 
Arbeiter  gewinnt  und  ausübt.  Diese  Herrschaft  beruht  einmal 
darauf,  dass  die  ganz  capitallose  Arbeitskraft  irgend  einen 
Dienstcontract  eingehen  muss,  um  zu  leben,  und  dann  darauf, 
dass  während  der  Dauer  des  Arbeitscontracts  der  Arbeitgeber 
dictirt,  was  und  wie  der  Arbeiter  produciren  soll.  Die  Unter- 
nehmer, die  heutigen  Tags  gemeinhin  dem  Capitalistenstande 
angehören,  sind  die  Herren  der  Production  und  zugleich  die- 
jenigen, durch  deren  Hand  das  ganze  neuerworbene  Gesammt- 
einkommen  der  Nation  vor  seiner  endgültigen  Vertheilung 
hindurchgeht. 

Das  Verhältniss  zwischen  Capital  und  Arbeit  ist  also 
weder  einfach  das  der  Unterdrückung  und  Ausbeutung  noch 
das  des  harmlosen  Austausches  zwischen  Gleichstehenden.  Es 
ist  ein  Verhältniss  der  Unterordnung  und  Herrechaft  —  aber 
es  kann  und  soll  diese  Herrschaft,  wie  jede  andere,  darauf 
beruhen,  dass  der  HeiTschende  eigenthümliche  Dienste  leistet. 

Und  solche  leistet  das  heutige  Capital.  Es  fasst  den  Ent- 
schluss,  was  und  wie  producirt  und  wohin  abgesetzt  werden 
soll.  Es  erspäht  die  Bedürfnisse  und  entscheidet,  wie  ihnen 
Befriedigung  geschafft  werden  soll.  Es  nimmt  den  Massen 
eine  Mühe  und  Sorge  ab,  welche  diese  durch  keine  Organi- 
sation mit  Erfolg  selbst  zu  übernehmen  im  Stande  wären. 
Das  Capital  ist  ferner  der  grosse  Träger  des  technischen  und 
mercantilen  Fortschritts  und  es  versichert  gewisseiinaassen 
durch  den  festen  Lohn  das  Dasein  des  Arbeiters  während  der 
Arbeitszeit,  während  der  Capitalist  das  Risico  des  Capitalver- 
lustes  trägt.  Dies  Risico  ist  eigenthümlich  und  wird  durch 
das  des  Arbeiters,  brodlos  zu  werden,  nicht  aufgewogen 
Beide  Pai*teien  liskiren  beständig;  ihre  Thätigkeit  und  ihren  Er- 
werb nicht  mehr  fortsetzen  zu  können;  der  Capitalist  riskirt  aber 


540  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

auch,  die  Basis  seiner  Stellung  zu  verlieren,  während  die 
Arbeitskraft  des  Arbeitei's  bleibt^). 

Auf  diesen  eigenthümlichen  Diensten  baut  sich  die  Herr- 
schaft des  Gapitals  auf.  Es  umfasst  freilich  nur  eine  begün- 
stigte Minorität,  diese  ist  aber  nicht  abgeschlossen  und  es  sind 
zahlreiche  Abstufungen  zwischen  grossem  Capital  und  Gapital- 
losigkeit  möglich.  Es  ist  eine  weniger  beabsichtigte,  aber 
durchaus  wesentliche  Seite  der  Arbeitstheilung ,  dass  sie  den 
Menschen  nicht  nur  verschiedene,  sondern  vei-schieden artige 
Functionen  auflegt  und  in  irgend  einer  Weise  einen  Gegensatz 
zwischen  Herrschenden  und  Begünstigten,  Dienenden  und 
Minderbegünstigten  ei-zeugt.  Dieser  Gegensatz  ist  vom  Fort- 
schritt der  Cultur  unzertrennlich  und  nur  culturfeindliche 
extreme  Gleichheitslust  kann  ihn  aufzuheben  trachten.  Die 
moderne  Hen*schaft  des  Gapitals  ist  sogar  trotz  aller  Leiden, 
die  sie  erzeugt,  unbedingt  eine  mildere  Fonn  dieses  Gegen- 
satzes als  alle  älteren.  Es  ist  daher  nicht  richtig,  aus  diesem 
Gegensatz  und  diesem  Heri*schaftsverhältniss  die  Nothwendig- 
keit  einer  Alles  umstürzenden  proletarischen  Revolution  ab- 
zuleiten, sondeiTi  das  einzig  Richtige  ist,  die  Henschaft  des 
Gapitals  als  einen  wesentlichen  und  unabänderlichen  Theil 
unserer  gegenwärtigen  Zustände  hinzunehmen  und  mit  allen 
Kräften  dahin  zu  streben,  dass  diese  Herrschaft  möglichst  ge- 
meinnützig werde. 

Die  Capitalisten  müssen  sich  der  von  ihnen  zu  leistenden 
Dienste  immer  mehr  bewusst  werden,  damit  der  Arbeiter 
erkenne,  dass  er  unter  der  Hen-schaft  des  Gapitals  noch  besser 
steht,  als  er  stehen  könnte,  wenn  es  kein  Capital  gäbe.  Die 
Zahl  der  (kleinen)  Capitalisten  muss  möglichst  vermehrt  und 
die  Hoffnung  auf  Emporkommen  in  den  herrschenden  Stand 
allgemein  gestärkt  werden.  Eine  starke  Staatsgewalt  muss 
das  Capital  an  seine  Pflichten  erinneni  und  es  verhindern, 
dass  es  seine  einseitigen  Interessen   zum  Ziel  des  ganzen  ge- 


*)  Es  folgt  unten  ein  besonderes  Capitel  über  die  Verhältnisse  der 
Arbeiter,  besonders  im  Fabrikbetrieb,  sowie  ein  Abschnitt  über  Geschäfts- 
stockungen. 


Die  Formen  der  Industrie.  541 

sellschafUichen  und  staatlichen  Lebens  macht  Nicht  die 
Gleichheitsidee,  sondern  die  Lehre  von  den  socialen  Pflichten 
und  eine  ideale  Auffassung  des  Staats  muss  gegen  das  heutige 
Capital  ausgespielt  werden,  damit  es  eine  die  grösstmöglichen 
Dienste  leistende  Macht  werde.  — 

Das  ist  der  Standpunct,  von  dem  aus  ich  das  heutige 
Capital  betrachte.  Doch  wir  haben  ja  hier  zu  untersuchen,  wie 
die  heutige  Macht  und  Stellung  des  Capitals  und  zwar  speciell 
des  industriellen  und  mercantilen  Capitals  entstanden  ist. 

Um  diese  Frage  zu  beantworten,  müssen  wir  vor  Allem 
vier  sociale  Giiindformen  des  Gewerbebetriebs  unteracheiden, 
die  sich  in  der  Geschichte  unserer  Völker  deutlich  erkennen 
lassen  und  die  viel  wichtiger  sind  als  z.  B.  die  rein  technischen 
Untei-schiede,  die  auf  der  Anwendung  von  Maschinen,  Dampf- 
und Wasserkraft  etc.  beruhen.  Die  Namen,  die  ich  für  diese 
unterschiede  gebrauche,  sind  nicht  allgemein  acceptirt  und 
bis  zu  gewissem  Grade  willkürlich.  Doch  nicht  auf  den 
Namen,  sondern  auf  die  Sache  kommt  es  an.  Demgemäss 
unterscheide  ich: 

1)  Familienindustrie, 

2)  Handwerk, 

3)  Hausindustrie, 

4)  Fabrikindustrie  ^). 

Natürlich  giebt  es  im  wirklichen  Leben  immer  Fälle,  die 
zwischen  zweien  oder  mehreren  dieser  Kategorien  in  der  Mitte 
stehen.  Aber  zu  jeder  Zeit  waren  einzelne  dieser  Fonnen 
typisch  und  scharf  ausgeprägt;  danach,  ob  die  eine  oder 
andere  Giiindform  und  die  ihr  entsprechende  Ordnung  herrscht, 
d.  h.  vorherrscht,  bestimmt  sich  der  sociale  Charakter  des 
ganzen  gewerblichen  Lebens. 

Unter  Familienindustrie  verstehe  ich  eine  gewerkliche  *) 


^)  Man  vergleiche  damit  die  etwas  detaillirtere  Eintheilung  bei  Thon, 
die  Industrie  am  Niederrhein,  Leipzig  1879,  Th.  2,  S.  246. 

*)  Nach  präcisem  Sprachgebrauch  versteht  man  unter  Gewerbe  jede 
des  Erwerbs  halber  betriebene  productive  Berufsth&tigkeit ,  also  auch 
Handel  und  Landwirthschaft.  Unter  Gewerke  oder  Industrie  (nach  £m- 
minghaus)  die  mechanische  oder  chemische  Verarbeitung  der  von  der  ür- 


542  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

Thätigkeit,  die  nicht  auf  Absatz  speculirt.  Es  gehört  hierher 
das  Spinnen  und  Weben  der  Frauen  im  Hause,  aber  auch  die 
grössere,  umfänglichere,  industrielle  Arbeit  in  IQösteiii  und 
auf  Herrenhöfen  —  wenn  nur  für  bestimmte  Consumenten 
direct  gearbeitet  wird,  ohne  dass  nach  vollendeter  Pi*oduction 
und  vor  dem  Ueberpang  des  Pi*oducts  in  den  Gonsum  ein 
Tausch-  oder  Handelsact  stattfindet.  Die  Familienindustrie 
kommt  noch  vor  —  im  Kleinen  in  Gestalt  des  Schneidems  im 
Hause  etc.  und  im  Grossen  in  Gestalt  der  Maschinenfabriken 
grosser  Eisenbahnen,  der  Waffenfabiiken  des  Staats  etc.  Allein 
die  kleine  Familienindustrie  verliert  bei  wachsender  Arbeits- 
theilung  immer  mehr  an  Bedeutung;  die  grosse,  welche  von 
Actiengesellschaften  und  vom  Staat  betrieben  wird,  ist  heute 
genöthigt  zu  rechnen  und  Buch  zu  führen,  wie  die  ad  4.  ge- 
nannte Fabrikindustrie,  d.  h.  abgesehen  davon,  dass  sie  immer 
eine  Ausnahme  ist  und  für  die  Industrie  im  Ganzen  keine 
dominirende  Stellung  einnimmt,  hat  sie  ihren  alten  Charakter 
verloren.  Nicht  nur  beim  Einkauf  der  Rohstoffe,  sondern  be- 
treffs der  Producte  selbst  muss  sie  auf  die  Marktpreise  Rück- 
sicht nehmen.  Wir  können  diese  älteste  Form  des  industriellen 
Betriebs  daher  fQglich  übergehen. 

Das  Handwerk  ist  ein  industrieller  Betrieb,  welcher,  sei 
es  auf  Bestellung,  sei  es  unter  Speculation  auf  noch  unbe- 
kannte Abnehmer,  Producte  herstellt  und  diese  an  einen  ausser- 
halb des  Producentenkreises  stehenden  Consumenten  verkauft. 
Dadurch  untei-scheidet  es  sich  von  der  Familienindustrie.  Das 
Handwerk  hat  einen,  wenn  auch  beschränkten  Markt.  Der 
Untei-schied  gegen  die  folgenden  Betriebsformen  ist  der,  dass 
an  der  Spitze  des  Betriebs  ein  selbständiger  Meister  steht, 
welcher  die  Rohmaterialien  selbst  einkauft,  die  Werkzeuge 
selbst  besitzt,  Eigenthümer  der  Producte  wird  und  diese  an 
den  Consumenten  selbst  direct  absetzt.    Dieser  selbständige 


production  (Landwirthschaft  etc.  und  Bergbau)  gelieferten  Stofife.  Da  ¥rir 
hier  keine  dogmatischen,  sondern  hibtorischc  Untersuchungen  treiben,  so 
dürften  durch  den  gemischten  Gebrauch  der  Worte  Industrie,  Gewerke 
und  Gewerbe  keine  MissTerständnisse  entstehen. 


Die  Formen  der  Industrie.  548 

Meister  beschränkt  sich  aber  nicht  auf  die  Direction  des  Be- 
triebs, sondern  er  betheiligt  sich  an  den  mechanischen  Arbeiten 
seiner  Gehülfeu,  wenn  er  solche  überhaupt  hat  Er  ist  Gapitalist 
und  Kaufmann,  beides  aber  nur  im  Kleinen,  so  dass  diese 
Eigenschaften  sich  an  seine  Hauptfähigkeit  — -  erlernte  Ge- 
schicklichkeit in  mechanischer  Arbeit  —  ansehliessen.  Der 
Umfang  des  Betriebs,  die  Zahl  der  Lohnarbeiter  und  der 
Absatzkreis  bleiben  klein.  Das  Handwerk  arbeitet  für  einen 
beschränkten,  aber  relativ  stätigen  Markt,  auf  dem  wechselnde 
Conjuncturen  nur  eine  geringe  Rolle  spielen.  Eben  deshalb 
besitzt  es  eine  gi-osse  Fähigkeit,  eine  constante  Rechtsordnung 
auszubilden  und  sich  ihr  zu  unterwerien.  Es  ist  die  Betriebs- 
form, auf  welche  die  Zunftverfassuqg  und  die  Gesetzgebung 
der  Elisabeth  berechnet  waren. 

Ganz  andei-s  steht  es  in  der  Hausindustrie.  Auch  hier 
giebt  es  kleine  sogenannte  Meister  mit  und  ohne  Gehülfen, 
welche  eine  erlernte  technische  Geschicklichkeit  besitzen. 
Diese  Meister  sind  noch  oft  Eigenthümer  ihrer  Werkzeuge. 
Aber  sie  kaufen  die  Rohstoffe  nicht  selbst  ein  und  setzen 
ihre  Producte  nicht  für  einen  Gesammtpreis  an  vei*schiedene 
Consumenten  ab,  sondern  die  Rohstoffe  liefert  ein  kauf- 
männischer Capitalist,  der  nicht  selbst  mechanisch  arbeitet, 
und  dei*selbe  Capitalist  ist  Eigenthümer  der  Producte,  füi* 
deren  Herstellung  aus  dem  gelieferten  Rohmaterial  er  einen 
vorher  pactirten  Lohn  zahlt  Er  verkauft  dann  erst  das  ganze 
Product  an  wechselnde  Abnehmer  auf  dem  gi*ossen  Mai*kt 
Noch  bleibt  der  sogenannte  Meister  HeiT  in  seinem  Hause, 
ist  frei  in  seiner  Zeiteintheilung  und  bleibt  bis  zu  gewissem 
Grade  Herr  der  Technik  —  aber  er  verkauft  keine  Producte 
mehr  auf  dem  Markt,  sondern  Arbeitsleistungen  an  einen  be- 
stimmten Lohnhenn.  Es  schiebt  sich  zwischen  den  technischen 
Producenten  und  den  Consumenten  der  grosse  Capitalist  be- 
herrschend ein  und  der  technische  Producent  selbst  wird  zwar 
noch  nicht  völlig  besitzlos,  aber  er  braucht  kein  Capital  mehi* 
für  Rohstoffe  und  verliert  jedenfalls  die  Eigenschaft  des  Unter- 
nehmei*s,  der  ein  Risico  trägt. 

Zwischen  Handwerksmeistem  und  Hausindustriellen  giebt 


544  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

es  natürlich  Uebergänge  und  Mittelglieder.  Der  eigentliche 
Handwerksmeister  verliert  schon  Etwas  an  seiner  Selbständig, 
keit,  sowie  er  auch  nur  theilweise  nicht  mehr  direct  für  den 
Consumenten  arbeitet,  sondern  seine  Producte  durch  C!om- 
missionäre  absetzt,  oder  sie  gewohnheitsgemäss  nur  an  Gross- 
händler oder  Inhaber  von  Verkaufsläden  absetzt  und  auf  Be- 
stellung solcher  Geschäftsleute  arbeitet.  Es  kommt  auch  vor, 
dass  Jemand  einfach  gleichzeitig  Handwerker  und  Haus- 
industrieller  ist,  z.  B.  ein  Schneider,  der  theils  auf  Bestellung 
von  Consumenten,  theils  für  ein  Kleidermagazin  arbeitet. 

Bei  der  Hausindustrie  macht  es  einen  grossen  Unterachied, 
ob  sie  als  intermittirender  Nebenerwerb  betrieben  wird,  wie 
z.  B.  die  Spitzenklöppelei  in  Bauernfamilien,  oder  ob  sie  aus- 
schliesslicher Lebensberuf  ist  Nur  in  letzterem  Fall  ist  sie  von 
grosser  socialer  Wichtigkeit. 

Die  Fabrikindustrie  endlich  ist  jene  Betriebsform  des  Ge- 
werkes,  in  welcher  ein  Capitalist  mechanische  Arbeiter  gegen 
Lohn  in  seinem  Hause  arbeiten  lässt  ohne  sich  selbst  an 
der  mechanischen  Arbeit  zu  betheiligen.  Der  grosse  Gapitalist 
trägt  nicht  nur  das  Risico  beim  Einkauf  des  Bohstoffs  und 
Absatz  des  Products  und  nimmt  dem  Arbeiter  dieses  Kisico 
sammt  seiner  Selbständigkeit,  sondern  er  wird  auch  alleiniger 
Herr  des  Arbeitsraumes,  der  Werkzeuge  und  der  Technik. 
Der  Arbeiter  arbeitet  nicht  in  seinem  Hause,  wo  er  Herr  ist 
über  seine  Angehörigen,  sondern  er  ist  während  der  Arbeit 
nur  Diener.  Die  Familienbande  werden  durch  die  Arbeit  auf- 
gelöst. Zugleich  verliert  der  Arbeiter  die  Hoffnung,  der  Regel 
nach  in  den  Fabrikantenstand  aufsteigen  zu  können;  Arbeiter 
und  Fabrikanten  scheiden  sich  schroff  als  zwei  Stände  mit 
entgegensetzten  Interessen. 

Wenn  ausser  der  menschlichen  Muskelkraft  andere  Mo- 
toren, z.  B.  Wasser-  und  Dampfkraft  angewendet  werden,  so 
spricht  man  oft  von  eigentlichen  Fabriken,  im  Gegensatz  zu 
blossen  Manufacturen.  Doch  ist  dieser  Unterschied  nicht  von 
wesentlicher  Bedeutung.  Auch  in  der  Manufactur  ist  die 
Unselbständigkeit  des  Arbeiters  vollendet,  auch  hier  entwickelt 


Die  Formen  der  Indastrie.  545 

sich  eine  starke  Arbeitstheilung  innerhalb  des  einzelnen 
Etablissements,  die  bewirkt,  dass  der  Arbeiter,  der  ohnedies 
nicht  Herr  des  ganzen  Products  wird,  auch  die  Einsicht  in  die 
ganze  Technik  verliert. 

Auch  hier  giebt  es  Uebergänge.  Es  ist  manchmal  nicht 
zu  sagen,  ob  Jemand  ein  grosser  Handwerksmeister  oder  ein 
kleiner  Fabrikant  ist.  Durch  die  Einrichtung  des  sogenannten 
Gruppenaccords  entstehen  in  der  Fabrik  Verhältnisse,  die 
der  Hausindustrie  ähnlich  sind,  ja  für  die  Arbeiter  günstiger 
sein  können  als  die  Hausindustrie  selbst.  Kleine  Unternehmer, 
die  mit  gemietheten  Dampfkräften  arbeiten,  haben  etwas 
vom  Fabrikarbeiter  an  sich  und  sind  doch  der  Hauptsache 
nach  Handwerker  oder  Hausindustrielle.  Werkmeister  in  Fa- 
briken, welche  die  unter  ihnen  stehenden  Arbeiter  selbständig 
dingen ,  erheben  sich  über  die  Lage  des  Fabrikarbeitei-s  und 
bekommen  etwas  von  den  Eigenschaften  des  Unternehmers. 
Tantieme  und  Antheilswirthschaft  endlich  ändem  den  Cha- 
rakter der  Lage  aller  Fabrikarbeiter. 

Wenn  der  Fabrikbesitzer  auf  Capitaldarlehen  durch  Ban- 
quiers  stark  angewiesen  ist,  oder  namentlich,  wenn  er  der 
Regel  nach  nur  durch  Commissionäre  oder  an  Grosskauf- 
leute verkauft  oder  verkaufen  kann,  so  kann  dadurch  der 
Fabrikant  selbst  wieder  in  Abhängigkeit  von  dem  beweglichsten 
Theil  des  grossen  Gapitals  gerathen.  Lidessen  ist  dies  nicht 
noth wendig  der  Fall  und  es  kommt  auch  das  Umgekehrte  vor, 
dass  die  Händler  sich  um  die  Gunst  gi'osser  renommirter 
Fabrikantenfirmen  bewerben  müssen.  Unter  keinen  Um- 
ständen aber  bilden  Banquiei's  und  Grosshändler  einen  Stand, 
der  den  Stand  der  Fabrikanten  in  eine  unebenbüilige  Stellung 
herabzudi-ücken  vermöchte.  Es  handelt  sich  hier  nur  um  wech- 
selnde, keineswegs  in  constanter  Weise  typisch  ausgeprägte 
Regulirung  des  Absatzes  der  Fabrikindustrie,  um  eine  Arbeits- 
theilung innerhalb  des  grossen  Capitals,  die  keineswegs  dazu 
führt,  dass  eine  Gruppe  von  Capitalisten  die  andere  schliess- 
lich ihrer  Stellung  als  Gapitalisten  beraubt.  Diese  Vorgänge 
können  mit  der  Unterwerfung  des  Hausindustriellen  unter 
den  Kaufmann  nicht  verglichen  werden  und  wir  können  also 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  35 


546  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

bei  den  vier  aufgezählten  Formen  des  Gewerbebetriebs  stehen 
bleiben. 

So  sehr  diese  vier  Betriebsfoiinen  in  der  Wirklichkeit  in 
einander  übergehen,  es  lässt  sich  dennoch  erkennen,  dass  zu 
jeder  Zeit  und  in  jedem  Productionskreise  die  eine  oder  andere 
Betriebsform  dominii-t.  Es  ist  klar,  dass  von  diesen  Formen 
das  eigentliche  Handwerk  die  grösste  Haimonie  zwischen 
Capital  und  Arbeit  zeigt,  während  es  zugleich,  weil  es 
—  allmälig  zu  Meisteni  aufsteigende  —  Lehrlinge  und  Ge- 
sellen hat,  eine  die  Production  fördernde  organische  Unter- 
ordnung der  werdenden  unter  die  fertigen  Kräfte  kennt.  In 
der  Fabrikindustrie  die  alte  Harmonie  zwischen  Arbeit  und 
Capital  in  grossem  Stil  durch  Productivassociation  oder  An- 
theilswirthschaft  wieder  hei*zustellen  ist  vor  der  Hand  in  irgend 
nennenswerther  Ausdehnung  noch  nicht  gelungen. 

Dennoch  ist  es  verkehrt,  das  Absterben  der  Heri*schaft 
des  Handwerks  ohne  Weiteres  als  sociales  Unglück  zu  be- 
zeichnen und  die  ei*zwungene  Wiederherstellung  derHen-schaft 
des  Handwerks  anzustreben.  Dasselbe  verträgt  sich  nicht  mit 
grösserem  Absatz,  Welthandel  und  internationaler  Arbeitsthei- 
lung.  Und  die  Fabrikindustrie  ist  ihm  durch  ihre  grössere 
Arbeitstheilung  in  Bezug  auf  reichliche  und  billige  Production 
unendlich  überlegen.  Durch  Ausdehnung  von  Haus-  und  Fabrik- 
industrie ist  also  Grosses  gewonnen  worden,  auf  das  wir  nicht 
vei-zichten  können.  Und  wenn  es  eine  gi-osse  Frage  ist,  wie 
auch  in  der  Grossindustrie  wieder  Friede  zwischen  Capital 
und  Arbeit  hergestellt  werden  könne,  so  ist  es  keine  Frage, 
dass  wir  ausser  Stande  sind,  die  Grossindustrie  wieder  ab- 
zuschaffen. 

Weder  in  Deutschland,  noch  in  England  selbst  sind  bis- 
her kleine  handwerksmässige  Gewerksbetriebe  ganz  ausge- 
storben. Schuster  und  Schneider,  die  nach  Maass  arbeiten, 
Tapezierer,  die  einzelne  Zimmer  tapezieren,  Bäcker  und  Flei- 
scher, die  im  Kleinen  produciren,  Kunstindustrielle  und  Repa- 
raturarbeiter aller  Art  giebt  es  noch  immeifort.  Aber  ihre 
Interessen  sind  nicht  mehr  tonangebend,  wenn  von  der  „In- 
dustrie"  die  Rede  ist.     Ihre  Arbeitskräfte  gehen   frei  in  die 


Die  Formen  der  Industrie.  547 

Grossindustrie  über.  Schuster-  und  Schneidermeister  sinken 
foi-twährend  theils  in  die  Lage  von  Stückarbeiteni  im  Dienste 
Anderer  herab,  theils  schwingen  sie  sich  zu  grösseren  ünter- 
nehmeiTi  empor.  Aus  der  Bäckerei  wird  eine  Brodfabrik,  der 
Tapezierer  wird  Inhaber  eines  Möbellagei-s  etc.  etc.  Zahllose 
sogenannte  Handwerker  verkaufen  Fabrikwaaren  in  einem 
kleinen  Laden  oder  arbeiten  der  Regel  nach  für  einen  grös- 
seren Magazininhaber.  Die  kräftigsten  Elemente  unter  den- 
jenigen, die  man  noch  Handwerker  nennen  kann,  bekümmern 
sich  wenig  um  die  Organisation  des  Handwerks  als  solches, 
sondeiTi  streben  für  ihre  Person  über  dasselbe  hinaus. 

Es  wäre  später  zu  zeigen,  bis  zu  welchem  Maasse  sich 
dieser  Umschwung  bereits  vollzogen  hat  und  in  welchem  Maasse 
die  Fabrikindustrie  bereits  der  Hausindustrie  überlegen  ge- 
worden ist.  Hier  handelt  es  sich  darum,  den  Beginn  des  Um- 
schwungs zu  schildeni. 

So  gross  nun  in  technischer  Hinsicht  der  Fortschritt  der 
Fabrik-  gegenüber  der  Hausindustrie  sein  mag,  so  ist  doch 
der  in  socialer  Hinsicht  entscheidende  Wendepunct  eingetreten, 
wenn  überhaupt  das  Handwerk  zu  weichen  beginnt  und  zu- 
nächst nur  die  Hausindustrie  an  die  Stelle  tritt.  Denn  damit 
bereits  ist  die  Führei-schaft  des  grossen  Capitals  auf  industriel- 
lem Gebiet  entschieden;  die  Fabrikindustrie  steigert  und  be- 
festigt nur  dessen  Uebeimacht.  Damit  bereits  ist  der  Gegen- 
satz zwischen  grösserem  Capital  und  Arbeit  mit  kleinem  oder 
unerheblichem  Capital  geboren  und  der  Ausgangspunct  eines 
natürlichen  Kampfes  gegeben,  der  nur  mit  der  Schaffung  einer 
neuen  Ordnung  des  grosscapitalistischen  Betriebes  enden  kann. 
Sowie  die  Hausindustrie  heri-scht,  ist  im  Gebiete  der  Industrie 
das  grosse  Capital,  d.  i.  eine  Gruppe  von  kaufinännisch  specu- 
lirenden  und  wagenden  Besitzern,  mit  seinen  Interessen  los- 
gelöst von  der  technischen  Arbeit  und  tritt  als  neue  selb- 
ständige, hen-schende  Macht  ins  industrielle  Leben  ein. 

Es  ist  nun  die  Aufgabe  dieses  Capitels  nachzuweisen,  dass 

und  aus  welchen  Gründen  das  den  hausindustriellen  Arbeiteni 

hen'schend    gegenüberetehende   grössere  Capital   in  England 

während  des  18.  Jahrhunderts  schon  vollständig  zur  Hen-schaft 

35* 


548  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

gelangte  —  ehe  durch  Arkwright  die  gi-osse  Fabrikindustrie 
begründet  wurde. 

Das  Aufkommen  der  Fabrikindustrie  vollzog  sich  stürmi- 
scher, gewaltsamer,  rascher.  Es  verui-sachte  evidentere  Lei- 
den der  Arbeiter,  zeigte  das  Emporkommen  einzelner  Capita- 
listen  mit  Neid  und  Staunen  erweckender  Deutlichkeit.  Es 
erregte  mehr  Aufsehen  in  jeder  Richtung  und  wurde  daher 
auch  früher  und  eingehender  untersucht  und  dargestellt*).  Der 
Sieg  der  Hausindustrie  über  das  Handwerk,  welcher  der  Fabrik- 
industrie die  Wege  ebnete,  vollzog  sich  dagegen  langsam  und 
gewissermaassen  in  der  Stille  und  wurde  von  den  betheiligten 
Zeitgenossen  selbst  kaum  beobachtet,  geschweige  denn  in  seiner 
Bedeutung  erkannt.  Dennoch  ist  er  eine  Thatsache,  die  sich 
gerade  in  England  als  ein  der  Zeit  nach  isolirt  auftretender 
Vorgang  in  ihren  Ui*sachen  und  Wirkungen  erkennen  lässt  und 
deren  Erkenntniss  von  gi'össter  Wichtigkeit  ist. 

Auch  in  Deutschland  lässt  sich  in  vielen  Gewerbszweigen 
und  Gegenden  das  successive  Emporkommen  von  Haus-  und 
Fabrikindustrie  nachweisen.  Aber  es  lassen  sich  nicht  im 
Allgemeinen  zwei  Epochen  und  zwei  Entwieklungsphasen  des 
nationalen  Gewerbes  unterscheiden,  von  denen  die  eine  den 
Sieg  der  Hausindustrie,  die  andere  den  der  Fabrikindustrie 
darstellt.  Der  Grund  liegt  darin,  dass  in  Deutschland  der 
definitive  Niedergang  der  Herrschaft  des  Handwerks  etwa  1840 
d.  h.  in  einer  Zeit  entschieden  wurde,  in  welcher  in  England 
die  grosse  Fabrikindustrie  schon  entwickelt  war.  Diese  konnte 
daher  nachgeahmt  werden ,  ohne  dass  man  die  Vorstufe  der 
Hausindustrie  allgemein  hätte  durchlaufen  müssen. 

Aus  der  englischen  Geschichte  aber  können  wir  deutlich 
entnehmen,  welches  der  wichtigste  Umschwung  ist  und  wann 


^)  Es  entspricht  auch  jener  Abart  der  manchesterlichen  Anschau- 
ung, welche  das  Capital  gerne  als  modificirte  Arbeit  auftreten  lässt, 
den  grossen  Umschwung  der  gewerblichen  Verhältnisse  lediglich  auf  die 
Geistesarbeit  technischer  Erfinder  zurückzuführen.  Spuren  dieser  An- 
schauung resp.  Tendenz  findet  man  in  sehr  vielen  Werken,  z.  B.  auch 
bei  Leone  Levi,  History  of  British  Commerce.    London  1872. 


Die  Formen  der  Industrie.  549 

er  eintrat.  Die  entscheidende  Bedeutung  dieses'  ersten  Um- 
schwungs vom  Handwerk  zur  Hausindustrie  geht  unter  Andei-em 
auch  aus  der  allgemeinen  Thatsache  hervor,  dass,  sowie  er 
eingetreten  ist,  das  Handwerk  zwar  nicht  ganz  stirbt,  aber 
seinen  alten  Charakter  unbedingt  und  überall  ändern  muss, 
während  die  Hausindustrie  in  manchen  Productionszweigen 
trotz  des  Umsichgi-eifens  der  gi-ossen  Fabriken  unverändert 
fortblQhen  kann.  Hausindustrie  und  Fabiikindustrie  sind  zwei 
Foimen,  in  denen  das  grössere  Capital  seinen  Sieg  über  das 
kleine,  mit  der  Arbeit  verbundene,  documentirt 

Der  Nachweis  für  die  Thatsache,  dass  im  18.  Jahrhun- 
dert in  England  die  Hausindustrie  über  das  Handwerk  gesiegt 
hatte,  lässt  sich  absolut  nicht  statistisch  führen.  Haben  wir 
doch  erst  im  19.  Jahrhundert  Zählungen  und  solche,  die  sich 
zugleich  auf  Stand  und  Beschäftigung  der  Gezählten  beziehen. 
Aber  auch  in  unserem  Jahrhundert  lässt  sich,  wie  wir  mit  Be- 
dauern gestehen,  aus  diesen  Zahlen  allein  nichts  Sicheres  über 
unsere  Frage  ableiten.  Für  das  vorige  Jahrhundert  haben 
wir  gar  keine  allgemeine  officielle  Gewerbestatistik  und  selbst 
zuverlässige  Angaben  für  einzelne  Gewerbe  fliessen  äussei'st 
spärlich.  Der  Grund  ist  der,  dass  die  Thatsache  der  Herab- 
drückung  des  Handwerksmeisters  zu  einem  Hausindustriellen 
bei  dem  allgemeinen  Streben  nach  Reichthumsveimehining  selbst 
an  den  Denkenden  meist  unbeachtet  vorüberging. 

Es  zeigt  sich  dies  auch  im  Sprachgebrauche,  demzufolge 
z.  B.  die  Worte  „Clothier"  und  „Manufacturer"  gedankenlos  in 
höchst  verschiedenem  Sinne  gebraucht  werden  um  abwechselnd 
einen  Fabrikanten,  einen  Hausindustrielle  beschäftigenden  Kauf- 
mann, einen  Hausindustriellen  oder  einen  gewerklichen  Lohn- 
arbeiter^) zu  bezeichnen. 

Der  Beweis  für  die  Thatsache  des  Siegs  der  Hausindustrie 
wird  also  zunächst  ein  Indicienbeweis  sein  müssen.  Wo  klare 
Berichte  über  die  Frage,  ob  in  einem  Gewerbe  Hausindustrie 


^  So  spricht  der  Report  on  the  State  of  the  copper  mines  and  copper 
trade  1799  S.  675  davon ,  dass  die  5000  Einwohner  von  Willenhall  alle 
),poor  manufacturers"  seien. 


550  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

vorhanden  war  oder  nicht,  vorliegen,  stammen  dieselben  meist 
erst  aus  späterer  Zeit,  gestatten  aber  Rückschlüsse  auf  die  Ver- 
gangenheit. Trotz  dieser  Nothwendigkeit  einer  sozusagen  in- 
directen  Beweisführung  hoffe  ich  dennoch,  dass  es  gelingen 
wird,  die  behauptete  Thatsache  über  jeden  Zweifel  zu  er- 
heben. — 


§  2.    Die  Herrschaft  der  Hausindustrie. 

Wie  schon  erwähnt,  eiTegte  die  Herabdrückung  der  Hand- 
werker zu  Hausindustriellen  wenig  die  öffentliche  Aufmerksam- 
keit. In  den  officiellen  Untersuchungen  des  18.  Jahrhunderts 
wird  diese  wichtige  Thatsache  nur  selten  und  beiläufig  er- 
wähnt;  weil  sie  mit  keiner  schai*f  in  die  Augen  springenden 
und  jähen  Veränderung  in  den  äussern  Lebensverhältnissen 
der  Arbeiter  verbunden  war.  Der  schon  mehrmals  benutzte  Re- 
port on  the  Woollen  Manufacture  von  1806  ist  der  erste,  wel- 
cher die  Hausindustrie  als  solche  principiell  zum  Gegenstand 
der  Untei-suchung  macht.  Damals  war  aber  die  Hausindustrie 
selbst  schon  im  Niedergang  begriffen  und  sie  wurde  beachtet, 
weil  sie  einen  schweren  Kampf  ums  Dasein  gegen  die  neue 
Fabrikindustrie  kämpfte.  Man  kann  aber  aus  dem  Report 
entnehmen,  wie  die  Zustände  in  der  Hausindustrie  eigentlicli 
beschaffen  waren  und  da  sie  in  diesem  Report  zum  erstenmal 
officiell  beschrieben  werden,  so  wollen  wir  damit  unsere  Dar- 
stellung beginnen. 

Es  existirten  damals  noch  Maschinenausfuhrverbote,  Auf- 
sicht über  die  Technik  und  Lehrlingsgesetze.  Insbesondere 
existirten  aber  auch  Gesetze,  welche  gewisse  Maschinen  ver- 
boten und  die  Zahl  der  Webstühle  beschränkten,  die  in  einem 
Hause  stehen  durften.  Letztere  Gesetze  waren  direct  gegen 
die  Ausdehnung  der  Manufacturen  und  Fabriken  gerichtet. 

Der  Report  untei-scheidet  nun  drei  Betriebsformen  der 
Tuchindustrie,  welche  genau  unseni  drei  Foimen  des  Hand- 
werks, der  Haus-  und  der  Fabrikindustrie  entsprechen  und 


Die  Herrschaft  der  Haasindastrie.  551 

welche  damals  noch  alle  drei  in  gewisser  Ausdehnung  be- 
standen. 

Das  Handwerk  nennt  der  Repoit  das  eigentliche  f,dome- 
stic  System^'  und  dieses  blühte  zumeist  in  Yorkshire.  Es  wird 
folgendermaassen  beschrieben : 

„Das  Geschäft  wird  betrieben  von  einer  Vielheit  von 
Manufacturmeistern ,  die  gemeinhin  ein  kleines,  aber  selten 
ein  grosses  Capital  besitzen.  Sie  kaufen  die  Wolle  vom 
Händler.  In  ihren  eigenen  Häusern  färben  sie  dieselbe  wenn 
nothwendig  und  verarbeiten  sie  durch  alle  Stadien  hindurch 
zu  unappretirtem  Tuch  mit  Hülfe  ihrer  Frauen  und  Kinder  und 
mit  Hülfe  von  Lohnarbeitern,  deren  Zahl  zwei  oder  drei  bis 
zu  sechs  oder  sieben  beträgt.  Vei*schiedene  Processe  aber, 
die  früher  meist  mit  der  Hand  unter  dem  Dach  des  Meistei*s 
ausgeführt  wurden,  werden  jetzt  durch  Maschinen  besorgt  in 
sogenannten  öffentlichen  Mühlen,  die  gegen  Miethgeld  arbeiten« 
In  der  Nähe  jedes  Industriedorfes  sind  verschiedene  solche 
Mühlen."  Weiter  führt  der  Bericht  aus,  dass  die  Meister  in 
öffentlichen  Markthallen  ihr  unappretii*tes  Tuch  an  Kaufleute 
absetzten.  In  Leeds  gab  es  drei  solcher  Hallen,  in  denen 
mehrere  tausende  von  Meistern  ei-scheinen.  Aehnlich  war  es 
in  Bradford,  Halifax  und  Huddei-sfield.  Es  wurde  aber  auch 
ausserhalb  der  Hallen  direct  an  Kaufleute  verkauft,  die  das 
Tuch  dann  durch  Tuchbereiter  in  grossen  Werkstätten  fertig 
stellen  Hessen  und  in  alle  Welt  absetzten.  Die  Meister  lebten 
zei-streut  auf  dem  Lande  und  trieben  meistens  zugleich  etwas 
Landbau. 

Der  Bericht  behauptet,  dieser  Handwerksbetrieb  würde 
von  den  Fabriken  nicht  verdrängt.  Er  biete  grosse  Vortheile 
für  den  Kaufmann,  der  weniger  fixes  Capital  brauche  und 
weniger  Risico  laufe  als  ein  Fabrikherr.  Die  handwerksmäs- 
sige  Production  habe  1792 — 1805  nicht  nur  absolut,  sondern 
relativ  zugenommen.  Nur  in  Modewaaren  für  das  Ausland 
sei  die  Fabrikindustrie  überlegen,  erfülle  die  allgemein  nütz- 
liche Function,  technische  Fortschritte  anzuregen  und  zu  be- 
fördern. Das  Handwerks-  und  Fabriksystem  concunirten  nicht 
eigentlich  mit  einander,  sondern  ergänzten  sich  gegenseitig. 


552  Zweites  Buch,  Cap.  d. 

Wir  werden  später  sehen,  dass  dies  eine  optimistische 
Anschauung  war.  Hier  interessirt  uns  zumeist,  dass  das  Hand- 
werkssystem, so  ausgedehnt  es  in  der  Umgebung  von  Leeds 
auch  noch  existirte,  doch  schon  einen  Theil  seiner  Selbstän- 
digkeit eingebüsst  hatte.  Der  Tuchmachermeister  verkaufte 
nicht  an  den  Gonsumenten,  sondem  an  Kaufleute,  die  sogar 
den  letzten  Theil  der  technischen  Production  besorgten.  Er 
arbeitete  nicht  in  Städten  mit  regulären  Lehrlingen  und  Ge- 
sellen, sondern  auf  dem  Lande  mit  Weib  und  Kind.  Er  ge- 
hörte nicht  mehr  zu  den  im  üblichen  Kleinverkehr  selb- 
ständig herrschenden  kleinen  Capitalisten.  Und  dieses  Hand- 
werksystem, das  schon  theilweise  seinen  eigentlichen  Charak- 
ter eingebüsst  hatte,  herrschte  nur  in  Yorkshire^,  wäh- 
rend im  Westen  von  England  nur  ausgebildete  Hausindustrie 
und  FabriksysteA  gemischt  existiiten.^)  Dort  nämlich  liess, 
wie  der  Bericht  erzählt,  der  Tuchermeister  (Master  Clothier) 
d.  h.  ein  grösserer  Capitalist,  die  von  ihm  gelieferte  Wolle  durch 
die  Hand  vei*schiedener  genau  von  einander  geschiedener  Ar- 
beiter gehen,  die  theils  in  ihrem,  theils  in  des  Herni  Hause 
arbeiteten;  oder  ein  Fabrikherr  (Master  Manufacturer)  liess 
eine  Anzahl  Arbeiter  in  grossen  Fabrikgebäuden  arbeiten.  In 
beiden  Fällen  hatte  der  Arbeiter  kein  Eigenthum  am  Product. 

In  der  handwerksmässigen  Tuchindustrie  wie  in  der  eigent- 
lichen Hausindustrie  war,  wie  früher  erwähnt,  das  Lehrlings- 
wesen verwildert;  man  erinnerte  sich  an  die  alte  Ordnung  gegen- 
über den  namentlich  seit  1803  bekämpften  Fabriken  —  sie 
war  aber  nicht  mehr  lebensfähig,  weil  auch  im  sogenannten 
Handwerk  factisch  hausindustrielle  Gewohnheiten  herrschten, 
Frauen  und  Kinder  mitarbeiteten  ^)  und  strebsame  Meister  sich 
zu  Fabrikherrn  aufzuschwingen  suchten.  •*)  Deshalb  ver- 
banden  sich  auch   sogenannte   Meister  und   Arbeiter   zu  der 


^)  Nach  John  James,  History  of  the  Worsted  Manufacture  S.  323 
war  in  Yorkshire  selbst  1780  Hausindustrie  verbreitet  In  Norwich  war 
dieselbe  1700  bereits  ganz  ausschliessend  entwickelt  (a.  a.  0.  S.  194). 

*)  Report  on  the  woollen  manufacture  von  1806  S.  444. 

")  a.  a.  0.,  Minutes  of  Evidence  S.  6  u.  7,  30,  309. 

*)  a.  a.  0.  S.  16. 


Die  Hemchaft  der  Hausindustrie.  553 

„Clothiers  institution^S  weil  die  Masse  der  ersteren  mit  letz- 
teren schon  gleiche  Interessen  hatte,  während  die  sogenann- 
ten reichen  Meister  (opulent  masters),  die  13—14  Webstühle 
im  Hause  und  12—13  ausser  Hause  hatten,  zu  den  Fabri- 
kanten und  Kaufleuten  hielten.^)  Diese  reichen  Meister  hatten 
auch  schon  den  Vortheil  der  „Arbeiten'eserveannee"  erkannt, 
denn  sie  hielten  immer  ein  Drittel  Arbeiter  mehr,  als  sie 
regelmässig  beschäftigen  konnten.') 

Wenn  also  der  Bericht  selbst  drei  Systeme  der  Tuch- 
macherei  unterscheidet  und  also  einen  Handwerksbetrieb  noch 
kennt,  so  geht  doch  namentlich  aus  den  Zeugenaussagen  her- 
vor, dass  letzterer  längst  im  allmäligen  Untergehen  begriffen 
war.  Der  Sieg  der  neuen  Betriebsformen  über  die  alte  ging 
in  der  Tuchindustrie  entschieden  sehr  langsam  vor  sich,  aber 
er  war  zur  Zeit  des  Reports  doch  längst  entschieden.  Das 
Handwerk  untei*schied  sich  von  der  Hausindustrie  noch  da- 
durch, dass  es  selbst  einiges  Betriebscapital  besass  und  dass 
in  ihm  das  charakteristische  Uebel  der  Hausindustrie,  die 
Materialuntei-schlagung  *)  (embezzlement)  nicht  vorkam.  Aber 
es  war  längst  unfähig  geworden,  seine  eigenthümliche  Ordnung 
aufrecht  zu  erhalten  und  es  beheiTSchte  nicht  mehr  den  Markt. 
Dieser  war  in  der  Hand  der  Kaufleute,  welche  es  bequem  fin- 
den mochten,  den  Webern  in  Yorkshire  noch  ein  kleines  Maass 
von  Selbständigkeit  und  Capital  zu  lassen,  welche  aber  be- 
leits  einen  Theil  der  technischen  Arbeiter,  die  Clothworkers 
und  Clothdressers,  die  das  Tuch  fertig  machten,  einfach  in 
ihre  Dienste  gestellt  hatten  *)  und  das  Gewerbe  beherrschten. 
Aus  diesen  Kaufleuten  gingen  die  eigentlichen  Fabrikanten 
hervor  (während  in  der  Baumwollindustrie  die  ei-sten  Fabri- 
kanten meist  Arbeitei-parvenus  waren)  und  den  Fabrikanten 
suchten  die  tüchtigsten  Handwerker  als  „reiche  Meister*'  nahe 
zu  kommen.  Eine  gewerbliche  Betriebsfoim,  über  welche  die 
kräftigsten  Mitglieder  des  Standes  hinausstreben,  hat  aber  keine 

')  a.  a.  0.  S.  104. 

*)  a.  a.  S.  111,  112. 

^)  a.  a.  0.  S.  51. 

*)  a  a.  0.  S.  297. 


554  Zweites  Buch,  Cap.  8. 

Möglichkeit,  auf  die  Dauer  auch  nur  in  einem  abgeschlossenen 
Gebiet  ihre  Herrschaft  zu  behaupten. 

So  zeigt  der  Report  von  1806  einen  Uebergangs-  und 
Misch-Zustand,  der  Zeugniss  ablegt  für  die  Langsamkeit,  mit 
der  sich  gewerbliche  Umwälzungen  oft  vollenden,  keineswegs 
aber  beweist,  dass  das  eigentliche  alte  Handwerk  noch  kraft- 
voll bestand.  Dass  dasselbe  längst  nicht  mehr  das  Gewerbe 
behen-schte,  geht  daraus  hervor,  welche  Rolle  im  ganzen  vori- 
gen Jahrhundert  die  schutzzöUnerischen  Interessen  der  an  dier 
Industrie  betheiligten  Capitalisten  spielten.  Die  neuen  Maschinen, 
welche  eine  gi-össere  Arbeitstheilung  erforderten  und  dem  so- 
genannten Tuchraachermeister  einen  Theil  der  Productions- 
processe  entzogen,  brachten  dann  im  Anfang  des  19.  Jahrhun- 
derts eine  Art  Krisis  hervor  *),  während  vorher  die  zunehmende 
Abhängigkeit  des  Meisters  dessen  Behaglichkeit  noch  nicht 
störte.  Lassen  diese  Reports  von  1806  und  1803  viele  Rück- 
schlüsse auf  das  18.  Jahrhundert  zu,  so  haben  wir  aus  diesem 
Jahrhundert  selbst  eine  Menge  zerstreuter  Zeugnisse,  welche 
beweisen,  dass  die  alte  Herrschaft  des  Handwerks  in  Auf- 
lösung begriffen  war.         . 

So  wurde  schon  1719")  aus  Gloueester  um  Erleichterung 
der  alten  Gesetze  petitionirt,  welche  die  Stellung  der  ver- 
schiedenen eigentlichen  Meister  in  der  Tuchindustrie  zu  sichern 
bestimmt  waren.    Diese  Gesetze  waren  zunächst: 

Ein  Gesetz  2.  u.  3.  Philipp  und  Maria  c.  11,  welches  den 
Clothworkers  ausserhalb  von  Städten  und  Markttiecken  ver- 
bot, mehr  als  einen  Webstuhl  zu  haben,  welches  den  Tuch- 
webeiTi  ausserhalb  der  Städte  verbot  mehr  als  zwei  Webstühle 
zu  halten  und  den  Tuchwalkern  den  Besitz  von  Webstühlen 
ganz  untei-sagte.  Dieselben  Weber,  die  nur  zwei  Webstühle 
haben  durften,  durften  auch  nur  zwei  Lehrlinge  halten  und 
allen  Webern  wurde  siebenjährige  Lehrlingszeit  vorgeschrie- 


M  Diese  zeigt  sich  deutlich  in  dem  Report  on  Woollen  Clothiers 
Petition,  1803. 

^)  Journals  of  the  House  of  Commons  Vol.  19  H.  181. 


Die  Herrschaft  der  Hausindustrie.  555 

beD.^)  Dazu  kam  ein  Verbot  des  Trucks  durch  ein  Gesetz 
von  4.  Eduard  IV.  c.  1  §  V  (1464).  Man  opponirte  gegen  diese 
Gesetze,  welche  einen  grösseren  Betrieb  unmöglich  machten. 

1737  wurde  gegen  den  Unfug  petitioniit,  dass  in  Tari- 
stock  Wollhändler  Wolle  an  arme  Leute  ausgaben,  die  aus 
dem  Pfund  Wolle  mehr  Garn  als  erlaubt  war,  spannen  und 
fttr  ihr  schlechtes,  den  Ruf  der  Waare  im  Ausland  gefährden- 
des Product  mit  Tnick  bezahlt  wurden.*) 

Im  Febi-uar  1784*)  bitten  Manufacturisten  aus  SufFolk 
um  Parlamentshülfe  zur  Bildung  eines  Committees,  welches 
ähnlich  wie  in  York  die  Verfolgung  von  Materialuntenschlag- 
ungen  betreiben  solle :  woraus  sich  die  Herrschaft  der  Hausin- 
dustrie ergiebt  Im  folgenden  ^)  Jahre  petitionirten  Manufactu- 
risten aus  Huntingdon  mit  Erfolg  in  gleicher  Richtung. 

Nicht  erst  1802  und  1803,  sondern  schon  1794«^)  wehrten 
sich  die  Tuchmacher  in  York  gegen  die  Kaufleute,  die  sich 
zu  Fabrikanten  entwickelten  und  längst  übermächtig  waren. 

üas  oben  erwähnte  Gesetz  von  Philipp  and  Maria  selbst 
hatte  den  ausgesprochenen  Zweck,  den  kleinen  Handwerker 
gegen  die  Uebermacht  des  grösseren  Capitals  zu  schützen, 
welche  also  schon  damals  die  Selbständigkeit  des  Handwerks 
bedrohte.^)  Es  handelte  sich  namentlich  um  die  Tuchindustrie 
in  Halifax,  welche  schon  im  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  in 
starkem  Aufschwung  stand  und  damals  in  der  That  von  eigent- 

^)  Dieses  Gesetz  galt  aber  nicht  für  York,  Cumberland,  Northumber- 
land  und  Westmoreland. 

2)  Journals  Vol.  23  S.  89. 

8)  Journals  Vol.  39,  16.  Febr.  1784. 

*)  Journals  Vol.  40,  8.  März  1785. 

*)  Journals  Vol.  49,  8.  Aprü  1794. 

^  Die  Eingangsworte  des  Gesetzes  lauten:  „Da  die  reichen  Tuch- 
händler die  Weber  unterdrücken,  indem  einige  in  ihren  Häusern  verschie- 
dene Webestühle  halten  und  an  denselben  Tagelöhner  und  ungelernte 
Leute  arbeiten  lassen,  andere  die  Webestühle  an  sich  kaufen 
und  für  die  Verleihung  ders  elben  einen  so  unbilligen  Zins 
fordern,  dass  die  armen  Handwerker  nicht  im  Stande  sind,  weder  sich 
noch  ihre  Weiber  und  Kinder  dabei  zu  erhalten,  und  noch  andere  weit 
weniger  Arbeitslohn  bezahlen  als  vordem  etc.*' 


556  Zweites  Bnehf  Cap.  8. 

liehen  Ebtndwerksmeistern  betrieben  wurde,  die  in  der  änssent 
unfruchtbaren  Gegend  sich  eine  Existenz  schufen,  indem  sie 
kleine  Quantitäten  von  Wolle  kauften  und  dann  das  Gtam  oder 
Tuch  auch  selbst  verkauften,  indem  sie  das  Bohmaterial  und 
fertige  Product  selbst  auf  dem  Kopf  nach  Hause  resp.  attf  deo 
Markt  in  Halifax  trugen.  Im  Anfang  des  Jahrhunderts  noch 
wurdai  die  unfertigen  Stoffe  nach  London  verkauft  Ende  des 
18.  Jahrhunderts  aber  hatte  sich  der  beherrschende  Eaufinann, 
der  das  Tuch  fertig  machte  und  färbte,  in  Halifax  selbst  fest- 
gesetzt und  verkaufte  dasselbe  direct  in  alle  Welt  Hier  wur> 
'  wurden  ums  Jahr  1790  Tuchfabriken  errichtet,  welche  in  Leeds 
erst  bekämpft,  dann  nachgeahmt  wurden.^)  In  Leeds  selbst 
den  gegen  1790  auch  Tuchhallen,  in  denen  die  Webermeister 
vom  Lande  ihr  Product  verkauften,  erst  1758  und  1775  er- 
richtet.*) Diese  waren  also  eine  Einrichtung,  wodurch  die 
handwerksmässige  Production  trotz  der  Nothwendigkeit  eines 
kaufinännischen  Absatzes  auf  dem  grossen  Markt  erhalten  wer- 
den sollte.  Auch  lebte  der  Tuchmacher  auf  dem  Lande  noch 
eine  Zeit  lang  in  sicherem  Wohlstand.  Aber  immerhin  lebte 
er  zerstreut  in  der  Umgegend  der  Stadt  und  hatte  selbst 
keinen  Einfluss  auf  die  Absatzverhaltnisse  und  keinen  Einblick 
in  dieselben.  Dass  er  das  unfertige  Tuch  in  seinem  Hause 
aus  selbstgekaufter  Wolle  noch  mit  Vortheil  und  Sicherheit 
produciren  konnte,  beruhte  darauf,  dass  in  Leeds  selbst  der 
Kaufmann  mit  seinen  Appretuiarbeiteim  und  Färbern  sass,  an 
den  der  Weber  verkaufen  musste.  Die  Tuchmacher  auf  dem 
Lande  dachten  nicht  daran,  etwa  seihst  eine  Coiporation  zu 
bilden,  die  den  Absatz  des  Products  im  Interesse  aller  Tuch- 
weber besorgt  hätte  —  sondern  sie  stellten  sich  unter  die 
Führung  der  Capitalisten,  denen  sie  unterliegen  mussten,  so- 
wie die  Interessen  dieses  grossen  Capitals  den  ungestörten 
Fortgang  des  sozusagen  schon  beschnittenen  Handwerksbetriebs 
auf  dem  Lande  nicht  mehr  wünschenswei*th  erscheinen  Hessen. 
Im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  also  war  die  Tuchin- 


')  S.  AikiD,  Descripdon  etc.  S.  560  ff. 
«)  Aikin  a.  a.  0.  8.  570  ff. 


Die  Herrschaft  der  Hausindustrie.  557 

dustrie  in  der  Hand  von  Handwerkern,  die  bereits  in  Bezug 
auf  den  Absatz  von  kaufmännischen  Capitalisten  abhängig  und 
die  nicht  mehr  im  Stande  waren,  die  alte  strenge  Handwer- 
kerordnung zu  halten.  Sie  verwandelten  sich,  ausser  in  York- 
shire,  zu  einfachen  und  entschiedenen  Hausindustriellen.  Beide 
Kategorien  standen  am  Ende  des  Jahrhunderts  in  fruchtlosem 
Kampf  gegen  die  Fabrikherm,  die  aus  den  die  Hausindustrie 
und  das  sogenannte  Handwerk  beheiTSchenden  Kaufleuten  her- 
vorgegangen waren. 

Auch  in  den  andern  Zweigen  der  Textilindustrie  hatte 
im  18.  Jahrhundert  factisch  das  selbständige  Handwerk  der 
Hausindustrie  das  Feld  geräumt.  Die  zwei  wichtigsten  Be- 
weise hierfür  sind  die  ewigen  Klagen  über  Materialunterschlag- 
ung, die  nicht  vorkommen  können,  wenn  ein  Meister,  der  selbst 
Eigenthümer  des  Materials  ist,  in  seinem  Hause  und  unter 
seinen  Augen  Lehrlinge  und  Gesellen  arbeiten  lässt  —  und 
die  häufig  bezeugte  Thatsache,  dass  Kinder,  Frauen  und 
Greise  beschäftigt  wurden.  Es  ist  charakteristisch,  dass  die 
Kinderarbeit,  in  den  späteren  Fabriken  so  stark  beklagt,  dass 
sie  der  Ausgangspunct  für  eine  neue  Ordnung  der  Industrie 
wurde,  in  den  Zeiten  der  Hausindustrie  meist  ganz  naiv  als 
eine  Verbessemng  der  Erwerbsverhältnisse  des  Volkes  ge- 
rühmt wurde. 

Das  alte  Recht  kannte  zwar  schon  weibliche  Lehrlinge. 
Aber  es  gehört  doch  zu  den  wesentlichen  Eigenschaften  des 
Handwerks,  dass  in  demselben  der  Regel  nach  nur  Leute  be- 
schäftigt werden,  denen  die  Meisterstellung  in  Aussicht  steht. 
Dies  ist  aber  nicht  mehr  der  Fall,  sowie  Kinder,  die  nicht  als 
Lehrlinge  behandelt  werden,  erwachsene  Frauen  und  Greise 
beschäftigt  werden.  Selbst  wenn  dies  im  Hause  eines  kleinen 
Meisters  geschieht,  der  noch  selbst  Eigenthümer  von  Rohstoff 
und  Product  ist,  so  ist  dann  die  Nothwendigkeit  der  Heran- 
ziehung solcher  Hülfskräfte  doch  ein  Beweis  für  Armuth  des 
Meisters  und  Abhängigkeit  desselben  von  einem  reichen  Ab- 
nehmer. — 

In  der  Segeltuchmacherei  wurden  1 736  Kinder  von  sieben 


558  Zweites  Buch,  Cap.  8. 

Jahren  an  und  gebrechliche  Greise  beschäftigt.  0  1738  berufen 
sich  schutzzollbegehrende  Leinwandindustrielle  darauf,  dass 
ihre  Industrie  Kindern  und  Weibern  Erwerb  verschaffe  und 
beklagen  sich  über  die  Materialunterschlagungen  der  armen 
Leute.*)  Die  Thatsache,  dass  Kinder  und  alte  Weiber  in  der 
Leinenindustrie  beschäftigt  sind,  wird  auch  1744^)  bestätigt, 
und  1773^)  tritt  uns  die  englische  Leinenindustrie  in  ihi*em 
harten  Kampf  gegen  die  deutsche  Concurrenz  vollständig  als 
ein  auf  den  Weltmarkt  speculirendes  im  Grossen  betriebenes 
Gewerbe  entgegen,  in  welchem  einzelne  „Manufacturers" 
zweihundert  Webstühle  haben. 

Was  die  Seidenindustrie  betrifft,  so  zeigen  schon  die  Spi- 
talfieldsgesetze,  dass  die  mechanische  Arbeit  und  das  den 
Handel  betreibende  Capital  völlig  getrennt  waren.  Auch  in 
dieser  Industrie  ist  uns  Kinderbeschäftigung  als  etwas  gewöhn- 
liches bezeugt^)  im  Jahre  1765,  und  Materialunterschlagungen 
wurden  1773  besonders  verfolgt^).  Von  der  Seidenindustrie 
in  Coventry  wissen  wir,  dass  die  Arbeiter  in  Coventry,  die 
Meister  in  London  lebten ')  und  dass  Hunderte  von  Kindern 
unter  sechs  Jahren  darin  beschäftigt  waren.  Zwischen  den 
kaufmännischen  Herrn  des  Gewerbes  und  den  Arbeitern  stan- 
den vielfach  Mittelspersonen  (undertakei-s).^) 

In  der  Seidenindustrie  existirten  im  Anfang  des  Jahrhun- 
derts auch  geschlossene  Fabriken  oder  grosse  Manufacturen, 
obwohl  diese  Industrie  bekanntlich  damals  noch  wenig  tech- 
nische Fortschritte  gemacht  hatte.  Aber  auch  damals  war  es 
die  Regel,  dass  solche  Fabrikanten  neben  ihren  Fabrikarbei- 


*)  Journals  Vol.  22  S.  563. 

*)  Journals  Vol.  23  S.  26,  67. 

^)  Report  on  thc  Petition  of  the  Dealers  in   and  Manufacturers  of 
Linens. 

*)  Report  on  the  Prosen t  State  of  the  Linen  Trade. 

^0  Journals  Vol.  30  S.  31,  93. 

6)  Journals  Vol.  47.    25.  April  1792. 

"')  Report  on  Ribbon  Weavers  Petitions  1818. 

«)  a.  a.  0.  S.  18,  22. 


Die  Herrschaft  der  Hausindustrie.  559 

tern  noch  mehr  Hausindustrielle  beschäftigten.  So  wird  uns 
1818  ^)  von  einem  Fabrikanten  berichtet,  der  30  Webstühle 
in  seinem  Hause,  70  ausser  Hause  hatte  und  von  600—700 
Arbeitern  die  kleinere  Hälfte  in  der  Fabrik  beschäftigte.  Ein 
anderer  hatte  50  Webstühle  in  der  Fabrik,  100  ausser  Hause. 
Es  ist  anzunehmen,  dass  sowohl  in  der  Seiden-  als  in  der 
Leinenindustrie  auch  schon  im  18.  Jahrhundert  grössere  Manu- 
facturen  vorkamen.  Aber  die  Hausindustrie,  die  noch  1818 
in  der  Seidenbranche  entschieden  das  Uebergewicht  hatte, 
heri-schte  im  vorigen  Jahrhundert  unbedingt  vor. 

Auch  in  andern  Industriezweigen  hatte  sich  schon  im 
18.  Jahrhundert  die  Hausindustrie  entwickelt,  sie  musste  sich 
von  selbst  einstellen,  wenn  die  Lehrlinge  nicht  mehr  im  Hause 
des  Meisters  wohnten  und  die  Arbeiter  (Gesellen)  nicht  mehr 
alle  im  Hause  des  Meistei*s  arbeiteten.  Jeder  Arbeiter  dieser 
Art  wurde  gegenüber  dem  Meister  eine  Art  von  Hausindu- 
striellem. 

So  wurde  1729 2)  darüber  geklagt,  dass  Schuhmacherge- 
sellen das  ihnen  anvertraute  Leder  mit  Hilfe  von  Pfandleihem 
betrügerisch  verkaufen.  Gleiche  Klagen  ei-tönten  über  Hutr 
raacher^)  und  aus  vielen  andeni  Gewerben.  Es  ziehen  sich 
diese  Klagen  durch  die  Parlamentsjoumale  während  des  gan- 
zen 18.  Jahrhunderts  hindurch  und  zahlreiche  Gesetze  wurden 
dadurch  veranlasst,  welche  aber  das  Unwesen  so  wenig  giünd- 
lich  zu  exstii*piren  vermochten,  wie  die  Zollgesetze  den 
Schmuggel. 

Nachdem  in  der  Tuchindustrie,  in  der  ja  das  System  der 
Hausindustrie  und  das  Uebergewicht  des  grossen  Capitals  vom 
ältesten  Datum  sind,  schon  1609  ein  scharfes  Gesetz  gegen 
„embezzlement"  erlassen  worden  war,  begann  die  systema- 
tische Gesetzgebung  gegen  Materialunterschlagung  1  Anna 
stat.  2  cap.  18.  Darauf  folgte  1740  ein  Gesetz  13.  Georg  H. 
cap.  8,  welches  1749  durch  22.  Georg  ü.  c.  27  verschäift 


^)  Second  Report  on  Ribbon  Weavers  1818,  S.  66,  76. 
«)  Journals  Vol.  21  S.  161  u.  180. 
3)  Journals  Vol.  86.    5.  Febr.  1777. 


560  Zweites  Bach,  Cap.  8. 

wurde.  Weitere  Verschärfung  folgte  1777  durch  17.  Georg  IIL 
c.  56,  welches  Gesetz  den  Richtern  ungewöhnlich  weitgehende 
arbiträre  Gewalt  einräumte  und  Bestrafung  bei  ganz  ungenü- 
gendem Beweis  des  Delicts  gestattete.  Es  war  dies  ein  Gesetz, 
welches  gleich  dem  Coalitionsverbot  einen  harten  und  unge- 
rechten Dinick  auf  die  Arbeiter  ausübte.  Diese  Seite  der  Ge- 
setze wird  uns  später  beschäftigen.  Hier  handelt  es  sich  darum, 
aus  diesen  Gesetzen  abzuleiten,  dass  Hausindustrie  weit  ver- 
breitet war. 

Greifen  wir  zu  diesem  Zweck  das  Gesetz  von  1749,  das 
also  gerade  in  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  fällt,  her- 
aus. Gleich  dem  vorangehenden  Gesetz  bezieht  es  sich  auf 
Pereonen,  die  gedungen  oder  beschäftigt  sind  in  der  Filz-  und 
Hutmacherei,  in  der  Wollen-,  Leinen-,  Barchent-,  Baumwoll-, 
Eisen-,  Lederindustrie,  im  Küi-schnergewerbe,  der  Hanf-,  Flachs-, 
Kameelhaar-  oder  Seidenindustrie,  also  in  allen  Zweigen  der 
Textilindustrie,  im  wichtigsten  der  Metallindustrie  und  einigen 
andeiTi  Gewerben.  Jeder  Arbeiter  der  genannten  Kategorien, 
der  über  die  „ihm  anvertrauten  Materialien"  irgendwie  gesetz- 
widrig disponirte,  wurde  nach  §  1.  des  Gesetzes  mit  strengen 
Strafen  bedroht.  Ebenso  wer  von  solchen  Arbeitern  Materi- 
alien in  irgend  einem  Stadium  der  Verarbeitung  mala  fide 
kaufte  oder  sonst  erwarb.  Die  Häuser  der  einmal  Verurtheil- 
ten  konnten  nach  §  4  des  Gesetzes  inspicirt  und  untei-sucht 
werden.  Arbeiter,  die  nicht  alles  ihnen  anvertraute  Material 
verbrauchten,  um  die  ihnen  anvertraute  Arbeit  zu  vollenden, 
wurden  ebenfalls  bestraft,  wenn  sie  das  überflüssige  Material 
nicht  in  bestimmter  Frist  an  den  Eigenthümer  zurücklieferten. 

Nach  dem  Wortlaut  des  Gesetzes  und  in  Anbetracht  des 
Eifers  und  der  Strenge,  mit  welcher  die  Materialunterschlag- 
ungen verfolgt  wurden,  kann  kein  Zweifel  sein,  dass  die  grosse 
Masse  der  Arbeiter  in  den  genannten  Gewerben  in  ihren  eige- 
nen Wohnungen  anvertrautes  Material  verarbeiteten,  also 
Hausindustrielle  waren.  Dieselben  waren  allerdings  wohl  der 
Mehrzahl  nach  nicht  zu  Hausindustriellen  herabgedrückte 
Meister,  sondern  Gesellen,  resp.  Arbeiter,  die  nicht  mehr  nach 
alter  patriarchalischer  Weise  im   Hause   des  Meisters   arbei- 


Die  Herrschaft  der  Haasindastrie.  561 

• 

teten.  Das  thut  aber  nichts  zur  Sache;  jedenfalls  waren  diese 
Arbeiter  nicht  ausgelemte  Lehrlinge,  welche  nach  einiger  Zeit 
selbst  Unternehmer  wurden,  sondeni  Leute,  die  der  Regel 
nach  ihr  ganzes  Leben  in  der  Lage  des  hausindustriellen  Ar- 
beiters verblieben  und  die  sogenannten  Meister,  welche  sie 
beschäftigten,  waren  Leute,  die  über  die  Lage  eines  Hand- 
werksmeistei'S  von  altem  Schlag  hinausgewachsen  wai-en.  Ein 
solcher  arbeitete  mit  siebenjährigen  Lehrlingen  in  seinem 
Hause  und  nur  nebenbei  mit  wenigen  Lohnarbeitern.  Jetzt 
aber  gab  es  Geschäfte,  die  darauf  basii-t  waren,  dass  ein  specu- 
lirender  Kaufmann  mit  seinem  Capital  Rohstoffe  einkaufte,  an 
in  ihren  Häuseni  arbeitende  Leute  ausgab  und  dann  die  fer- 
tigen Producte,  die  ihm  gehörten,  ohne  dass  er  mitgearbeitet 
hatte,  verkaufte. 

Auch  in  Gewerben ,  von  denen  das  erwähnte  Gesetz 
nicht  spricht,  kamen  Materialunterechlagungen  vor.  So  peti- 
tionirten  1744^)  Brauer  und  Goldschmiede  um  Hilfe  gegen 
„embezzlement"  durch  ihre  Hülfskräfte,  wobei  die  Goldschmiede 
constatirten ,  dass  sie  unmöglich  alle  von  ihnen  gebrauchten 
„ai-tificers"  im  eigenen  Hause  beschäftigen  könnten.  Daher  wur- 
den dieselben  Arbeiter  vielfach  zugleich  von  vei*schiedenen 
Meisteni  beschäftigt  —  ein  deutlicher  Beweis  für  die  HeiT- 
schaft  der  Hausindustrie.  In  manchen  Gewerben  hatte  sich 
zwar  eine  gewisse  Selbständigkeit  des  kleinen  Betriebs  er- 
halten, derselbe  war  aber  doch  von  dem  regelmässigen  Absatz 
an  Kaufleute  abhängig.  Dies  zeigt  sich  z.  B.  darin,  dass 
Handschuhmacher  u.  dgl.  sich  lebhaft  um  den  ungestörten 
Gewerbebetrieb  der  Hausirer  interessirten,  an  welche  sie  allein 
ihre  Producte  absetzen  konnten.  2) 

Besonders  früh  hatte  die  Hausindustrie  das  eigentliche 
Handwerk  in  Manchester  verdrängt,  dem  Sitze  freier  und  jun- 
ger Gewerbe.  Schon  1650  waren  dort  verschiedene  Zweige 
der  Textilindustrie  entwickelt  und  eine  aus  diesem  Jahre 
stammende  Beschreibung  bezeugt  uns,  dass  dabei  Kinder  ihren 


^)  Journals  Vol.  24  S.  510. 

»)  Journals  Vol.  41,  3.  März  1786;  Vol.  48,  18.  März  1793. 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  36 


562  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

Unterhalt  selbst  verdienten.^)  Seit  dieser  Zeit  blühte  dort  be- 
sonders auch  die  Barchentindustrie  auf.  Barchent  wurde  haupt- 
sächlich in  der  ländlichen  Umgebung  von  Bolton  gemacht  und 
anfangs  heri-schte  eine  Betriebsweise  wie  in  der  Tuchmacherei 
von  Leeds,  d.  h.  die  Zeuge  wurden  grau  an  Manchester-Eauf- 
leute  verkauft,  die  sie  dann  fertig  machten  und  im  Lande  ab- 
setzten. Die  Hauptkäufer  waren  ein  gewisser  Cheetham  und 
ein  gewisser  Gooke.  Letzterer  war  kein  anständiger  Mann. 
Wenn  Cheetham  seine  Einkäufe  gemacht  hatte,  so  kaufte 
Gooke,  was  noch  angeboten  wurde,  indem  er  die  Länge  der 
Stücke  und  ihren  Preis  ganz  willkürlich  bestimmte.  Die  Bar- 
chentmacher waren  also  schon  in  der  Zeit,  als  sie  noch  selbst- 
gekauftes Material  verwebten,  in  kläglicher  Abhängigkeit  von 
den  Kaufleuten.  So  erschien  es  als  eine  allgemeine  Verbesse- 
ining,  als  die  Manchester  Kaufleute  bald  anfingen,  den  Bar- 
chentmachern Kettengarn  und  Schusswolle  zu  liefern  und  ihnen 
für  die  Arbeit  gute  Löhne  sicher  zahlten.  Im  Anfang  des 
18.  Jahrhunderts  waren  schon  Tausende  beim  Barchentmachen 
beschäftigt,  darunter  fün^ährige  Kinder;  es  wird  1736  be- 
richtet, dass  ein  Unternehmer  mit  seinen  Biüdera  allein  600 
Webstühle  beschäftigte.  Die  Hausindustrie  war  also  schon 
ganz  im  Grossen  entwickelt.  2)  Bekanntlich  bestand  die  Kette 
aus  Leinengarn,  der  Sehuss  aus  Baumwolle.  Für  das  Spinnen 
der  Baumwolle  hatte  der  Weber  zu  sorgen  und  dies  vei'setzte 
ihn  bald  in  Verlegenheit,  weil  er  für  das  Spinnen  des  Schuss- 
garns oft  mehr  zahlen  musste,  als  er  dafür  bekam  —  erst 
durch  die  Jenny  wurde  dies  anders.^) 

So  haben  wir  aus  dem  18.  Jahrhundert  eine  genügende 
Menge  von  Zeugnissen,  welche  direct  bestätigen,  dass  in  wich- 
tigen Gewerben  die  Hausindustrie  sich  breit  machte,  und  ver- 
schiedene Thatsachen  zwingen  uns,  dies'indirect  zu  schliessen- 
Ein  letzter  grosser  Beweis  für  die  Richtigkeit  dieser  Behaup- 
tung liegt  endlich  in  dem  Verkommen  der  alten  Ordnung, 


')  Aikin  a.  a.  0.  S.  152  ff.,  157  ff. 
*)  Journals  Vol.  22  S.  565. 
'\  Aikin  a.  a.  0.  S.  167. 


Die  modernen  VerkehrsTerh&ltnisse.  563 

welches  oben  (Capitel  1)  nachgewiesen  wurde.  Man  denke 
z.  B.  nur  an  die  Uebelstände  im  Strumpfwirkergewerbe,  welche 
in  dieser  Weise  unmöglich  gewesen  wären,  hätten  der  Haupt- 
sache nach  selbständige  Meister  mit  siebenjährigen  Lehrlingen 
gearbeitet. 

Ohne  Zweifel  gab  es  im  18.  Jahrhundert  noch  genug  Ge- 
werbe, in  denen  von  Hausindustrie  nicht  die  Rede  war.  Man 
denke  nur  an  Bäcker  und  Fleischer.  Indessen  sie  hen'schte 
gerade  in  denjenigen  Industriezweigen,  die  am  Welthandel 
theilnahmen,  auf  welche  also  die  öffentliche  Aufmerksamkeit 
sich  am  stärksten  hinlenkte.  Und  die  Verhältnisse,  die  in 
diesem  Gewerbe  sich  entwickelten,  wirkten,  wenn  sie  auch 
nur  eine  Minorität  von  Industriellen  ergriffen,  auflösend  auf 
alle  Gewerbe  zurück. 

Es  blieb  auch  oft  in  einem  Gewerbe,  wenn  die  Hausin- 
dustrie zur  Hen-schaft  gelangt  war,  daneben  einiger  Hand- 
werksbetrieb bestehen  —  allein  das  eben  zeigt  den  Unter- 
gang der  Herrschaft  des  Handwerks,  dass  die  Lage  solcher 
Handwerker  sich  von  der  der  Hausindustriellen  kaum  mehr 
unterschied  —  es  war  eine  Zufälligkeit,  die  kaum  noch  be- 
achtet wurde.  So  kamen  z.  B.  unter  den  Handwebern  aller- 
dings noch  1834  ^)  Leute  vor,  die  ihr  Gam  selbst  kauften,  ihr 
Gewebe  selbst  verkauften  —  aber  sie  waren  gerade  so  schlecht 
daran  wie  die  reinen  Hausindustriellen. 

Der  Umschwung  vollzog  sich  sehr  langsam  und  wurde 
nur  wenig  bemerkt.  Fortschritte  der  Technik  spielten  dabei 
mit  herein.  Der  eigentliche  Grund  des  Umschwungs  aber  lag 
durchaus  in  der  Veränderung  der  Verkehi-sverhältnisse ,  mit 
denen  das  grosse  Capital  emporwuchs  und  emporwachsen  musste. 


§  3.    Die  modernen  Verkehrsverhältnisse. 

Schon  vor  der  Einführung  der  neuen  Maschinen,  welche 
den  technischen  Betrieb  umgestalteten  und  die  sociale  Macht 
des  grossen  Capitals  erheblich  steigerten,  hatte  sich,  wie  wir 

^)  Handloom  weavers  Report  von  1834  Qu.  612$6. 

86* 


564  Zweites  Buch,  Cap.  8. 

gesehen  haben^  das  grössere  Handelscapital  zwischen  die  ge- 
werblich Arbeitenden  und  die  Consumenten  als  behen*schende 
Macht  eingeschoben.  Der  Process  war  ein  langsamer  und  be- 
gann in  der  Tuchindustrie  schon  im  Mittelalter  selbst  Die 
Verdrängung  des  Handwerkers  von  der  Herrschaft  über  den 
Markt  hat  eine  unverkennbare  Aehnlichkeit  mit  dem  bekann- 
teren Process  der  Herabdrückung  des  freien  Bauern  in  Ab- 
hängigkeit von  dem  grossen  Grundherrn.  Letzterer  Process 
hat  zugleich  seine  grosse  politische  Bedeutung  und  bei  der 
Unbeweglichkeit  des  Grund  und  Bodens  konnten,  mussten  die 
Abhängigkeitsverhältnisse  sich  fester  consolidiren.  Immer  aber 
bleibt  die  grosse  Aehnlichkeit,  dass  in  beiden  Fällen  ein 
neuer  socialer  Hen^enstand  sich  entwickelte,  unter  dessen  Füh- 
rung die  Production  sich  steigerte,  sich  durch  grössere  Arbeits- 
theilung  und  bessere  Technik  vervollkommnete.  In  beiden 
Fällen  gewährten  die  Herni  dem  Dienenden  Schutz  resp. 
Sicherheit,  nahmen  ihnen  aber  Selbständigkeit  und  schritten 
vielfach  zu  rücksichtsloser  Ausbeutung  ihrer  Uebermacht  vor. 
In  beiden  Fällen  haben  wir  die  Ei*scheinung  vor  uns,  dass 
der  Gesammtreichthum  wächst,  während  in  der  ökonomischen 
und  socialen  Lage  der  Glieder  des  Volks  stärkere  Differenzen 
entstehen,  die  sich  bis  zu  menschenunwürdigem  Elend  der  die- 
nenden Classe  steigern. 

Es  ist  für  unsere  Gegenwart  bekanntlieh  unmöglich,  etwas 
statistisch  Genaues  und  unbedingt  Sicheres  über  die  Frage 
zu  sagen,  ob  und  in  welchem  Maasse  die  Ungleichheit  in  der 
Vertheilung  des  Einkommens  und  Besitzes  zunimmt,  d.  h.  ob 
die  grossen  Vermögen  und  grossen  Einkommen  stärker  zu- 
nehmen als  die  kleinen  und  mittleren.  Weit  unmöglicher  noch 
ist  es,  für  vergangene  Jahrhunderte  diese  Thatsachen  stati- 
stisch klar  zu  stellen.  Durchaus  zweifellos  aber  ist  das  allge- 
meine Resultat,  diiss  in  der  Zeit  des  Niedergangs  des  selb- 
ständigen Handwerks  Handel  und  Production  sich  im  Allge- 
meinen stark  ausdehnten,  dass  mehr  grosse  Einzelreichthümer 
entstanden  und  dafür  die  Klagen  unter  den  Hausindustriellen 
und  Arbeitern  sich  mehrten.  Es  ist  dabei  unentscheidbar,  ob 
sich  die  Lage    derselben  in  Bezug  auf  die   absolute  Grösse 


Die  modernen  Yerkehrsyerh&ltnisse.  565 

ihres  Einkommens  vei'schlechtei'te  oder  nicht  —  sie  empfanden 
jedenfalls  mehr  Druck  und  empfanden  die  Gegensätze  des 
Besitzes.  Es  fand  gleichzeitig  eine  Vermehrung  derBevölke- 
iiing  statt  und  es  ist  möglich,  aber  nicht  beweisbar,  dass  diese 
die  allgemeine  Zunahme  des  Reichthums  mehr  als  aufwog  und 
so  als  Hauptginind  des  vorkommenden  Elends  wirkte. 

Zweifellos  auch  steht  fest,  dass,  wenn  die  Capitalzunahme 
unter  den  Reichen  lange  Zeit  hindurch  stattgefunden  hat, 
schliesslich  zwar  nicht  die  Selbständigkeit  des  Arbeiters,  wohl 
aber  sein  Durchschnittseinkommen,  d.  h.  sein  Lohn  wieder 
steigt  und  dass  die  Verbilligung  der  Production  auch  dem  Ar- 
beiter zu  Gute  kommt 

Die  Frage,  ob  und  wie  auch  die  Stellung  der  mechanisch 
Arbeitenden  besser  und  selbständiger  gemacht  werden  könne, 
ist  Zukunftsfrage.  Dass  ihre  ökonomische  Lage  bei  consoli- 
dirter  Capitalherrschaft  wieder  befriedigender  werden  kann, 
hat  die  englische  Geschichte  bereits  bewiesen. 

Unter  solchen  Umständen  bleibt  es  in  der  That  eine 
Frage,  die  vernünftiger  Weise  gestellt  werden  kann,  ja  muss : 
Ist  es  besser,  geringere  Gesammtbevölkeining  und  geringeren 
Gesammtreichthum,  aber  mehr  selbständige  Producenten  mit 
befriedigender  Lage  und  befriedigter  Stimmung  zu  haben, 
oder  Wachsthum  der  Bevölkerung  und  des  Reichthums  mit 
klagenden,  unter  der  Herrschaft  des  Capitals  stehenden  Ar- 
beitennassen —  d.  h.  soll  man  die  Entwicklung  des  Capitals 
künstlich  hemmen,  das  alte  locale  Handwerk  künstlich  er- 
halten ? 

Es  wurde  dies  ja  gelegentlich,  wie  z.  B.  durch  das  Ge- 
setz von  Philipp  und  Maria  für  die  Tuchmacherei  und  •  durch 
allerlei  Maschinenverbote  vei-sucht.  Im  Allgemeinen  aber  über- 
wog die  Tendenz  den  Gesammtreichthum  durch  Beförderung 
der  Interessen  der  Reichen  zu  heben,  im  England  des  18.  Jahr- 
hunderts durchaus.  Und  wenn  man  mit  Recht  fragen  kann, 
ob  das  gut  ist,  so  besteht  doch  kein  Zweifel,  dass  es  nicht 
anders  möglich  war. 

Nie  haben  Völker  auf  eine  Vermehrung  ihres  Gesammt- 
reichthums  und  damit  der  Zahl  der  Menschen,  die  überhaupt 


566  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

leben  können,  zu  verzichten  vermocht.  Nie  haben  sie  einer 
Macht,  wie  der  des  Gapitals,  welche  diesem  Ziele  dient,  er- 
folgreich und  principiell  den  Krieg  erklären  können,  weil  zu 
viele  Einzelne  von  der  Anlehnung  an  diese  Macht  Yortheil 
haben.  Die  Entwicklung  der  socialen  Verhältnisse  kann  ein- 
mal nicht  stehen  bleiben  und  es  ist  wie  eine  naturgesetzliche 
Nothwendigkeit ,  dass  alle  Fortschritte  der  Cultur  zunächst 
von  Minoritäten  vollbracht,  von  diesen  aber  auch  zunächst  ge- 
nossen werden.  Man  kann  fragen,  ob  das  freie  Baueiiivolk 
Norwegens  oder  der  bayrischen  Berge  mit  wenig  Bedürfnissen 
und  wenig  Beziehung  zum  Weltverkehr  aber  mit  guter  Nah- 
rung Aller  und  relativ  grosser  Aehnlichkeit  der  Lage  Aller, 
der  Bauern  und  der  Arbeiter,  glücklicher  ist  als  das  Handels- 
und Industrievolk  der  britischen  Inseln.  Aber  ohne  Frage 
wäre  es  keiner  englischen  Regierung  in  den  vergangenen 
Jahrhunderten  möglich  gewesen ,  ihr  Volk  auf  die  Zustände 
unter  Al&ed  dem  Grossen  zurückzuschrauben.  Man  kann 
neue  sociale  Mächte  nicht  tödten  —  nur  dahin  wirken,  dass 
möglichst  bald  und  vollständig  ihre  Lichtseiten  die  Schatten- 
seiten überwiegen.  — 

Der  lange  Process  der  Macht-  und  Herr  Schaftsentwicklung 
des  Gapitals  fand  nun  in  England  durchaus  in  der  Weise  statt, 
dass  zuerst  das  bewegliche  Ilandelscapital  emporkam. 

Die  mächtigen  fixen  Capitalien  der  grossen  Fabriken  ge- 
langten erst  später  zur  Bedeutung  und  auch  dann  waren  und 
sind  sie  stets  mit  Betriebscapital  verbunden  und  werden  nur 
unter  der  Herrschaft  speculirender  Besitzer  fruchtbar. 

Jeder  capitalistische  Unternehmer  ist,  mag  er  zugleich 
Techniker  sein  oder  nicht,  jedenfalls  Kaufmann.  Der  Handel 
dictirt,  was,  wo  und  wie  producirt  werden  kann  und  jeder 
nimmt  an  der  Heri-schaft  über  die  Production  Tlieil,  insoweit 
als  er  selbständig  Handel  treibt,  d.  h.  insoweit  er  die  Bedürf- 
nisse und  die  möglichen  Wege  zu  ihrer  Befriedigung  richtig 
erkennt  und  benutzt.  Je  bedeutender  bei  Ausdehnung  des 
Markts  diese  Herrechaft  des  Handels,  je  bedeutsamer  die  mer- 
cantilen  Erwägungen  bei  allen  selbständigen  Producenten  wer- 
den, desto  mehr  herrscht  über  die  Production  ein  egoistischer 


Die  modernen  VerkehrsTerh&ltnisse.  567 

und  rücksichtsloser  Geist,  dem  ein  Gegengewicht  geschaffen 
werden  muss,  den  man  aber  nicht  absetzen  kann,  weil  er 
allein  den  Markt  zu  reguliren  im  Stande  ist. 

Die  Ausdehnung  der  Macht  des  kaufinännischen  Capitals 
und  die  Verbesserung  der  Verkehi-s-  und  Transporteinrich- 
tungen, auf  welcher  die  Ausdehnung  des  Markts  zumeist  be- 
ruht, gehen  nuB  mit  einander  Hand  in  Hand,  so  dass  es  un- 
möglich ist,  Ursache  und  Wirkung  scharf  zu  unterscheiden. 
Handelsgeist  und  Handelscapital  schaffen  sich  neue  Handiels- 
wege  und  Transpoiteinrichtungen.  Diese  locken  wieder  neues 
unternehmendes  Capital  an  und  gewähren  demselben  gi'össeren 
Gewinn.  Dieser  grössere  Gewinn  erzeugt  die  Möglichkeit  zur 
Anlage  neuer  Transportanstalten.  Geistreich  und  wahr  konnte 
deshalb  Engel  sagen,  dass  die  Eisenbahnen  sich  selbst  gebaut 
haben. 

Die  Eisenbahnen  hätten  nicht  gebaut  und  in  Betrieb  ge- 
setzt werden  können,  wäre  nicht  schon  einiger  grösserer  Handel 
entwickelt  gewesen.  Die  ei'sten  Eisenbahnen  beförderten  den 
Gewinn  des  Handels,  dieser  ermöglichte  neue  Bahnen.  In 
Deutschland  fällt  der  Moment,  von  dem  ab  die  Hen-schaft 
des  Handwerks  definitiv  niederging,  mit  der  Errichtung  der 
ereten  Bahnen  und  der  Consolidirung  des  erweiterten  Zoll- 
vereins zusammen.  Auch  in  England  haben  die  Bahnen  die 
Ausdehnung  des  grossen  capitalistischen  Gewerbebetriebs  noch 
einmal  riesig  gefördert;  seine  Herrschaft  war  aber  viel  früher 
schon  begründet  worden,  weil  England  auch  ohne  Eisenbahnen 
durch  ältere  Communicationsmittel  einen  grösseren  Handels- 
verkehr zur  Blüthe  bringen  konnte.  Es  hatte  seine  Küsten 
und  seine  Seeschifffahrt.  Es  hatte  viele  schiffbare  Flüsse;  es 
baute  früher  als  andere  Völker  Landstrassen  und  namentlich 
C  anale  in  reichlicher  Menge. 

Die  Blüthe  der  englischen  Seeschifffahrt  und  des  Colonial- 
handels  wurden  seit  Heinrich  VII.  und  dann  namentlich  unter 
Königin  Elisabeth  begi'ündet^),  dei-selbe  Königin,  welche  die 
alte  Handwerksordnung  durch  ihre  consolidirende  Gesetzgebung 


^)  S.  auch  ViebahD,  Der  englische  Gewerbfleiss,  Braunschweig  1852. 


568  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

abschloss.  Dadurch  wurde  mehr  und  mehr  die  Lage  der- 
jenigen Industrien  geändert,  welche  am  überseeischen  Handel 
theilnahmen.  Aber  durch  Küstenschififahit,  inländische  Fluss- 
schifiahrt,  Landsti*assen  und  Canäle  wurde  auch  die  immer 
überwiegende  auf  das  Inland  beschränkte  Industrie  umge- 
staltet, indem  hierdurch  das  ganze  Inland  ein  einheitliches 
grosses  Marktgebiet  wurde,  auf  dem  der  Producent  nur  unter 
Führung  des  kaufmännischen  Capitals  zu  bestehen  vermochte. 
Diese  Umgestaltungen  des  inländischen  Verkehi-s,  die  natürlich 
auch  auf  den  international en  Verkehr  fördernd  und  ausdehnend 
einwirkten,  fanden  zumeist  im  18.  Jahrhundert  und  noch  vor 
der  Giündung  der  grossen  Fabriketablissements  statt. 

Alle  Eihgi-iffe  des  Staats  in  wiithschaftliche  Verhältnisse 
knüpfen,  wie  früher  auseinandergesetzt  wurde,  mit  Vorliebe 
an  die  Regelung  des  Absatzes  an.  Jetzt  können  wir  weiter 
sagen:  die  Absatzverhältnisse,  wie  sie  mit  oder  ohne  Staats- 
einwirkung geworden  sind,  behen-schen  die  Production.  Sie 
bedingen  die  möglichen  Betriebsformen,  sie  bestimmen,  ob  der 
selbständige  kleine  Producent,  indem  er  den  Handel  mit  seinem 
Product  noch  selbst  besorgt,  existiren  kann  oder  ob  er  sieh 
unter  die  Heri*schaft  des  grösseren  Handelscapitals  beugen 
muss,  das  ihn  in  inmier  grössere  Abhängigkeit  versetzt,  aber 
selbst  nach  Gründung  grosser  Fabriken  seinen  kaufmännischen 
Charakter  immer  bewahrt.  Der  Handel  und  das  Transporlgewerbe 
sind  freilich  selbst  ein  Zweig  der  Production,  aber  die  ihm 
angehöri^^en  Personen  sind  nur  eine  kleine  ^Minorität  unter 
allen  Producenten  und  dennoch  üben  die  Herren  dieser 
Productiünszwei^e  Herrschaft  über  die  ganze  Pi'oduction.  Es 
ist  eine  Unwahrheit,  wenn  die  ältere  Nationalökonomie  vielfach 
die  Vorstellung  hegte  oder  erweckte,  als  schlösse  sich  der 
nöthige  resp.  erwünschte  Absatz  an  jede  beliebige  Production 
von  selbst  an.  Umgekehrt  bestimmt  die  Organisation  des  Ab- 
satzes die  Organisation  und  auch  die  Ausdehnung  der  übrigen 
Production.  Es  hängt  mit  diesem  Irrthum ,  demzufolge  jede 
geschickte  Arbeit  ohne  Weiteres  als  lohnend  erscheint,  zu- 
sammen, dass  man  die  technischen  Erfindungen,  welche  die 
Quantität  der  Production  steigern,   viel  zu  einseitig  als  die 


Die  modernen  VerkehrsTerhältnisse.  569 

selbständige  und  primäre  Ursache  der  Umwälzungen  des  wirth- 
schaftlicben  Lebens  betrachtete ,  während  sie  doch  ei*8t  bei 
vorhandenem  giossen  Markt  in's  Leben  treten  konnten.  — 

Als  unter  Heinrich  VII.  die  englische  Colonialpolitik  und 
Seeschiffahrt  sich  zu  entwickeln  begann,  entwickelte  sich  zu- 
gleich die  Macht  grosser  capitalistischer  Handelsgesellschaften  ^). 
Die  Merchant  Adventurei-s,  welche  Exporthandel  betrieben  und 
1505  incorporirt  wurden,  waren  damals  schon  mächtig  und  in 
der  Wollindustrie  von  Norwich  begann  eine  starke  und  erfolg- 
reiche Agitation  gegen  die  alten  Beschränkungen  in  der 
Annahme  von  Lehrlingen.  Unter  Elisabeth  begann  das  in- 
ländische kaufmännische  Grosscapital,  d.  h.  die  Gesellschaft 
der  Merchant  Adventurei-s  das  ausländische,  d.  h.  die  Kauf- 
leute des  Stahlhofs  zu  verdrängen*).  In  der  Zwischenzeit 
zwischen  Heinrich  VII.  und  Elisabeth  hatte  höchst  charak- 
teristischer Weise  das  Gesetz  37.  Heinrich  VHI.  c.  9  die 
Wuchergesetze  abgeschafft  und  10%  Zinsen  erlaubt,  was  zwar 
durch  5.  und  6.  Eduard  VI.  (1552)  vorübergehend  aufgehoben, 
aber  1571  wieder  hergestellt  wurde;  1629  wurde  der  Zinsfuss 
auf  8%,  1651  wurde  dei-selbe  auf  6%  herabgesetzt*).  Mit 
den  neuen  Handelswegen  war  das  grosse  Handelscapitkl  da, 
und  kämpfte  erfolgreich  gegen  ausländisches  Uebergewicht  und 
alte  Schranken  der  inländischen  Gesetzgebung. 

Neben  den  Merchant  Adventurers  entwickelten  sich  andere 
durchaus  capitalistische  und  monopolsüchtige  Handelsgesell- 
schaften, deren  Handel  nur  auf  der  Basis  einer  nicht  mehr 
selbständigen  Industrie  aufblühen  konnte.  1554  wurde  die 
russische  Compagnie  gegründet,  1562  begann  der  afrikanische 
Sklavenhandel,  1566  wurde  die  Börse  in  London  erbaut, 
1579  wurde  die  baltische  Compagnie,  1581  die  türkische  Com- 


^)  Dass  das  Capital  als  eine  der  Arbeit  gegenübertretende  sociale 
Macht  von  weiter  reichendem  Einfluss  erst  mit  dieser  Zeit  zu  entstehen 
begann  s.  auch  bei  Ochenkowski  a.  a.  0.  S.  123  ff.,  132,  148,  wo  ins- 
besondere auch  ausgeführt  ist,  wie  das  Capital  zuerst  ein  rein  kanfmilüi- 
nisches  war. 

*)  S.  John  James ,  History  of  the  Worsted  Manufactory  S.  85,  104. 

^')  S.  Craik,  History  of  British  Commerce,  London  1844. 


570  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

pagnie  gegiUndet,  die  zu  Lande  bis  Indien  vordrang;  1600 
wurde  die  grosse  ostindische  Compagnie  concessionirt.  Im  An- 
fang des  18.  Jahrhunderts  folgte  der  Südseeschwindel. 

So  erwuchs  die  Macht  des  grossen  kaufinännischen  Capitals 
mit  den  neuen  Seewegen  und  dieser  Umstand,  dass  das  Capital 
zunächst  im  internationalen  Handel  emporblühte,  erklärt  die 
grosse  Vorliebe  des  Mercantilsystems  gerade  für  diesen  Handel. 
Der  Grund  war  der,  dass  auf  der  offenen  See  sich  grosser 
Absatz  gewinnen  Hess,  ohne  dass  erst  mühsame  Strassen  gebaut 
werden  mussten. 

Diese  erste  Entwicklung  des  grossen  Capitals  konnte 
natürlich  nur  zu  einer  theilweisen  Herrschaft  desselben  fuhren 
und  liess  einen  grossen  Theil  der  Industrie  noch  unberührt, 
wenn  sie  auch  namentlich  auf  die  Textilindustrie  schon  sehr 
stark  einwirkte.  Die  Vollendung  der  CapitalheiTschaft  wurde 
dann  durch  Verwandlung  des  Inlands  selbst  in  ein  einheit- 
liches gi'osses  Absatz-  und  Verkehrsgebiet  bewirkt.  Hierzu 
trug  die  Union  zwischen  England  und  Schottland  bei;  der 
wichtigste  Factor  zur  Erreichung  dieses  Ziels  aber  war  die 
Ausbildung  inländischer  Strassen  und  Communicationsmittel. 

Die  Entwicklung  der  Landstrassen  vollzog  sich  in  Eng- 
land merkwürdig  spät.  Daran  ist  einei-seits  der  Umstand 
schuld,  dass  der  Staat  diese  Strassen  nicht  selbst  baute,  son- 
deiTi  dass  ihr  Bau  und  ihre  Unterhaltung  nach  altem  Recht 
Kirchspielsache  war;  andererseits  aber  gewiss  auch  die  günstige 
Lage  Englands,  das  durch  Küsten-  und  Flussschifffahrt  allein 
schon  einen  nicht  geringen  Waarenverkehr  entwickeln  konnte. 

Noch  Arthur  Young  in  seinen  verschiedenen  Reisen  dufch 
England  ^)  erzählt  Erstaunliches  über  den  schlechten  Zustand 
der  Landstrassen  und  1754  waren,  200  Meilen  von  London 
entfernt,  die  Strassen  im  Winter  meist  unfahrbar  ^). 

Waarenvei-sendungen  zu  Lande  erfolgten  nicht  auf  Wagen, 
sondern  durch  Packpferde.    1720  gab  es  in  Manchester  ei-st 


^)  Z.  ß   A  six  weeks  tour  trough  tbe  southern  counties  of  England 
and  Wales,  3,  Auflage,  London  1772,  S.  145,  154. 

*)  Tacket,  History  of  the  past  and  present  etc.  S.  260. 


Die  modernen  yerkehr8Terhältni88&  571 

zwei  Wagen,  1750  erst  einen  Stand  für  öffentliches  Fuhr- 
werk '). 

Ebenso  wurden  die  Sheffielder  Waaren  bis  zur  Mitte  des 
vorigen  Jahrhunderts  auf  Packpferden  nach  London  gebracht 
und  erst  dann  kamen  Wagen  auf^). 

Indessen  war  man  doch  schon  auf  die  Wichtigkeit  der 
Landstrassen  aufmerksam  geworden  und  2.  u.  3.  Philipp  und 
Maria  c.  8  „for  the  repair  of  highways"  war  das  ei'ste  allge- 
meine Gesetz  in  Bezug  auf  Landstrassen,  dem  bald  viele 
andere  bis  zu  den  ^chlagbaumstrassen  von  Karl  U.  folgten. 

Da  man  nämlich  mit  den  ELirchspielstrassen  unmöglich 
auskommen  konnte,  so  wurden  schon  seit  der  Mitte  des  17. 
Jahrhunderts  einzelne  grössere  Gesellschaften  concessionirt 
und  mit  den  Rechten  der  Erhebung  von  Wegegeldeni  durch 
Schlagbäume  ausgerüstet,  welche  durchgehende  Strassen  bauten. 
Jede  solche  Gesellschaft  wurde  durch  besondere  Parlaments- 
acte  constituirt  und  gegen  Ende  unserer  Periode  gab  es  circa 
3800  solcher  Acts^).  Diese  stammen  aber  ihrer  gi-ossen 
Majorität  nach  ei-st  aus  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahr- 
hunderts, nachdem  die  Rebellion  und  der  Bürgerkrieg  von 
1745  auf  den  grossen  Mangel  guter  Wege  aufmerksam  ge- 
macht hatten. 

Zunächst  gab  es  aber  gar  keine  entwickelte  Wegebau- 
kunst, die  erst  1765  durch  den  blinden  Autodidacten  J.  Metcalf 
begann  *). 

So  spät  dieser  allgemeine  Aufschwung  des  Landstrassen- 
wesens  eintrat,  so  ist  doch  immer  zu  bemerken,  dass  er  vor 
Begründung  des  eigentlichen  Fabriksystems  begann.  In  der- 
selben Zeit  aber  begannen  auch  die  für  die  wirthschaftlichen 
Verhältnisse  noch  wichtigeren  künstlichen  Wasserstrassen  — 
denen  es  zumeist  zuzuschreiben  ist,  dass  England  schon  vor 
den  Eisenbahnen  ein  Land  mit  herrschender  Grossindustrie 
werden  konnte. 

^)  Aikin  a.  a.  0.  S.  181  ff. 

«)  Aikin  a.  a.  0.  S.  547  ff. 

^)  S.  Second  Report  on  Turnpike  Road-trosts  1883. 

*)  S.  Smiles,  Life  of  Telford,  London  1867. 


Äv 


572  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

Schon  unter  Jacob  I.  wurden  mehrfach  Flüsse  künstlich 
schififbar  gemacht. 

1699  wurden  die  Flüsse  Aire  und  Calder,  1719  der 
Douglas,  1720  die  Flüsse  Irwell,  Mei-sy  und  Weaver  künstlich 
schififbar  gemacht  zur  grossen  Beförderung  der  Gewerbe  von 
Lancashire.  1725  folgte  der  Dun.  Dies  Alles  war  aber  noch 
von  geringer  Bedeutung  im  Vergleich  mit  der  Thatsache,  dass 
1755  0  ©ine  neue  Flussregulirung  des  Sankey  brook  or  river 
vom  Parlament  genehmigt  wurde,  bei  welcher  der  erste  eigent- 
liche Canal  entstand.  Bald  folgten  andere  grössere  Canal- 
bauten,  die  zumeist  von  Liverpool  aus  angeregt  wurden.  Der 
grosse  Patron  der  ersten  Canäle  war  der  Herzog  von  Bridge- 
water;  der  grosse  Ingenieur,  der  sie  baute,  ein  gewisser 
Brindley.  Dieser  war  ein  ungelehiter  Bauernsohn,  der  keine 
weitere  Ausbildung  genossen  hatte  als  die  eines  Mühlenbauers 
und  Zeitlebens  seine  technischen  Berechnungen  in  höchst 
autodidaktischer  Weise  ohne  jede  schulmässige  Mathematik 
anstellte.  Er  war  eines  der  ersten  technischen  Genies,  die 
durch  unerhöite  Energie  grossartige  Erfolge  errangen.  Gross 
in  seiner  Einseitigkeit  —  von  ihm  stammt  der  bekannte  Aus- 
spruch, die  Flüsse  seien  in  der  Welt,  um  Canäle  daraus  zu 
speisen  —  warf  er  sich  auf  eine  Thiltigkeit,  welche  unter  da- 
maligen Verhältnissen  von  gewaltigstem  Einfluss  war  und  den 
Erfolgen  eines  anderen  grossen  Antodidakten ,  des  Barbiers 
Arkwright,  die  Wege  bahnte.  Durch  die  Canäle,  auf  denen 
Rohstoft'e  und  Fabrikate  allgemein  leicht  transportirt  werden 
konnten,  war  es  möglich,  dass  eine  auf  grossen  Absatz  specu- 
lirende  Industrie  sich  überall  entwickeln  konnte;  sie  insbe- 
sondere schufen  auch  die  allgemeine  Möglichkeit  der  grossen 
Fabrikindustrie  —  welche  ja  vor  Allem  Kohlen  billig  beziehen 
nmss-).    In  Lancashire,    dem   ältesten  Sitze  der  BauniwoU- 


1)  Aikin  a.  a.  0.  VI. 

*)  Der  Eifer,  Canäle  zu  bauen,  hörte  dann  nach  Entstehung  der 
grossen  Fabriken  nicht  auf  und  es  zeigte  sich  dann  deutlich,  dass  und 
wie  die  Canäle  gewissermaassen  einseitig  dem  Handel  und  der  grossen 
Industrie  dienten.  So  stritten  1793  (s.  Journals  XLVUI  25.  Febr.)  Farmer 
mit  Canalbauuntemehmern  und  verlangten,  dass  letztere  ihnen  während  der 


Die  modernen  Verkehrsverh&ltnisse.  573 

industrie,  dem  Sitze  der  Handelsstadt,  die  den  Sklavenhandel 
vor  allen  anderen  betrieb ,  der  englischen  Gegend ,  die  über 
irische  Arbeitskräfte  verfügen  konnte,  wurde  das  Fabriksystem 
als  ein  hen-schendes  geboren  —  vorher  aber  noch  wurden  die 
Canäle  gebaut.  Der  Untergang  des  kleinen  localen  Hand- 
werks und  die  Herrschaft  des  grossen  Capitals  mussten  durch 
diese  inneren  Communicationsmittel  ei-st  definitiv  besiegelt 
sein,  ehe  das  gi-osse  Capital  in  den  von  mechanischen  Kräften 
bewegten  Maschinen  sich  ein  weiteres  Mittel  zur  kolossalen 
Ausdehnung  seiner  Macht  schaffen  konnte. 

Diese  Abhängigkeit  der  industriellen  Entwicklung  von  der 
mercantilen  zeigt  sich  auch  darin,  dass  die  Handelsstadt  Liver- 
pool sich  etwas  früher  zu  internationaler  Bedeutung  entwickelte 
als  das  industrielle  Manchester,  wenn  letzteres  auch  schon 
früher  ein  Sitz  von  allerlei  gewerblicher  Thätigkeit  war.  1773 
wurde  in  Manchester  zuerst  gezählt  und  es  ergaben  sich 
27  246  Einwohner,  während  1753  es  19  839  gewesen  zu  sein 
scheinen  ^). 

Liverpool  wurde  1699  ein  selbständiges  Kirchspiel  und 
hatte  1701  ei-st  4240  Einwohner.  1710  wurde  das  ei-ste  Dock 
gebaut.  Der  Handel  bezog  sich  noch  hauptsächlich  auf  Irland, 
doch  scheint  schon  1709  westindischer  Handel  begonnen  zu 
haben.  1720  beti-ug  die  Einwohnei-zahl  schon  10  446,  1730: 
12  000, 1740 :  18  000,  1760 :  25  787, 1773 :  34  407  «)  —  also  mehr 
als  Manchester.  Die  Zahl  der  ein-  und  auslaufenden  Schilfe 
wuchs  in  Liverpool  von  1751  auf  1790  um  4048.  Erst  durch 
diese  Handelsblüthe  von  Liverpool,  die  mit  dem  Anfang  des 
18.  Jahrhunderts  sich  zu  entwickeln  begann,  erhob  sich  die 
Industrie  von  Manchester  zu  einer  solchen,  welche  die  ältere 
Tuchindustrie  überflügeln  konnte.  Aehnlich  wie  in  Manchester 
die  Industrie  durch  SeeschiflFfahri,  SchiflFbarmachung  von  Flüssen 

Erntezeit  keine  Arbeiter  sollten  wegnehmen  dürfen  —  während  dagegen 
der  Canalbauer  Clifton  verlangte,  er  müsse  seine  arbeitersparende 
Maschine  zum  Durchschneiden  der  Erde  das  ganze  Jahr  hindurch  be- 
nutzen dürfen. 

»)  S.  Aikin  a.  a.  0.  S.  152  ff. 

-)  Aikin  S.  aSl  ff. 


574  Zweites  Buch,  Gap.  8. 

und  Ganäle  aus  dem  Zustand  des  mehr  localen  Handwerks 
emporgehoben  wurde,  so  ging  es  im  kleineren  Maassstab  auch 
in  Sheffield,  wo  das  Stahlgewerbe  bis  1700  unerheblich  war. 
Man  wagte  sich  damals,  wie  Aikin  (a.  a.  0.  S.  547)  sagt,  noch 
nicht  auf  einen  ungewissen  Markt.  Erst  um  die  Mitte  des 
18.  Jahrhunderts  wagte  Joseph  Broadbent  directen  Handel  mit 
dem  Continent  —  1751  aber  wurde  auch  der  Don  schiffbar 
gemacht  und  es  begann  eine  regelmässige  Verbindung  mit 
London  durch  Wagen. 

Die  Entstehung  der  grossen  Fabrikindustrie  in  Lancashire 
auf  diesen  Grundlagen  werden  wir  im  nächsten  Capitel  schfl- 
(lem.  Hier  sei  zum  Schluss  noch  auf  zwei  charakteristische 
Erscheinungen  aufmerksam  gemacht,  welche  beweisen,  dass 
die  Hen-schaft  des  grossen  Capitals  der  Erfindung  der  wich- 
tigen Maschinen  vorausging  und  die  Voraussetzung  für  die 
Möglichkeit  der  letzteren  war  —  wir  meinen  die  Entwicklung 
des  Bankwesens  und  des  Staatsschuldwesens. 

Die  Bank  von  England  wurde  1694  etablirt  und  gab 
seit  1759  Noten  von  15  und  10  Pf.  St.  aus.  In  demselben 
Jahre  1694  begann  auch  der  erste  Börsenschwindel  (bubble),  der 
dann  1720  in  der  Stidseegesellschaft  seine  erstaunlichsten 
Blüthen  trieb  ^).  Es  war  also  mit  dem  Anfang  des  17.  Jahr- 
hunderts das  grosse  Capital  so  weit,  dass  es  einer  grossen 
staatlich  autorisirten  Organisation  bedürftig  und  würdig  war  — 
eines  Instituts,  das  keineswegs  den  Handwerksmeistern  diente 
und  dienen  konnte,  wie  wir  sie  aus  der  Gesetzgebung  Elisabeth 
kennen. 

Noch  interessanter  ist  die  Entwicklung  der  Staatsschulden. 
Dieselben  entstanden,  was  ihre  nächste  Veranlassung  betrifft, 
durch  Kriege.  Hamilton*)  berechnet,  dass  1689—1802  in  63 
Kriegsjahren  638  Millionen  Pf.  St.  Schulden  gemacht,  und  in 
61   Friedensjahren  39 V»  Millionen  Pf.  St.  Schulden    zurück- 


^)  S.  Fraocis,  History  of  the  Bank  of  England.    New-York  1862. 

*)  Hamilton,  National  Debt.  Edinburgh  1814.  Hamilton's  Zahlen 
weichen  von  anderen  z.  B.  denjenigen  von  Dudley  Baxter  ab,  was  zomeist 
von  verschiedener  Berechnung  der  Annuitäten,  schwebender  Schuld  etc 
herrührt. 


Die  modernen  Verkehrsverhältnisse.  675 

bezahlt  wurden,  und  zwar  ergiebt  sich  das  Steigen  der  Schuld, 
durch  jeden  folgenden  Krieg  aus  folgender  Tabelle^): 

Nationalschuld  zur  Zeit  der  Revolution  1689:  6  054925  Pf.  St 

Nationalschuld  zur  Zeit  des  Friedens  von  Ryswick  1697: 
21  515  742  Pf.  St 

Nationalschuld  zur  Zeit  des  Beginns  des  Kriegs  1701: 
16  394  701  Pf,  St 

Nationalschuld  zur  Zeit  des  Friedens  von  Utrecht  1714: 
53  681  076  Pf.  St. 

Nationalschuld  zur  Zeit  des  Kriegsbeginns  1740:  46449  568 
Pf.  St. 

Fundirte  Schuld  zur  Zeit  des  Friedens  von  Aachen  1748 : 
78  293  313  Pf.  St 

Fundirte  Schuld  zur  Zeit  des  Kriegsanfangs  1756:  72  289  673 
Pf.  St 

Fundirte  Schuld  zur  Zeit  des  Friedens  von  Paris  1768: 
133  959  270  K.  St 

Fundiite  Schuld  zur  Zeit  des  Beginns  des  amerikanischen 
Kriegs  1775:  122  963  254  K.St 

Fundirte  Schuld  zur  Zeit  des  Friedens  von  Versailles  1783: 
238  231  248  Pf.  St 

Fundirte  Schuld  zur  Zeit  des  Kriegsbeginns  1793:  227  989 148 
Pf.  St. 

Fundirte  Schuld  zur  Zeit  des  Friedens  von  Amiens  1802: 
499  753  063  K.  St 

Fundirte  Schuld  zur  Zeit  des  1.  Februar  1813  (abgerechnet 
was  zurückgezahlt  und  in  Annuitäten  verwandelt  ist) 
599  590  197  Pf.  St 

Auch  in  früheren  Jahrhunderten  hatte  England  Kriege 
geführt  und  sich  deshalb  nicht  xiauemd  mit  Schulden  belastet 


^)  a.  a.  0.  S.  65. 


576  Zweites  Buch,  Cap.  3. 

Fi-eilich  die  Kriege  des  18.  Jahrhunderts  wurden  mit  mehr 
Soldaten  und  Schiffen,  mit  besseren  Waffen  und  überhaupt 
mit  grösserem  Aufwand  geftlhrt.  Aber  die  Möglichkeit  dieses 
Aufwands  beinihte  auf  der  heranwachsenden  Macht  des 
Capitals  und  dieses  wusste  den  Eriegsaufwand  zu  einem  neuen 
Mittel  zur  Befestigung  seiner  Macht  zu  gestalten. 

In  alten  Zeiten  wurde  Krieg  geführt,  indem  die  Militär- 
gewalt Gebrauchswerthe  nahm,  wo  sie  zu  finden  waren.  Nun- 
mehr wurden  auch  die  Mittel  zum  Kriegführen  grossentheils 
gekauft  und  der  Staat  borgte  die  Kaufkraft  von  den  Capita- 
listen.  Er  borgte  sie,  er  nahm  sie  nicht.  An  anderem  Ort  ^) 
habe  ich  ausgeführt,  welcher  Zusammenhang  zwischen  dem 
System  vorwiegender  indirecter  Steuern,  welche  die  Reicheren 
schonen  und  zwischen  Staatsschulden  besteht.  Die  indirecten 
Steuern  schonen  den  Besitz  jeder  Art,  ihre  übennässige  Aus- 
dehnung liegt  ebenso  im  Interesse  des  Gnindbesitzes  als  des 
Standes  grösserer  Kaufleute.  Wenn  aber  der  Staat  grössere 
Schulden  contrahirt,  so  muss  er  sich  insonderheit  an  diejenigen 
wenden,  welche  Geldcapital  zur  Verfügung  haben.  Darunter 
können  Grundbesitzer  sein,  diese  aber  werden  als  Verleiher 
von  Geldcapitalien  dann  in  die  Interessenkreise  des  mobilen 
Capitals  mit  hineingezogen.  Staatsschulden  in  gewissem  Maasse 
sind  sicher  heutzutage  natürlich,  nützlich,  nothwendig.  Aber 
unleugbar  sind  sie  eine  Einrichtung,  welche  dem  mobilen 
Capital  auch  in  Zeiten,  in  denen  es  an  kaufmännischer  Anlage 
fehlt,  gestattet,  zu  profitiren.  Kriegsanleihen  der  Staaten  ge- 
währen den  Capitalisten  eine  Anweisung  auf  die  Erträge 
künftiger  vom  ganzen  Volke  gezahlter  Steuern.  Sie  gewähren 
demjenigen ,  der  in  Nothzeit  grössere  Kaufkraft  verfügbar  hat, 
eine  Macht,  sich  dauernd  mit  Hülfe  des  Staats  die  Arbeits- 
kraft der  Nation  tributpflichtig  zu  machen.  Der  Staat  be- 
nutzt, w^enn  er  in  Bedrängniss  kommt,  die  Macht  des  Capi- 
tals, zugleich  aber  erkennt  er  sie  an  und  stärkt  sie. 

Auch  dies  Verhältniss  kam  erst  nach  Entstehung  der 
grossen  Fabriken    während    des  Kriegs   mit    Frankreich   zur 


')  In  meinem  Buche  über  Einkommensteuer.    Bonn  1872. 


Die  modernen  Verkehrsverli&ltnisse.  577 

stärksten  Entfaltnng.  Aber  es  wurde  schon  vorher,  nament- 
lich während  des  siebenjährigen  und  des  amerikanischen  Kriegs 
begründet.  Auf  allen  Puncten  hatte  in  der  Mitte  des  18. 
Jahrhundeils  das  Capital  seine  herrschende  Position  genom- 
men —  es  handelte  sich  jetzt  darum,  diese  zu  befestigen  und 
auszunutzen. 


Held,  Soc.  Oefch.  Engl.  87 


Viertes  Capitel. 
Die    Fabrikindustrie. 

§  1.    Manufacturen  und  Fabriken. 

Schon  vor  den  grossen  mit  Wasser  und  Dampf  betriebenen 
Fabriken  gab  es  grosse,  geschlossene,  gewerkliche  Etablisse- 
ments, die  man  Manufacturen  nannte  und  die  sich  der  be- 
sonderen Gunst  des  schützenden  Staats  ei-freuten  ^).  Sie  ver- 
breiteten sich  jedoch,  ehe  es  kostspielige  von  mechanischen 
Kräften  getriebene  Maschinen  gab,  nicht  so  stark,  dass  sie 
tonangebend  f&r  grosse  Industiiezweige  oder  für  die  ganze 
Industrie  werden  konnten.  Sie  boten  den  Vortheil  einer  ent- 
wickelteren Arbeitstheilung  und  einer  beständigen  Beaufsich- 
tigung der  Arbeitskräfte.  Aber  Arbeitstheilung  Hess  sich  auch 
eraielen,  wenn  man  ein  Rohmaterial  successive  durch  die  Hand 
vei'schiedener  Kategorien  von  Hausindustriellen  gehen  Hess, 
welches  System  in  der  Wollindustrie  sehr  entwickelt  war. 
Und  was  den  Vortheil  der  Beaufsichtigung  der  Arbeiter  be- 
trifft, so  stand  diesem  die  Vorliebe  der  Arbeiter  gegenüber, 
die  ungern  ihr  Haus  verliessen,  in  dem  sie  mit  ihrer  FamiHe 
selbständig  arbeiteten.  Für  den  die  Industrie  beherrschenden 
Kaufmann  aber  bot  die  Hausindustrie  gegenüber  der  Manu- 
factur  den  grossen  Vortheil ,  dass  er  mit  weniger  Capital  und 
Risico  arbeiten  konnte  und  sich  um  den  Arbeiter,  mit  dem 
er  meist  durch  Agenten  nur  mittelbar  verkehrte,  nicht  persön- 


^)  In  Schottland  sogar  wurden  schon  1661  Seifenmanufacturen  be- 
fördert.   Journals  of  the  of  House  Commons.  Vol.  40.  2.  Juni  1784. 


Manafacturen  und  Fabriken.  579 

lieh  zu  kümmern  brauchte  —  deshalb  gelang  es  den  älteren 
Manufacturen  nicht,  das  System  der  Hausindustrie  zu  stüi-zen. 

Ueber  das  Maass  ihrer  Ausdehnung  etwa  in  der  Mitte  des 
vorigen  Jahrhundert,  bin  ich  nicht  im  Stande,  bestimmte  An- 
gaben zu  machen^).  Sie  .müssen  eine  gewisse  Wichtigkeit 
en*eicht  haben,  wie  dies  namentlich  aus  der  Art  und  Weise 
heiTorgeht,  in  der  A.  Smith  die  Arbeitstheilung  behandelt 
und  an  dem  Beispiel  der  Stecknadelfabrication  illustriii;.  Auch 
Arthur  Young  hebt  in  seinen  etwa  gleichzeitigen  Reisebe- 
schreibungen, welche  zumeist  die  Landwirthschaft  in^s  Auge 
fassen,  einzelne  Manufacturen  besonders  hervor.  Es  lässt  sich 
nur  bestimmt  schliessen,  dass  die  Manufacturen  bis  zu 
A.  Smith's  Zeiten  nicht  die  Herrschaft  der  Industrie  besessen 
haben  können,  weil  die  Gesetzgebung  sich  bis  dahin  sehr 
wenig  mit  ihnen  beschäftigte  und  die  Nation  durch  Kämpfe 
der  Arbeiter  gegen  geschlossene  Manufacturen  bis  dahin  nur 
sporadisch  aufgeregt  wurde,  während  sich  sehr  wichtige  Ge- 
setze auf  die  Verhältnisse  der  Hausindustrie  bezogen. 

Dies  änderte  sich  durch  Arkwright.  Wir  werden  später 
sehen,  auf  den  Schultern  welcher  Vorgänger  er  stand.  Hier 
handelt  es  sich  zunächst  dainim,  den  wesentlichen  Untei-schied 
zwischen  dem  von  ihm  siegreich  begründeten  Fabriksystem 
und  den  älteren  Manufacturen  zu  zeigen.  Dieser  Untei*schied 
beruht  auf  der  Anwendung  der  Maschine  im  Gegensatz  zum 
Werkzeug. 

Werkzeug  und  Maschine  werden  sehr  vei*schiedeu  definirt 
und  es  lässt  sich  nicht  leugnen,  dass  rein  technisch  genommen 
im  Grunde  zwischen  beiden  nur  ein  Gradunterschied  besteht: 
die  Maschine  ist  ein  vervollkommnetes  Werkzeug.  Der  allge- 
meine Sprachgebrauch  indessen  ist  offenbar  geneigt,  einen 
qualitativen  Untei'schied  zu  machen  und  vom  ökonomischen 
Standpunct  aus  ist  ein  solcher  auch  vorhanden,  mag  auch  die 
Grenze  im  einzelnen  Fall  praktisch  schwer  zu  ziehen  sein. 


^)  Auch  Marx  in  seinem  Buche  über  das  Capital  (erste  Auflage 
S.  318  ff.)  philosophirt  zwar  viel  über  die  Manufacturen,  giebt  aber  kein 
historisches  Material  für  England.  Indessen  erkennt  er  an,  dass  die  Ma- 
nufactur  nicht  das  Handwerk  und  die  Hausindustrie  verdr&ngen  konnte. 

37* 


580  Zweites  Buch,  Cap.  4. 

Stellt  man  sich  auf  den  ökonomischen  Standpunct,  d.  h.  be- 
trachtet man  die  Lage  der  bei  den  Maschinen  beschfiftigten 
Arbeiter,  so  erscheint  diese  sowohl  in  Bezug  auf  die  Art  der 
Thätigkeit  als  in  Bezug  auf  die  Stellung  im  Etablissement  als 
eine  durchaus  von  der  Lage  des  nur  Werkzeuge  benutzenden 
Arbeiters  vei^schieden. 

Ein  Hammer,  ein  Hebebaum,  eine  Nähnadel,  eine  Schaufel 
u.  dgl.  sind  einfache  Werkzeuge.  Sie  verstärken  oder  ver- 
schärfen die  Kraft  des  menschlichen  Arms,  der  Hand,  der 
Faust,  kui'z  eines  Organs  des  Menschen,  welches  sich  bei  der 
Arbeit  in  dei'selben  Richtung  bewegt,  in  welcher  das  Werk- 
zeug bewegt  wird.  Der  Arbeiter  kann  das  Werkzeug  als  ein 
verstärkendes  Organ  seiner  selbst  betrachten,  sich  jedenfalls 
als  den  bewussten  Behen'scher  des  Werkzeugs  ansehen. 
Ein  Werkzeug  dient  gleichzeitig  einem  Arbeiter  allein,  der 
also  dadurch  seine  Selbständigkeit  nicht  verliert,  sondern  eher 
steigert  —  namentlich  wenn  er  selbst  Eigenthümer  des  Werk- 
zeugs ist,  was  er  wegen  der  geringen  Kosten  des  Werkzeugs 
leicht  werden  kann.  Auch  ein  Spinnrad  und  ein  Handwebe- 
stuhl sind  in  diesem  Sinne  noch  als  Werkzeuge  zu  betrachten, 
denn  sie  werden  von  einem  Arbeiter  benutzt,  der  damit 
selbständig  ein  Product  herstellen  kann,  und  vei-stärken  r^p. 
vervollkommnen  nur  die  Wirkung,  welche  durch  die  Bewegung 
der  Hände  und  Ftisse  von  Menschen  geübt  wird. 

Sowie  eine  gewerbliche  Vorrichtung  mehr  leistet,  als  dass 
sie,  von  einem  arbeitenden  Menschen  benutzt,  die  Wirkung 
der  von  seinen  Körperorganen  ausgehenden  Bewegung  ver- 
schärft oder  vervollkommnet,  entsteht  die  Maschine.  Sie  ist 
vorhanden,  sowie  die  Thätigkeit  des  Menschen  sich  in  einer 
Richtung  bewegt,  welche  von  der  schliesslich  durch  die  Vor- 
richtung entstehenden  Bewegung  durchaus  abweicht,  oder,  so- 
wie verschiedene  Menschen  gleichzeitig  nöthig  sind,  um  eine 
gewerbliche  Vorrichtung  in  Bewegung  zu  setzen.  Eine  Loco- 
motive  ist  so  eine  Maschine,  denn  die  von  dem  Heizer  und 
Führer  der  Locomotive  ausgeübten  Handgriffe  bewegen  sich 
in  total  anderer  Richtung  als  die  Locomotive  selbst,  die  auf 
den  Schienen  Wagen  zieht.    Eine  Vorrichtung  zum  Einrammen 


Manufactoren  und  Fabriken.  581 

von  Pfählen  in  den  Boden,  an  der  Dutzende  von  Menschen 
einen  Block  in  die  Höhe  ziehen  und  dann  wieder  fallen  lassen, 
ist  auch  kein  einfaches  Werkzeug  mehr.  Will  man  den  Unter- 
schied in  ein  prägnantes  Wort  zusammenfassen,  so  kann  man 
sagen:  das  Werkzeug  dient  dem  Arbeitenden ,  die  Maschine 
wird  von  Arbeitern  bedient 

Die  Maschine  würde,  das  liegt  auf  der  Hand,  sich  nie  zu 
einer  wichtigen  selbständigen  £i*scheinung  gegenüber  dem 
Werkzeug  erhoben  haben,  ohne  die  Anwendung  von  Trieb- 
kräften, welche  nicht  mit  der  Muskelkraft  des  die  Maschine 
bedienenden  Arbeiters  zusammenfallen.  Diese  Triebkräfte 
können  andere  Menschen  sein  oder  Thiere  —  wichtig  aber 
sind  erst  die  mechanischen  Kräfte  des  Windes,  des  Wassers, 
des  Dampfes,  der  Electricität.  Ei-st  bei  Anwendung  dieser 
Kräfte  entwickelt  sich  eine  kolossale  Steigeiomg  des  gesammten 
KraftefiFects  gegenüber  dem  einfachen  Werkzeug,  erst  dann 
tritt  die  Eigenthümlichkeit  der  Arbeit  an  der  Maschine  stark 
hervor.  Man  kann  so  Wind-  und  Wassermühlen  und  grosse 
Segelschiffe  als  die  ei-sten  wichtigen  Maschinen  bezeichnen,  die 
in  allgemeinen  Gebrauch  kamen. 

Im  Allgemeinen  setzt  die  Anwendung  der  starken  aber 
rohen  mechanischen  Triebkräfte  schon  eine  grosse  VeiToll- 
kommnung  der  Maschine  voraus.  Der  die  Maschine  bedienende 
Mensch  verwandelt  sich  zunächst  gleichsam  selbst  in  einen 
Maschinentheil ,  indem  er  mit  automatischen  regelmässigen 
Handbewegungen  in  den  Gang  der  Maschine  eingreift.  Bei 
weiterer  Vervollkommnung  der  Maschine  wird  er  zu  einem 
Aufseher  und  Corrector  ihres  Gangs. 

Werkzeug  und  Maschinen  haben  das  Gemeinsame,  dass 
unter  ihrer  Benutzung  der  gleiche  Gesammtaufwand  mehr,  oder 
ein  geringerer  Aufwand  das  gleiche  Product  erzeugt.  Werk- 
zeuge oder  Maschinen,  die  diesen  Effect  nicht  erreichen  lassen, 
anzuwenden ,  wäre  unrationell  und  sie  könnten  sich  nur  vor- 
übergehend halten.  Aber  zwischen  Werkzeug  und  Maschine 
besteht  der  Unterschied ,  dass  die  Berechnung  des  ei'wähnten 
Aufwands  bei  Werkzeugen  eine  sehr  einfache  ist,  bei  Maschinen 
aber  eine  complicirte  und  schwierige. 


582  Zweites  Buch,  Gap.  4. 

Stellt  man  sich  auf  den  Standpunct  der  menschlichen 
Gesammtheit,  so  liegt  es  nahe,  unter  Aufwand  die  Summe 
von  Arbeit  zu  verstehen,  die  geleistet  werden  muss,  um  mit 
oder  ohne  Maschinen  ein  gewisses  Product  herstellen  za 
können.  Dabei  erhebt  sich  aber  schon ''die  Schwierigkeit, 
dass  häufig  die  Producte  der  Maschinenarbeit  denen  der 
Handarbeit  nur  sehr  ähnlich,  nicht  mit  ihnen  identisch  sind. 
Grösser  ist  noch  die  Schwierigkeit,  dass  die  Arbeit  an  der 
Maschine  oft  lästiger,  einförmiger  und  unmenschlicher  ist  als 
die  entsprechende  Handarbeit  und  dass  dagegen  die  Arbeit, 
welche  die  Maschine  selbst  herstellt  und  diejenige,  welche  die 
mechanische  Triebkraft  herbeischafft  resp.  erhält,  qualitativ 
höchst  eigenthümlich  ist,  oft  besondere  Anlagen  und  gewerb- 
liche Ausbildung  erheischt  Die  beiden  Arbeitssummen  sind 
also  aus  qualitativ  verschiedenen  Posten  zusammengesetzt  und 
daher  nicht  ohne  Weiteres  sicher  in  Bezug  auf  ihre  Grösse 
vergleichbar.  In  vielen  Fällen  ist  freilich  die  Thatsache,  dass 
die  Maschinenarbeit  überhaupt  bei  geringerem  Aufwand  das 
Gleiche  leistet,  evident.  Es  giebt  aber  auch  Fälle,  in  denen 
die  erwähnte  Schwierigkeit  der  Berechnung  auf  die  Frage,  ob 
eine  gewisse  Maschine  im  allgemeinen  Interesse  liege,  in  der 
That  nur  ein  „non  liquet"  ergiebt. 

Wenn  sich  z.  ß.  eine  Maschine  für  ihren  Besitzer  nur 
dadurch  rentirt,  dass  derselbe  Fi'auen  und  Kinder  überlange 
Zeit  hindurch  gegen  Hungerlöhne  beschäftigt;  wenn  er  nur  da- 
durch mit  Handarbeit  von  Männern  concurriren  kann :  ist  dann 
wirklich  ein  geringerer  Gesammtaufwand  von  Kräften  bei  der 
Maschine  vorhanden,  oder  eine  grössere  Anstrengung,  die  in 
Folge  specieller  socialer  Verhältnisse  erzwungen  werden  kann? 
Oder  wenn  eine  Maschine  sich  einfach  nur  dadurch  rentirt, 
dass  die  Löhne  für  die  leichtere  Fabrikarbeit  bedeutend 
niedriger  sind  als  die  für  schwierigere  aber  doch  angenehmere 
Handarbeit,  kann  man  dann  nur  deshalb,  weil  die  Fabrik- 
arbeit  leichter  ist,  von  einem  geringeren  Gesammt^ufwand 
reden  ? 

Entscheidend  für  die  Einfühi-ung  einer  Maschine  ist  aber 
nicht  das  in  einzelnen  Fällen  schwer  zu  berechnende  Interesse 


ManofBUStoren  und  Fabriken.  583 

der  Gesammtheit,  sondern  das  des  Maschinenbesitzers;  sowie 
dieser  durch  Benutzung  der  Maschine  gewinnt,  wird  dieselbe 
eingefbhrt  —  und  glücklicherweise  lässt  sich  in  der  That  in 
der  grossen  Mehi'zahl  der  Fälle  dies  nur  dadurch  erzielen, 
dass  nicht  nur  die  Gonsumenten  ein  billigeres  Product  be- 
kommen, sondein  wirklich  der  Gesammtaufwand  der  Production 
abnimmt. 

Deshalb  sind  Maschinen,  welche  auf  freiem  Wege  zur 
Einf&hrung  gelangen,  meistens  ein  Yortheil  und  Gewinn  für 
die  Gesammtheit;  denn  die  Fälle,  dass  der  Maschinenbesitzer 
noch  profitiit,  aber  nur  durch  Herabdrückung  von  Arbeitern 
in  schlechtere  Lage,  sind  glücklicherweise  Ausnahmefälle.  Der 
Yortheil  der  Gesammtheit  gehöi*t  auch  zu  denjenigen,  auf 
welche  wir  nicht  verzichten  können,  weil  er  im  letzten  Gmnde 
die  Möglichkeit  für  die  Existenz  einer  giösseren  Anzahl  von 
Menschen  gewährt.  Auch  die  Leiden  von  Arbeiteiii,  deren 
gewohnter  Erwerb  durch  neueingeführte  Maschinen  verkümmert 
oder  unmöglich  wird,  sind  kein  Gegengrund  und  können  nur 
besondere  Maassregeln  zur  Linderung  solcher  Uebergangs- 
leiden  rechtfertigen  resp.  erheischen.  —  Die  Sismondi'sche 
Unterscheidung  zwischen  gemeinnützlichen  und  schädlichen 
Maschinen  ist  deshalb  bedeutungslos,  weil  factisch  jede  wirk- 
lich zur  allgemeinen  Einfühlung  gelangende  Maschine  die  Be- 
friedigung irgend  eines  Bedürfnisses  erleichteit  und  dadurch 
die  Bedürfiiissbefriedigung  der  Menschen  überhaupt  steigert, 
also  im  Ganzen  nützt. 

Indessen  dieser  Umstand,  dass  die  Frage,  ob  und  wieviel 
eine  Maschine  im  einzelnen  Fall  der  Gesammtheit  Yoi*theil 
bringt,  schwieriger  zu  beantworten  ist,  ist  nicht  der  wichtigste 
Unterschied  zwischen  Werkzeug  und  Maschine.  Dieser  liegt 
darin,  dass  bei  der  Maschine  der  Arbeiter  eine  factisch  sehr 
viel  gi'össere  Schwierigkeit  hat,  die  Maschine  selbst  zu  be- 
sitzen. In  der  That  sind  die  meisten  Angriffe  auf  die  Maschine 
nicht  gegen  diese  selbst,  sondern  gegen  ihre  gewissermaassen 
monopolisirten  Besitzer  gerichtet. 

Jede  Maschine,  die  von  mehr  als  einem  Menschen  bedient 
werden  muss,  kann  den  sie  Bedienenden  nur  dann  gehören. 


582  Zweites  Bnch,  Gap.  4. 

Stellt  man  sich  auf  den  Standpunct  der  menBchlichen 
Gesammtheit ,  so  liegt  es  nahe,  unter  Aufwand  die  Summe 
von  Arbeit  zu  veratehen,  die  geleistet  werden  muss,  um  mit 
oder  ohne  Maschinen  ein  gewisses  Product  herstellen  zu 
können.  Dabei  erhebt  sich  aber  schon  ^  die  Schwierigkeit, 
dass  häufig  die  Producte  der  Maschinenarbeit  denen  der 
Handarbeit  nur  sehr  ähnlich,  nicht  mit  ihnen  identisch  sind. 
Grösser  ist  noch  die  Schwierigkeit,  dass  die  Arbeit  an  der 
Maschine  oft  lästiger,  einförmiger  und  unmenschlicher  ist  als 
die  entsprechende  Handarbeit  und  dass  dagegen  die  Arbeit, 
welche  die  Maschine  selbst  herstellt  und  diejenige,  welche  die 
mechanische  Tiiebkraft  herbeischafft  resp.  erhält,  qualitativ 
höchst  eigenthümlich  ist,  oft  besondere  Anlagen  und  gewerb- 
liche Ausbildung  erheischt  Die  beiden  Arbeitssummen  sind 
also  aus  qualitativ  verschiedenen  Posten  zusammengesetzt  und 
daher  nicht  ohne  Weiteres  sicher  in  Bezug  auf  ihre  Grösse 
vergleichbar.  In  vielen  Fällen  ist  freilich  die  Thatsache,  dass 
die  Maschinenarbeit  überhaupt  bei  geiingerem  Aufwand  das 
Gleiche  leistet,  evident.  Es  giebt  aber  auch  Fälle,  in  denen 
die  erwähnte  Schwierigkeit  der  Berechnung  auf  die  Frage,  ob 
eine  gewisse  Maschine  im  allgemeinen  Interesse  liege,  in  der 
That  nur  ein  „non  liquet"  ergiebt. 

Wenn  sich  z.  ß.  eine  Maschine  für  ihren  Besitzer  nur 
dadurch  rentirt,  dass  derselbe  Fi'auen  und  Kinder  überlange 
Zeit  hindurch  gegen  Hungerlöhne  beschäftigt;  wenn  er  nur  da- 
durch mit  Handarbeit  von  Männern  concurriren  kann :  ist  dann 
wirklich  ein  geringerer  Gesammtaufwand  von  Kräften  bei  der 
Maschine  vorhanden,  oder  eine  grössere  Anstrengung,  die  in 
Folge  specieller  socialer  Verhältnisse  erzwungen  werden  kann? 
Oder  wenn  eine  Maschine  sich  einfach  nur  dadurch  rentirt, 
dass  die  Löhne  für  die  leichtere  Fabrikarbeit  bedeutend 
niedriger  sind  als  die  für  schwierigere  aber  doch  angenehmei-e 
Handarbeit,  kann  man  dann  nur  deshalb,  weil  die  Fabrik- 
arbeit  leichter  ist,  von  einem  geringeren  Gesammtaufwand 
reden? 

Entscheidend  für  die  Einfühi-ung  einer  Maschine  ist  aber 
nicht  das  in  einzelnen  Fällen  schwer  zu  berechnende  Interesse 


Manafactiireii  und  Fabriken.  583 

der  Gesammtheit,  sondern  das  des  Maschinenbesitzers;  sowie 
dieser  durch  Benutzung  der  Maschine  gewinnt,  wird  dieselbe 
eingefbhrt  —  und  glücklicherweise  lässt  sich  in  der  That  in 
der  grossen  Mehi'zahl  der  Fälle  dies  nur  dadurch  erzielen, 
dass  nicht  nur  die  Consumenten  ein  billigeres  Product  be- 
kommen, sondein  wirklich  der  Gesammtaufwand  der  Production 
abnimmt. 

Deshalb  sind  Maschinen,  welche  auf  freiem  Wege  zur 
Einfilhiaing  gelangen,  meistens  ein  Yortheil  und  Gewinn  für 
die  Gesammtheit;  denn  die  Fälle,  dass  der  Maschinenbesitzer 
noch  profitirt,  aber  nur  durch  Herabdrückung  von  Arbeitern 
in  schlechtere  Lage,  sind  glücklicherweise  Ausnahmefälle.  Der 
Yortheil  der  Gesammtheit  gehöi*t  auch  zu  denjenigen,  auf 
welche  wir  nicht  verzichten  können,  weil  er  im  letzten  Giomde 
die  Möglichkeit  für  die  Existenz  einer  giösseren  Anzahl  von 
Menschen  gewährt.  Auch  die  Leiden  von  Arbeiten!,  deren 
gewohnter  Erwerb  durch  neueingeführte  Maschinen  verkümmert 
oder  unmöglich  wird,  sind  kein  Gegengrund  und  können  nur 
besondere  Maassregeln  zur  Lindeining  solcher  Uebergangs- 
leiden  rechtfertigen  resp.  erheischen.  —  Die  Sismondi'sche 
Unterscheidung  zwischen  gemeinnützlichen  und  schädlichen 
Maschinen  ist  deshalb  bedeutungslos,  weil  factisch  jede  wirk- 
lich zur  allgemeinen  Einführung  gelangende  Maschine  die  Be- 
friedigung irgend  eines  Bedürfnisses  erleichtert  und  dadurch 
die  Bedürftiissbefriedigung  der  Menschen  überhaupt  steigert, 
also  im  Ganzen  nützt. 

Indessen  dieser  Umstand,  dass  die  Frage,  ob  und  wieviel 
eine  Maschine  im  einzelnen  Fall  der  Gesammtheit  Vortheil 
bringt,  schwieriger  zu  beantworten  ist,  ist  nicht  der  wichtigste 
Unterschied  zwischen  Werkzeug  und  Maschine.  Dieser  liegt 
darin ,  dass  bei  der  Maschine  der  Arbeiter  eine  factisch  sehr 
viel  gi-össere  Schwierigkeit  hat,  die  Maschine  selbst  zu  be- 
sitzen. In  der  That  sind  die  meisten  Angriffe  auf  die  Maschine 
nicht  gegen  diese  selbst,  sondern  gegen  ihre  gewissermaassen 
monopolisirten  Besitzer  gerichtet. 

Jede  Maschine,  die  von  mehr  als  einem  Menschen  bedient 
werden  muss,  kann  den  sie  Bedienenden  nur  dann  gehören. 


584  Zweites  Buch,  Cap.  4. 

wenn  diese  sich  associiren,  was  bekanntlich  sehr  schwierig  ist. 
Andernfalls  moss  Einer  als  Besitzer  eine  beherrschende  Stel- 
lung gegenüber  den  Nichtbesitzem  erlangen.  Aber  auch  wo 
etwa  eine  Maschine  von  einem  Arbeiter  bedient  wird,  ist 
diese  gewöhnlich  kostspieliger  als  ein  Werkzeug  und  sowie 
mechanische  Kräfte  angewendet  werden,  wird  entweder  die 
einzelne  Maschine  wegen  des  von  ihr  geübten  grossen  Eraft- 
eifects  sehr  gross  und  also  auch  theuer;  oder  es  muss  so  ein- 
gerichtet werden,  dass  eine  Yomchtung  zur  Ei-zeugung  mecha- 
nischer Kraft  viele  gleichartige  Maschinen,  z.  B.  Webstühle, 
treibt 

Die  meisten  und  wichtigsten  Maschinen  kann  also  nur  ein 
Gapitalist  besitzen  und  die  Schwierigkeit,  d.  i.  Kostspieligkeit 
ihres  Erwerbs,  erhöht  beständig  die  Aussichtslosigkeit  des 
Arbeitei-s,  selbst  Maschinenbesitzer  zu  werden.  Die  Maschine 
ei-weitei-t  nothwendig  die  Kluft  zwischen  Capital 
und  Arbeit.  Zugleich  zwingt  sie  wegen  der  Nothwendigkeit 
der  Arbeit  in  geschlossenen  Räumen  zur  Auflösung  des  Familien- 
lebens des  bisherigen  Hausindustriellen  resp.  Handwerkers. 

Sie  vei*schiebt  aber  nicht  nur  die  Verhältnisse  der  mecha- 
nisch Arbeitenden  und  zwar  abgesehen  von  häufiger  anfäng- 
licher Lohnerhöhung  zunächst  in  ungünstiger  Weise  —  sie 
ändert  auch  die  Lage  des  Capitalisten. 

Dieser  wird  mächtiger,  als  der  über  Hausindustrielle 
hen-scliende  Kaufmann  es  war,  denn  er  hat  das  Arbeits- 
instrument in  der  Hand,  ohne  welches  überhaupt  erfolgreich 
nicht  melir  gearbeitet  werden  kann.  Die  Möglichkeit,  sich  zu 
einem  selbständig  verkaufenden  Producenten  zu  entwickeln, 
wird  für  den  Arbeiter  noch  weit  geringer.  Der  Fabrikant 
trägt  aber  zugleich  mehr  Risico  als  der  Kaufmann  und  er 
wird  abhängiger  von  seinem  Besitz. 

Die  Ausdehnung  der  Maschine  bedeutet  ein  relativ  stär- 
keres Anwachsen  der  fixen  Capitalgtiter  gegenüber  den  um- 
laufenden. Auch  in  der  Hausindustrie  kommt  es  vor,  dass 
der  Kaufmann  Webstühle,  Strumpfwirkerrahmen  u.  dgl.  besitzt 
und  ausleiht.  Allein  dies  ist  nicht  nothwendig  mit  der  Haus- 
industrie verbunden,    diese  Werkzeuge  können  auch   dritten 


Manufiicturen  und  Fabriken.  585 

Personen  gehören,  und  wenn  sie  dem  Kaufmann  gehören,  so 
sind  sie  doch  weniger  werthvoU  als  Maschinen  und  .ihre  Ver- 
zinsung ist  für  den  gesammten  Geschäftsgewinn  nicht  von  so 
entscheidender  Bedeutung.  Andei's  beim  Fabrikanten  in  der 
Maschinenindustrie,  der  nicht  weniger  umlaufende  Capitalgüter 
braucht  als  der  Kaufmann,  zugleich  aber  die  kostbai-en 
Maschinen  hat,  die  er  meist  nur  an  dem  Orte,  wo  sie  einmal 
sind  und  jedenfalls  nur  in  einer  ganz  bestimmten  Productions- 
weise  verwerthen  kann.  Stehen  die  Maschinen  still,  so  ist  der 
Verlust  f&r  ihn  sehr  gi'oss  und  er  gewinnt  also  ein  sehr  be- 
deutendes Interesse  an  ungestörtem  Fortgang  der  Industrie. 
Damit  hängt  es  zusammen,  dass  Völker  mit  entwickelter  Gi*oss- 
industrie  so  überaus  friedliebend  sind.  Wenn  die  Fabriken  in 
Manchester  ein  Jahr  lang  still  ständen  oder  wenn  sie  gar  ganz 
zerstört  würden,  so  würden  viele  Fabrikanten  brodlos  werden 
und  für  einen  grossen  Theil  der  Arbeiter  würde  die  Möglich- 
keit der  Existenz  verschwinden,  weil  nur  der  Werth  der 
Maschinenfabrikate  die  Unterhaltung  der  gestiegenen  Menschen- 
zahl möglich  macht.  Ein  solcher  Fall  würde  in  der  That  ein 
folgenschweres  Nationalunglück  sein  und  man  kann  es  deshalb 
hochindustriellen  Völkeni  gar  nicht  verdenken,  dass  bei  ihnen 
nicht  die  Heimath  jenes  Heroismus  ist,  der  die  Athener  be- 
wog,  ihre  Stadt  den  Pei^sera  zu  überlassen  oder  die  Russen, 
Moskau  selbst  zu  verbrennen. 

Aber  nicht  nur  die  Völker  im  Ganzen  sind  veranlasst, 
solchen  Besitz  ängstlich  zu  hüten:  jeder  einzelne  Fabrikant 
wird  an  einen  bestimmten  Productionszweig  und  bestimmte 
Productionsweise  in  hohem  Grade  gebunden  und  verliert  einen 
Theil  jener  allgemeinen  freien  Herrechaft  über  die  Gesammt- 
heit  des  Waarenmarkts,  welche  der  Besitz  von  Geld  und  auch 
von  umlaufenden  Capitalgütern  gewährt.  Die  steigende  Macht 
über  den  besitzlosen  Arbeiter  rächt  sich  gleichsam  dadurch, 
dass  der  Capitalist  selbst  weniger  Herr  seines  Capitals  wird. 
Merkwürdig  ist  dabei,  dass  die  grosse  Fabrikindustrie  selbst 
Kräfte  erzeugt,  welche  diese  Abhängigkeit  des  Besitzei-s  vom 
Besitz  nicht  mildern ,  sondern  ganz  besondei*s  empfindlich 
machen. 


586  Zweites  Buch,    Cap.  4. 

Die  grosse  Fabrikindustrie  drängt  nach  stets  weiterer 
Ausdehnung  des  Markts,  wodurch  unberechenbare  Gonjuncturen 
häufiger  werden.  Der  rastlose  Fortschritt  der  Technik  drückt 
zugleich  stets  den  Werth  älterer  Maschinen.  In  der  Fabrik- 
industrie sind  Krisen  fbr  beide  Parteien  besonders  schmerzlich 
und  werden  durch  vervollkommnete  Crediteinrichtungen  nur 
sehr  ungenügend  ausgeglichen  —  und  doch  sind  sie  hier  be- 
sondei-s  häufig. 

Der  Maschinenbesitzer  gewinnt  zugleich  ein  sehr  erhöhtes 
Interesse  an  Ausdehnung  der  Arbeitszeit.  Beim  Handwerks- 
meister, der  selbst  mit  arbeitet,  ist  dieses  Interesse  klein, 
beim  Kaufmann  gegenüber  Hausindustriellen  steht  es  zwar  so, 
dass  er  an  möglichst  baldiger  Rücklieferung  des  verarbeiteten 
Rohmaterials  ein  Interesse  hat,  sowie  an  niedrigen  Stücklöhnen, 
welche  factisch  zur  Verlängerung  der  Arbeitszeit  zwingen. 
Allein  direct  kümmert  sich  der  Kaufmann  gar  nicht  um  die 
Arbeitszeit  seiner  Leute.  Die  baldige  Rücklieferung  des 
Materials  bereichert  ihn  doch  nur  um  den  Zins  seines  um- 
laufenden Capitals  während  kuraer  Fristen.  Was  aber  die 
niedrigen  Löhne  betrifft,  so  liegen  diese  schon  an  sich  ohne 
Rücksicht  auf  die  Arbeitszeit  in  seinem  Interesse,  er  kann 
solche  aber  ohne  Verschiebung  des  Verhältnisses  zwischen 
Angebot  und  Nachfrage  nicht  durchsetzen  —  und  die  Haus- 
industrie als  solche  vei'schiebt  dies  Verhältniss  nur  wenig. 
Factisch  ist  das  starke  Sinken  der  Löhne  von  HausindustrieDen 
und  die  ungebührliche  Ausdehnung  ihrer  Arbeitszeit  immer 
erst  eingetreten,  wenn  die  Hausindustrie  mit  einer  die  Nach- 
frage nach  Arbeit  relativ  vermindernden  Fabrikindustrie  zu 
concuiriren  begann. 

Der  Fabrikherr  dagegen  mit  seinem  grossen  Capitalbesitz 
von  Fabrikanlagen  und  Maschinen  verliert  in  jedem  Moment, 
in  welchem  diese  Capitalgüter  unbenutzt  sind,  stark  —  wenn 
auch  dieser  Verlust  nur  ein  „lucrum  cessans'^  ist.  Stellen  wir 
uns  zwei  Besitzer  gleichartiger  und  gleich  grosser  Fabriken 
vor,  von  denen  in  der  einen  ununterbrochen  täglich  24  Stirn- 
den,  in  der  anderen  nur  12  Stunden  lang  gearbeitet  wird,  so 
ist  der  Mehrgewinn   des   ersten  Fabrikanten  —  gleiche  Güte 


ManufjEu^tureo  und  FabrikeD.  587 

und  Energie  der  Arbeit  vorausgesetzt  —  ganz  erheblich  viel 
grösser  als  der  des  letzteren.  Der  Rohertrag  der  ersten 
Fabrik,  d.h.  der  Gesammtpreis  aller  verkauften  Pi'oducte;  ist 
nämlich  zweimal  so  gross  wie  der  der  zweiten  Fabrik.  Die 
Kosten  aber,  welche  der  erste  Fabrikant  vom  Rohertrag  ab- 
zuziehen hat,  um  seinen  persönlichen  Beingewinn  zu  berechnen, 
sind  nicht  noch  einmal  so  gross  als  die  des  zweiten  Fabri- 
kanten. Nehmen  wir  nämlich  auch  an,  dass  er  genau  zwei- 
mal mehr  Löhne  zu  zahlen  hat,  zweimal  mehr  Rohmaterial 
verbraucht  und  zweimal  mehr  von  seinen  Maschinen  abnutzt  — 
so  braucht  er  doch  zur  Auszahlung  der  Löhne  und  zum  An- 
kauf des  Rohmaterials  nicht  zweimal  mehr  (eigenes  oder  ge- 
liehenes) Betriebscapital ,  weil  dasselbe  bei  der  gesteigerten 
Production  sich  schneller  umsetzt.  D.  h.  durch  Verdoppelung 
der  Arbeitszeit  in  einer  Fabnk  kann  das  Reineinkommen  der 
Fabrikanten  auf  die  doppelte  Summe  in  absoluter  Höhe  stei- 
gen, welcher  verdoppelte  Gewinn  aber  von  einem  gleich 
grossen  oder  kaum  erhöhten  Capital  herrührt 

Es  läge  demgemäss  nahe,  anzunehmen,  dass  die  Fabri- 
kanten auf  den  Gedanken  gekommen  wären,  den  ganzen  Tag 
hindurch  durch  zwei  sich  einander  ablösende  Reihen  von  Ar- 
beitern arbeiten  zu  lassen.  Dies  geschah  aber  nur  ausnahms- 
weise, namentlich  wo  die  technische  Natur  des  Gewerbes  einen 
absolut  ununterbrochenen  Betrieb  gebieterisch  erfordert.  Sonst 
begnügte  man  sich  mit  Ausdehnung  der  täglichen  Arbeitszeit 
einer  Reihe  von  Arbeitern  auf  16  Stunden  und  darüber  ohne 
Lohnerhöhung  und  dieses  hatte  gute  Gründe. 

Der  Nachtbetrieb  geht  einmal  gegen  unsere  gesammten 
Lebensgewohnheiten  und  da  dabei  nicht  nur  mit  dem  Arbeiter-, 
sondern  auch  mit  dem  Aufsichtspei-sonal  gewechselt  werden 
müsste,  so  würde  die  Einheitlichkeit  der  technischen  Direction 
Schaden  leiden.  Der  Fabrikherr  selbst  würde  dadurch  auch 
zu  sehr  in  der  ihm  selbst  nothwendigen  Ruhe  gestört.  Dazu 
kam,  dass  solche  Steigerung  der  Nachfrage  nach  Arbeit  die 
Löhne  zu  sehr  in  die  Höhe  getrieben  und  allgemein  ein  ent- 
sprechendes Angebot  gar  nicht  gefunden  hätte.  Endlich  aber 
war  auch,  abgesehen  von  solcher  Lohnerhöhung,  eine  Aus- 


588  ZweitM  Buch,  Ci^  4. 

dehnung  der  Arbeitszeit  um  25— 40^/o  ohne  jede  vermehrte 
Lohnzahlmig  unter  Umständen  fbr  den  Fabrüunten  vortheil- 
hafter  als  eine  Ausdehnung  der  Arbeitszeit  um  100%,  bei 
der  man  auch  ohne  Lohnerhöhung  doch  jedenfalls  doppdt  so 
viel  Lohn  bezahlen  mfisste,  weil  man  doppelt  so  viel  Arbeiter 
brauchte.  — 

Durch  die  grosse  Fabrikindustrie  jmit  Maschinen  wuehs 
die  Menge  des  Capitals  auf  gewerblichem  Gebiete,  die  Macht 
des  Capitals  über  die  gewerkliche  Arbeit  wurde  eine  mehr 
directe  und  drückende.  Gebieterisches  eigenes  Interesse  zwang 
sogar  den  Capitalisten  zu  härteren  Anforderungen  an  den 
Arbeiter,  während  der  i*ein  kaufinännische  Herr  der  Ebne* 
industriellen  keinen  Antrieb  hatte,  die  Arbeiter  zu  drücken, 
nur  sich  eventuell  nicht  um  sie  zu  bekümmern. 

Sowie  kostspieliges  und  nur  concentiirt  an  bestimmten 
Puncten  benutzbares  fixes  Capital  nothwendige  Bedingung  er- 
folgreicher Industrie  war,  wurden  die  Besitzer  solchen  Capitah 
aus  Leuten,  die  den  Absatz  in  der  Hand  hatten  und  das  Ein- 
kommen der  Arbeiter  bestimmten,  zugleich  Herren  der  Arbeit 
als  solcher,  indem  sie  direct  dictiiten,  wann,  wie  und  woge- 
arbeitet werden  sollte.  Sie  wurden  Herrn,  die  lediglich  von 
egoistischen  Interessen  geleitet  waren  und  durch  die  Con- 
currenz  zu  rücksichtslosem  Egoismus  gedrängt  wurden.  Und 
so  begannen  nach  den  ersten  Zeiten  hoher  Löhne  in  den 
ei*sten  Fabriken  für  die  Fabrikarbeiter  harte  Tage.  Und  die 
Leiden  der  proletarischen  Fabrikarbeiter  übeilinigen  sich  oft 
in  verstärktem  Maass  auf  andere  zahlreichere  Kategorien  be- 
sitzloser Leute  —  und  dennoch  gilt  von  diesen  Wirkungen  der 
Maschinen  dasselbe,  was  von  der  Macht  des  Capitals  überhaupt 
gilt:  sie  verstärkten  die  Productions-  und  damit  die  Consum- 
tionsfäbigkeit  der  Menschheit  im  Ganzen,  sie  sind  im  letzten 
nothwendigen  Effect  ein  Fortschritt  und  ein  Segen.  Und  wenn 
sie  zu  Leiden  der  Arbeiter  veranlasst  haben,  so  müssen  sie 
solche  nicht  fortgesetzt  hervoniifen.  Beschleunigung  des 
leidensvollen  Uebergangsprocesses  —  nicht  Zulassung  der 
Maschinen  ist  die  Frage,  die  sich  der  vorurtheilsfreie  Denker 
zu  stellen  hat  und  zu  deren  Beantwortung  die  geschichtliche 


Die  Reihenfolge  der  Erfindttogen.  589 

Dai-stellung    der    englischen  Entwicklung   wichtige   Beiträge 
liefert. 

§  2.     Die  Reihenfolge  der  Erfindungen. 

Die  entscheidenden  Thatsachen,  welche  den  allgemeinen 
Umschwung  zur  Fabrikindustrie  begründeten,  ei*eigneten  sich 
in  der  jungen  Baumwollindustrie. 

Wie  schon  einzahlt,  existirte  eine  solche  im  Anfang  des 
18.  Jahrhunderts  in  Manchester;  es  war  dies  die  Barchent- 
industrie, die  als  Hausindustrie  organisirt  war.  Die  Weber 
machten  Barchente  aus  Leinengarn,  das  vielfach  aus  Deutsch- 
land bezogen  wurde  und  als  Kette  diente,  und  aus  Baumwoll- 
garn als  Schuss.  Das  Baumwollgarn  wui*de  durch  Handspinnerei 
ei'zeugt. 

Anfangs  kauften  die  kleinen  Weber  dieses  zweierlei  Garn 
noch  selbst,  verkauften  aber  ihr  Product  an  Manchestrer  Kauf- 
leute. Seit  1740  aber  war  die  Hausindustrie  vollständig  organi- 
siit,  indem  die  Kaufleute  den  Webern  das  Leinengarn  lieferten 
nebst  roher  Baumwolle,  für  deren  Verspinnen  der  Weber  zu 
sorgen  hatte.  Die  Kaufleute  färbten  dann  die  Barchente  und 
setzten  sie  auf  Packpferden  im  ganzen  Lande  ab  ^). 

Das  grösste  Hindeiiiiss  für  die  Ausdehnung  dieser  Industrie 
war  die  zeitraubende  und  kostspielige  Manipulation  des  Hand- 
spinnens und  es  entstand  also  das  Pi*oblem,  ob  man  nicht 
„ohne  Finger"  spinnen  könne.  ^ 

Schon  1733  erfand  Wyatt  eine  Spinnmaschine,  deren 
Modelle  verloren  gingen.  Zwei  Fabriken,  welche  sie  anzu- 
wenden vei-suchten,  gingen  zu  Grunde*).    1734*)  erfand  John 


^)  S.  Richard  Gaest,  A  Compendioos  history  of  Cotton  ManufiEictory, 
Manchester  1823.  An  Guest  und  Aüdn  schliesst  sich  auch  das  yielbenutzte 
Bach  von  Baines,  History  of  Cotton  Manofacture,  London  1885,  zumeist  an. 

')  Nach  den  Memoirs  der  Literary  and  Philosophical  Society  of 
Manchester  2.  Serie  Vol.  III  8.  135  ff.  gab  es  nach  Wyatts  und  Lewis 
PauPs  System  1741  oder  1742  eine  Fabrik  in  Birmingham,  die  von  zwei 
Eseln  getrieben  wurde  und  zehn  Mädchen  beschäftigte. 

'^)  Baines  giebt  hier  das  Jahr  1738  an. 


590  Zweites  Bach,  Cap.  4. 

Kay  aus  Bury  eine  neue  Methode,  das  WeberschüBTchen  zu 
schleudern,  wodurch  man  noch  einmal  so  viel  weben  konnte. 
Die  Erfindung  wurde  zuerst  in  der  Wollweberei  von  Bury 
eingeführt,  1760  auch  in  der  Baum  Wollweberei,  nachdem 
Robert  Kay  die  Erfindung  seines  Vaters  verbessert  hatte. 
Gleichzeitig  gelangte  eine  verbessei*te  Einrichtung  zum  Auf- 
spannen der  Kette  auf  dem  Webstuhle  zur  Einführung. 

Zwischen  den  Kaufmann  und  den  Weber  schob  sich  nun 
seit  1750  ein  weiteres  Mittelglied  ein,  der  Barchentmeister, 
welcher  dem  Weber  Garn  und  rohe  Baumwolle  liefeite  und 
seinerseits  ei*st  an  den  Kaufmann  auf  dem  Wochenmarkt  in 
Manchester  verkaufte.  Dieser  setzte  das  gefärbte  Zeug  nicht 
mehr  auf  Packpferden  ab,  sondern  schickte  Reisende  mit 
Mustern  umher  und  sendete  dann  den  Käufern  die  Waare 
auf  Wagen.  1760  wurde  schon  viel  Barchent  aus  Manchester 
exportirt. 

Allein  die  Kosten  des  Spinnens  standen  noch  immer  im 
Wege.  Hatte  der  Weber  nicht  Familienmitglieder  genug,  so 
musste  er  den  Spinner  theuer  bezahlen;  der  Mangel  an  Ge- 
spinnst erzeugte  eine  Art  Krisis  des  Gewerbes. 

Da  verbanden  sich  der  Spulenmacher  Highs  und  der  Uhr- 
macher Kay  ^)  zur  Construction  einer  Spinnmaschine  um  1763 
oder  1764  2).  Ihre  Bemühungen  blieben  erfolglos,  Highs  nahm 
sie  aber  allein  wieder  auf  und  es  gelang  ihm  1764  oder  1765 
die  erste  Jenny  herzustellen,  welche  6  Spindeln  zugleich  in 
Thätigkeit  versetzte.  Aus  6  Spindeln  wurden  bald  25.  Es 
ist  höchst  lehrreich,  dass  diese  Erfindung  gemacht  wurde, 
nachdem  der  steigende  Absatz  ein  Bedürfniss  nach  einer 
Productionssteigerung  erzeugt  hatte.  Die  Aufregung  der 
Arbeiter  gegen  die  Jenny  legte  sich  deshalb  auch  bald  3). 


')  Die  Uhrmacherei  hat  der  britischen  Maschinenindustrie  viele 
schöpferische  Kräfte  geliefert. 

2)  Schon  1753  hatte  (s.  Aikin  a.  a.  0.  S  466)  La¥rrence  Earnshaw 
eine  Spinnmaschine  erfunden,  der  sie  aber,  um  den  Armen  nicht  ihr  Brod 
zu  nehmen,  selbst  wieder  zerstörte  —  ein  deutlicher  Beweis,  dass  nicht 
die  technischen  Genies  als  solche  die  Fabrikindustrie  geschaffen  haben. 

3)  S.  Aikin  a.  a.  0.  S.  167. 


Die  Reihenfolge  der  Erfindungen.  591 

Diese  Jenny  verbesserte  Hargraves  1767,  der,  wie  Guest 
ausführlich  beweist,  nicht  der  ursprüngliche  Erfinder  war. 
Arkwright  gab  ihn  nur  als  solchen  aus,  weil  Highs  auch  die 
Wateifi*ame  erfand,  die  Hargraves  nicht  kannte  und  deren 
Erfindung  sich  Arkwright  selbst  zuschrieb,  so  dass  es  in 
seinem  Intei-esse  lag,  Highs  todtzuschweigen  ^). 

Die  Jenny  lieferte  baumwollenes  Schussgarn;  die  Water- 
frame, eine  stärkere  Maschine,  die  durch  Wasser  oder  Dampf 
getrieben  werden  muss,  lieferte  haltbares  Eettengam  aus 
Baumwolle,  während  man  früher  nur  Leinen  als  Kettengam 
hatte  brauchen  können. 

Die  Jenny  wurde  im  Hause  des  Webers  resp.  Spinnei*s  be- 
nutzt, steigerte  die  Production,  wälzte  aber  die  Form  der 
Production  noch  nicht  um.  Die  entscheidende  Erfindung  war 
die  Waterframe,  welche  Fabriketablissements  erforderte 
und  erst  wirklich  im  vollen  Sinne  des  Worts  eine  neue 
Maschine  war. 

Guest  eiTsählt,  dass  und  wie  es  Arkwright  gelang ,  Highs 
das  Geheimniss  der  Waterframe  und  der  Rollei*s  zu  entlocken. 
Er  bemächtigte  sich  auch  der  durch  vei*schiedene  Erfinder 
bald  darauf  zu  Stande  gekommenen  Erämpelmaschine. 

1768  baute  er  die  erste  mit  Pferdekraft  betriebene  Fabrik 
mit  Waterframe  in  Nottingham  und  nahm  auf  diese  Maschine 
1769  ein  Patent.  1771  baute  er  eine  zweite  Fabrik  in 
Grompton,  die  mit  Wasserkraft  betrieben  wurde  und  nahm 
1775  ein  Patent  auf  Krämpelmaschinen. 

1780  gab  es  20  solcher  Fabriken,  die  entweder  Arkwright 
oder  solchen  Leuten  gehörten,  die  ihn  für  sein  Patent  bezahlt 
hatten.  1782  ^)  hatte  Arkwright  mit  seinen  Gompagnons  30  000 
Pf.  St.  für  Fabrikgründungen  vei-wendet  und  4—5000  Pf.  St. 
durch  böswillige  Zerstörungen  verloren.  1790,  nachdem  Ark- 
wright inzwischen  1785  sein  Patent  durch  Process  verloren 


^)  Nach  Baines  a.  a.  0.  S.  124  war  die  Erfindung  von  Highs  selbst 
gegenüber  Wyatt  nicht  selbständig,  f&r  dessen  Priorität  Gaest  später  mehr 
Beweise  fand  Die  Maschine  von  Wyatt  war  aber  jedenfiedls  praktisch 
noch  nicht  vollkommen. 

*)  Journals  Vol.  38.    6.  Febr.  1782. 


592  Zweites  Bach,  Gap.  4. 

hatte,  gab  es  150  Fabriken  in  England  und  Wales ^).  Wir 
haben  schon  erzählt,  wie  es  in  Folge  dieser  Schöpfungen  Ton 
Arkwright  gelang,  die  Steuern  auf  gedruckten  Galico  in  Weg- 
fall zu  bringen  —  wobei  1774*)  noch  zu  Gunsten  der  neuen 
Industrie  angeführt  wurde,  dass  unter  600  Arbeitern  auch 
siebenjährige  Kinder  waren. 

Es  ist  nicht  meine  Sache,  zu  entscheiden,  ob  und  inwie- 
weit Arkwright  seine  patentirten  Erfindungen ,  wie  Guest  be- 
hauptet, wirklich  gestohlen  hat.  Dies  ist  von  Interesse  fbr  die 
Geschichte  der  Technik. 

Für  die  sociale  Geschichte  ist  nur  dies  von  Interesse,  dass 
das  durch  Ausdehnung  des  Marktes  entstandene  Bedarfoiss 
die  Anregung  zur  Anstrengung  des  technischen  Erfindungs- 
geistes gab  und  dass  technische  Genies  in  verschiedener 
Weise  Versuche  machten,  die,  einerlei  ob  sie  technisch  schon 
vollendet  waren  oder  nicht,  noch  zu  keinem  entscheidenden 
Resultate  führten,  bis  Arkwright  wirklich  eine  Fabrik  baute, 
in  der  jene  Anordnung  der  Arbeit  stattfand,  bei  der  die  neuen 
Maschinen  allein  verwerthet  werden  konnten. 

Sein  kaufmännisches  und  organisatorisches  Genie,  welches 
die  Technik  vei*stand  und  in  den  Dienst  seiner  Specalation 

^)  Nach  einer  bei  Aikin  a.  a.  0.  S.  178  citirte  Broschüre  von  1788 
gab  es  in  diesem  Jahre  123  durch  Wasser  betriebene  Spinnereien  (Mills) 
in  England,  davon  41  in  Lancashire;  femer  19  in  Schottland.  Es  gab 
zwei  Millionen  Spindeln  und  der  Werth  der  Production  betrug  jährlich 
7  Mill.  Pf.  St.  während  20  Jahre  vorher  nur  für  200,000  Pf.  St  Baum- 
wollstoflf  erzeugt  wurde.    Die  142  Fabriken  beschäftigten 

26.000  Männer, 

31,000  Frauen, 

35,000  Kinder  mit  Spinnen  allein. 
In  der  davon  abhängigen  Weberei,  Druckerei  etc.  waren  nochmals 

133,000  Männer, 

59,000  Frauen, 

48,000  Kinder 
beschäftigt,  so  dass  schon  vor  1790  die  Baumwollindustrie  330,000  Men- 
schen beschäftigte.    Doch  war  damals  die  ebenfalls  durch  Arkwright  um- 
gestiiltete  Wollweberei  quantitativ   noch  wichtiger  (s.  Ure,  Philosophy  of 
Manuf.    2.  Buch  S.  106,  138.) 

»)  S.  Journals  of  the  House  of  Commons  Vol.  34  S.  496,  708. 


Die  Reibenfolge  der  ErfindaDgen.  593 

stellte,  indem  es  verschiedene  technische  Erfindungen  jeden- 
falls veiTolIkommnete  und  in  Zusammenhang  brachte,  schuf 
um  das  Jahr  1770  die  Fabriken  zur  Hei*stellung  von  Eetten- 
gam  aus  Baumwolle  und  dies  war  der  entscheidende  Schritt  ^). 
Dadurch  wurde  die  Baumwollenindustrie  unabhängig  von  dem 
Leinengarn;  und  dadurch  wurde  vor  Allem  ein  Prodnct  der 
geschlossenen  Fabrik  hergestellt,  mit  welchem  Handwerk  und 
Hausindustrie  absolut  nicht  mehr  concuiTii*en  konnten. 

Mittlerweile  wurde  das  Schussgam  noch  in  den  Häusern 
der  Spinner  mit  der  Jenny  erzeugt. 

In  Folge  der  Krämpelmaschine  wanderte  aber  auch  die 
Schussgarnspinnerei  um  das  Jahr  1790  in  die  gi*ossen  Fabriken, 
nachdem  1775  Samuel  Crompton  die  Mule,  eine  Verbindung 
der  Jenny  mit  der  Waterframe,  erfunden  hatte*). 

Die  Mule  gab  dann  die  Veranlassung  zur  Entwicklung 
der  Muslinindustrie  in  Stockport,  etwa  1785  *). 

1790  war  man  auch  so  weit,  die  Wasserkraft  durch 
Watt's   Dampfmaschine  zu   ersetzen*),  wodurch  es  möglich 


^)  Dass  nicht  die  technische  Erfindong,  sondern  eine  neue  Organi- 
sation der  Arbeit  resp.  der  Arbeitstheilung,  die  Fabrikindastrie  begründet 
und  dass  grosser  Absatz  ihre  Vorbedingung  ist,  siehe  auch  bei  Babbage, 
On  the  economy  of  machinery  etc.    London  1846,  S.  211  ff,  und  267  ff, 

*)  Crompton  studirte  fünf  Jahre  an  seiner  Erfindung  und  erhielt,  da 
er  sie  nicht  selbst  auszubeuten  verstand,  später  auch  eine  Nationalbeloh- 
nung; siehe  Memoirs  of  the  literary  and  philosophical  sodety  of  Man- 
chester,  Second  series,  Vol.  5  S.  318  ff. 

s)  S.  Aikin  a.  a.  0.  S.  445. 

^)  S.  Memoirs  of  the  sodety  of  Manchester,  second  series.  Vol.  8 
S.  115  ff.  und  auch  Langford,  A  Century  of  Birmingham  lifo  1868,  Bd.  II. 
S.  145  ff.  Hier  ist  zu  ersehen,  dass  1762  der  Enopffabrikant  Boulton  in 
Birmingham  sein  berühmtes  grosses  Etablissement  in  Soho  begrOndete, 
in  welchem  die  verschiedensten  Prodncte  der  Metallarbeit  in  höchst  ver- 
vollkommneter Weise  hergesteUt  wurden.  1774  trat  Watt  mit  Boulton 
in  Verbindung  und  löste  hier  nach  langer  Arbeit  das  Problem  der  prak- 
tisch verwerthbaren  Dampfmaschine,  nachdem  er  schon  1769  ein  Patent 
bekommen  hatte  (s.  Journals  of  the  House  of  Commons  Vol.  35,  23.  Febr. 
und  20.  Mftrz  1775).  Auch  Wyatt  arbeitete  bei  Boulton  in  sp&terem 
Alter. 

Der  Unternehmer  Boulton  war  somit  der  unentbehrliche  Miturheber 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  38 


594  Zweites  Buch,  Cap.  4. 

wurde,  die  Fabriken  in  Städten  zu  concentriren ,    statt  sie 
zerstreut  an  Flussufem  anzulegen. 

Der  Webstuhl  allein  verblieb  noch  in  der  Hausindustria 

So  war  1790  die  Baumwollenspinnerei  als  fabrikmässige 
Maschinenindustrie  vollständig  constituirt.  Man  muss  sagen, 
dass  der  Anfang  der  Fabrikindustrie  absolut  nicht  zufällig 
war,  sondern  sich  höchst  systematisch  entwickelte.  Das  erste 
Stadium  der  Textilindustrie,  die  Spinnerei,  wurde  zuei-st  fabrik- 
mässig  organisirt,  nachdem  man  einmal  das  Bedürfniss  nach 
starker  Ausdehnung  der  Industrie  erkannt  hatte. 

Da  die  Weberei  noch  zurückgeblieben  war  und  als  Haus- 
und Handindustrie  weiter  betrieben  wurde,  so  stiegen  zunächst 
die  Weberlöhne  sehr;  sie  sanken  aber  als  das  Kettengam 
exportirt  wurde  und  man  mit  billigen  auswärtigen  Webern 
concurriren  musste,  sodass  1804  sogar  Garnexportzölle  ver- 
langt wurden^).  Dies  fand  namentlich  seit  Aufhebung  der 
Gontinentalsperre  1814  statt. 

Es  hatte  nämlich  zwar  schon  1695  De  Gennes  einen 
mechanischen  Webstuhl  construirt  und  1765  gab  es  eine  fabrik- 
mässige Weberei  in  Manchester  mit  Wasserkraft,  die  aber 
weil  jeder  Webstuhl  einen  Mann  zur  Aufsicht  brauchte,  keinen 
Gewinn  abwarf.  Die  mechanische  Weberei  wurde  erst  später 
durch  den  Geistlichen  Cartwright  begründet,  welcher  in  tech- 
nischen Dingen  gänzlich  Autodidakt  war  und  sich  in  das 
Problem  lediglich  deshalb  vertiefte,  weil  er  aus  mercantilen 
Gründen  einsah,  dass  die  Productivität  der  Weberei  entsprechend 
der  der  Spinnerei  gesteigert  werden  müsse. 

Er  erfand  1785  ^)  einen  durch  Wasser  oder  Dampf  be- 
wegten Webestuhl,  der  ihm  zuerst  1785  und  dann  wieder 
1787  mit  Verbesserungen  patentirt  wurde.  Sein  eigener  Ver- 
such, eine  fabrikmässige  Weberei  zu  begründen,  scheiterte 
und  er  bekam  vom  Parlament  eine  Nationalbelohnung. 


von    technischen  Fortschritten,   welche   die   von  Arkwright  begründetOA 
wesentlich  ergänzten. 

^)  Report  on  Dr.  Cartwright's  Petition  1808. 

«)  Report  on  Dr.  Cartwright's  Petition  1808. 


Die  Reihenfolge  der  ErfindiiDgen.  595 

1790  en-ichtete  Grimshaw  mit  Cartwright's  Erlaubniss 
eine  Dampfweberei,  die  erst  noch  mit  technischen  Schwie- 
rigkeiten wegen  Aufziehens  der  Kette  zu  kämpfen  hatte, 
und  dann  verbrannt  wurde.  1789—1800  aber  etablirten  sich 
mehrere  mechanische  Webereien  in  Schottland  und  der  Sieg 
der  Fabrikweberei  wurde  1803  durch  Thomas  Johnson's  Er- 
findung der  „dressing  frame"  entschieden.  Ein  Kind  konnte 
nun  zwei  Webestühle  bedienen  und  in  gleicher  Zeit  zwei-  bis 
dreimal  soviel  weben  als  die  besten  Handweber.  1818  gab  es 
in  Lancashire  14  mechanische  Webereien  mit  2000  Webstüh- 
len, 1821  32  Fabriken  mit  5732  Webstühlen.  Freilich  Hess 
sich  aber  nicht  jede  Ali;  von  Gewebe  auf  diesem  Wege  her- 
stellen. Man  begann  nun  auch  Spinnerei  und  Weberei  in  der- 
selben Fabrik  zu  vereinigen  und  wieder  wie  1700  wurde  der 
ganze  Process  der  Textilindustrie  unter  einem  Dach  betrieben, 
—  aber  nicht  mehr  unter  dem  Dach  des  Familienhauses. 

Arkwright  selbst  war  von  Hause  aus  ein  völlig  ungebil- 
deter Barbier,  der  sich  durch  einen  in  der  That  staunens- 
werthen  unerhört  kräftigen  Erwerbssinn  emporschwang.^)  Auch 
die  anderen  Fabrikanten  der  ersten  Zeit  waren  Parvenüs. 
Es  ist  eine  auffallende  und  in  den  andern  Industriezweigen 
sich  nicht  wiederholende  Erscheinung,  dass  die  Gründer  der 
ei*sten  grossen  Spinnereien  emporgekommene  Arbeiter  von 
hartem  —  und  rohem  Sinn  waren*),  während  kaufmännische 
Capitalisten ,  die  das  Gleiche  versuchten,  gewöhnlich  nicht 
prosperirten. 

Die  Technik  der  Baumwollspinnerei  und  Weberei  wurde 
nach  1790  fortgesetzt  weiter  vervollkommüet.*)  Sie  war  aber 
Ende  des  vorigen  Jahrhundei-ts  namentlich  durch  Arkwright 
und  Grompton  in  raschem  Siegeslauf  so  weit  gekommen,  dass 
die  sociale  Hen*schaft  der  grossen  Fabrikindustrie  dadurch 
unbedingt  begründet  war.   Und  diese  Betriebsfonn  vei-pflanzte 


')  S.  üre,  Cotton  Manufacture  1886,  Bd.  2,  S.  237  ff. ;  Faucher,  Etu- 
des  8ur  TAngleterre  Bd.  1,  S.  252  (stark  im  Anschluss  an  Baines). 

^  Gaskell,  Manufactoring  Population,  1833. 

')  Näheres  hierüber  namentlich  bei  Evan  Leigh,  Science  of  Cotton 
Spinnery. 

88* 


596  Zweites  Bach,  Gap.  4. 

sich  nun  schnell  weiter,  zunächst  auf  die  Galicodruckerei,  dann 
auch  auf  die  WoU-  und  Leinenindustrie.  Indirect  wurde  die 
Maschinenindustrie,  die  namentlich  auch  in  Manchester  blQhte^), 
die  Hohofen-  und  Bergwerksindustrie  dadurch  zu  grösserem 
Betrieb  gedrängt. 

Die  Eisenindustrie  war  lange  in  traurigem  Zustand,  bis 
es  gelang,  Steinkohle  zur  Herstellung  des  Roheisens  zu  ver- 
wenden. 

Dann  hob  sie  sich  rasch  und  gewann  besonders  durch 
den  neuen  Bedarf  an  Maschinen,  was  hinwieder  eine  grosse 
Am*egung  auf  den  Kohlenbergbau  ausübte,  in  welchem  man 
aus  Mangel  anderer  Arbeiter  bald  Kinder  verwendete.*) 

Von  den  grossen  Industrieoiten  Englands  ist  Bii*mingham 
deijenige,  in  welchem  sich  kleine  und  mittlere  Unternehmer 
neben  den  gix)ssen  am  längsten  und  erfolgi-eichsten  hielten*) 
—  doch  war  gerade  hier,  wie  wir  später  sehen  werden,  die 
Misshandlung  der  Kinder,  d.  h.  die  Auflösung  des  alten  Hand- 
werksgeistes besondei-s  stark. 

In  der  Textil-,  der  Metall-  und  Bergwerksindustrie  verlor 
so  der  kleine  Betrieb  und  die  Hausindustrie  allmälig  jede 
HeiTSchaft  und  Bedeutung  und  die  Maschinen  f&r  die  Textil- 
industrie, sowie  die  allgemeine  Anwendung  der  Dampfkraft 
waren  es,  welche  diese  Umwälzung  vollendeten.  Andere  In- 
dustriezweige schlössen  sich  an,  insofern  auch  in  ihnen  der 
grosse  concentrirte  Betrieb  für  den  Weltmarkt  heirschte,  so 
z.  B.  die  Töpferei. 

Die  keramische  Industrie,  die  in  Staffordshire  schon  seit 
1600  existiile,  aber  erst  1686  einigen  Aufschwung  nahm, 
wurde*  1763  durch  Josiah  Wedgwood  zur  Weltindustrie  und 
beschäftigte  1785   15 — 20000  Menschen  direct     W^edgwoods 


^)  First  Report  on  Artizans  and  Machinery  1824,  S.  875  ff. 

*)  Report  on  Goal  Trade,  31.  Decbr.  1800. 

•'')  Report  on  the  Copper  Mines  and  Copper  Trade,  7.  Mai  1799,  S. 
662  ff.,  wo  constatirt  wird,  dass  viele  Unternehmer  in  Birmingham  unter 
100  Pfd.  St.  haben;  einige  1000  Pfd.  St.,  die  reichsten  6000  bis  7000 
Pfd.  St. 


Die  Reihenfolge  der  Erfindungen.  597 

Manufactur  spielte  30  Jahre  lang  die  Rolle  eines  öffentlichen 

Versuchsfeldes.  0 

War  so  der  Sieg  der  grossen  Fabrikindustrie  an  der  Wende 

des  Jahrhundei*ts  entschieden,  so  gab  es  doch  Gebiete,  auf 
denen  sich  die  Umwälzung  nur  langsam  vollkommen  ausbil* 
dete  und  auf  denen  tief  in  das  19.  Jahrhundert  hinein  leidens- 
volle Uebergangszustände  sich  entwickelten.  Man  kann  sagen, 
dass  die  Schattenseiten  der  neuen  Entwicklung  —  die  wir 
immer  als  überwindbare  Uebergangsleiden  betrachten  müssen, 
sich  erst  nach  dem  entschiedenen  Siege  des  neuen  Systems 
deutlich  und  in  vollem  Umfang  zeigten.  Dies  ist  namentlich 
zu  sehen  an  der  Geschichte  der  Weberei  und  der  Tuchin- 
dustrie. 

Da  in  der  Weberei  der  Maschinenwebstuhl  später  und 
langsamer  durchdrang  als  die  Maschinen  in  der  Spinnerei  und 
da  der  mechanische  Webstuhl  auch  eine  minder  bedeutende  Pro- 
ductionssteigeining  bewirkte,  so  entstand  in  der  Weberei  eine 
langdauernde  und  schwere  Erisis  durch  das  allmälige  Ein- 
dringen der  Fabrikindustrie.  Wir  haben  davon  schon  oben, 
als  von  den  Bestrebungen  der  Handwerker  nach  Lohnregu- 
lirung  die  Rede  war,  gesprochen.  Indem  wir  auf  die  dortigen 
Ausführungen  verweisen,  ist  hier  noch  nachzutragen,  dass  in 
der  That  der  mechanische  Webstuhl  der  Hauptgrund  oder 
doch  die  entscheidende  Veranlassung  des  Elends  war.  Die 
GoncuiTenz  ausländischer  Weber  wirkte  freilich  auch  mit,  und 
der  nächste  Gnind  des  Elends  war  natürlich  die  üeberfüUung 
der  Handweberbranche  mit  Arbeitskräften.  Diese  ÜeberfüU- 
ung ihrerseits  aber  war. die  Folge  davon,  dass  sich  in  die 
Handweberei  alle  durch  die  Fabriken  brodlos  gewordenen  und 
alle  Arbeitskräfte,  die  nicht  in  Fabriken  arbeiten  mochten, 
zusammendrängten.  Alle  durch  die  allmälige  Ausbreitung  der 
Maschinen  entstandenen  Verschiebungen  der  Arbeitsmarktver- 
hältnisse drängten  sich  gleichsam  in  ihren  Wirkungen  schliess- 
lich in  der  Handweberei  zusammen,  in  der  sich  die  Masse  der 


^)  Aikin  a.  a.  0.  S.  516—586. 


608  Zweites  Baeh,  Gap.  4. 

ftrmsten  etendesten  Existenzen  befand,  die  von  den  neuen 
Fortschritten  nicht  zu  profitiren  Termochten. 

Nach  dem  HandlöomweaTers  Report  von  1834  waren  die 
Löhne  der  Tuch-  und  Leinenweber  in  Leeds  sdt  fUntekn 
Jahren  von  80  auf  20  sh.  die  Woche  gesunken  —  nach  Ein- 
führung grosser  Fabriken  (Mills).')  Die  unaufhaltsamen  Fort- 
schritte der  Maschinen  constatiren  viele  Zeugen*);  zwar  gebe 
es  noch  mehr  Hand-  als  Maschinenweber,  die  Zahl  der  letz- 
teren aber  wachse  seit  1818  *)  und  die  Handweber  nShmen 
nur  in  Folge  ihrer  Armuth  und  weil  die  Fabriken  Mädchen, 
keine  Männer  nehmen,  noch  zu>)  In  die  Leinenindustrie  war 
der  Maschinenwebstuhl  noch  nicht  eingezogen.^)  Diese  litt 
aber  durch  Concurrenz  der  MaschinenbaumwoUstofFe.  Uebri- 
gens  wai*en  die  Löhne  der  Leineweber  auch  höher.^ 

In  Bolton  ^  waren  seit  sieben  Jahreii  keine  neuen  Hand- 
stöhle  aufgestellt  worden  und  das  Uebergewicht  der  seit  1812 
dngefbhrten  Maschinen  war  besiegelt,  nicht  sowohl  wegen  des 
niedrigeren  Preises  der  Producte,  als  deshalb,  weil  die  Fabri- 
ken sicherer  lieferten  —  in  Billigkeit  concurrirte  die  Hand- 
weberei durch  die  Armuth  der  Weber. 

Es  wird  zwar  vielfach  constatirt  ^),  dass  die  Handweber- 
löhne schon  vor  den  Maschinen  gesunken  waren  —  in  Folge 
von  CoDJunctui*en :  aber  die  Maschinen  verhinderten  das  Ent- 
stehen besserer  Gonjuncturen  f&r  den  Handwerker  dauernd. 
In  Manchester  wurde  viennal  mehr  Maschinen-  als  Handge- 
webe producirt.^)  Ein  Zeuge  sagt  ganz  richtig  ^'^):  „Maschinen 
seien  im  Ganzen  einer  Nation  nützlich,  aber  sie  hätten  den 
Arbeitern  geschadet,  weil  nur  diejenigen  in  England  von  den 

»)  a.  a.  0.  S.  80,  81. 
«)  a.  a.  0.  S.  148. 
")  a.  a.  0.  Qa.  1969. 
«)  a.  a.  0.  Qu.  2584. 
<^)  a.  a.  0.  Qa.  8195. 
«)  a.  a.  0.  Qu.  5942. 
')  a.  a.  0.  Qu.  5201  und  Qu.  5326. 
»)  a.  a.  0.  Qu.  5691  und  Qu.  5727. 
^)  a.  a.  0.  Qu.  6589. 
»«)  a.  a.  0.  Qu.  6900  flf. 


Die  Reihenfolge  der  Erfindungen.  599 

Maschinen  Nutzen  hätten,  die  während  der  Suspension  der 
Baai*zahlungen  Capital  zusammenrafften'^  —  d.  h.  mit  andern 
Woiiien :  die  Maschine  steigert  die  Production  und  dient  allen 
Menschen  als  Gonsumenten  —  da  ihr  Besitz  sich  aber  in  Hän- 
den Weniger  concentrirt,  so  ruft  sie  sociale  Umwälzungen  her- 
vor, resp.  begünstigt  und  befördeit  solche  und  verschlechtert 
die  Lage  des  schwächeren  Theils.  Und  der  schwächste  Theil 
sind  nicht  die  Arbeiter  an  der  Maschine  selbst,  sondern  andere 
Besitzlose,  deren  Lage  durch  die  Maschinenarbeit  gestört 
wird  —  der  Grund  der  Uebel  ist  immer  die  Vertbeilung  des 
Besitzes  und  die  Rttcksichtslosigkeit,  mit  der  das  aufstrebende 
grosse  Capital  vorgeht. 

1841  wurde  die  Lage  der  Handweber  abermals  unter- 
sucht.^) Das  Elend  dauerte  fort,  obwohl  die  Weber  meist 
selbst  Besitzer  ihrer  Stühle  waren  —  was  ein  Grund  war, 
dass  sie  selten  Strikes  machten.^)  Trotz  des  Elends  blieben 
die  Handweber  bei  ihrer  alten  Productionsweise,  die  entsetz- 
lich unter  Conjuncturen  litt,  aber  eine  gewisse  persönliche 
Freiheit  gewährte.*)  Die  Handweber  verdienten  nur  halb  so 
viel  wie  die  Fabrik weber>)  Dass  die  Concurrenz  der  Fabri- 
ken an  dem  Elend  Schuld  sei,  wurde  nun  allgemein  erkannt  ^) 
und  man  suchte  nunmehr  keine  Hülfe  mehr  durch  Lohnregu- 
lirung,  aber  man  sah  auch  nicht  ein,  dass  hier  ein  Ausnahme- 
zustand vorlag,  demzufolge  eine  herabgekommeiie  Arbeiter- 
classe  durch  Staatshilfe  in  andere  Erwerbszweige  verpflanzt 
werden  musste,  sondern  man  suchte  höchst  einseitig  Hilfe  im 
Freihandel  —  verlangte  Abschaffung  der  Zölle  auf  Korn  und 
Bauholz!  6) 

Doch  dies  gehört  einer  späteren  Zeit  an.  Ich  erwähne  es 
nur,  um  zu  zeigen,  wie  lange  diese  schwerste  von  der  schon 
längst   siegreichen   Maschinenindustrie  hervorgerufene   Erisis 


^)  Handloom  weavers  Report  1841. 

«)  a.  a.  0.  S.  32. 

»)  a.  a.  0.  S.  7. 

*)  a.  a.  0.  S.  5. 

«)  a.  a.  0.  S.  24. 

«)  S.  50  ff.,    70,    78,  124  ff. 


600  Zweites  Bach,  Ow^.  4 

daaerte.  Auch  aus  froherer  Zeit  haben  wir  ausser  dem  Hand- 
loom  weavers  Beport  von  1834  noch  viele  andere  ZeugniBN, 
welche  beweisen,  dass  in  der  gesammten  Weberd  durdi  den 
allmäligen  Sieg  der  Maschine  für  die  Handweber  die  tam- 
rigsten  Verhältnisse  entstanden.  So  wird  1824^)  eonstatirti 
dass  die  Handweberlöhne  in  Bolton  gegenaber  den  Lithnea  aa 
den  neu  eingeführten  Maschinenwebstühlen  sanken  and  daas 
in  Stockport  namentlich  seit  den  Maschinen  die  Löhne  raadi 
fielen.^)  Besonders  schlimm  war  es  in  der  Weberei  offenbar, 
dass  der  Sieg  der  Maschinen  ein  langsamer  und  allmäliger 
war  und  den  Arbeitern  nicht  durch  plötzliche  Eindrücke  ad 
oculos  demonstrirt  wurde,  dass  eine  Aenderung  der  Prodno- 
tionsweise  gebieterische  Nothwendigkeit  sei.  Der  Dampfweb- 
stuhl arbeitete  nur  zwei-  oder  dreimal  so  billig  als  der  Hand* 
Webstuhl')  und  er  Hess  sich  nur  langsam  und  successiT  auf 
verschiedene  Arten  der  Weberei  anwenden.^)  1808  besassen 
erst  gegen  30  Fabriken  Cartwright's  Webstuhl.^)  Auch  die 
Furcht  vor  den  Arbeiteiii  verzögerte  ihre  Einführung. 

1830  gab  es  in  England  und  Schottland  noch  ebenso 
viele  Handwebstühle  wie  1820.  Die  Zahl  der  Maschinen- 
webstohle  war  aber  in  diesen  zehn  Jahi*en  von  14000  aof 
55000  gewachsen,  und  sie  waren  hauptsächlich  in  der  Baum- 
wollindustrie heri*8chend  geworden.*^)  Der  mechanische  Web- 
stuhl, nicht  die  ei-ste  und  nicht  die  gewaltigste  der  neu  er- 
fundenen Maschinen  war  unzweifelhaft  diejenige  Ei*findung, 
welche  schliesslich  den  Uebergang  zu  der  neuen  Productions- 
fonn  am  schmerzlichsten  machte  —  und  doch  war  er  nöthig, 
sollte  die  englische  Textilindustrie  die  Concunenz  mit  der 
ausländischen  bestehen,  doch  hob  auch  er  die  Productivkraft 
des  Landes  und  das  Elend,  das  in  seinem  Geleite  auftrat,  war 


^)  First  Report  on  Artizans  &nd  Machinery  S.  898. 
«)  a.  a.  0.  S.  420. 

")  Report  OD  Petitions  of  Several  Weavers  1811,  S.  7,  9,  13. 
*)  Report  on  Manofactores,  Commerce  and  Shipping  1833,  S.  565. 
*)  Report  on  Dr.  Cartwrighfs  Petition  S.  7. 

^  Report  on  the  Means  of  lessening  the  evils  arising  from  the  fluc- 
toation  of  employment  in  manufactoring  districts  1830. 


Die  Reiheofolge  der  Erfindungen.  601 

nur  die  concentrirte  Folge  des  verschäiiten  Gegensatzes  zwi- 
schen Arm  und  Reich.  Nicht  Verbot  der  Maschinen  konnte 
da  helfen,  sondern  Verwendung  eines  Theils  des  im  Allgemeinen 
gestiegenen  Reichthums  im  Interesse  der  Aermsten  und 
Schwächsten.  — 

Besondere  Eigenthümlichkeiten  zeigen  sich  bei  dem  all- 
mäligen  Eindringen  der  Maschine  in  die  alte  Tuchindustrie. 
Es  wurde  nämlich  hier  nicht  nur  schliesslich  die  mechanische 
Spinnerei  und  Weberei  im  Anschluss  an  die  Baumwollindu- 
strie eingeftthii;*) ,  sondern  vorher  schon  wurden  allerlei  Ma- 
schinen für  die  vorbereitenden  und  abschliessenden  Processe 
der  Tuchproduction  benutzt  und  auch  diese  paitiellen  Um- 
wälzungen der  Technik  riefen  Stömngen  der  gewohnten  Er- 
werbsweise der  Arbeiter  hervor.  Eine  grössere  Rolle  spielte 
hier  insbesondere  die  Walkmühle  (gig-mill). 

Da  die  Tuchindustrie  schon  im  Mittelalter  bedeutend  war, 
so  bestanden  für  dieselbe  noch  lange  Gesetze,  welche  im  Geiste 
des  Mittelalters  jedem  Arbeiter  den  gewohnten  Erwerb  sichern 
wollten  und  gegen  das  Interesse  einer  Ausdehnung  der  Ge- 
saram tproduction  gleichgültig  waren.  Dahin  gehört  das  Ver- 
bot gewisser  Maschinen  und  das  Verbot  der  Vereinigung  einer 
grösseren  Zahl  von  Webstühlen  unter  einem  Dach.  Die  Gig- 
mill  speciell  war  in  Gloucestershire  längst  in  Gebrauch,  es 
entstand  aber  unter  Berufung  auf  angebliche  gesetzliche  Ver- 
bote derselben  1802  in  Wiltshire  und  Somersetshire  Aufreg- 
ung gegen  diese  Neuerung^),  in  Gloucesterehire  schon  früher.*) 

Die  Jenny  und  die  neuen  Krämpelmaschinen  fanden  ^)  etwa 
seit  1780  langsamen  Eingang  und  dies  verminderte  die  Be- 
schäftigung ganz  kleiner  Kinder,  die  bei  dem  alten  Processe 
der  Handarbeit  noch  besser  verwerthbar  waren. '^)  Es  wurden 
aber  diese  Maschinen  auch  von  kleineren  Unternehmeni  be- 
nutzt und  die  Concentrirung  der  Tuchindustrie  in   grossen 


')  Report  on  W^ooUen  Manofactore  1806,  S.  440. 

*)  a.  a.  0.  S.  3. 

^)  S.  den  nächsten  Paragraphen. 

*)  Report  on  WooUeu  Manufacture  1806,  S.  73. 

^)  a.  a.  0.  S.  32,  52. 


602  Zwdtei  Buch,  0^^  4. 

Fabriken  Yollzog  sieh  nur  langsam.  In  dem  Report  Yma  1806 
macht  sich  ja  allgemein  die  Meinung  geltend,  dass  die  kleiiiea 
Unternehmungen  und  die  grossen  Fabriken  zu  gegmaeitjgem 
Nutzen  neben  einander  bestehen  könnten.  Dieses  war  mm 
allerdings  insofern  ein  Wahn,  als  die  grossen  Fabriken  mit 
ihrer  TervoUkommneten  Arbeitstheilung  schliesslich  doch  ein 
Uebergewicht  gewannen  und  auch  die  Tuchhandweber  in  Elend 
geriethen.  Immerhin  schloss  sich  hier  das  System  grosser  ge- 
schlossener Fabriken  nicht  mit  so  unbedingter  Nothwendig- 
keit  und  Schnelligkeit  wie  in  der  Baumwollspinnerei  an  die 
Maschinen  an  und  sehr  deutlich  kann  man  hier  erkennen,  dass 
nicht  die  Maschine  als  solche  mit  einem  Schlag  die  Lage  der 
Arbeiter  änderte,  sondern  dass  solche  Aenderung  eintrat,  als 
das  grosse  Capital  sich  allmälig  der  Maschine  bemächtigte.^) 


^)  Siehe  die  AosBagen  des  Zeugen  James  Ellis,  a.  a.  0.  8.  18: 

Has  not  the  manaÜEtctare  of  WooUens  in  yonr  coontry  been  greidy 
improving  the  late  yean?  —  Tee. 

Has  not  this  been  occasioned  by  machinery?  —  Tes,  In  %  gmft 
measore. 

Supposing  a  method  shoold  be  pointed  out  to  yoo,  by  wldcii  jov 
bad  an  opportanity  of  increasing  yonr  trade  and  improving  yoar  c^dtd, 
woold  you  not  adopt  it?  —  Yes. 

Why  sbould  yoa  wish  to  deprive  the  larger  roanaüeu^tarers  of  tfae 
same  liberty  which  you  daim  for  yourself  ?  —  Because  I  believe  it  woold 
be  detrimental  to  the  country  and  particularly  to  the  clothien,  of  which 
I  am  a  branch. 

Explain,  how  it  would  be  detrimental  to  the  clothiers  and  to  your- 
self. —  To  myself  as  being  a  clothier  and  to  the  clothiers,  becanae  the 
factory  System  would  do  away  the  clothiers.  The  method  of  condncting 
business  upon  that  scale  would  do  away  that  System  which  has  been 
productive  of  great  ingenuity  in  the  trade,  the  improvements  in  the  trade 
I  may  say. 

Is  there  more  ingenuity  and  greater  improvements  on  the  small  scale 
than  on  the  large?  —  I  do  not  believe  any  improvements  have  beenmade 
since  the  large  scale  took  place  but  what  have  been  produced  by  the  do- 
mestic  manufacturies. 

The  large  factories  and  the  domestic  manufacturers  are  npon  an 
equality  in  point  of  the  use  and  advantage  of  machinery?  —  Yes. 

Siehe  femer  die  Schilderung  des  Zeugen  Cookson  aus  Leeds  (Re- 
port on  WooUen  clothiers  petition  1803);  derselbe  sagt  aus: 


Die  Reibenfolge  der  Erfindungen.  603 

Die  Fabrikanten  wuchsen  hier  auch  nicht  vorzugsweise  aus 
den  Arbeitern  heraus,  sondern  sie  recmtirten  sich  mehr  aus 
den  Kaufleuten. 

Im  ersten  Gapitel  des  zweiten  Buchs  wurde  bereits  ge- 
zeigt, wie  die  alte  Handwerksordnung  schon  vor  Einführung 
der  neuen  Betriebsformen  abgelebt  oder  todt  war^  wie  aber 
die  letzteren  eine  Art  Reaction  der  alten  Gewerbeverfassung 
erzeugten;  welche  nothwendig  im  Sande  verlaufen  musste. 
Diese  Reaction  stand  im  Zusammenhang  mit  einer  instinctiven 
Abneigung  der  Arbeiter  gegen  Maschinen  und  Fabriken,  resp. 
die  Aeusserungen  dieser  Abneigung  gingen  der  erwähnten 
schon  mehr  durchdachten  Reaction  meistens  voraus.  Wenden 
wir  uns,  nachdem  wir  die  entscheidenden  Etappen  auf  dem 
Siegesweg  der  grossen  Fabrikindustrie  gezeichnet  haben,  nun 
zur  Schilderung  des  Verhaltens  der  Arbeiter  und  der  socialen 
Folgen,  die  durch  diese  Umwälzung  eintraten. 


Tbat  he  has  been  concemed  in  the  Woollen  manofacture  about  82 
years;  and  being  fiirtber  examined,  said: 

Tbat  beretofore  tbe  woollen  manofacture  in  tbe  West  Riding  of 
Yorksbire  bas  been  carried  on  in  a  domestic  way  by  master  clotbiers 
wbo  bave  served  regulär  apprenticesbips  to  tbe  trade  and  brougbt  up  a 
yast  number  of  apprentices  under  tbem,  wbicb  master  manufacturers  al- 
ways  employed  tbe  poor  in  tbeir  neigbbourbood  as  workmen,  and  tbe 
wbole  was  wrougbt  by  manual  labour; 

Tbat  witbin  tbe  last  twenty  years  tbe  general  trade  bas  considera- 
bly  increasedf  and  macbinery  bas  been  introduced,  and  is  now  used  in  al- 
most  every  brancb  of  tbe  mannfacture,  tbe  use  of  wbicb  macbinery  in 
tbe  preparatory  process  of  tbe  raw  material  is  conceived  by  tbe  master 
clotbiers,  wbo  are  now  tbe  petitioners  for  relief,  to  be  useful  in  carrying 
on  tbe  trade;  but  tbe  collecting  tbe  looms  in  large  manafactories,  wbere 
tbe  raw  material  goes  tbrougb  tbe  preparatory  process,  wbicb  is  becoming 
very  prevalent,  will,  if  not  restrained,  tend  to  destroy  tbe  domestic  Sy- 
stem above  described  wbicb  bas  bitberto  been  productive  of  tbe  most 
beneficial  efifects. 


604  Zwdtet  Buch,  Gap.  4. 


§  8.    Opposition  Ton  Arbeitern  und  Gapitalisten 
gegen  Maschinen  und  Fabriken. 

Die  fabrikmässige  Grossindustrie  rief  plötzlichere  und 
schmerzlichere  Veränderungen  der  gewohnten  Weise  tob  Pro- 
duction  und  Erwerb  hervor,  als  es  seinerzeit  der  allmUige 
Sieg  der  Hausindustrie  that.  Es  handelte  sich  zugleich  um 
höchst  concreto  und  greifbare  Erscheinungen,  gegen  weldie 
sich  die  Leidenschaft  deijenigen  wenden  konnte,  welche  bei 
dem  Process  zunächst  verloren,  nämlich  um  Maschinen  UEd 
grosse  einförmige  Fabrikgebäude  mit  ihren  rauchenden  Schlo- 
ten. Wenn  man  bedenkt,  wie  verständnisslos  z.  B.  seiner 
Zeit  im  16.  Jahrhundert  das  Publicum  der  Erscheinung  der 
zunehmenden  Geldwirthschaft  und  des  abnehmenden  Geldwerths 
gegenüberstand  und  wie  sehr  auf  wirthschaftlichem  Gebiet  die 
Menschen  von  kurzsichtigen  Interessen  beheiTScht  werden,  w 
kann  man  nicht  erwai1;en,  dass  bei  Einfahrung  der  Maschinen 
und  Fabriken  alle  Betheiligten  den  Nutzen  dieser  Neuerung 
gleich  selbstlos  anerkannt  und  sich  auf  das  Streben,  selbrt 
Antheil  am  Maschinencapital  zu  gewinneD,  concentrirt  hätten. 

Am  1.  November  1776  petitionirten  Wollspinner  und  Weber 
aus  Somerset  um  ein  Verbot  der  Jenny.  ^) 

1780  befanden  sich  die  kleinen  Jennys  in  den  Händen 
der  Baumwollspinner  selbst  und  die  Weberlöhne  stiegen,  wfth- 
i-end  sich  die  Zahl  der  Webstühle  verdreifachte.  Die  grös- 
seren Patentmaschinen  aber,  d.  h.  Arkwright's  Neuerungen, 
setzten  viele  Hausspinner  ausser  Ei-werb  und  diese  petitionir- 
ten') um  Verbot  dieser  Maschinen,  nachdem  sie  dieselben 
zerstöi-t  hatten.  Natürlich  wurde  hier  wie  immer  behauptet, 
das  Maschinenproduct  sei  schlechter  als  das  der  Handarbeit 
Indessen  war  diese  Noth  und  Agitation  an  Stärke  mit  der 
späteren  Noth  der  Weber  nicht  zu  vergleichen,     üeber  die 


>)  Jouroals  Vol.  86. 

>)  Journals  Vol.  87.    27.  April  1780. 


Opposition  gegen  Maschinen  und  Fabriken.  605 

Jenny  insbesondere  beinihigten  sich  die  Arbeiter  in  Lancashire 
bald.i)  — 

Gleichzeitig  litt  Arkwright  selbst  unter  dem  Neid  anderer 
Capitalisten,  was  ihn  zur  Stiftung  eines  zweiten  Hauptsitzes  der 
Baumwollspinnerei  in  Schottland  veranlasste;  die  Gegner 
waren  wenigstens  insofera  erfolgi'eich,  als  Arkwright  sein  Pa- 
tent verlor.*) 

1782  war  es  nöthig,  ein  allgemeines  Gesetz  gegen  die 
Zerstörung  von  Producten  oder  Werkzeugen  der  Textilindustrie 
zu  erlassen '),  welches  Gesetz  ältere  Sti*afbestimmungen  für  ähn- 
liche Delicte  in  der  WoU-  und  Seidenindustrie  ei-setzte.  Es 
folgte  1788^)  ein  Gesetz  zum  speciellen  Schutze  derStmmpf- 
wirkerrahmen,  die  zwar  noch  nicht  in  gi'ossen  Fabriken  stan- 
den, aber  wegen  ihrer  Kostspieligkeit  dem  „Manufacturer"  (d.  h. 
herrschenden  Kaufmann)  gehörten  und  von  diesem  an  hausin- 
dustrielle Arbeiter  ausgeliehen  wuixlen.  Die  Arbeiter  wende- 
ten, da  einmal  der  Kampf  zwischen  Arbeit  und  Capital  aus- 
gebrochen war,  ihre  Wuth  gegen  diese  Maschinen,  welche,  da 
sie  ihnen  nicht  gehörten,  ein  Factor  ihrer  ünterdiUckung 
waren.  Hier  handelte  es  sich  aber  nicht  nur  um  Zerstörung, 
sondern  auch  um  Unterschlagung  der  Maschinen. 

1789*)  wurde  die  Gesetzgebung  von  1782  auch  auf  Schottland 
ausgedehnt  und  bei  dieser  Gelegenheit  zugleich  das  Verbrennen 
von  beladenen  Schiffen  neuerdings  mit  schwerster  Strafe  bedroht. 

Der  Kampf  gegen  die  Maschinen  in  der  Tuchindustrie 
begann  1794  lebhaft  zu  werden.^)  Tuchweber  aus  Gloucester- 
shire  petitionirten  unter  Berufung  auf  5.  und  6.  Edw.  VI.  c.  22 
gegen  die  im  vorigen  Paragraphen  erwähnte  Walkmühle.  Man 
gestand  übrigens  zu,  dass  dieselbe  für  grobes  Tuch  zugelassen 
werden  solle,  verlangte  aber  ihr  Verbot  für  feines  Tuch.    Auch 


^)  S.  Aikin  a.  a.  0.  S.  167. 
>)  Baines  a.  a.  0.  S.  164,  193. 
«)  22.  Georg  III.  c.  40. 
*)  28.  Georg  III.  c.  55. 
«)  29.  Georg  III.  c.  46. 

°)  S.  Journals  of  tbe  House  of  Commons  Vol.  49;  16.  Mai,  24.  Jan., 
13.,  18.,  31.  März,  8.,  30.  April,  2.,  8 ,  9.  Mai. 


606  Zweites  Bach,  Cap.  4. 

über  die  Hechel-  und  Krämpelmaschine  wurde  geklagt,  von 
denen  die  ei-stere  die  Arbeit  von  zwölf  Männern,  die  letztere 
die  von  achtzig  Weibeni  verrichtete  —  und  die  natürlich  nach 
Meinung  der  Petenten  die  Qualität  des  Products  vei-schlechter- 
ten.  Man  verlangte,  dass  diese  Maschinen  verboten  oder  doch  auf 
eine  bestimmte  Zahl  beschränkt  werden  sollten,  da  dadurch 
das  Tuch  nicht  billiger  werde,  sondeni  nur  die  reichen 
Tucher,  welche  sie  allein  kaufen  könnten,  davon 
Gewinn  hätten.  Petitionen  ausBamstaple  sagten  von  den 
Krämpelmaschinen,  dieselben  seien  in  der  Seiden-,  Baumwoll- 
und  Leinenindustrie  unschädlich,  weil  da  auch  das  Rohmate- 
rial vermehrt  werden  könne;  dies  sei  aber  in  der  Tuchindu- 
strie  unmöglich  und  deshalb  bewirkten  die  Maschinen  hier 
Erwerbslosigkeit  —  man  sieht,  wie  wohl  begreifliche  Sonder- 
interessen ei*finderisch  waren,  sich  hinter  ein  allgemeines  In- 
teresse zu  vei*stecken.  Aus  York  petitionirte  man  damals 
direct  um  ein  Verbot,  dass  die  Kaufleute  nicht  Fabrikanten 
werden  sollten. 

William  Toplis,  Erfinder  einer  mit  Wasser  betriebenen  WoU- 
krämpelmaschine,  wehrte  sich  mit  guten  —  nebenbei  bemerkt 
sehr  freihändlerischen  —  Argumenten  gegen  die  Petitionen  der 
Arbeiter;  ein  anderer  patentirter  Erfinder  von  Krämpelmaschi- 
nen aber,  Edmund  Cartwright,  erklärte  sich  in  der  That  be- 
reit, in  ein  Gesetz  zu  willigen,  das  ihm  alljährlich  nur  den 
Verkauf  einer  bestimmten  Anzahl  seiner  neuen  Maschinen  ge- 
statten würde. 

Es  ist  mir  nicht  bekannt,  dass  ein  ähnliches  Gesetz  je- 
mals erlassen  worden  wäre.  Der  Gedanke  an  sich  ist  nicht 
unvernünftig.  Es  kö*nnte  dadurch  die  Plötzlichkeit  gewerb- 
licher Umwälzungen  verhindert  und  den  Arbeitern  Zeit  ge- 
lassen werden,  allraälig  andere  Beschäftigungen  zu  suchen. 
Indessen  ist  jede  Verzögerung  eines  die  Production  hebenden 
technischen  Fortschritts  bedenklich  und  Unterstützungen  brod- 
los werdender  Arbeiter  behufs  Auswanderung  oder  Erlernung 
eines  neuen  Gewerbes  dürften  jedenfalls  weit  wirksamer  sein. 
Solche  Verzögerung  des  Fortschritts  können   den    Eigensinn 


Opposition  gegen  Maschinen  and  Fabriken.  607 

der  Arbeiter,  bei  der  alten  Betriebsweise  zu  verhaiTen,  in 
schädlicher  Weise  steigern. 

Ueber  die  weitere  Entwicklung  der  Stimmung  der  Tuch- 
arbeiter gegen  die  Walkmühle  und  die  Tuchfabriken  hat  schon 
der  vorige  Paragraph  berichtet.  Man  hörte  allmälig  in  der 
Tuchindustrie  auf,  gegen  die  Maschine  als  solche  zu  opponiren, 
stemmte  sich  aber  noch  gegen  die  Fabriken. 

Dagegen  brach  im  19.  Jahrhundert  noch  ein  besonders 
starker  Sturm  gegen  die  Maschine  im  Strumpfwirkergewerbe 
aus.^)  Es  war  dies  wohl  der  Höhepunct  wilder  Auflehnung 
gegen  das  neue  System;  es  hing  aber  diese  Bewegung  mit 
allgemeiner  Steigemng  des  radicalen  Sinnes  unter  den  Arbei- 
tern zusammen. 

Allmälig  legte  sich  überhaupt  die  Leidenschaft  gegen  die 
Maschinen.  Man  verlangte  nicht  mehr  ihr  Verbot,  sondern 
ihre  Besteuerung  zur  Ausgleichung  der  den  Handweber  drücken- 
den Lasten.-)  Unter  den  Handwebem  von  1834  war,  wie 
schon  gesagt,  keine  besondere  Leidenschaft  gegen  die  Dampf- 
webestühle als  solche  vorhanden. 

Indessen  die  Leidenschaft  gegen  die  Maschine  regte  sich 
gelegentlich  immer  wieder;  in  Bolton  fand  z.  B.  ein  Spinner- 
strike  statt,  weil  man  Maschinen  einführte  mit  400  statt  300 
Spindeln  ^) ;  und  weit  später  noch ,  zur  Zeit  der  Chartisten, 
führte  blinde  Wuth  der  Arbeiter  zu  Fabrikzerstörungen.  — 

Heute  ist  dieser  Geist  erstorben.  Man  versteht,  dass 
nicht  nur  der  Vortheil  des  Fabrikanten,  sondern  die  Existenz 
der  Gesammtzahl  der  Arbeiter  selbst  von  den  die  Production 
steigernden  Maschinen  abhängt.  Auch  die  Arbeiter  haben 
definitiv  erkannt,  dass  eine  Verbesserung  ihrer  socialen  Lage 
nicht  durch  Rückkehr  zu  grösserer  Armuth  Aller  bewirkt 
werden  könne.  Dass  es  lange  gedauert  hat,  bis  solche  Ein- 
sicht allgemein  wurde,  darf  uns  nicht  wundern,  wenn  wir 
bedenken,    dass   der  Uebergang   in  der  That  mit    giossen 


')  Siehe  oben,  Cap.  1,  §  7  (S.  484  ff.). 

')  Report  on  petitions  of  seyeral  weavers,  1811,  S.  18. 

^  Fifth  Report  on  Artizans  and  Machinery,  1824,  S.  550. 


608  Zweites  Bach,  Gap.  4. 

Schmerzen  verbunden  war  und  dass  selbst  ein  Ricardo  die 
Opposition  der  Arbeiter  gegen  die  Maschine  begriff.  Es  ist 
auch  gar  nicht  zu  leugnen,  dass  hier  ein  Fall  vorlag,  in  wel- 
chem der  Staat  berufen  war,  Uebei'gangsleiden ,  die  schuld- 
los einen  Theil  der  wirthschaftlichen  Gesellschaft  trafen,  zu 
mildem  und  dass  er  nicht  Recht  that,  sich  hier  der  iM>8itiYen 
Intervention  zu  enthalten.  Wenn  die  überschwänglichsten  man- 
chesterlichen Lobpreisungen  des  Segens  der  Maschine  und 
jene  Hymnen,  welche  Arkwright  und  andere  Neuerer  als  die 
höchsten  Wohlthäter  der  Menschheit  preisen,  auch  ganz  unbe- 
dingt wahr  und  nicht  nur  in  Bezug  auf  den  Endeffect  der 
Maschinen  und  Fabriken  richtig  wären  —  dennoch  hat  die 
Gesammtheit  kein  Recht,  sich  mit  dem  dauemden  Vortheil 
Aller  über  vorübergehende  Leiden  Einzelner  so  unbedingt  zu 
trösten,  dass  sie  unterlässt  einzuschreiten  und  zu  helfen,  auch 
wo  sie  es  mit  Erfolg  könnte.  Freilich,  es  existiite  die  officielle 
Aimenpflege  in  England.  Aber  waren  zu  Ehren  von  Arbd- 
teni,  deren  Erwerb  durch  eine  solche  Umwälzung  verloren 
ging  oder  veimindert  wurde ,  nicht  ganz  besondere  eigenthOm- 
liehe  Maassregeln  geboten?  Konnte  man  nicht  z.  B.  den  Fa- 
brikanten wirklich  eine  voiübergehende  Steuer  zur  Linderung 
von  AvbeiteiTioth  auflegen? 

Doch  diese  Fragen  gehören  der  Vergangenheit  an.  Es 
sei  zur  Entschuldigung  der  Arbeiter,  die  ihren  blinden  BLass 
gegen  die  Maschine  als  solche  wendeten,  nur  noch  hinge- 
wiesen auf  die  kurzsichtige  Schutzzollleidenschaft  der  Besitzen- 
den. Ein  üntemehmer,  der  einen  Prohibitivzoll  zum  Schutze 
seines  Products  gegen  billigeres  Product  des  Auslandes  oder 
der  ein  Monopol  auf  billiges  inländisches  Rohmaterial  ver- 
langt, ist  er  nicht  ebenso  bereit,  von  der  Gesammtheit  einen 
Verzicht  auf  billigere  und  reichlichere  Consumtion  zu  ver- 
langen, damit  er  in  der  Väter  kostspieligerer  Weise  weiter 
produciren  kann? 

Ueber  Maschinenzerstörung  und  Prohibitivzölle  schritten 
Welthandel  und  Grossindustrie  im  Laufe  der  Zeit  hinweg. 
Dass  ihrem  Siegeslauf  durch  Sonderinteressen  Hemmnisse  in 
den  Weg  gelegt  wurden,  ist  ein  natürliches  Schicksal,  welches 


Fabrikindostrie  und  Landwirthschaft  609 

sogar  einen  eigenthQmlichen  Nutzen  brachte.  Die  Nothwen- 
digkeit,  solche  Hindemisse  zu  überwinden,  spornte  und  stärkte 
die  neue  Kraft  und  bewies  ihre  Stärke  unwiderleglich.  — 


§  4.    Einwirkung  der  Fabrikindustrie  auf  die 

Landwirthschaft. 

Im  ei'sten  Capitel  des  zweiten  Buchs  haben  wir  gesehen, 
wie  die  alte  Handwerkerordnung  schon  vor  dem  Siege  der 
eigentlichen  Fabrikindustrie  durch  die  neuen  Verhältnisse, 
welche  das  sich  entwickelnde  Grosscapital  schuf,  völlig  in  Auf- 
lösung gerieth.  Durch  das  Fabriksystem  wurde  dieselbe  for- 
mell und  vollständig  vernichtet. 

Die  zwei  Stadien  —  Haus-  und  Fabrikindustrie  —  welche 
die  Hen-schait  des  Grosscapitals  Qber  die  industrielle  Arbeit 
durchlief,  wälzten  die  gesammten  Verhältnisse  des  Gewerbes 
um,  das  sich  gleichzeitig  quantitativ  gewaltig  ausdehnte.  An  die 
Stelle  der  alten  Organisation  trat  zunächst  ein  anarchisches 
Chaos,  in  welchem  nur  der  eine  feste  Halt  der  Capitalmacht 
war.  Diese  aber  als  einzige  und  schrankenlose ,  weder  durch 
den  Staat  noch  durch  Organisation  der  Arbeitenden  modificii*te 
Macht,  erweist  sich  als  unfähig,  befriedigende  Verhältnisse  für 
alle  Betheiligten  zu  schafifen.  Sie  erzeugt  grossaiüge  Reich- 
thumsvermehrung,  es  müssen  aber  andere  Kräfte  dazu  treten, 
soll  diese  Reichtiiumsveiinehrung ,  nachdem  sie  eine  gewisse 
Höhe  erreicht  hat,  die  Grundlage  des  menschlichen  Glücks 
Aller  werden.  — 

Die  Umwälzungen  in  dem  Gebiete  der  Industrie  ei*sti*eckten 
sich  aber  auch  auf  die  Landwiithschaft.  Dieselben  bewirkten 
zunächst  eine  relative  Abnahme  der  Zahl  der  Ackerbauer. 
Eine  nicht  geringe  Zahl  von  kleinen  selbständigen  Grund- 
besitzern und  PächteiTi,  die  vordem  Ackerbau  und  Haus- 
industrie zusammen  auf  dem  Lande  betrieben  hatten,  ver- 
liessen  Haus  und  Hof  und  warfen  sich  in  den  Städten  auf 
ausschliessliche  industrielle  Arbeit  Reich  gewordene  Fabri- 
kanten und  Kaufleute  kauften  Grund  und  Boden  und  stei- 
gerten die  Concentration  des  Grundbesitzes.    Der  Export  von 

Heia,  Soc.  Gesch.  Engl.  89 


(510  Zweites  Bach,  Gap.  4. 

Industrieproducten  trieb  zum  Import  von  Korn  nnd  es  war 
Veranlassung  gegeben,  im  Inland  den  Kömerban  einia- 
schrftnken  und  die  Viehzucht,  die  weniger  Arbeitskräfte  brandit 
und  durch  grossen  Betrieb  begünstigt  wird,  auszudehnen. 

Des  alten  grundbesitzenden  Adels  selbst  bemächtigte  sidi 
etwas  von  dem  speculirenden  Geiste  des  Gapitals,  wie  rieh 
dies  namentlich  in  der  praktischen  Auslegung  der  Maltbus*- 
sehen  Lehren  und  in  dem  Verlangen  nach  Komzöllen  zeigt 

Es  ist  unmöglich,  die  Verminderung  der  Zahl  der  Gnmd* 
besitzer  und  die  Einschränkung  des  KOmerbaus  1750^1832 
statistisch  nachzuweisen.  Nur  die  Thätsache,  dass  überhaupt 
das  Zahlenverhältniss  zwischen  Ackerbauern  und  Industridlen 
sich  änderte,  ist  statistisch  beweisbar  und  es  steht  im  Allge- 
meinen durch  zahlreiche  Zeugnisse  fest,  dass  überhaupt  eia 
Abfluthen  kleiner  selbständiger  Landwirthe  in  die  Reihen  des 
städtischen  Proletariats  stattfond. 

Unter  dem  Einfiuss  dieser  Verhältnisse  verwandelte  foA 
der  ländliche  Arbeiter  in  einen  Proletarier,  der,  anter  der 
Herrschaft  des  Pächter -Gapitalisten  stehend,  in  Becug  anf 
materielles  und  moralisches  Elend  dem  Fabrikarbeiter  viel- 
fach gleichkam.  Ein  Bild  davon,  wie  diese  Verhältnisse  anf 
dem  platten  Lande  sich  in  trauriger  Aehnlichkeit  mit  denen 
der  Fabrikstädte  schliesslich  gestalteten,  giebt  ein  Bericht  aus 
dem  Jahre  1843*). 

Die  Löhne  der  landwirthschaftlichen  Arbeiter  waren  im 
Allgemeinen  so  niedrig,  dass  Frauen  und  Kinder  mit  erwerben 
mussten.  Die  Feldarbeit  bietet  zwar  für  Frauen  keine  besondere 
Schädlichkeit,  ist  vielmehr  in  massigem  Umfang  ganz  wünscheus- 
werth.  Aber  die  starke  Anspannung  der  Kinder  zur  Arbeil 
machte  Schulbesuch  derselben  unmöglich,  und  mit  der  gewert)6- 
roässigen  unentbehrlichen  Feldarbeit  der  Frauen  und  Kinda 
verkamen  die  Wohnungsverhältnisse  der  Feldarbeiter.  Auch 
hier  kam  es  vor,  dass  zahlreiche  Personen  verschiedenen  Ge- 
schlechts in  denselben  Zimmern  und  Betten  schliefen^.    In 

*)  Report  of  special  assistant  Poor-Law-GommissionerB  on  the 
ployment  of  Women  and  Children  in  Agricnlture. 
^  a.  a.  0.  8.  U9,  153. 


Fabrikindiistrie  und  Landwirthschaft  611 

manchen  Bezirken  wurde  das  System  der  Kirchspiellehrlinge 
benutzt^),  um  jugendliche  Arbeiter  in  der  Landwirthschaft 
ganz  ähnlich  wie  in  der  Industrie  in  ihrer  Hülflosigkeit  un- 
würdig auszubeuten. 

Hülfe  gegen  diese  Missstände  suchte  man  mit  Recht  darin, 
dass  man  vei'suchte,  die  ländlichen  Taglöhner  ansässig  zu 
machen  —  „alotment  System"  *).  Die  Arbeiterfrage  der  Neu- 
zeit muss  im  Gebiete  der  Landwirthschaft  auf  anderem  Wege 
gelöst  werden  als  in  der  Industrie,  so  sehr  auch  die  Verhält- 
nisse der  letzteren  auf  erstere  einwirken.  Da  der  ländliche 
Arbeiter  unvermeidlicher  Weise  stets  weniger  concentrirt 
wohnen  wird  als  der  industrielle  und  städtische,  so  ist  für 
ihn  zur  Bildung  von  Corporationen  aller  Art  eine  geringere 
Möglichkeit  gegeben.  Gesetze,  welche  die  Zeit  der  Arbeits- 
dauer auch  nur  für  Kinder  und  Frauen  beschränken,  ^ind  hier 
verfehlt  und  unausführbar.  Nur  der  Schulzwang  ist  auch  auf 
dem  Lande  am  Platze.  Dagegen  ist  f(U*  den  grössten  Theil 
der  Feldarbeiter  das  Wechseln  des  Wohnorts  und  der  Thätig- 
keit  kein  Bedüi'fhiss  und  in  der  Landwirthschaft  kann  sich 
Parcellenbetrieb  neben  den  Gütern  von  grösserem  und  mitt- 
lerem Umfang  in  gewisser  Ausdehnung  unter  allen  Umständen 
halten.  Der  natürliche  und  gegebene  Weg,  einer  Noth  land- 
wiilhschaftlicher  Arbeiter  abzuhelfen,  ist  also  der,  sie  zu 
kleinen  Sondereigenthümem  zu  machen  und  sie  aus  Prole- 
tarieiTi  in  ansässige  Leute  zu  verwandeln. 

In  England  hängt  dies  mit  der  Frage  des  Rechts  an 
Grund  und  Boden  zusammen,  welche  erst  in  späterer  Zeit 
praktisch  in  Fluss  kam. 

Betrachten  wir  unsere  Zeit,  in  welcher  der  landwirth- 
schaftliche  Arbeiter  in  das  Elend  des  Proletariats  vei-strickt 
wurde,  so  fand  diese  traurige  Entwicklung  ihren  Höhepunct 
in  dem  sogenannten  Gangsystem,  welches  zwar  glücklicher- 
weise nur  vereinzelt  vorkam,  welches  aber  als  die  charakteri- 
stischste Folge  der  Einwirkung  der  industriellen  auf  die  land- 


^)  a.  a.  0.  S.  44  —  dagegen  291. 
*)  a.  a.  0.  S.  259,  294,  363. 

39 


i 


612  ZweitM  Buch ,  Giqp.  i. 

wirtbschafUichen  Verhältnisse  betrachtet  werden  nrass  ^).  Hartr 
herzige;  nur  yom  Erwerbssinn  beherrschte  Unternehmer  sam- 
melten obdachlose  Arbeiter,  Frauen  und  Snder  zu  einem 
sogenannten  Gang  und  übernahmen  mit  diesen  nomadisiren- 
den,  aufs  Härteste  behandelten  und  ansgqiressten  Arbeits- 
karten grossere  landwirthschafUiche  Arbeiten  in  Aecord«  Sie 
und  die  Pächter  profitirten  davon,  die  Arbeiter  aber  wurden 
eine  demoralisirte  Bande  ohne  Heimatb  und  Familie,  schlecht 
gelohnt  und  ernährt  und  verfielen  der  widerwärtigsten  ge- 
schlechtlichen Verwilderung«  Die  Lage  solcher  Gangarbeiter 
war  noch  schlechter  als  die  von  Fabrikarbeitern,  da  sie  ttb«- 
haupt  gar  keine  Wohnung  mehr  besassen.  Dazu  führte  das 
System,  welches  lediglich  danach  strebte,  mit  dem  geringsten 
Aufwand  den  grOssten  Productionseffect  zu  erzielen  und  ver- 
gass,  dass  alle  Steigerung  dei*  Production  nur  einen  Sinn  hat, 
wenn  sie  zur  Verbesserung  des  ganzen  menschlichen  Daseins 
aller  Betheiligten  dient. 

Auch  an  dieser  Erscheinung  sieht  man,  dass  Herrschaft 
des  Gro88Ciq[>itals  und  Grossindustrie  zunächst  den  Zweek  der 
Beichsthumsvermehrung  einseitig  in's  Auge  fassten  —  die 
Aufgabe  der  Zeit  war  und  ist  es,  nicht  der  möglichst 
vollkommenen  Erreichung  dieses  Ziels  Hindemisse  in  den 
Weg  zu  legen,  wohl  aber  ist  es  nöthig,  dass  wir  bei  dieser 
einseitigen  und  sozusagen  vorbereitenden  Arbeit  nicht  stehen 
bleiben.  — 


^)  Eine  authentische  Beschreibung  dieses  Systems  s.  Anh^y^g  unter  N. 


Fünftes   Capitel. 
Die   Lage   der  Fabrikarbeiter. 

§  1.    Frauen-  und  Kinderarbeit. 

Wir  haben  in  den  vorangehenden  Paragraphen  gesehen, 
dass  unter  der  Einführung  der  grossen  Fabriken  beson- 
ders diejenigen  Arbeiter  litten,  die  nicht  in  den  Fabriken 
waren.  Es  bleibt  uns  bewusst,  dass  die  eigentlichen  Fabrik- 
arbeiter eine  Minorität  aller  gewerklichen  Arbeiter  waren,  und 
dass  dennoch  die  Fabriken  die  Verhältnisse  der  gesammten 
Industrie  umgestalteten  resp.  deren  Umgestaltung  vollendeten 
und  besiegelten.  Wir  müssen  jetzt  untei-suchen,  wie  die  Lage 
der  Fabrikarbeiter  selbst  im  Gegensatz  zu  der  der  früheren 
Hausindustriellen  und  Handwerker  sich  gestaltete. 

Die  charakteristischste  und  auch  am  meisten  besprochene 
Eigenthtimlichkeit  der  Fabrikarbeit  ist  die  steigende  Ver- 
wendung von  Frauen  und  Kindern.  Kinder,  Weiber  und  Greise 
wurden,  wie  wir  gesehen  haben,  auch  in  der  Hausindustrie 
viel  stärker  beschäftigt  als  im  alten  Handwerk.  Aber  es  war 
doch  zumeist  eine  nur  helfende  Thätigkeit,  die  unter  Auf- 
sicht des  mitarbeitenden  Familienhauptes  vollzogen  wurde. 
Kam  auch  gelegentlich  mit  Kirchspiellehrlingen  etc.  arger  Un- 
fug vor,  so  wurden  doch  die  Kinder  nicht  systematisch  ge- 
trennt von  ihrer  Familie  beschäftigt  und  die  Arbeit  der  Kin- 
der verdrängte  und  ersetzte  nicht  geradezu  in  weitem  Umfang 
die  Arbeit  erwachsener  Männer. 

Oft  schon  habe  ich  erwähnt,  dass  auch  in  älteren  Zeiten 
Elend  und  Armuth,  Vernachlässigung  und  menschenunwürdige 


614  Zweites  Bnoh,  Ctep.  5. 

Behandlung  der  unteren  CHassen  vorgekommen  sind,  dass  aoldie 
Uebel  aber  in  unseren  modernen  Verhftltnissen ,  namentUeh 
wegen  des  Gegensatzes  zur  Lage  der  herrschenden  Cüasse 
stärker  empfunden  werden.  Wir  mttssen  hier  constatiren, 
dass  eine  Art  von  Unterdrückung  und  Elend  der  nntem 
Glassen  als  ein  durchaus  eigenthümliehes  Product  der  modernen 
Grossindustrie  bezeichnet  werden  muss  —  n&mlich  die  Aus- 
beutung der  Kinder  unter  Auflösung  der  Familienbande  und 
gänzlichem  Mangel  an  Rücksicht  auf  die  Heranziehung  einer 
gesunden  kräftigen  Generation.  — 

England  hat  den  traurigen  Ruhm,  nicht  nur  die  Grofli- 
industrie  geschaffen,  sondern  auch  dieses  Uebel  gewiaser- 
maassen  zur  Vollkommenheit  ausgebildet  zu  haben.  Die  an- 
deren Nationen  haben  es  auch  nicht  vermieden,  doch  dienten 
ihnen  —  abgesehen  von  Belgien  —  die  englischen  Voigänge 
zum  abschreckenden  Exempel.  England  hat  sich  neben  diesem 
traurigen  Ruhm  jedoch  auch  das  grosse  Verdienst  erworben, 
dass  es  mit  der  Fabrikgesetzgebung  anfing  und  den  Weg 
zeigte,  auf  dem  man  unbeirrt  durch  Freiheitsprineipien  etCi 
des  Uebels  Herr  werden  könne  und  müsse.  — 

Schon  die  Manufacturen  vor  Arkwright  wendeten  Kinder 
als  ständige  Arbeitskräfte  an  und  nur  ihre  schwache  Entwick- 
lung, ihre  minder  guten  Werkzeuge  und  minder  entwickelte 
Arbeitstbeilung  verhinderten,  dass  schon  sie  die  Kinderarbeit 
zu  einem  Nationalübel  ausbildeten.  Sie  giiffen  nach  den 
Kindern  in  demselben  naiven  Geiste,  in  dem  sich,  wie  er- 
wähnt, die  Hausindustrie  berühmte,  dass  sie  Kindern  und 
Greisen  Beschäftigung  gab.  So  erging  1764^)  eine  Petition 
aus  Winchelsea  um  Beförderung  der  Fabrikation  von  Cambricks 
und  Lawns  (Batist),  worin  fremde  Arbeiter  und  Kinderlehr- 
linge beschäftigt  wurden.  Man  bat  um  Concessionirung  einer 
Actiengesellschafb  und  ein  Zeuge  sagte  aus,  „die  Gesellschaft 
werde  durch  die  Zahl  der  Kinder,  welche  sie  beabsichtige, 
als  Lehrlinge  aus  Findelhäuseiii,  Arbeitshäuseiii  und  sonstigGti 
Orten,  wo  man  sie  bekommen  könne,  zu  entnehmen,  im  Stande 


')  Journals  Yol.  29  S.  752,  785. 


Fraaen-  and  Einderarbeit.  615 

sein,  in  3—4  Jahren  die  Waave  so  billig  zu  liefern,  dass  es 
nicht  mehr  der  Mühe  werth  sein  würde,  französische  Waare 
einzuschmuggeln.** 

Auch  in  den  Seidenmanufacturen ,  die  seit  Anfang  des 
Jahrhunderts  bestanden  und  sehr  begünstigt  wurden,  waren 
siebenjährige  Kinder  beschäftigt^). 

Hausindustrie  und  Manufacturen  hatten  langsam  das  ge- 
werbetreibende Publicum  daran  gewöhnt,  Kinder  als  Arbeits- 
kräfte willkommen  zu  heissen  und  sich  nicht  auf  die  Aus- 
bildung von  Lehrlingen  als  solche  zu  beschränken.  Auch  hier 
begann  die  Fabrikindustrie  nicht  eine  neue  Entwicklung, 
sondern  trieb  eine  schon  begonnene  auf  die  Spitze  und 
drängte  dadurch  zur  Lösung  der  grossen  Frage. 

Arkwright  selbst  war  es ,  der  in  seinen  Fabriken  syste- 
matisch Kinder  benutzte  und  durch  diese  Verwendung  und 
Organisation  neuer  billiger  Arbeitskräfte  noch  mehr  als  durch 
die  geschickte  Benutzung  neuer  Technik  die  geschlossenen 
Fabriken  begi-ündete.  Schon  Aikin^)  erkannte,  dass  hier  ein 
grosser  Missstand  vorlag ;  er  dachte  noch  nicht  an  schützende 
Gesetze,  sondern  an  freiwillig  zu  schaffende  Wohlfahrtsein- 
richtungen, er  beschreibt  uns  aber  den  Zustand  schon  gerade 
so,  wie  er  später  zur  Zeit  der  Fabrikgesetze  gescBildert  wurde: 
die  Kinder,  so  erzählt  er,  in  den  Baumwollspinnereien  werden 
von  den  Werkhäusern  in  London  und  Westminster  gesammelt 
und  in  Haufen  als  Lehrlinge  zu  Meistern  transportirt ,  die 
hunderte  von  Meilen  entfernt  wohnen.  Sie  dienen  da  gänzlich 
unbekannt  und  ungeschützt  und  vergessen  von  denjenigen, 
denen  die  Sorge  für  sie  nach  Natur  oder  Gesetz  obliegt.  Sie 
arbeiten  zu  lange,  oft  in  die  Nacht  hinein,  in  schlechter  Luft« 
unreinlich  und  argen  Temperaturwechseln  ausgesetzt.  Am 
Ende  der  sogenannten  Lehrlingszeit  sind  sie  zu  Nichts  zu 
brauchen,  die  Mädchen  werden  keine  Hausfrauen.  Die  Kinder 
verwildem  und  wachsen  ohne  religiöse  Erziehung  auf.  „Das 
Publicum  hat  ein  Recht  darauf  zu  sehen ,   dass  seine  Glieder 


')  Journals  Vol.  30  S.  93. 
*)  a.  a.  0.  S.  219  ff. 


616  Zwdlei  Biidi,  Ci|^  & 

nieht  leichtfertig  beschftdigt  und  durch  SorghMngkeit  zu  Grude 
gerichtet  werdeo.* 

Das  Unwesen  begann  mit  den  Armenldndem,  die  niaa 
als  sogenannte  Lehrlinge  für  die  mit  Wasserkraft  getriebeMB 
Fabriken  kanfte  0  und  1796  nahm  sich  das  Mancheetw  B«aid 
of  health  schon  der  Sache  an  >)•  Die  Verwildenmg  der  Oßmtr 


1)  8.  auch  Gap.  I  §  2,  oben  8.  419  iL 

*)  Gaskell  a.  a.  0.  8.  174.  Nach  dem  BQK>rt  etc.  on  chüdiw  aa- 
plojed  in  mannfactnree  1816  8.  139  sagte  Sir  Bobert  Peel  Ober  diaei 
fieard: 

With  the  pennission  of  tfae  eommittee,  I  will  read  the  beadi  ef 
Beeolntions  for  the  eonsideration  of  the  Manchester  Board  of  HMltl^ 
by  Dr.  Perdval,  Jannary  25  th.,  1796. 

„It  has  ahreadj  been  stated,  that  the  olijects  of  the  preaent  iiatita- 
tion  are  to  prevent  the  generation  of  diseases;  to  obyiate  the  spreading 
of  them  by  contagion;  and  to  shorten  the  doration  of  those  which  «dil 
by  affording  the  necessary  aids  and  comforts  to  the  sick.  In  ths  proae 
cntion  of  this  interesting  nndertaking^  the  Board  have  had  their  atteatioa 
parücolarly  directed  to  the  large  cotton  fisctories  established  in  the  tovn 
and  neighboorhood  of  Manchester;  and  they  fsel  it  a  dnty  incnmbeat 
on  them  to  lay  before  the  public  the  resolt  of  their  inquiries : 

1.  It  appears  that  the  children  and  others  who  work  in  the  large 
cotton  factories,  are  pecoliarly  disposed  to  be  affected  by  the  contagion 
of  fever  and  that  when  such  infection  is  recdved,  it  is  rapidly  propa- 
gated,  not  only  amongst  those  who  are  crowded  together  in  the  aame 
apartements,  but  in  the  families  and  neighbourhoods  to  which  they  belong. 

2.  The  large  factories  are  generally  iijurious  to  the  constitation  of 
those  employed  in  them,  even  where  no  particular  diseases  prevaü,  firom 
the  dose  confinement  which  is  ei\joined,  firom  the  debilitating  effects  of  bot  er 
impure  air,  and  from  the  want  of  the  active  exerdses  which  nature  points 
out  as  essential  in  childhood  and  youth  to  inyigorate  the  System  and 
to  fit  our  spedes  for  the  employments  and  for  the  duties  of  manhood. 

3.  The  uutimely  labour  of  the  night,  and  the  protracted  labonr  of 
the  day,  with  respect  to  children,  not  only  tends  to  diminish  futore  ex- 
pectations  as  to  the  general  sum  of  life  and  Industrie,  by  impairing  the 
strength  and  destroying  the  vital  stamina  of  the  rising  generation,  bat  it 
too  often  gives  encouragement  to  idleness,  extravagance  and  profligacy 
in  the  parents,  who,  contrary  to  the  order  of  nature,  subsist  by  the  op- 
pression  of  their  ofEspring. 

4.  It  appears  that  the  children  employed  in  factories  are  generally 


Frauen-  und  Einderarbeit  617 

liehen  Armenpflege  war  also  der  Ausgangspunct  des  allge- 
meinen Missstands  und  nicht  ein  hartherziger  Rath,  den  nach 
einer  verbreiteten  Fabel  der  gi'osse  Pitt  den  Fabrikanten  ge- 
geben haben  soll  0-  Vielmehr  erkannten ,  als  das  Unwesen 
begann,  diejenigen,  die  sich  Oberhaupt  darum  bekümmerten, 
die  Schädlichkeit  des  Systems  und  ei-st  der  späteren  Manchester- 
literatur war  es  vorbehalten,  die  Fabrikarbeit  der  Kinder  als 
einen  Segen  für  die  Nation  zu  preisen  ^). 

Die  haarsträubenden  Schilderungen  von  Misshandlung  der 
Kinder  in  Fabriken  und  Bergwerken,  wie  sie  uns  z.  B.  Marx 
und  Engels  geben,  sind  in  der  That  nicht  übeilrieben,  sondern 
zuverlässigen  Quellen  entnommen.  Meist  dienen  als  Quelle  die 
Pariamen tsunterauchungen  aus  den  vierziger  Jahren,  welche 
wegen  der  im  Gange  befindlichen  Fabrikgesetzgebung  beson- 
dei*s  eingehend  sind.  Man  kann  diese  Zeugnisse  in  der  That 
nicht  entbehren;  auch  für  die  Schilderung  der  Zeit  vor  1832 
sind  sie  wichtig,  weil  sie  zeigen,  wie  weit  es  schliesslich  kam. 
Wir  haben  sie  ja  schon  selbst  (Gap.  I.  §  2)  benutzt.    Es  giebt 


debarred  from  aU  opportunities  of  educaiion  and  from  moral  or  religioos 
Instruction.  '^ 

5.  From  the  excellent  regolations  which  subsist  in  several  Cotton 
factories,  it  appears,  tbat  many  of  these  evils  may,  in  a  considerable 
degree,  be  obviated;  we  are  therefore  warranted  by  experience,  and  are 
assured  we  shall  have  the  support  of  the  liberal  proprietors  of  these 
factories,  in  proposing  an  application  for  Parliamentary  aid  (if  other 
methods  appear  not  likely  to  effect  the  purpose)  to  establish  a  general 
System  of  laws  for  the  wise,  haman  and  equal  govemment  of  aU  such 
works." 

')  Diese  Fabel  wird  schon  bestritten  in  Alfred,  History  of  the  Fac- 
tory  Movement,  1857,  Vol.  1  c.  1. 

>)  Ich  habe  schon  erwähnt,  dass  Ure  (Philosophy  etc.  S.  311)  die 
Elinderarbeit  entzückend  findet  und  dass  er  es  für  pure  Yerlemndung,  für 
einen  Strom  von  Falschheit  und  Verleumdung  erklärt,  wenn  man  sage, 
die  Fabrikanten  hätten  ein  Interesse  an  Einderausbentung  (a.  a.  0.  S.  290). 
Auch  Cooke  Taylor  (Notes  of  a  tour  in  the  manufactoring  districts  etc. 
S.  232)  ist  der  Meinung :  Kinderarbeit  abschaffen  heisst  einfach  die  Mittel 
zum  Unterhalt  der  Kinder  wegnehmen;  und  sie  in  enge  Grenzen  zu  be- 
schränken, heisst  den  unglücklichen  Objecten  missverstandener  Humanität 
ein  Mittag-  oder  Abendessen  nehmen. 


618  Zweites  Bueh,  Ca|^  & 

aber  auch  ältere  Zeugnisse,  nämlich  vor  Allem  den  Beriekfc 
von  1816  ^),  der  unter  dem  leitenden  Einfluss  des  älteren  Sir 
Robert  Peel  erstattet  wurde,  jenes  hochverdienten  Fabrikantei^ 
der  in  Verbindung  mit  Robert  Owen  zuerst  mit  Energie  aif 
gesetzlichen  Schutz  gegen  Missbrauch  der  Kinder  drftngta  -^ 

Dieser  Bericht  giebt  ein  sehr  deutliches  Bild  von  der 
Lage  der  Kinder  —  und  von  der  Gesinnung  der  Fabrikanten, 
welche  weniger  aus  Bosheit  und  angeborener  Hartherzigkeit 
gleichgültig  g^;en  das  Kinderelend  waren  als  deshalb,  weil 
abstumpfende  Gewohnheit  und  naiver  Egoismus  sie  dafbr  blind 
machte. 

So .  sehr  das  ganze  Unwesen  zu  tadeln  und  zu  beldagen 
isty  so  darf  man  sich  überhaupt  die  Sache  nicht  so  vorsteltan, 
als  ob  die  Fabrikanten  dabei  eine  besondere  persönliche  Sdudd 
träfe.  Die  Fabrikanten  waren  Menschen,  die  dachten  und 
handelten ,  wie  jeder  Durchschnittsmensch  in  derselben  Lage 
gedacht  und  gehandelt  haben  würde  —  es  war  nicht  die  Auf* 
gäbe,  die  Fabrikanten  anzuklagen  und  strafen,  sondern  all- 
gemeine Verhaltnisse  zu  schaffen,  die  den  Unfug  unmflglidi 
machten. 

Bei  der  Enqußte  von  1816  wurden  zunächst  viele  Fabri- 
kanten vernommen,  welche  gegen  alle  Schattenseiten  dar 
Fabrik-  und  Kinderarbeit  blind  waren. 

Ein  Fabrikdirector  sagt,  er  nehme  Kinder  unter  10  Jahren 
nur  aus  Rücksicht  auf  die  Eltern,  die  Arbeiter  liebten  die 
Hitze  in  den  Fabiiken  und  die  Kinderarbeit  sei  leicht  ^)  und  die 
erwachsenen  Knaben  gingen  in  andere  Gewerbe  über,  wo  sie 
sehr  begehrt  seien!  (man  vergl.  damit  Aikin's  Meinung)'). 
Seit  30  Jahren  stehe  es  so  in  den  schottischen  Spinnereien 
und  keine  Aenderung  der  Zustände  sei  erwünscht. 

Andere  Fabrikanten   erklären  die  Fabrikräume  für  ge- 


^)  Report  on  the  Minutes  of  evidence  taken  before  the  select  com- 
mittee  in  the  State  of  the  Children  employed  in  the  Manufiftctores  of  the 
United  kingdom.    25.  April,  18.  Juni  1816. 

»)  a.  a.  0.  S.  5. 

^)  S.  aach  die  entgegengesetzte  Meinung  eines  Magistrats  a.  a.  0. 
S.  123. 


Fraaen-  und  Kinderarbeit  619 

Sund ,  die  Fabrikkinder  fQr  gesunder  als  andere ,  die  auf  der 
Strasse  heiiunlaufen ,  und  15  stündige  Arbeitszeit  für  un- 
schädlich 1). 

Vielfach  sagen  die  Fabrikanten,  dass  die  Arbeiter  keine  Ver- 
kürzung der  Arbeitszeit  wollen  aus  Furcht  vor  Lohnminderung 
und  dass  die  Kinder  in  der  Hausindustrie  schlechter  daran 
sind  als  in  den  Fabriken  ^) ,  was  andere  Zeugen  widerlegen  ^). 

Manche  Fabrikanten  gestehen  zu,  dass  Ueberarbeit  der 
Kinder  vorkomme,  wollen  aber  aus  Princip  kein  Gesetz;  so 
der  berühmte  Schöpfer  der  grossen  keramischen  Industrie, 
Wedgwood*),  der  selbst  zumeist  nur  7  jährige  Lehrlinge  vom 
13.  Lebensjahr  ab  hielt,  daneben  aber  auch  jüngere  Kinder  — 
auf  Wunsch  ihrer  Eltern. 

Die  rosigen  Aussagen  von  Fabrikanten,  denen  damals 
noch  gar  keine  Aussagen  von  Arbeitern,  sondeiii  nur  von 
Aerzten  und  Beamten  gegenübergestellt  wurden,  verdienen  in 
der  That  wenig  Glauben,  nicht  nur  weil  dieselben  zu  abge- 
stumpft gegen  das  sie  umgebende  Elend  waren,  sondem  auch 
weil  sie  sich  sehr  häufig  direct  widersprechen.  Was  soll  man 
sagen,  wenn  ein  Fabrikant  aussagt,  Arbeit  von  8jährigen 
Kindern  sei  den  Meistern  gar  nicht  voilheilhaft  —  ihr  Verbot 
aber  würde  die  Industrie  iniiniren. 

Diesen  kurzsichtigen  Anschauungen  stehen  gegenüber  die 
Aussagen  der  zwei  hervoiTagendsten  Fabrikanten  Robert  Owen 
und  Sir  Robert  Peel. 

Robert  Owen  beschäftigte  10jährige  Kinder  12  Stunden 
per  Tag  incl.  IV4  Stunde  Pause.  Sein  Vorgänger  Dale  hatte 
5— 6jährige  Kinder  beschäftigt,  die  aus  den  Armenhäusern 
von  Edingburgh  kamen  und  13  Stunden  arbeiteten.     Owen 


^)  a.  a.  0.  S.  114,  121. 

*)  a.  a.  0.  S.  53. 

')  a,  a.  0.  S.  147.  Es  kam  jedenfaUs  vereinzelt  schon  frühzeitig 
vor,  dass  die  Arbeiter  gegen  za  lange  Arbeitszeit  opponirten.  Im  Fifth 
Report  on  Artizans  and  Machinery  1824  S.  582  wird  erzählt,  dass  die 
Seiden weber  in  Macclesfield  einen  Strike  machten,  um  die  Arbeitszeit  der 
Kinder  von  12  aof  11  Stunden  zu  setzen. 

*)  Report  von  1816  S.  60  fif.,  vgl.  dazu  S.  271,  362. 


620  Zwdtei  Badi,  Cap.  5. 

war  der  Ansiebt,  es  wäre  noch  besser  die  10— 12jBliitgai 
Kinder  nur  reihenweise  den  halben  Tag  zn  beirJiÜBgSi 
und  die  Arbeitszeit  allmftlig  auf  10  Stunden  herabiuefeML 
Owen  war  damals  auf  seiner  Höhe  und  noch  nicht  der  eztrene 
Schwftrmer  späterer  Tage.  Er  yerwahrte  sich  sogar  ABgegm^ 
ein  neues  Prindp  zu  haben,  verlangte  nur  Herabsetaung  der 
Arbeitszeit  der  Kinder  und  Schulen  für  dieselben  —  und  be- 
wies durch  seine  Erfolge,  dass  dies  ohne  Schädigung  des 
Fabrikinteresses  möglich  sei  ^).  Sehr  lehrreich  sind  seine  Ais- 
fbhrungen,  dass  und  warum  die  Statistik  nichts  g^gen  die 
Schädlichkeit  der  Fabrikarbeit  tOa  die  Gesundheit  der  Kinder 
beweise  •). 

Sir  Robert  Peel  sprach  sich  in  gleichem  Sinne  wie  Owen 
aus  und  seine  Aussagen  sind  noch  dadurch  von  besonderem 
Interesse,  dass  dieselben  über  die  geschichtliche  Entwiddong 
der  Kinderarbeit  in  Fabriken  Auskunft  geben. 

Wie  erwähnt,  begann  der  ünfiig  mit  den  Armenkinden 
resp.  Kirchspiellehrlingen,  deren  Benutzung  durch  das  Geaeb 
von  1802  beschränkt  wurde. 

Nach  Owen  gab  es  vor  der  ersten  Peel's  Bill  1802  in 
Lancashire  Ober  5000  unter  10jährige  Fabrikkinder*).  Vide 
solcher  Kinder  wurden  1802  in  Yorkshire  entlassen. 

Indessen  war  trotz  Peers  Bemühungen  1816  die  Be- 
nutzung von  Kirchspielarmenkindern  noch  keineswegs  er- 
loschen. Die  Aimenkinder  stellten  noch  immer  ein  Haupt- 
contingent  und  es  kam  vor,  dass  der  Fabrikant  auf  20  Kinder 
ein  blödsinniges  nehmen  musste  *).  Doch  nahm  dieses  System 
ab  und  man  nahm  mehr  Kinder  von  freiwilligen  Eltern  ^),  die 
aber  nicht  besser  gestellt  wurden.  Diese  Aenderung  rührte 
theils  von  dem  Gesetz  von  1802,  theils  von  der  Ersetzung  der 
Wasserkraft  durch  Dampfkraft  her,  wodurch  die  Fabriken  in 


^)  a.  a.  0.  S.  20—27,  30-88,  90. 

«)  a.  a.  0.  S.  87. 

«)  a.  a.  0.  S.  86. 

*)  a.  a.  0.  S.  39,  154. 

«)  a.  a.  0.  S.  122,  134,  178,  312,  341. 


Fraaen-  und  Kinderarbeit  621 

die  grossen  Städte  zogen  ^)  und  nicht  mehr  so  leicht  Über  die 
Armenkinder  der  ländlichen  Umgebung  verfügten.  Die  Armen- 
kinder wurden  dann  verhältnissmässig  mehr  in  kleinen  Ge- 
schäften und  anderen  Industrien  als  der  Baumwollindustrie 
untergebracht  *).  Peel  selbst  schildert  diese  Entwicklung  wohl 
etwas  einseitig,  seine  Aussagen  verdienen  jedoch  jedenfalls  die 
gi'össte  Beachtung,  zugleich  auch  als  Beweis  für  seine  Ge- 
sinnungen und  Absichten^).  Er  war  ein  ei*ster  »königlicher 
Kaufmann*^  unter  den  harten,  erwerbssinnigen  und  ungebildeten 
Parvenü  -  Fabrikanten  von  Manchester  —  gleichsam  ein  Vor- 
bote der  späteren  besseren  Zeit,  in  der  der  grössere  und  mehr 
befestigte  Reichthum  der  Fabrikanten  diese  zu  humanem  Ver- 
halten gegenüber  den  Arbeitein  und  zu  staatsmännischer  Auf- 
fassung befähigte*). 


^)  a.  a.  0.  S.  141. 

')  S.  Foorth  Report  on  Artizans  and  Machinery  S.  264,  wo  be- 
richtet wird,  dass  1817  eine  Versammlung  der  Stmmpfwirkermeister  in 
Leicester  sich  über  niedrige  Löhne  beklagte  und  als  Grund  dafür  angab 
„die  ruinirende  Praxis  der  Earchspiele,  Fabrikanten  Pr&mien  ftür  die 
Beschäftigung  ihrer  Armen  zu  geben^. 

')  Vgl.  Peels  Rede  in  unserem  Anhang  unter  H. 

•*)  Cooke  Taylor,  Notes  of  a  tour  in  the  manufacturing  districts  of 
Lancashire,  London  1842  sagt  S.  101  über  den  älteren  Peel: 

„Ich  habe  Gelegenheit  gehabt,  mit  verschiedenen  Personen  zu  spre- 
chen, welche  bei  Sir  Robert  Peel  gearbeitet  hatten.  Alle  sprachen  mit 
Achtung  von  ihm,  viele  mit  Liebe.  Er  scheint  in  der  Durchführung  der 
Disciplin  sehr  streng  gewesen  zu  sein,  was  in  der  Kindheit  des  Fabrik- 
systems nothwendig  gewesen  sein  muss,  und  viel  nothwendiger  als  die- 
jenigen leicht  begreifen  können,  die  zu  einer  Sidt  lebten,  welche  bereits 
geschulte  Arbeitergenerationen  aufzuweisen  hatte.  Er  war  allen  denen 
ein  sehr  freigebiger  Patron,  die,  nachdem  sie  bei  ihm  gearbeitet  hatten, 
ein  eigenes  Geschäft  anfingen,  und  er  nahm  bis  zu  seiner  letzten  Lebens- 
stunde lebhaftes  Interesse  an  ihrem  Weiterkommen.  So  allgemein  beliebt 
war  er  bei  seinen  Arbeitsleuten,  dass ,  wie  mir  berichtet  wurde,  die  Mehr- 
zahl derselben  ihm  folgten,  als  er  von  Lancashire  nach  dem  Süden  aus- 
wanderte. Obgleich  ich  mit  seiner  parlamentarischen  Laufbahn  wenig 
sympathisirc ,  so  bewundere  ich  doch  in  seinen  Reden  eine  Ehrlichkeit 
und  Männlichkeit  der  Empfindung,  welche  Niemanden  in  Unkenntniss 
über  des  Redners  Absicht  und  Meinung  lässt.    Schliesslich,  hegte  ich 


622  Zweites  Buch,  Gap.  6. 

Wie  aul^klftrt  Peel  war,  geht  auch  darans  henror,  dm 
er  sich  völlig  klar  darüber  war,  dass  eine  Beechrfinkmig  dar 
Arbeitszeit  der  Kinder  auch  die  der  Erwachsenen  beBchrinkai 
werde  und  solle  ^). 

Zu  diesen  Aussagen  von  Owen  und  Peel  kommen  die  tw 
Aerzten,  welche  sich  meistens  sehr  ungOnstig  über  die  Wiiknug 
der  Einderarbeit  aussprechen  ^  und  die  von  Nathanid  GonU, 
welcher  Folgendes  constatirte:  Es  gab  1811  in  Mancbestar 
drca  28  053  Fabrikarbeiter,  wovon  ^5  unter  18  Jahre  alt  warea. 
Im  Krankenhaus  von  Manchester  waren  von  allen  Kranken  die 
Hälfte  skrophulös,  während  in  Liverpool  nur  152  von  15000 
Kranken  an  diesem  Uebel  litten  —  zum  deutlichen  Beweis 
der  speciellen  gesundheitsschädlichen  Wirkungen  der  Fabrik« 
arbeit*). 

Wenn  man  die  Stimmen  wägt,  so  kann  für  den  Unbe- 
fangenen kein  Zweifel  sein,  dass  im  Anfang  des  Jahrhundmti 
ein  schreiendes  Unwesen  der  Fabrikkinderarbeit  existizte. 
Sehen  wir  aber  von  den  Meinungen  der  befragten  Ausknnfls- 
Personen  ab,  so  wurden  jedenfalls  von  den  verschiedenstea 
Zeugen  viele  Thatsachen  constatirt,  welche  fbr  jeden  heatign 
Leser  das  Vorhandensein  grosser  Missstände  über  jeden 
Zweifel  stellen.  Es  kamen  auch  5jährige  Kinder  vor  mid 
selbst  der  Fall  eines  3jährigen  Fabrikkindes  wird  constatirt^). 

Zweifel  an  Beinen  Verdiensten,  so  würden  diese  beseitigt  worden  sebi 
durch  die  hohe  Achtung,  mit  welcher  ich  seinen  Namen  von  Jemandoi 
erwähnen  hörte,  welcher  mit  dem  Lobe  geizt  aber  mit  nichts  anderem, 
n&mlich  von  Mr.  Thomson  von  Primrose,  einer  der  intelligentesten  und 
wohlgesinntesten  Männer  im  nördlichen  England.  Der  Mitarbeiter  aa 
der  7.  Nummer  von  „Lancashire**  hat  seinen  Angriff  nicht  auf  Sir  Bobert 
Peel  beschränkt,  sondern  die  grosse  Mehrzahl  der  BaumwoUfiabrikanten 
in  dieselbe  weitgreifende  Beurtheilung  zusammenfasst  Ich  will  nicht  auf 
ihre  Vertheidigung  emgehen.  Es  ist  nicht  nöthig,  bei  ihrer  InteUiges» 
ihrer  Industrie  und  ihren  Unternehmungen  zu  verweilen,  wenn  die  Resul- 
tate in  nicht  abzuleugnender  Form  mir  vor  Augen  sind:  Monomentam 
si  quaeras,  circumspice. 

»)  Report  von  1816  8.  141. 

«)  a,  a.  0.  S.  32,  41,  191,  287. 

*)  S.  die  Aussage  von  Nathaniel  Gould  a,  a.  0.  S.  323  ff. 

*)  a.  a.  0.  S.  88,  96,  99,  144,  257. 


Frauen-  und  Kinderarbeit.  628 

Vielfach  wird  ausgesagt,  dass  6jährige  Kinder  in  den  Fabriken 
häufig  sind  0  ^  Z-  B.  auch  in  Seidenfabriken ,  wo  sie  aber  ge- 
sondei-te  und  kürzer  daueinde  Arbeit  hatten*).  Ein  Friedens- 
richter constatii-te,  dass  die  Kinder  in  den  Fabriken  Brech- 
mittel gegen  den  eingeschluckten  Staub  einnahmen^). 

Aber  nicht  nur  die  grosse  Jugend  der  Kinder  war  sehr 
beklagenswerth ,  sondern  ihre  Arbeitszeit  war  unmässig  lang. 
Unter  Arkwright  war  13  ständige  Arbeit  mit  einer  Mittags- 
pause von  einer  Stunde.  Es  wurde  Nachts  gesponnen  und 
unter  Tags  wurden  die  vorbereitenden  Arbeiten  vollbracht*). 
Dann  wurde  Anfangs  vielfach  mit  zwei  Reihen  von  Arbeitern 
Tag  und  Nacht  foitgearbeitet  ^)  und  es  kamen  1816  noch  solohe 
Fälle  vor.  Mehr  als  12stttndige  Arbeit  wird  zwar  von  Fabri- 
kanten fQr  selten  erklärt«)  —  Andere  sagen  aber,  14— 15 stün- 
dige Arbeitszeit  sei  die  Regel ').  Die  Kinder  sind  nicht  ge- 
bunden, sondern  können  täglich  gehen  oder  entlassen  werden  ®), 
16  stündige  Arbeitszeit  für  Kinder  und  Nachtarbeit  derselben 
kam  in  Leeds  1812  vor  ^)  und  auch  an  anderen  Orten  ^®).  Die 
Mittagsessenpause  fiel  manchmal  weg  und  das  Essen  musste  wäh- 
rend der  Arbeit  eingenommen  werden*^).  Auch  am  Sonntag 
mussten  die  Kinder  vielfach  arbeiten^*).  In  den  Baumwoll- 
spinnereien war  die  Arbeitszeit  und  das  Elend  der  Kinder  am 
grössten  ^%  das  Stehen  bei  der  Arbeit  und  die  schlechte  Luft 
in  eingeschlossenem  Raum  besondere  schädlich  i*).    Die  Zahl 


»)  a.  a.  0.  S.  86,  74. 

«)  a.  a.  0.  S.  75,  76. 

«0  a.  a,  0.  S.  121. 

*)  a.  a.  0.  S.  8. 

^)  a.  a.  0.  S.  114,  115,  189. 

«)  a.  a.  0.  S.  19. 

')  a.  a.  0.  8.  382. 

«)  a.  a.  0.  S.  20. 

ö)  a.  a.  0.  S.  89. 

")  a.  a.  0.  S.  96. 

")  a.  a.  0.  S.  225. 
")  a.  a.  0.  S.  295. 

^»)  a.  a.  0.  S.  101. 
^*)  a.  a.  0.  8.  106. 


624  Zweit«  Bnch,  Gip.  6. 

der  BanmwollfjEibriken  imd  der  darin  beschtflagten  Aibeiter 
war  viel  grtaser  als  die  aUer  anderen  Fabriken  lasammen  und 
die  Arbeitszeit  in  den  ersteren  am  länfcsten^). 

Viele  Fabrikanten  berichteten  mit  WohlgefaUen,  dasB  tb 
ihre  Fabrikkinder  durch  Schalen  ganz  besonders  gut  geaoigt 
sei  und  manche  Fabriken  unterhielten  auch  Schulen  fibr  die 
Kinder  (die  aber  nicht  viel  werth  waren)  und  Aerzte  filr  ihre 
Arbeiter*).  Oefter  wurden  Schulen  nicht  durch  die  Fahii» 
kanten  selbst  unterhalten,  sondern  es  wurden  durch  Sabacriptioii 
Sonntagsschulen  gegründet  *).  Man  konnte  in  den  Sehnkn 
deutlich  sehen.,  wie  die  Fabrikkinder  g^enüber  den  anderai 
schlecht  aussehen  und  ermttdet  sind^).  Jeden&lls  beaaditea 
keineswegs  alle  Fabrikkinder  Schulen^). 


^)  a.  a.  0.  8.  241,  808;  auch  Oaskell,  The  inannftctaring Popalattoa 
of  England  sagt,  die  Banmwollarbeiter  seien  %  aller  FabrikariMter. 

>)  Beport  Ton  1816  S.  10,  84. 

")  a.  a.  0.  S.  97. 

«)  a.  a.  0.  S.  100. 

')  a.  a.  0.  S.  828  ff.«  369;  8.  887  spricht  sich  Ckmld  darfiber  fcl* 
gendennaassen  ans: 

The  Witness  delirered  in  the  pq>er,  which  was  read:  —  »U  ia  nitik 
good  reason  coi\jectared,  that,  at  the  least,  23,000  persons  work  in  spiih 
ning  factories  sitoated  in  Manchester  an  its  immediate  neighboorhood : 
That  this  nnmber  is  Mly  one-fifth  of  the  population  of  the  said  town  and 
neighboorhood:  That  three-fifths  of  those  who  work  in  f&ctories  are  nndsr 
eighteen  years  of  age:  That  of  these  only  3317  were  foond  to  be  present 
in  all  the  Sunday-schools.  It  has  been  stated,  that  the  children  in  general 
who  work  in  spinning  fEictories  have  no  other  means  of  instmction  A«» 
what  the  Sonday  schools  afford.  It  has  also  been  stated,  that  the  j^iwwi^i 
contribations  towards  the  Support  of  all  the  Sonday-schools  amonnt  to 
abont  2400  1.  or  2500  1.  I  heg  leave  now  to  observe,  that  on  carefollj 
perusmg  the  yearly  reports  of  the  several  Sonday-schools,  it  i^pean  to 
me  highly  probable,  that  the  owners  of  the  spinning  ÜEustories,  who  it  is 
conjectored  employ  at  the  least  23,000  persons,  scarcely  contribate  one- 
twentieth  part  of  the  money  raised  towards  the  sopport  of  these  schools. 
In  examining  the  sereral  reports,  I  had  the  assistance  of  an  inteUigent 
gentleman,  who  is  better  acqoainted  the  town  of  Manchester  than  I 
myself  am;  and,  on  extracting  a  list  of  sobscriptions  of  the  owners  of 
spinnmg  fjEMitories,  we  foond  the  onited  amount  of  them  was  not  90  1. 
I  am  the  more  conversant  in  these  accoonts  from  haWng  been  many  yeaxs 


Frauen-  und  Kinderarbeit  625 

Diese  Zustände,  wie  sie  uns  der  Bericht  von  1816  schil- 
dert, waren,  wie  man  sieht,  durchaus  ein  ernstes  Uebel.  Wie 
die  Gesetzgebung  demselben  allmälig  abhalf,  wäre  später  dar- 
zustellen. Vorläufig  handelt  es  sich  um  die  Schilderung 
und  Erkläi-ung  der  Zustände  wie  sie  geworden  waren.  Die 
Kinderarbeit  in  den  Fabriken  war  das  auffallendste  Symp- 
tom der  Zustände,  deren  Wesen  sich  dahin  zusammenfassen 
lässt,  dass  die  gesteigeite  Arbeitstheilung  in  den  Fabriken 
das  Familienleben  der  ai*beitenden  Glasse  zersetzte^).  Dahin 
wirkten  die  Fabriken  in  doppelter  Weise.  Sie  brauchten 
Arbeitskräfte,  die  höchst  einfache  und  an  sich  leichte  Mani- 
pulationen immer  wiederholten  und  nahmen  zu  diesem  Zweck 
Frauen  und  Kinder  aus  den  Familien  heraus,  die  dadurch 
auch  für  künftiges  Familienleben  unbrauchbar  gemacht  wurden. 
Ein  Theil  der  Männer  wurde  dadurch  brodlos  oder  war  auf 
armselige  Handweberei  angewiesen.  Die  Männer  aber,  welche 
in  den  Fabriken  dienten,  wurden  in  die  grossen  Städte  ge- 
zogen und  immer  seltener  wurde  der  Fall,  dass  Spinner  und 
Weber  zugleich  Land  besassen  und  etwas  Bodencultur  be- 
trieben. Die  Fabriken  wirkten  aber  auch  insofern  zei*setzend 
auf  das  Familienleben,  als  sie  das  häusliche  Spinnen  und 
Weben  für  den  eigenen  Bedarf  durch  die  Billigkeit  ihres  Pro- 
ducts unmöglich  machten,  dadurch  die  häusliche  Beschäftigung 
von  Familiengliedeiii  beschränkten  und  diejenigen,  die  über- 
haupt arbeiten  und  erwerben  wollten,  so  aus  der  Hütte  in  die 
Fabrik  zwangen. 


an  auditor  of  those  of  the  Established  Church.  I  have  considered  mj^self 
called  upon  to  offer  this  Statement  in  support  of  the  opinion  which 
I  feit  compelied  to  give  to  the  Honoorable  Committee  yesterday;  viz:  That 
the  habit  of  prosecuting  a  business,  that  of  cotton-spinning  more  especiaUy, 
by  the  excessive  confinement  and  laboor  of  children ,  has  the  unfortnnate 
effect  of  checking  these  feelings  and  that  consideration  for  their  sofferings, 
which  would  otherwise  naturally  be  exited  in  us,  and  which,  it  most  be 
allowed,  we  are  more  especially  called  upon  to  exerdse  towards  those, 
who  are  in  our  Service.**  — 

^)  Dies  betont  namentlich  Gaskell,  The  manufocturing  population  of 
England  1833;  die  historischen  Angaben  des  Verfassers  gehen  zuwenig 
auf  die  ersten  Anfänge  des  Fabrikwesens  zurück. 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  40 


626  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

Mit  dem  selbständigen  Erwerb  der  Kinder,  dem  Leben 
der  Arbeiter  in  gi*ossen  Städten  und  der  Fabrikarbeit  der 
Frauen  wurden  die  Eltern,  wie  Gaskell  sagt,  nur  noch  „Inhaber 
von  Logirhäusem  für  ihren  Nachwuchs.''  Die  Kinder  wurden 
in  der  Hitze  der  Fabrikräume  fi-ühzeitig  mannbar,  Mädchen 
heiratheten  schon  mit  10  Jahren,  oft  mit  12 — 16  Jahren,  ohne 
eine  Ahnung  der  ihnen  bevorstehenden  Pflichten  der  Mutter 
und  Hausfrau  zu  haben.  Kinder  und  Eltein  hatten  keine 
gesunde  Familienkost  mehr,  sondern  warfen  sich  auf  Tabak 
imd  Spirituosen  und  suchten  ihre  Freuden  im  Wirthshaus. 
Ein  herabgekommenes  verwildeites  Geschlecht  wuchs  heran  ^) 
und  es  ist  ein  grosser  Beweis  für  die  unverwüstliche  Lebens- 
kraft unserer  Völker,  dass  dieses  Elend  nicht  daueind  sich 
steigerte,  sondeiii  dass  man  im  Stande  war,  es  später  bis 
zu  hohem  Maasse  zu  überwinden. 

Ein  ernster  Kampf  gegen  diese  Uebel  begann  aber  erst 
später.  Zunächst  wucherte  trotz  der  verdienstvollen  Be- 
mühungen von  Peel  und  anderen  Auserwählten  das  Unwesen 
weiter. 

Am  Ende  unserer  Periode*)  gab  es  zwar  schon  ver- 
schiedene Fabriken  mit  ausgezeichneten  Einrichtungen  zum 
Besten  der  Arbeiter  und  der  Kinder  insbesondere  5).  In  der 
Mehrzahl  der  Fabriken  aber  stand  es  fortgesetzt  sehr  schlecht 


')  a.  a.  0.  schildert  Gaskell  S.  116  ergreifend  die  Lage  der  Fabrik- 
kinder: 

„Deprived  of  the  cheering  influence  of  the  fiwe  of  Nature,  robbed 
of  the  pure  breath  of  heaven,  cooped  up  in  crowded  buildings  with  the 
Babel-like  sounds  of  their  companions,  animate  and  inanimate,  their  oveiv 
strained  minds  and  bodies  know  no  return  to  healthy  feelings  ond  they 
plunge  deeper  and  deeper  into  the  whirlpool  tili  they  neither  know  their 
danger  nor,  if  they  did,  could  they  avoid  or  escape  it  without  a  moral 
discipline,  a  physical  regeneration,  which  at  present  appear,  if  not  utterly 
hopeless,  at  least  very  remote. 

^  Report  on  the  Bill  to  regulate  the  Labour  of  Children  in  Mills 
and  Factories  1832  und  First  Report  of  the  Central  Board  of  his  Mi^'esty's 
Commissoners  for  inquiring  into  the  Employment  of  Children  in  Facto- 
ries 18SS. 

^  S.  den  letzterwähnten  Report  S.  18,  28. 


Frauen-  und  Einderarbeit  627 

und  zwar  gerade  in  den  kleineren^).  Die  gegebenen  Fabrik- 
gesetze blieben  in  Folge  des  Wideratands  der  kleineren  Fabri- 
kanten unausgefbhrt').  Die  gewöhnliche  Arbeitszeit,  die  in 
Schottland  und  im  Nordosten  Englands  12—13  Stunden  be- 
ti-ug,  war  zwar  in  Manchester  auf  11  Stunden  vermindert^, 
aber  die  Mahlzeitspausen  wurden  schlecht  eingehalten  und 
erzwungene  Ueberarbeit  oft  bis  Mitternacht  war  häufig*). 
Das  gewöhnliche  Alter,  in  welchem  die  Kinder  anfingen  in 
Fabriken  zu  gehen,  war  zwar  9  Jahre,  doch  kamen  immer  noch 
5jährige  Kinder  vor,  6-  und  7jährige  waren  nicht  selten*). 
Diese  Kinder  arbeiteten  im  Allgemeinen  ebenso  lange  wie  die 
erwachsenen  Arbeiter  und  wurden  von  letzteren  oft  hart  be- 
handelt^. Mit  dem  Schulunterricht  stand  es  womöglich 
schlechter  als  früher^).  In  allen  Fabriken  litten  die  armen 
Kinder  an  unnatürlicher  Müdigkeit  und  allerlei  Krankheiten  ^). 
Dabei  hatte  sich  das  Uebel  durch  Vermehrung  der  Zahl  der 
Fabriken  auf  immer  weitere  Ki-eise  erstreckt. 

1834  gab  es  in  Schottland  380  Fabriken  in  der  Baum- 
woll-,  Leinen-,  WoU-  und  Seidenindustrie,  darunter  nur  6 
Seidenfabriken.  Die  Tuchfabriken  waren  meist  kleinei*en  Um- 
fangs^).  In  diesen  Fabriken  waren  46825  Pei'sonen  beschäf- 
tigt, darunter 

1 193  unter  11  Jahren, 
6  228  unter  13  Jahren  und 
13  721  zwischen  13  und  18  Jahren. 

Im  Norden  Englands  gab  es  52  Fabriken  mit  3960  Ar- 
beitern, daiointer 


*)  a.  a.  0.  S.  16. 
«)  a.  a.  0.  S.  82. 
3)  a.  a.  0.  S.  7. 
*)  a.  a.  0.  S.  12. 
»)  a.  a.  0.  S.  15. 
«)  a.  a.  0.  S.  31,  20. 
')  a.  a.  0.  S.  80. 
«)  a.  a.  0.  8.  25. 

')  Return  of  the  Names  of  the  Inspecton  of  Factories  and  Copies 
of  the  Reports  presented  by  them.    11.  August  1884. 

40* 


628  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

69  unter  11  Jahi-en, 
418  unter  13  Jahren  und 
1119  zwischen  13  und  18  Jahren. 

In  Lancashire  hatten  sich  die  Fabriken  noch  stärker  ver- 
mehrt. Gegenüber  dieser  allgemeinen  Ausdehnung  der  Kinder- 
arbeit, namentlich  in  den  Baumwollfabriken,  kam  es  nicht  in 
Betracht,  dass  in  der  Tuchindustrie  die  Einschränkung  der 
Hausindustrie  durch  Fabriken  eine  Vermindeiiing  der  Kinder- 
arbeit hei-vorrief  ^)  namentlich  der  Verwendung  der  jüngsten 
Kinder,  deren  helfende  und  vorbereitende  Thätigkeit  im  Hause 
der  ElteiTi  aufhörte  —  die  aber  nichtsdestoweniger,  wenn  die 
Eltern  in  die  Fabrik  gingen,  den  Segen  des  Familienlebens 
verloren. 

Bis  zum  Jahre  1833  hatte  man  nur  die  Kinderarbeit  in 
den  der  tonangebenden  Textilindustrie  zugehörigen  Fabriken 
der  öffentlichen  Beachtung  unterworfen.  Das  Uebel  verbrei- 
tete sich  aber  von  da  aus  auch  in  andere  Productionszweige, 
worüber  die  späteren  Untersuchungen  von  1842  und  1843 
Auskunft  geben. 

Der  Bericht  von  1842  *)  schildert  die  Zustände  in  Berg- 
und  Hüttenwerken,  wie  sie  damals  waren  und  entwirft  ein 
Bild,  demzufolge  es  nicht  zu  verkennen  ist,  dass  das  Uebel 
missbräuchlicher  Anwendung  von  Kinderarbeit  in  den  Kohlen- 
gruben auf  die  höchste  Höhe  getrieben  wurde.  Wann  das 
Unwesen  hier  begann  und  sich  ausbreitete,  ist  nicht  zu  er- 
sehen, es  wird  nur  gesagt,  dass  schon  im  vorigen  Jahrhundert 
geklagt  wurde  ^),  so  dass  wir  jedenfalls  berechtigt  sind,  anzu- 
nehmen, dass  die  1842  geschilderten  Zustände  schon  vor  1832 
existirten. 

Auch  hier  war  das  Uebel  besonders  stark  in  den  kleine- 
ren Gruben  capitalarmer  Besitzer  und  in  solchen  Gruben,  in 


*)  Dies  wird  in  dem  Woollen  Manufacture-Report  von  1806  mehr- 
fach constatirt,  z.  B.  S.  32,  52  ff.,  73» 

*)  Children's  Employment  Commission,  First  Report  1842. 

")  Lord  Doundonald  machte  1793  auf  das  scandalum  aufmerksam, 
dass  in  Schottland  kleine  Mädchen  unter  der  Erde  arbeiteten,  a.  a.  0. 
S.  28. 


Frauen-  und  Einderarbeit  629 

denen  die  geringe  Mächtigkeit  des  Kohlenlagers  zur  Anlage 
niedriger  Gänge  veranlasste,  in  denen  Kinder  sich  noch  be- 
wegen konnten,  nicht  aber  Pferde  oder  Esel.^)  Die  Kinder 
wurden  dazu  verwendet,  die  Thüren  in  den  Gängen  auf  und 
zuzumachen,  die  Wege  zu  reinigen,  Kohlen  in  die  Rollwagen 
zu  ti*agen,  Wasser  auszupumpen  —  und  den  Rollwagen  in  den 
niedrigen  Gängen  kriechend  zu  ziehen.')  Auch  das  kam 
vor,  dass  Mädchen  schwere  Kohlenlasten  auf  ihrem  Rücken 
hohe  Leitein  hinaufschleppen  mussten.  Die  Frauenarbeit 
unter  der  Erde  war  besonders  in  Schottland  entwickelt,  wo 
die  Frauen  die  allerunangenehmsten  Arbeiten  übernahmen.') 

Die  Bei'gwerksbesitzer  behaupteten  zwar,  es  würden  nur 
acht  bis  neunjährige  Kinder  beschäftigt.  Die  Besitzer  aber 
wussten  gar  nicht,  was  in  der  Tiefe  der  Giube  vorging,  denn 
sie  waren  mit  ihren  speculativen  Berechnungen  über  der  Erde 
beschäftigt.  Eine  erdiUckende  Menge  von  Fällen,  die  consta- 
tirt  wurden,  bewiesen  unwiderleglich ,  dass  sieben-  bis  acht- 
jährige Kinder  ganz  gewöhnlich,  sechsjährige  nicht  selten 
waren.*)  Selbst  Fälle  von  vieijährigen  Kindern  wurden  con- 
statiit.*)  Um  vier  oder  fünf  Uhr  Morgens  wurden  die  armen 
Geschöpfe  aus  den  Betten  zu  15 — 16 stündiger  Arbeit^)  her- 
ausgerissen ;  sie  genossen  dabei  mitunter  die  Gesellschaft  total 
nackt  arbeitender  Männer  und  wurden  von  dem  Aufsichtsper- 
sonal mit  Schlägen  tractiit^). 

Die  durchschnittliche  Arbeitszeit  betrug  wohl  nur  zwölf 
Stunden,  aber  mehr  als  sechzehnstündige  Arbeitszeit  und 
regelmässige  Nachtarbeit,  sei  es  zur  Vorbereitung  der  Tages- 
arbeit oder  zur  ununterbrochenen  Fortsetzung  des  Betriebs 
mit  zwei  Reihen  von  Arbeiteni  kamen  vor^);  die  Mahlzeits- 


^)  a.  a.  0.  S.  10,  68. 

>)  a.  a.  0.  S.  66,  91. 

«)  a.  a.  0.  S.  24,  91. 

*)  a.  a.  0.  S.  9  ff: 

»)  a.  a.  0.  S.  9,  15,  16. 

«)  a.  a.  0.  S.  50,  51. 

')  a.  a.  0.  S.  84,  125. 

«)  a.  a.  0.  S.  106  ff.,  115,  116. 


680  Zweites  Bach,  Cap.  5. 

pausen  wurden  meist  nicht  eingehalten.^)  Vereinzelt  kam 
48Btündige  ununterbrochene  Arbeit  vor.^)  Bei  der  Nachtarbeit 
stieg  die  Gefahr  der  Verunglückung,  die  in  Bergwerken  ohne- 
dies schon  ungewöhnlich  gross  ist,  noch  bedeutend.') 

In  den  Eisenerzgruben  wurden  noch  mehr  Kinder  be- 
schäftigt als  in  den  Kohlengruben^),  weniger  dagegen  in  den 
Berg-  und  Hüttenwerken,  die  andei-e  Erze  gewannen  und 
Metalle  verarbeiteten.^) 

Die  Löhne  waren  in  den  Bergwerken  zwar  nicht  so  hoch, 
dass  die  Eltern  den  Miterwerb  der  Kinder  entbehren  konnten, 
aber  sie  genügten  im  Allgemeinen  zu  guter  Einährung  und 
weil  die  Bergwerksarbeit  die  Muskeln  vielseitig  in  Thätigkeit 
versetzte,  so  wurden  die  Bergarbeiter  zwar  keine  physisch 
degenerirte  Rasse,  sie  litten  aber  an  verschiedenen  specifischen 
Krankheiten  und  waren  ein  früh  dahinwelkendes  Geschlecht.^ 

Der  Bericht  von  1843 ')  verbreitet  sich  über  die  Verhält- 
nisse der  Industrie  im  engeren  Sinne  und  zwar  über  die  ge- 
sammte  Industrie,  nicht  die  grosse  Textilindustrie  allein.  Auch 
dieser  Bericht  bildet  also  eine  unentbehrliche  Ergänzung  der 


1)  a.  a.  0.  S.  118. 

»)  a.  a.  0.  S.  116. 

»)  a.  a.  0.  S.  113,  135,  142. 

*)  Ueber  die  Zustände  in  diesen  sagt  der  Report:  When  the  natore 
of  this  horrible  labour  is  taken  into  consideration ,  its  extreme  severity, 
its  regulär  duration  of  from  12  to  14  hours  daily,  which  once  a  week  at 
least  is  extended  through  the  whole  of  the  night;  the  damp,  heated  and 
unwholesome  atmosphere  in  which  the  work  is  carried  on;  the  tender 
age  and  sex  of  the  workers;  when  it  is  considered,  that  such  labour  is 
performed  not  in  isolated  instances .  selccted  to  excite  compassion,  but 
that  it  may  be  truly  regar^ed  as  the  type  of  the  every-day-existence  of 
hundreds  of  our  fellow  creatures  —  a  picture  is  presented  of  daily  phy- 
sical  oppression  and  systematic  slavery  of  which  I  conscientiously  belieTe 
no  one  unacquainted  with  such  facta  would  credit  the  existence  of  the 
british  dominions. 

«)  a.  a.  0.  S.  196  ff.,  207  ff. 

^)  a.  a.  0.  S.  161  ff.;  s.  in  unserem  Anhang  J  einen  meist  wört- 
lichen Auszug  aus  dem  Schlussurtheil  des  Reports  von  1842. 

•    ^)  Children's  Employment  Commission,  Second  Report  1843. 


UebennäBsige  Arbeitszeit  681 

älteren  von  1816  und  1833.  Nach  diesem  Bericht  war  in  der 
Metallwaarenindustrie  von  Birmingham,  Wolverhampton  und 
Sheffield  Arbeit  von  unter  achtjährigen  Kindern  selten,  dafür 
aber  die  Behandlung  der  Lehrlinge,  namentlich  bei  den  klei- 
neren Meistern  ganz  besonders  niederträchtig.^) 

In  der  Maschinenspitzenindustrie  kamen  vierjährige  Ein-t 
der  vor,  die  täglich  zwölf,  und  sechsjährige,  die  täglich  fünf- 
zehn Stunden  arbeiteten  und  selbst  ein  Fall  von  regelmässiger 
Beschäftigung  eines  zwey ährigen  Kindes  wurde  nachgewiesen.') 
Ebenso  waren  in  der  Strumpfwirkerei  und  Kattundruckerei 
fünfjährige  Kinder  und  selbst  vieijährige  zu  finden  ^),  während 
in  der  Papierindustrie  das  jüngste  vorgefundene  Kind  neun 
Jahre  alt  war. 

Wir  fügen  noch  einige  Notizen  bei  über  die  Ausbeutung 
der  Arbeiter  überhaupt: 

In  vielen  Gewerben,  z.  B.  in  der  Glasfabrikation  und  der 
Kattundruckerei  war  Nachtarbeit  regelmässig  *),  anderswo  kam 
18  stündige  oder  unbegrenzte  Arbeitszeit  vor.^) 

Auch  auf  solche  Gewerbe,  in  denen  die  Maschine  direct 
keine  Revolution  hervorgeinifen  hatte,  erstreckte  sich  das  Un- 
wesen einer  übeimässigen  Ausdehnung  der  Arbeitszeit;  nament- 
lich entwickelte  sich  dies  bei  den  Schneiden!  während  der 
Saison,  die  überdies  in  unerträglich  überhitzten  Räumen  zu- 
sammengepfercht arbeiten  mussten.^)  — 

Die  Manchestertheoretiker  haben  freilich  aus  diesen  offi- 
ciellen  Berichten,  d.  h.  aus  den  Aussagen  der  Fabrikanten, 
Zeugnisse  dafür  beigebracht,  dass  die  Arbeiter  der  Grossin- 
dustrie sich  ausserordentlich  wohl  befinden,  dass  die  lange 
Arbeitszeit  der  Erwachsenen  und  Kinder  von  den  Arbeitern 
selbst  gewollt  ist,  ihnen  nützliche  Beschäftigung  bringt  und 


^)  a,  a.  0.  S.  7,  80,  100  ff. 

»)  a.  a.  0.  S.  10  ff. 

^)  a.  a.  0.  S.  11,  12. 

*)  a.  a.  0.  S.  66. 

»)  a.  a.  0.  S.  59,  64. 

^  a.  a.  0.  S.  115 — 121.  s.  auch  nnseren  Anhang  unter  K. 


632  Zweites  Bach,  Cap.  5. 

sie  von  Liederlichkeit  abhält  Wer  sich  aber  die  Mühe  giebt, 
die  Berichte  ganz  zu  lesen,  muss  in  ihnen  den  Beweis  finden, 
dass  die  sich  entwickelnde  Grossindustrie  eine  Ausbeutung 
und  Aussaugung  der  Menschenkraft  mit  sich  brachte.^)  Dieses 
Uebel  klebt  der  Grossindustrie  nicht  nothwendig  an  und  sie 
muss  nicht  nothwendig  daran  zu  Gioinde  gehen.  Unzweifel- 
naft  aber  stellte  es  sich  in  einem  bestimmten  Stadium  der 
Entwicklung  der  Grossindustrie  ein  und  lebte  in  wechselnden 
Formen  auch  nach  dem  Beginn  einer  energischen  Fabrikgesetz- 
gebung fort. 


§  2.     Gesundheits-  und  Wohnungsverhältnisse. 

Ure  hält  das  Leben  der  Fabrikkinder  für  das  denkbar 
gesundeste;*)  nach  seiner  Meinung  wurde  Sadler  nur  von 
Aerzten  mystificirt,  in  einer  Weise  ^),  dass  man  daraus  eine 
neue  Scene  für  Moliere's  Malade  imaginaire  machen  könne. 
Wenn  die  Fabrikarbeiter  krank  würden  und  das  ^Fabrikbein" 
bekämen,  so  sei  daran  nicht  die  Fabrikarbeit,  sondern  nur 
die  eigene  Thorheit  der  Arbeiter,  die  sich  nicht  vernünftig  er- 
nähren etc.  Schuld.*)  Ebenso  behauptet  Cooke  Taylor  ^),  dass 
zwar  in  der  That  die  Arbeiter  in  Manchester  in  sehr  schlech- 
ten Wohnungen  leben,  das  sei  aber  anderswo  auch  nicht  besser, 
und  das  Fabriksystem  sei  nicht  die  Ursache  davon,  sondern 
der  hohe  Preis  des  Bodens  und  schlechte  Localpolizei.  Uebri- 
gens  sei  Morbidität  und  Mortalität  der  Fabrikarbeiter  gerin- 
ger als  in  anderen  Ständen  ^),  man  sehe  das  auch  daran,  dass 
junge  Mächen  lieber  Fabrikarbeiterinnen  werden  als  Dienst- 
boten.   Die  gi'ossen  Städte  und  die  übrig  gebliebenen  Reste 

^)  S.  das  zusammenfassende  Urtheil  des  Reports  von  1843  in  un- 
serem Anhang  K. 

«)  Phüosophy  etc.  S.  288. 

«)  a.  a.  0.  S.  374. 

*)  a.  a.  0.  S.  385-401. 

*)  Factories  and  the  Factory  System.    London  1842.    S.  13. 

^)  a.  a.  0.  S.  56  ff. 


G^undheits-  und  Wohnungsverhältnisse.  633 

feudaler  Institutionen  seien  es,  welche  die  industriellen  Arbei- 
ter schädigten,  nicht  das  Fabriksystem. 

Man  weiss  nicht,  ob  solche  Meinungen  aus  Naivität  oder 
bewusster  Heuchelei  entspringen.  Es  ist  allerdings  ganz  un- 
möglich, aus  Erankheits-  oder  Sterblichkeitsstatistik  einen 
vollen  Beweis  fbr  die  physische  Schädlichkeit  der  Fabrikarbeit 
zu  erbringen,  weil  alle  Zahlen  über  Krankheits-  und  Sterbe- 
fälle in  gewissen  Ständen  zu  Vergleichen  unnütz  sind,  so 
lange  man  nicht  die  Zahl  der  Lebenden  und  die  Zusammen- 
setzung nach  Altersclassen  in  den  betreffenden  Ständen  kennt. 
Auch  der  Umstand,  dass  kränkliche  und  schwache  Individuen 
gewisse  Gewerbe  mit  Vorliebe  aufsuchen,  ist  zu  bedenken. 
Ich  gebe  es  einfach  zu,  dass  die  vielmissbrauchte  mittlere 
Lebensdauer  der  Fabrikai-beiter  nicht  geringer  ist  als  die 
anderer  Stände  —  aber  damit  ist  gar  nichts  bewiesen.  Als 
ich  im  Jahre  1874  die  sächsischen  Industriebezirke  bereiste, 
fiel  mir  in  ei-schreckender  Weise  auf,  dass  die  industriellen 
Arbeiter  durchschnittlich  im  Wuchs  verkümmert,  in  der  Farbe 
bleich  und  in  der  Gesichtsbildung  hässlich  waren.  Tiefliegende 
Augen  und  voi-stehende  Backenknochen  zeigten  sich  allgemein. 
Was  aber  dem  Reisenden  einen  aufregenden  Eindruck  machte, 
wurde  von  den  Ortsangesessenen  in  Folge  der  Gewohnheit 
gar  nicht  gesehen.  So  sind  auch  die  Zeugnisse  von  Ure  und 
Taylor  nicht  beweisend.  Ganz  andei*s  urtheilt  Gaskell.  ^)  Auch 
er  nimmt  an,  dass  die  mittlere  Lebensdauer  in  den  Fabrik- 
städten gewachsen  sei,  fügt  aber  dazu,  das  Volk  sei  deshalb 
nicht  gesünder  —  es  leide  nur  an  chronischen  Krankheiten  statt 
an    acuten.*)     Sßine    Schilderung   stimmt   fast  wörtlich  mit 


')  Manufacturing  Population,  S.  161—167,  220  ff.,  247  iL 

>)  S.  auch  a.  a.  0.  S.  260 : 

On  the  whole  it  may  be  said  that  the  class  of  manufacturers  enga- 
ged  in  mill  labour  exhibit  but  few  well  defined  diseases;  but  that  nearly 
the  entire  number  are  victims  to  a  train  of  irregulär  morbid  actions  chiefly 
indicated  by  disturbances  in  the  functions  of  the  digestive  apparatus  with 
their  consequent  effects  upon  the  nervous  System,  producing  melancholy, 
extreme  mental  irritability  and  great  exhaustion;  and  that  few  acute  ma- 
ladies  exist  amongst  them;  that  their  existence,  though  it  is  passed  in  one 


634  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

meinen  Eindrücken  aus  Sachsen,  wenn  er  sagt:  „Schönheit  von 
Antlitz  und  Form  sind  verloren  und  durch  Eckigkeit  er- 
setzt ,  während  das  Fleisch  sich  weich  und  schlaff  anfasst  — 
so  werden  die  Frauen  unter  dem  Fabriksystem ,  das  sie  wie- 
der wie  bei  barbarischen  Völkern  aus  Gefährtinnen  des  Mannes 
zu  Arbeitsinstrumenten  und  Geschöpfen  zur  Befriedigung  gro- 
ber Lüste  des  Mannes  macht  und  das  bei  ihnen  sogar  den 
Mutterstolz  unterdrückt;  denn  zwei  Drittheile  aller  Arbeiter- 
kinder in  Manchester  werden  durch  öffentliche  Mildthätigkeit 
aufgebracht." 

Freilich  auch  Gaskell  gesteht,  dass  die  Fabrikarbeit  als 
solche  nicht  der  Hauptgrund  des  physischen  Herabkommens 
der  Fabrikarbeiter  sei  ^) ,  sondeini  die  häusliche  Lebensweise 
—  aber  der  Verderb  der  häuslichen  Lebensweise  ist  eben 
selbst  die  natürliche,  wenn  auch  bei  hohen  Löhnen  nicht  noth- 
wendige  Folge  des  Fabriksystems,  welches  die  Familienarbeit 
der  Hausindustriellen  auflöste  und  die  Arbeiter  vom  Land  in 
die  grossen  Städte  zog,  in  denen  dann  andere  Glassen  armer 
Leute  in  Bezug  auf  Elend  mit  den  Fabrikarbeitern  wett- 
eiferten. 

Der  Fabrikarbeiter  muss  nicht  schlecht  essen  und  woh- 
nen und  mehr  im  Wirthshaus  als  zu  Hause  sein.  Er  kann 
sich ,  wie  nun  erwiesen  ist ,  wieder  zu  besserer  Lebens- 
weise emporheben.  Die  erste  Entwicklung  der  Fabrikarbeit 
hatte  aber  factisch  diese  Folge,  zumal  Ungebildete  bei  einer 
Aenderung  ihrer  Wirthschaftsweise  am  wenigsten  im  Stande 
sind,  dennoch  die  guten  Seiten  ihrer  menschlichen  Lebens- 
weise unverändert  zu  erhalten.  Die  Thatsache,  dass  menschen- 
unwürdige Wohnungen,  Ersetzen  des  Essens  durch  Trinken, 
und  allgemeine  Liederlichkeit  zuerst  in  den  grossen  Fabrik- 
städten ein  allgemeines  Uebel  wurden,  steht  unzweifelhaft  fest, 
und  nur  derjenige  kann  sich  damit  trösten,  dass  die  Fabrik- 

long  disease,  does  not  seem  shortened;  but  that  on  the  contrary  a  gene- 
ral  improvement  in  the  value  of  human  life  is  the  result  of  the  changes 
which  have  operated  on  the  condition  of  the  labouring  Community. 

^)  Obwohl  sie  durch  Kinderarbeit  und  lange  Arbeitszeit  auch  ent- 
schieden direct  gewirkt  hat,  s.  den  vorausgehenden  Paragraphen. 


Gestmdheits-  und  WohnungSTerhältnisse.  635 

arbeiter  ja  auch  anders  hätten  leben  können,  der  keine  Ahnung 
davon  hat^  wie  gesellschaftliche  Institutionen  nothwendig  auf 
die  Individuen  von  durchschnittlicher  Beanlagung  einwirken. 

Die  gesellschaftliche  Institution,  welche  das  Uebel  in  evi- 
denter Weise  zum  Ausbruch  brachte,  war  das  Fabriksystem: 
dieses  selbst  aber  war  nur  die  Form,  in  der  die  Herrschaft 
des  gi*ossen  Capitals  zur  höchsten  Höhe  gelangte.  Man  mag 
daher  sagen,  dass  nicht  die  Fabriken  der  letzte  Grund  des 
üebels  waren  —  aber  sicher  war  es  der  schroflFgewordene 
Gegensatz  zwischen  hen*schendem  Capital  und  dienendem  Pro- 
letariat, der  im  Fabriksystem  sich  am  schäiüsten  entwickelte. 
Neue  Verkehrswege  und  grosses  Capital  ermöglichten  und 
schufen  beides  —  die  Fabriken  und  die  grossen  Industrie-  und 
Handelsstädte.  Und  diese  beiden  Folgen  derselben  Gi-undur- 
sache  ei*gänzen  und  bedingen  sich  gegenseitig. 

Das  überaus  schnelle  Wachsthum  der  Fabrikstädte  trug 
das  Seinige  bei  zur  Verwilderung  des  häuslichen  Lebens. 
Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  begann  man  in  Manchester 
erst  mit  Beleuchtung  und  Pflasterung  der  Strassen  und  die 
Armen  lebten  zusammengepfercht  in  schädlichen,  dunklen, 
dumpfen  und  unbequemen  Wohnungen  ^),  während  die  Reichen 


*)  Aikin,  Description  of  the  country  round  Manche8terl795  hat  S.  193 
ein  Citat  aus  „a  paper  addressed  by  Dr.  Ferriar  to  the  committee  for  the 
regulation  of  the  police  in  Manchester"  (ohne  Jahreszahl)  die  Wohnongs- 
Verhältnisse  betreffend: 

1.  In  einigen  Stadttheilen  sind  die  Keller  so  feucht,  dass  sie  nicht  zu 
Wohnungen  tauglich  sind;  solche  Orte  sollten  den^Commissären  an- 
gezeigt werden,  die  dann  den  Eigenthümem  geeignete  VorsteUun- 
gen  machen  sollten ,  dass  sie  diese  KeUer  zu  anderen  Zwecken  be- 
nutzen möchten.  Ich  habe  mehrere  arbeitsame  Familien  gekannt, 
die  durch  einen  kurzen  Aufenthalt  in  feuchten  Kellern  der  „com- 
munity*^  verloren  gingen. 

2.  Die  Armen  leiden  öfters  viel  durch  den  beschädigten  Zustand  der 
Kellerfenster.  Dies  ist  scheinbar  ein  sehr  geringfügiger  Gegenstand, 
allein  für  die  Bewohner  sind  die  Folgen  von  der  ernstesten  Art. 
Fieber  sind  die  gewöhnlichsten  Wirkungen;  und  ich  habe  Öfters 
Schwindsuchtfälle  gekannt,  die  sich  auf  diese  Ursache  zurückführen 
Hessen.  Eingewurzelte  rheumatische  Leiden,  die  den  Kranken  für 
jede  Art  von  ßeschäfUgung  unfähig  machen,  entstehen  oft  auf  die* 


336  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

in  schönen  Villen  vor  der  Stadt  wohnten.     Nur  Peel  machte 


selbe  Weise.  Es  l&sst  sich  annehmen,  dass  diese  Quelle  von 
Krankheiten  geeignet  sei,  aus  dem  Wege  geschafft  zu  werden,  da 
es  nicht  im  Interesse  eines  Eellerbesitzers  liegen  kann,  fortwährend 
kranke  Einwohner  zu  haben. 
8.  Ich  bin  überzeugt,  dass  h&ufig  Unheil  aus  einer  Gewohnheit  ent- 
steht, die  in  vielen  engen  Hinterstrassen  herrscht,  die  Gewölbe  der 
Aborte  offen  zu  lassen.  Ich  habe  öfter  bemerkt,  dass  dieTieber 
meistens  in  solchen  Häusern  überhand  nehmen,  die  der  Ausdünstung 
von  Düngerhaufen  in  solchem  Zustand  ausgesetzt  sind.  In  einem 
Hause  in  Bootle  Street  ist  die  Mehrzahl  der  Bewohner  gelähmt  in 
Folge  der  Lage  des  Hauses  in  einer  Sackgasse  ohne  Licht  und 
Luft  In  solchen  Winkeln  sind  SchwindsuchtfäUe  und  Blödsinn 
gewöhnlich. 

4.  In  Blaketey  Street  unter  Nr.  4  befindet  sich  eine  Reihe  von  ver- 
mietheten  Kellern,  welche  eine  Brutstätte  für  Ejrankheiten  zu  wer- 
den drohen.  Sie  bestehen  aus  vier  mit  einander  in  Verbindung  steh- 
enden Zimmern,  von  welchen  die  beiden  mittelsten  völlig  dunkel 
sind;  das  vierte  hat  sehr  wenig  Licht  und  wird  hauptsächlich  durch 
die  anderen  ventilirt  In  jedem  stehen  4—5  Betten  und  alle  sind 
furchtbar  schmutzig. 

5.  Die  Logir- Häuser  an  den  äussersten  Enden  der  Stadt  erzeugen  viele 
Fieberfälle,  nicht  allein  durch  Mangel  an  Reinlichkeit  und  Luft,  son- 
dern dadurch,  dass  die  Betten  mit  den  ekelhaftesten  Sachen  aufge- 
füllt werden,  welche  von  ihrem  ersten  Ankauf  an  niemals  nur  im 
Geringsten  gereinigt  werden,  bis  sie  schliesslich  unter  ihren  Insassen 
verfaulen.  Aus  einer  wahren  Höhle  von  Logir-Häusern  in  Brook's 
entry,  in  der  Nähe  von  Long-mill-gate,  sind  die  allerschlimmsten 
Folgen  ausgegangen,  und  ich  bitte  um  Erlaubniss,  diesen  Ort  der 
ernstesten  Beachtung  des  Committee's  anempfehlen  zu  dürfen.  In 
diesen  Häusern  herrscht  und  herrschte  seit  Jahren  einsehr  gefährliches 
Fieber.  Ich  weiss,  dass  einmal  zu  gleicher  Zeit  neun  Personen  am 
Fieber  darnieder  lagen,  und  alle  zusammen  in  drei  kleine  schmu- 
tzige Zimmer  gepfercht  waren,  ohne  Wartung  irgend  eines  Freundes 
oder  einer  Pflegerin.  Vier  von  diesen  armen  Geschöpfen  starben 
lediglich  aus  Mangel  an  den  gewöhnlichen  Dienstleistungen  der 
Menschlichkeit  und  weil  ihnen  ihre  Arzeneien  nur  nachlässig  ge- 
reicht worden  waren.  In  einigen  andern  Häusern  in  derselben 
Höhle  ist  mir  bekannt,  dass  eine  ganze  Menge  von  Miethleuten  durch 
die  Einschleppung  eines  Fieberkranken  der  Ansteckung  ausgesetzt 
wurden;  doch  waren  sie  so  verblendet,  dass  sie  nicht  zu  bewegen 
waren,  dieses  Haus  zu  verlassen,  bis  sie  alle  selbst  von  der  Krank- 
heit ergriffen  waren.    Es   muss  hierbei   bemerkt  werden,   dass  die 


Gesundheits-  und  Wohnongsverhältnisse.  637 

eine  Ausnahme  und  baute  auch  cottages  für  seine  Arbeiter.^) 
Bei  der  raschen  Bevölkerungszunahme  in  den  Fabrikstädten 
fehlte  es  nicht  nur  an  Mitteln  zur  Erbauung  der  genügenden 
Zahl  guter  Wohnungen:  die  neuen  Fabrikstädte  waren  auch 
so  überaus  unschön  und  rein  auf  praktische  Zwecke  angelegt, 
es  fehlte  so  sehr  an  erhebenden  schönen  Gebäuden,  dass  dies 
allen  Sinn  der  arbeitenden  Massen  für  eine  ästhetisch  schöne 
und  dadurch  liebenswerthe  Heimath  ei*sticken  musste. 

Wir  sehen  aus  Aikin,  wie  schlimm  die  Wohnungszustände 
in  Manchester  schon  im  vorigen  Jahrhundeit  waren  und  wie 
dieselben  nicht  nur  die  Gesundheit  der  armen  Arbeiter  selbst, 
sondera  die  der  ganzen  Bevölkerung  bedrohten.  Spätere  Zeug- 
nisse beweisen  uns,  in  wie  erschreckendem  Maasse  sich  solche 
Zustände  verbreiteten. 

Der  Children's  employments  Report  von  1833*)  erzählt 
z.  B.,  dass  in  Biimingham  die  Arbeit  als  solche  selten  schäd- 
lich sei,  dass  aber  die  Kinder  Hunger  leiden  und  dass  schlecht 
gelüftete  Arbeitsräume  schädlich  wirken ;  dass  in  Wolverhamp- 
ton  die  Lehrlinge  verdorbenes  Fleisch  von  kranken  Kühen 
bekommen  und  in  Willenhall  viel  missgestaltete  Kinder  zu 
sehen  sind.  In  der  Töpferei  kommen  Ai*senikvergiftungen,  in 
der  Glasmacherei  andere  Krankheiten  vor.  Und  die  Trocken- 
schleifer in  Sheffield  leben  dann  am  längsten,  wenn  sie  sich 


frisch  vom  Lande  herelDgekommenen  Personen  am  empfänglichsten 
für  solche  Ansteckungen  sind  und  da  es  sehr  oft  vorkommt,  dass 
sie  wenige  Tage,  nachdem  sie  in  ein  solches  verpestetes  Haus  ge- 
zogen sind,  krank  werden,  so  entsteht  daraus  ein  doppelter  Scha- 
den für  die  Stadt,  die  sowohl  deren  Arbeitskraft  einbüsst,  als  sie 
den  Kranken  auch  noch  Unterstützungen  zukommen  lassen  mass. 
Eine  grosse  Anzahl  der  HauRkranken  des  Hospitals  besteht  aus 
derartigen  Leuten.  Es  ist  nicht  zu  beschreiben,  wie  entsetzlich 
diese  Häuser  sind;  oft  legt  sich  ein  frisch  vom  Lande  gekommener 
Miether  in  ein  Bett,  das  noch  von  dem  letzten  Inhaber  her  voller 
Ansteckungsstoff  ist,  oder  aus  dem  erst  seit  wenigen  Stunden  die 
Leiche  eines  Fieberopfers  hin  weggenommen  worden  war. 
Folgen  einige  Vorschläge  zur  Abhülfe. 

»)  S.  Aikin  a.  a.  0.  S.  268. 
«)  S.  100  ff. 


g38  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

dem  Trünke  ergeben,  weil  sie  dann  öfter  bei  der  Arbeit 
fehlen!  — 

Die  Kinder  in  den  Fabriken^)  leiden  alle  an  Müdig- 
keit und  Schläfrigkeit  und  viele,  namentlich  die,  welche  vor 
dem  neunten  Lebensjahr  beginnen,  an  Schmei-zen  in  den 
Beinen  und  Hüften  und  an  geschwollenen  Füssen.  Gegen  Yer- 
unglückungen  ist  nirgends  geeignete  Vorsorge  getroffen.  Die 
Weiber  vertragen  die  Fabrikarbeit  rein  physisch  noch  besser 
als  die  Männer^),  es  steht  aber  mit  der  Gesundheit  der 
Fabrikarbeiter  überhaupt  schlecht  in  den  grossen  Städten, 
besser  in  den  Fabriken  auf  dem  Lande. 

Indessen  diese  directen  Einwirkungen  der  gewerblichen 
Arbeit  als  solcher  auf  die  Gesundheit  der  Arbeiter  waren  in 
der  That  die  weniger  wichtigen,  Hessen  sich  auch  leichter 
durch  directe  Schutzmaassiegeln  aufheben.  Das  Hauptübel 
war  auch  später  die  Verwahrlosung  und  unvernünftige  Lebens- 
weise der  niederen  Stände,  wie  namentlich  aus  dem  Gesund- 
heitsbericht von  1842^)  hervorgeht. 

Dieser  Bericht  bringt  eine  Sterblichkeitsstatistik,  aus  der 
unter  Anderem  hervorgeht  ^),  dass  die  Lebensdauer  am  aller- 
kürzesten ist  in  Liverpool,  obwohl  diese  Stadt  keine  Fabrik- 
stadt ist.  Aber  die  Wohnungszustände  waren  da  am  traurig- 
sten. Es  lebten  40000  Menschen  in  Kellern.  Ich  kann  aber 
auf  diese  Statistik  kein  Gewicht  legen,  weil  das  Durchschnitts- 
alter der  Gestorbenen  mit  der  mittleren  Lebensdauer  identi- 
ficirt,  d.  h.  keine  Rücksicht  auf  die  vei-schiedene  Zusammen- 
setzung der  Lebenden  nach  Altersclassen  genommen  wird. 
Auch  die  Tabellen  *),  welche  nachweisen,  dass  in  guten  Stadt- 
theilen,  höheren  Ständen  und  auf  dem  Lande  die  Lebensdauer 
länger  ist,  bringen  keinen  exacten  Beweis,  weil  die  Zahl  der 


^)  S.  Firat  Report  of  the  Central  Board  on  Employment  of  Children 
in  Factories  1833,  S.  28  fF. 

*)  S.  Second  Report  of  the  Central  Board  etc.  1833. 

")  Poor  Law  Commisioners  Report  on  the  Sanitär}^  Condition  of  the 
labouring  Population  1842. 

*)  a.  a.  0.  S.  153  flf. 

«)  S.  162  ff. 


Gesundheits-  und  Wohnungsverhältiiisse.  639 

Todesfälle  nicht  auf  die  der  Lebenden  in  den  betreffenden 
Gruppen  reducirt  ist.  Wenn  wir  aber  auch  die  hier  berech- 
neten Zahlen  nicht  als  richtig  anerkennen  können,  so  bringt 
der  Bericht  doch  von  Sachverständigen  bezeugte  Thatsachen 
genug,  welche  überhaupt  beweisen,  welchen  hervorragend 
schlimmen  Einfluss  die  Wohnungsverhältnisse  in  den  Haupt- 
sitzen der  Capitalherrschaft  hatten. 

Der  Bericht  erklärt,  dass  die  Zahl  der  jährlichen  Todes- 
fälle in  Folge  von  Fieber}s:rankheiten,  die  aus  Uni-einlichkeit 
entstehen ,  in  England  und  Wales  doppelt  so  gross  sei  als  der 
Menschen  Verlust  der  AUiirten  beiWaterloo.^)  Er  entwirft  ein 
erschreckendes  Bild  von  Strassen  ohne  Canalisation,  Arbeits- 
räumen ohne  Ventilation,  von  überfüllten  Wohnungen  und 
Logirhäusein  in  Bergwerks-  und  Industriebezirken.')  Besseres 
Einkommen  und  höherer  Lohn  schützten  nicht  gegen  dieses 
Elend.')  Es  war  ganz  üblich,  dass  in  den  engen  Wohnungen 
mehrere  Leute  in  demselben  Bett  schliefend)  In  Schottland 
nahm  die  Zahl  der  Häuser  überhaupt,  aber  nicht  die  der 
Häuser  für  die  unteren  Classen^)  zu.  Allgemein  war  es  auf 
dem  Lande  besser  als  in  den  Städten,  in  denen  meistens  ein- 
zelne Districte,  in  welchen  die  ärmeren  Classen  zusammenge- 
pfercht wohnten,  als  Pestheerd  wirkten.  Jede  Seite  des  Be- 
richts fast  liefert  den  Beweis,  dass  mit  dem  Durchschnitts- 
einkommen der  Arbeiter  eine  sanitätisch  richtige  Lebensweise 
zu  eimöglichen  wäre,  dass  aber  die  schlechten  Gewohnheiten 
der  schlecht  und  unhäuslich  ei'zogenen,  nur  in  längeren  Perio- 
den bezahlten  Arbeiter,  der  Mangel  an  guten  Wohnungen  und 
an  Baupolizei  eine  solche  Lebensweise  verhindern.  Die  Quint- 
essenz des  ganzen  Berichts  ist:  durch  die  Hen*schaft  des  grossen 
Capitals,  durch  Fabriken  und  grosse  Städte  sind  die  arbeiten- 
den Classen  nicht  ärmer  geworden,  aber  sie  sind  verwahrlost. 
Die  herrschende  Classe  und  die  öffentliche  Gewalt  kümmern 


*)  a.  a.  0.  8.  3. 

^  a.  a.  0.  8.  5—28,  25-27,  98-150. 

")  a.  a.  0.  S.  139,  177. 

*)  a.  a.  0.  8.  124. 

«)  a.  a.  0.  S.  120. 


i 


640  Zweites  Bach,  Gap.  5. 

sich  ZU  wenig  um  diese  Classen^  die  zu  neuer  Wii-thschaftsweise 
gezwungen  sind  und  gedankenlos  als  reine  Arbeitswerkzeoge, 
nicht  als  Menschen  behandelt  werden.  Das  war  der  grosse 
Fehler  der  Zeit,  dass  man  über  dem  Streben  nach  Steigerung 
der  Production  und  des  Reichthums  zeitweilig  vergass,  f)lr  die 
menschliche  Lage  Aller  zu  sorgen  —  während  doch  der  ar- 
beitenden Classe  die  Möglichkeit  der  Fortsetzung  der  alten 
patriarchalischen  Lebensweise  genommen  war  und  sie  selbst 
nicht  die  Kraft  besass,  sich  ein  menschenwürdiges  Dasein 
in  den  neuen  Verhältnissen  zu  begi*ünden.^) 


§  3.    Moralität. 

Es  lässt  sich  a  priori  schliessen,  dass  die  ungesunde 
Lebensweise  der  Fabrikarbeiter  und  insbesondere  die  Kinder- 
arbeit auch  demoralisirend  wirken  mussten.  Das  Aufwachsen 
der  Kinder  in  den  Fabrikräumen  feine  von  den  Eltern  Hess 
sie  fiühzeitig  die  rohen  Gewohnheiten  der  Erwachsenen  nach- 
ahmen. Der  schlechte  Zustand  der  Häuslichkeit  und  die  er- 
müdende Thätigkeit  in  heissen  Fabrikräumen  verleiteten  all- 
gemein zum  Trunk.  Insbesondere  wirkte  der  Umstand  ver- 
heerend, dass  die  Mädchen  nicht  mehr  zu  Hausfrauen  er- 
zogen wurden. 

Die  moralische  Verwilderung  der  Fabrikbevölkerung  wird 
insbesondere  durch  den  Children's  employments  Report  von 
1843  bezeugt.*)  Es  gab  Fabrikkinder,  welche  den  Namen  des 
Apostels  Paul  nie  gehört  hatten,  denen  aber  der  des  Strassen- 
räubers  Dick  Tui-pin  sehr  geläufig  war.  Christus  selbst  war 
Vielen  ein  unbekanntes  Wesen  und  sie  konnten  das  Vateninser 
nicht.    Er  erlosch  in  ihnen  die  natürliche  Pietät  gegen  die 


^)  Bewegliche  Schilderungeo  der  traurigen  WohnuDgsyerhältnisse  in 
Fabrikstädten  finden  sich  bei  Engels  und  Faucher.  Ich  unterlasse  es  da- 
her, solche  in  den  Text  aufzunehmen.  Dagegen  finden  sich  im  Anhang 
unter  L  authentische  Schilderungen,  die  dem  Report  entnommen  sind. 

')  Siehe  die  Auszüge  im  Anhang  unter  M. 


Moralit&t.  g4X 

Eltern  und  die  Liebe  zu  den  Geschwistern.  Ihr  elendes  Leben^ 
die  schlechte  Behandlung  und  schmutzige  Kleidung  vernichte- 
ten die  Selbstachtung,  sie  verloren  das  Pflichtgefühl  und  unter- 
warfen sich  nur  stumpf  dem  Zwang  zu  automatischer  Arbeit 
Am  Sonntag  vergassen  sie  der  Kirche  und  suchten  Ti-unk  und 
Spiel.  Auch  diejenigen,  welche  nicht  dem  Vagabundenthum 
vei-fielen  und  nicht  mit  dem  Strafgesetz  in  Conflict  geriethen^ 
verloren  alle  positive  moralische  Energie.  Physisches  und 
moralisches  Elend  gingen  mit  einander  Hand  in  Hand. 

Wir  Deutsche  illhmen  uns  mit  Recht  der  gi*ossen  That- 
sache,  dass  die  Nation  sich  über  die  namenlose  materielle  und 
moralische  Verwilderung  des  dreissigjährigen  Krieges  wieder 
emporzuheben  veimochte.  Dass  aus  der  englischen  Fabrik- 
bevölkerung während  ihres  tiefsten  Elends  Leute  von  unge- 
wöhnlicher Ej'aft  hervorgingen  und  dass  die  ganze  Classe 
Züge  von  Edelmuth  und  Opferwilligkeit  zu  entwickeln  im 
Stande  war,  gehört  auch  zu  den  wunderbaren  Zeugnissen  der 
Unverwüstlichkeit  des  Guten  im  Menschen.  Doch  hat  es  diese 
Kraft  im  Arbeiterstande  selbst  nicht  allein  veimocht,  die 
Masse  des  englischen  Volks  auf  die  Dauer  vor  moralischer 
Versumpfung  zu  bewahi-en,  sondein  die  Gesammtheit  aller 
Leistungen  des  Staats  und  der  Gesellschaft  zur  Hebung  der 
arbeitenden  Classe  haben  direct  und  indirect  der  zunehmen- 
den moralischen  Verwildei-ung  entgegengewirkt 

In  der  Zeit,  in  der  man  die  Fabrikarbeiter  sich  selbst 
und  dem  nur  an  sich  selbst  denkenden  Capital  überliess,  ent- 
wickelte sich  unter  ihnen  etwas  von  turpis  egestas  und  Sklaven- 
sinn. Nur  der  Umstand,  dass  die  persönliche  Freiheit  schon 
lange  in  England  gesichert  und  der  Arbeiter  an  das  Bewusst- 
sein  der  Freiheit  und  die  damit  verbundene  Selbstverantwort- 
lichkeit gewöhnt  war,  dämmte  das  Umsichgreifen  des  Uebels 
ein,  hätte  aber  bei  weiterem  Wuchern  des  „laissez  faire"  ge- 
wiss allmälig  seine  Kraft  verloren.  Wie  aber  hätte  wohl  die 
englische  Fabrikbevölkei-ung  1830  dagestanden,  hätte  man 
1770  Leibeigene  in  die  Fabriken  hereingezogen? 

Als  man  gegen  Ende  unserer  Periode  in-  England  auf  das 
physische  und  moralische  Elend  der  Fabrikarbeiter  aufmerk- 

Held,  Soc.  Gesch.  Engl.  41 


642  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

sam  wurde ,  erhoben  sich  zwei  Fragen :  über  die  Gründe  und 
die  Mittel  der  Abhülfe.  Auch  betreffs  des  moralischen  Zu- 
stands  wurde  gestritten,  ob  ihn  die  Fabrikarbeit  als  solche 
verschulde  und  ob  nicht  vielmehr  andere  Stände  noch  unmo- 
ralischer seien.  Ferner  war  die  Frage,  ob  intellectuelle  Bil- 
dung, speciell  Schulbildung,  dem  moralischen  Verkommen 
steuern  könne. 

Was  die  erstere  Frage  betrifft,  so  gesteht  GaskelP)  zu, 
dass  die  Delicto  gegen  das  Eigenthum  in  England  häufiger 
als  in  andern  Ländern  und  in  regelmässiger  Zunahme  begrif- 
fen seien  mit  dem  Wachsthum  von  Handel,  Industrie  und 
gi'ossstädtischem  Leben.  Dagegen  behauptet  z.  B.  Baines'), 
dass  die  ländlichen  Arbeiter  zwar  gesunder,  aber  weniger 
moralisch  als  die  Fabrikarbeiter  lebten,  was  auch  aus  der 
grösseren  Zahl  der  unehelichen  Kinder  auf  dem  Lande  her- 
vorgehe. ^)  Auch  beruft  er  sich  darauf,  dass  die  meisten 
jugendlichen  Verbrecher  Kinder  von  Vagabunden,  nicht  von 
Fabrikarbeitern  seien  —  wobei  die  Frage  unerörtert  bleibt, 
ob  und  wie  stark  das  Fabriksystem  mit  seinen  Conjunctur- 
wechseln  das  Wachsthum  des  Vagabundenthums  begünstigt 
Cooke  Taylor  schreibt  dem  Fabriksystem  sogar  einen  positiv 
die  Moral  hebenden  Einfluss  zu.*)    Er  bringt  dafür  aber  keine 


»)  a.  a.  0.  S.  285. 

*)  The  social,  educational  and  religious  State  of  the  Manufacturing 
districts.    London  1843,  S.  57. 

^)  Dieses  Argument  ist  für  jeden  Sachkundigen  ahsolut  bedeutungs- 
los. Denn  wenn  uneheliche  Kinder  allerdings  nicht  die  Folge  von  mora- 
lischem Verhalten  sind,  so  ist  Seltenheit  derselben  an  sich  kein  Beweis 
für  Moralität,  da  sie  mit  Ehebruch,  sittlichen  Abirrungen,  präventivem 
Geschlechtsverkehr  —  und  unsinnig  frühem  Heirathen  zusammenhängen 
kann.  Es  kommt  leider  vor,  dass  Häufigkeit  unehelicher  Kinder  die  Folge 
einer  relativ  gesund  gebliebenen  Sinnlichkeit  ist. 

*)  Cooke  Taylor  a.  a.  0.  S.  284: 

Ich  habe  Beweise  beigebracht,  dass  die  Immoralität  in  Manchester 
nicht  eine  durch  das  Fabriksystem  hervorgerufene,  sondern  lediglich  die- 
jenige Verderbtheit  ist,  welche  einer  grossen  Stadt  mit  einer  einwandern- 
den und  schwankenden  Bevölkerung  anzukleben  pflegt  Auf  der  andern 
Seite  hingegen,  in  Fabrikdörfem,  wieTurton,  Egerton,Hyde,  Hollymount 


Moralit&t  643 

anderen  Beweise,  als  dass  namentlich  die  Fabrikarbeiter  auf 
dem  Lande  eine  ganz  bewunderungswürdige  Geduld  in  schlech- 
ten Zeiten  entwickeln.  Dies  war  gewiss  sehr  iUhmlich  — 
aber  beweist  es  für  gi'osse  Moralität  der  Fabrikarbeiter  als 
solcher  oder  ist  es  nur  eine  Folge  der  bekannten  Thatsache, 
dass  im  grössten  Elend  der  Muth  zu  unsinniger  Gewaltthat  er- 
lischt und  dass  an  der  Spitze  von  Arbeiterbewegungen  nie  die 
am  schlechtesten,  sondei-u  die  bestsituirten  Arbeiter  stehen? 
Auch  officielle  Untei*suchungen  sagen  Qbiigens  aus,  dass 
die  Fabrikarbeiter  in  Bezug  auf  Moral  anderen  ungebildeten 
Ständen  nicht  nachstehen.^)  Aber  wenn  diejenigen,  die  als 
Fabrikarbeiter  noch  im  Dienste  stehen,  nicht  mehr  Verbrecher 
stellen  als  andere  Stände,  so  beweist  dies  Nichts  f(lr  die 
Moralität  aller  derjenigen,  die  ihren  Lebenslauf  als  Fabrik- 
kinder begonnen  haben  und  die  erwähnte  Aussage  des  Be- 
richts von  1833  steht  in  unbedingtem  Widerspi-uch  mit  den 
Schilderungen  des  moralischen  Elends  der  Fabrikkinder 
von  1842.«) 


ist  die  dort  herrschende  Moralität  entschieden  dem  Fabriksystem  zuzu- 
schreiben, da  nur  solche  Leute  in  diesen  Orten  wohnen,  welche  mit  Fabri- 
ken zu  thun  haben.  Zum  Schluss  muss  ich  wiederholen,  dass  das  gegen- 
wärtige Elend  den  grössten  unwiderleglichsten  Beweis  für  die  grosse  mora- 
lische Erait  ablegt,  welche  durch  das  Fabriksystem  geweckt  worden  ist; 
eine  Kraft,  welche  sich  in  der  edelsten  Weise  offenbart  —  in  dem  heroi- 
schen Ertragen  unverdienter  Leiden.  Es  hat  noch  niemals  eine  Bevöl- 
kerung in  der  Welt  gegeben,  welche,  nachdem  sie  aus  dem  Zustand,  dessen 
ich  mich  erinnere,  in  den  jetzigen  Zustand  versunken  war,  weiterzuleben 
vermochte,  ohne  schon  längst  durch  den  gemeinsamen  Einfluss  ihrer  Er- 
innerungen und  des  jetzigen  Elends  zu  vollständigem  Wahnsinn  getrieben 
worden  zu  sein.  Was  jetzt  am  meisten  zu  befürchten  steht,  und  was  zu 
verhindern  man  am  meisten  bestrebt  sein  sollte,  ist,  dass  ihre  exempla- 
rische Geduld  nicht  als  Grund  angeführt  werde  oder  doch  wenigstens  als 
Entschuldigungsgrund,  um  das  ihnen  zugefügte  Unrecht  fortzusetzen.  Es 
würde  wenig  erfreulich  sein,  diejenigen  Folgerungen  zu  ziehen,  die  sich 
uns  darbieten  würden,  wenn  einmal  zu  verstehen  gegeben  würde,  dass  die 
Tugend  ihre  eigene  Strafe  mit  sich  bringen  solle,  anstatt  ihre  eigene  Be- 
lohnung. — 

')  First  Report  of  the  Central  Board  etc.  1883,  S.  82. 

')  S.  Anhang  unter  M. 

41* 


344  Zweites  Bach,  Cap.  5. 

Das  Maass  der  die  Moralität  schädigenden  Einwirkung 
der  Fabrikarbeit  wird  sich  nun  gegenüber  Baines  und  Taylor 
ebensowenig  statistisch  exact  nachweisen  lassen,  als  das  Maass 
ihrer  gesundheitsschädlichen  Wirkungen  durch  Statistik  der 
Lebensdauer.  Die  Statistik  liefei*t  zur  Messung  der  Moralität 
kein  anderes  Material  als  die  Zahlen  über  Angeklagte  und 
Bestrafte,  gesondert  nach  Arten  der  Delicte,  nach  Bezirken 
und  Ständen.  Diese  Zahlen  aber  beweisen  zunächst  nur  für 
den  Stand  der  Moralität  im  Ganzen,  weil  es  sehr  viele  un- 
moralische Handlungen  giebt,  die  nicht  crimineller  Art  sind 
und  weil  es  namentlich  einen  Mangel  an  positiver  moralischer 
Kraft  giebt,  der  sich  direct  absolut  nicht  messen  lässt.  Die 
Griminalstatistik  leidet  femer  an  dem  Mangel,  dass  das 
Wachsen  ihrer  Zahlen  nicht  nur  von  wirklicher  Vermehrung 
der  Delicte,  sondeni  auch  von  besserer  Justiz  und  schärferer 
Polizei  hen-ühren  kann,  und  dass  es  unmöglich  ist,  die  Zahl 
der  Delinquenten  eines  bestimmten  Standes  mit  der  Gesammt- 
zahl  derjenigen  in  Beziehung  zu  setzen,  welche  dem  betref- 
fenden Stande  nicht  jetzt  angehören,  sondern  darin  hauptsäch- 
lich aufgewachsen  sind. 

Wenn  so  die  Statistik  einen  exacten  Beweis  nicht  zu  lie- 
fern im  Stande  ist,  so  führt  aber  doch  jede  vonirtheilsfi*eie 
Betrachtung  und  richtige  Gruppirung  der  Zahlen  der  engli- 
schen Griminalstatistik  dazu,  den  Optimismus  von  Baines  und 
Taylor  überhaupt'  als  einen  Irrthum  zu  erkennen.^)  Es 
steht  zunächst  unzweifelhaft  fest,  dass  bis  1842  die  Crimina- 
lität  überhaupt  zunahm  und  zwar  nicht  nur  in  Theumngs- 
jahren  und  dass  diese  Zunahme  der  Criminalität  in  der  Zeit 
der  Ausdehnung  der  Grossindustrie  weit  beträchtlicher  war, 
als  die  der  Bevölkerung  und  des  Gesammtreichthums.  Feiner 
steht  fest,  dass  die  Criminalität  im  allgemeinen  um  so  grösser 
war,  je  grösser  die  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  in  den  ein- 
zelnen Bezirken  war,  insbesondere  aber,  dass  die  Criminalität 


^)  Siehe  namentlich  Faucher,  Etudes  sur  l'Angleterre  6d.  1,  S.  417  ff. 
und  Bd.  2,  S.  225,  wo  ein  besonderer  Aufsatz  über  englische  Criminali- 
tät abgedruckt  ist,  der  zu  den  selbständigsten  Theilen  des  ganzen  Buchs 
gehört. 


Moralität  645 

in  den  Districten  mit  Eisen-  und  Baumwollindustrie  und  in  der 
Hauptstadt  die  im  ganzen  übrigen  Lande  weit  übertraf. 

Ich  führe  diese  Thatsachen  indessen  nur  an,  um  die  An- 
sichten von  Baines  und  seinen  Gesinnungsgenossen  zu  wider- 
legen. Den  positiven  Beweis  dafür,  dass  die  grosse  Industrie 
im  Anfang  ihrer  Entwicklung  gi'osse  moralische  Schäden  er- 
zeugte, kann  nur  die  Betrachtung  des  ganzen  Lebens  der 
Fabrikarbeiter  und  in  den  Fabrikstädten  liefern.  Es  giebt 
keinen  anderen  Beweis,  wir  brauchen  aber  auch  keinen  an- 
deren, als  die  Schilderungen  classischer  Zeugen,  welche  uns 
sagen,  wie  die  Wohnungen,  wie  das  Familienleben,  die  reli- 
giöse Gesinnung  der  Fabrikarbeiter  war  und  ist.  Dies  Leben 
war  an  sich  unmoralisch,  d.  h.  moralisch  schlechter  als  das  der 
fiilheren  Bauern,  Hausindustriellen  und  Handwerker.^)  Die 
Verwahrlosung  der  Fabnkkinder  und  die  Zerstörung  des 
Familienlebens  der  Fabrikarbeiter,  wie  sie  uns  die  officiellen 
Berichte  schildern  *),  war  an  sich  eine  neue  Art  und  Quelle 
von  Immoralität 

Wie  betreffs  der  Gesundheit  der  Fabrikarbeiter,  so  ist 
auch  betreffs  des  Standes  ihrer  Moral  zuzugestehn,  dass  der- 


J.  Kay,  the  Social  Condition  and  Education  of  the  People,  London 
1850,  S.  337 : 

„I  speak  with  deliberation  when  I  say  that  I  know  no  spectacle  so 
degraded  and  if  I  may  be  allowed  to  use  a  streng  word,  so  horrible,  as 
the  back  streets  and  suburbs  of  english  and  irish  towns  with  their  filthy 
inhabitants;  with  their  crowds  of  half  clad,  filthy  and  degraded  children, 
playing  in  their  dirty  kenneis;  with  their  nnmeroos  gin-palaces,  filled 
with  people  whose  hands  and  hceB  show  how  their  flesh  is,  so  to  speak, 
impregnated  with  spirituous  liqaors  —  the  only  solaces,  poor  creatures, 
that  they  havel  —  and  with  poor  girls  whom  a  want  of  a  religious  trai- 
ning  in  their  infancy  and  misery  has  driven  to  the  most  degraded  and 
pitiful  of  all  porsuits. 

„6o  to  London,  reader,  or  to  Manchester,  or  Liverpool,  or  Preston, 
or  Norwich,  or  Nottingham,  or  York  or  ehester,  or  to  any  other  of  our 
large  and  increasing  manu&ctoring  or  commercial  towns ,  and  see  if  my 
description  is  exaggerated.  An  hour's  walk  in  any  one  will  sofEice  to 
convince  you  of  its  sad  truth. 

')  S.  Anhang  unter  M. 


646  Zweites  Bach,  Cap.  5. 

selbe  nicht  hauptsächlich  durch  die  Fabrikarbeit  als  solche 
direct  gedrückt  wurde,  sondern  dass  die  Grossstädte,  empor- 
wachsend mit  der  im  Fabriksystem  gipfelnden  Gapitalmacht, 
die  stärkste  der  nächsten  Ursachen  des  Uebels  waren.  Ferner 
ist  zuzugestehen,  dass  das  Herabkommen  des  Handwerks,  die 
Noth  der  Hausindustriellen  und  der  Betrieb  des  Ackerbaues 
nach  gi'ossindustriellem  Muster  auch  in  diesen  Ständen  Zu- 
stände ei*zeugten,  welche  den  Stand  der  Moral  vei-schlechtem 
mussten.  Die  Umwälzung,  welche  die  besiegelte  Herrschaft 
des  Grosscapitals  in  allen  Productionszweigen  dii*ect  und  in- 
direct  hervorrief,  zerstörte  die  alten  patriarchalischen  Zustände 
überall  und  versetzte  überall  die  dienende  Classe  in  einen 
hülflosen  Zustand,  in  welchem  ihre  Moral  wie  ihre  Gesund- 
heit leiden  mussten. 

Wir  haben  schon  gezeigt,  dass  man  deshalb  die  Gi'ossin- 
dustrie  nicht  verdammen  und  nicht  streben  darf,  sie  zu  ver- 
nichten —  man  muss  streben  unter  Erhaltung  des  gi'ossen 
Fortschritts  die  damit  verbundenen  Schattenseiten  durch  selb- 
ständige Mittel  zu  entfernen.  Es  ist  aber  die  Frage,  ob  etwa 
ohne  Beschädigung  des  Fortschritts  der  Production  das  An- 
wachsen der  grossen  Städte  gehemmt  und  durch  besondere 
Mittel  Decentralisation  der  Industrie  mit  Erfolg  befordert 
werden  könne.  Sagen  doch  unsere  englischen  Berichte  wie- 
derholt, dass  es  den  Fabrikarbeitern  auf  dem  Lande  in  jeder 
Hinsicht  besser  gehe! 

Gewiss  ist  es  mit  Freuden  zu  begiUssen,  wenn  Fabriken 
sich  auf  dem  Lande  ansiedeln  und  der  Fabrikarbeiter  wieder 
in  Zusammenhang  mit  der  Landwirthschaft  tritt.  Indessen  ist 
nicht  zu  leugnen,  dass  Concentration  der  Industrie  bis  zu  ge- 
wissem Maasse  Vortheile  för  die  Production  bietet. 

Dieser  Vortheil  besteht  in  der  Heranziehung  eines  zahl- 
reichen Arbeiteretamms  mit  technischen  Traditionen,  der  jedem 
neu  enichteten  Etablissement  zu  Gute  kommt  und  in  der 
Möglichkeit  eines  concentrirten  Marktes  für  die  Producte  ein- 
zelner Gewerbszweige.  Die  „locale"  Arbeitstheilung  bietet 
einen  Theil  der  Vortheile  der  Arbeitstheilung  überhaupt  und 
die  Concentration  der  einzelnen  Industriezweige  in  bestimm- 


Monliut  647 

ten  Städten  und  Gegenden,  die  namentlich  in  England  so 
stark  entwickelt  ist,  ist  daher  eine  an  sich  natOrliche  Er- 
scheinung. 

Dieser  Entwicklung  künstlich  entgegenzuwirken,  darfte 
daher  bedenklich  sein.  Man  soll  sich  nur  hdten ,  durch  un- 
gerechte Veilheilung  der  Armenlast  und  durch  die  Art  der 
Anlage  und  den  Tarif  von  Eisenbahnen  dies  Uebergewicht  der 
grossen  Städte  noch  kQnstlich  zu  steigern.  Im  Uebrigen  wird 
das  Wachsen  dieses  Uebergewichts  glücklich  durch  Vermeh- 
rung der  Eisenbahnen  und  durch  die  wachsende  Steuerlast  in 
grossen  Städten  von  selbst  wieder  einigennaassen  eingedämmt. 
Da  aber  die  grossen  Städte,  wenn  auch  mit  Hindernissen  und 
nicht  ausschliesslich  Oberhaupt  wachsen,  während  kleine  Städte 
und  das  platte  Land  bei  hoher  industiieller  Entwicklung  an 
Bevölkerungsdichtigkeit  sogar  positiv  abnehmen,  so  muss  man 
sich  resigniren,  dass  die  hauptsächlichste  und  wichtigste  Auf- 
gabe die  ist,  die  Lebensverhältnisse  in  den  grossen  Städten 
selbst  zu  verbessern.  — 

Wir  können  hier  nicht  darauf  eingehen,  wie  dies  geschehen 
kann  und  in  wieweit  es  in  England  geschehen  ist.  Hier  mag 
nur  g^enOber  den  schlimmen  Zuständen,  die  sich  in  den 
englischen  Fabrikstädten  in  unserer  Peiiode  zeigten ,  erwähnt 
werden,  dass  zwar  noch  heute  die  grossen  Städte  der  Haupt- 
sitz der  schroffen  und  gefährlichen  Gegensätze  zwischen  Reich- 
thum  und  Elend  und  der  Hauptsitz  der  professionellen  Im- 
moralität  sind,  daas  aber  auch  gerade  in  ihnen  sich  am  stärk- 
sten ein  neuer  Mittelstand  entwickelt,  wie  es  die  grosse  Zahl 
sogenannter  kleiner  Giiindbesitzer  in  den  grossen  Städten  tuid 
ihrer  nächsten  Umgebung  beweist 

Wenden  wir  uns  nun  zu  der  zweiten  oben  erwähntoD 
Frage,  so  werden  schon  in  unseren  offidellen  Berichten  die 
Klagen  Ober  schlechte  Moral  der  Fabrikarbeiter  stets  mil 
Schildei-ungen  ihror  erschreckenden  Unwissenheit  und  Dnbil* 
düng  verbunden,  und  es  werden  darin  aacb  Zeugnisse  axi^'<^ 
fahrt,  welche  dahin  gehen,  dass  die  gebildeten  Arbeil 
jeder  Hinsicht  besser  sind.  Diese  Aossagen  stehen 
Widersprach  mit  andei-en  Meinungen,  welche  behaupte! 


:J 


348  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

Verbreitung  der  Kunst  des  Lesens,  Schreibens  und  Rechnens 
keineswegs  eine  yei*minderung  der  Delicte  gegen  das  Eigen- 
thum  erzeugen  und  dass  die  moi*alischsten  Bezirke  solche  mit 
geringer  Bildung  und  patriarchalischen  Verhältnissen  seien. 

Auch  hier  ist  es  wieder  absolut  unmöglich,  einen  stricten 
statistischen  Beweis  zu  liefern.^)  Man  kann  die  Criminalitftt 
einzelner  Bezirke  mit  der  Zahl  der  Analphabeten  in  denselben 
vergleichen,  auch  mehr  agricole  und  mehr  industrielle  Bezirke 
noch  speciell  unterscheiden  —  niemals  wird  man  zwingend 
beweisen  können,  dass  ein  grösseres  oder  geiingeres  Maass 
von  Delicten  gegen  Person  oder  Eigenthum  gerade  von  dem 
Stande  der  Bildung  und  nicht  von  anderen  Ui'sachen  her- 
rühren. Auch  ist  immer  zu  beachten,  dass  die  in  einem  Be- 
zirk angeklagten  und  bestraften  Delinquenten  zum  gix>ssen 
Theil  aus  andern  Bezirken  stammen. 

Ich  gestehe  unbedingt  zu,  dass  in  einfachen  Verhältnissen 
bei  vorwiegender  Landwirthschaft  in  Verhältnissen,  denenzu- 
folge  wenig  Wandeining  vorkommt  und  die  Begehrlichkeit  der 
in  gewohntem  Geleise  forilebenden  Bewohner  gering  ist,  in 
denen  bei  sehr  geringer  Bildung  die  Ehrfurcht  vor  jeder  an- 
gestammten Autorität  und  das  religiöse  Gefühl  stark  geblie- 
ben sind  —  dass  in  solchen  Verhältnissen  die  wenigsten  De- 
licte vorkommen.  Indessen  ist  auch  dann  Verbesserung  der 
Schulen  und  Erhöhung  der  Bildung  anzustreben,  weil  das  an 
sich  ein  Gut  und  ein  Hebel  des  menschlichen  Fortschritts  ist. 

In  grossen  Städten  und  Fabrikstädten  insbesondere  wird 
solchen  Verhältnissen  gegenüber  stets  die  Criminalität  steigen, 
wenn  auch  nicht  gegenüber  Gegenden  mit  einer  verkommenen 
nomadisirenden  Bevölkerung  landwirthschaftlicher  Taglöhner. 
In  solchen  Städten  werden  sich  Verbrecher  aus  aller  HeiTU 
Ländern  zusammenfinden  und  die  grössere  Gelegenheit  wird 
mehr  Diebe  machen.  Was  aber  die  in  solchen  Städten  lebende 
resp.  aufwachsende  Arbeiterbevölkerung  betrifft,  so  wird  un- 
rettbar der  Neid  auf  den  stets  vor  Augen  stehenden  gi*össe- 
ren  Reichthum,  die  Unsicherheit  des  Erwerbs  und  die  Mög- 


*)  S.  Faucher  a.  a.  0.  S.  254. 


MoraUt&t  649 

lichkeit  der  Berfihrung  mit  dem  professionellen  Verbrecher- 
thum  und  der  gewerbsmässigen  Prostitution  eine  besondere 
Versuchung  zum  Abweichen  vom  Pfade  des  Rechts  ausüben. 
Und  diesen  Versuchungen  gegenüber  müssen  gutgeleitete  Schu- 
len und  Bildungsgelegenheiten  für  Erwachsene  unbedingt  als 
heilsames  Gegengewicht  wirken,  wenn  sie  auch  die  schädlichen 
Wirkungen  nicht  in  einer  statistisch  nachweisbaren  Weise 
überwiegen  und  aufheben. 

Wenn  aber  das  Kind  des  Arbeiters  nicht  mehr  unter  be- 
ständiger Aufsicht  der  Eltein  zu  Hause  leben  oder  als  Lehr- 
ling in  die  Familie  eines  Arbeitet's  eintreten  kann ,  sondern 
entweder  aufsichtslos  auf  der  Strasse  sein  oder  in  der  Fabrik 
getrennt  von  den  Seinigen  arbeiten  muss,  so  giebt  es  kein 
anderes  Mittel,  als  die  Schule  zum  Ersatz  der  moralischen 
und  religiösen  Erziehung  in  der  Familie. 

Alle  Sachkenner  sind  einverstanden,  dass  in  unserer  Zeit 
der  Arbeitstheilung  gewerbliche  Schulen  berufen  sind ,  die 
Lehre  beim  Meister  bis  zu  einem  gewissen  Grade  zu  ersetzen. 
Die  durch  die  Grossindustrie  gesteigerte  Arbeitstheilung  hat 
auch  der  Familie  einen  Theil  ihrer  eigensten  Functionen  ge- 
nommen und  die  Arbeit  der  Erziehung  muss  theilweise  dem 
speciellen  Organ  der  Schule  übertragen  werden. 

Natürlich  kann  nicht  jede  Schule  einen  solchen  Ei-satz 
für  die  Erziehung  in  den  Familien  bieten.  Schulen,  die  nur 
Armen-  und  Fabrikkinder  umfassen, .  sind  schlechter  als  all- 
gemeine Schulen.  Sonntagsschulen  sind  höchst  ungenügend. 
Nur  allgemeine  obligatorische  Werktagsschulen  können  giUnd- 
lich  helfen. 

Sie  sind  die  unentbehrliche  Ei*gänzung  der  Fabrikgesetze, 
indem  sie  allzulange  und  allzufrühe  Fabrikarbeit  von  Kindern 
verhüten  und  die  Kinder  der  Fabrikarbeiter  mit  denen  von 
anderen  Eltern  zusammenbringen.  Dies  ist  sehr  zu  beachten^ 
wenn  man  unsere  deutsche  mit  der  englischen  Fabrikgesetz- 
gebung vergleicht.  Es  ist  jedenfalls  sehr  charakteristisch 
und  lehrreich ,  dass  die  Anfänge  eines  öfifentlichen  Schul- 
wesens in  England  durchaus  an  die  staatliche  Sorge  für 
die  Fabrikkinder   anknüpfen.     Man   hat  praktisch    erkannt. 


650  Zweites  Bach,  Cap.  5. 

dass  für  diesen  Stand  die  Schule  das  einzige  und  unersetzliche 
Mittel  moralischer  Erziehung  ist. 

Die  Schule  muss  natürlich  auch  nicht  rein  sich  darauf 
beschränken,  Kenntnisse  und  Fertigkeiten  zu  verbreiten,  son- 
dern sie  muss  religiöse  Erziehung  einschliessen  und  die  Per- 
son des  Lehrers  muss  in  jeder  Weise  direct  und  indireet  auf 
Ausbildung  moralischer  Grundsätze  bedacht  sein.  Doch  ist 
auch  die  rein  intellectuelle  Bildung  nicht  gleichgültig.  Sie  er- 
zeugt grössere  Selbstachtung,  giebt  dem  künftigen  Arbeiter 
eine  vielseitigere  Vei*wendbarkeit,  die  Fähigkeit,  sich  selbst 
Erwerbsgelegenheiten  zu  suchen  und  sich  an  der  Verwaltung 
von  Vereinen,  Hülfscassen  etc.  zu  betheiligen.  Sie  schützt 
gegen  gewisse  Gefahren  des  ökonomischen  und  damit  auch 
des  moralischen  Vorkommens.  Der  erwachsene  Arbeiter,  der 
eine  gewisse  Schulbildung  genossen  hat,  ist  auch  fähiger  und 
geneigter,  bessere  Genüsse  als  den  Trank  sich  zu  vei-schaffen. 
Ich  behaupte  keineswegs,  dass  die  Kunst  des  Lesens  insofern 
eine  conservative  Wirkung  hat,  als  der  Arbeiter,  der  lesen 
kann,  die  ewigen  Wahrheiten  der  Nationalökonomie  aus 
Büchern  sich  aneignen  könne  —  er  kann  dann  ebensogut  sodal- 
demokratische  Zeitungen  lesen.  Eine  geringe  Bildung  schützt 
in  der  That  keineswegs  gegen  radicale  Ansichten,  aber 
jede  Bildung  vermindert  einen  rohen  gewaltthätigen  Willen. 

Aus  diesem  innern  Grunde  ist  eine  richtige  genügende 
Bildung  ganz  insbesondere  als  dringendes  Bedürfniss  für  ge- 
werbliche Arbeiter  zu  betrachten  und  unleugbar  ist  der  höchst 
trostlose  Zustand  der  englischen  Schulen  im  Anfang  des  Jahr- 
hunderts als  einer  der  Gründe  zu  bezeichnen,  welche  die  trau- 
rigen Arbeiterzustände  verschuldeten.  Schulen  allein  konn- 
ten und  können  die  Arbeiterbevölkerang  nicht  glücklich,  wohl- 
habend und  sittlich  machen.  Sie  können  aber  einen  Theil  der 
schädlichsten  Einwirkungen  auf  die  Arbeiter  der  Grossindustrie 
neutralisiren,  wie  es  der  Bericht  von  1843  anerkennt  und 
durch  zahlreiche  Beispiele,  in  denen  intellectuelle  und  mora- 
lische Verwahrlosung  Hand  in  Hand  ging,  bewiesen  hat. 

Nur  langsam  hat  das  herrschende  Capital  eingesehen, 
welche  durchaus  erfüllbare  Pflicht  ihm  auf  diesem  Gebiet  seine 


Gresch&ft8stockimgen.  651 

Herrschaft  auferlegt  —  mit  Hülfe  des  unterstützenden  und 
zwingenden  Staats  ist  die  Anerkennung  dieser  Pflicht  dennoch, 
wenn  auch  noch  immer  unvollständig,  praktisch  dui'chgesetzt 
worden.  Die  ganze  Frage  zeigt  besonders  deutlich,  dass  die 
moderne  Organisation  der  Gesellschaft  und  die  Macht  des 
Gapitals  zwar  Uebel  erzeugt^  diese  aber  in  einem  gesunden 
Staat  auch  überwinden  kann.  Wenn  die  Noth  und  Verwilderung 
der  ländlichen  Taglöhner  in  England  theilweise  noch  schlim- 
mer wurde  als  die  der  Fabrikarbeiter,  so  daif  man  vor  Allem 
nicht  vergessen ,  dass  dies  eine  indirecte  Folge  der  Capital- 
herrschaft  war  —  und  es  ist  daraus  nur  zu  schliessen,  dass 
Schulen  und  andere  Hülfe  auch  für  diese  Arbeiter  Noth  that 


§  4.    Geschäftsstockungen. 

Als  ein  besonderer  Giomd  des  materiellen  und  morali- 
schen Elends  der  Arbeiter  der  Grossindustrie  wird  allgemein 
die  Gefahr  unverschuldeter  Erwerbslosigkeit  angeführt,  wel- 
cher dieselben  ausgesetzt  sind. 

Diese  Gefahr  ist  eine  doppelte.  Der  einzelne  Arbeiter 
kann  durch  Krankheit  oder  Alter  erwerbsunfähig  werden  und 
es  können  giössere  Kategorien  von  Arbeitern  durch  Markt- 
conjuncturen  oder  Einfühi-ung  neuer  Technik,  d.  h.  durch  Ver- 
minderung der  Nachfrage  nach  ihrer  Arbeit  in  Noth  ge- 
rathen.  — 

Unzweifelhaft  ist  diese  Gefahr,  der  Armenpflege  zu  ver- 
fallen, ein  grosses  und  ernstes  Uebel,  das  den  Arbeiter  ei*st 
zum  vollen  Proletarier  macht  und  ihm  einen  unsittlichen  Leicht- 
sinn einflösst.  Wäre  dem  Arbeiter,  der  arbeiten  will,  sein 
Lohn  sicher,  so  könnte  er  in  der  That  seine  Arbeitskraft  als 
ein  Capital  betrachten  und  wäre  kein  reiner  Proletarier,  der 
von  der  Hand  in  den  Mund  lebt  und  an  die  doch  unberechen- 
•  bare  Zukunft  zu  denken  unterlässt. 

Der  Unsicherheit  der  Existenz  des  Arbeitei*s  in  der  Gross- 
industrie geht  parallel  die  Gefahr  des  Bankerottwerdens  fUr 


652  Zweites  Buch,  Ci^.  5. 

den  Capitalisten  und  beide  Gefahren  entstammen  derselben 
Ursache,  dem  aleatorischen  Charakter  der  heutigen  Industrie. 
Die  Gefahr  des  Arbeiters  ist  aber  in  der  That  die  grössere 
und  schlimmere,  weil  der  Capitalist,  der  sein  Geschäft  an- 
stellen muss,  selten  so  absolut  hülflos  ist  wie  der  entlassene 
Arbeiter  und  weil  der  Capitalist  die  Gefahr  auch  eher  vor- 
hersehen und  sich  davor  baten  kann.  Freilich  können  den 
Capitalisten,  ehe  er  sein  Geschäft  einstellen  muss,  schwere 
Verluste  treffen,  während  der  Arbeiter  noch  gleichen  Lohn  er- 
hält. Dafür  macht  er  aber  auch  in  guten  Zeiten  Gewinne,  an 
denen  der  Arbeiter  keinen  Theil  hat  Kui'z,  wenn  der 
Unternehmer  auch  durch  die  Gi*ossindustrie  beschädigt  wer- 
den kann  und  wird,  so  ist  die  ihm  drohende  Gefahr  doch  nicht 
in  dem  Maasse  wie  die  Unsicherheit  der  Existenz  des  Arbei- 
ters ein  sociales  Uebel,  welches  die  ganze  Lage  eines  grossen 
Standes  verdirbt. 

Man  kann  sagen,  dass  vor  der  Grossindustrie  der  Arbei- 
ter anderen  noch  grösseren  Gefahren  ausgesetzt  war.  Kriege 
und  Seuchen  waren  damals  häufiger  und  bei  schlechter  Ernte 
geriethen  wegen  der  Schwierigkeit  der  Zufuhr  und  des  man- 
gelnden Credits  ganze  Gegenden  in  grosse  Noth.  Dann  aber 
litt  der  Arbeiter  mit  allen  niederen  Ständen  zusammen  und 
er  verfiel  keiner  Noth,  welche  geeignet  war,  die  Classengegen- 
siltze  zu  verschärfen  und  zu  bitterem  Bewusstsein  zu  bringen. 
Wir  haben  es  also  unter  modernen  Verhältnissen  mit  einem 
eigen thümlichen  Uebel  zu  thun,  welches  den  Stand  der 
Arbeiter  als  solchen  betrifft. 

Was  zunächst  die  Gefahr  von  Krankheit  und  Alters- 
schwäche angeht,  so  gab  es  in  früherer  Zeit  weniger  reine 
Proletarier  als  heute  und  der  mehr  sesshafte  Arbeiter  hatte 
am  Gutsherrn,  am  Meister  oder  an  der  Zunft  viel  mehr  einen 
natürlichen  Rückhalt.  Er  war  weniger  verlassen.  Heute  hat 
er  nur  die  immer  entwürdigende  legale  Armenpflege,  wenn 
nicht  ein  ausnahmsweise  humaner  Arbeitgeber  persönlich  hilft. 
Es  ist  daher  ein  allgemein  anerkannter  Satz,  dass  alleArbei-* 
ter  womöglich  in  Holfscassen  stehen  sollen. 

Gerade  der  englische  Arbeitei-stand  hat  in  Gründung  und 


GescliftftsBtockangen.  653 

Verwaltung  von  HUIfscassen  Grosses  geleistet.  Noch  immer 
ist  zwar  die  Zahl  deijenigen,  welche  der  Armenuntei-stützung 
verfallen,  gross.  Noch  immer  bleibt  es  eine  Frage,  ob  Hülfs- 
cassen  und  speciell  Kranken-  und  Alterscassen  obligatorisch 
oder  freiwillig  sein  sollen.  Das  aber  ist  durch  die  Thatsachen 
entschieden,  dass  zur  Beschwörung  dieser  Gefahren  in  dem 
HUlfscassenwesen  das  einzig  mögliche,  aber  auch  an  sich  aus- 
reichende Mittel  gegeben  ist. 

Anders  steht  es  mit  der  Erwerbslosigkeit  des  Arbeiters 
durch  Conjuncturen  und  technische  Fortschritte.  Dies  Uebel 
ist  vor  Allem  ganz  ausschliesslich  durch  die  Grossindustrie  als 
solche  hervorgeinifen.  Die  Grossindustrie  bewegt  sich  in  rast- 
losem Foi*t8chritt;  jede  technische  Neuerung  kann  einzelne 
Arbeiterkategorien  in  Verlegenheit  versetzen  und  das  Bedürf- 
niss  nach  Steigerung  der  Production  sowie  die  Concurrenz 
unter  den  Fabrikanten  erzeugen  foitwährend  neue  Foi-tschritte. 
Wir  haben  schon  gesehen,  in  wie  ungeheurem  Umfang  der 
mechanische  Webstuhl  die  Handwerker  in  Elend  vei*setzte  und 
im  Kleinen  wiederholte  sich  diese  Erscheinung  bei  anderen 
Erfindungen.  Wir  haben  auch  schon  gesagt,  dass  in  solchen 
Fällen  staatliche  Unterstützung  namentlich  zur  Erleichterung 
des  Uebergangs  in  andere  Gewerbe  am  Platze  sein  kann. 
Geschieht  dies  nicht,  so  macht  schliesslich  im  schlimmsten  Fall 
das  Aussterben  der  betreffenden  Arbeiterkategorien  dem  Elend 
ein  Ende.  Solche  Noth  in  Folge  von  technischen  Fortschritten 
wird  aber  nicht  immer  eine  Mitleid  erweckende  öffentliche 
Calamität.  Werden  davon  nicht  physisch  und  in  Bezug  auf 
ihre  Willenskraft  schon  beschädigte,  sondern  frischere,  besser 
situirte  Arbeitskräfte  betrofifen,  so  wird  der  Uebergang  in 
andere  Gewerbe  leichter. 

In  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  ist  es  bekannt- 
lich geradezu  die  Regel,  dass  der  gewerbliche  Arbeiter  mit 
seinem  Gewerbe  im  Laufe  des  Lebens  mehrfach  wechselt. 
Auch  in  Deutschland  ist  dies  schon  stark  entwickelt.  Diese 
Beweglichkeit  des  Arbeitet's  in  der  Gi*ossindustrie  schwächt 
zwar  den  Zusammenhalt  der  Gewerbsgenossen,  neutralisirt  aber 
auch  manche  schädliche  Wirkung  der  Arbeitstheilung.     Wir 


554  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

massen  sie  bei  dem  raschen  Tempo  des  technischen  Fortschritts 
bis  zu  einem  gewissen  Grade  fdr  unentbehrlich  erklären  und 
wenn  wir  dies  anerkennen,  so  entspringt  daraus  nebenbei  be- 
merkt ein  neuer  Grund  für  die  Nützlichkeit  niederer  Gewerbe- 
schulen, welche  eine  allgemeine  technische  Elementarbildung 
neben  der  Ausbildung  für  einen  besonderen  Gewerbszweig 
geben. 

Brauchen  wir  so  nur  in  besondere  schweren  Fällen  directe 
Staatshülfe  und  können  wir  uns  in  den  gewöhnlichen  leich- 
teren auf  die  indirect  zu  befördernde  vielseitige  Verwendbar- 
keit des  Arbeiters  verlassen,  so  braucht  der  Arbeiter,  welcher 
Lust  und  Kraft  zum  Uebergang  in  eine  neue  Thätigkeit  hat, 
doch  gewöhnlich  zur  Erleichterung  des  Uebergangs,  bis  er  eine 
andere  Thätigkeit  gefunden  und  erlernt  hat,  einiger  Unter- 
stützung. Offenbar  ist  es  am  besten,  wenn  ihm  diese  von 
einer  Gasse  gewährt  wird,  in  die  er  bisher  eingezahlt  hat 
und  in  der  er  sogar  meist  als  Mitglied  verbleiben  kann,  wenn 
die  Gasse  nur  etwas  giössere  und  nicht  zu  enge  Kategorien 
von  Arbeitern  umfasst. 

Dasselbe  Bedüi-fhiss  tritt  aber  noch  viel  entschiedener 
ein  im  Falle  der  Erwerbslosigkeit  durch  Conjuncturen. 

Es  ist  das  Wesen  der  Grossindustrie,  dass  sie  auf  ein 
weites  Absatzgebiet  angewiesen  ist,  in  welchem  durch  Wechsel 
der  Mode,  Veränderung  der  Zölle  und  der  Transportverhält- 
nisse, Wechsel  in  der  Zahlungsfähigkeit  der  Kunden  etc.  leicht 
unberechenbare  Störungen  eintreten  können.  Dieselben  Stö- 
rungen können  den  Bezug  des  nothwendigen  Rohmaterials  be- 
treffen. Der  beständige  Wechsel  der  Conjuncturen  ist  eine 
Folge  des  grossen  Marktes,  der  das  Wesen  und  dieGnind- 
lage  der  Grossindustrie  ist.  Haus-  und  Fabrikindustrie  unter- 
scheiden sich  in  dieser  Hinsicht  gar  nicht  principiell.  Das 
Schlimmste  bei  der  Sache  ist,  dass  es  bei  den  unberechen- 
baren und  unvermeidlichen  Schwankungen  keineswegs  ver- 
bleibt, sondern  dass  Störungen  durch  das  speculirende  Gross- 
^  capital  selbst  oft  allein  hervorgerufen  oder  doch  ungeheuer- 
lich gesteigert  werden. 

Im  Leben  des  einzelnen  Menschen  wechseln  Zeiten  von 


Geschftftsstockungen.  655 

angespannter  und  von  schlafferer  Energie,  ganze  Völker  wech- 
seln zwischen  Zeiten  stärksten  Foi-tschritts  und  relativer  Stag- 
nation. Es  ist  natürlich,  dass  auch  die  Production  und  Con- 
sumtion  gewerblicher  Producte  nicht  constant  zunimmt, 
sondem  Schwankungen  ausgesetzt  ist  Das  Schlimme  aber 
ist,  dass  bei  solchen  Schwankungen  nicht  alle  Angehörigen 
eines  Productionszweigs  zu  einer  durchschnittlichen  Veiminde- 
rung  ihrer  Thätigkeit  und  ihres  Consums  gezwungen  werden, 
sondern  dass  ein  Theil  ganz  arbeits-  und  brodlos  wird.  Und 
das  Uebel  wird  durch  ein  specielles  fehlerhaftes  Verhalten  der 
Leiter  von  Handel  und  Industne  besonders  häufig  und  stark. 
Wenn  in  Folge  irgend  einer  äusseren  Veranlassung  die 
Aussichten  auf  Absatz  und  Gewinn  in  einem  oder  vielen  Pro- 
ductioDSzweigen  steigen,  so  nimmt  die  Lust  des  Producirens  zu 
und  es  werden  mehr  Arbeitskräfte  oft  gegen  steigenden  Lohn  ge- 
dungen. Dies  thun  aber  viele  Unteinehmer  gleichzeitig ,  ohne 
dass  der  Einzelne  sich  um  die  gesammte  Ausdehnung  der 
Production  kümmert.  Statt  sich  gegenseitig  zu  controlliren, 
steigern  sie  sich  gegenseitig  in  der  Leidenschaft,  indem  Jeder 
zuerst  und  am  meisten  zu  gewinnen  hofift.  Schliesslich  tritt 
der  Zustand  ein,  dass  mehr  Producte  und  diese  zu  höheren 
Kosten  eraeugt  worden  sind,  als  es  der  wirklichen  Nachfrage 
entspricht.  Eine  Zeit  lang  wird  dies  noch  nicht  erkannt  oder 
absichtlich  verhüllt  Schliesslich  tritt  die  unverkennbare 
Unmöglichkeit  ein,  zu  den  gehofften  Preisen  zu  verkaufen,  es 
folgen  vei-schuldete  und  unverschuldete  Bankerotte,  welche 
direct  eine  Einschränkung  des  bisherigen  Umfangs  der  Pro- 
duction bewirken  und  auf  längere  oder  kürzere  Zeit  allge- 
meine Muthlosigkeit  erzeugen.  Aus  dieser  entsteht  dann  ein 
Zustand,  demzufolge  eine  Anzahl  von  Arbeitskräften  brach 
liegt  und  in  Elend  geräth,  obwohl  weder  die  Menge  der  reel- 
len Productionsmittel,  noch  der  Menschen,  die  arbeiten  und 
gemessen  können,  abgenommen  hat  Vei*schieden  sind  die 
ersten  Veranlassungen  und  die  Ausdehnung  solchen  Aufeinan- 
derfolgens  von  üeberspeculation  und  Krisis  —  immer  gerathen 
dadurch    Arbeiter  in    wenn  auch  vorübergehende,   so   doch 


656  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

schwere  Noth  und  leider  sind  diese  Krisen  eine  sich  constant 
wiederholende  Erscheinung  geworden. 

Es  kann  hier  nicht  meine  Absicht  sein,  die  Lehre  der 
E^risen  dogmatisch  zu  behandeln.  Uns  interessirt  hier  vor 
Allem  die  Thatsache,  dass  sie  in  der  Zeit  der  Entwicklung 
der  Grossindustrie  sich  als  ein  periodisches  Uebel  einstellten 
und  die  Folge  hatten,  dass  nothwendig  ein  Theil  der  gewerb- 
lichen Arbeiter,  die  sogenannte  Arbeiter-Reserve-Armee,  nur 
in  den  allerbesten  Zeiten  voll  beschäftigt  werden  konnte.  Opti- 
mistische Lobredner  der  Grossindustrie  erwarteten  Verschwin- 
den des  Uebels  vom  Freihandel  ^)  —  heute  verlangen  unsere 
deutschen  Industriellen  Schutzzölle  als  Gegenmittel  gegen  die 
Krisen! 

In  der  That  liegt  die  Sache  so,  dass  die  Häufigkeit  der 
Krisen  einfach  mit  der  Erstarkung  und  Ausdehnung  der  Gross- 
industrie zugenommen  hat.^)  Schon  in  unserer  Periode  aber 
waren  sie  eine  so  eiiiste  Erscheinung ,  dass  sie  «um  Gegen- 
stand besonderer  parlamentarischer  Untersuchung  wurden') 
und  zwar  handelte  es  sich  jetzt  nicht  mehr  daioim,  das  Capi- 
tal in  der  begünstigten  Industrie  durch  Schutzzölle  und  ähn- 
liche Maassregeln  vor  Verlusten  zu  bewahren,  sondern  man 
erkannte  die  Noth  der  Arbeiter  als  eine  öffentliche  Frage  an. 

Nach  dem  erwähnten  Bericht  waren  gegen  Ende  unserer 
Periode  die  Löhne  in  der  Industrie  im  Allgemeinen  von  ge- 
nügender Höhe  *),  aber  diese  Löhne  waren  nicht  sicher.   Hülfe 


^)  Cooke  Taylor  a.  a.  0.  S.  44  ff 

«)  Marx  a.  a.  0.  S.  449. 

^)  Report  on  the  Means  of  lessening  the  evils  arising  from  the  Fluc- 
toation  ot  Employment  in  manufactaring  districts,  1830. 

*)  Der  Bericht  macht  folgende  Angaben: 

Baumwollindustrie;  es  giebt  vier  Classen  von  Arbeitern: 

1.  mit  20  Sh.  Wochen  verdienst  (Männer), 

2.  mit  12  Sh.  Wochenverdienst  (Männer  und  Frauen), 

3.  mit    7  Sh.  Wochen  verdienst  (Männer  und  Frauen), 

4.  mit    2  Sh.  6  pence  Wochen  verdienst  (Männer  und  Frauen; 

auch  Kinder). 


Geschäftsstockungen.  657 

gegen  die  Schwankungen  des  Erwerbs  gewährten  Clubs,  d.  h. 
Hülfscassen  und  Gewerkvereine,  denen  aber  nur  eine  Minder- 
zahl von  Arbeitern  angehörte.  Die  Mehrzahl  war  völlig  hülf- 
los. Die  Arbeitgeber  gaben  in  schlechten  Zeiten  einfach  weni- 
ger Arbeit  aus,  oder  wenn  sie  die  Arbeiterzahl  beibehielten, 
so  erniedrigten  sie  doch  den  Lohn.  Dies  veranlasste  die  Ar- 
beiter zu  vermehrter  Anstrengung,  und  es  fand  dann  gerade 
in  schlechten  Zeiten  eine  das  üebel  noch  vennehrende  Ueber- 
production  statt. 

Der  Bericht  schlug  daher  eigene  Gassen  zur  Versicheining 
gegen  Erwerbslosigkeit  vor,  in  die  jeder  Arbeiter  sollte  ein- 
zahlen können,  so  dass  dann  Jeder  nach  Maassgabe  seiner 
Einzahlungen  im  Nothfall  unterstützt  werden  könne.  Aus- 
dehnung der  Glubs  wünscht  der  Bericht  nicht.  — 

Wollenindustrie  in  Leeds;  es  giebt  drei  Classen: 

1.  Weber  mit  14  Sh.  Wochenverdienst, 

2.  Spinner  und  Yorspinner  mit  21  Sh., 

3.  Zurichter  (dresser)  mit  21  Sh. 

Dann  Weiber  6  Sh.;  Kinder  3—5  Sh.;  Kinder   von  12—16 
Jahren  6—8  Sh. 
Teppichfabrikation  in  Kidderminster  ^ 

1.  Classe  30  Sh., 

2.  Classe  25  Sh., 

3.  Classe  20  Sh. 

Seit  1815  sanken  die  Löhne  um  33%. 
In  Sheffield: 

1.  Classe  25  Sh., 

2.  Classe  20  Sh., 

3.  Classe  16  Sh. 

Die  Angehörigen  der  1.  Classe  verhalten  sich  zu  denen  der 
folgenden  Classen  wie  1:3:8;  zusammen  sind  es  16,000 
Personen. 
In  Birmingham: 

1.  Classe  24  Sh., 

2.  Classe  18  Sh., 

3.  Classe  12  Sh. 
In  Wolverhampton : 

Schlosser  11 — 14  Sh.  Die  Löhne  der  Schraubenmacher  und 
der  „hingemakers"  sind  seit  1816  und  dann  wieder  seit 
1826  gesunken.  Dagegen  Lohn  der  Japanners^  20  bis 
30  Sh. 

Held,  Soc.  Gesch.  Eugl.  42 


658  Zweites  Buch,  Gap.  5. 

Da  der  Bericht  aber  solche  Gassen  nicht  erzwingen  und 
unter  behördliche  Aufsicht  stellen  will,  so  ist  nicht  einzusehen, 
wie  verhütet  werden  soll,  dass  solche  Gassen  einfach  Gewerk- 
vereine werden  und  für  das  Princip,  dass  Jeder  nur  bis  zum 
Betrag  seiner  Einlagen  untei'stützt  werden  soll,  sind  keine  ge- 
nügenden Gründe  zu  finden. 

Der  Werth  des  Berichts  liegt  sonach  zumeist  nur  in  der 
Anerkennung  des  Uebels.  So  gi'oss  dasselbe  ist,  so  ist  es  doch 
unbedingt  ohne  Zei'stöi'ung  der  Grossindustrie  zu  heben.  Eine 
Hebung  desselben  durch  eigentliche  Versicherungsanstalten 
ist  unmöglich,  weil  die  Höhe  der  Gefahr  sich  absolut  nicht 
erfahrungsgemäss  feststellen  lässt  und  weil  es  keine  sicheren 
fonnalen  Anhaltspuncte  giebt,  vei'schuldete  und  unverschuldete 
Arbeitslosigkeit  zu  unterscheiden.  Man  denke  nur  an  den 
Fall,  dass  den  Arbeitern  ein  niedriger  Lohn  geboten  wird,  zu 
dem  sie  nicht  arbeiten  wollen. 

Es  können  hier  nur  genossenschaftliche  Verbände  nach 
Ali  der  Gewerkvereine  helfen,  die  von  den  Arbeiteni  freiwillig 
gebildet  und  von  ihnen  selbst  verwaltet  werden,  und  welche 
die  Vertretung  der  Interessen  der  Arbeiter  in  Bezug  auf  die 
Lohnhöhe  mit  übernehmen.^)  Ohne  auf  die  Entwicklung  die- 
ser Verbände  näher  einzuziehen,  weisen  wir  nur  im  AUije- 
meinen  darauf  hin,  dass  sie  sieh  in  dem  krisenreichsten  Lande 
der  Grossindustrie  besonders  stark,  blühend  und  gemässigt 
entwickelt  haben. 

Die  Noth  und  Gefahr  der  modernen  Conjuncturen  treibt 
die  Arbeiter  zu  geschlossenen  Verbänden  zusammen ,  so  wie 
einst  die  Zünfte  zum  Kampf  und  Schutz  gegen  die  Mächte 
gegründet  wurden,  die  in  alter  Zeit  die  stätige  Entwicklung 
des  Gewerbes  bedrohten.  Es  ist  eine  wahnwitzige  extreme 
Ansicht,  dass  die  Schwankungen  des  Absatzes  zur  Abschaff- 
ung der  wirthschaftlichen  Freiheit  und  der  selbständigen  Unter- 


^)  S.  Brentano,  Arbeiterversicherung  etc.  1879.  Ich  stimme  den  Mo- 
tiven und  Vorschlägen  dieses  Buchs  keineswegs  durchweg  zu.  Darin  hat 
aber  Brentano  recht,  dass  nur  Gewerkvereine  die  Versicherung  gegen 
Erwerbslosigkeit  leisten  können. 


GeBchäftsstockungen.  659 

nehmungen  führen,  dass  diese  durch  allgemeine  staatliche 
Reguliining  von  Production  und  Absatz  ei'setzt  werden  müssten. 
Die  Absatzschwankungen  sind  in  der  That  ein  gi-osses  Uebel, 
aber  eben  dies  Uebel  erzeugt  selbst  sein  Gegenmittel  —  die 
Corporation  des  Arbeiterstandes.  Und  dieses  Gegenmittel 
kann  und  wird  noch  weiteren  Segen  bringen. 

Die  Gewerkvereine  agitiren  bekanntlich  auch  für  geregel- 
tes Lehrlingswesen  und  gegen  willkürliche  Steigerung  der  Zahl 
der  ungelernten  Arbeiter.  So  sehr  diese  Agitation  manchmal 
verfehlt  sein  mag,  es  steckt  doch  die  richtige  Tendenz  darin, 
die  Ueberproduction  zu  erschweren.  So  können  Gewerkver- 
eine nicht  nur  die  ausgebrochenen  Krisen  dem  Arbeiter  tragen 
helfen  —  sie  können  auch  ihrem  Ausbioich  vorbeugen.  Schnell 
ist  die  Grossindustrie  emporgewachsen,  schneller  als  die  soci- 
alen Institutionen  zur  Heilung  ihrer  Schäden  sich  entwickeln 
konnten  und  können,  weil  zu  ihrer  Consolidirung  die  erzogene 
sittliche  Kraft  der  Massen  nöthig  ist.  Aber  ein  ruhiger  Blick 
in  die  Zukunft,  ausgehend  von  der  Betrachtung  dessen,  was 
schon  begonnen  hat,  kann  nicht  zu  verzweifelten  Voi*schlägen 
führen. 

Es  ist  hinreichend  bekannt,  wie  die  Krisen  auch  die  poli- 
tischen Leidenschaften  der  Arbeiter  stets  gewaltig  steigerten. 
Sie  waren  besonders  heftig  und  interessant  im  fünften  Jahr- 
zehnt unseres  Jahrhunderts.  Was  unsere  jetzige  Periode  be- 
trifft, so  hat  dieselbe  ausser  vielen  Krisen  in  einzelnen  Indu- 
striezweigen ,  namentlich  der  Baumwollindustrie ,  die  zwei 
grossen  allgemeinen  Krisen  von  1815 — 16  und  1825 — 26  auf- 
zuweisen.^) Diese  Krisen  vei-setzten  jedesmal  Massen  von  Ar- 
beitern in  Noth  und  grosse  Aufregung.  Bei  ihrer  Betrachtung 
im  Vergleich  mit  den  Krisen  älterer  Zeit  zeigt  sich  ein  in 
socialer  Hinsicht  bedeutsamer  Unterschied.  Das  junge  Gross- 
capital  am  Ende  des  17.  und  Anfang  des  18.  Jahrhundeits 
hatte  seine  Orgien  gefeiert  und  wurde  an  Intensität  des  Schwin- 
dels in  späterer  Zeit  nicht  übertroffen.  Jetzt  aber  drückte 
die  Störung  in  der  Bewegung  des  Capitals,  das  viel  directer 


^)  S.  Max  Wirth,  Handelskrisen. 

42 


660  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

die  Industrie  beherrschte,  viel  empfindlicher  und  in  grösserer 
Ausdehnung  auf  die  Massen. 

Die  künstliche  Hinaufschraubung  der  Weilhe,  wie  sie 
bei  dem  holländischen  Tulpenschwindel  und  den  Law'schen 
Unternehmungen  in  Frankreich  stattfand,  steht  noch  beute 
unerreicht  da.  Allein  diese  Ueberspeculatiohen  waren  wirk- 
lich einfach  „Seifenblasen".  Eine  relativ  kleine  Anzahl  von 
Capitalisten  glaubte  ihren  Besitz  veimittelst  ihrer  Phantasie 
reell  vermehren  zu  können,  steigerte  eine  Zeit  lang  den  Ck)n- 
sum  ganz  unvernünftig  —  und  war  hinterher  genöthigt,  sich 
als  verarmt  zu  erkennen.  Das  Capital  schwelgte  in  verlocken- 
den Vorstellungen  von  dem  Gewinn,  den  Banken,  Colonial- 
unteniehmungen  und  dergleichen  abwerfen  sollten  und  ver- 
nichtete dadurch  einen  Theil  .seiner  selbst.  Aber  das  noch 
zumeist  i-ein  merkantile  Capital  riss  noch  nicht  breite  Massen 
von  Arbeitern  in  seinen  Ruin  direct  mit  hinein.  Freilich  ti-at 
nach  Zerplatzen  der  Seifenblasen  eine  Einschränkung  des  Con- 
sums  ein,  welche  auch  auf  die  gewerblichen  Arbeiter  zurück- 
wirkte. Diese  Wirkung  vertheilte  sich  aber  gleichmässig  auf 
viele  Gewerke  und  es  waren  noch  nicht  geschlossene  Kate- 
gorien gewerblicher  Arbeiter  von  bestimmten  Kategorien  des 
speculirenden  gewerklichen  Capitals  direct  abhängig.  Diese  für 
die  Arbeiter  empfindliche  Abhänjiiigkeit  entwickelte  sich  aller- 
dings schon,  wo  die  die  Hausindustrie  beherrschenden  Capita- 
listen zu  speculiren  begannen  —  sie  wurde  aber  sehr  schmerz- 
lich und  constant  erst  empfunden,  nachdem  das  Capital  durch 
Fabrikanlagen  die  vollste,  directeste  Herrschaft  über  die  In- 
dustrie gewonnen  hatte. 

Lehrreich  ist  in  dieser  Hinsicht  die  Betrachtung  des  Jah- 
res 1695,  welches  unter  Anregung  der  Gründung  der  Bank 
von  England  reich  war  an  Projecten  und  Gründungen.  Das 
kaufmännische  Capital  im  Gefühl  seiner  jungen  Macht  und 
seiner  Erfolge  wurde  übermüthig.  Es  war  aber  auch  nicht 
möglich,  alle  gemachten  Ersparnisse  und  allen  vorhandenen 
Unternehmungsgeist  in  reellen  Productivwerkstätten  anzulegen, 
es  war  mehr  Capitalkraft  da,  die  fähig  und  geneigt  war,  zu 
herrschen  und  zu  gewinnen,  als  es  Gelegenheiten  zum  Gewinne 


Geschäftsstockungen.  QQl 

und  Objecte  zum  Beherrschen  gab.  So  wurde  ein  Theil  des 
gewissermaassen  relativ  überflüssigen  Capitals  in  Bank-,  Lot- 
terie-, Tauchennaschinen-,  Perlfischerei-  etc.  Projecten  ver- 
geudet.^) Es  wurden  freilich  auch  schon  Leinenindustriege- 
sellschaften, Wasser-,  Salpeter-Compagnien  u.  dgl.  gegi-ündet, 
aber  es  überwogen  noch  vergleichweise  solche  Unternehmun- 
gen, welche  nicht  direct  eine  gewisse  Anzahl  gewerklicher  Ar- 
beiter in  Thätigkeit  versetzten  und  nach  ihrem  Fall  ins  Elend 
brachten. 

Wie  andei-s  in  der  Zeit  der  Fabriken  und  Eisenbahnen  • 
Auch  jetzt  noch  spielen  bei  Ueberspeculationen  Banken  und 
Projecte,  bei  denen  nie  ein  Anfang  der  Ausführung  gemacht 
wird,  ihre  Rolle.  Es  kommt  noch  vor,  dass  einfach  gewandte 
Schwindler  unerfahrenen  Capitalisten  ihre  Erspaniisse  abneh- 
men, ohne  dass  au  diesen  Verlusten  direct  und  empfindlich 
Arbeitermassen  betheiligt  werden.  Aber  diese  Fillle  sind  weni- 
ger zahlreich  und  in  ihrer  Wirkung  weniger  weitgreifend  als 
diejenigen,  in  denen  Eisenbahnen,  Fabriken  u.  dgl.  wirklich 
neu  gegi-ündet  oder  ausgedehnt  werden  und  nachher  zu  Giomde 
gehen  oder  auf  geringeren  Geschäftsumfang  reducirt  werden. 
Das  grosse  industrielle  Capital  ist  weniger  phantastisch  als 
das  rein  mercantile.  Es  treibt  die  Ueberspeculation  weniger 
acut  und  intensiv.  Es  betreibt  sie  aber  periodisch  und  regel- 
mässig, gewissermaassen  gewerbsmässig  ohne  bösen  Willen 
oder  Fahrlässigkeit  einzelner  Individuen  —  einfach,  weil  es 
den  Markt,  von  dem  es  abhängt,  nicht  übei'schauen  kann  und 
es  verstrickt  sein  Gefolge  industrieller  Arbeiter  mit  verstärk- 
ter Macht  in  seinen  eigenen  Schaden.  „Wenn  die  Könige 
bau'n  —  haben  die  Kärrner  zu  thun"  —  d.  h.  in  guten  Zei- 
ten, wenn  das  Capital  uuteiiiehmungslustig  ist,  und  gute  Ge- 
winne macht,  finden  alle  Arbeiter  Erwerb.  Aber  was  die 
gi'OssenH  erren  sündigen,  büssen  die  kleinen  Leute:  wenn  das 
herrschende  Capital  Störungen  erlebt,  so  ist  die  Existenz 
der  Arbeiter  bedroht. 

Corporative  Organisation  der  Arbeiter  entzieht  diese  über- 


^)  S.  Anderson,  History  of  Commerce,  Vol.  2  S.  614. 


662  Zweites  Buch,  Cap.  5. 

haupt  der  willkürlichen  und  despotischen  Herrschaft  der  Ca- 
pitalisten  und  schützt  sie  insbesondere  gegen  die  Wechselfälle 
in  den  oberen  Regionen.  Sie  führt  die  Herrschaft  des  Capi- 
tals  gleichsam  aus  einer  absoluten,  die  anfangs  natürlich  war 
aber  Missstände  erzeugte,  in  eine  constitutionelle  und  segens- 
reiche über  —  natürlich  nicht  ohne  Kampf  und  nicht  auf 
einen  Schlag. 

üeberspeculation  und  Krisen  verändei-ten  im  Laufe  der 
Zeit  ihren  Character  insofern,  als  sie  weniger  wahnwitzig  und 
jäh  wurden,  aber  dafür  sich  auf  weitere  Kreise  von  Capita- 
listen  und  Arbeitern  ei-streckten.  Diese  charakteristische  Ei- 
scheinung  der  Neuzeit  ist  nicht  nur  für  Beurtheilung  der  Ver- 
hältnisse, wie  sie  geworden  sind,  höchst  lehrreich,  indem  man 
daran  sehen  kann,  dass  und  auf  welchem  Wege  die  wichtigste 
sociale  Reformthätigkeit  entwickelt  werden  kann  und  soll  — 
sie  ist  auch  sehr  interessant  für  die  Geschichte  der  Entwick- 
lung der  CapitalheiTSchaft.  Wenn  wir  die  Krisen  des  19.  Jahr- 
hundeits  mit  denen  früherer  Jahrhunderte  vergleichen,  so  sehen 
wir  deutlich,  dass  das  Capital  seine  Organisation  und  HeiT- 
schaft  von  Oben  zu  begründen  begann.  Der  Hauptsache  nach 
haben  nicht  kleine  Capitalisten  sich  aus  den  Handwerkern 
entwickelt  und  über  langsam  wachsende  Massen  von  Arbeitern 
Herrschaft  gewonnen,  bis  sie  zuletzt  bei  steigendem  Reichthum 
Herrn  des  ganzen  wirthschaftlicheu  Lebens  wurden;  sondern 
es  wurden  zuerst  Schifffahit,  auswärtiger  Handel  und  Banken 
organisirt  und  unter  dem  Einfluss  dieser  Mächte  Handwerker 
in  Hausindustrielle  verwandelt.  Dann  reichten  Parvenüs  aus 
dem  Stande  der  Hausindustriellen  den  herrschenden  Kauf- 
leuten die  Hand,  um  die  Herrschaft  des  Capitals  bis  in  die 
ersten  Stadien  gewerklicher  Thätigkeit  hineinzutragen  und  sie 
dadurch  zu  vollenden.  Nachdem  dies  mit  Kampf  und  Leiden 
eiTcicht  war,  beginnt  ein  neuer  Kampf,  diese  Hen-schaft  — 
nicht  zu  vernichten,  sondern  weniger  willkürlich  und  so  zu 
gestalten,  dass  sie  den  Gesammtinteressen  dienen  kann. 


Sechstes   Capitel. 
Rückblick. 

Ich  habe  im  zweiten  Buch  versucht,  auf  Grund  der  besten 
mir  zugänglichen  Quellen  ein  Bild  davon  zu  entwerfen,  wie 
das  alte  selbständige  Handwerk  abstarb,  wie  Hausindustrie 
und  Fabriken  emporkamen.  Es  vei*schwanden  nicht  die  klei- 
nen Betriebe,  aber  sie  verloren  ihre  herrschende  selbständige 
Stelle,  ihre  tonangebende  Bedeutung,  ihre  eigenthümliche  soci- 
ale Ordnung.  Das  grosse  Capital  wurde  der  Herr  der  ge- 
werklichen  Arbeit,  zunächst  in  der  Form  der  Hausindustrie, 
dann  noch  mehr  durch  die  Fabriken,  in  welchen  das  Geschick 
und  die  Bildung  des  berufsmässigen  Technikers  vielfach  Ge- 
schick und  Ausbildung  des  Arbeitei-s  ersetzen,  und  welche  die 
Macht  des  Capitals  steigern  und  befestigen.  Die  Fabrikanten 
und  Kaufleute  nennen  sich  noch  „Mittelclasse'^;  in  der  That 
sind  sie  aber  eine  wenig  zahlreiche  neue  herrschende  Classe 
und  die  Fabrikherrn  ei'schweren  das  Bestehen  eines  wirklichen 
gewerklichen  Mittelstands. 

Auch  unter  dem  Fabriksystem  bewahrt  das  herrschende 
Capital  seinen  urspiilnglichen  mercantilen  Charakter.  Fabrik- 
herren, Grosshändler  und  Banquiei*s  bilden  zusammen  einen 
herrschenden  Stand,  dessen  Glieder  sich  nicht  wie  die  alten 
FeudalheiTen  bestimmte  Gruppen  von  dienenden  und  abhängi- 
gen Leute  dauernd  unterjochen  und  sich  geschlossene  Hen*- 
schaftsgebiete  schaffen,  der  aber  in  seiner  Gesanuntheit  die 
Gesammtheit  deijenigen  beherrscht,  die  ohne  nennenswerthen 
Besitz  und   ohne   höhere  Bildung  von   mechanischer   Arbeit 


gg4  Zweites  Bnch,  Cap.  6. 

leben  müssen.  Die  nicht  abgeschlossene  Gruppe  der  Heri-schen- 
den  herrscht  gleichsam  über  unpersönliche,  weil  fortwährend 
wechselnde,  Knechte.  Alles  Privatcapital  giebt  in  erster  Linie 
Kaufkraft  gegenüber  dem  ganzen  Markt.  Die  Geldwirthschaft 
ersetzt  das  Recht  der  Begünstigten  auf  bestimmte  Dienstlei- 
stungen und  Naturalien  durch  eine  nicht  qualitativ,  sondern 
nur  quantitativ  bestimmte  Macht  über  Alles,  was  einen  Preis 
hat.  Sie  giebt  eine  sozusagen  fortwährend  in  der  Schwebe 
gehaltene  Consumtionsfähigkeit.  Alles  Privatcapital  behält 
etwas  von  der  Natur  des  Geldes,  es  giebt  eine  auch  stets  in 
Schwebe  gehaltene,  nur  quantitativ  und  im  Vergleich  mit  An- 
deren gemessene  Hen-schaft  über  den  Arbeitsmarkt. 

Diese  neue  Macht  erwächst  nicht  durch  organisirte  syste- 
matische That  eines  bestimmten  schon  abgegrenzten  Standes. 
Sie  erwächst  durch  erfolgreiche  isolirte  Anstrengungen  Ein- 
zel ner,  die  über  die  alten  Ordnungen  hinausstreben. 

Im  Laufe  der  Zeit  finden  sich  die  herrschenden  Capita- 
listen  allerdings  zu  gemeinsamer  Vertretung  ihrer  eigeuthüm- 
lichen  Interessen  namentlich  gegenüber  dem  Grossgrundbesitz 
zusammen.  Sie  bleiben  aber  eine  Gruppe  von  Individuen, 
die  unter  sich  und  mit  Anderen  lediglich  durch  das  Privat- 
recht zusammenhängen  und  Beziehungen  haben  wollen.  Sie 
haben  die  Staatsgewalt  namentlich  unter  dem  Mercantilsystem 
gerne  für  sich  benutzt;  aber  der  Staat  war  nui*  ihr  Diener 
und  weder  sie  noch  die  Staatsgewalt  dachten  daran,  der  neuen 
Macht  in  der  organischen  Gliederung  des  staatlichen  Volkes 
Rechte  und  Pflichten  zugleich  zuzuweisen. 

Die  grossen  Ginndherrn  haben  ihrer  Zeit  die  sociale  Ord- 
nung der  alten  Bauerngemeinden  aufgelöst,  sie  haben  aber 
zugleich  staatliche  Pflichten  übernommen,  und  wenn  sie  diese 
auf  dem  Continent  über  dem  Streben  nach  Vergrössening  und 
Befestigung  ihrer  Macht  vielfach  vergassen,  so  sind  sie  in 
England  ein  Stand  wirklicher  Staatsdiener  geworden  und  ge- 
blieben. Sie  waren  nicht  eine  Oligarchie,  sondeni  eine  wahre 
Aristokratie. 

Dagegen  denkt  das  erstarkende  Capital  nur  an  Autlösung 
alter  öffentlich  rechtlicher  Ordnungen;  es  löst  das  Handwerk 


Rückblick.  665 

auf,  ohne  an  öffentliche  Pflichten  gegenüber  den  atomisirten 
Arbeitern  des  Gewerbes  zu  denken.  Individualistisch  und  auf 
dem  Boden  des  Privatrechts  ist  es  emporgekommen  und  sieht 
im  Staat  nur  den  Hüter  des  Eigenthums.  Es  gelingt  ihm  so- 
gar, in  öffentlich  rechtliche  Verhältnisse,  die  mit  dem  Gewerbe- 
wesen nicht  direct  zusammenhängen,  einen  privatrechtlichen 
Charakter  hineinzutragen.  Der  Staat  wird  der  privatrechtliche 
Schuldner  seiner  Capitalisten,  während  er  vordem  nur  Arme 
und  Reiche  kraft  seines  absoluten  öffentlichen  Rechts  besteuerte. 

Vergleichen  wir  diese  ganze  thatsächliche  Entwicklung 
mit  der  im  ersten  Buche  geschilderten  Entwicklung  der  Ideen 
in  der  Literatur,  so  zeigt  sich  in  beiden  Entwicklungen  eine 
grosse  innere  Harmonie.  Während  kräftige  Individuen  unbe- 
kümmert um  ihre  Stellung  im  Staate  eine  neue  sociale 
Macht  schufen  durch  eigene  individuelle  Kraft  und  nur  ihre 
individuellen  Interessen  verfolgend ;  während  sie  und  die  Mehr- 
zahl der  Gebildeten  die  dadurch  hervorgebrachte  Umwälzung 
der  ganzen  wirthschaftlichen  Ordnung  kaum  beachteten  oder 
doch  nicht  ihrer  vollen  Bedeutung  nach  erkannten  —  in  der- 
selben Zeit  beherrschte  eine  Literatur  die  Geister,  welche 
sich  das  Volk  als  eine  Summe  von  Individuen,  den  Staat  als 
Diener  individueller  Interessen  dachte  und  die  theils  be- 
wusst,  theils  unbewusst  die  materiellen  Interessen  der  Indi- 
viduen in  erschreckendem  Maass  in  den  Vordergrund  schob. 
Die  praktische  Bewegung  des  aufstrebenden  Grosscapitals  ent- 
fesselte die  individuellen  wirthschaftlichen  Kräfte  und  befreite 
das  Volk  von  dem  Bann  allgemeiner  Aimuth  und  von  dem 
Aufgehen  in  localen  Kirchspielsinteressen.  Die  Literatur  be- 
freite die  Geister  von  dem  Bann  veralteter  Voi-stellungen  und 
von  Gedankenlosigkeit  über  öffentliche  Verhältnisse. 

Diese  grosse  Umwälzung  aller  Verhältnisse  und  herrschen- 
den Ideen  vollzog  sich  glücklicherweise  ohne  fonnelle  Revo- 
lution. Ihr  Wesen  war  Vernichtung  alter  öffentlich  recht- 
licher Ordnungen  und  Sieg  wirthschaftlicher  individueller  In- 
teressen. 

Die  grosse  Thatsache,  dass  dabei  nicht  alle,  sondern 
nur  ein  Theil  der  Individuen  direct  gewann,   drängte  zum 


666  Zweites  Buch,  Gap.  6. 

Nachdenken  und  zu  praktischen  Keformen,  die  einen  Anfang 
neuer  positiver  öflFentlich  rechtlicher  Ordnung  dai-stellen.  Das 
grosse  und  noch  nicht  gelöste  Problem  ist  nicht  nur,  auch  die  Ai'- 
beiter  und  Annen  an  den  Früchten  des  wachsenden  Reich- 
thums  theilnehmen  zu  lassen,  sondern  vor  Allem  auch,  den 
neuen  mitherrschenden  Stand  mit  einem  thätigen  Bewusstsein 
seiner  politischen  und  socialen  Pflichten  zu  erfüllen ,  ihn 
wenigstens  nachträglich  und  allmälig  aus  einer  mehr  oder 
minder  rücksichtslosen  Oligarchie  in  eine  wahre  Aristokratie 
zu  verwandeln. 

Dazu  sind  nicht  nur  Gesetze  nöthig,  welche  eine  den  Be- 
dürfhissen der  Grossindustrie  entsprechende  neue  sociale  Ord- 
nung schaffen  und  in  denen  England  zwar  nichts  Abschliessen- 
des aber  doch  Grosses  und  Mustergültiges  geleistet  hat  —  es 
ist  auch  eine  Vertiefung  der  Vorstellungen  über  Staat  und 
Gesellschaft  nöthig,  welche  sich  von  der  einseitigen  Verfol- 
gung nächstliegender  individueller  Interessen  erhebt  und  im 
Staate  die  den  idealen  Zielen  der  ganzen  Menschheit  die- 
nende höchste  Organisation  der  Volksgenossen  erkennt.  Es 
ist  unmöglich,  dem  Unempfänglichen  die  Nothwendigkeit  und 
Richtigkeit  solcher  Anschauung  mit  zwingender  Logik  zu  be- 
weisen. Aber  es  giebt  kein  besseres  Mittel,  die  Einseitigkeit 
und  Unzulänglichkeit  entgegengesetzter  Anschauung  darzu- 
thun,  als  die  Geschichte  eines  Volkes  zu  erzählen,  das  unter 
der  HeiTSchaft  der  Ideen  des  Individualismus  stand.  Am  be- 
lehrendsten aber  ist  die  Geschichte  eines  Volkes,  das  bei  aller 
Beschränktheit  individualistischer  Weltanschauung  und  bei 
allem  unerhörten  Aufschwung  des  materiellen  Reichthums  doch 
eine  seltene  sittliche  Kraft  in  den  Charakteren  seiner  Glieder 
bewahrte  und  unschätzbare  praktisch-politische  Traditionen  be- 
sass  —  und  besitzt. 


Erster  Anhang. 

Vortrag  über 

Handwerk  und  Grrossindustrie. 


Handwerk  und  Grossindustrie. ^) 

Die  Gewerbestatistik  von  1875  constatirt,  dass  in  Preus- 
sen  von  allen  im  Gewerbebetrieb  beschäftigten  Personen 
2,246,959  oder  62  %  dem  Kleinbetrieb  und  nur  1,378,959 
oder  38  %  dem  Grossbetrieb  angehörten,  wobei  Gross-  und 
Kleinbetrieb  unterschieden  werden,  je  nachdem  ein  Betrieb 
mehr  als  fünf  Arbeiter  hatte  oder  nicht.  Weitgehende  opti- 
mistische Schlüsse  wurden  aus  diesen  Zahlen  gezogen.  Noch, 
hiess  es,  hat  das  Handwerk  einen  goldenen  Boden;  noch  ist 
es  der  grossen  Mehi-zahl  der  Arbeiter  möglich,  im  Kleinge- 
werbe zu  gesicherter  selbständiger  Existenz  zu  gelangen.  Die 
Fabrikarbeiter,  hiess  es,  haben  kein  Recht,  ihre  Interessen 
als  Interessen  des  ganzen  Arbeitei*standes  hinzustellen;  die 
Klagen,  welche  sie  erheben,  die  Bewegungen,  welche  unter 
ihnen  herrschen;  sind  nicht  die  beherrschenden  Fragen  unseres 
gewerblichen  Lebens  und  werden  in  ihrer  Bedeutung  über- 
trieben. — 

Leider  sind  diese  Schlüsse  falsch;  wie  so  oft  aus  End- 
zahlen übereilt  geschlossen  wird.  Engel,  der  Director  des 
k.  preuss.  Statistischen  Bureau's,  hat  sie  auch  nicht  gezogen ; 
er  hat  nur  behauptet,  der  Schweipunkt  liege  noch  in  dem 
Kleinbetrieb.  Ich  will  nicht  alle  —  und  es  sind  viele  Giilnde 
—  gegen  diese  Schlüsse  anführen-,  einer  genüge:  Unter 
den    2,246,959    Kleingewerbetreibenden    sind    1,630,488    so- 


')  Vortrag,  gehalten  in  der  Sing-Akademie  zu  Berlin  am  21.  Februar 
1880  yon  A.  Held. 


670  Vortrag  über 

genannte  Meister,  d.  i.  Inhaber  oder  Geschäftsleiter  von  Be- 
trieben, von  denen  also  nothwendig  mehr  als  eine  Million  keine 
Gehilfen  oder  Lehrlinge  haben.  Denn  nach  amilicher  Schätzung 
sind  78  ®/o  aller  Kleinbetriebe  „Einzelbetriebe". 

Sind  dies  Handwerksmeister?  Antwort:  Nein!  Es  sind 
der  Hauptsache  nach  Accordarbeiter,  Hausindustrielle  und 
Taglöhner  im  Dienste  wechselnder  Auftraggeber  —  Proleta- 
rier oft  in  höherem  Grade  als  die  eigentlichen  Fabrikarbeiter. 

Wie  viele  Procente  der  gesammten  gewerblichen  Personen 
nun  wirklich  noch  dem  eigentlichen  Handwerk  angehören,  ist 
nicht  genau  zu  sagen.  Ein  Kenner^)  schätzt  die  Zahl  auf 
etwa  ein  Drittel  im  Deutschen  Reich. 

Es  kommt  auf  solche  Zahlen  aber  wenig  an;  es  handelt 
sich  nicht  um  eine  statistische,  sondern  um  eine  Verfassungs- 
frage. Es  fragt  sich,  welche  Organisation  der  gewerblichen 
Production  ist  heute  die  tonangebende  und  herrschende,  nach 
welcher  Organisation  streben  alle  fortschrittlichen  wirihschaft- 
lich  starken  Elemente? 

Gesetzt,  wir  hätten  noch  mehr  Handwerksmeister  und  Ge- 
sellen als  Fabrikanten  und  Fabrikarbeiter :  was  nützt  dies,  wenn 
jeder  glückliche  und  erfolgreiche  Meister  strebt,  ein  kleiner 
Fabrikant  zu  werden,  während  die  Andern  Fabrikwaaren  ver- 
kaufen und  gelep:entlich  für  Fabriken  arbeiten  —  wenn  jeder 
gute  Handwerksgeselle  in  eine  Fabrik  mit  höherem  Lohn  über- 
gehen kann,  und  im  Handwerk  dieselbe  Behandlung  verlangt 
wie  in  der  Fabrik?  Was  nützt  dies,  wenn  auf  jedem  Gebiet, 
auf  dem  Handwerk  und  Fabrik  concurriren,  die  letztere  siegt, 
und  dem  ersteren  dictirt,  was  und  wie  und  zu  welchem  Preis 
es  noch  produciren  kann?  Was  nützt  es,  wenn  überhaupt 
die  Fabriken  rasch  vorwärts  schreiten,  während  das  Hand- 
werk mühsam  um  Erhaltung  eines  Existenzgebietes  ringt,  und 
die  alten  Formen  seiner  Organisation  preisgeben  muss  — 
bis  auf  die  eine  Eigenthümlichkeit  des  kleinei'en  Umfangs 
des  Betriebs? 


^)  Oesterreichische  Monatsschrift  für  GesellschaftswisBenschaft,  Decbr. 
1879,  S.  570. 


Handwerk  and  Grossindustrie.  671 

Sehen  wir  die  Sache  genauer  an.  Wir  können  absehen 
von  den  ältesten  Formen  des  gewerblichen  Betriebs,  dem 
Spinnen  und  Weben  der  Frauen  im  Bauernhause  für  den 
Familienbedarf,  dem  Schmiede-  und  Zimmermannsbetrieb  höri- 
ger Leute  auf  dem  Herrenhof,  den  Klostermanufacturen  etc. 
Seit  dem  Ende  des  Mittelalters  kann  man  drei  Formen  des 
Gewerbebetriebes,  der  überhaupt  verkehi-smässigen  Absatz 
hat,  unterscheiden,  die  heute  noch  nebeneinander  existiren, 
aber  ihre  relative  Bedeutung  sehr  geändert  haben. 

1)  Handwerk.  Betrieb  von  kleinem  oder  mittlerem 
Umfang,  in  dem  der  Meister  alle  nöthigen  Werkzeuge  selbst 
besitzt,  die  Rohstoffe  selbst  auf  dem  Markt  kauft  und  die 
Producte  an  wechselnde  Abnehmer,  meist  direct  an  Consu- 
menten  absetzt; 

—  in  dem  der  Meister  zwar  den  Betrieb  dirigirt,  aber  die 
mechanischen  Arbeiten  seiner  Gesellen  etc.  selbst  auch  mit  ver- 
richtet ; 

—  in  dem  also  kein  principieller  Unterschied  zwischen 
der  Bildung  der  Arbeitgeber  und  Arbeiter  vorhanden  ist,  und 
letztere  in  Folge  der  Kleinheit  des  Betriebs  und  des  massigen 
Umfangs  der  nöthigen  Capitalien  im  Allgemeinen  die  gerecht- 
fertigte Hoffnung  haben,  im  Laufe  ihres  Lebens  selbst  Meister 
zu  werden. 

Es  arbeitet  vorhen-schend  für  den  stätigen  localen  Bedarf. 
Seine  ganze  Organisation  beruht  auf  dem  localen  Absatz.  — 

2)  Hausindustrie.  Ein  kaufmännischer  Unternehmer 
liefert  einer  Anzahl  mechanischer  Arbeiter,  die  sich,  nament- 
lich wenn  sie  ausser  ihren  Frauen  und  unerwachsenen  Kindern 
noch  Gehülfen  haben,  Meister  nennen,  und  die  nöthigen  Werk- 
zeuge theils  selbst  besitzen,  theils  entleihen,  Rohstoff  und 
nimmt  ihnen  das  fertige  Product  zu  vorher  fest  gesetztem 
Preise  ab,  um  es  als  Grosshändler  auf  dem  grossen  Markte 
zu  verkaufen. 

Zwischen  den  mechanisch  Arbeitenden  und  den  Consu- 
menten  tritt  eine  capitalistische  Macht  als  selbständiges  Ele- 
ment, von  welcher  der  Arbeitende  abhängig  wird  und  welche 
auf  einen  grösseren  als  den  localen  Markt  speculirt. 


672  Vortrag  über 

Der  Arbeiter  arbeitet  in  seinem  Hause,  behält  noch  Frei- 
heit der  Zeiteintheilung ,  Geschlossenheit  des  Familienlebens, 
und  bleibt  Herr  der  Technik.  Die  Arbeitstheilung  innerhalb 
jeder  Arbeitsstätte  wird  geringer,  dafür  entwickelt  sich  Ar- 
beitstheilung unter  den  vei*schiedenen  Hausindustriellen,  die 
demselben  Kaufmann  dienen. 

3)  Fabrikindustrie.  Ein  durch  kaufmännische  und 
technische  Bildung  überragender  Fabrikant,  alleiniger  Besitzer 
aller  Rohstoffe,  Werkzeuge  und  fertigen  Producte,  sammelt 
viele  und  vielerlei  mechanische  Arbeitskräfte  unter  seinem 
Commando,  welche  in  seinem  Hause  nach  seiner  Angabe  ar- 
beiten, und  lediglich  Lohn  bekommen. 

Die  Geschlossenheit  der  Familie,  die  Freiheit  in  der 
Eintheilung  der  Arbeit  hört  auf.  Die  Arbeitsein theilung 
innerhalb  des  Etablissements  entwickelt  sich  zur  Vollkommen- 
heit. Ein  proletarischer  Arbeiterstand  gegenüber  dem  eine 
ganz  verschiedene  Thätigkeit  verrichtenden  Fabrikantenstand 
bekommt  das  Gefühl  einer  geschlossenen  dienenden  Classe  mit 
eigenen  Interessen.  — 

Es  giebt  natürlich  Uebergäng^  und  Zwischenstufen: 
Etablissements,  von  denen  man  zweifeln  kann,  ob  sie  grosse 
Handwerksbetriebe  oder  kleine  Fabriken  sind ;  Hausindustrielle, 
die  zugleich  noch  direct  für  Consuraenten  arbeiten;  Meister, 
die  factisch  zumeist  an  denselben  Grosshändler  absetzen  und 
diesem  verschuldet  sind  etc.  etc.;  Zünfte  von  Handwerks- 
meistern, die  einen  geregelten  grossen  Absatz  betreiben; 
ferner  kann  man  je  nach  dem  Vorhandensein  mechanischer 
Kräfte  Manufacturen  und  eigentliche  Fabriken  unterscheiden, 
was  für  uns  hier  unwesentlich  ist:  aber  die  drei  Haupt- 
füi-men  der  Industrie  existiren  in  ausgeprägten  Typen,  und  je 
nachdem  die  eine  oder  andere  Hauptform  dominirt,  ist  der 
Charakter  des  ganzen  industriellen  Lebens  der  Nation  bestimmt. 
Jede  dieser  drei  Hauptformen  des  Betriebs  bedarf  auch  zu 
ihrem  Gedeihen  bestimmter  Ordnungen,  die  sich  aus  den 
Bedürfnissen  entwickeln  und  durch  staatliche  Autorität  wenig- 
stens theilweise  Festigkeit  gewinnen. 

Nun  lehrt  vor    Allem  jede   geschichtliche    Betrachtung 


Handwerk  und  GroBsindastrie.  673 

dieser  Verhältnisse,  dass  die  drei  Betriebsfoimen  nicht  in 
abgeschlossenen  Gebieten  mit  selbständigen  Ordnungen  neben- 
einander existiren  können,  sondern  sie  suchen  sich  nothwendig 
gegenseitig  Terrain  abzugewinnen,  und  das  zunehmende  oder 
vollendete  Uebergewicht  einer  Betriebsform  beschränkt  nicht 
nur  die  Existenzsphäre  der  andern,  sondern  beeinflusst,  resp. 
zerstört  auch  die  in  dieser  zur  Herrschaft  gelangten  Ord- 
nungen. 

Es  ist  eine  Thatsache,  die.  man  nicht  weichlich  beklagen, 
sondern  mit  der  man  offnen  Auges  rechnen  muss,  dass  keine, 
wenn  auch  ihrer  Zeit  noch  so  segensreiche  Ordnung  des  ge- 
werblichen Lebens  Kecht  und  Aussicht  auf  ewigen  Bestand 
hat.  Langsam  und  nur  nach  schweren  Kämpfen  entwickeln 
sich  diese  Ordnungen  und  erhalten  abgeschlossene  Gestalt ,  in- 
dem sich  das  Bedüi-fhiss  der  Gewerbtreibenden  mit  dem  der 
andern  Stände  durch  Vennittlung  der  Staatsgewalt  ins  Gleich- 
gewicht setzt  —  und  kaum  ist  dieses  geschehen,  so  entwickeln 
sich  neue  Bedüi-fnisse,  die  nothwendig  über  die  alte  Ordnung 
hinausstreben. 

In  Jahrhunderten  gelang  es  dem  zünftigen  Handwerk, 
die  seinen  Bedürfnissen  entsprechende  Zunftordnung  zu  einem 
Theile  des  öffentlichen  Rechtes  zu  machen.  Kaum  hatten  die 
Kämpfe  der  Zünfte  um  Erringung  des  ihnen  dienlichen  Bechts 
aufgehört,  als  sie  anfingen,  dasselbe  zur  Ausbildung  eines 
gemeinschädlichen  Monopolgeistes  auszubeuten,  und  gleich- 
zeitig neben  ihnen  eine  auf  giösseren  Absatz  speculirende 
anderer  Ordnungen  bedürfende  Industrie  in  ihren  Anfängen 
entstand. 

In  keinem  Lande  kann  man  diesen  Process  des  wechseln- 
den Uebergewichts  der  Betriebsfoimen  und  des  Wechsels  der 
herrschenden  gewerblichen  Ordnung  besser  studiren  als  in 
England. 

Die  natürliche  Energie  des  Volkes,  das  frühzeitige  Auf- 
hören der  Leibeigenschaft,  der  Mangel  an  verheerender  In- 
vasion fremder  Kriegsheere  eimöglichten  einen  starken  und 
verhältnissmässig  ungestörten  Aufschwung  des  gewerblichen 
Lebens,  die  Menge  der  Seeküsten,  die  Colonien,  die  Dichtig- 

Held,  Soe.  Gesch.  Engl.  43 


674  Vortrag  über 

keit  der  Bevölkerung  und  die  vielen  schiffbaren  Flüsse  dräng- 
ten verhältnissmässig  frühzeitig  zum  Absatz  in  weitere  Feme. 

Die  Geschlossenheit  des  Staats  seit  Wilhelm  dem  Er- 
oberer stellte  die  Ordnung  der  Gewerbe  frühzeitig  unter  ein- 
heitliche Reichsgesetzgebung. 

Unter  Elisabeth  wurde  das  allgemeine  Gewerberecht  codi- 
ficirt.  Diese  Codification  war  noch  berechnet  auf  die  Ver- 
hältnisse eines  blühenden ,  auf  stätigen  localen  Absatz  ange- 
wiesenen Handwerks.  Siebenjährige  Lehrlingszeit  war  die 
allgemeine  Vorbedingung  selbständigen  Gewerbebetriebs;  die 
Löhne  wurden  allgemein  durch  Gesetz  oder  locale  Obrigkeit 
bestimmt.  Das  Gesetz  bestimmte  die  Dauer  der  täglichen 
Arbeitszeit.  Die  gewerblichen  Lehrlinge  dui-ften  nicht  überall 
aus  beliebigen  Ständen  entnommen  werden  und  in  einzelnen 
Gewerben  existirten  besonders  strenge  Beschränkungen  filr 
ihre  Aufnahme.  Dafür  können  gewisse  Pereonen  zur  Lehr- 
lingsschaft gezwungen  werden.  Auf  3  Lehrlinge  muss  1  Ge- 
selle, auf  4  müssen  2  Gesellen  etc.  gehalten  werden« 

Die  ganze  Gesetzgebung  beruhte  auf  dem  Princip,  die 
Bevölkei-ung  zur  möglichst  erfolgi*eichen  Arbeit  zu  emehen 
resp.  zu  zwingen  und  dafür,  in  Rechnung  auf  die  Stetigkeit 
der  Verhältnisse  und  die  Uebersehbarkeit  des  localen  Absatzes, 
jedem  geleniten  Arbeiter  sein  gebührendes  Einkommen  zu 
sichern. 

Mit  den  allgemeinen  Gesetzen  gingen  unter  den  Tudors 
und  Stuarts  Hand  in  Hand  specielle,  welche  für  einzelne  Ge- 
werbe und  Gegenden  besondere  technische,  den  Absatz  und 
die  Arbeiterverhältnisse  betreffende  Voi-schriften  geben  i)  und 
vielfach  durch  Charter  geschaffenen  Zünften  das  Privilegium 
zugestehen,  jeden  selbständigen  Gewerbetreibenden  zum  Bei- 


^)  So  durften  nach  einem  Gesetz  unter  Philipp  und  Maria  Leineweber 
nur  1  Wel)Btuhl  haben,  und  es  war  überhaupt  nicht  gestattet,  mehr  als 
2  Tuchweberlehrlinge  zu  halten;  das  Tuch  wurde  öffentlich  geprüft  und 
gesiegelt;  die  Competenzen  zwischen  Webern  und  Cloth  dressers,  zwischen 
Lederhändlem  und  Metzgern  waren  genau  geschieden,  Rohseidenknöpfe 
waren  privilegirt  etc.  etc. 


Handwerk  und  GroBsindustrie.  675 

tritt  ZU  zwingen,  und  die  Ausführung  der  Gesetze  über  Tech- 
nik ,  Absatz  etc.  durch  ihre  eigenen  Oi'gane  zu  handhaben  ^). 

Das  Handwerk  herrschte  damals  und  seine  Ordnung  war 
überaus  zeitgemäss. 

Aber  es  existirten  auch  schon  Hausindustrie  und  selbst 
einzelne  Manufacturen.  Die  Tuchindustrie  war  schon  Expoit- 
industrie  und  der  Weber  war  in  Abhängigkeit  von  dem  den 
Grosshandel  und  Export  betreibenden  Kaufmann.  Selbst  Tuch- 
manufacturen  mit  hundert  Webstühlen  existirten  schon  ver- 
einzelt unter  Heinrich  Vni.  Selbst  in  Schottland  gab  es  be- 
reits im  17.  Jahrhundert  einzelne  begünstigte  Manufacturen. 
Indessen  dies  war  damals  noch  nicht  von  durchschlagender 
Bedeutung. 

Aber  im  Laufe  des  17.  Jahrhunderts  begann  die  alte 
Handwerksordnung  zu  zerfallen  und  in  der  Mitte  des  1 8.  Jahr- 
hunderts stand  die  Sache  bereits  so,  dass  die  Lohnregu- 
liiningen  lässig  und  schlecht  gehandhabt  wurden,  so  dass  in 
vielen  Gewerben  gi-osse  berechtigte  Unzufriedenheit  herrschte, 
z.  B.  unter  den  Schneidern ;  —  dass  das  Gebot  der  7jährigen 
Lehrlingszeit  und  der  beschränkten  Lehrlingszahl  ganz  massen- 
haft umgangen,  sogar  vereinzelt  officiell  abgeschafft  wurde;  — 
dass  die  privilegirten  Zünfte  ihre  Aufeichtsrechte  zur  Erhe- 
bung von  Geldstrafen  und  zur  gemeinschädlichen  Unterdrückung 
der  Concurrenz  missbrauchten. 

Gleichzeitig  hatte  sich  die  Hausindustrie  bedeutend  aus- 
gedehnt. Man  kann  sagen,  dass  in  allen  wichtigen  Zweigen 
der  Textilindustrie  der  sogenannte  Meister  seine  Selbständig- 
keit an  einen  capitalbesitzenden  Kaufmann  verloren  hatte,  in 
der  Tuch-  und  Leinen-Industrie,  in  der  Strumpfwirkerei,  Band- 
weberei etc. ;  selbst  andei-swo  bei  den  Juwelieren,  Uhrmachern  etc. 
—  Zeuge  dafür  allein  die  ewigen  Klagen  über  Materialunter- 
schlagung seitens  der  Arbeiter,  und  die  vielen  Beweise  für 
die  Thatsache,  dass  statt  7jähriger  Lehrlinge  Kinder,  Frauen 
und  Greise  als  Hülfskräfte  benutzt  wurden. 

Dieser  langsame  Sieg  der  Hausindustrie  über  das  Hand- 


^)  Z.  B.  die  Ziegler-,   Metzger-  und  Strumpfwirkerzanft  in  London. 

43* 


676  Vortrag  über 

werk  beruhte  lediglich  auf  der  Aenderung  der  Absatzverhält- 
nisse,  welche  von  kräftig  aufetrebenden  Capitalisten  klug  und 
energisch  benutzt  wurde,  und  dies  war  die  entscheidende  That- 
sache  für  den  Untergang  der  Henschaft  der  Handwerksord- 
nung. Der  folgende  Process,  welcher  die  Fabrikindustrie  zur 
Herrschaft  brachte,  vollzog  sich  schneller,  auffallender,  äusser- 
lich  grossai-tiger,  war  aber  keine  selbständige  Umwälzung 
einer  alten  socialen  Ordnung  mehr. 

Die  Macht  und  Herrschaft  der  alten  Zünfte  beruhten 
darauf,  dass  Ginippen  von  energischen  Eleinbesitzem  das 
Risico  des  localen  Absatzes  ttbemahmen  und  dadurch  zu 
Herren  der  nicht  zünftigen  Hülfisarbeit  und  der  zünftigen 
Gesellen  wurden.  Die  wagende  Energie  der  Einen  giebt  Schutz 
und  Sicherheit  den  Andeni  und  Herrschaft  über  diese. 

Einen  Absatz  in  ferne  Länder  aber  konnte  der  Handwerks- 
meister oder  eine  Zunft  wirklicher  Handwerksmeister  nicht 
übernehmen ;  es  kam  das  wohl  vor,  namentlich  mit  Hülfe  der 
öffentlichen  Gewalt,  welche  Märkte  schuf  etc.,  aber  die  Zunft 
war  unbeholfen  und  wenn  es  gelang,  verloren  die  herr- 
schenden Zünfte  ihren  Handwerkscharakter. 

Kaufmännische,  kapitalreichere  Speculanten,  Leute,  die 
die  Welt  kannten  und  Grösseres  wagen  wollten,  nahmen  die- 
sen in  die  Hand,  gaben  dem  arbeitenden  Meister  sichern  Ab- 
satz und  nahmen  ihm  Selbständigkeit.  Nennen  Sie  dies: 
die  Macht  des  Capitals;  es  ist  rechnende,  wagende  Energie, 
verbunden  mit  grösserem  Besitz  und  umfangreicher  Kenntniss 
der  Verhältnisse,  die  wachsenden  Reichthum  erringt,  weil  sie 
die  Bedürfnisse  der  Andern  erkennt  und  ihre  Befriedigung 
vermittelt,  und  Heri*schaft  emngt  über  dienende  Arbeit,  die 
erst  geschützt  wird  —  dann  auch  ausgebeutet  werden  kann. 

Als  die  Kaufleute  nicht  nur  die  Tuchexpoitindustrie,  son- 
dern die  ganze  Textilindustrie  factisch  behen-schten,  als  ihre 
Schutzzollinteressen  und  ihre  Interessenkämpfe  untereinander  ^) 


^)  Namentlich  z.  B.   der  Kampf  der  Tuch-  etc.  Industrie  gegen  die 
im  Inland  bedruckten  Calicos.   —  Das  Aufkommen   der  von  Anfang  auf 


Handwerk  und  GroasiDdastrie.  677 

die  Factoren  der  Gesetzgebung  beheiTSchten ,  da  war  die 
Blüthe  des  alten  Handwerkeimittelstandes  vernichtet  und  ein 
neuer  Henenstand  trat  tonangebend  ins  Leben  —  ähnlich 
wie  einst  die  ritterlichen  6i*undhen*en  die  freien  Bauern  all- 
mälig  unterwarien. 

Ein  neuer  HeiTenstand,  d.  h.  eine  neue  Kraft  und  eine 
neue  efifectreiche  Zusammenfassung  der  schwächeren  Kräfte; 
eine  nationale  Kraft,  denn  es  mass  sich  die  neue  concentrir- 
tere  Pi*oduction  mit  der  de&  Auslands.  Eine  Kraft,  d.  h.  ein 
Fortschritt,  wie  alle  Fortschritte  nur  durch  Kampf  und  Lei- 
den vieler  Einzelnen  errangen,  aber  eine  Steigerung  der 
Macht  der  Menschheit;  wie  alle  Fortschritte  auf  wirthschaft- 
liehem  Gebiet  langsam  entwickelt  und  lange  Zeit  in  ihrer 
vollen  Bedeutung  nicht  erkannt  —  aber  trotz  aller  ohnmäch- 
tigen vei-ständnisslosen  Gegenbestrebungen  unwiderstehlich 
sich  bahnbrechend,  weil  die  Menschheit  m'cht  darauf  veraich- 
ten  kann,  dass  durch  bessere  Eintheilung  der  Arbeitskräfte, 
bessere  Verwerthung  natürlicher  Productionsbedingungen,  die 
Menge  des  Verzehrbaren,  und  damit  die  Menge  der  Menschen, 
welche  leben  können,  wächst. 

Ununterecheidbar  sind  in  socialen  Entwicklungen  Ureache 
und  Wirkung  verechlungen.  Ewig  wird  die  Frage  unbeant- 
woitbar  bleiben:  hat  die  kühne  Thatkraft  einzelner  Besitzen- 
der den  Absatz  in  gi'össere  Feme  entdeckt,  d.  h.  geschaffen, 
oder  hat  die  Möglichkeit  des  grösseren  Marktes  die  Specu- 
lation  herrschender  Capitalisten  erweckt? 

Das  Eine  nur  steht  fest,  dass  zwischen  den  Mittelstand 
gewerblicher  Arbeiter  und  den  erweiterten  Consumentenkreis 
eine  neue  Macht  in  die  Mitte  trat,  und  dass  deren  Heri*schaft 
durch  die  Flussregulirungen  im  Anfang  des  18.  Jahrhundeits, 
durch  die  Ganäle  Brindley's  seit  1755  definitiv  besiegelt 
wurde.  Dadurch  wurde  das  ganze  Inland  ein  einheitliches 
Wirthschaftsgebiet  und  auch  in  der  für  den  heimischen  Markt 


überseeisches  Iklaterial  begründeten  und  eine  neue  Technik  entwickelnden 
Baumwollenindustrie  bezeichnet  den  Umschwung  am  schärfsten. 


678  Vortrag  über 

arbeitenden  Industrie   höi^te    die   ungestörte  Herrschaft    des 
Handwerks  unter  den  Ordnungen  der  Elisabeth  definitiv  auf. 

Auch  dies  steht  fest,  dass  dieser  unendlich  langsame  Sieg 
des  Systems  der  Hausindustrie  die  entscheidende  Umwälzung 
war,  durch  welche  die  grosse  moderne  Frage  des  Zerfalls  der 
Gesellschaft  in  wenige  mächtige  Capitalisten  und  viele  arme 
Proletarier  in's  Leben  trat.  Sehen  wir  doch  in  der  Band- 
weberei, in  der  ührmacherei  und  anderen  Gewerben,  in  denen 
von  mit  Dampf  oder  Wasser  getriebenen  Maschinen  nicht  die 
Rede  war,  Ende  des  vorigen  und  Anfang  dieses  Jahrhunderts 
die  alte  Lehrlingsordnung  in  voller  Auflösung.  Freilich  be- 
standen noch  Gewerbe  fort,  in  denen  ein  anderer  als  ein  hand- 
werksmässiger  Betrieb  unmöglich  war.  Aber  auch  in  diesen 
war  die  alte  Ordnung  völlig  degenerirt.  Wir  sehen,  dass  1780 
statt  wirklicher  Lehrlinge  im  Kaminfegergewerbe  Kinder  be- 
schäftigt wurden,  die  man  durch  Nadelstiche  in  die  Fusssoh- 
len  zwang,  in  Kamine  von  unmöglicher  Enge  hinaufzukriechen. 

Entschieden  war  durch  die  Macht  des  Capitals  und  den 
grösseren  Absatzkreis  das  Ende  des  Handwerks  als  herrschender 
Form  des  gewerblichen  Betriebs.  Die  Entwicklung  der  Macht 
des  grösseren  Capitals  war  aber  damit  noch  nicht  vollendet. 
Sie  stieg  zu  einer  höheren  Stufe,  zur  Fabrikindustrie. 

•  Dieser  zweite  principiell  minder  wichtige,  aber  schneller 
sich  vollziehende  Process  entwickelte  sich  nun  allerdings  durch 
die  Maschine  (die  Manufacturen  ohne  Maschine  waren  mehr 
vereinzelt),  d.  h.  genauer  durch  das  mit  Wasser  und  Dampf 
bewegte  complicirte  Werkzeug.  Man  darf  sich  aber  nicht 
vorstellen,  dass  die  entscheidenden  technischen  Erfindungen 
plötzlich,  wie  Minerva  dem  Haupte  des  Zeus,  entsprungen 
seien  und  dann  dieser  Zufall  eine  Aenderung  der  gewerblichen 
Zustände  den  willenlosen  Massen  aufgezwungen  hätte. 

Durch  das,  was  wir  eine  Maschine  nennen,  wird  es  mög- 
lich, mit  gleicher  Arbeit  eine  enorm  viel  gi-össere  Menge 
gleichartiger  Producte  herzustellen.  Dies  ist  aber  nur  mög- 
lich und  vortheilhaft,  wenn  ein  grosser  Markt  schon  vorhan- 
den ist.  Die  Heri*schaft  der  Production  für  den  gi-ossen  Markt 
musste  also  bereits  begiilndet  sein. 


Handwerk  und  Grossindustrie.  679 

Und  nun  genügte  nicht  die  Entdeckung  einer  technischen 
VoiTichtung  oder  mechanischen  Triebkraft.  Alle  entscheiden- 
den technischen  Fortschritte  sind  durch  vieljährige  Bemühun- 
gen gemacht  worden,  denen  sich  nur  derjenige  unterzieht,  der 
die  wirthschaftliche  Verwerihbarkeit  erkannt  hat.  Und  nicht 
Hargreaves  oder  Watt  haben  die  Fabrikindustrie  eigentlich  be- 
gi-ündet,  sondern  das  harte  kaufmännische  Genie  des  Barbiere 
Arkwright,  der  die  verschiedensten  technischen  Entdeckungen 
zu  verwerthen  und  die  Organisation  der  Fabrikarbeit  zu  er- 
sinnen verstand. 

Nicht  die  Maschine  hat  das  Handwerk  gestürzt.  Dieses 
hatte  schon  aufgehört  zu  heri*schen.  Aber  die  Maschine  hat 
der  Capitalmacht  einen  neuen  Aufschwung  gegeben  und  sie 
endgültig  consolidirt.  Gerade  wie  nicht  das  Zündnadelgewehr 
den  Sieg  von  1866  erkämpft  hat,  sondern  die  vorhandene 
grössere  militärische  Tüchtigkeit  Preussens  auch  diese  Waffe 
zu  erwerben  verstand,  so  war  die  Maschine  nur  eine  Waffe  in 
der  Hand  des  schon  im  Siegeslaufe  begriffenen  grossen  Capi- 
tals,  die  diesem  Siege  den  grössten  Glanz  verlieh. 

Entscheidend  war  in  diesem  Process  der  Sieg  der  Ma- 
schine in  der  Baumwollspinnerei,  in  der  Industrie,  die  von 
Anfang  an  nicht  handwerksmässig  und  die  gewissermaassen 
international  war.  Merkwürdigerweise  waren  es  gerade  hier 
Arbeiterparvenüs  und  nicht  Kaufleute,  die  sich  zu  Fabrikanten 
aufschwangen.  Langsamer  und  später  verdrängte  der  mecha- 
nische Webstuhl  die  Hand-  und  Hausweberei,  und  hier  waren 
es  vorzugsweise  die  Kaufleute,  welche  sich  zu  Fabrikanten 
entwickelten,  so  sehr  man  auch  verlangte,  es  sollte  den  Tuch- 
händlern verboten  werden,  Webstühle  zu  besitzen  (1794),  und 
es  sollte  Niemanden  erlaubt  sein,  viele  Webstühle  im  Hause 
zu  haben. 

Leidensvoller  und  aufregender,  weil  schneller,  war  dieser 
zweite  Uebergang  als  der  ei-ste.  Im  Anfang  der  dreissiger 
Jahre,  in  dei*selben  Zeit,  als  die  Reformbill  von  1832  die  Macht 
des  Capitals  auch  politisch  anerkannte,  war  England  voll  von 
den  Klagen  der  ai-men  Handweber,  die  nicht  begriffen,  dass 
ihrer  zu  viele  waren  und  wähnten,  es  könne  ihnen  durch  ge- 


680  Vortrag  über 

setzliche  Regulirung  des  Lohns  gegen   die  „Concun-enz"  ge- 
holfen werden. 

Diese  Forderungen  sind  vei-stmnmt.  England  ist  ein 
Fabrikstaat  geworden.  Kein  Vei-ständiger  denkt  an  künstliche 
Erhaltung  des  Handwerks  und  der  Hausindustrie.  Mögen  sie 
nebenbei  bestehen,  wo  und  wie  sie  können  —  die  Hauptfrage 
aber  dort  ist: 

Wie  kann  man  dem  Fabrikarbeiter  guten  und  sichern 
Lohn  geben; 

wie  das  Capital  an  Ausbeutung  von  Frauen  und  Kindern 
verhindern; 

wie  kann  man  unter  den  Fabrikarbeitern  einen  neuen 
Mittelstand  des  gelernten  nebenbei  besitzenden  Arbeiters 
heranziehen  ? 

Und  die  ungelöste  Frage  ist:  Wie  kann  man  den  neuen 
HeiTenstand  der  Fabrikanten  erziehen,  dass  er  sich  die  poli- 
tischen Tugenden  der  alten  Aristokratie  aneignet.  — 

England  hat  gleichsam  für  die  ganze  Culturwelt  diese 
Entwicklungen  durchgelebt  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
die  fertigen  Kesultate  auf  die  andern  Länder  übertragen.  Bis 
zu  Ende  der  dreissiger  Jahre  dieses  Jahrhunderts  war  Deutsch- 
lands Industrie  der  Hauptsache  nach  noch  Handwerksindustrie, 
wenn  diese  auch  nicht  blühte.  Aber  während  das  Handwerk 
unter  fortwährender  Auflösung  seiner  zünftigen  Formen  über- 
haupt fortlebte,  war  die  Grossindustrie  noch  schwach  und  der 
neue  Herrenstand  war  noch  kein  Element  unseres  socialen 
Lebens. 

Da  kamen  zugleich  Eisenbahnen  und  Zollverein  und 
schufen  für  die  deutsche  Industrie  ein  gi'osses  Absatzgebiet, 
an  dem  es  bisher  gefehlt  hatte.  Damit  begann  ein  Aufschwung 
der  Grossindustrie;  die  städtische  Bevölkerung  wuchs  nun  in 
stärkerem  Verhältniss  als  die  ländliche.  Es  begann  die  Entr 
Wicklung,  der  zufolge  Deutschland  heute  zu  den  Ländern  ge- 
hört, die  mehr  Industrieproducte  ausführen  als  einführen,  und 
einen  Theil  ihrer  Nahrungsmittel  vom  Ausland  beziehen 
müssen  —  ein  Zustand,  der  in  England  seit  1783  definitiv  ist. 

Als  diese  Entwicklung  begann,   war  die  Fabrikindustrie 


Handwerk  und  Grossindostrie.  681 

in  England  schon  etablirt.  So  kommt  es,  dass  wir  in  Deutsch- 
land nicht  zwei  zeitlich  auseinanderliegende  Momente  unter- 
scheiden können,  in  denen  erst  die  Hausindustrie  die  Herr- 
schaft des  Handwerks  brach  und  diese  dann  wieder  von  der 
Fabrikindustrie  überwältigt  wurde.  (Man  kann  dies  an  ein- 
zelnen Orten  schon  vor  1830  beobachten,  z.  R  Aachen,  aber 
nicht  in  ganz  Deutschland).  Beide  Formen  der  grossen  In- 
dustrie fangen  gleichzeitig  an,  sich  stark  zu  entwickeln,  und 
zwar  hauptsächlich  in  der  Weise,  dass  sie  nicht  das  Hand- 
werk geradezu  tödteten,  sondern  mehr  so,  dass  sie  dieses  in 
seiner  alten,  aber  etwas  verengten  Sphäre  kümmerlich  oder  in 
veränderter  Betriebsweise  bestehen  Hessen,  und  daneben  durch 
neue  Production  den  neu  eröffneten  grösseren  Markt  sich  an- 
eigneten. Es  giebt  allerdings  eine  Reihe  von  Gewerben,  in 
denen  die  durchschnittliche  Arbeiterzahl  eines  Etablissemetats 
unter  Verringeioing  der  Zahl  der  Etablissements  überhaupt 
stark  gewachsen  ist,  und  in  denen  nicht  einfach  das  grössere 
Etablissement  das  kleinere,  sondern  in  der  That  die  Fabrik 
das  Handwerk  verdrängte,  z.  B.  in  der  Brauerei.  Auch  der 
leidensvolle  Kampf  der  Fabrik  gegen  die  Hausindustrie  kam 
und  kommt  bei  uns  vor,  z.  B.  in  der  sächsischen  Weberei, 
—  aber  die  Sache  verlief  doch  nicht  als  einfache  Copie  der 
englischen  Entwicklung. 

In  kleinerem  Maassstabe,  innerhalb  kürzerer  Zeit,  weniger 
heftig  und  ohne  schroffe  zeitliche  Trennung  der  verechiedenen 
Entwicklungsstadien  wiederholen  sich  bei  uns  die  englischen 
Vorgänge.  Das  Resultat  ist  bei  der  überhaupt  weniger  macht- 
vollen Entwicklung  der  Industrie  ein  minder  grossartiges,  aber 
qualitativ  dasselbe,  nur  geringere  Leiden  der  Arbeiter  —  rela- 
tiv frühere  Staatshilfe ,  mehr  Kleinlichkeit  der  capitalärmeren 
Fabrikanten. 

Das  Handwerk,  dessen  Ordnung  bei  uns  allgemein  das 
Zunftrecht  war,  hat  seine  beheiTschende  Stellung  verloren ;  die 
Hausindustrie  hat  neben  der  Fabrikindustrie,  z.  B.  in  der 
Messer-  und  Feilen-,  der  Seiden-  und  Plüschfabrikation  ihre 
grosse  Bedeutung ;  der  Drang  zur  eigentlichen  Fabrikindustrie 
ist  aber  ein  übermächtiger.     Es  ist  nicht  ohne  Bedeutung, 


gg2  Vortrag  über 

dass  im  vorigen  Jahre  die  Schutzzölle  durchgingen,  die  ledig- 
lich im  Interesse  einiger  Zweige  der  Fabrikindustrie  lagen, 
während  die  exportirenden  Hausindustrien  überstimmt  wurden 
—  und  das  Handwerk  schwieg. 

Die  Gewerbeordnung  von  1869,  welche  alle  noch  übri- 
gen Privilegien  und  Monopole  der  Zunftzeit  abschaffte,  schuf 
nicht  die  Uebeimacht  der  Grossindustrie  über  das  Handwerk, 
sondern  erkannte  nur  den  Zustand  an,  dass  die  Gesammtan- 
dustrie  die  specifisch  handwerklichen  Ordnungen  nicht  mehr 
verträgt.  Sie  schaffte  kleinliche  alte  Schranken  ab,  welche 
an  einzelnen  Stellen  schadeten  und  hemmten,  und  auf  die  ge- 
sammte  Gestalt  der  Industrie  bereits  ohne  Einfluss  waren.    . 

Wir  haben  in  Deutschland,  wie  Eingangs  bemerkt,  noch 
ein  Handwerk  und  es  wird  dieses  nie  ganz  aussterben;  für 
Reparaturen,  für  gewisse  in  den  Häusern  vemchtbare  Arbei- 
ten,  für  gewisse  Producte  der  Kunstindustrie  wird  und  kann 
es  immer  ein  Handwerk  geben,  in  dem  ein  Meister  mit  eigenem 
kleinen  Capital  für  den  Consumenten  arbeitet.  Aber  täuschen 
wir  uns  nicht:  das  Gebiet  dieses  Handwerks  ist  nicht  abge- 
schlossen, der  Betrieb  desselben  stark  abhängig  von  der  Gross- 
industrie, und  unfähig,  die  alten  Ordnungen  aufi'echt  zu  er- 
halten. Er  ist  nur  ein  achtungswerthes  Anhängsel  der  Gross- 
industrie. 

Erfolgreiche  Handwerker  aller  Art  verkaufen  im  offenen 
Kram  und  Laden  Fabrikwaaren  und  denken  nicht  mehr  daran, 
alles,  was  sie  verkaufen,  selbst  zu  machen.  Tapezierer,  die  in 
den  Häusern  arbeiten,  suchen  sich  zugleich  zu  Möbelfabrikan- 
ten zu  entwickeln,  Schneider,  die  nach  Maass  arbeiten,  zu 
Fabrikanten  fertiger  Kleider.  Kunstindustrielle  werfen  sich 
auf  Specialitäten  und  produciren  diese  schliesslich  massenhaft 
und  fabrikmässig.  Die  Lehrlinge  und  Gesellen  des  Handwerks- 
meistei's  können  ebensogut  jugendliche,  resp.  erwachsene  Ar- 
beiter in  einer  Fabrik  werden;  es  giebt  kein  Mittel,  sie  in 
specieller  Zucht  zu  halten,  und  ihr  Streben  kann  nicht  mehr 
ausschliesslich  darauf  gerichtet  sein,  selbst  Handwerksmeister 
zu  werden. 

Mit  andern  Worten:  die  socialdemokratische  Lehi-e,  dass 


Handwerk  und  Grossindostrie.  683 

schliesslich  in  jedem  Gewerbszweig  das  eine  grösste  Etablis- 
sement alle  andern  auffressen  werde ,  ist  ein  Wahn ;  es  wird 
immer  noch  kleine  und  mittlere  Betriebe  von  einer  gewissen 
Selbständigkeit  geben ;  aber  diese  haben  eine  natürliche  Ten- 
denz, sich  selbst  fabrikmässig  zu  entwickeln,  und  ihre  Zahl 
und  ihre  Bedeutung  nehmen  den  wirklichen  Grossbetrieben 
gegenüber  relativ  unrettbar  beständig  ab. 

Es  ist  der  Werth  der  Geschichte,  dass  sie  uns  lehrt,  in 
der  Gegenwart  das  Starke  vom  Schwachen,  das  Wichtige  und 
Bedeutende  vom  Unwichtigen  und  Unbedeutenden  zu  unter- 
scheiden, dass  sie  uns  zeigt,  worauf  es  heute  ankommt.  Sie 
lehi-t  uns  nicht,  was  heute  der  Zukunft  zu  Ehren  im  Ein- 
zelnen geschehen  soll,  aber  sie  lehrt  uns,  auf  welchen  Gebie- 
ten und  in  welcher  Richtung  wir  arbeiten  müssen,  um  über- 
haupt Erfolge  haben  zu  können. 

D.  h.  auf  unseren  Fall  angewendet :  Wenn  wir  an  sociale 
Ordnung,  an  Organisation  des  Gewerbes  denken,  so  müssen 
wir  in  ei-ster  Linie  an  die  Gross-  und  speciell  an  die  Fabrik- 
industrie denken.  Ihre  Ordnung  wirkt  beherrschend  auf  die 
Eleinindustrie  zuiUck  —  das  Umgekehrte  findet  aber  nicht 
mehr  statt. 

Man  kann  das  Uebergewicht  de^Grossindustrie  vom  so- 
cialen und  politischen  Standpunct  nicht  mit  Unrecht  bekla- 
gen, weil  dadurch  der  Bestand  eines  gesunden,  kräftigen,  ge- 
sicherten Mittelstandes  ei*schüttert ,  und  weil  das  eigentliche 
Proletariat  mit  all  seinen  Leiden  und  Gefahren  dadurch  be- 
günstigt wird.  Allein  wir  dürfen  nicht  vergessen,  dass  die 
Fabrikindustrie  siegt,  weil  sie  den  allgemeinen  Bedürfiiissen 
entgegenkommt;  dass  ein  Volk,  welches  sie  bei  sich  verhin- 
dern wollte,  kein  Volk  mit  blühendem  Handwerk,  sondern  ein 
Volk  mit  lauter  gewerblichen  Proletarieni,  ohne  Fabrikanten 
werden  würde.  Die  gi*osse  Aufgabe,  die  vor  allen  Gulturvöl- 
kem  steht,  ist  die,  die  grosse  Industrie  selbst  zu  organisiren, 
so  dass  der  Arbeiter  eine  gesicherte  Existenz  bekommt,  und 
in  der  Grossindustrie  ein  neuer  Mittelstand  entsteht.  —  Der 
Staat  kann  diese  Organisation  nicht  schafifen,  er  kann  sie  nur 
unterstützen,  er  kann  Excesse  der  Capitalmacht  unterdrücken, 


684  Vortrag  über 

und  die  Organisationsvei*suche,  die  frei  gemacht  werden,  stär- 
ken und  anerkennen.  Auf  langsame  Erfolge  müssen  wir  da- 
bei unzweifelhaft  gefasst  sein ;  —  trotzdem  ist  die  Grossindustrie 
selbst  das  Gebiet,  worauf  es  ankommt. 

Eine  Oi'ganisation  des  eigentlichen  Handwerks,  wo  und 
wie  es  eben  noch  fortbesteht,  ist  nebenbei  gewiss  von  Nutzen ; 
jede  corporative  Zusammenfassung  der  Mitglieder  desselben 
Standes,  der  Träger  gleicher  Interessen,  giebt  sittlichen  Halt 
und  wiithschaftliche  Stärke.  Nur  glaube  man  nicht,  dass 
Handwerkerinnungen  direct  ein  bedeutendes  Stück  der  eigent- 
lichen socialen  Frage  der  Neuzeit  lösen.  Auch  glaube  man 
nicht,  dass  es  dadurch  möglich  werden  wird,  das  Existenzge- 
biet des  Handwerks  dauernd  bedeutend  zu  erweitern.  Und 
am  wenigsten  glaube  man,  dass  durch  Wiederbelebung  alter 
Zwangsbestimmungen  und  Privilegien  irgend  etwas  genützt 
werden  kann,  ja  dass  diese  überhaupt  nur  möglich  sind. 

Der  Gedanke,  alle  Handwerksmeister  zum  Beitritt  zu  In- 
nungen zu  zwingen,  oder  doch  bessei*e  Jurisdiction  über  alle 
Gewerbsgenossen  zu  geben,  muss  scheitern  an  der  Unmöglich- 
keit, heute  schaif  zu  untei'scheiden ,  wer  Kaufmann  und  wer 
Handwerker  ist,  wer  dieses  oder  ein  anderes  Handwerk  treibt, 
wer  Accordarbeiter ,  Handwerksmeister  oder  Fabrikant  ist 
Zünfte  mit  ausschliesslich  berechtigten  Meistern  müssen  die 
Handwerksgesellen  nur  um  so  mehr  in  den  Bund  mit  den 
Fabrikarbeitern  treiben  und  sie  zu  systematischen  Feinden 
der  Meister  machen.  Meisterprüfungen  sind  bei  dem  heutigen 
schnellen  Wechsel  der  Technik  und  der  entwickelten  Arbeits- 
theilung  im  Handwerk  selbst  unmöglich,  respective  unnöthig. 
Selbst  Lehrlingsgesetze  —  was  sollen  sie  heute?  —  Es  müssen 
technische  Schulen  heute  die  praktische  Lehre  theilweise  er- 
setzen; letztere  selbst  aber  kann  nicht  mehr  bei  jedem  Mei- 
ster gleichmässig  und  vollständig  in  derselben  Zeit  gegeben 
werden.  Wollen  aber  die  Handwerksmeister  sich  durch  strenge 
Lehrlingsgesetze  billige  jugendliche  Arbeiter  sichern,  so  mögen 
sie  bedenken,  dass  der  Erfolg  solcher  Versuche  sein  wird: 

Es  wird  Niemand  mehr  Lehrling,  sondern  jeder  Anfänger 
wird  jugendlicher  Arbeiter  in  einer  Fabrik. 


Handwerk  and  Grossindnstrie.  685 

Es  hilft  nichts.  Wir  müssen  zugestehen:  der  alte  schöne 
Satz:  „das  Handwerk  hat  einen  goldnen  Boden*'  gilt  nicht 
mehr  in  dem  Sinne,  dass  es  möglich  wäre,  durch  Wiederher- 
stellung des  alten  Zunftrechts  auch  die  alte  Blüthe  des  zünf- 
tigen Gewerbes  wiederherzustellen.  Das  kann  nur  dazu  füh- 
ren, dass  alle  strebsamen  und  talentvollen  Kräfte  um  so 
rascher  das  eigentliche  Handwerk  verlassen. 

Aber  wahr  ist  noch  heute,  dass  überhaupt  jede  redliche 
Arbeit  einen  goldenen  Boden  hat.  Wahr  ist,  dass  auch  in 
der  heute  herrschenden  Grossindustrie  die  Idee  zur  Geltung 
gebracht  werden  kann,  die  Arbeit  müsse  nicht  nur  wegen  des 
Ei-werbs,  sondern  mit  stolzem  Pflichtgefühl  erfüllt  werden. 
Wahr  ist,  dass  auch  in  der  Grossindustrie  diesem  Gedanken 
durch  Corporation  und  Organisation  Stärke  gegeben  wer- 
den kann. 

Die  hen-schenden  Formen  des  Betriebs  der  Gewerbe  und 
die  Formen  der  gewerblichen  Ordnung  müssen  wechseln. 
Ewig  wahre  Gedanken,  von  sittlichem  Gehalt,  die  den  alten 
Formen  zu  Grunde  lagen,  können  in  neuen  Foimen  aufleben. 

Neue  Formen  sind  schwer  zu  finden.  Es  ist  natürlich, 
dass  diejenigen,  welche  den  guten  Geist  alter  Ordnungen  er- 
halten wollen,  sich  zunächst  an  die  alten  Foimen  selbst  halten. 

Haben  doch  z.  B.  die  so  modernen  englischen  Trades 
Unions  lange  Zeit  sich  in  die  Idee  der  Wiederherstellung  der 
alten  obrigkeitlichen  Lohnregulirungen  und  Lehrlingsgesetze 
verbissen.  Haben  doch  die  so  modernen  und  nützlichen,  auf 
die  grössere  Industrie  berechneten  heutigen  Syndikate  in  Frank- 
reich ihren  Ursprung  in  der  Wiederherstellung  privilegirter 
Zünfte  für  Metzger  und  Bäcker  in  Paris  gehabt. 

Reactionäre  Bestrebungen  auf  socialem  Gebiet  können  nie 
das  foimale  Ziel  erreichen,  das  sie  sich  vorsetzen,  weil  die  That- 
sachen  zu  mächtig  gegen  sie  sind.  Aber  sie  können  die  Ein- 
leitung zu  einem  wirklichen  Fortschritt  sein,  sie  können  Be- 
wegungen zur  Bildung  neuer  zeitgemässer  Ordnungen  in 
Gang  setzen. 

Und  darum:  Ich  kann  die  Hoffnungen  enegter  Hand- 
werksmeister nicht  theilen ;  aber  ich  hoffe,  dass  aus  dieser  Er- 


ggg  Handwerk  und  Grossindostrie. 

regung  eine  kräftige  Anregung  zur  Entwicklung  eines  moder- 
nen coi*porativen  Lebens  in  der  ganzen  Industrie  hervor- 
gehen möge. 

So  kann  die  untergehende  Herrschaft  des  eigentlichen 
Handwerks  der  aufgehenden  Grossindustrie  ein  Erbtheil  von 
unschätzbarem  Werthe  vermachen,  dessen  Bedeutung  die 
jugendstarke  Erbin  allmälig  zu  würdigen  und  richtig  zu  be- 
nutzen leiTien  wird  —  ein  Erbtheil,  von  dem  der  Satz  gilt: 

„Erwirb  es,  um  es  zu  besitzen!'* 


Zweiter  Anhang. 

Belegstellen. 


A. 

Zu  Seite  427,  Anmerkung  5. 
Lehrlingswesen  bei  den  Seidenbandwebern. 
Second  Report  on  ribbon  weavers,  1818,  S.  90—92: 

Roles  and  Orders  to  be  observed  in  the  silk-weaving  branch. 

That  for  the  better  regalation  of  the  Silk  Weaving  bosiness  and 
wholly  to  put  a  stop  to  the  alarming  multiplicity^  of  fugitive  boys  and 
girls  (being  under  no  indenture,  thereby  defrauding  the  King  of  his  reve- 
nue),  who  in  consequence  of  being  enticed,  under  various  pretences  and 
promises,  by  artfiil  and  designing  men,  to  go  from  master  to  master,  have 
willfully  spoiled  their  work,  to  the  great  detriment  of  the  undertaker, 
he  having  to  take  the  work  so  spoiled,  or  make  proper  allowances  for 
the  same,  and  thereby  incurring  ihe  displeasure  of  his  employer;  and  it 
must  be  allowed,  that  without  work  is  made  so  as  the  owner  thereof  can 
vend  it  to  his  customer  or  customers,  with  an  upright  confidence  and  be- 
coming  assurance  that  his  work  is  saleable,  he  is  in  danger  of  losing  such 
customer  or  customers,  and  thereby  iignring  his  credit  as  well  as  his 
trade;  and  which  also  must  prove  a  very  great  iigury  to  those  who  have 
served  their  regulär  seven  years,  under  an  indenture,  to  the  silk  weaving 
branch;  therefore  be  it  known  to  all  those  it  does  or  may  concem  that 
our  ancient  establisted  rules  shall  be  strictly  adhered  to  (as  in  London 
by  law  allowed)  which  alone  will  reduce  us  to  peace  and  good  order  and 
be  the  only  means  of  stopping  those  commotions  and  disturbances,  which 
we  confess  have  so  frequently  been  seen  and  known  amongst  us. 

Rule  I:  —  That  no  undertaker  shall  be  allowed  more  than  two 
apprentices  at  one  time. 

11:  —  That  no  joumeyman  shall  be  allowed  to  take  any  appren- 
tice,  nor  shall  any  apprentice  be  allowed  any  part  of  that  time  they  have 
already  served  with  any  joumeyman,  in  any  shop  whatever. 

UI:  —  That  an  undertaker  having  one  of  his  own  children  in  the 
loom,  shall  be  allowed  two  apprentices;  if  two  of  his  own  children  in  the 
loom,  one  apprentice;  if  three  of  his  own  children  in  the  loom,  no  ap- 
prentice ;  but  he  may  have  as  many  of  his  own  legitimate  children  as  he 

Held,  Sog.  OMeh.  Engl.  44 


690  BelesBtelleiL 

pleases  boimd  for  seven  years,  the  eldest  son  excepted,  who  Bhall  be  at 
Uberty  as  a  journeyman  at  twenty  years  of  age,  and  not  before  — 

lY:  —  That  any  boy  or  girl  going  as  an  apprentice,  to  leam  the 
art  or  mystery  of  silk  weaving,  shall  be  bound  ander  an  indentore  for 
seven  years  (not  being  above  sixteen  years  of  age)  and  that  one  month 
only  be  allowed  for  the  trial  of  both  parties,  that  is  to  say,  the  master 
and  the  intended  apprentice;  at  the  end  of  which  month,  if  not  before, 
he  or  she  shall  be  bound  upon  the  Hing's  stamp  made  and  prepared  for 
that  purpose,  either  for  half  of  what  they  eam,  and  all  bounties  abolished, 
or  for  bed  and  board  according  as  the  parties  shall  agree,  but  the  time 
shall  not  be  allowed  previoas  to  their  binding ;  and  if  the  master  shall 
object  to  bind  such  boy  or  girl,  he  shall  make  his  objections  known  to  the 
men  appointed  for  that  purpose,  and  shall  immediately  put  him  or 
her  from  his  Service  nor  shall  he  receive  any  allowance  for  his  trouble; 
and  if  such  boy  or  girl  shall  be  put  from  two  successive  undertakers,  such 
boy  or  girl  shall  not  be  suffered  to  work  at  the  business  of  silk  weaving 
(without  first  being  deemed  proper  by  the  men  appointed  for  that  pur- 
pose). — 

But  if  the  intended  apprentice  shall  object  to  be  bound  to  his  or 
her  master,  the  objections  shall  like¥rise  be  made  known;  and  if  it  shall 
appear ,  that  his  or  her  objections  are  piain  and  clear,  having  good  ground 
for  such  conduct,  then  he  or  she  shall  be  at  liberty  to  choose  a  second 
master,  who  may  have  a  vacant  place  for  such  apprentice;  and  the  second 
master  shall  make  immedlate  recompense  to  tiie  first  master,  or  if  the 
first  master  shall  think  proper,  the  second  master  shall  have  the  liberty 
to  give  a  promissory  note  of  band ,  on  a  stamp,  provided  at  his  own  ex- 
pense,  that  he  will  pay  or  cause  to  be  paid,  within  the  space  of  one 
month,  such  a  sum  of  money  as  the  men  appointed  for  that  purpose  may 
deem  proper,  to  the  first  master,  for  the  loss  he  may  have  sustained  in 
teaching  or  instructing  the  same  boy  or  girl. 

The  second  master  also,  shall  within  the  space  of  one  fortnight 
after  taking  such  boy  or  girl,  bind  the  same  for  seven  years,  upon  the 
King's  stamp,  either  for  half  of  what  he  or  she  shall  eam,  and  no  more, 
and  all  bounties  abolished,  or  for  bed  and  board,  or  disband  the  same; 
nor  sLall  the  same  boy  or  girl  be  suffered  (without  first  being  deemed 
proper  by  the  men  appointed  for  that  purpose)  to  work  at  the  brauch  of 
silk  weaving  again;  but  if  the  objections  shall  appear  frivolous  or  litigious, 
not  having  good  ground  for  such  conduct,  then  he  or  she  shall  either 
serve  his  or  her  first  master,  or  shall  not  be  suffered  to  work  at  the 
business  of  silk  weaving;  and  if  any  undertaker  shall  have  the  audadty  and 
assurance  to  take  such  boy  or  girl,  aüter  being  disbanded,  he  shall  be  liable  to 
such  penalty  as  the  men  appointed  for  that  purpose  may  deem  proper, 
and  he  shall  likewise  put  the  same  boy  or  girl  from  his  Service.  ~ 

Postscript.    (Sept^  1811).    It  is  agreed,  that  from  the  present  date 


A.    Lehrlinge.  691 

DO  weaver's  child  shall  be  admitted  to  work  as  a  jonmeyman  tili  he  is 
twenty  years  of  age,  except  he  has  senred  a  seven  yean  apprenticeship  to 
some  other  silk  weaver;  and  that  all  eldest  sons  of  weavers,  who  are 
put  under  a  seyen  years  indentore  to  any  other  trade,  shall  forfeit  their 
right  to  exerdse  the  silk  weaving  brauch. 

y.  —  That  if  any  undertaker  shall  endeavonr  to  entice  or  persoade 
any  apprentice  from  his  or  her  master  either  by  direct  or  indirect  means, 
and  it  be  folly  proved  against  him,  such  undertaker  shall  be  liable  to 
such  penalty  as  the  men  appointed  for  that  purpose  may  deem  most 
necessary ;  and  if  such  determination  be  not  acquiesced  to  by  such  under- 
taker, the  same  to  be  recovered  by  dint  of  application  to  his  employer. 

VI.  —  The  Trade,  even  willing  to  show  every  lenity  in  their  power,  do 
hereby  certify,  that  all  boys  and  girls,  who  have  been  employed  under  the  deno- 
mination  of  apprentices  without  indenture  with  any  undertaker,  shall  from  the 
ratification  of  these  articles  be  allowed  one  month,  either  to  be  bound  upon 
an  indenture  for  seven  years  within  twenty-eight  days  after,  and  a  note  of 
band  given  by  the  men  appointed  for  that  purpose,  for  the  time,  they  have 
already  served,  or  such  who  objects  or  neglects  to  be  bound  within  the 
twenty-eight  days  spedfied  shall  be  expelled  from  the  trade,  nor  shall 
they  ever  be  considered  as  belonging  to  the  brauch  of  silk  weaving  on 
any  account  whatever;  and  that  such  and  all  other  indentures  shall  be 
brought  to  the  men  appointed  the  next  sitting  after  such  binding,  in  order 
that  the  name  of  every  apprentice  may  be  registered  in  a  book  kept  for 
that  purpose.  — 

VII.  —  That  every  undertaker  shall  have  the  dedded  prerogative 
of  holding  the  indentures  of  any  boy  or  girl  he  may  have  bound  to  him 
in  the  business  of  silk  weaving,  owing  to  the  many  great  disadvantages 
masters  have  laboured  under  when  held  by  a  third  person ,  or  if  not  ag- 
reed  to  by  the  parents  or  any  other  person  in  their  stead,  on  behalf  of 
the  intended  apprentice,  such  boy  or  girl  shall  not  be  admitted  to  the 
business. 

VIII.  —  That  if  any  person  or  persons  shall  break  any  one  of 
these  articles,  so  as  to  cause  a  meeting  of  the  representatives,  or  of  the 
Shop  for  which  he  is  employed,  such  person  or  persons  shall  pay  or  de- 
fray  the  expense  of  such  meeting  out  of  his  own  pocket,  to  be  recovered, 
as  in  the  fifth  article. 

IX.  —  That  if  any  undertaker  shall  knowingly  and  wittingly  em- 
ploy  any  joumeyman  and  joumeywoman ,  or  apprentice ,  who  have  ever 
been  known  to  embezzle  any  part  of  the  property  intrusted  to  their  care, 
or  to  the  care  of  any  undertaker  with  whom  they  may  have  at  any  time 
been  working  or  otherwise  from  any  other  person  or  persons,  such  un- 
dertaker shall  immediately  on  receiving  a  note  from  the  men  appointed 
for  that  purpose,  put  such  persons  from  his  or  her  Service  or  report  shall 

44* 


692  Belegstellen. 

be  made  of  such  ondertaker  to  bis  employer,  nor  sball  tbe  same  person 
or  persons  be  employed  either  in  Macdesfield  or  its  vidnity.^  — 

Signed  by  tbe  Master  ManoÜEU^torers  of  tbe  Silk  Weaving  Brauch. 

(Folgen  die  Namen.) 

Signed  by  tbe  cbosen  Kepresentatives  and  Delegates  of  tbe  Silk 

Weaving  Brancb. 

(Folgen  die  Namen.) 

Marcb  1812.  —  Tbat  all  Apprentices,  wbo  may  bereafter  leave  tbeir 
master,  sball  be  pnt  under  a  new  indeutore  to  tbeir  new  master,  or  tbeir 
servitade  will  not  be  considered  legal;  and  to  prevent  tbe  frequent  dispa- 
tes  occasioned  by  tbe  destruction  of  indentares  ander  varioos  pretences, 
no  ondertaker  sball  consent  to  destroy  one,  unless  witb  tbe  advice  of  tbe 
representatives  of  tbe  trade.  If  any  tbing  sbould  occor,  tbat  is  not  posi- 
tively  specified  in  tbe  above  rules,  it  sball  be  left  to  tbe  discretion  of  tbe 
representatives  of  tbe  trade.    — 


B. 

Za  Seite  429,  Anmerkung  1. 

Resolutionen  der  übrmacber. 

Keport  on  tbe  petitions  of  watcbmakers,  1817. 

1.  Tbat  tbe  obvious  Intention  of  our  ancestors,  in  enacting  tbe  statuta 
of  tbe  5.  Elizabeth,  cap.  4,  was  to  produce  and  maintain  a  competent 
number  and  perpetual  succesion  of  masters  and  joume}Tnent  of  prac- 
tical  experience,  to  promote,  secure,  and  render  permanent  tbe  pro- 
sperity  of  the  national  arts  and  manufactures,  honestly  wrought  by 
tbeir  ability  and  talents,  inculcated  by  a  mechanical  education,  called 
a  seven  years'  apprenticeship ;  wbereby  according  to  tbe  memorable 
words  of  the  statuta  itself  „it  will  coma  to  pass,  tbat  the  same  law 
(being  duly  executad)  should  banish  idlaness,  advanca  busbandry, 
and  }ield  unto  the  hired  person,  both  in  the  time  of  scarcity  and 
in  the  time  of  planty,  a  convenient  proportion  of  wages.'* 

2.  Tbat  it  is  by  apprenticeships,  that  the  practitioners  in  the  Arts  and 
Manufacturas  attain  the  high  degree  of  perfection,  wbereby  British 
produetions  have  arrived  at  the  great  estimation  in  which  they  were 
beratofore  held  in  foreign  markats. 

8.  That  the  apprenticed  artizans  have,  collectively  and  individually ,  an 
unquestionable  right  to  ezspact  the  most  extended  protection  trom  tbe 
Legißlatura,  in  the  quiet  and  exclusive  use  and  ei^joyment  of  tbeir 
several  and  raspective  arts  and  trades,  wbicb  the  law  has  already 


B.    Resolationen  der  Uhrmacher.  698 

conferred  upon  them  as  a  property,  as  much  as  it  has  secored  the 
property  of  the  stockholder  in  the  public  fonds;  and  it  is  dearly 
ai\ju8t  to  take  away  the  whole  of  the  ancient  established  property 
and  rights  of  any  one  class  of  the  commonity,  unless ,  at  the  same 
time,  the  rights  and  property  of  the  whole  Commonwealth  shoold  be 
dissolved,  and  parcelled  out  anew  for  the  public  good. 
9.  That  is  has  been  owing  to  the  neglect  of  that  invaluable  Statute,  that 
the  manufactures  of  this  country  have  so  much  degenerated  from 
their  former  excellence,  as  to  cause  their  exdusion  from  some  foreign 
markets.  — 

10.  That  in  consequence  of  too  minute  a  diyision  of  labour,  ii\judiciously 
allowed  in  several  manufiictures ,  the  workmen  employed  are  not 
enabied  to  make  throughout  any  one  artide  howeyer  simple,  or  even 
to  maintain  themselves  by  their  industry.  — 

11.  That  the  unlimited  or  promiscuous  introduction  of  various  descripti- 
ons  of  persons  without  apprenticeship  into  the  manufiictures,  occa- 
sions  a  surplus  of  manufacturing  poor,  and  an  unnecessary  competi- 
tion ,  ruinous  to  the  commercial  capital  and  industry  of  the  nation; 
because  the  overflow  of  goods  causes  all  the  productions  of  the  ma- 
nufactories  to  fall  in  price,  and  be  sold  to  foreigners  for  less  money 
than  they  cost  in  making;  which  defidencies  are  necessarily  made  up 
by  the  min  of  the  master  mannüacturers,  bankruptdes,  and  dividends 
to  creditors;  and  are  the  cause  of  increased  parochial  and  other 
rates,  thus  unnecessarily  created,  for  the  support  of  the  poor  work- 
men, who  are  deprived  of  the  fair  price  of  their  honest  labour. 

12.  That  the  repeal  of  the  said  Statute,  without  enacting  in  its  stead  some 
law  more  effectual  for  the  protection  of  the  andent  rights  and  immu- 
nities  of  the  apprenticed  artisans,  will  produce  the  same  conseqnen- 
ces  to  Britain  as  the  proceedings  upon  the  edict  of  Nantes  did  to 
France. 

17.  That  the  System  of  apprenticeships,  whether  considered  in  a  religious, 
political,  or  moral  point  of  view,  is  highly  benefidal  to  the  State, 
and  from  the  neglect  thereof  is  to  be  attributed  the  great  defalcation 
of  public  morals,  the  numerons  frauds  committed  in  trade,  the  in- 
creased number  of  juvenile  criminals,  public  trials  and  execntions. 

18.  That  the  pretensions  to  the  allowance  of  universal  uncontrolled  free- 
dom  of  action  to  every  individual  founded  upon  the  same  ddusive 
theoreticai  prindples  which  fostered  the  French  Revolution,  are 
wholly  inapplicable  to  the  insular  dtuation  of  this  Kingdom,  and  if 
allowed  to  prevail,  will  hasten  the  destruction  of  the  social  System 
80  happily  arranged  in  the  ezisting  form  and  substance  of  the  Bri* 
tish  Constitution,  established  by  law. 

19.  That  the  meeting  highly  approves  the  proceedings  of  the  62,875  maa- 
ters and  jonmeymen,  who  have  already  presented  petitions  to  the 


694  Belegstellen. 

Hoose  of  Commons,  praying  for  leave  to  bring  a  Bill  into  Parliament 
to  amend,  extend  and  make  more  effectual  the  statate  of  apprentices 
5.  Elizabeth,  cbapter  4^.  — 

21.  That  the  most  effectual  prerentive  against  and  check  upon  combina- 
tions  of  journeymen,  as  also  of  masters,  in  any  trade,  is  for  the  per- 
sons  engaged  in  such  trades,  to  take  apprentices  as  reqoired  by  law. 


c. 

Zu  S.  444,  Anmerkung  1. 

Die  Weber  wollen  das  Aufkommen  der  Fabriken 

verhindern. 

Report  on  the  Woollen  Manufactnre  von  1806. 

Besolved  unanimously,  That  it  is  the  opinion  of  this  meeting  that 
the  domestic  System  of  manufacturing  woollen  doth  is  best  adapted  to  the 
Situation  and  drcumstances  of  these  parishes  and  to  the  advantage  and 
convenience  of  the  iuhabitants  in  general.  — 

BesoWed  unanimously,  That,  in  order  to  preserve  and  secnre  the  do- 
mestic System  of  manufacturing  woollen  doth,  the  number  of  looms,  being 
the  property  of  any  individual  person  or  Company  to  be  employed  in  bis 
or  their  building  or  buildings,  ought  to  be  limited,  and  not  exceed  five. 

Besolved  unanimously,  That  it  is  the  opinion  of  this  meeting  that 
for  the  above  mentioned  reason  (namely,  the  preservation  of  the  domestic 
System)  the  number  of  spinning  jennies  or  other  machines  used  for  the 
purposes  of  spinning,  belonging  to  any  person  or  Company  to  be  employed 
{n  bis  or  their  own  building  or  buildings,  ought  to  be  limited,  and  the  num- 
ber of  spindles  not  to  exceed  one  hundred  and  fifty.  — 

Kesolved  unanimously,  That  the  domestic  System  is  highly  favourable 
to  the  cultivation  of  patemal,  filial,  and  fratemal  affections,  the  Springs  of  fa- 
mily-happiness ,  and  the  cultivation  of  good,  moral  and  dvil  habits,  the 
sources  of  public  tranquillity;  that  the  factory  System  tends  to  the  pre- 
vention  of  these  affections  and  habits,  and  leads  youth  sooner  into  the 
strengest  temptations,  by  which  they  are  in  danger  of  being  corruptedt 
even  to  their  min.  — 

Resolved  unanimously,  That,  as  the  Clothiers  are  a  numerous  body  of 
men,  and  their  trade  and  cmployment  are  their  chief,  frequently  their 
only  birth-right  and  source  of  support,  therefore,  they  ought  to  be  protected 
and  secured  to  them  as  the  most  sacred  property.  — 

Besolved  unanimously,  That  it  is  the  opinion  of  this  meeting,  that, 
though  it  hath,  for  many  jears,  been  the  general  practice  for  parents  to 
instmct  their  own  children  in  the  art  or  mystery  of  manufacturing  wool- 


D.    Erklärung  der  Spitalfieldsfabrikanten.  695 

r 

len  doth,  without  taking  or  binding  them  apprentices,  yet,  as  it  liath  been 
common  for  men  of  different  occapations  to  bind  their  diildren  apprentices 
to  leam  the  Woollen  Cloth  Trade,  a  sever  years'  Bervitade  is  absolutely 
necessary,  in  order  to  fnmish  good  and  skilftd  workmen,  and  to  entitle 
them  to  foUow  the  Woollen  Goth  Trade.  — 

Resolved  onanimously,  That  as  certain  individnals  (actaated  more  by 
private  interest  than  public  good),  made  application  to  Parliament  for  the 
repeal  of  all  restrictive  laws,  and  are  now  opposing  the  regulations  which 
the  domestic  manu£Bu:tarer  wiahes  to  obtain,  that  they  may  have  liberty 
to  erect  Factories  at  will,  we  ought  immediately  to  send  one  or  more  de- 
legates  to  assist  in  glving  such  evidence  before  the  Select  Committee 
aforesaid,  as  may  tend  to  counteract  the  design  af  such  individnals. 

Resolved  unanimously,  That  a  committee  of  thirty-one  Master  Ma- 
nuÜEM^turers  be  immediately  appointed  for  carrying  these  resolutions  into 
effect.  — 

Resolved  unanimously,  That  the  thanks  of  this  meeting  be  given  to 
William  Wilberforce  Esqu.  for  his  public  approval  of  the  domestic  Sys- 
tem; and  that  a  copy  of  the  above  resolutions  be  immediately  printed 
and  sent  to  him.  — 


D. 

Zu  Seite  451,  Anmerkung  1. 
Erklärung  der  Spitalfieldsfabrikanten. 

Second  Report  on  ribbon  weavers,  1818. 

We,  the  undersigned  silk  manufsu^turers  of  London,  are  decidedly  of 
opinion,  that  the  Acts  relating  to  the  silk-trade  of  London,  Middlesex 
and  Westminster,  called  the  Spitalfields  Acts,  have  been  productive  of  the 
following  most  important  results  viz.,  they  preveut  differences  and  dispu- 
tes  between  the  silk  manuÜGMSturer  and  the  joumeyman;  put  it  out  of  the 
power  of  the  joumeyman  to  exact  from  the  manufacturer  a  high  rate  of 
wages,  when  the  trade  happens  to  be  in  a  flourishing  State;  secure  to  the 
joumeyman  a  fair  and  equitable  price  for  his  labour  and  cousequently 
prevent  the  manufacturer  from  taking  advantage  of  his  weaver,  under  a 
temporary  depression  of  the  trade;  give  encouragement  to  ingenuity,  the 
weaver  knowing  that  in  proportion  that  he  is  skilful  his  eamings  iucrease, 
the  skilful  weaver  working  with  greater  fieuölity  than  the  ordinary  band, 
and  cousequently  is  rewarded  according  to  his  skill;  prevent  an  exorbi- 
tant increase  of  the  poor  rates,  keep  the  districts  in  which  the  silk-trade 
is  the  staple  manufacture  in  a  State  of  quietode  and  repose  and  has  effeo* 
tually  arrested  the  progress  of  pauperism.  — 


696  Belegstellen. 

k 

We  b^  to  State  the  üeital  effects  which,  in  oor  judgment,  resnlt  from 
pauperism;  it  prodaces  moral  degradation  in  every  point  of  view,  repres- 
ses  industry,  engenden  negligence  in  the  management  and  economy  of  a 
family,  increases  disaffection,  has  a  tendency  to  not  and  outrage,  greatly 
iigures  the  landed  interest,  prodaces  a  gen«*al  demoralization  of  prindple 
and  endangers  the  State  itself.  — 

We  are  of  opinion,  that  a  fair  price  given  to  the  weaver  for  bis  la- 
bour  has  not  the  effect  of  preventing  a  consumtion  of  the  article  he  wea- 
▼es;  and  that  a  redaction  of  wages,  below  a  fsur  Standard,  would  at  no 
time  prodace  a  greater  sale  of  goods  in  the  silk-line,  nor  would  such  re- 
daction of  wages  be  attended  with  any  advantage  to  the  master  generally, 
or  to  the  joumeyman,  were  th  e  manufactarers,  in  the  event  of  a  tempo- 
rary  depression  of  the  trade,  to  manufactore  silk  goods  (if  they  could  do 
so  at  a  low  rate  of  wages):  because  the  qaantity  of  goods  in  the  market 
is  increased  during  such  depression,  and  conscquently  then  affects  the 
profit  of  the  manufacturer,  and  prevents,  when  trade  revives,  so  many 
goods  being  made  as  otherwise  there  would,  at  fairprices;  and  therefore 
when  considered  in  all  its  relative  bearings,  is  injurious  both  to  the  ma- 
nu&cturer  and  weaver. 

We  cannot  but  observe,  that  in  our  judgment  the  weavers  in  Lon- 
don and  the  vicinity  are  not  overpaid,  by  the  list  price  now  ezisting,  for 
their  labour. 

We  are  of  opinion  that  an  extension  of  the  Silk  Acts  to  the  coon- 
try  at  large,  would  be  attended  with  the  same  advantages  as  we  have 
above  imputed  to  the  Operation  of  those  in  London,  Middlesex  and  West- 
minster.  — 


E. 

Zu  Seite  455  Anmerkung  2. 
Die  Hausweber  verlangen   ein   gesetzliches  Lohnminlmam. 
Handloom  weavers  Report  von  1834,  S.  447. 

5676.  What  is  the  date  of  it?  —  The  date  is  not  mentioned,  but 
it  is  a  Petition  to  the  House  of  Commons ,  which  was  presented  in  1808. 

(The  Petition  was  delivered  in  and  read,  and  is  as  foUows:) 

A  Copy  of  the  Cotton  Weavers*  Petition,  and  their  Clauses. 

„To  the  Honourable  the  Commons  of  the  United  Eingdom  of  Great 
Britain  and  Ireland,  in  Parliament  assembled.  —  The  humble  Petition  of 
the  undersigned  persons,  being  Joumeymen  Cotton  weavers  resident  in 
that  part  of  Great  Britain  called  England, 

Sheweth, 


E.    Gesetzliches  Lobnminimam.  697 

That  yonr  petitioners  have  for  a  series  of  years  suffered  very  great 
hardships  by  reduction  of  their  wages. 

That  sach  reduction  of  their  wages  hath  been  prindpally  effectoated 
by  the  competition  or  riTalship  of  the  master  mano&ctarers ,  in  payiog 
various  prices  for  the  same  kind  of  goods,  whereby  the  skill  and  industry 
of  your  petitioners  is  sacrificed  by  a  depreciation  of  the  value  of  their  labour. 

That  your  petitioners  do  not  observe  any  abatement  in  the  demand 
for  goods ,  though  they  are  rednced  nearly  one  half  the  wages  they  have 
hitherto  been  paid;  and  such  wages  do  not,  in  many  cases,  amount  to 
more  than  9  s.  per  week. 

That  your  petitioners  have  seen  the  advance  of  price  in  other  trades 
and  branches  of  manufacture  to  correspond  with  the  increased  prices  of 
provisions,  while  they  have  from  the  foregoing  causes,  together  with  the 
increased  prices  of  house-rents,  firing,  and  other  necessaries  attendant 
upon  the  manufacture,  been  rendered  incapable  of  procuring  a  sufficient 
livelihood. 

That  your  petitioners  are,  and  ever  will  be,  ready  to  submit  to  any 
privations  arising  from  national  calamities,  and  with  becoming  fortitude 
to  bear  them;  but  they  believe  they  have  nothing  to  dread  either  from 
the  arts  or  arms  of  foreigners ,  they  therefore  look  up  to  the  justice  and 
wisdom  of  this  Honourable  House  for  redress,  in  the  premises  which 
they  are  ready  to  prove  (if  so  permittedX  either  by  themseWes  or  counsel. 

That  if  a  fair  and  eqnal  regulation  were  adopted  in  the  trade,  and 
uniformity  of  prices  established  for  weaving  the  various  fabrics  in  the 
cotton  manufacture ,  such  manufacture  would  be'  rescued  from  its  present 
competitors,  and  all  concemed  therein  be  much  benefited. 

Your  petitioners,  therefore,  most  humbly  pray,  that  leave  may  be 
given  to  bring  in  a  Bill  to  regulato,  from  time  to  time,  agreeable  to 
existing  circumstances ,  the  prices  for  weaving  cotton  cloth;  such  prices, 
rules  and  regulations,  to  be  uniform  and  general  for  every  species  fabric 
and  texture  in  the  said  manufacture,  or  to  do  herein  as  to  the  great 
wisdom  of  this  Honourable  House  shall  seem  meet 

And  your  Petitioners  shall  ever  pray/^ 

Now  the  above  petition  and  paper  show  ezactly  the  principle  of 
our  petitions ,  and  is  it  the  sentiment  of  the  trade  in  generaL  Now  this 
is  the  eure  mentioned  in  the  last  clause:  „Your  petitioners,  therefore, 
most  humbly  pray,  that  leave  may  be  given  to  bring  in  a  Bill  to  regulate 
from  time  to  time,  agreeable  to  existing  circumstances,  the  prices  for 
weaving  cotton  cloth;  such  prices,  rules  and  regulations  to  be  uniform 
and  general  for  every  species,  fabric  and  texture  in  the  said  manufacture, 
or  to  do  herein  as  to  Üie  great  wisdom  of  this  Honourable  House  shall 
seem  meet" 

Now  this  is  the  very  spirit,  and  I  might  say  the  letter,  of  the  peti- 
tions before  the  Gommittee.    I  have  another  document  here  which  shows 


698  BelegstelleiL 

the  disposition  of  the  weavers,  or  at  least  will  support  the  opinions  giyen 
by  Mr.  Needham  in  bis  eridence.  This  is  a  list  of  sobscriptioiis  given  in 
London  at  the  same  period  in  1808,  to  defray  the  ezpenses  attendaat 
npon  onr  application  to  Parliament 

(The  Witness  delivered  in  the  same  etc.  etc.) 

5677.  Were  there  a  great  many  petitions  of  this  description  at  that 
time?  —  Yes;  the  petitions  were  general  thronghout  the  trade.  I  have 
another  docoment  here  that  we  received  from  Ireland,  which  relates  to 
the  Operation  of  the  board  of  trade  in  'Belfast  for  six  years,  and  it  shows 
the  manner  in  which  it  was  intermpted. 

(The  Witness  delivered  in  the  same,  which  was  read  as  follows:) 
„(^nüemen,  —  In  reply  to  yoor  letter  of  the  13^  April,  enclosing 
a  letter  to  the  Legislatore  of  the  nnited  Eingdom,  I  have  only  to  say, 
that  I  handed  yoor  letter  and  its  enclosure  to  the  secretary  of  the  weayers 
at  the  period  you  State,  and  who  continued  to  be  so  as  long  as  a  secretary 
was  necessary;  bis  ezplanation  is  prefixed.  The  same  gentleman  is  still 
in  possession  of  all  the  books  and  docaments  that  were  then  wanted; 
his  name  is  John  Crouch.  —  I  am,  (>entlemen,  yoor  most  obedient 
Belfast,  April  28  1884.  James  Mort** 

„P.  S.  I  only  received  this  docoment  to-day." 

In  the  year  1792  a  tum-oat  took  place  among  the  cotton  weavors, 
on  account  of  the  masters  beginning  to  change  the  names  of  Ught  work 
for  a  pretext  to  reduce  the  price;  it  was  then  and  there  agreed  that 
certain  nombers  of  yam  should  be  put  certain  reeds,  and  the  weavers 
agreed  to  giye  up  the  bawble;  that  is,  IV^  pence  on  each  Shilling,  the 
amount  allowed  them  in  Heu  of  providing  materials ;  this  agreement  stood 
steady  for  six  years,  until  manufacturers  then  began  to  multiply,  and  every 
new  band  found  out  some  new  invention  to  reduce  the  price  of  weaving; 
however,  up  to  the  year  1809,  all  decent  warehouses  that  were  able  to 
carry  on  business  paid  uniform  prices ,  and  a  weaver  knew  by  the  read 
and  fabric  what  he  was  entitled  to  receive;  and  I  think  it  is  evident  that 
several  decent  manufacturers  would  have  continued  to  pay  steady  uniform 
prices,  but  they  were  oyerrun  by  small  designing  men  getting  into  the 
trade,  and  every  one  trying  to  undersell  his  neighbour;  as  the  principal 
consumption  was  the  Irish  market,  one  manufacturer  of  the  name  of 
Johnson  made  a  determined  struggle  and  sacrifice  to  reduce  the  wages; 
he  continued  his  career  from  the  year  1811  to  1814;  the  weavers  made 
a  desperate  resistance;  his  house  was  blown  up  in  the  night;  in  conse- 
quence  of  which  two  weavers  were  hanged,  and  from  that  period  every 
manufacturer  does  what  seems  good  in  his  own  eyes.  A  number  of  agree- 
ments  have  been  entered  into  between  manufacturers  and  weavers  in  the 
intermediate  period  to  preserve  and  procure  a  uniformity  of  wages,  but 
all  to  the  same  effect;  it  cannot  be  done  unless  by  a  compolsory  law. 


F.  Einigangsamt  699 

The  general  plan  obsezred  by  the  weavers,  when  any  were  fonnd  paying 
lower  than  the  rest,  was  to  assemble  and  force  the  workers  to  cany  home 
the  work  unfinished  that  was  found  contrary  to  the  Statute  law.  Several 
manofEU^tores  were  swom  oat  of  trade,  which  was  also  fonnd  ill^al  and 
onsenriceable. 

5678.    In  the  list  you  ha?e  given  in  of  subscriptions  in  London, 
there  is  the  name  of  Sir  Robert  Peel  for  80  goineas?  —  Yes. 


F. 

Zu  S.  459,  Anmerkung  1. 

Man  strebt  nach  einem  Einigungsamt 

Handloom  weavers  Report  1834,  S.  62. 

871.  You  have  mentioned  a  table  of  prices;  is  that  the  regulating 
System  which  has  been  described  as  boards  of  trade  in  the  petition  ?  — 
It  is,  and  had  worked  well.  But  the  great  düficulty  in  Paisley,  in  these 
tables  of  prices  or  arrangements  between  the  workman  and  his  employer, 
arises  from  this:  the  wea?er  finds  it  his  interest  to  support  them,  the 
manufacturers  generally  say  it  is  not  ii^jurious  to  them  as  manufacturers, 
but  they  do  not  find  the  same  interest  as  the  weaver.  Hence  the  pro- 
tecting  of  these  tables  depends  entirely  with  the  weavers,  and  when  an 
infringement  is  made  the  weavers  are  the  complainers,  and  the  manufeu;- 
turers,  moving  in  a  higher  sphere,  sometimes  get  irritated  at  this  inter- 
ference.  Had  the  manufacturers  found  it  their  interest,  and  formed  a 
protecting  committee,  the  weaving  body  could  have  done  almost  without 
their  own  committee,  or  without  local  boards  of  trade;  but  there  is  nothing 
to  bind  the  manufacturers  that  do  not  find  it  to  their  advantage  to  keep 
to  the  tables  of  prices,  although  they  admit  that  it  is  not  to  their  dis- 
advantage. 

872.  Do  you  think  that  if  those  boards  of  trade  met  with  the  ap- 
proval  of  Parliament,  that  the  manufacturers  in  that  case  would  be  more 
reconciled  to  go  band  in  band  with  the  weavers  in  maintaining  and  sup- 
porting  them?  —  I  could  not  answer  that  question.  I  know  so  few  of 
the  manufacturers;  all  those  that  I  do  know  would  cordially  agree  to  the 
measure.  I  believe  there  are  nearly  200  manufiEUSturers  in  Paisley,  and 
we  have  a  few  firm  friends,  and  a  very  few  strenuous  opponents;  and  the 
great  miyority  do  not  attend  much  to  these  things,  if  they  can  just  carry 
on  their  bnsiness  from  day  to  day.  That  is  my  own  opinion  of  the  State 
of  matters  in  Paisley. 

878.  Tou  State  that  some  of  the  houses  are  very  anxious  to  have 
any  mode  of  keeping  up  prices  to  a  £ür  and  adequate  subsistence  for 


^  700  Belegstellen. 

the  workmen,  and  othere  look  only  to  see  how  they  can  get  wages  cheaper, 
and  a  great  number  give  themselves  no  trouble  about  the  matter?  —  Yea. 

874.  Then,  in  point  of  fact,  there  are  only  a  few  of  them  that  are 
absolutely  opponents  to  these  boards  of  trade?  —  There  are  only  10 
that  remained  a  short  time  without  sabscribing  the  list  of  prices ;  there 
was  one  in  the  ganze  trade  and  nine  in  the  silk-shawl  trade,  that  stood 
out  for  Bome  time;  bat  they  ha?e  all  joined  now.  I  had  a  conversation 
with  one  silk-ganze  manufacturer,  who  does  a  great  deal  of  bosiness;  the 
night  before  I  came  away  I  went  to  him,  and  he  stated  that  he  woold 
like  to  see  our  present  table  of  prices  for  silk  ganzes  have  a  legal  sano- 
tion  and  a  penalty  attached  to  it,  so  as  to  make  the  prices  binding,  as 
they  are  at  present;  but  generally  both  the  weavers  and  the  mannfactorers 
admit  that  the  prices  should  vary  according  to  circumstances. 

875.  Do  70a  suppose  that  the  manafacturers  dislike  the  wearers 
Coming  into  their  shops  when  any  particular  house  has  endea?oared  to 
lower  wages?  —  That  is  my  own  opinion.  The  manufactnrers  had  a 
committee  and  a  conyener;  that  convener  was  the  same  that  the  weavers 
applied  to;  he  called  the  meetings;  they  were  not  attented  at  this  time. 
When  the  weaving  body  were  taking  np  the  qaestion  about  boards  of 
trade,  they  repeatedly  went  to  him;  he  called  one  meeting;  there  were 
only  four  come;  he  said  he  had  resigned  bis  Situation,  and  hence  the 
manufacturers  in  Paisley  are,  as  far  as  I  know,  not  in  a  connected  State 
at  present,  and  I  belie?e  that  one  cause  of  that  is,  that  they  do  not  like 
to  see  the  weavers  interfere  so  much;  and  the  weayers  would  be  perfectly 
willing  to  give  up  much  of  this  interference  if  the^  would  take  it  under 
their  own  management. 

876.  Then  the  Committee  may  infer  firom  what  you  said,  that  the 
manufacturers  generally  in  Paisley  do  not  object  to  having  those  boards 
of  trade,  but  they  object  to  the  inconvenience  and  trouble  and  loss  of 
time  which  it  may  entail  upon  them,  to  be  obliged  to  attend  and  to  hear 
the  complaints  and  disputes  that  may  arise  ?  —  Yes ;  and  I  have  something 
bere  to  confirm  my  own  opinion  upon  this  subject  Here  is  a  letter  dated 
Paisley,  25th  June  1834: 

„  We  have  made  a  careful  inquiry  as  to  the  table  of  prices  for  regu- 
lating  trimmings,  and  agreed  to  upwards  of  three  years  ago,  and  can  un- 
hesitatingly  State  that  it  has  given  nearly  universal  satisfacüon  to  both 
the  manufacturers  and  weavers  here,  as  preventing  both  underworking 
and  underselling,  acting  as  a  safeguard  to  capital  invested,  and  as  a  pre- 
ventive  against  undue  speculation  and  glutted  markets. 

„Wm.  Ilarvie,  Provost;  Wm.  Jeffirey,  Robert  Hendry,  James  Clark, 
Magistrates;  John  Henderson,  Crown  Treasurer;  John  Dunlop,  Kobert 
Bisset,  James  Drummond,  Thomas  Calderwood,  Dewar  Watson,  Coun- 
cillors." 


F.   EinigangBamt.  701 

877.  Are  any  of  those  gendemen  manafactarers?  —  One  of  those 
gentlemen  is  a  manu£&ctarer;  there  are  ODly  two  of  the  coundllora  that 
are  manufactorers.  I  have  another,  signed  by  the  provost  and  magistrates 
of  last  year,  to  the  same  effect;  it  is  as  foUows: 

—  „I  certify  that  when  in  office  as  chief  magistrate  last  year,  I 
understood  that  the  table  of  prices  instituted  originaJly  by  the  manufac- 
torers for  regulating  certain  fabrics  of  goods  calied  trimmings ,  had  been 
of  benefit  to  both  masters  and  workmen,  and  have  often  heard  several 
manafactarers  espedally  State  so. 

„Paisley,  25  Jane  1884.  John  Orr." 

„We  cordially  agree  with  the  above  Statement:  James  Bachanan, 
late  magistrate;  John  Hart,  late  Magistrate,  Peter  Broagh,  late  Magistrate. ** 

878.  Yoa  mean  that  both  the  reformed  and  the  anreformed  magi- 
stracy  of  Paisley  gave  their  fall  sanction  to  the  atility  of  this  table  of 
prices?  -—  Yes. 

879.  Will  you  State  yoar  own  opinion,  as  a  weaver  long  in  the 
trade,  in  what  form  and  shape  these  wishes  and  desires  of  the  well-paying 
manafactarers  could  be  rendered  more  effectaal,  in  preventing  anderselling 
and  those  redactions  in  prices  which  gambling  and  specalating  manafiac- 
torers  may  be  disposed  to  endeavoar  to  introdace?  —  I  know  that  my 
opinion  differs  from  some  others;  bat  the  Legislature  passed  an  Act  for 
settling  dispates  between  masters  and  workmen,  which  has  been  pro- 
dactive  of  Üie  best  effects. 

880.  What  Act  do  yoa  refer  to?  —  I  think  it  is  an  Act  of  1824. 
That  Act  provides,  that  in  cases  of  dispate  one  wea?er  and  one  mana- 
factarer  shall  examine  and  decide  apon  the  case;  and,  if  not  agreeing, 
the  magistrate  who  gave  the  order  acts  as  ampire.  Now  an  Act  to  ap- 
point  six  or  more  of  each  class  to  make  arrangements,  that  might  pre- 
▼ent  dispates,  and  allow  the  trade  to  go  on  to  the  best  advantage  for 
all  parties;  and  in  case  of  disagreeroent,  I  think  the  local  aathorities  in 
the  places  where  the  dispute  might  arise  would  be  most  competent  to 
decide  apon  the  merits  of  the  qaestion.  Others  think  there  ooght  to  be 
a  central  committee  in  London,  that  oaght  to  take  cognizance  that  Lan- 
cashire  shoald  not  compete  with  Scotland  or  ScoÜand  with  Lancashire* 
Bat  I  think  there  woald  not  be  mach  machinery  needed  aboat  it  I  think 
that  if  that  arbitration  Act  was  eztended  to*  empower  magistrates  to  con- 
vene  the  two  bodies,  and  to  fix  the  prices  among  themselves,  and  if 
they  disagreed  among  themselves,  that  the  magistrates  shoald  ßn  them, 
I  think  that  woald  do,  at  least  I  shoald  like  to  see  it  tried;  and  if  that 
did  not  do  I  shoald  be  qaite  willing  to  give  it  up,  and  try  something  better. 

881.  Do  yoa  think  it  might  be  desirable  that  one  or  two  persona 
who  have  been  manafactarers,  bat  were  no  longer  in  the  trade,  or  some 
neatral  person,  sach  as  a  merchant,  or  in  some  other  ci^adty,  who  knew 


702  Belegstellen. 

the  yalae  of  those  articles,  should  be  added  to  the  workmen  and  master 
manafactorera ,  for  the  porpose  of  arbitrating  and  getting  them  to  agree 
npon  dispnted  points?  —  Yes,  I  thlnk  it  might 

882.  The  boards  of  trade  hare  been  in  Operation  aboat  three  years 
in  Paisley,  have  they  not?  —  For  three  years  there  has  been  a  table 
of  prices  for  trimmings,  and  for  near  four  years  for  other  kinds  of  piain 
work;  in  the  heavy  Une  it  has  been  in  existence  two  years.  The  silk- 
gauze  table  came  into  Operation  on  the  1  "t  of  July  last  year. 

883.  Then  during  the  case  of  the  trimmings,  how  many  dispates 
havearisenwhereanarbiter  wasrequired?  —  There  never  has  any  dispute 
arisen  from  any  attempt  to  pay  below  the  table  price;  the  dispates  fire- 
quently  are  about  bad  materials,  and  misunderstandings  aboat  the  engage- 
ment,  bad-finished  work,  etc.;  bat  there  never  has  been  a  dispate,  so  fu 
as  I  know,  in  consequence  of  any  manufactnrer  giving  less  than  the  table 
prices.  In  the  silk-gauze  there  have  been  complaints  of  manaftu^torers 
endeavouring  to  give  out  work  at  less  prices  than  the  table  stated,  bat 
not  in  the  trimming. 

884.  Then  do  yoa  conclude  that  if  there  werc  boards  of  trade  existing 
for  Paisley  and  Glasgow,  or  for  Scoüand  generally,  in  the  hand-loom 
basiness,  that  very  rarely  indeed  there  woald  be  dispates,  provided  there 
coald  be  some  person  capable  of  jadging  added  to  that  board  of  trade, 
to  be  an  impartial  arbiter  between  the  masters  and  men,  when  cases  of 
ander-payment  occnrred  which  were  capable  of  being  proved  against  the 
manafactarers  ?  —  I  think  that  dispates  woald  occar  very  seldom.  When 
I  speak  about  the  opinion  of  the  people  of  Paisley,  their  opinion  is  that 
it  should  be  composed  of  weavers  and  masters;  but  from  my  experience 
in  Paisley,  the  view  I  have  taken  of  it  is,  that  had  there  been  a  manu- 
facturers'  committee  in  existence  for  the  last  25  years,  and  if  the  weavers 
had  not  had  any  connexion  with  it,  they  would  not  have  agreed  among 
themselves  to  reduce  prices  in  the  same  way  that  it  has  been  done  in- 
dividually,  by  one  trying  to  make  cheaper  than  bis  neighbour.  Had  there 
been  a  committee  of  manufacturers,  without  weavers  at  all,  my  conviction 
is,  they  would  never  as  a  body  have  agreed  to  reduce  prices  so  far  as 
they  have  done. 

885.  Do  you  suppose  that  in  the  event  of  those  boards  of  trade 
being  established  in  Scotland,  it  would  be  necessary  that  corresponding 
boards  of  trade  should  be  established  in  England  and  Ireland?  —  Yes, 
I  think  so ;  because  if  Manchester  were  to  make  cheap,  Paisley  and  Glas- 
gow must  either  make  cheap  or  give  up  the  trade.  Paisley  has  suffered 
extremely  from  the  introduction  of  French  manufactured  goods  into  this 
market;  it  has  been  a  greater  detriment  to  Paisley  than  anything  eise 
within  the  last  20  years.  It  occurred  first  in  the  silk-gauze  trade,  in  the 
year  1826,  and  the  manufacturers  and  weavers  at  that  time  petitioned; 
they  were  unsuccessful ;   all  the    other    manufacturers  in  Paisley  stood 


G.  Vorschlag  von  Fieldeiii  betr.  Einigtings&mter.  708 

aloo(  or  were  advocates  for  free  trade;  and  within  the  last  three  years 
there  has  been  such  an  inflnx  of  French  India  imitation  shawls,  that  now 
the  whole  of  those  manufEU^torers  who  stood  aloof  at  that  time,  are  aroused 
to  the  qnestion ,  and  they  say  that  a  very  short  time  will  sink  the  shawl 
trade  altogether  in  Paisley,  if  the  French  are  allowed  to  come  in  as  they 
are  doing. 

886.  Do  you  think  that  all  the  inhabitants  of  Paisley  generally  take 
an  interest  in  the  weavers  haying  some  sort  of  protection,  such  as  those 
regolations  would  give  them?  —  Yes;  I  coold  name  the  employments  of 
those  individuals  in  that  list  I  have  read;  they  certainly  might  be  taken 
as  a  Standard  for  all  the  popolation;  they  are  engaged  in  all  kinds  of 
bnsiness  in  Paisley,  tobacconists ,  and  wine  and  spirit  dealers,  and  other 
trades. 

887.  Has  there  been  a  feeling  of  great  cordiality  amongst  the 
masters  and  men  in  the  trimming  trade  since  the  table  of  prices  was 
established?  —  Yes;  I  talked  to  one  manofactorer  last  week,  who  told 
me  that  he  liked  the  table,  and  he  would  be  very  sorry  that  it  shonld 
stop;  and  he  said  it  had  done  much  good,  and  prevented  many  disputes» 
and  that  it  allowed  him  to  go  on  with  greater  confidence  in  his  bnsiness' 


G. 

Zu  Seite  462,  Anmerkong  8. 
Vorschlag  von  Fielden,  betr.  Einigungs&mter. 

Handloom  weavers  Report  1884,  S.  626. 

Minutes  of  evidence  taken  before  the  select  committee  on  hand- 
loom weavers. 

John  Maxwell,  Esqnlre;  In  The  Chair. 

John  Fielden,  Esqoire,  a  Member  of  the  Committee;  Examined. 

8018.  Will  you  favour  the  Committee  with  any  plan  by  which  you 
could  bring  the  object  of  the  petitioners  before  the  Committee  in  a  form 
in  which  legislation  might  be  adopted?  —  I  have  sketched  out  a  plan, 
which  I  will  submit  to  the  Committee,  and  I  heg  to  observe,  the  prindple 
is  the  same  as  that  contained  in  the  Bolton  plan  and  in  the  Glasgow 
plan;  I  have  drawn  it  up  in  something  like  the  form  of  an  Act  of  Parlifr- 
ment,  thinking  it  might  be  worth  while  to  introduce  such  a  measure  to 
the  consideration  of  Parliament,  and  to  get  the  bill  printed:  „Whereas 
great  distress  and  suffering  ezist  amongst  a  very  numerous  class  of  arti- 
sans  in  this  kingdom,  who  are  employed  in  the  manufocture  of  silk, 
wooUen,  cotton  and  linen  upon  handlooms,  by  reason  of  the  unequal  and 


704  Belegstellen. 

inadequate  wages  that  they  are  paid  for  their  work  by  mann&ctorers 
who  employ  them;  and  whereas  it  has  become  ezpedient  to  remedy  tbe 
same,  by  adopting  a  regulation  to  determine  from  time  to  time  the  loweet 
rate  of  wages  that  shall  be  paid  by  any  manufactorer  to  any  handloom 
weaver  employed  in  the  manufacture  of  silk,  woollen,  cotton  and  linen; 
Be  it  therefore  enacted,  by  and  with  the  consent,  etc.,  that  firom  and 
after  the  passing  of  thls  Act,  schedules  shall  be  prepared  by  and  ander 
the  direction  of  Eis  Miyesty's  Goyemment,  and  sent  to  the  chnrchwarden, 
overseer,  constable,  writer  or  clerk,  or  to  one  of  them,  in  every  parish, 
township  or  vill,  etc.  in  the  United  Eingdom  where  handloom  weaving 
is  given  out  to  work,  reqoiring  a  true  retom  to  be  made,  within  80  daya 
after  receipt  of  schedules,  by  every  such  churchwarden,  etc.  to  whom 
such  schedules  shall  have  been  directed,  of  the  different  descriptions  of 
manufacture  carried  on  upon  handlooms  in  such  parish,  etc.,  and  of  the 
name  or  designation  by  which  such  manufactured  goods  are  there  known 
and  distinguished,  and  of  the  wages  at  which  such  work  is  given  ont, 
and  is  then  and  there  paid  for  the  same  by  the  fewest  number  of  manu- 
facturers  and  their  agents,  who  individuiüly  and  coUcctively  put  out  to 
work  and  make ,  or  are  reputed  to  make,  the  greatest  number  of  webs, 
cuts  or  pieces  of  the  same  sort  individually,  and  one-half  of  such  goods, 
webs,  cuts  or  pieces  coUectively,  which  are  then  and  there,  and  in  any 
other  place  manufactured  by  such  manufactur^rs  on  handlooms,  from 
any  of  the  aforesaid  materials,  and  of  whatever  description.  The  Infor- 
mation respecting  the  wages  at  which  each  sort  of  work  is  given  out  and 
paid  to  be  coUected  and  obtained  from  those  manu£GMitarerB  or  their 
agents  who  individually  and  coUectively,  as  aforesaid,  make  or  are  reputed 
to  make  one-half  of  the  goods,  webs,  cuts  or  pieces,  of  the  same  descrip- 
tion which  are  then  and  there,  or  in  any  other  township,  manufactured 
by  such  manufacturers,  or  from  the  weavers  in  their  employ,  or  from  both 
the  Said  parties;  and  both  are  hereby  required  to  give  a  true  Statement 
of  such  wages  in  writing,  signed  by  the  person  making  it,  when  applied 
to  by  the  person  hereby  authorized  to  demand  the  same,  for  the  purpose 
of  making  the  retums  required  by  the  schedules.  That  within  30  days 
after  such  retums  have  been  made  to  His  Majesty's  Government,  or  to 
those  whom  they  may  authorize  to  receive  the  same,  the  said  authority 
shall  ascertain,  from  the  schedules  or  retums,  the  highest  wages  paid  by 
such  a  number  of  manufacturers  (where  the  number  in  any  township,  etc., 
exceeds  two)  as  shall  in  the  schedules  of  each  description  of  manufacture 
constitute  a  msgority  of  one  or  two,  as  the  case  may  be,  for  each  of  the 
sorts  of  handloom  manufacture  designated  or  known  by  the  same  name 
or  description,  and  given  out  to  work  as  such  in  the  parishes  town- 
ships,  etc.,  respectively  from  whence  the  retums  have  been  sent;  and  the 
average  rate  of  wages  paid  by  such  majori ty  of  manufacturers  so  selected 
out  of  the  retums  from  every  parish,  township,  etc.,  respectively,   shall, 


6.  Vorschlag  von  Fielden,  betr.  Einigungs&mter.  705 

for  the  purposes  of  this  Act,  determine  the  lowest  wages  to  be  paid  to 
the  handloom  weaver  for  each  of  such  descriptions  of  manufactore  in  each 
of  the  said  parishes,  etc.,  from  whence  the  retoms  have  been  sent  That 
where  in  any  township ,  etc.,  the  nomber  .of  manofacturers  making  one- 
half  of  any  description  of  doth  there  made  |on  handlooms  shall  only 
amount  to  two,  the  medium  wages  paid  by  the  two  shall  be  taken  to  be 
the  average  wages  for  such  township,  etc.,  and  where  in  any  township 
there  is  only  one  making  such  half,  the  wages  of  such  manufEu^turer  shall 
be  taken  to  be  the  average  for  that  township.  That  such  average  wages 
having  been  ascertained,  as  aforesaid,  His  Majest/s  Government,  or  such 
person  as  they  may  authorize,  shall,  by  a  communication  to  be  made  to 
every  manufacturer,  or  to  the  agent  of  every  manufacturer  who  has  the 
giving  out  of  work,  through  the  medium  of  the  chnrchwarden,  etc.,  in  snch 
parish  or  township  as  the  retums  were  sent  from,  direct  and  require 
that  the  said  average  wages  shall  be  the  lowest  wages  that  shall  be  paid 
by  any  manufacturer,  or  by  any  agent  of  any  manufacturer,  in  such  parish 
township,  etc.,  during  the  nezt  three  months,  and  for  each  and  every 
of  the  sorts  of  work  that  were  retumed  in  the  schedules  as  being  there 
wove  upon  handlooms ;  and  the  chnrchwarden,  etc.,  shall  seil  printed  lists 
or  tables,  signed  by  bim,  of  the  wages  so  required  and  directed  to  be 
paid,  to  every  weaver  applying  for  the  same,  and  lists  or  tables  of  the 
lowest  wages  to  be  paid  for  every  description  of  manufacture  on  hand- 
looms in  every  township,  comprised  in  the  retums,  shall  be  published 
in  the  London  Gazette,  by  order  of  His  M^jesty's  Government,  or  the 
person  whom  they  may  authorize,  every  three  months,  immediately  after 
the  averages  have  been  ascertained  and  directed  to  be  paid,  as  abovesaid. 
That  at  the  end  of  three  months  from  the  time  when  the  lowest  wages 
shall  have  been  determined  as  aforesaid,  and  shall  have  been  directed  to 
be  paid,  and  at  the  end  of  every  succeeding  three  months,  during  the 
continuance  of  this  Act,  the  average  wages  for  each  sort  of  work  shall 
be  ascertained,  and  the  payment  of  such  average  wages  eigoined  on  every 
manufacturer,  or  the  agent  of  every  manufacturer,  and  lists  or  tables  of  the 
wages  required  to  be  paid  circulated  among  the  weavers,  and  published  in 
the  London  Gazette,  in  manner  abovesaid.  That  to  prevent  evasions  and 
infractions  of  this  Act  from  alterations  in  the  length  of  the  web,  piece  or 
cut,  the  fineness  of  the  reed,  the  counts  of  the  yam,  the  number  of  shoots 
in  the  inch  or  otherwise,  between  the  times  of  taMng  the  Averages,  and 
with  an  intent  to  evade  paying  the  wages  directed  by  this  Act  to  be  paid, 
and  to  determine  disputes  relating  thereto  between  the  manufacturers,  or 
their  agents,  and  their  handlooms  weavers,  be  it  frurther  enacted,  that 
from  and  after  the  time  when  the  lowest  rate  of  wages  to  be  paid  shall 
have  been  once  directed  as  aforesaid,  if  any  dispute  shall  arise  between 
any  manufricturer  and  any  handloom  weaver,  touching  anything  required 
to  be  done  or  observed  by  virtue  of  this  Act,  the  party  supposed  to  be 

Held,  Soe.  Gesch.  Engl.  45 


706  Belegstellen. 

aggrieved  shall  apply  to  any  magistrate  acting  witbiii  the  division  or 
hundred  in  wbich  such  parish,  etc.,  aforesaid  is  situate,  who  shall  direct 
that  the  parties  between  whom  the  dispute  has  arisen  shall  each  of  them 
choose  two  persons  out  of  their  respective  classes,  and  who  reside  within 
20  miles  of  the  place  where  the  dispute  has  arisen,  to  whom  the  case 
in  dispute  shall  be  refcrred ;  and  if  the  said  so  selected  four  persons  do 
agree,  and  give  in  in  writing  to  the  parties  in  dispute  what  they  consider 
just  and  fair  to  be  done  between  the  parties,  their  decision  shall  be 
binding;  and  if  either  party  refuse  to  agrce  to  such  decision,  the  magi- 
strate shall  be  authorized  to  enforce  the  same.  That  when  the  referees 
cannot  agree,  they  shall  appoint  one  person  to  settle  the  matter  laid 
before  them,  and  bis  decision  shall  be  binding,  and  shall  be  enforced 
in  the  manner  abovesaid."  Another  clause  might  be  added,  to  ensure  its 
better  observance,  making  it  a  misdemeanor  to  violate  the  Act;  but  I 
should  prefer,  in  the  first  instance,  any  di8])ute  being  settled  by  reference, 
as  there  proposed. 


H. 

Zu  S.  621,  Anmerkung  3. 

Sir  Robert  Peel's  Bericht  über  die  Beschäftigung  von 
Kirchspiel-  und  anderen  Kindern. 

Report  on  the  State  of  the  Children  employed   in  Manufactures,  1816, 

Seite  132. 

Sir  Robert  Peel.  —  Ich  erbitte  mir  die  Erlaubniss,  eine  Schrift  ein- 
zureichen, welche  das  "Wesentlichste  von  dem  enthält,  was  während  der 
Dauer  meiner  Erfahrung,  die  nicht  weniger  als  lünfund vierzig  Jahre  um- 
fasst,  betreflfs  des  Zustandes  und  der  Verwaltung  der  Baurawoll-Manufac- 
turen  zu  meiner  Kenntniss  gelangt  ist.    (Die  Schrift  wird  vorgelesen:) 

„Der  Gesetzentwurf  des  letzten  Jahres,  betreflfs  junger  Personen  in 
Fabriken,  d(;n  ich  dem  Hause  der  Gemeinen  vorzulegen  die  F.hre  hatte, 
war  soweit  gediehen,  dass  alle  dabei  interessirten  Personen  die  Möglich- 
keit hatten,  sich  eine  Meinung  darüber  zu  bilden,  in  wie  weit  sie  persön- 
lich durch  diese  Maassregel  betroffen  werden  würden.*  Da  jedoch  die 
Sitzung  schon  weit  vorgeschritten,  und  wenig  Gelegenheit  geboten  war, 
die  Ansichten  der  so  betheiligten  Personen  in  Erfahrung  zu  bringen,  hielt 
ich  v.s  für  geeigneter,  zu  dieser  Stunde  nicht  auf  der  Annahme  des  Ent- 
wurfs zu  bestehen.  —  Es  war  niemals  die  Absicht,  die  Töpferarbeit  und 
andere  Gewerl)e,  bei  welchen  junge  Leute  angestellt  sind,  in  die  Maass- 
regel (finzuschliessen  und  der  Gewinn,  den  wir  unseren  letzten  Erörte- 
rungen verdanken,  veranlasst  mich  (mit  der  Zustimmung  der  Commissi  on) 
die  Wirksamkeit  des  vorgeschlagenen  Gesetzes  auf  die  drei  grossen  Manu- 


H.  Sir  Robert  Peel's  Bericht.  707 

facturzweige  des  Vereinigten  Königreichs,  Baumwolle,  Wolle  und  Flachs 
zu  beschränken:  welche  grösstentheils  alle  in  weitläufigen  Gebäuden  be- 
trieben werden,  nicht  ohne  Maschinen  existiren  können,  und  grosse  Schaa- 
ren  armer  Kinder  beschäftigen.*^  Da  ich  femer  in  Erfahrung  gebracht 
habe,  dass  die  Fabriken,  welche  den  achtbarsten  Personen  angehören,  sich 
am  meisten  auszeichnen  durch  die  Massigkeit,  in  der  sie  Arbeitsstunden 
verlangen,  so  schmeichle  ich  mir  mit  der  Hoffnung,  dass  die  in  Frage 
stehende  Maassregel  für  dieselben  keine  wesentliche  Neuerung  herbeifüh- 
ren werde.  Mr.  Arkwright  war  der  Erfinder  dieser  Maschinen,  die  von 
sehr  grosser  nationaler  Bedeutung  sind,  und  die  zu  einer  Zeit  zur  Anwen- 
dung kamen,  als  die  Dampfkraft  erst  wenig  bekannt  war  und  wenig  be- 
nutzt wurde.  In  grossen  Gebäulichkeiten,  welche  gewöhnlich  in  ländlichen 
unbewohnten  Gegenden  so  lagen,  dass  sie  über  eine  beträchtliche  Wasser- 
kraft zum  Treiben  der  Maschinen  gebieten  konnten,  wurde  der  Ueberschuss 
der  Bevölkerung  von  grossen  Städten  aufgeboten  und  viele  Tausende  von 
Kirchspielkindem  wurden  aus  London^  Birmingham  und  anderen  volkrei- 
chen Districten  zu  dieser  Arbeit  herangeholt. 

„Das  Haus,  an  welchem  ich  betheiligt  bin,  beschäftigte  zu  einer 
Zeit  nahe  an  tausend  Kinder  dieser  Art.  Da  ich  anderweitige  Beschäf- 
tigung hatte,  so  war  es  mir  nur  selten  möglich,  die  Fabriken  zu  besuchen, 
aber  jedesmal,  so  oft  ich  dazu  kam,  fiel  mir  das  bei  allen  Kindern  unge- 
sunde Aussehen  und  in  vielen  Fällen  die  verkümmerte  Gestalt  dersel- 
ben sehr  auf;  die  Arbeitsstunden  wurden  von  dem  Interesse  des  Aufsehers 
regulirt,  welcher,  da  seine  Bezahlung  sich  nach  der  Menge  der  geleisteten 
Arbeit  richtet,  oftmals  dadurch  veranlasst  wurde,  die  armen  Kinder  über- 
mässig lange  an  der  Arbeit  festzuhalten  und  ihre  Klagen  durch  kleine 
Bestechungen  zu  beschwichtigen.  Da  ich  sah,  dass  unsere  eigenen  Fabri- 
ken in  solcher  Weise  geleitet  wurden,  und  dass  auch  in  anderen  Theilen 
des  Königreichs,  wo  ähnliche  Maschinen  angewendet  wurden,  dieselben  Ge- 
bräuche vorhen'schend  waren,  und  die  Kinder  .vielfach  übermässig  ange- 
strengt wurden,  femer  oft  sehr  wenig  oder  gar  nicht  auf  Reinlichkeit  und 
Lüftung  in  den  Gebäuliclikeiten  gehalten  wurde,  so  brachte  ich  in  dem 
42.  Jahre  der  Regiemng  des  Königs  (also  1802)  einen  Gesetzentwurf 
betreffs  der  Regulirang  von  Fabriken,  die  solche  Kirchspiellehrlinge  be- 
schäftigen, in  Vorschlag,  wobei  ich  von  Dr.  Percival  und  anderen  hervor- 
ragenden Medicinern  aus  Manchester,  sowie  von  einigen  sehr  angesehenen 
Männern,  theils  Parlamentsmitgliedern,  theils  nicht,  unterstützt  wurde.  — 
Sehr  bald  machte  sich  in  Folge  der  vermöge  dieses  Gesetzes  im  Vergleich 
zu  früher  verminderten  Arbeitszeit  eine  sichtbare  Aenderung  zum  Besse- 
ren im  Gesundheitszustand  und  im  Aeusseren  der  Kinder  bemerklich,  und 
seitdem  die  Acte  in  volle  Wirksamkeit  getreten  ist,  sind  ansteckende 
Krankheiten  nur  noch  selten  vorgekommen. 

„Da  ich  wenig  Vertrauen  in  meine  Befähigung  habe,  gesetzliche 
Maassregeln  hervorzurafen,  so  würde  ich  mich  bei  der  soeben  erwähnten 

45* 


708  Belegstellen. 

beruhigt  haben,  hätte  ich  nicht  die  Beobachtung  gemacht,  dass  in  Folge 
der  jetzigen  Anwendungsweise  der  Dampfkraft  in  den  Fabriken  das  obige 
Gesetz  Yermuthlich  ein  todter  Buchstabe  bleiben  wird.  Grosse  Gebäude 
werden  aufgeführt,  nicht  nur  wie  früher  an  den  Ufern  von  FlQssen,  son- 
dern in  Mitten  volkreicher  Städte,  und  während  man  früher  Kirchspiel« 
Lehrlinge  au&ufinden  suchte,  werden  heute  vorzugsweise  die  Kinder  der 
benachbarten  Armen  herangeholt,  deren  Arbeitgeber,  von  der  Wirksamkeit 
der  früheren  Parlamentsacte  unbehelligt,  gar  nicht  gebunden  sind,  irgend 
welche  bestimmte  Arbeitszeit  in  ihrem  Geschäftsbetriebe  einzuhalten,  ob- 
gleich es  häufig  vorkommt,  dass  Kinder  im  zarten  Alter  von  sieben  Jah- 
ren und  in  einigen  Fällen  sogar  noch  früher,  dreizehn  bis  vierzehn  Stun- 
den pro  Tag  in  den  Fabriken  zur  Arbeit  zugelassen  werden.  Ich  brauche 
nicht  die  Commission  aufrufordem,  eine  Meinung  darüber  abzugeben, 
welches  die  Wirkungen  eines  so  verderblichen  Verfahrens  auf  die  Gesund- 
heit und  das  Wohlbefinden  dieser  kleinen/Geschöpfe  sein  müssen,  besonders 
nachdem  wir  die  Ansichten  der  angesehenen  Mediciner,  die  vor  uns  be- 
fragt worden  sind,  kennen  gelernt  haben;  allein  ich  möchte  es  der  Com- 
mission auf  das  Angelegentlichste  ans  Herz  legen  zu  bedenken,  dass,  wenn 
nicht  das  Parlament  dazwischen  tritt,  bald  jeder  Gewinn,  den  die  Appren- 
tice-Bill  brachte,  vollständig  verloren  gehen  und  die  Beschäftigung  von 
Kirchspiellehrlingen  eingestellt  werden  wird  und  dass  andere  Kinder  zwi- 
schen welchen  und  den  Arbeitgebern  wahrscheinlich  kein  dauernder  Ver- 
trag existirt,  für  deren  gute  Behandlung  nicht  die  geringste  Garantie  ge- 
leistet wird,  die  Stelle  dieser  Kirchspielkinder  ausfüllen  werden.  Eüie 
solche  unterschiedslose  und  unbegrenzte  Anstellung  der  Armen,  welche 
sich  zum  grossen  Theil  aus  den  Bewohnern  gewerbetreibender  Districte 
zusammensetzen,  wird  für  die  kommende  Generation  so  ernste  und  be- 
sorgnisserregende Folgen  haben,  dass  ich  nur  mit  Schrecken  daran  den- 
ken kann;  und  es  würde  durch  dieses  Verfahren  jene  grossartige  Errun- 
genschaft des  britischen  Scharfsinnes,  durch  welche  das  Maschinenwesen  in 
unseren  Fabriken  zu  solcher  Vollendung  gelangt  ist,  anstatt  zu  einem  Segen 
für  die  Nation  zu  deren  grausamsten  Fluche  werden. 

„Geehrte  Herren!  Wurden  in  früherer  Zeit  Kirchspiellehrlinge  als 
der  Fürsorge  des  Parlamentes  würdig  erachtet,  so  glaube  ich  zuversicht- 
lich, dass  Sie  den  unbeschützten  Kindern  von  heute  ein  gleiches  Maass 
von  Berücksichtigung  nicht  vorenthalten  werden,  zumal  die  Arbeitgeber, 
unter  welchen  diese  Kinder  stehen,  nicht  verpflichtet  sind,  denselben  wäh- 
rend einer  Krankheit  oder  ungünstiger  Geschäftsperioden  beizustehen.*'  — 

(Folgen  Vorschläge  zu  gesetzlichen  Vorschriften.) 


J.  üeber  die  Zustände  in  den  Kohlenbergwerken.  709 

j. 

Zu  Seite  C80,  /mnerkung  6. 

Ueber  die  Zustände  in  den  Kohlenbergwerken. 

Auszug  aus  dem  Children's  Employment  Commission's  Report  I,  1842, 

8.  255  ff. 

1.  Es  giebt  Fälle,  dass  Kinder  schon  mit  vier  Jahren,  manchmal  mit 
fünf,  fünf  bis  sechs,  sechs  bis  sieben,  sieben  bis  acht  Jahren  in  die- 
sen Bergwerken  zu  arbeiten  anfangen;  das  gewöhn  liehe  Alter  zum 
Arbeitsaufang  ist  aber  das  achte  bis  nennte  Leben^ahr. 

^2.  Ein  grosser  Theil  der  in  diesen  Bergwerken  arbeitenden  Leute  ist 
noch  nicht  dreizehn  Jahre  alt ;  ein  noch  grösserer  Theil  steht  zwischen 
dem  dreizehnten  bis  achtzehnten  Lebensjahre. 

3.  In  vielen  Districten  fangen  die  Mädchen  ebenso  früh  an  zu  arbeiten 
wie  die  Knaben. 

4.  Die  grosse  Masse  der  in  diesen  Bergwerken  arbeitenden  Kinder  stammt 
aus  den  Familien  der  Grubenarbeiter  oder  gehört  der  ärmsten  Bevöl- 
kerung der  Umgegend  an,  und  wird  in  einigen  Districten  von  den  Ar- 
beitslenten,  in  anderen  von  den  Besitzern  und  Unternehmern  gedun- 
gen und  gelöhnt. 

6.  In  vielen  Fällen  ist  durch  die  Vereinigung  von  Geschicklichkeit  und 
Capital  vieles  geschehen  und  oft  mit  dem  grössten  Erfolg  um  die 
Arbeitsstätten  in  den  Bergwerken  unschädlich,  gesund  und  sicher  zu 
machen;  doch  scheint  es  noch  nicht  möglich  zu  sein,  durch  bis  jetzt 
bekannte  Mittel  die  Gruben  vollständig  gegen  schädliche  Einflüsse 
sicher  zu  stellen ;  in  vielen  Fällen  ist  der  Zustand  derselben  in  Bezug 
auf  Lüftung  und  Lösung  der  Wasser  noch  in  beklagenswerthem  Maasse 
unbefriedigend. 

7.  Die  Natur  der  Beschäftigung,  welche  den  jüngsten  Kindern  obliegt, 
(Thürhüten  in  den  Strecken),  bedingt,  dass  dieselben  in  die  Grube 
kommen,  sobald  die  Arbeit  beginnt  und  dieselbe  erst  verlassen,  wenn 
Feierabend  gemacht  wird. 

^.  Diese  Beschäftigung,  welche  kaum  Arbeit  genannt  werden  kann,  würde, 
da  die  Kinder  dabei  gewöhnlich  im  Dunklen  und  ganz  allein  sind, 
der  schlimmsten  Einzelhaft  gleichkommen,  wenn  nicht  die  Kohlen- 
karren von  Zeit  zu  Zeit  hin  und  wieder  führen. 

9.  In  den  Districten,  in  welchen  die  Kohlenflöze  so  mächtig  sind,  dass  Pferde 
in  den  Werken  verwendet  werden,  oder  in  welchen  die  Nebengänge 
von  den  Werken  zu  den  Fahrwegen  nicht  sehr  lang  sind,  wird  die 
Lage  dieser  Kinder  durch  das  aus  den  Hauptgängen  hereinfallende 
Licht  verhältnissmässig  weniger  traurig,  langweilig  und  betäubend;  in 
anderen  Districten  aber  sind  sie,  solange  sie  in  ier  Grube  sein  müs- 


710  Belegstellen. 

sen,  immer  im  Finstern  und  ganz  allein,  und  viele  Kinder  sagen,  dass 
während  des  grösseren  Theils  des  Winters  Wochen  vergehen,  ohne 
dass  sie  das  Licht  des  Tages-  erblicken,  ausser  an  den  Tagen,  an 
welchen  die  Arbeit  ausgesetzt  wird  und  an  Sonntagen. 

10.  Die  harte  Arbeit  des  Schiebens  und  Ziehens  der  Kohlenwagen  von 
den  Werken  nach  den  Hauptgängen  oder  bis  an  den  Eingang  des 
Schachtes  beginnt  zu  verschiedenen  Lebensjahren,  von  sechs  Jahren 
an  aufsteigend;  es  ist  dies  eine  Arbeit,  welche,  wie  alle  Zengen 
versichern,  das  unausgesetzte  Anstrengen  aller  physischen  Kräfte  der 
jugendlichen  Arbeiter  erfordert 

n.  In  allen  Districten,  wo  auch  Arbeiterinnen  in  den  Kohlengruben 
arbeiten,  verrichten  beide  Geschlechter  genau  dieselbe  Arbeit  und  auch 
während  derselben  Zeitdauer;  Knaben  und  Mädchen,  junge  Männer 
und  junge  Frauenzimmer,  sogar  verheirathete  und  schwangere  Frauen 
sind  fast  nackt  während  sie  arbeiten,  und  die  Männer  in  vielen  Gru- 
ben gänzlich  nackt.  Der  demoralisirende  Einfluss  der  unterirdischen 
Arbeit  auf  die  Frauen  wird  von  allen  Zeugen  constatirt. 

12.  Im  östlichen  Schottland  werden  weit  mehr  Kinder  und  junge  Leute^ 
darunter  viele  Mädchen,  in  diesen  Bergwerken  beschäftigt,  als  dies  in 
anderen  Districten  der  Fall  ist;  ihre  Hauptarbeit  besteht  darin,  die 
Kohlenstücke  auf  dem  Rücken  die  Leitern  hinauf  zu  schleppen. 

13.  Die  regelmässige  Arbeitszeit  für  Kinder  und  junge  Leute  dauert  — 
wenn  die  Arbeit  im  vollen  Gange  ist  —  selten  weniger  als  elf,  öfter 
zwölf  Stunden,  in  einigen  Districten  dreizehn  und  in  einem  einzigen 
gewöhnlich  vierzehn  und  darüber. 

14.  Die  Nachtarbeit  ist  in  der  grossen  Mehrzahl  dieser  Bergwerke  ein 
Theil  des  gewöhnlichen  Arbeitssystems  und  wird  je  nach  der  Nach- 
frage nach  Kohlen  mehr  oder  weniger  regelmässig  inne  gehalten.  Alle 
Zeugenaussagen  führen  aus,  wie  äusserst  schädlich  diese  Einrichtung 
auf  den  physischen  und  moralischen  Zustand  der  Arbeiter,  besonders 
der  Kinder,  einwirken  muss. 

15.  Obgleich  streng  genommen  diese  täglich  so  viele  Stunden  währende 
Arbeit  nicht  eine  ununterbrochene  genannt  werden  kann,  da  es  in 
der  Natur  der  Beschäftigung  liegt,  dass  Pausen  von  einigen  Miuuten 
eintreten,  während  welcher  die  Muskeln  nicht  angespannt  sind,  so  ist 
doch  von  einer  regelmässigen  Freizeit  zum  Ausruhen  keine  Rede,  son- 
dern die  Arbeiter  nehmen  ihre  Nahrung  während  der  Arbeit,  so  gut 
es  eben  geht,  zu  sich. 

It).  In  den  guteingerichteten  Bergwerken,  welche  im  Allgemeinen  die 
kürzeste  Arbeitszeit  haben,  und  in  einigen  wenigen,  wo  regelmässig 
eine  halbe  bis  eine  ganze  Stunde  ftir  die  Mahlzeit  bestimmt  ist,  brin- 
gen nach  einem  gewöhnlichen  Arbeitstag  die  zehnjährigen  und  altern 
Kinder  nur  selten  Klagen  über  Müdigkeit  vor,  während   dies   in  an- 


J.  üeber  die  Zustände  in  den  Kohlenbergwerken.  711 

deren  Fällen  sehr  vielfach  vorkommt  und  die  Arbeitsleute  oft  ein 
äusserst  schmerzliches  Gefühl  der  Ermüdung  niemals  überwinden. 

17.  Sehr  oft  haben  die  Kinder  und  jungen  Leute  keinen  Grund,  sich  über 
die  Behandlung  zu  beklagen,  welche  sie  von  den  Aufsichtspersonen 
in  dem  Bergwerke  oder  von  den  Kohlenhäuem  erfahren;  aber  im 
aligemeinen  werden  die  kleineren  Kinder  von  den  älteren  rauh  be- 
handelt. In  vielen  Bergwerken  ist  das  Benehmen  der  erwachsenen 
Kohlenhäuer  gegen  die  unter  ihnen  arbeitenden  Kinder  und  jungen 
Leute  voll  Härte  und  Grausamkeit,  und  die  Vorgesetzten,  die  darum 
wissen  müssen,  thun  nie  das  Geringste,  um  es  zu  verhindern,  ja  sie 
behaupten  ausdrücklich,  dass  sie  kein  Recht  dazu  hätten. 

18.  Mit  sehr  seltenen  Ausnahmen  interessiren  sich  die  Kohlenbesitzer  sehr 
wenig  für  das  Wohl  der  in  ihren  Werken  arbeitenden  Kinder  und 
jungen  Leute,  nachdem  die  Arbeitszeit  vorüber  ist;  wenigstens  thun 
sie  wenig  daiUr,  denselben  unschuldige  und  gesundheitsförderliche 
Vergnügungen  zu  ermöglichen. 

19.  In  allen  Kohlengruben  kommen  sehr  häufig  ganz  entsetzliche  Unglücks- 
fälle vor;  und  sowohl  die  Erkundigungen,  die  wir  feinzogen,  wie  die 
Registrirtabellen  liefern  den  Beweis,  dass  unter  den  durch  solche 
Unglücksfälle  umkommenden  Arbeitern  manchmal  die  Zahl  der  Kinder 
verhältnissmässig  gerade  so  gross  und  nur  selten  kleiner  ist  als  die 
Zahl  der  P>wachsenen. 

20.  Eine  der  häufigsten  Ursachen  von  Unglücksfällen  wird  darin  gefunden, 
dass  die  Aufsiebt  eine  äusserst  mangelhafte  ist,  sowohl  in  Bezug  auf 
genaue  Untersuchung  der  Sicherheit  des  Maschinenwerkes,  vermittelst 
dessen  die  Arbeiter  auf  und  niedergelassen  werden,  als  auch  in  Bezug 
darauf,  dass  immer  nur  eine  genau  bestimmte  Zahl  von  Personen 
gleichzeitig  auf-  und  niederfahren.  Ebenso  schlecht  ist  es  mit  der 
Controlle  bestellt,  welche  über  die  in  den  Bergwerken  angesammelten 
Quantitäten  schädlicher  Gase,  über  eine  wirksame  und  genügende  Ven- 
tilation, über  ein  streng  geregeltes  Oeffnen  und  Schliessen  der  Luft- 
thüren,  wie  über  die  einzelnen  Bäume  geführt  wird,  in  welchen  es 
gefährlich  ist,  sie  mit  brennendem  Licht  zu  betreten  und  in  welchen 
dies  ohne  Gefahr  geschehen  kann ;  auch  die  Sicherheit  und  Festigkeit 
der  das  Hangende  tragenden  Stützen  wird  lässig  beaufsichtigt  etc. 

21.  Sehr  viele  schlimme  Unfälle  werden  dadurch  verursacht,  dass  das 
Schliessen  der  Luftthüren  fast  durchgehends  sehr  kleinen  Kindern 
anvertraut  wird. 

22.  In  vielen  Bergwerken  werden  nicht  die  allergewöhnlichsten  Vorsichts- 
maassregeln  getroffen,  um  Unfälle  zu  verhüten,  und,  wie  es  scheint, 
werden  keine  Kosten  für  die  Sicherstellung  imd  noch  weniger  für  die 
Annehmlichkeit  der  Arbeiter  aufgewendet. 

23.  Zweierlei  in  einigen  Districten  vornehmlich  herrschende  Gebräuche 
sind  es,  die  vor  allen  andern  die  strengste  Rüge  verdienen  und  zwar 


712  Belegstellen. 

folgende:  in  einigen  der  kleineren  Bergwerke  in  Yorkshire  kommt  es 
zuweilen  und  in  Lancashire  häufiger  vor,  dass  zum  Auf-  und  Nieder- 
lassen der  Arbeiter  Seile  gebraucht  werden,  die  dazu  nicht  mehr  taug- 
lich und  desshalb  gefahrbringend  sind,  und  zweitens  ist  es  in  Tork- 
shire  theilweise,  in  Derbyshire  und  Lancashire  durchgehends  der  Usus, 
Knaben  bei  der  Dampfmaschine  zur  Auf-  und  Niederbef&rderung  der 
Arbeiter  anzustellen. 

24.  Im  Allgemeinen  erhalten  die  in  diesen  Bergwerken  arbeitenden  Kin- 
der und  jungen  Leute  genügende  Nahrung  und  tragen  anst&ndige  und 
warme  Kleider,  wenn  sie  wieder  auf  der  Erdoberfläche  sind,  da  der 
gewöhnliche  Lohn,  den  sie  erhalten,  ihnen  dies  ermöglicht;  allein  in 
vielen  Fällen,  biesonders  in  einigen  Theilen  von  Yorkshire,  in  Der- 
byshire, in  South  Gloucestershire  und  sehr  oft  auch  im  östlichen 
Schottland  ist  die  Nahrung  der  Arbeiter  sehr  mangelhaft,  was  die 
Qualität,  und  höchst  ungenügend,  was  die  Quantität  betrifft;  die  Kin- 
der sagen  selbst,  dass  sie  nicht  genug  zu  essen  hätten;  und  dieSub- 
commissioners  berichten,  dass  die  Kinder  in  Lumpen  gehüllt  seien, 
und  dass  diele  Kleiderarmuth  der  gewöhnlich  von  ihnen  angegebene 
Entschuldigungsgrund  sei,  warum  sie  anstatt  Sonntags  in  frischer  Luft 
Erholung  zu  suchen  oder  in  die  Kirche  zu  gehen,  gewöhnlich  ganz 
zu  Hause  bleiben;  in  solchen  Fällen  also  reicht  die  doch  so  ange- 
strengte Arbeit  der  Kinder  nicht  einmal  aus,  um  ihnen  genügende 
Nahrung  und  Kleidung  zu  verschaffen;  gewöhnlich  jedoch  stammen 
so  traurig  gestellte  Kinder  von  faulen  und  liederlichen  Eltern  ab,  die 
den  so  sauer  erworbenen  Verdienst  ihrer  Sprösslinge  in  der  Schenke 
verthun. 

25.  Dieses  Arbeiten  in  den  Bergwerken  verursacht  gewöhnlich  erstens 
eine  ausserordentlich  starke  Ausbildung  der  Muskeln  und  zugleich 
eine  dieser  entsprechend  grosse  Stärke  derselben;  jedoch  wird  diese 
unnatürliche  Entwicklung  und  Stärke  auf  Kosten  der  anderen  Organe 
gewonnen,  wie  dies  in  dem  gewöhnlich  verkümmerten  Körperwuchs 
zu  Tage  tritt. 

26.  Diese  Arbeit,  wie  sie  jetzt  in  allen  Districten  gehandhabt  wird ,  be- 
fördert eine  VerEchlechterung  der  .physischen  Constitution,  theils  durch 
die  Anstrengung,  die  sie  erfordert  und  durch  die  lange  Arbeitszeit, 
theils  durch  den  gesundheitsschädlichen  Zustand  der  Arbeitsstätten; 
in  den  Bergwerken,  die  nur  kleine  enge  Gänge  haben,  werden  durch 
die  dadurch  gebotene  krumme  Körperhaltung  die  Glieder  besonders 
verkrüppelt  und  der  Körper  verrenkt;  und  es  ist  im  allgemeinen  so, 
dass  solche  Bergleute  viel  früher  als  es  sonst  in  anderen  Industrie- 
zweigen der  Fall  zu  sein  pflegt,  die  Kraft  ihrer  Muskeln  einbüssen 
und  viel  früher  arbeitsunfähig  werden. 

27.  Dieselben  Ursachen  sind  es,  die  gar  oft  den  Keim  zu  schlimmem  und 
todtbringendem  Siechthum  schon  bei  der  Kindheit  und  Jugend  legen, 


J.   Ueber  die  Zost&nde  in  den  Kohlenbergwerken.  713 

• 

der  dann  in  langsamer  aber  ständiger  Entwicklung  bis  zum  30.  bis 
40.  Lebensjahre  hin  einen  äusserst  ernsten  Charakter  annimmt,  so 
so  dass  jede  Generation  aus  dieser  Volksclasse  gewöhnlich  nach  dem 
50.  Leben^'ahre  ausgestorben  ist.  , 

Seite. 258:  Wenn  man  die  Ausdehnung  dieses  Industriezweiges,  die 
grossen  Capitalien,  die  darin  angelegt  sind,  und  den  nahen  Zusammen- 
hang ins  Auge  fasst,  in  welchem  er  als  eine  Hauptquelle  unseres 
nationalen  Eeichthums  und  unserer  Grösse  mit  allen  andern  grossen 
Zweigen  des  Handels  und  Gewerbes  steht,  so  ist  es  eine  Genugthu- 
ung,  durch  unzweifelhafte  Beweise  zu  folgenden  beiden  Schlüssen  ge- 
langt zu  sein: 

1.  Wenn  in  den  Kohlenbergwerken  f&r  ordentliche  Ventilation  und 
Abzugskanäle  gesorgt  ist  und  sowohl  die  Haupt-  wie  die  Neben- 
gänge eine  leidliche  Höhe  haben,  so  sind  dieselben  nicht  nur  nich 
gesundheitschädlich,  sondern,  da  die  Temperatur  darin  eine  mäs-f 
sige  und  sehr  gleichmässige  ist,  als  Arbeitsstätten  betrachtet  sogar 
gesunder  und  angenehmer,  als  di^enigen,  in  welchen  manche  Ar- 
beit auf  der  Oberfläche  der  Erde  verrichtet  wird. 

2.  Die  Arbeit  des  Hin-  und  Herschiebens  der  beladenen  Kohlenwagen 
von  den  Werken  nach  den  Hauptgängen  oder  nach  dem  Ausgang 
des  Schachtes,  wie  sie  hauptsächlich  den  Kindern  und  jungen 
Leuten  obliegt,  ist  nicht  nur  ihrer  Natur  nach  durchaus  keine  un- 
gesunde Thätigkeit,  sondern  dieselbe  könnte  sogar,  da  dabei  eine 
starke  Entwicklung  der  Armmuskeln,  der  Schultern^  Brust-, 
Rücken-  und  Beinmuskeln  stattfindet,  ohne  dass  irgend  ein  Kör- 
pertheil  dabei  in  eine  unnatürliche  und  peinliche  Lage  gezwungen 
wird,  auch  allen  andern  Organen  eine  ebenso  fördersame  und  ge- 
sunde Anregung  gewähren,  wenn  nicht  soviel  Missbranch  damit 
getrieben  würde;  denn  die  körperlichen  Schäden ,  welche  diese 
Thätigkeit  in  ihrer  jetzigen  Handhabung  hervorrufit,  sind,  abgesehen 
von  denjenigen,  welche  durch  ungenügende  Ventilation  und  Ab- 
zugscanäle  verursacht  werden,  hauptsächlich  dem  Umstände  zu- 
zuschreiben, dass  die  Kinder  in  zu  jungen  Jahren  dabei  angestellt 
werden,  und  dass  die  Arbeit  zu  lange  Zeit  hindurch  fortgesetzt 
wird.  In  einem  Falle  jedoch  bieten  sich  ganz  besondere  Schwie- 
rigketten dar,  nämlich  dann,  wenn  alle  unterirdischen  Gänge  und 
besonders  die  Seitengänge  unter  einer  gewissen  Höhe  sind:  die 
Zeugenaussagen,  welche  diese  Commission  gesammelt  hat,  bewei- 
sen, dass  es  einzelne  Kohlenbergwerke  giebt,  die  jetzt  in  voller  Ar- 
beit sich  befinden,  in  welchen  diese  Gänge  so  niedrig  sind,  dass 
selbst  die  allerjüngsten  Kinder  nur  darin  vorwärts  kommen  kön- 
nen, indem  sie  auf  Händen  und  Füssen  kriechen  und  in  dieser 
widernatürlichen  Stellung  die  beladenen  Karren  hinter  sich  her 


714  Belegstellen. 

ziehen.  Da  es  aber  unmöglich  ist,  durch  irgend  welche  mit  dem 
praktischen  Erfolge  vereinbare  Geldanlage  diese  glQcklicherweiae 
weder  zahbreichen  noch  grossen  Bergwerke  in  einen  solchen  Stand 
^  zu  setzen,  dass  menschliche  Wesen  darin  zu  arbeiten  vermögen, 
so  wird  dies  niemals  erreicht  werden,  und  die  Folge  davon  ist» 
dass  die  darin  arbeitenden  Kinder  unvermeidlich  eine  grosse  und 
nicht  wieder  gut  zu  machende  Benachtheiltgung  ihrer  G^undheit 
erleiden  müssen. 


K. 

Zu  Seite  (>32,  Anmerkung  1. 

Zustände  der  arbeitenden  Kinder  in  Gewerben  und 

Manufacturen. 

Children's  Employment  Report  II,  1843,  S.  195. 

Wir  finden  in  Gewerben  und  Manufacturen  folgende  Zustände: 

1.  Es  kommen  Fälle  vor,  dass  Kinder  schon  im  Alter  von  drei  und  vier 
Jahren  zu  arbeiten  anfangen  und  nicht  selten  im  Alter  von  fünf  und 
zwischen  fünf  bis  sechs  Jahren,  während  im  Allgemeinen  die  regel- 
mässige Anstellung  mit  sieben  oder  acht  Jahren  beginnt.  Die  grosse 
Mehrzahl  der  Kinder  haben  also  vor  dem  neunten  Lebensjahre  ange- 
fangen zu  arbeiten,  obgleich  es  einige  wenige  Gewerbe  giebt,  bei 
welchen  die  Kinder  erst  vom  zehnten  oder  gar  zwölften  Lebensjahre 
an  oder  in  noch  vorgerückterem  Alter  angestellt  werden. 

2.  In  allen  Fällen,  wo  jjanz  kleine  Kinder  schon  be8chäfli<Tt  werden,  sind 
es  stets  die  Elteni  selbst,  die  dieselben  so  frühzeitig?  im  eigenen  Haus 
und  unter  eigener  Aufsicht  zu  irgend  einer  Verrichtung  anstellen; 
aber  in  jeder  Alterstufe,  von  fünf  Jahren  und  darüber  an,  fangen  die 
Kinder  schaarenweise  in  kleineren  oder  grösseren  Manufacturen  zu 
arbeiten  an. 

8.  Ein  grosser  Theil  von  all  den  in  diesen  Gewerben  und  Manufacturen 
beschäftijrten  Personen  besteht  aus  jungen  Leuten,  die  das  dreizehnte 
Lebensjahr  noch  nicht  erreicht  haben  und  ein  noch  grösserer  Theil 
aus  solchen,  die  zwischen  13 — 18  Jahre  alt  sind,  obgleich  in  einigen 
Fällen  die  Zahl  derjenigen,  die  noch  nicht  dreizehn  sind,  der  Zahl 
derer  zwischen  dreizehn  und  achtzehn  Jahren  gleichkommt,  ja  dieselbe 
sogar,  wie  es  einzelne  Beispiele  beweisen,  noch  übersteigt. 

4.  In  verhältnissmässig  sehr  vielen  dieser  Gewerbe  und  Manufacturen  ar- 
beiten Mädchen  in  demselben  zarten  Alter  mit  Knaben  zusammen ;  in 
einigen  sogar  ist  die  Anzahl  der  Mädchen  grösser  als  die  der  Kna- 
ben; und  in  einigen  wenigen  Fallen  wird  die  Arbeit,  insoweit  als  sie 


K.  Arbeitende  Kinder  in  Gewerben  u.  Manufacturen.  715 

von  Nichterwachsenen  gethan  wird,  fast  ganz  allein  durch  Mädchen 
und  junge  Frauenzimmer  verrichtet. 

5.  In  einigen  Zweigen  sehr  ausgedehnter  Manufacturen  wie  bei  der 
Anfertigung  von  Klöppelarbeit,  beim  Strohflechten  und  Wollkrämpeln 
wird  der  grössere  Theil  der  allerkleinsten  Kinder,  mit  Ausnahme 
derer,  die  zu  Hause  unter  der  Aufsicht  der  eigenen  Eltern  beschäf« 
tigt  werden,  von  „mistresses'*  gedungen  und  thun  ihre  Arbeit  in  so- 
genannten Schulen,  die  aber  eher  Werkstätten  sind. 

6.  In  bei  weitem  den  meisten  Gewerben  und  Manufacturen  werden 
die  jüngsten  Kinder  sowohl  wie  die  jungen  Leute  von  den  Arbeitern 
gedungen  und  bezahlt,  und  stehen  gänzlich  unter  deren  Controlle, 
während  die  Arbeitgeber  keine  Art  von  Oberaufsicht  über  sie  ftlhren 
und  wie  es  den  Anschein  hat,  gar  nichts  von  ihnen  wissen.  . 

7.  In  einigen  dieser  Gewerbe  und  Manufacturen  —  aber  verhältniss- 
mässig  ist  dies  sehr  selten  der  Fall  —  stehen  die  Kinder  und  die 
jungen  Leute  direct  unter  dem  Arbeitgeber. 

8.  Es  ist  in  der  grossen  Mehrzahl  dieser  Gewerbe  und  Manufacturen 
Sitte,  sehr  viele  Lehrlinge  zu  beschäftigen. 

9.  In  etlichen  Gewerben,  in  jenen  besonders,  die  geschickte  Arbeiter  er- 
fordern, werden  diese  Lehrlinge,  gewöhnlich  im  vierzehnten  Lebens- 
jahr, durch  einen  gesetzlichen  Contract  für  einen  Termin  von  sieben 
Jahren  in  die  Lehre  gegeben,  nur  selten  sind  sie  noch  jünger,  und 
die  Lehrlingszeit  dehnt  sich  sehr  selten  länger  aus;  die  bei  weitem 
grössere  Anzahl  aber  werden  ohne  irgend  eine  vorgeschriebene  ge- 
setzliche Form  in  die  Lehre  gegeben,  und  dann  ist  es  fast  stets  der 
Fall,  dass,  wann  immer  sie  ihre  Lehrzeit  beginnen,  sie  bei  ihrem 
Meister  bis  zum  einundzwanzigsten  Lebensjahr  aushalten  müssen. 
Manchmal  verlangt  die  Thätigkeit«  die  ihnen  zugewiesen  wird,  gar 
keine  Geschicklichkeit,  um  sie  zu  erlernen,  manchmal  werden  Lehr- 
linge nur  an  einzelne  ganz  bestimmte  Zweige  des  in  der  Fabrikation 
befindlichen  Artikels  angestellt,  ohne  die  Anfertigung  der  übrigen 
Zweige  kennen  zu  lernen,  so  dass  sie  am  Ende  ihrer  Dienstzeit  (ser- 
vitude)  nicht  fähig  sind,  irgend  einen  Artikel  aus  ihrem  Gewerbe  in 
vollendetem  Zustand  herzustellen. 

10.  Ein  gi'osser  Theil  dieser  Lehrlinge  besteht  aus  Waisen  oder  Kindern 
von  Wittwen,  oder  stammt  aus  den  allerärmsten  Familien  her  und 
häufig  werden  sie  von  Vormundsämtern  in  die  Lehre  gegeben. 

n.  Die  Lehrzeit  beginnt  oft  mit  dem  siebenten  Lebensjahr;  während  der- 
selben haben  die  Lehrlinge  oft  viel  Cngemach  und  viel  schlechte  Be- 
handlung auszustehen;  manchmal  auch  werden  sie  niu*  unter  der  Be- 
dingung angenommen,  dass  sie  während  des  grösseren  Theiles  ihrer 
Lehrzeit,  wenn  nicht  während  der  ganzen  Dauer  derselben,  für  ihre 
Arbeit  ausser  Kost  und  Kleidung  nichts  erhalten. 


716  Belegstellen. 

12.  Dieses  System  ist  das  vorherrschende  in  den  Districten  um  Wolver- 
hampton,  und  wird  am  öftesten  von  sogen,  „kleinen  Meistern'^  ge- 
missbraucht,  Leuten,  die  entweder  selbst  Tagelöhner  sind,  oder  wenn 
sie  für  eigene  Rechnung  arbeiten,  mit  ihren  Lehrlingen  zusammen 
arbeiten. 

18.  Einige  Arbeitgeber  dieser  Districte  haben  die  Gewohnheit,  die  Kinder 
durch  eine  einfache  schriftliche  Uebereinkunft  für  ihre  Arbeit  zu 
miethen.  Bei  Uebertretung  derselben  kann  der  Wortbrüchige  einge- 
sperrt werden,  was  auch  in  der  That  öfters  ohne  Rücksicht  auf  das 
Alter  desselben  zu  geschehen  pflegt. 

14.  In  diesen  Districten  ist  es  allgemein  Sitte  der  Eltern,  bei  den  Arbeit- 
gebern Geld  zu  leihen  und  für  die  Wiedererstattung  desselben  sich 
durch  besondere  uebereinkunft  zu  verpflichten,  es  von  dem  Lohn  der 
Kinder  zu  entnehmen;  ebenso  verhält  es  sich  in  Birmingham  und 
Warrington,  während  man  in  den  meisten  übrigen  Orten  keine  Be- 
weise für  die  Existenz  dieses  Systems  vorfand. 

15.  In  einigen  wenigen  Gewerben  und  Manufacturen ,  die  aber  sehr  aus- 
gedehnt sindf  wird  Sorge  getragen,  dass  Werkstätten  oder  sonstige 
Oertlichkeiten,  wo  die  Arbeit  verrichtet  wird,  in  einem  anständigen, 
gesunden  und  unschädlichen  Zustand  erhalten  werden;  in  der  grossem 
Mehrzahl  sind  aber  die  Werkstätten,  in  allem  was  Abzugsgräben 
Ventilation  und  gehörige  Regulirung  der  Temperatur  anbelangt,  höchst 
schlecht  bestellt,  ja  sogar  auf  Reinlichkeit  wird  wenig  oder  gar  nicht 
geachtet. 

16.  Selbst  da,  wo  giftige  Substanzen  in  den  Gewerben  imd  Manufocturen 
angewendet  werden,  besteht  in  der  Regel  keine  Einrichtung  zum 
Wechseln  der  Kleider  beim  Nachhausegehen,  oder  zum  Waschen, 
wenn  die  Arbeiter  während  der  Essstunden  in  der  Fabrik  bleiben, 
noch  seltener  findet  sich  eine  Vorrichtung,  vermög  welcher  die  Ar- 
beiter ihr  Essen  zurichten  oder  wärmen  können, 

17.  In  allen  Districten  sind  die  Aborte  in  einem  ekelerregenden  unfläthi- 
gen  Zustand  und  in  vielen  Fällen  müssen  dieselben  von  Männern 
und  Frauen  zusammen  benutzt  werden;  aber  in  fast  allen  kürzlich 
entstandenen  Gebäuden  hat  man  viel  mehr  wie  in  solchen  älteren  Da- 
tums dafür  Sorge  getragen,  dass  die  Gesundheit  und  Bequemlichkeit 
der  Arbeiter  hinlänglich  beachtet  werden. 

18.  Diejenige  Arbeit,  an  welcher  Kinder  und  junge  Leute  angestellt  wer- 
den, ist  selten  ansti*engend  oder  nur  mühevoll;  und  nur  sehr  selten 
sind  Verrichtungen  von  schädlicher  Natur,  in  welchen  Kinder  beschäf- 
tigt werden,  nur  bilden  einige  Verrichtungen,  die  mit  der  Fabrikation 
von  Metall-  und  Töpferwaaren  und  Glas  zusammenhängen,  hiervon 
eine  beklagenswerthe  Ausnahme. 

19.  In  einigen  wenigen  Fällen  übersteigt  die  Arbeitszeit  nicht  zehn  Stun- 
den, die  Zeit  während  der  Mahlzeiten  abgerechnet,  manchmal  aber 


K.    Arbeitende  Kinder  in  Gewerben  u.  Manufacturen.  717 

beträgt  sie  elf,  häufiger  zwölf  Stunden,  und  in  sehr  vielen  Fällen 
dauert  die  Arbeitszeit  fünfzehn,  sechzehn  und  selbst  achtzehn  aufein- 
anderfolgende Stunden. 

20.  Beinah  überall  arbeiten  die  Kinder  ebenso  lang  wie  die  Erwachsenen, 
manchmal  sechzehn,  selbst  achtzehn  Stunden  ohne  Unterbrechung. 

21.  Junge  Frauenzimmer,  die  in  der  Hauptstadt  und  in  etlichen  gros- 
sen Provinzialstädten  in  Putzgeschäften  und  bei  Kleidermacherin- 
nen arbeiten,  bind  selbst  in  den  am  besten  eingerichteten  Geschäften 
während  der  hohen  „season^,  die  in  London  vier  Monate  dauert,  regel- 
mässig fünfzehn  Stunden  per  Tag  angespannt;  in  häufig  eintretenden 
Notbfällen  werden  es  achtzehn  Stunden  und  in  vielen  Geschäften  sind 
während  der  „season'^  die  Arbeitsstunden  überhaupt  unbegrenzt,  so  dass 
die  jungen  Frauenzimmer  niemals  mehr  wie  sechs,  oft  nicht  mehr  als 
vier,  oft  nur  drei  und  bei  einzelnen  Gelegenheiten  nur  zwei  Stunden 
Ruhe  und  Schlaf  haben  und  sehr  häufig  die  ganze  Nacht  durcharbei- 
ten; thatsächlich  findet  ihre  Arbeit  erst  ein  Ende,  wenn  die  physi- 
schen Kräfte  dazu  absolut  nicht  mehr  vorhalten. 

22.  In  den  bei  weitem  zahlreichsten  Gewerben  und  Manufacturen,  wo  der 
Meister  als  jeder  Aufsicht  und  Sorge  für  die  Kinder  entbunden  be- 
trachtet wird,  weil  dieselben  von  den  Arbeitern  gedungen  und  bezahlt 
werden,  sind  die  Arbeitsstunden  der  Kinder  fast  immer  die  längsten. 
Da  diese  Leute  die  Gewohnheit  haben,  zu  sehr  unregelmässigen  Zei- 
ten zu  arbeiten,  die  erste  Hälfte  der  Woche  zu  faulenzen  und  dann 
in  der  zweiten  sich  übermässig  anzustrengen ,  und  da  die  Kin- 
der sich  immer  nach  deren  Arbeitsstunden,  wann  dieselben  auch  seien, 
richten  müssen,  so  verrichten  die  Kinder  ihre  Arbeit  immer  unter 
den  aller  beschwerlichsten  Umständen. 

23.  Bei  einigen  Zweigen  der  Manufactur,  wie  beim  Aufwinden  der  Ma- 
schinen zum  Spitzenklöppeln  haben  die  Kinder  keine  regelmässige  und 
bestimmte  Zeit  zum  Schlafen  und  zur  Erholung,  da  sie  zu  jeder  Zeit 
während  sechzehn,  zwanzig  und  zweiundzwanzig  Stunden  von  den 
vierundzwanzigen  zusammenberufen  werden  können.  Auch  müssen  sie 
in  jeder  Jahreszeit  und  zu  jeder  Stunde  der  Nacht  oft  beträchtliche 
Strecken  von  einer  Werkstatt  zur  anderen  zurücklegen. 

24.  In  vielen  sehr  ausgedehnten  und  sehr  wichtigen  Gewerben  und  Manu- 
facturen wird  Nachts  nicht  gearbeitet;  in  anderen  hingegen  ist  dies 
so  allgemein  und  beständig  der  Fall,  dass  man  berechtigt  ist,  die 
Nachtarbeit  als  Theil  des  regelrechten  Systems  anzusehen,  das  in  die- 
sen Industriezweigen  angewandt  wird.  Alle  Zeugenclassen  stimmen 
in  der  Angabe  überein,  dass  die  Wirkung  der  Nachtarbeit  in  allen 
Districten,  wo  diese  Sitte  vorherrschend  ist,  sowohl  auf  die  Arbeiter 
im  Allgemeinen  wie  besonders  aber  auf  die  Kinder  eine  äusserst  ver- 
derbliche ist,  sowohl  im  physischen  wie  im  moralischen  Sinn  und  es 


718  Belegstellen. 

ist  weitläufij?  erwiesen  worden,  dass  selbst  die  Arbeitgeber  scbliess- 
licli  nicht  einen  diese  schlimmen  Folgen  aufwiegenden  Nutzen  daraus 
zu  ziehen  vermögen. 

25.  In  den  meisten  dieser  Gewerbe  und  Manufacturen  ist  regelmässig  eine 
Dauer  von  anderthalb  bis  zwei  Stunden  für  die  Mahlzeiten  bestimmt, 
während  welcher  Zeit  die  Arbeit  gewöhnlich  unterbrochen  und  das 
Maschinen  werk  stillgestellt  wird;  in  'manchen  Districten  aber  kommt 
es  in  vielen  Manufacturzweigen  vor,  dass,  obgleich  nominell  eine  ge- 
wisse Zeit  zum  Ruhen  und  zur  Erholung  bestimmt  ist,  in  Wirklich- 
keit die  Arbeit  nur  kurz  oder  gar  nicht  unterbrochen  und  das  Essen 
zu  sehr  unregelmässigen  Zeiten  eingenommen  wird. 

26.  Obgleich  im  Allgemeinen  wenig  oder  nichts  geschieht,  um  den  Kin- 
dern und  den  jungen  Leuten  die  Mittel  zu  gewähren ,  sich  in  ihren 
Freistunden  unschuldigen  Vergnügungen  und  gesunder  Erfrischung 
hinzugeben,  kommen  doch  oft  Stunden  vor,  wo  sie  unbeschäftigt  sind, 
da  sie  selten  an  den  gewöhnlichen  nationalen  P'eiertagen  und  Festen 
arbeiten,  da  sie  femer  oft  einen  freien  Tag  geschenkt  bekommen,  um 
die  Jahrmärkte  und  Rennen  in  der  Nachbarschaft  zu  besuchen;  auch 
ist  es  Sitte,  dass  sie  am  Sonnabend  Nachmittag  früh  Feierabend 
machen. 

27.  Fast  immer  ist  es  der  Fall,  dass  da,  wo  die  Kinder  den  Arbeitsleuten 
dienen  und  nur  unter  deren  Controlle  stehen,  während  der  Meister 
scheinbar  nicht  weiss,  wie  sie  behandelt  werden  und  sich  jedenfalls 
nichts  darum  kümmert,  rauh,  oft  barsch  und  manchmal  grausam  mit 
ihnen  umgegangen  wird,  und  in  den  Distrikten  um  Wolverhampton 
im  bpsondcien  ist  die  Behandlung  der  Ivinder  im  höchsten  Maass 
schlecht  und  brutal. 

28.  In  den  verhältnissmässig  wenigen  Geschäften  von  gi-osser  Ausdehnunir, 
in  welchen  die  Kinder  ihre  Beschäftigung  und  ihren  Lohn  direct  aus 
den  Händen  des  Meistors  empfangen,  und  entweder  unter  seiner  eige- 
nen persönlichen  Aufsicht  oder  unter  der  eines  intelligenten  und  um- 
sichtiiren  Agenten  stehen,  herrscht  unter  den  Kindern  nicht  nur  ein 
viel  glücklicherer  Zustand,  sondern  es  lässt  sich  aucli  allenthalben 
ein  grosser  Fortschritt  in  ilirem  allgemeinen  Betragen  constatiren.  In 
jedem  Gewerbedistrict  giebt  es  einige  Häuser,  in  welchen  körperliche 
Züchtigung  weder  erlaubt,  noch  jemals  angewandt  wird,  und  wo  jeder 
Arbeiter  entlassen  wird,  der  ein  Kind  schlecht  behandelt.  l>er  wesent- 
liche Inhalt  der  Beweisurkunden  lässt  sich  im  Allgemeinen  dahin  de- 
finiren.  dass  in  fast  allen  Gewerben  und  Manufacturen  aller  Districte 
in  den  letzten  Jahren  ein  geringerer  Druck  auf  die  Kinder  ausgeübt 
wird,  und  sie  überhaupt  weniirer  rücksichtslos  und  strwig  als  früher 
behandelt  werden. 


K.    Arbeitende  Kinder  in  Gewerben  und  Manufacturen.         719 

29.  Obgleich  in  einigen  wenigen  Gewerben  und  Manufacturen  gefährliche 
Maschinenwerke  gebraucht  werden  und  gelegentlich  selu*  ernste  Un- 
fälle vorkommen,  sind  doch  im  Allgemeinen  die  Kinder  einer  solchen 
Ursachen  entspringenden  Gefahr  wenig  ausgesetzt;  zwar  sind  Unfälle, 
wie  zerquetschte  Hände,  abgeschnittene  oder  zwischen  Zahnräder  oder 
unter  Walzen  geklemmte  Finger  and  von  Riemen  gepackte  Arme  in 
einigen  Geschäften  keineswegs  ungewöhnlich.  Manchmal  sind  es  der 
Riemen,  Räderwerke  etc.  so  sehr  viele  und  befinden  sie  sich  an  so 
exponirten  Stellen ,  dass  die  Arbeiter  sich  furchtbar  in  Acht  nehmen 
müssen,  um  Unglück  zu  vermeiden;  auch  könnten  Unglücksfälle  in 
den  meisten  Fällen  verhütet  werden,  wenn  man  ordentlich  darauf 
achtete,  dass  die  Maschinen  richtig  aufgestellt  und  mit  einer  Schutz- 
wand versehen  würden. 

80.  In  vielen  dieser  Gewerbe  und  Manufacturen,  besonders  bei  den  Steck- 
nadelfabrikanten, den  Nagelschmieden,  den  Spitzenklöpplern,  wie  in 
den  Strumpfmanufacturen,  Kattnndruckereien,  Töpfereien  und  Tabak- 
fabriken erhalten  die  Kinder  weder  gutes  und  genügendes  Essen  noch 
warme  und  anständige  Kleider;  \iele  beantworten  an  -sie  gestellte 
Fragen  dahin,  dass  sie  selten  oder  nie  genug  zu  essen  hätten,  und 
viele  sind  nur  in  Lumpen  gehüllt.  Auch  ist  es  eine  allgemeine  Klage, 
dass  sie  aus  Mangel  an  ordentlichen  Kleidern  die  Sonntagsschule  oder 
Kirche  nicht  besuchen  können. 

81.  Eine  gewisse  Anzahl  von  Kindern  dieser  Districte,  die  in  solcher 
Weise  thätig  sein  müssen,  sind  von  derber  Gesundheit  und  lebhaftem 
Wesen,  wenn  sie  auch  im  Allgemeinnen  unter  der  gewöhnlichen 
Grösse  zurückbleiben;*  aber  in  der  grossen  Mehrzahl  leidet  das  kör- 
perliche Befinden  der  Kinder  sehr  ernstlich  unter  den  vereinten  schäd- 
lichen Wirkungen  des  so  frühzeitigen  Arbeitens,  der  so  langen  Arbeits- 
zeit und  der  mangelhaften  ungenügenden  Nahrung  und  Kleidung;  sie 
sind  meistens  verkümmert,  sehen  blass,  zart  und  kränklich  aus,  kurz, 
machen  den  Eindruck  einer  Generation,  deren  physische  Kräfte  immer 
melir  abgenommen  haben. 

82.  Die  am  meisten  unter  ihnen  grassirenden  Krankheiten,  und  für  die 
sie  weit  empfänglicher  sind,  als  Kinder  desselben  Alters  und  Standes, 
die  nicht  zu  arbeiten  brauchen,  sind  krankhafte  Zustände  der  Er^ 
nährungsorgane,  Krümmungen  und  Verrenkungen  des  Rückgrats, 
verunstaltete  Gliedmaassen  und  Krankheiten  der  Lunge,  die  mit  Ab- 
zehrung oder  Schwindsucht  endigen. 


720  Belegstellen. 


L. 

Zu  Seite  640,  Anmerkung  1. 

Gesundheit.szustand  der  arbeitenden  Bevölkerung 

Grossbritanniens. 

Report  from  tbe  Poor-Law-Commissioners  on  the  sanitarj  con- 
dition  of  the  labouring  population  of  Great-Britain.  Lon- 
don 1842. 

Seite  18.  Der  Bericht  eines  der  medicinischen  Beamten  der  West- 
Derby-Union  über  die  Lage  der  arbeitenden  Bevölkerung  in  Liverpool 
zeigt  uns,  dass  die  in  Frage  stehenden  üebel  nicht  auf  die  Arbeiterbevöl- 
kerung der  Stadt  selbst  beschränkt  sind. 

Die  Lage  der  Wohnungen  der  arbeitenden  Bevölkerung  lässt  in  Be- 
zug auf  die  umgebende  Luft  nichts  zu  wünschen  übrig;  allein  Bauart  und 
innere  Einrichtung  derselben  sind  nichts  weniger  als  günstig.  Die  H&oBer 
sind  im  Allgemeinen  mehr  zum  Nutzen  der  Grundbesitzer,  als  zur  Bequem- 
lichl^eit  der  Armen  gebaut.  Sie  bestehen  gewöhnlich  aus  drei  Räumen, 
dem  Wohnzimmer,  in  welches  die  Hausthür  mündet,  und  zwei  über  ein- 
ander gelegenen  Schlafzimmern.  Unter  dem  Wohnzimmer  befindet  sich 
ein  Keller,  der,  an  eine  dürftigere  Classe  von  Arbeitern  vermiethet,  fast 
durchgehends  klein,  feucht  und  oft  über  alle  Maassen  mit  Menschen  an- 
gefüllt ist. 

Diese  Keller  sind  nach  meiner  Ansicht  die  Quelle  vieler  Krankheiten, 
besonders  von  Katarrh,  rheumatischen  AfiTectionen,  typhus  mitior  und  so- 
gar typhus  gravier.  Kaum  braucht  hinzugeiügt  zu  werden,  dass  die  Möbel 
und  das  Bettzeug  den  elenden  Bewohnern  solcher  Häuser  entsprechend 
sind.  Die  Zimmer  über  dem  Wohnzimmer  werden  oft  einzeln  von  dem 
Miether  an  Aftermiether  abgelassen, •so  dass  bis  zu  sechs,  ja  acht  Indi- 
viduen in  einem  jeden  Zimmer  hausen.  Die  schmutzigen  Gewohnheiten, 
die  Trägheit  und  fortwährende  Anhäufung  von  Unrath  thun  das  Ihrige,  um 
ansteckende  und  gefährliche  Krankheiten^  zu  erzeugen.  Die  nicht  nach 
der  Strasse  gehenden,  sondern  in  hinteren  Hofräumen  gelegenen  Häuser 
bieten  noch  traurigere  Zustände  dar  Die  Keller  sind  noch  kleiner,  feuch- 
ter und  ungesunder.  Gewöhnlich  ist  nur  ein  Ort  zur  Auftiahme  des  Un- 
raths  in  einem  Hofraum  für  acht ,  zehn  oder  zwölf  dicht  bewohnte  Häu- 
ser. Im  Jahre  1836—37  behandelte  ich  eine  aus  dreizehn  Gliedern  be- 
stehende Familie.  Zwölf  hatten  Typhus,  ohne  dass  ein  Bett  in  dem  Keller 
oder  auch  nur  Stroh  daselbst  vorhanden  gewesen  wäre.  Die  Kranken 
lagen  auf  dem  Fussboden  und  zwar  so  dicht  neben  einander,  dass 
ich  kaum  zwischen  ihnen  hindiu-ch  gehen  konnte.  In  einem  andern  Hause 
befanden  sich  nur  zwei  Betten  für  vierzehn  Patienten.  Nie  hatten  die 
Kranken  die  Kleider  gewechselt. 


L.  Gesundheit  der  arbeitenden  Bevölkerung.  721 

Seite  19.  Herr  Pearson,  ein  Medicinalbeamter,  spricht  sich  über  di& 
Wohnungen  in  den  Fabrikstädten  von  Lancashire  folgend ermaasen  aus: 

,,Nach  den  von  mir  gemachten  Beobachtungen  bin  ich  geneigt,  den 
schmutzigen  Zustand  der  Städte  als  die  Hauptquelle  des  Fiebers  anzusehen. 
Viele  der  Strassen  sind  ungepflastert  und  bedeckt  mit  stehendem  Wasser,^ 
das  sich  besonders  in  zahhreichen  grossen  Löchern  ansammelt  Die  Ein- 
wohner werfen  in  dasselbe  alle  möglichen  Thier-  und  Pflanzenstoffe,  die 
in  Verwesung  übergehen  und  die  gefährlichsten  Dtlnste  aushauchen.  Die- 
sen Unflath  lassen  die  Einwohner  sich  bis  zu  einem  unglaublichen  Maasse 
ansammeln,  so  dass  die  Atmosphäre  das  reinste  Gift  wird  im  wahren  Sinne  des 
Wortes.  In  vielen  Strassen  sind  keine  Abtritte  vorhanden,  und  wenn 
solche  existiren,  so  sind  sie  in  einem  so  schmutzigen  Zustande,  dass 
sie  absolut  unbrauchbar  erscheinen.  Der  Mangel  an  Abtritten  muss  natür- 
lich den  Unrath  bedeutend  vermehren.  Zur  Erzeugung  von  Malaria  sind 
besonders  zwei  Localitäten  geeignet  —  idi  meine  das  wüste  Land  yor 
Bradshaw  Gate  und  das  zwischen  Greenough's  row  und  Kerfoot's  row» 
Viele  der  Hofräume  sind  von  Häusern  besetzt  und  umgeben ,  sodass  ein 
Durchzug  ,von  frischer  guter  Luft  geradezu  unmöglich  ist  Sie  sind  in 
einem  iurchtbar  kothigen  Zustande  in  Folge  der  Dunghaufen,  die  man  zu 
einer  ungeheuren  Grösse  anwachsen  lässt  und  deren  Jauche  über  den  gan- 
zen Raum  sich  ergiesst** 

Seite  22.  Rev.  Dr.  Gilly  von  Norham  sagt  von  den  Wohnungen  der 
ländlichen  Tagelöhner: 

„Die  Schornsteine  haben  bis  zur  Hälfte  ihre  ursprüngliche  Höhe  ver- 
loren und  lehnen  sich  mit  einer  Angst  einflössenden  Schiefe  an  das  Dach 
an.  Die  Sparren  sind  augenscheinlich  verfault  und  verschoben,  und  das 
Strohdach,  an  vielen  Stellen  Wind  und  Feuchtigkeit  einlassend,  kaum  ir- 
gend welchen  Schutz  gegen  das  Wetter  gewährend,  sieht  mehr  wie  die 
Spitze  eines  Düngerhaufens  als  die  eines  Hauses  aus.  Dies  ist  das  Aeus- 
sere;  und  wenn  der  Tagelöhner  (bind)  Besitz  davon  ergreift,  so*  findet  er 
es  nicht  besser  als  einen  Schuppen.  Der  Regen  bildet  auf  dem  Fussboden 
tiefe  Pfützen»  Der  Boden  enthält  den  abgelagerten  ünrath  von  Jahren. 
Fensterrahmen  sind  nicht  vorhanden.  Da  ist  weder  Ofen  noch  Kessel, 
noch  Feuerrost,  noch  Gesims,  noch  irgend  ein  wandfester  Gegenstand; 
alle  diese  Dinge  muss  er  mit  sich  bringen  ausser  dem  gewöhnlichen  Haus- 
rath.  Man  denke  sich  die  Mühe,  die  Unbequemlichkeiten,  die  Ausgaben 
des  armen  Menschen,  bis  er  und  seine  Frau  dies  Gerippe  einer  Hütte  in 
einigermaassen  bewohnbaren  Stand  gebracht  haben.  Dieses  Jahr  sah 
ich  eine  Familie  —  Mann,  Frau,  zwei  Söhne,  vier  Töchter,  welche  in  der 
äussersten  Trostlosigkeit,  in  Verzweiflung  waren,  sich  eine  anständige  Lage 
zu  schaffen,  drei  oder  vier  Wochen,  nachdem  sie  einen  dieser  Schuppen 
betreten.  Vergebens  versuchten  sie,  die  Risse  zu  verstopfen,  die  Löcher 
In  dem  Fussboden  auszufüllen,  das  Haus   einigermaassen   wohnlich  zu 

Held,  Soe.  Oeseb.  Engl.  46 


722  Belegstellen. 

machen  und  Wind  und  Regen  abzusperren.  Was  werden  sie  nicht  im 
Winter  zu  ertragen  haben!  Kein  Feuer  wird  sie  erw&rmen;  der  kalte 
Wind  wird  durch  Dach  und  Fenster  und  ThQre  fegen  trotz  aller  Bemüh- 
ungen, denselben  abzuhalten.  Mit  einem  Wort,  die  Wohnungen  der  ar- 
beitenden Classen  in  dieser  Gegend  sind  erbärmlich.  Auch  fehlt  der 
Kuh-  und  Schweinestall;  kein  Brunnen,  keine  Pumpe,  nichts  ist  da  für 
Reinlichkeit  oder  Bequemlichkeit.  Die  Zimmer  sind  dunkel  und  unge- 
sund. Die  Fenster  gehen  nicht  auf  und  in  die  so  kleinen  R&ume  sind 
acht,  zehn  ja  zwölf  Personen  zusammengedrängt." 

Seite  98.    Schneider^)  Thomas  Brownlow  wird  gefragt: 

„Ihr  seid  Schneidergeselle  gewesen  und  jetzt  arbeitet  Ihr  für  EucL 
In  was  ftb:  Plätzen  habt  Ihr  gearbeitet  ?  —  Ich  habe  immer  in  den  gröss- 
ten  £tablissements  London's  gearbeitet  Acht  Jahre  habe  ich  bei  den 
Herren  Allen,  Old  Bond-street,  gearbeitet;  vier  Jahre  war  ich  bei  Stultze, 
Cliffortrstreet,  beschäftigt.  Bei  Allen  arbeiteten  damals  achtzig  bis  hun- 
dert Mann,  bei  Stultze  ungefähr  zweihundertfünfzig.  —  Wollt  Ihr  die  Ar- 
beitsstätten beschreiben  und  die  Wirkungen  derselben  auf  die  Gesundheit 
der  Arbeiter?  —  Der  Ort,  worin  wir  bei  den  Herren  Allen  zu  arbeiten 
pflegten,  war  ein  Zimmer,  worin  achtzig  Mann  beschäftigt  waren.  Das 
Zimmer  war  sechzehn  bis  achtzehn  Ellen  lang,  sieben  bis  acht  Ellen  breit 
und  von  oben  erleuchtet;  die  Leute  sassen  dicht  neben  einander,  beinahe 
Knie  an  Knie.  Im  Sommer  machten  die  Ausdünstung  der  Arbeiter  und 
die  Hitze  der  Bügeleisen  das  Zimmer  zwanzig  bis  dreissig  Grad  heisser 
als  die  Temperatur  drausscn.  Die  Hitze  war  dann  geradezu  erstickend, 
besonders  wenn  die  Lichter  angezündet  wurden.  Ich  habe  junge  Leute, 
Schneider  vom  Lande,  in  Ohnmacht  fallen  sehen,  wegen  der  enormen  Hitze 
und  Schwüle.  Der  Geruch,  durch  die  Hitze  der  Bügeleisen  und  die  ver- 
schiedenartigsten Ausdünstungen  der  Leute  hervorgebracht,  war  in  der 
That  unerträglich.  Obgleich  die  Arbeiter  so  entblösst  wie  nur  möglich 
sassen,  so  lief  docli  der  Schweiss  in  Strömen  an  ilinen  herab.  Sehr  oft 
kommt  es  vor,  dass  helle  Kleidungsstücke  durch  den  Schweiss  der  Hände 
vollständig  ruinirt  werden.  So  ist  in  einem  Sommer  Tuch  von  vierzig  bis 
fünfzig  Pfund  Sterling  Werth  unbrauchbar  geworden.  —  In  welchem  Zu- 
stande sind  diese  ^Vrbeitsstätten  im  Winter?  —  Sie  sind  noch  ungesunder 
im  Winter,  da  die  Hitze  der  Lichter  und  die  Schwüle  noch  grösser  ist. 
Kalte  Luft  furchten  die,  welche  in  der  Nähe  des  Zuges  sitzen.  Es  ist 
fortwährend  Streit  wegen  Fensteröffhens ,  da  diejenigen,  welche  nahe  an 
den  Fenstern  sitzen  und  daher  die  Hitze  nicht  so  sehr  filhlen,  wie  die 
Leute  an  den  Oefen,  sicli  immer  gegen  das  Oeffnen  der  Fenster  sträuben. 


M  Auf  das  Folgende  bezieht  sich  die  Anmerkmig  6  auf  Seite  681 
des  vorliegenden  Werkes  (woselbst  L.  statt  K.  zu  lesen  ist). 


L.  (Gesundheit  der  arbeitenden  Bevölkerung.  723 

Da  dieAeltesten  an  die  Hitze  gewöhnt  waren  und  deshalb  die  Kälte  nicht 
wünschten,  so  wurde  zu  deren  Gunsten  der  jedesmalige  Streit  entschieden, 
die  Fenster  blieben  geschlossen.  Derartig  war  die  Hitze,  dass  in  den 
allerkältesten  Nächten  grosse  dicke  Talgkerzen  geschmolzen  und  umge- 
fallen sind. 

Was  war  die  Wirkung  der  Arbeitsstätten  auf  die  Gewohnheiten  der 
Arbeiter? 

Sie  wirkten  erschlaffend  auf  die  Kräfte.  Viele  konnten  ihre  Stunden 
nicht  aushalten  und  gingen  früher  weg.  Di^enigen,  welche  an  diese  Plätze 
nicht  gewohnt  waren,  verloren  den  Appetit.  Die  natürliche  Folge  war, 
dass  wir  unsere  Zuflucht  zum  Trinken  als  Reizmittel  nahmen.  Um  sechs 
Uhr  des  Morgens  gingen  wir  in  die  Werkstatt;  aber  um  sieben  Uhr  wurde 
zum  Frühstück  jedem  ein  halb  Quart  „Gin"  gebracht  Die  Jüngeren  be- 
gannen auch  mit  Gin. 

Wurde  Gin  genossen,  ehe  man  irgend  eine  feste  Nahrung  zu  sich 
genommen  hatte? 

Ja,  und  das  Frühstück  war  sehr  ärmlich;  diejenigen,  die  Gin  tran- 
ken, nahmen  gewöhnlich  ein  halbes  Pint  Thee  und  ein  halbes  Zweipenny- 
Brod  als  Frühstück. 

Wann  wurde  wieder  Schnaps  hereingebracht? 

Um  elf  Uhr. 

Was  wurde  dann  genossen? 

Einige  tranken  Bier,  Andere  wieder  Gin.  Im  Allgemeinen  trank 
man  ein  Pint  Porter  um  elf  Uhr.  Selten  trank  man  mehr  als  ein  halb 
Quart  Gin. 

Wann  wurden  wieder  geistige  Getränke  hereingebracht?  — 

Um  drei  Uhr.  Einige  tranken  Bier,  Andere  Gin,  gerade  so  wie  des 
Morgens.  Um  fünf  Uhr  kam  abermals  Bier  und  Gin.  Um  sieben  Uhr 
wurde  die  Werkstatt  geschlossen. 

Trank  man  nach  der  Tagesarbeit? 

Ja,  beinahe  alle  jungen  Leute  gingen  in  die  Wirthshäuser  und  einige 
von  den  älteren. 

Welchen  Lohn  empfingen  die  Arbeiter? 

Sechs  Pence  die  Stunde,  was  nach  voller  Arbeit  sechs  Schillinge 
den  Tag  und  sechunddreissig  Schillinge  die  Woche  ausmachte. 

Machten  sie  irgend  welche  Ersparnisse? 

Nein,  sehr  wenige  hatten  irgend  etwas  für  sich  selbst  am  Ende  der 
Woche. 

Trug  der  Ort  des  Arbeitens  viel  zu  dem  Trinken  bei? 

Er  war  die  Hauptschuld  am  Trinken;  denn  wenn  die  Leute  in  küh- 
leren und  weniger  schwülen  Orten  arbeiten,  dann  wird  kaum  etwas  ge- 
trunken. So  wurden  auf  dem  Lande,  wo  höchstens  drei  in  einem  Räume 
arbeiten,  geistige  Getränke  sehr  wenig  consumirt,  während  die  Arbeiter  in 

46* 


724  Belegstellen. 

grossen  Städten  zum  starken  Trinken  gezwungen  sind.  Je  schlechter  die 
Ventilation  des  Arbeitsortes  ist,  desto  schlechter  sind  auch  die  Gewohn- 
heiten der  arbeitenden  Classen. 

Waren  die  Zustände  allgemein  so  wie  in  dem  einen  von  Urnen  be- 
schriebenen Geschäft  und  ist  darin  keine  Aenderung  eingetreten? 

Nein.  Nur  seitdem  Kaffee  billiger  geworden  ist,  ist  etwas  mehr 
Kaffee  als  Bier  genossen  worden,  aber  Gin  wurde  eben  so  viel,  wenn  nicht 
mehr  als  früher,  vertilgt 

Was  würde  die  Folge  einer  besseren  Ventilation  der  Arbeitsräome 
sein? 

Die  Gewohnheiten  würden  sich  sofort  bessern,  die  Leute  würden 
ganz  entschieden  sich  weniger  dem  Trünke  ergeben. 

Welches  ist  die  gewöhnliche  Wirkung  dieses  Standes  der  Dinge  auf 
die  Gesundheit  der  Arbeiter? 

Eine  grosse  Zahl  derselben  stirbt  an  Auszehrung.  Ein  frühes  Hin- 
siechen ist  das  allgemeine  Leiden,  so  dass  ein  Mann  von  fünfrig  Jah- 
ren abgenutzt  und  nicht  mehr  im  Stande  ist,  volle  Tagesarbeit  zu  ver- 
richten. — 

Welches  war  das  Durchschnittsalter  der  Leute,  die  mit  Euch  in  be- 
sagten Plätzen  gearbeitet  haben? 

Ungefähr  zweiunddrcissig. 

Waren  viele  von  fünfzig  Jahren  unter  den  Arbeitern? 

Sehr  wenige;  vielleicht  zehn  von  hundert 

Was  wird,  da  sie  keine  Ersparnisse  gemacht  haben,  aus  ihren  Kin- 
dern und  Frauen,  wenn  sie  sterben? 

In  keiner  Weise  ist  für  sie  gesorgt;  wenn  sie  nicht  für  sich  selbst 
sorgen  können,  so  müssen  sie  dem  Kirchspiel  zur  Last  fallen. 

Sind  Gin  und  Bier  die  einzigen  Reizmittel,  welche  in  Folge  des 
Mangels  jeder  Ventilation  und  des  überfüllten  Arbeitsraumes  angewandt 
werden?  - 

Nein,  Schnupftabak  vnrd  sehr  häufig  gebraucht,  da  die  Leute  glau- 
ben, dass  derselbe  sehr  wohlthuend  auf  die  Augen  wirke.  Wenn  man  aus 
der  frischen  Luft  in  solche  Werkstätten  eintritt,  ist  das  erste  Gefühl  das 
Einen  übermannt  Schläfrigkeit  dann  eine  Art  Jucken  an  den  Augen  und 
eine  Trübung  des  Sehens.  Viele  Leute  mit  den  schärfsten  Augen  pflegen 
bald  über  diese  Schwäche  und  Trübung  zu  klagen;  die  Augen  Aller  sind 
angegriffen.  Rauchen  in  der  Werkstätte  ist  nicht  gestattet,  obgleich  es 
oft  versucht  wird,  und  die  Schneidergesellen  der  grossen  Geschäfte  sind 
gewöhnlich  grosse  Raucher  in  dem  Wirthshaus." 

Seite  109:  Dr.  Mitchell" giebt  folgende  Beschreibung  der  Schlafräume 
der  arbeitenden  Bevölkerung  in  Durham  und  Northumberland: 

„Viele  der  Bergleute,  incl.  junge  Personen  und  Knaben,  pflegen  drei 


L.   Gesundheit  der  arbeitenden  Bevölkerung.  725 

Meilen  und  mehr  von  ihren  Häusern  des  Morgens  zu  gehen,  um  in  den 
Gruben  zu  arbeiten  oder  das  Erz  zu  waschen.  Spät  Abends  kehren  sie  zu 
ihren  Wohnungen  zurück.  Solche  Bergleute,  die  zu  weit  wohnen,  um 
diesen  Weg  zu  machen,  finden  Wohnungen  für  vier  Nächte  in  der  Woche 
und  die  Erzreiniger  für  fünf  Nächte  nicht  weit  von  den  Bergwerken.  Jeder 
zahlt  gewöhnlich  sechs  pence  die  Woche.  Dafür  erhalten  je  zwei  ein 
Bett  und  die  Erlaubniss,  ihre  Hafermehlsuppe  des  Morgens  an  dem  Feuer 
zu  kochen.  Des  Abends  werden  Kartoffeln  für  sie  gekocht  Sie  bringen 
die  nöthigen  Nahrungsmittel  in  einem  Quersack  Montag  Morgens  mit  Die 
Bergleute  gehen  Freitags  zurück,  die  Erzwascher  Samstags.  Aber  es  giebt 
viele  Bergwerke,  ganz  abgelegen  in  den  „Fells",  weit  weg  von  allen  Woh- 
nungen. In  solchen  Gegenden  haben  die  Besitzer  der  Bergwerke  soge-g 
nannte  Wohnschuppen  („lodging  shops*')  errichtet,  die  nun  beschrieben 
werden  sollen. 

Das  erste  dieser  Logirhäuser,  das  ich  besuchte,  war  ungef^^  neun 
Meilen  jenseits  eines  felsigen  Hügels  südlich  von  Stanhope.  Es  war  ein 
einfaches  Gebäude  aus  Sandstein,  mit  Schiefer  bedeckt,  sehr  massiv.  Nir- 
gends war  ein  Fenster  oder  Thür  oder  Oeffiiung  mit  Ausnahme  an  der 
Frontseite,  wo  sich  eine  Thür  und  zwei  übereinander  angebrachte  Fen- 
ster befanden.  In  dem  unteren  Theile  des  Hauses  war  ein  Zimmer,  das 
durch  eines  der  Fenster  erleuchtet  und  durch  ein  grosses  Feuer  erwärmt 
wurde.  Die  Länge  des  2iimmers  betrug  ungefähr  achtzehn  Fuss,  die  Breite 
ungefähr  fün&ehn.  Der  längeren  Seite  entlang  lief  ein  ebenso  langer  Tisch, 
begleitet  von  einer  Bank.  Noch  zwei  andere  Bänke  waren  in  dem  Zim- 
mer. Entlang  der  anderen  Seite  der  Wand  waren  kleine  Speiseschränke, 
achtundvierzig  an  der  Zahl,  in  vier  Reihen  über  einander.  Sechs  der 
Speiseschränke  waren  offen,  aber  die  meisten  der  anderen  sorgfältig  ver- 
schlossen, da  in  demselben  die  Quersäcke  mit  ihren  Vorräthen  auf  fünf 
Tage  aufbewahrt  waren.  Im  ganzen  Zimmer  waren  an  Nägeln  Hosen  und 
Röcke  aufgehängt,  um  dieselben  anzuziehen,  wenn  die  Arbeiter  nass  von 
ihrem  Tagewerk  zurückkehrten.  Ausser  diesen  Gegenständen  befeuiden 
sich  in  dem  Zimmer:  ein  irdener  Wasserkrug,  ein  Theekessel,  ein  Topf, 
um  Kartoffeln  zu  kochen;  zwei  Pfannen,  um  Speck  zu  braten;  ein  Feuer- 
rost, ein  Schürhaken,  eine  Schaufel,  ein  Besen. 

Das  obere  Zimmer,  zu  dem  man  mit  Hülfe  einer  Leiter  gelangte,  war 
das  Schlafzimmer.  Hier  war  kein  Ofen,  der  auch  in  der  That  nicht  nö- 
thig  war,  aber  auch  für  keine  Circulation  der  Luft  war  gesorgt.  Entlang 
der  einen  Seite  des  Zimmers  waren  drei  Betten,  jedes  sechs  Fuss  lang  und 
vier  bis  vier  einhalb  Fuss  breit  Die  drei  Betten  füllten  die  Länge  des 
Zimmers  aus.  Auf  der  anderen  Seite  befanden  sich  ebenfalls  drei  Betten, 
ein  siebentes  Bett  stand  zwischen  diesen  zwei  Bettreihen.  Gerade  über 
diesen  sieben  Betten  standen  auf  Pfosten  sieben  andere  Betten  in  dersel- 
ben Ordnung.  Natürlich  konnten  die  in  den  oberen  Betten  Schlafenden 
ihren  Kopf  nur  ein  klein  wenig  in  die  Höhe   heben  wegen  des  Daches. 


726  Belegstellen. 

Jedes  dieser  vierzehn  Betten  war  für  zwei  Personen  bestimmt,  wenn  wenige 
Leute  in  den  Bergwerken  arbeiteten,  aber  meistens  mussten  drei  sich  mit 
einem  Bett  begnügen,  und  im  Nothfall  lag  ein  Knabe  quer  Ober  den 
Füssen.  Obgleich  also  durchschnittlich  vierzig  Personen  in  diesem  Räume 
schliefen,  war  dennoch  keine  Oefinung  angebracht,  um  die  schlechte  Luft 
hinaus  zu  lassen.  Die  Betten  waren  mit  Häcksel  geftlllt  Sie  hatten 
Bettdecken,  aber  keine  Betttücher.  Die  Möbel  der  Logirhäuser  werden  von 
den  Besitzern  besorgt,  die  Betten  und  die  Bettdecken  von  den  Bergleuten 
selbst.  Manchmal  werden  sie  zu  Hause  gewaschen.  Freitags,  wenn  die 
Arbeiter  nach  Hause  gehen,  werden  die  Betten  aufgerollt,  um  Feuchtig- 
keit zu  verhindern.  Ich  besuchte  diese  Schlafräume  Montag  Morgen.  Ob- 
gleich Freitag,  Samstag,  Sonntag  Nacht  nicht  darin  geschlafen  worden 
war,  so  war  doch  der  Geruch  äusserst  lästig.  Nur  das  eine  Gute  hatten 
diese  Räume  —  einen  gehörigen  Vorrath  von  Wasser,  das  von  einem  be- 
nachbarten Hügel  dahin  geleitet  war. 

Ich  ging  dann  in  einen  anderen  grösseren  Wohnschuppen.  Auf  ebener 
Erde  waren  fünf  Zimmer.  Das  erste  ist  die  Werkstätte  eines  Schmiedes. 
Nebenan  war  das  Koch-  und  Esszimmer  der  Erzwäscher,  üeber  der 
Schmiede  und  dem  Kochzimmer  befand  sich  das  Schlafzimmer  der  Wäscher, 
Männer  und  Knaben.  Das  nächste  Zimmer  auf  ebener  Erde  die  Küche 
und  das  Esszimmer  der  Bergleute,  daneben  ein  Zimmer,  zum  Aufhängen 
ihrer  nassen  Kleider  bestimmt  Am  Ende  ist  ein  Stall  für  Pferde,  die  ge- 
braucht werden,  um  die  Wagen  mit  Erz  zu  ziehen.  Mittelst  einer  Leiter 
steigt  man  in  ein  Schlafzimmer,  das  nur  durch  eine  kleine  Röhre  von  un- 
gefähr zwei  Zoll  Durchmesser  mit  der  äusseren  Luft  in  Verbindung  stand. 
Eine  Oeffhung  führt  in  ein  anderes,  über  dem  Zimmer  zum  Trocknen  der 
lOeider  und  dem  Stalle  gelegenes  Schlafzimmer.  Im  Ganzen  waren  seclis- 
undzwanzig  Betten  vorhanden,  jedefl  für  zwei  oder  drei  Leute  bestimmt 
und  vielleicht  für  noch  mehr.  Obgleich  die  Betten  während  der  drei 
letzten  Nächte  nicht  besetzt  waren,  so  war  der  Geruch  doch  vollständig 
unerträglich.  Ich  für  meinen  Thcil  kann  nicht  anders  als  glauben,  dass 
diese  Schlafräurae  schädlicher  sind  als  die  Luft  in  den  Gruben,  Ich  sollte 
denken,  es  ist  keine  allznharte  Arbeit,  vierundzwanzig  Standen  in  emem 
Bergwerk  zuzubringen,  aber  ich  würde  erschrecken,  auch  nur  eine  Viertel- 
stunde im  Schlafzimmer  eines  Wohnschuppens  eingeschlossen  zu  werden. 
Viele  Bergleute  sprechen  von  dem  Schrecken  der  Logirhäuser  früherer 
Zeit;  aber  der  einzige  Unterschied,  den  ich  finden  konnte,  war,  dass  in 
vielen  Bergwerken  jetzt  nicht  so  viele  Männer  und  Knaben  arbeiten,  wess- 
halb  die  Logirhäuser  jetzt  weniger  angefüllt  sind.  Einige  Bergwerke 
stehen  heut  zu  Tage  still,  die  früher  grosse  Logirhäuser  hatten;  z.  B. 
Mannergill,  wovon  ein  Bergmann  mir  sagte ,  dass  er  einer  der  hundert- 
undzwanzig war,  die  darin  wohnten.  Bei  einer  solchen  üeberfüllung  von 
Menschen  musste  natürlich  ein  Kranker  eine  Plage  für  alle  andern  sein. 
Der  Husten  einiger  störte  den  Schlaf  der  anderen.    Die  Arbeiter,  die  um 


L.    Gesundheit  der  arbeitenden  Bevölkerung.  727 

zwölf  Uhr  in  der  Nacht  von  der  Grube  kamen  und  ihren  Speck  an  dem 
Feuer  brieten,  vermehrten  dadurch  den  schon  erstickenden  Geruch  in  dem 
Schlafzimmer.  Das  Wasser  war  das  einzige  Getr&nk,  das  die  Leute  hatten ; 
denn  sie  erzählten,  dass  kein  Bierhaus  in  der  Runde  von  sieben  Meilen 
da  sei  und  wenn  auch  eins  vorhanden  wäre,  so  durften  sie  es,  aus  Furcht 
entlassen  zu  werden,  nicht  besuchen.  Die  Leute  sagten  alle  aus,  dass 
ihr  Schlafiraum  ein  gutes  Beispiel  von  allen  Schlafr&umen  des  Landes  sei; 
der  einzige  Unterschied  sei  nur  die  grössere  oder  geringere  Anzahl  von 
dort  Schlafenden,  je  nach  dem  Betrieb  der  Bergwerke. 

Seite  120.  Mr.  Riddall  Wood,  von  der  Manchester  Statistical  So- 
ciety, beschreibt  einige  der  Schulen  für  die  Stadtbevölkerung  von  Man- 
chester, Liverpool,  Leeds,  Hüll  und  York: 

„In  einer  Schule,  worin  der  Durchschnittsbesuch  die  Zahl  sechsund- 
dreissig  überstieg,  fand  ich  nur  acht  SchCder  anwesend.  Als  ich  nach  dem 
Grunde  fragte,  erklärte  mir  die  Lehrerin,  dass  der  Rest  ihrer  Schüler  die 
Masern  hätte.  Ich  bemerkte  ein  Bett  in  dem  Schulzimmer,  worin  ein  von 
dieser  Krankheit  sehr  entstelltes  Kind  lag.  Ein  anderes  Kind  war  an  den 
Masern  gestorben.  In  einer  anderen  Schule  in  Liverpool  mit  mehr  als 
vierzig  Schülern  im  Durchschnitt  fand  ich  nur  zehn.  Als  ich  näher  auf 
den  Grund  einging,  erfuhr  ich,  dass  das  Scharlachfieber  ausgebrochen  sei. 
Der  Lehrer  bemerkte:  „Es  ist  äusserst  seltsam,  wie  dieses  Fieber  nur 
meine  Schule  besuchende  Kinder  ergriffen  hat,  während  meine  Nachbarn 
davon  verschont  geblieben  sind.*'  Ich  gab  als  Grund  die  UeberfÜUung  der 
Schule  an.  Das  Zimmer  war  niedrig.  Wenn  alle  Schüler  in  demselben 
sitzen,  so  muss  es  ganz  furchtbar  überfüllt  sein.  Keine  Ventilation  war 
vorhanden.  Ich  fand,  dass  in  vielen  Schulen  zwanzig  bis  hundert  Schüler 
in  einem  schmutzigen  Hause  oder  Keller  gedrängt  sassen  ohne  Luft  oder 
Ventilation.  Die  Ausdünstung  durch  Athmen  und  Kleider  war  ausser- 
ordentlich gefährlich  und  mu38  der  Gesundheit  der  Kinder  sehr  nachthei- 
lig gewesen  sein." 

Seite  124.  Mr.  Riddall  Wood  wurde  über  die  Wirkungen  über- 
füllter  Wohnungen  auf  die  moralischen  Gewohnheiten  in  den  verschieden- 
sten Städten  examinirt: 

„In  welchen  Städten  fanden  Sie  die  grösste  UeberfÜUung  von  Woh- 
nungen? 

In  Manchester,  Liverpool,  Ashton-under-Lyne,  Pendieton.  In  einem 
Keller  in  Pendieton  waren  drei  Betten  in  den  zwei  Zimmern,  aus  denen 
die  Wohnung  bestand.  Keine  Thür  trennte  die  beiden  Zimmer.  In  dem 
einen  Bett  schlief  der  Mann  und  seine  Frau;  in  dem  zweiten  ein  Mann, 
seine  Frau  und  sein  Kind;  in  dem  dritten  schliefen  zwei  unverheirathete 
Frauenzimmer.  In  Hüll  habe  ich  ähnliche  Fälle  angetroffen.  Eine  Mutter 
von  fünfrig  Jahren  schlief  mit  ihrem  Sohne  von  fünfundzwanzig  in  einem 


728  Belegstellen. 

Bett;  in  demselben  Zimmer  schlief  noch  ein  Miether.  Ich  habe  mich 
zwei-,  dreimal  überzeugt,  dass  in  HuU  eine  Matter  mit  ihrem  erwachsenen 
^ohne  in  einem  Bett  schlief  und  dass  meistens  noch  andere  Personen  in 
demselben  Zimmer  in  einem  andern  Bette  schliefen.  In  einem  Keller  in 
Liverpool  fand  ich  eine  Mutter  und  ihre  erwachsenen  Töchter  anf  einem 
Bette  von  Spreu  auf  dem  Boden  in  einer  Ecke  schlafen,  und  in  einer  an- 
dern Ecke  hatten  drei  Schifiisleute  ihr  Bett.  Ich  habe  mehr  als  vierzig 
Personen  in  demselben  Zimmer  schlafen  gefunden,  verheirathete  und  ledige, 
incl.  natürlich  Kinder  und  mehrere  junge  erwachsene  Personen  beiderlei 
Geschlechts.  In  Manchester  fand  ich  sehr  häufig  ein  solches  Zusammen- 
schlafen.  Ich  will  einen  Fall  erwähnen :  ein  Mann,  seine  Frau,  sein  Kind 
schliefen  in  einem  Bett,  in  einem  andern  zwei  erwachsene  Frauenzimmer 
und  in  demselben  Zimmer  zwei  junge  unverheirathete  Leute.  Ich  habe 
sogar  einen  Mann  mit  seiner  Frau  und  der  Schwester  seiner  Frau  in  dem- 
selben Bett  schlafen  gefunden.  Ich  habe  mindestens  sechs  solcher  Fälle 
in  Manchester  kennen  gelernt,  in  welchen  immer  die  unverheirathete 
Schwester  erwachsen  war. 

Wie  viele  Fälle  haben  Sie  im  Ganzen  vorgefunden,  in  welchen  Per* 
-sonen  verschiedenen  Geschlechts  zusammen  schliefen? 

üeber  hundert,  incl.  natürlich  die  Fälle,  in  denen  Personen  ver- 
schiedenen Geschlechts  in  demselben  Zimmer  schliefen.  — 

War  es  so  allgemein,  dass  es  nicht  als  etwas  Aussergewöhnliches 
oder  Unrechtes  erschien? 

Man  schien  nichts  Besonderes  dabei  zu  finden.  Als  Beweis  will  ich 
folgenden  Fall  erzählen:  In  Pendieton  besuchte  ich  die  Wohnung  einer 
Frau,  deren  Söhne  mit  ihr  in  einer  Kohlengrube  arbeiteten.  Es  war 
Nachmittag,  als  ein  junger  Mann,  einer  der  Söhne,  in  seinem  Hemd  her- 
unterkam und  sich  vor  das  Feuer  stellte,  wo  ein  sehr  anständig  gekleidetes 
Frauenzimmer  sass.  Der  Sohn  bat  seine  Mutter  um  ein  reines  Hemd  und 
nachdem  er  es  erhalten,  zog  er  ruhig  sein  schmutziges  Hemd  aus,  wärmte 
das  frische  und  zog  es  au.  In  einer  anderen  Wohnung  in  Pendieton  sass 
ein  junges  Mädchen  von  achtzehn  Jahren  in  ihrem  Hemd  am  Feuer  wäh- 
rend der  ganzen  Zeit  meines  Besuches.  Beide  Häuser  gehörten  Häuern 
(Colliers)  von  durchaus  keinem  schlechten  Rufe. 

Waren  Sie  in  der  Lage,  Demoralisation  in  Folge  dieser  Umstände 
zu  bemerken? 

Ich  habe  Beispiele  kennen  gelernt,  in  welchen  Personen  ihre  Ver- 
dorbenheit diesen  Zuständen  selbst  zuschrieben.  So  z.  B.  fand  ich  in 
Hüll  eine  Hure  in  einem  Zimmer,  mit  der  ich  mich  über  ihr  Leben  unter- 
hielt. Ich  frug  sie,  ob  sie  niclit  als  ehiliches  Dienstmädchen  in  einer 
besseren  Lage  sein  würde,  anstatt  in  Laster  und  Elend  zu  leben.  Sie 
stimmte  mir  bei  und  als  ich  nach  dem  Grunde  frug,  der  sie  in  ihre  gegen- 
wärtige Lage  gebracht,  erwiederte  sie,  sie  habe  mit  einer  verheiratheten 
Schwester  gewohnt  und  in  demselben  Bett  mit  ihrer  Schwester  und  deren 


L.  Gesondheit  der  arbeitenden  Bevölkerung.  729 

Manne  geschlafen;  daher  sei  verbotener  geschlechtlicher  Umgang  gekom- 
men, sie  sei  non  aUmälig  verdorbener  und  verdorbener  geworden;  end- 
lich sei  sie,  nachdem  sie  ihren  guten  Charakter  verloren,  zur  Stadt  ge- 
kommen und  habe  als  einzige  Em&hrungsquelle  Hurerei  getrieben.  Ein 
anderes  Frauenzimmer  gab  zu,  dass  ihr  erster  Fehltritt  in  Folge  Schla- 
fens mit  einem  Ehepaar  in  demselben  Zimmer  begangen  worden  sei  So 
glaube  ich,  dass  die  beiden  ledigen  Frauen,  die,  wie  bemerkt,  mit  den 
verheiratheten  Leuten  in  demselben  Zimmer  schliefen,  von  den  M&nnem 
gebraucht  wurden.  Ebenso  erfuhr  ich,  dass  die  zwei  Töchter  und  die 
Mutter  mit  den  Schiffsleuten,  die  in  demselben  Räume  schliefen,  geschlecht- 
lichen Umgang  hatten.^* 

Seite  131.  Die  arbeitenden  Classen  in  diesen  Districten  Schott- 
lands lebten  ebenfalls  so  dicht  gedrängt  mit  ganz  und  gar  heruntergekom- 
menen Subjecten,  dass  ihnen  alle  gesellschaftlichen  Sitten  abhanden  ge- 
men  waren.  — 

Auf  die  Frage:  wann  haben  Sie  sich  zuletzt  gewaschen,  antwortete 
Einer:  als  ich  das  letzte  Mal  im  Gefängniss  war.  Auf  meine  Frage  an 
einige  Kinder  in  einem  der  von  ihnen  angefüllten  Zimmer  in  den  engen 
Gassen  Glasgow's,  welches  ihr  Name  sei,  wussten  sie  keine  Antwort  Einer 
der  Insassen  nannte  Spitznamen.  „Die  Sache  ist^,  bemerkt  Captain 
Miller,  Polizeisuperintendant,  „dass  sie  keine  Namen  haben.  In  diesen 
Gebäuden  bin  ich  sicher,  tausend  Kinder  zu  finden,  die  keinen  Namen 
haben,  höchstens  Spitznamen  wie  die  Hunde.*'  Unter  den  Insassen  wur- 
den Arbeiter  gefunden,  die  zweifellos  genug  verdienten,  um  bequeme  Woh- 
nungen zu  bezahlen,  intelligente  Männer  und  Frauen  mit  Schulbildung,  die 
zu  bessern  Gewohnheiten  hätte  führen  sollen.  Meine  eigenen  Beobach- 
tungen sind  bestätigt  worden  durch  die  Aussage  von  Herrn  Alison 
(Glasgow),  dass  in  den  grossen  Manufacturstädten  Schottlands  die  Erzieh- 
ung vollkommen  über  den  Haufen  geworfen  wird  durch  das  übermässige 
Trinken  von  Whiskey  und  durch  die  gehäufte  Bevölkerung.  Man  wird 
finden,  dass  die  Geistlichen  Aehnliches  über  die  Landdistricte  berichten 
werden.  Meine  Ansicht  ist,  dass  der  Gebrauch  des  Whiskey  und  das 
Zugrundegehen  der  Bildung  und  der  guten  Sitten  bei  den  schottischen 
Arbeitern  in  einem  bedeutendem  Maasse  den  umgebenden  physischen  Um- 
ständen incl.  den  Wirkungen  der  schlechten  Ventilation  zuzuschreiben 
sind.  Die  Arbeiter,  von  denen  ich  spreche,  waren  fast  alle  Schotten.  Ge- 
wöhnlich wird  das  äusserste  Elend  und  das  grösste  Laster  nur  dem  ir- 
ländischen Theil  der  Städtebevölkerung  Schottlands  zugeschrieben.  Eine 
kleine  locale  Untersuchung  wird  den  Irrthum  berichtigen.  'Mr,  Baird  sagt 
in  seinem  Bericht  über  den  Gesundheitszustand  der  Armen  in  Glasgow, 
dass  den  armen  Irländem  zu  lange  ein  schlechter  Name  angehaftet  hat 
Dr.  Cowan  (Glasgow)  behauptet,  dass  bei  ihnen  viel  weniger  von  dem 
schmutzigen  Elend  und  dem  Hang  zu  geistigen  Getränken  wahrzunehmen 


730  Belegstellen. 

sei,  als  bei  den  Schotten.  Ja  Beispiele  wurden  uns  angeführt,  wo  den 
Irländem  wegen  ihrer  Festigkeit  und  Grelehrigkeit  der  Vorzug  gegeben 
wurde;  und  Mr.  Stuart,  der  Fabrikinspector  Schottlands,  behauptet,  dass 
es  jetzt  sehr  oft  yorkommt,  dass  die  irländischen  Arbeiter  in  den  Flachs- 
manufocturen  w^en  ihrer  regelmässigen  Grewohnheiten  vorgezogen  wer- 
den und  dass  bedeutsame  Winke  von  Besitzern  ausgedehnter  Fabriken  ge- 
geben worden  sind,  dass  irländische  Arbeiter  beschäftigt  werden  sollen, 
wenn  nicht  die  Eingeborenen  die  Gewohnheiten  ihrer  Unmässigkeit  auf- 
geben. Dr.  Alison  hat  in  seinem  Bericht  über  Tranent  die  hohen  Lohn 
empfangende,  aber  unter  ähnlichen  Einflüssen  lebende  Bevölkerung  als  zu 
leidenschaftlicher  Erregung  geneigt  und  als  geeignetes  Werkzeug  für  poli- 
tisch Unzufriedene  geschildert;  sie  ist  ausgezeichnet  durch  eine  Wil^dt, 
die  sie  zu  Unrecht  und  Gewaltthätigkeit  bereit  macht,  ihre  Geselligkeit  ver- 
nichtet und  sie  in  Wesen  verwandelt,  die  wenig  über  wilden  Thieren  stehen. 

Seite  135.  Sir  Charles  Shaw,  ein  höherer  Polizeibeamter  in  fiian- 
chester : 

„Vor  einer  Woche  schickte  ich  einen  Inspector  in  ein  Logirhaus, 
dasselbe  zu  untersuchen.  Er  kam  zurück  und  constatirte,  dass  er  nie 
einen  ähnlichen  Anblick  gehabt  Er  fand  in  einem  Zimmer  ohne  jedwede 
Art  von  Möbel  drei  Männer  und  zwei  Frauen  auf  dem  nackten  Boden  lie- 
gen ohne  Stroh.  Ziegelsteine  dienten  als  Kopfkissen.  Ich  hatte  die  Ver- 
muthung,  dass  sie  betrunken  wären.  „Ja^,  sagte  der  Inspector,,,  sie  waren 
betrunken.^  Den  Hausbesitzer  fand  ich  in  einem  erträglichen  Bett,  und  in 
einem  anderen  Zimmer  Bündel  guten  frischen  Strohs.  Ich  tadelte  den 
Mann,  weil  er  seinen  Miethem  kein  Stroh  gäbe.  Er  antwortete:  „Ich  be- 
halte dies  Stroh  für  solche  Leute,  die  es  lieber  kaufen,  als  Gin.  Die  Leute 
von  oben  sind  für  Gin.**  Ich  finde,  dass  es  hier  allgemein  üblich  ist, 
für  die  Besitzer  von  Logirhäusern,  Stroh  zum  Verkauf  feil  zu  halten.^ 

Seite  142.    Mr.  Wood  (Dundee)  berichtet: 

„Es  giebt  viele  Familien  unter  den  arbeitenden  Classen,  die  funfieehn 
bis  zweiundzwanzig  Schillinge  die  Woche  erhalten,  die  ungenügend  geklei- 
det, unregelmilssig  und  ärmlich  ernährt  sind,  die  schmutzig  und  deren 
Wohnungen  unbequem  und  unordentlich  erscheinen.  Es  giebt  unter  ihnen 
andere  Familien,  mit  derselben  Gliederzahl,  deren  Einkommen  zehn  bis 
vierzehn  Schilling  die  Woche  ist,  die  nett,  reinlich  und  genügend  geklei- 
det, regelmässig  und  angemessen  genährt  sind,  und  deren  Häuser  ordent- 
lich und  bequem  eingerichtet  aussehen.  Die  erste  Classe  sorgt  wenig 
für  die  körperliche  und  noch  weit  weniger  für  die  geistige,  moralische  und 
religiöse  Erziehung  ihrer  Kinder;  in  vielen  Fällen  vernachlässigen  sie  die 
Erziehung  ihrer  Kinder  sogar,  wenn  sie  ihnen  umsonst  angeboten  wird, 
und  anstatt  sie  zur  Schule  zu  schicken,  wo  sie  für  die  Pflichten  und  Wider- 
wärtigkeiten des  Lebens  erzogen  werden  würden,  senden  sie  sie  in  allzu- 


L.  Gesundheit  der  arbeitenden  Bevölkerung.  731 

frühem  Alter  zu  irgend  einem  Arbeitgeber,  um  wöchentlich  ein  bis  zwei 
Schilling  zu  verdienen.  Der  zweiten  Classe  ist  es  eine  Hauptsorge,  ihren 
Kindern  eine  gute  Erziehung  zu  geben;  alle  möglichen  Mittel  werden  auf- 
geboten, eine  solche  zu  erlangen.  Sie  bezahlen  dafür  höchst  bereitwil- 
lig. Die  erste  Classe  ist  begierig  auf  jeden  Vortheil,  den  die  Wohlthätig- 
keitsanstalten  des  Ortes  den  Armen  bereitet  haben.  Wenn  z.  B.  ärzt- 
liche Behandlung  ihnen  umsonst  angeboten  wird,  so  weisen  sie  dieselbe 
nicht  selten  zurück,  wenn  ihnen  nicht  auch  die  Medicamente  umsonst  ge- 
geben werden.  Die  andere  Classe  von  Familien  ist  nicht  nur  bereit,  die 
Medicamente  zu  bezahlen,  sie  ist  aufrichtig  dankbar,  ja  sie  reicht  oft  ihren 
Aerzten  eine  kleine  Geldsumme.  Unter  der  ersten  Classe  finden  sich  all- 
gemein ansteckende  Fieberkrankheiten.  Fieber  kommt  auch  unter  der  zwei- 
ten massigeren  und  besser  situirten  Classe  vor,  aber  selten  mit  jenem  bös- 
artigen ansteckenden  Charakter.  Hier  haben  wir  also  auf  der  einen  Seite 
Schmutz,  Noth  und  Krankheit  bei  hohem  Lohn;  auf  der  anderen  Rein- 
lichkeit, Bequemlichkeit,  verhältnissmässig  gute  Gesundheit  bei  viel  gerin- 
gerem Lohn.  Der  Unterschied  im  Lohn  macht  nicht  den  Unterschied  in 
der  Lebensrichtung  der  arbeitenden  Classen.  Einkommen  allein,  von  einem 
gewissem  Betrag,  etwa  zwölf  bis  vierzehn  Schillinge  wöchentlich  ab,  ohne 
Intelligenz  und  gute  Gewohnheiten  trägt  nichts  zur  Bequemlichkeit,  Ge- 
sundheit und  Unabhängigkeit  der  arbeitenden  Bevölkerung  bei.  Wenn  ich 
um  einen  Rath  gefragt  würde,  wie  einer  solchen  Familie  geholfen  werden 
könnte,  so  würde  ich  sagen:  Man  zeige  ihr,  wie  man  bequem  mit  seinem 
Einkommen  lebt;  man  erziehe  sie  zu  Fleiss,  Massigkeit,  Nüchternheit,  Rein- 
lichkeit etc.  und  mit  diesen  zwölf  oder  vierzehn  Schilling  kann  sie  in  Ge- 
sundheit und  Glück  leben,  wie  Andere  in  ähnlichen  Verhältnissen  gelebt 
haben  und  noch  leben.  Der  Mann,  der  sich  und  seine  Familie  mit  zwölf 
bis  vierzehn  Schilling  wöchentlicher  Einnahme  anständig  ernährt,  geniesst 
Glück  zu  Hause  und  giebt  ein  edles  Beispiel  ehrlicher  Selbständigkeit  Ich 
bin  überzeugt,  dass  der  Schmutz,  das  Fieber,  die  Noth  in  vielen  Familien 
nicht  von  ihrem  geringen  Einkommen,  sondern  von  falscher  Anwendung 
desselben  herrührt.  Häufig  werden  Fälle  gefunden,  in  denen  mit  Mangel  an 
Geschicklichkeit  und  Sparsamkeit  der  unmässige  Genuss  von  betäubenden 
Getränken  verbunden  ist,  und  da  ist  das  Elend  voll.  Dies  ist  die  Erklä- 
rung, die  ich  zu  bieten  habe  in  Betreff  des  jetzt  vorherrschenden  Elends, 
und  dieselbe  Erklärung  wir^  von  den  sparsamen  arbeitenden  Classen  ge- 
geben, wenn  sie  danach  gefragt  werden.  Familienhäupter  mit  drei  bis 
vier  Kindern  und  einem  Einkommen  von  vierzehn  bis  achtzehn  Schillinge 
die  Woche  haben  mich  versichert,  dass  ein  Mann  mit  einer  Frau  und  drei 
bis  vier  Kindern  von  zwölf  bis  vierzehn  Schillingen  die  Woche  anständig 
leben  könne.  Das  Elend  und  die  Noth  vieler  Familien  mit  gutem  Lohn 
erklären  sie  dadurch,  dass  viele  arm  werden  und  sich  genügender  Nahrung 
und  Kleidung  berauben  durch  ihre  schlechte  Hanswirthschaft,  durch  Man- 
gel an  Sparsamkeit  und  durch  das  Trinken  geistiger  Getränke.   Fälle  von 


732  Belegstellen. 

Yerschwendong  und  Vergeudang  sind  mir  erzählt  worden,  in  denen  der 
Mann  in  das  Wirthshaus  gegangen  ist,  um  mit  einem  Freunde  zu  trinkem 
und  die  Frau  sich  Gin  oder  Bier  holen  Hess,  um  sich  zu  Hause  mit  ihrer 
Freundin  zu  amüsiren.  Ein  einziger  Besuch  dieser  Yer^wendeifamilien, 
die  hohen  Lohn  hatten,  wird  Jeden  üherzeugen,  dass  sie  selbst  und  ihre 
Häuser  viel  reinlicher  und  ordentlicher  wären ,  wären  sie  nur  an  Fleiss, 
Enthaltsamkeit  und  Sparsamkeit  gewöhnt." 

Seite  288.     Mr.  Henry  Ashworth  (Turton  bei  Bolton)  erzählt  von 
der  Fabrikbevölkerung  dieses  Ortes  Folgendes: 

„Bei  der  Einföhrung  der  BaumwoUenmanufactur  hatten  die,  welche 
Manufacturen  unternahmen,  nur  beschränktes  Capital;  sie  legten  das  ganze 
Geld  für  Fabriken  und  Maschinen  an  und  waren  ganz  und  gar  absorbirt 
von  dem  zweifelhaften  Erfolg  ihrer  eigenen  Angelegenheiten.  Darüber  ver- 
gassen  sie  für  die  Bedürfhisse  ihrer  Arbeiter  zu  sorgen.  Familien  wur- 
den von  allen  Seiten  durch  die  ihnen  dargebotene  Beschäftigung  angezogen 
und  genöthigt,  sich  in  den  Wohnungen  zusammen  zu  drängen,  wie  sie  sich 
eben  in  der  Nachbarschaft  darboten.  Oft  bewohnten  zwei  Familien  ein 
Haus,  andere  kamen  in  Kellern  oder  sehr  kleinen  Wohnungen  unter.  Wenn 
die  Fabriken  rentirten,  so  mochte  wohl  der  Eigenthümer  es  für  vortheil- 
haft  halten,  einige  kleine  Häuser  zubauen;  diese  waren  oft  äusserst  elend; 
in  solchen  Fällen  war  die  vorwiegende  Sorge  nicht,  die  Gesundheit  und 
Bequemlichkeit  der  Insassen  zu  bessern,  sondern  die  grösstmögliche  An- 
zahl von  Häusern  auf  dem  kleinsten  Räume  und  mit  den  wenigsten  Kosten 
zu  bauen.  Wir  finden  viele  Rückseite  an  Rückseite  gebaut,  so  dass  die 
Möglichkeit  eines  hinteren  Ausgangs  ausgeschlossen  ist  Leute,  die 
herbeikamen,  um  sich  die  Existenzmittel  zu  verschafien,  hatten  keinen 
anderen  Ausweg,  als  diese  Wohnungen  zu  beziehen.  Was  auch  das 
wöchentliche  Einkommen  sein  mochte,  die  Frau  konnte  ein  solches  Haus 
nicht  wohnlich  machen;  sie  hatte  nur  ein  Zimmer  für  Alles,  was  sie  zu 
thun  hatte.  Es  ist  natürlich,  dass  der  Mann  die  Bequemlichkeit  in  einem 
solchen  Hause  nicht  fand,  die  er  zu  finden  wünschte.  Das  Wirthshaus 
war  dann  sein  einziger  Zufluchtsort.  Die  in  solchen  Häusern  auferzogenen 
Kinder  kannten  keine  besseren  Einrichtungen,  auch  hatten  sie  keine  Ge- 
legenheit, bessere  Hauswirthschaft  zu  sehen.  Wenige  der  Frauen  in  die- 
sen Gegenden  haben  ja  als  Dienstmädchen  gelebt,  so  dass  es  nicht 
auffallen  kann,  dass  der  grössere  Theil  so  wenig  Kenntniss  besitzt,  die  ge- 
sellschaftliche Lage  zu  bessern,  selbst  wenn  Geldmittel  dazu  vorhanden 
wären.  Es  muss  zugestanden  werden,  dass  die  Einfiihrung  der  Manufac- 
turen nicht  mit  Recht  filr  das  ganze  üebel  verantwortlich  gemacht  wird. 
Um  diese  Zeit  übte  das  Armengesetz  einen  höchst  nachtheiligen  Einfluss 
auf  die  arbeitenden  Classen  dadurch,  dass  es  die  Landeigenthümer  und 
die  Pächter  veranlasste  das  Erwerben  von  Häusern  zu  verhindern,  aus 
Furcht,  dass  die  Insassen  ein  Recht  auf  Gemeindeversorgung  erhielten. 


L.   Gesundheit  der  arbeitenden  Bevölkerung.  733 

Häuser  zu  bauen  war  verboten;  einige  wurden  niedergerissen,  wenn 
sie  leer  waren  und  andere  verfielen,  weil  man  sie  nicht  ausbesserte;  arme 
Leute  waren  so  viel  als  möglich  von  dfn  Ackerbaudistricten  verbannt,  da- 
mit sie  dem  Kirchspiel  nicht  zur  Last  fällen  könnten.  Unter  solchen  Um- 
ständen ist  es  nicht  zu  verwundem,  dass  wir  häufig  Familien  in  unser  Ge- 
schäft aufnahmen,  welche  es  nicht  verstanden,  einem  anständigen  Hause 
so  vorzustehen,  dass  dadurch  die  Gesundheit  und  Wohnlichkeit  der  In- 
sassen gefördert  worden  wäre. 

Vor  ungefähr  zwölf  Jahren  hatten  wir  Gelegenheit,  eine  beträchtliche 
Anzahl  von  Familien  in  einige  neue  Häuser  einzuführen.  Im  Laufe  von 
einigen  Monaten  brach  ein  höchst  bösartiges  Fieber  unter  ihnen  aus;  es 
schritt  von  Haus  zu  Haus,  bis  die  Sicherheit  des  ganzen  Etablissement 
ernstlich  in  Gefahr  stand.  Wir  veranlassten  eine  Untersuchung  der  Häu- 
ser, worin  das  Fieber  zuerst  aufgetreten  war.  £s  wurde  constatirt,  dass 
die  niedrige  Lebensweise  der  Bewohner,  die  vollkommene  Unkenntniss 
von  Lebensanstand  die  Häuser  in  einen  solch  kothigen  Zustand  versetz- 
ten, dass  augenscheinlich  eine  Wiederholung  desselben  Uebels  bevorstand, 
wenn  wir  nicht  mit  allen  Mitteln  eine  Aenderung  in  den  Gewohnheiten 
dieser  Leute  bewirkten. 

Obgleich  wir  eine  Einmischung  in  die  häuslichen  Angelegenheiten 
unserer  Arbeiter  zu  unterlassen  suchten,  so  geboten  doch  die  Umständet 
diesen  Schritt  zu  thun.  Wir  ordneten  deshalb  eine  Inspicirung  eines  jeden 
zu  unserem  Etablissement  gehörenden  Hauses  an,  sowohl  in  Bezug  auf 
Reinlichkeit  und  Ventilation  als  auch  auf  die  Betten  und  Möbel.  Der 
Unterschied,  den  diese  Häuser  darboten,  war  auffallend.  Die  Nettheit  und 
Reinlichkeit  der  einen,  die  vollkommene  Vernachlässigung  der  anderen, 
augenscheinlich  unabhängig  von  der  Höhe  des  Einkommens,  überzeugten 
uns,  dass  eine  Wiederholung  dieser  Besuche  nothwendig  sei,  um  eine  dau- 
ernde Verbesserung  zu  bewirken. 

Diese  periodischen  Besuche  sind  nun  durch  eine  Reihe  von  Jahren 
fortgesetzt  worden;  und  da  keine  gehässige  Auszeichnung  oder  Bevor- 
zugung gemacht  wurde,  so  wurden  sie  nicht  im  Lichte  eines  unberufenen 
Eindringens  angesehen.  Acht  bis  vierzehn  Tagn  wurden  die  Besuche  vor- 
her angekündigt :  ein  lobenswerther  Wetteifer  entstand,  welches  Haus  die 
Betten  und  die  Möbel  in  der  besten  Ordnung  hätte.  Auf  diese  Weise 
wurden  wir  mit  den  Mängeln  und  den  Bedürfiussen  der  verschiedenen  bei 
uns  beschäftigten  Familien  bekannt  Da  wir  so  reichlich  Gelegenheit 
hatten,  die  schlimmen  Folgen  kleiner  Wohnungen  für  grosse  Familien 
kennen  zu  lernen,  zu  sehen,  dass  nur  wenige  Häuser  mehr  als  zwei  Schlaf- 
zimmer hatten,  in  denen  Kinder  und  schon  Erwachsene  beiderlei  Geschlechts 
zusammenschliefen ,  so  beschlossen  wir,  grössere  Arbeiterwohnungen  zu 
bauen  mit  wenigstens  drei  Schlafisimmem  für  jede.  Nach  diesen  Häusern 
strebte  man  jetzt  mit  wahrer  Gier.  Die  Erhöhung  des  Miethgeldes  von 
fünf  Schilling  auf  fünf  Schilling  sechs  pence  die  Woche  war  unbedeutend 


734  Belegstellen. 

im  Vergleich  mit  den  Vortheilen,  die  den  Familien  geboten  wurden,  deren 
wöchentliche  Einnahme  vierundzwanzig  Schilling  bis  fünfzig,  ja  sechzig 
Schilling  war." 

Seite  358.  Dr.  Baron  Howard  berichtet  Folgendes  über  die  Logiiv 
häuser  in  Manchester: 

„Die  schädlichen  Wirkungen  einer  Verpestung  der  Atmosphäre  durch 
das  Zusammenleben  vieler  Personen  in  einem  kleinen  Raum  werden  in 
einer  traurigen  Weise  durch  die  Logirhäuscr  der  Armen  illustrirt  Die  voll- 
gestopften, schmutzigen,  schlecht  ventilirten  Wohnungen  sind  zweifelsohne 
eine  der  fruchtbarsten  Quellen  der  Fieber  in  Manchester.  Denjenigoi 
welche  sie  nicht  besucht  haben,  kann  keine  Schilderang  eine  genaue  Vor- 
stellung von  dem  abscheulichen  Zustand  dieser  Höhlen  von  Koth,  Krank- 
heit und  Elend  verschaffen. 

Das  vorwiegende  Auftreten  von  Fieber  in  diesen  Häusern  während 
der  starken  Epidemie  von  1837 — 88  zog  die  besondere  Aufinerksamkelt 
des  Ausschusses  des  Gesundheitsamtes  auf  sich.  Derselbe  liess  folgenden 
Beschluss  an  die  Kirchenvorsteher  ergehen,  am  3.  Januar  1838:  „Es  scheint, 
dass  eine  grosse  Anzahl  von  Fieberfallen  von  den  Logirhäusem  der  Stadt- 
armen herrührt.  Der  Ausschuss  drückt  den  Kirchenvorstehem  den  Wunsch 
aus,  geeignete  Personen  zu  bestimmen,  um  diese  Plätze  zu  inspidren  und 
80  viel  als  möglich  durch  Reinigung  und  Ventilation  das  Umsichgreifen 
dieser  Krankheit  zu  verhindern."  Es  wurden  sofort  einige  der  schmutzig- 
sten dieser  Etablissements  gereinigt  und  neu  angestrichen;  aber  es  ist 
augenscheinlich,  dass  solche  zeitweise,  noch  so  preiswürdige  Bemühun- 
gen ganz  und  gar  nicht  danach  angethan  sind,  dauernde  Verbesserung  zu 
bewirken. 

In  einigen  dieser  Häuser  stehen  sechs  bis  acht  Betten  in  einem  ein- 
zigen Zimmer;  in  anderen  mit  kleineren  Zimmern  ist  die  Anzahl  natür- 
lich kleiner.  Aber  es  scheint  die  allgemeine  Praxis  dieser  Fieberbetten- 
vormiethcr  (,,Keeper8  of  fever  beds"),  wie  die  Eigenthümer  von  Dr.  Ferriar 
genannt  werden,  so  viele  Betten  in  jedes  Zimmer  hinein  zu  zwängen,  als 
nur  einigermaasscn  geht.  Sie  stehen  oft  so  dichte  neben  einander,  dass 
man  kaum  zwischen  ihnen  hindurch  gehen  kann.  Die  Scene,  die  diese 
Räume  bei  Nacht  darbieten,  ist  eine  der  traurigsten.  Die  Betten  überfüllt 
mit  Männern,  Frauen  und  Kindern;  der  Fussboden  bedeckt  mit  den 
schmutzigen  und  zerlumpten,  gerade  eben  abgelegten  Kleidern  und  mit  den 
verschiedenartigsten  Bündeln,  die  ihr  ganzes  Eigenthum  enthalten,  kennzeich- 
nen die  verdorbenenon,  abgestumpften  Gefühle,  die  moralische  und  sociale 
Unordnunp:.  Der  erstickende  Gestank  und  die  Hitze  der  Atmosphäre  sind 
fast  unerträglich  für  jede  aus  der  frischen  Luft  kommende  Person  und 
zeigen  evident  den  ungesunden  Zustand  solcher  Orte.  Selbst  wenn  der 
Ort  während  des  Tages  besehen  wird,  so  ändert  dies  nicht  viel.  Mehrere 
Personen    trifft  man  bei  Tage  in  ihren   Betten;    die  eine    ist    vielleicht 


L.  Gesundheit  der  arbeitenden  Bevölkerung.  735 

krank,  eine  zweite  verschläft  die  Folgen  einer  nächtlichen  Ausschweifung, 
eine  dritte  verschläft  ihre  Zeit,  weil  sie  keine  Beschäftigung  hat,  eine  vierte 
hat  hei  Tage  Ruhezeit,  weil  sie  nur  bei  Nacht  ihren  Unterhalt  verdient 
In  Folge  dieser  Besetztheit  des  Zimmers  bei  Tage  werden  die  Fenster  be- 
ständig geschlossen  gehalten,  Ventilation, wird  total  vernachlässigt  und  die 
verpestete  Luft  ist  immer  bereit,  ihren   giftigen  Einfluss  auf  jeden  neuen 
Ankömmling  geltend  zu  machen,  den   Gewohnheit  noch  nicht  gefühllos 
gegen  ihre  Wirkungen  gemacht    Es  scheint,  dass  sich  Viele  allmälig  an 
diesen  Zustand  gewöhnen,  woher  wohl  die  Verschonung  von  Fieber  her- 
rühren mag,  deren  sich  die  Besitzer  solcher  Häuser  erfreuen,  während  die 
Miether  alle  nacheinander  Fieberanf^le  bekommen.   Wo  Keller  zu  Logir- 
häusem  dienen,  wird  das  hintere  Zimmer  gewöhnlich  als  Schlafzimmer  ge- 
braucht und  da  dieses  oft  kein  Fenster  hat  und  Licht  und  Luft  nur  durch 
die  in  das  vordere  Zimmer  mundende  Thür  erhalten  kann,  so  macht  die 
vollständige  Unmöglichkeit  einer  Ventilation  die  Verheerungen  der  infici- 
renden  Fieber  besonders  gefährlich,  wenn  letztere  einmal  Eingang  gefun- 
den haben.    Die  Betten  und  das  Bettzeug  werden  selten  gewaschen  oder 
gewechselt,  sie  sind  daher  in  dem  schmutzigsten  Zustand.    Sie  bestehen 
gewöhnlich  aus  jenen  porösen  Stoffen,  an  denen  die  ansteckenden  Dünste 
ganz    besonders    gern  haften;  wie  gross   die  Gefahr    des   Schlafens    in 
ihnen  ist,  ist  ersichtlich.    Selbst  wenn  ein  Bett  von  einem  Fieberkranken 
benutzt  worden  ist,  der  eben  gestorben  oder  den  man  eben  entfernt  hat, 
so  wird  oft  dasselbe  Bett,  ohne  dass  es  in  irgend  einer  Weise  gereinigt 
oder  gelüftet  worden  ist,  sofort  wieder  von  einem  neuen  Miether  gebraucht 
Bei  dem  schauderhaften  Znstand  dieser  Logirhäuser  habe  ich  etwas  lange 
verweilt,  weil  ihre  Uebel  nach  meiner  Ansicht  höchst  gefährlicher  Natur 
sind.    Ich  bin  vollkommen  überzeugt,  dass  diese  Räume  die  reinsten  Brut- 
stätten von  Fieber  in  Manchester  sind.     Es  ist  meine  entschiedene  Mei- 
nung, dass  die  Verpestung  der  Luft  durch  Lebende  viel  gefährlicher  f&r 
die  Constitution  ist,  als  die  Schwängerung  derselben  mit  den  Ausdünstun- 
gen todter  organischer  Stoffe;  und  in  der  That  veranlasst  mich  alles  in 
Manchester  Beobachtete,  die  in  überfüllten  und  schlecht  ventilirten  2iim- 
mem  entstandenen  Miasmen  der  Menschen  („human  miasms*')  als  eine  viel 
häufigere  Ursache  von  Fieber  anzusehen,  als  die  von  Anhäufung  von  Un- 
rath  und  von  Mangel  an  Entwässerung  herrührende  Malaria.    Ich  bin  zu 
diesem  Schluss  gekommen,  weil  ich  bemerkt  habe,  dass  das  Fieber  ge- 
wöhnlich weit  umfassender  in  jenen  Häusem  herrschte,  wo  die  zahlreich- 
sten Personen  zusammengedrängt  und  die  Ventilation  schlecht  waren,  ob- 
gleich die  Strassen,  in  denen  sie  sich  befanden,  gut  gepflastert,  gut  ent- 
wässert und  ziemlich  frei  von  Koth  waren,  als  in  weniger  überfüllten, 
obgleich  letztere  gerade  da  lagen,  wo  am  meisten  Malaria  entsteht   Diese 
Folgerung  wird  auch  unterstützt  durch  dieThatsache  eines  höheren  rela- 
tiven Verhältnisses  von  Fieber  zu  anderen  Krankheiten,  das  in  denDistric- 
ten  herrscht,   wo   die   Anzahl    der  überfüllten  Logirhäuser  und  engen 


736  Belegstellen. 

Höfe,  die  dicht  zusammen  gebauten  Häuser,  die  Enge  der  Strassen,  die 
Dichtigkeit  der  Bevölkerung  und  der  Mangel  an  Ventilation  besonders 
auffallen. 


M. 

Zu  Seite  640,  Anmerkung  2. 

Frauen  und  Kinder  in  den  Gewerben. 

1.    Geistiger  Zustand  der  Jugend  in  Wolverhampton  und  Sheffield. 
Children's  Employment  Report  II,  1848,  S.  170. 

Folgende  Beispiele  mögen  unter  vielen  anderen  dazu  dienen,  den 
geistigen  Zustand  dieser  jungen  Leute  in  der  Industrie  von  Wolverhampton 
zu  schildern: 

Ein  Mädchen,  elf  Jahre  alt,  giebt  an,  dass  es  sowohl  Tages- 
ais Sonntagsschule  besucht,  hat  aber  niemals  von  einer  anderen  Welt, 
noch  vom  Himmel ,  noch  von  einem  anderen  Leben  gehört  Ein  junger 
Mann,  17  Jahre  alt,  wusste  nicht,  wie  viel  zwei  mal  zwei  ist,  oder  wie 
viel  Farthings  ein  two-pence  Stück  hat,  selbst  als  er  das  Geld  in  die 
Hand  bekam.  Einige  Knaben  hatten  nie  von  einem  Orte  wie  London 
gehört,  ja  nicht  einmal  von  WiUenhall,  das  doch  nur  drei  Meilen  ent- 
fernt liegt  und  in  beständigem  Verkehr  mit  Wolverhampton  steht  An- 
dere  haben  nie  den  Namen  Ihrer  Miyestät  nennen  hören,  noch  von  Wel^ 
lington,  Nelson,  Bonaparte  etc.  gehört  Sehr  bemerkenswerth  aber  ist 
es,  dass  alle  di^enigen,  die  niemals  die  Namen  St  Paul,  Moses  oder 
Salomon  vernommen  hatten,  allgemein  mit  der  Person  und  dem  Lebenslauf 
des  Dick  Turpin,  eines  Strassenräubers,  und  mehr  noch  mit  demjenigen 
des  Jack  Shepperd,  eines  Räubers  und  Ausbrechers  sehr  vertraut  waren. 
(Home  Report,  App.  Pt.  IL).  Selbst  wenn  die  Sonntagsschulen  regel- 
mässig und  jahrelang  besucht  worden  sind,  ist  die  Begriffsverwirrung  dieser 
armen  Kinder  eine  ganz  stupende.  Nach  sechsjährigem  Besuch  der  Sonn- 
tagsschule sagt  z.  B.  ein  Kind:  „ich  weiss,  wer  Jesus  Christus  war,  er 
starb  am  Kreuz  und  vergoss  sein  Blut,  um  unseren  Erlöser  zu  retten/* 
Ein  anderer  junger  Mann  von  16  Jahren  meint:  „Jesus  Christus  war 'vor 
langer  Zeit  ein  König  von  London."  Wenn  die  Kinder  ihr  Abendgebet 
hersagen,  wie  es  viele  thun,  so  sagen  sie  nur  die  beiden  ersten  Worte 
des  Vaterunsers  her :  „Unser  Vater"  —  das  ist  alles,  was  sie  wissen  und 
da  viele  unter  ihrem  Vater  arbeiten,  so  ist  dies  wohl  der  einzig  richtige 
Sinn,  in  dem  sie  die  Worte  gebrauchen  können. 

Seite  171.  Mr.  Symons  fährt  fort:  Die  Kinder  in  Sheffield  kommen 
entweder  total  unwissend  in  die  Wochen-  oder  auch  oft  in  die  Sonntags- 
schulen, oder  sie  besitzen  einige  sehr  fragliche  Kenntnisse,  die  sie  sich  in 


M.   Frauen  und  Kinder  in  den  Gewerben.  737 

einer  „Damen^-Schule  angeeignet  haben.  Es  ist  nicht  zu  verwundern» 
dass  sie  den  ganzen  Unterricht,  den  sie  je  erhalten,  im  Zeitraum  von 
2  oder  3  Jahren  fast  gänzlich  wieder  vergessen,  wenn  sie  nach  nur  ein- 
jährigem Besuch  der  Wochenschulen  gleich  in  die  Werkstatt  kommen.  Ich 
glaube  ganz  bestimmt,  dass  nicht  ein  Drittel  aller  derer,  die  drei  Jahre 
in  der  Lehre  waren,  nur  erträglich  lesen". oder  schreiben  kann.  Und  fer- 
ner glaube  ich,  dass,  wenn  wir  dem  Wort  ^gebildet^  seine  richtige  Be- 
deutung lassen,  ohne  damit  mehr  und  Höheres  bezeichnen  zu  wollen,  als 
die  Kenntnisse,  welche  die  arbeitenden  Classen  gewöhnlich  besitzen,  man 
behaupten  kann,  dass  wenigstens  zwei  Drittel  der  dieser  Classe  angehöri- 
gen  Kinder  in  Sheffield  „ungebildef^  aufwachsen,  wenn  sie  auch  beim  Ab- 
gang von  der  Schule  ziemlich  viel  gewusst  haben  mögen.  (Symons  Report, 
App.  Pt  I.> 

Seite  177.  Nach  dem  Bericht  des  Mr.  Home  über  den  Zustand  und 
Charakter  der  jugendlichen  Bevölkerung  im  District  von  Wolverhampton 
befinden  sich  die  Mehrzahl  der  dortigen  Kinder  auf  der  denkbar  niedrig- 
sten Stufe  der  Moral  im  vollsten  Sinne  des  Wortes.  Nicht  dass  sie  be- 
sonders lasterhaft  und  verbrecherisch  wären,  aber  es  fehlt  ihnen  jedes 
moralische  Gefilhl.  Sehr  oft  auch  haben  sie  wenig  moralisches  Pflicht- 
gefühl und  Zuneigung  zu  ihren  Eltern.  Er  sagt:  „Ich  schreibe  dieses 
zum  grossen  Theil  dem  Umstand  zu,  dass  die  Kinder  in  so  zartem  Alter 
schon  zur  Arbeit  geschickt  werden  und  dass  die  Eltern  fast  allein  auf 
den  Verdienst  der  Kinder  bedacht  und  darum  besorgt  sind.  Instinctiv 
fühlt  das  Kind,  dass  es  nur  als  ein  Stück  Maschine  benutzt  wird.  Bald 
lässt  bei  der  fortwährenden  Arbeit  die  Liebe  zu  den  Eltern  nach  und  er- 
stirbt ganz.  Geschwister  werden  in  früher  Jugend  getrennt  und  wissen 
oft  später  nur  wenig  von  einander ,  da  sie  kaum  Zeit  hatten,  sich  kennen 
zu  lernen."  Dieses  frühe  Arbeiten  der  Kinder  bringt  die  zartempftng- 
lichen  Seelen  in  unmittelbaren  Contact  mit  allerlei  Gemeinheit  und 
Rohheit  und  dadurch  wird  jede  Wahrheitsliebe,  jedes  Zartgefühl,  kurz, 
jede  Tugend  des  Charakters  aufs  äusserste  gefährdet,  jeder  Grundsatz, 
wo  ein  solcher  etwa  in  des  Kindes  Gemüth  einzuprägen  versucht  worden 
ist,  im  Keim  wieder  erstickt 

Seite  177.  Viele  dieser  armen  Kinder  sind  durch  die  sie  umgeben- 
den Verhältnisse  so  sehr  gedrückt,  dass  sie  sogar  das  Elend  ihrer  Lage 
nicht  mehr  zu  empfinden  im  Stande  sind. 

Mr.  Home  bemerkt:  „Ich  kann  es  nur  als  einen  Beweis  der  Armuth 
ihres  Geistes  und  ihrer  moralischen  Natur  betrachten,  wenn  so  viele  Aus- 
sagen von  Kindern  und  jungen  Leuten,  die  sich  in  traurigen  Verhältnissen 
befinden ,  so  gar  nichts  Klagendes  an  sich  haben  (Mr.  Home  spricht  hier 
noch  von  den  Gewerben  in  Wolverhampton).    Viele  dieser  armen  Kinder, 

Held,  Sog.  Gesch.  Engl.  47 


738  BelegstelleD. 

die  selbst  angegeben  haben,  dass  sie  täglich  12 — 14  Standen  für  1  ah. 
6  pence  oder  2  sh.  6  pence  per  Woche  arbeiteten,  wovon  sie  aber 
nicht  einen  penny  zu  eignem  Gebranch  hätten,  und  während  welcher  Ar- 
beitszeit sie  oft  (wie  in  vielen  Schmelzhütten)  nicht  zn  regelmässigen 
Stunden  ihre  Mahlzeiten  erhielten;  die  nur  mit  Lumpen  bekleidet  waren 
und  zugaben,  dass  sie  sich  oft  übel  oder  gar  krank  fühlten  und  dass 
sie  nicht  genug  zu  essen  bekämen;  die  zuweilen  arg  geprügelt  würden, 
es  aber  „nur  einen  oder  zwei  Tage  spürten'* :  —  diese  armen  Kinder  ant- 
worteten dennoch ,  dass  „sie  gerne  arbeiteten"  —  „gut  behandelt  würden^' 
„nur  bestraft  würden,  wenn  sie  es  verdient  hätten,  etc.  Sie  kannten 
offenbar  nichts  anderes  als  aufzuwachen  und  Tag  für  Tag  zur  Arbeit  zu 
gehen  und  fortzuarbeiten,  bis  man  ihnen  erlaubte,  aufzuhören.  Eine 
Frage  wie  „bist  Du  müde?'^  war  früher  niemals  an  sie  gestellt  worden, 
und  sie  verstanden  sie  entweder  gar  nicht  oder  sie  hatten  nur  irgend 
eine  unbestimmte  Vorstellung  von  dem,  was  man  damit  meinte.  Es  wird 
deshalb  nothwendig  sein,  einen  Unterschied  zu  machen  zwischen  denjeni- 
gen, deren  Aussage  nichts  zeigt,  worüber  sie  sich  beklagen  könnten  und 
denjenigen,  deren  Zeugniss  zwar  viel  Elend  zu  Tage  fördert,  die  aber 
keine  Klage  vorbrachten." 

In  den  Sheffield  trades  mischen  sich  Kinder  und  Erwachsene  viel 
mehr  durcheinander ,  als  in  den  Baumwolle- ,  Wolle-  und  Flachsfabrikeu 
üblich  ist  und  die  Gespräche,  die  die  Kinder  dabei  hören  müssen,  sind 
dazu  geeignet,  ihre  moralischen  Gefühle  abzustumpfen  und  ihren  Charak- 
ter zu  verderben.  Es  ist  in  dieser  Stadt  Sitte,  die  Kinder  in  ungewöhn- 
lich jungen  Jahren  an  einzelne  Arbeiter  zu  vermiethen,  so  dass  die  Kinder, 
schon  ehe  sie  14  Jahre  sind,  der  väterlichen  Aufsicht  entzogen  werden, 
und  vollständig  ihr  eigner  Herr  sind,  „in  allem,  was  ihre  Gewohnheiten 
ihre  Zoiteintheilung ,  ihre  Bildung  und  den  religiösen  Untemcbt  betaifit." 
—  Die  Kirche  besuchen  diese  so  früh  sich  selbst  überlasscnen  Kinder 
nur  ausnahmsweise;  sie  betrachten  den  Sonntag  als  die  geeignetste  Zeit, 
sich  auf  den  Strassen  herumzutreiben  und  um  halfpence  zu  spielen.  „^Lin 
kann  an  einem  Sonntag  nicht  auf  der  Tiandstrasse  oder  auf  abgelege- 
nen, ausser  den  Polizeigrenzen  liegenden  Wegen  gehen,"  sagt  ^Ir.  Symons, 
„ohne  zahlreichen  Knaben  zu  begegnen  von  12  Jahren  und  darüber,  die 
ganz  versunken  sind  in  das  was  man  dort  -pinching'  nennt,  d.  h.  um 
Kupfermünzen  spielen."  Sehr  früh  gewöhnen  sie  sich  das  Trinken  an 
und  es  giebt  Bierhäuser,  wo  höchst  schamlose  Auftritte  stattfinden.  Auch 
wird  gesungen,  getanzt  und  Karten  gespielt.  Und  die  Besucher  dieser 
Kneipen  sind  oft  14,  meistens  aber  15  oder  16  Jahre  alt.  Daneben  giebt 
es  auch  I^ocale,  wo  Branntwein  oder  andere  geistige  Getränke  geschenkt 
werden  und  wo  viele  Arbeiter  gewöhnlich  den  Abend  zubringen.  Aber 
alle  Zeugen classen  sagen  aus ,  dass  „der  allerempörendste  Zug  jugend- 
licher Verderbtheit  in  dieser  Stadt  die  frühzeitige  Befleckung  ist,  die  durch 
die  Vereinigung  der  Geschlechter  entsteht;"  „dass  jugendliche  Prostitution 


M.    Frauen  und  Kinder  in  den  Gewerben.  739 

äusserst  gewöhnlich  ist",  wie  nicht  nur  die  Reden  der  Kinder  auf  offener 
Strasse,  die  oft  ganz  entsetzlich  sind,  beweisen,  sondern  auch  das  häu- 
fige Zusammengehen  zweier  Kinder  yerschiedenen  Geschlechts,  ohne  dass 
andere  dabei  wären,  wie  man  es  gewöhnlich  Abends  sieht  Die  Vor- 
übergehenden werden  manchmal  von  dieser  Jugend  auf  das  Gröblichste 
beschimpft  und  mit  Schmutz  bombardirt  Verbrechen  und  Gewaltthätig- 
keiten  sind,  was  Niemand  nach  diesen  Angaben  Wunder  nehmen  wird, 
in  Sheffield  gewöhnlich,  und  die  Berichte  der  Polizei  sowie  die  Todten- 
schau  bestätigen  es  nur  zu  sehr.  Der  Sub-commissioner  erzählt,  dass 
im  ersten  Jahre  nach  seinem  Besuch  die  Stadt  nach  einem  organisirten 
Plan  angezündet  und  geplündert  werden  sollte  und  nur  durch  die  An- 
zeige eines  Mannes  gerettet  wurde.  Die  Haupträdelsführer  dabei  waren 
Knaben  und  erst  halberwachsene  junge  Männer. 

2.    Die  Erziehung  des  weibliclien  Geschlechts. 
Children's  Employment  Report  II,  1843,  S.  175  ff. 

Es  ist  kaum  möglich,  genügend  auszudrücken,  welch  unsägliches 
Elend,  welche  häusliche  und  äussere  Noth  sich  allein  auf  die  so  mangel- 
hafte Erziehung  des  weiblichen  Geschlechts  zurückführen  lässt.  Die  Be- 
schäftigung der  Mädchen  von  früher  Kindheit  an  in  Werkstätten,  Fabri- 
ken oder  Gruben  nimmt  ihnen  Zeit  und  Gelegenheit,  sich  häusliche  Fähig- 
keiten anzueignen  und  macht  sie  untauglich  zu  allem,  was  im  spätem 
lieben  ihre  Hauptaufgaben  sind :  zur  ordentlichen  Führung  des  Haushalts, 
zur  verstündigen  Pflege  von  Mann  und  Kind.  Sie  können  nicht  ordent- 
lich kochen  und  sehr  selten  etwas  nähen  oder  flicken.  Die  schimmsten 
Folgen  aber  entstehen  für  ihre  Familie  aus  ihrer  totalen  Unfähigkeit,  den 
Haushalt  mit  den  Mitteln,  welche  der  Verdienst  des  Mannes  schafft,  gut 
und  sparsam  zu  führen,  das  Erworbene  gut  anzuwenden,  anstatt  unnütze 
Ausgaben  zu  machen,  indem  sie  die  Arbeit,  die  im  Hause  geschehen 
könnte  und  sollte,  wie  Kleidermachen  und  Flicken,  auswärts  thun  lassen 
und  dafür  bezahlen  müssen.  Diese  unordentliche  Wirthschaft  treibt  den 
Mann  aus  dem  Hause  und  in  die  Schenkiocale.  Im  Home  Report,  App. 
Pt.  U.  finden  wir  die  Ansicht,  „dass  es  in  jeder  Hinsicht  noch  wichtiger 
sei,  dass  die  Frauen  gebildet  erzogen  würden,  als  die  Männer,  denn  sie 
haben  höhere  und  wichtigere  Pflichten  zu  erfüllen,  indem  sie  ihre  Kinder 
aufziehen  und  sie  gute  Sitten  lehren/'  —  „Viele  dieser  Frauen  können 
keinen  Riss  stopfen  oder  zusammenflicken;  aber  da,  wo  wir  im  Stande 
waren,  dem  weiblichen  Geschlecht  eine  gute  häusliche  Erziehung  ange- 
deihen  zu  lassen,  zeigten  sich  die  guten  Folgen  viel  deutlicher  wie  bei 
den  Männern.**  —  Denselben  Ursachen,  dem  schlechten  Kochen,  der  Ver- 
nachlässigung der  Kinder,  dem  Mangel  jeglicher  Behaglichkeit  im  Hause 
ist  es  zuzuschreiben,  dass  die  Familienbande  sich  lockem  und  der  Mann 
sich  schliesslich  dem  Trünke  ergiebt.    Die  Männer  beklagen  sich  selbst 

47* 


740  Belegstellen. 

schwer  über  diese  Unfähigkeit  ihrer  Frauen.  ^Das  liederliche,  nnsanbere 
Aassehen  der  Männer,  Weiber  und  Kinder,  das  uns  in  unseren  grossen 
Städten  in  die  Augen  fällt,  ist  die  Folge  davon,  und  ist  Schuld  daran, 
wenn  die  Selbstachtung,  die  Mutter  so  vieler  Tugenden,  allmälig  verloren 
geht^^  Ein  Mr.  Joseph  Corbett,  ein  sehr  intelligenter  und  höchst  ach- 
tungswerther  Arbeiter,  entwirft  ein  unendlich  trauriges  Bild  der  Zu- 
stände, wie  sie  bei  Tausenden  von  Familien  in  den  grossen  Fabrikstätten 
gang  und  gäbe  sind,  und  Alle,  die  den  Wunsch  h^en,  das  Wohl  dieser 
so  wichtigen  Yolksdasse  zu  fördern,  sollten  ihm  die  grösste  Beachtung 
schenken.  Er  schildert  das  Elend,  welches  sich  in  seine  eigene  Familie 
einschlich,  weil  die  Mutter,  obgleich  sie  trotz  ihrer  Beschäftigung  von 
früher  Kindheit  an  in  der  Fabrik  klug,  fleissig  und  tugendhaft  war,  aus 
ünkenntniss  es  nicht  vermochte,  Mann  und  Kindern  das  Leben  im 
Hause  lieb  und  angenehm  zu  machen.  Hier  wie  überall  blieben  die  schreck- 
lichen Folgen  nicht  aus.  Er  schliesst  mit  den  Worten;  „Meine  eigene 
Erfahrung  sagt  mir,  dass  vielem  Elend  und  sogar  Yerbrecben  vorgebeugt 
werden  könnte,  wenn  das  weibliche  Geschlecht  in  häuslichen  Arbeiten 
unterrichtet  und  gelehrt  würde,  am  eigenen  Heerde  Behaglichkeit  und 
Heiterkeit  zu  verbreiten,  dann  würde  es  weniger  betrunkene  Ehemänner 
und  unfolgsame  Kinder  geben.  Die  Beobachtungen,  die  ich  selbst  als 
Arbeiter  anstellen  konnte,  zeigten  mir,  dass  die  weibliche  Erziehung 
schauderhaft  vernachlässigt  wird.  Ich  lege  darauf  mehr  Gewicht  als  auf 
irgend  etwas  Anderes.  Die  Frauen  theilen  der  jungen  empf^glichen 
Seele  die  ersten  Eindrücke  mit;  sie  sind  es,  die  das  Kind,  welches  später 
zum  Mann  sich  entwickelt,  formen  und  bilden/' 


3.    Wichtigkeit  der  Schulbildung. 
Children's  Employment  Report  H,  1843,  S.  83. 

Die  von  Mr.  Kennedy  vernommenen  Zeugen  sagen  aus:  „Wenn  ich 
Ihnen  eine  Namenslistc  unserer  besten  Arbeiter  entwerfen  sollte,  so  würden 
Sie  finden,  dass  in  9  von  10  Fällen  die  Namen  derjenigen  darin  enthalten 
sein  würden,  die  am  meisten  Bildung  besitzen.  Ich  kann  mit  Gewissheit 
behaupten,  dass  die  gebildetsten  Leute  auch  die  praktischsten  und  besten 
Arbeiter  werden,  wie  sie  zugleich  die  nüchternsten  und  ausdauernd- 
sten sind. 

„Gebildete  Männer  sind  durchschnittlich  viel  bessere  und  lenksamere 
Arbeiter;  der  Ungebildete  lässt  sich  zu  allem  beschwätzen;  ein  missver- 
gnügter Kerl  ist  im  Stande,  die  ganze  Bande  aufzuwiegeln."  Ich  habe 
öfters  mit  verschiedenen  Schotten  über  die  Erziehung  ihrer  Kinder  ge- 
sprochen —  die  Schotten  zeichnen  sich  ala  Nation  durch  den  höheren 
Grad  ihrer  Bildung  aus  —  und  sie  haben  mir  oft  geantwortet, -„lieber  soll 
es  ihnen  an  Fleisch  mangeln,  als  an  Bildung*^.  Im  Allgemeinen  wird 
man  finden,   dass  ungebildete  Eltern  kein  Gewicht  auf  die  Bildung  ihrer 


M.    Frauen  und  Kinder  in  den  Gewerben.  741 

Kinder  legen;  sie  glauben  der  Schule  noch  eine  Gunst  zu  erweisen,  wenn 
sie  die  Kinder  hinschicken;  auch  dann  sogar,  wenn  der  Unterricht  gratis 
ertheilt  wird.  Und  man  kann  im  Allgemeinen  annehmen,  dass  da,  wo  die 
Kinder  zur  Schule  angehalten  werden,  die  Eltern  eine  höhere  Bildung 
als  ihre  Umgebung  besitzen,  wenn  schon  sie  derselben  Classe  angehören.'' 
„Wir  können  uns  nicht  viel  auf  den  ungebildeten  Theil  der  jungen  Leute 
verlassen;  sie  sind  gewöhnlich  nicht  zuverlässig,  sie  pflegen  zu  lügen  und 
sich  zu  streiten.  Sie  sind  nicht  so  höflich  wie  die  Gebildeten  unter  ihnen ; 
sie  sind  träge  und  machen  sich's  zu  Nutze,  wenn  man  ihnen  den  Bücken 
kehrt ^  „Ein  Blick  genügt  mir,  um  die  Kinder,  welche  die  Schule  be- 
suchen, von  denen  zu  unterscheiden,  die  es  nicht  thun;  sie  sind  viel  auf- 
geweckter und  intelligenter.''  „Im  Allgemeinen  sind  die  etwas  gebildeten 
Kinder  viel  fleissiger  bei  der  Arbeit  und  viel  leichter  zu  lenken ;  sie  wer- 
den viel  schneller  mit  ihrer  Arbeit  fertig  \md  irren  sich  seltener  dabeL'' 
,^Bei  Kindern,  welchen  der  Segen  der  Bildung  zu  Theil  geworden  ist, 
offenbart  sich  dies  dadurch,  dass  sie  viel  besser  auf  den  Befehl  achten 
und  denselben  lieber  annehmen,  dass  sie  viel  schneller  das,  was  man 
meint,  zu  erfassen  vermögen  und  im  Allgemeinen  gewandter  und  rascher 
sind." 

„Die  Kinder,  die  keine  Bildung  besitzen,  haben  stets  den  Hang  zu 
lügen  und  zu  veruntreuen;  sie  haben  kein  Bewusstsein  moralischer  Ver- 
pflichtung, sind  mürrisch,  verdriesslich  und  träge,  und  lange  nicht  so  zu- 
verlässig als  diejenigen,  die  etwas  gebildet  sind.^ 

4.    Die  Arbeiter  in  den  Bergwerken. 
Children's  Employment  Report  II,  1843,  S.  154. 

Mr.  Symons  sagt  von  den  Kohlen-  und  Eisenbergwerken  in  York- 
shire:  „Ich  bin  überzeugt,  dass  die  Mehrzahl  der  Kinder  sogar  in  Be- 
zug auf  die  Wahrheiten  des  Christenthums  und  die  Thatsachen  der  heili- 
gen  Schrift  sich  in  einem  Zustand  heidnischer  Unwissenheit  befinden. 
Das  ZeugnisB  der  Kinder  giebt  ein  Bild  solcher  moralischer  und  geisti- 
ger Finstemiss,  dass  jedes  christliche  Gemüth  von  Schrecken  und  Mitleid 
ergriffen  werden  muss;  ich  kann  aber  mit  dem  besten  Gewissen  sagen, 
dass  dieses  Bild  alles  eher  als  übertrieben  ist  Einige  sind  zwar  besser 
unterrichtet,  aber  unter  denjenigen,  die  in  Kohlengruben  arbeiten,  wird 
man  nicht  mehr  als  ein  Kind  unter  Dreien,  oder  höchstens  zwei  unter  fünf 
Kindern  finden,  die  die  gewöhnlichsten  Fragen,  sowohl  religiösen  als  welt- 
lichen Inhalts,  zu  beantworten  vermöchten.  Ich  bezeuge  es  ohne  Zau- 
dern, dass  die  in  Bergwerken  arbeitenden  Kinder  im  Granzen  genommen 
in  einem  Zustand  absoluter  und  erschreckender  Unwissenheit  aufwachsen, 
und  ich  bin  überzeugt,  dass  die  beweisenden  Aussagen,  die  ich  hiermit 
aus  allen  Classen  beibringe,  von  Creistlichen,  Magistatspersonen,  Meistern, 
Arbeitern  und  Kindern,  genugsam  die  Härte  deijenigen  Ausdrücke  darthun 


742  Belegstellen. 

tmd  rechtfertigen  werden,  die  ich  allein  für  geeignet  erachtete,  den  gei- 
stigen Zustand  dieser  umnachteten  Volksclasse  zu  charakterisiren. 

Seite  155.  Nichts  ist  im  Stande,  auf  eine  so  schlagende  Weise  ihren 
geistigen  Zustand  zu  schildern,  als  die  aus  dem  Examen  der  ffinder 
selbst  durch  die  „Subcommissoners**  in  den  Kohlen-  und  Eisenbeigweriren 
der  Grafschaft  Durham  entnommenen  Beweise:  „Ich  gehe  an  ftUif  Nich- 
ten in  der  Woche  zur  Schule  und  lese  ein  Capitel  in  der  Bibel.  Ein 
anderes  Buch  lese  ich  nie.  Von  Jenisalem  erinnere  ich  mich  nichts. 
Den  Namen  Davids  habe  ich  gesehen,  aber  ich  weiss  nicht,  was  er  war. 
Von  Moses  weiss  ich  nichts.  Von  Frankreich  habe  ich  nie  gehört  Ich 
weiss  nicht,  was  Amerika  ist  Ich  habe  nie  von  Schottland  oder  Irland 
etwas  gehört.  Ich  kann  nicht  sagen,  wie  viel  Tage  das  Jahr  hat,  oder 
wie  viel  Wochen." 

Dieselbe  Seite:  James  Taylor,  ein  kluger,  aber  gleich  seinen  Arbeits- 
genossen ununterrichteter  elQähriger  Junge:  „hat  von  der  Hölle  gehört 
wenn  die  Arbeiter  in  der  Grube  fluchen;  hat  niemals  von  Jesus  Christus 
gehört,  noch  von  Gott,  ausgenommen,  wenn  die  Grubenleute  sagen:  ,6ott 
verdammt'.  Er  weiss  nicht,  in  welcher  Grafschaft  er  wohnt,  war  nie 
irgendwo  anders  als  hier  in  der  Grube  und  in  Rochdale,  hat  nie  von 
London  gehört,  von  der  Königin  hat  er  gehört,  weiss  aber  nicht  „wer  er 
isf    (Kohlen-  und  Eisenwerke  in  Lancashire.) 

Einzelne  der  besseren  Leute  in  derselben  Gegend  sagen:  „Es 
giebt  hier  herum  viele  erwachsene  verheirathete  Männer,  40 — 50  Jahre 
alt,  die  kein  Wort  aus  der  Bibel  wissen,  die  den  Lohn,  den  sie  erhal- 
ten müssen,  nicht  bereclmen  können,  und  das  sind  gerade  die  schlimm- 
sten Subjecte;  sie  trinken  fürchterlich,  vertrinken  das,  was  ihre  Famihe 
brauchte  und  fluchen  entsetzlich.  Einige  von  ihnen  erklären,  dass  sie  an 
kein  zukünftiges  Leben  glauben  und  sind  der  Meinung,  dass  sie  wie  ein 
Hund  sterben  werden,  und  dass  es  dann  mit  ihnen  aus  ist  Wenn  sie 
die  Sonntagsschule  und  auch  die  Alltagsschule  nicht  mehr  besuchen,  wer- 
den sie  immer  mehr  verhärtet  und  können  und  wollen  nicht  mehr  glau- 
ben; sie  haben  schmutzige  Gewohnheiten,  führen  verderbte  Gespräche, 
und  gefallen  sich  nur  noch  in  unzüchtigen  Reden.  Sie  sagen,  ihre  Väter 
hätten  wie  sie  nicht  geglaubt  und  es  gerade  so  wie  sie  gemacht,  und  das 
ist  wahr  und  zwar  aus  denselben  Ursachen,  von  denen  jetzt  die  armen 
Kinder  betroffen  werden. 

Seite  155—156.  Die  in  den  Bergwerken  im  West  Riding  von  York- 
shire  beschäftigten  Kinder,  die  in  den  Bergwerken  in  der  Nähe  von  Halifax, 
sowie  die  in  Cumberland  befinden  sich  theilweise  in  der  allerabsolutesten 
Un¥rissenheit ,  oder  wenn  sie  einige  wenige  Begriffe  haben,  so  sind  die- 
selben entweder  so  traurig  verwirrt  oder  so  unrichtig  wie  möglich.    Nur 


M.   Frauen  und  Kinder  in  den  Gewerben.  743 

ganz  ausnahmsweise  wird  einmal  die  Sonntagsschule  von  dem  einen  oder 
anderen  besucht,  und  selbst  wenn  eines  sein  Gebet  hersagen  kann,  ist  es 
nicht  anders,  als  wenn  es  ein  Papagei  gedankenlos  herplappert.  In  South- 
Staffordshire  soll  der  moralische  Zustand  der  Kinder  im  grössten  Gegen- 
satz zu  ihrem  guten  körperlichen  Befinden  stehen. 

In  Derbyshire  sind  theilweise  bessere  Zustände,  da  mehrere  der  Auf- 
seher dort  selbst  Lehrer  unter  den  Methodisten  sind  und  strenge  darauf 
halten,  dass  den  Kindern  kein  böses  Beispiel  gegeben  werde ;  andere  hin- 
gegen thun  das  grade  Gegentheil.  Dass  die  in  den  Kohlengruben  von 
Yorkshire  beschäftigten  jungen  Leute  im  Ganzen  nicht  sehr  lasterhaft  und 
verbrecherisch  sind,  obwohl  sie  fluchen  und  unzüchtige  Redensarten  füh- 
ren, schreibt  Mr.  Symons  der  äusserst  angestrengten  Arbeit  zu,  nach  wel- 
cher ihnen  Ruhe  die  grösste  Wohlthat  sei. 

Seite  156.  Mr.  Kennedy  berichtet,  dass  in  Lancashire  der  moralische 
Zustand  der  Bergleute  und  ihrer  Kinder  imDistrict  sprichwörtlich  gewor- 
den  ist;  und  dass  alle  Zeugenaussagen  aus  allen  Classen  dies  bestätigen. 
So  sagt  der  Rev.  Joshua  Paley :  „Gewöhnlich  herrscht  eine  furchtbare  Ver- 
worfenheit unter  ihnen.  Die  Sitten  der  erwachsenen  Bergleute  sind  der- 
artig schlecht,  dass  wir  die  grössten  Schwierigkeiten  zu  überwinden  haben 
um  ihnen  etwas  religiöse  Belehrung  beizubringen.  Die  Gewohnheit  der 
Unmässigkeit  ist  so  eingenistet  bei  ihnen,  und  es  bieten  sich  ihnen  so 
viele  Gelegenheiten,  derselben  zu  fröhnen,  dass  unsere  guten  Absichten 
und  Bemühungen  vereitelt  werden.  Die  Jüngeren  bestreben  sich,  dem 
Beispiel  der  Aelteren  zu  folgen  und  deren  Gewohnheiten  und  Manieren 
nachzumachen.  Wenn  junge  Leute  beiderlei  Geschlechts  solchen  Versuch- 
ungen ausgesetzt  sind  und  so  häufig  ermuthigt,  oder  doch  nicht  abgehal- 
ten werden,  die  Wirthshäuser  und  Bierschenken  zu  besuchen,  so  gewöh- 
nen sie  sich  frühzeitig  an  Auftritte  der  Trunkenheit  und  Schamlosigkeit 

Seite  157.  Mr.  Franks  bezeichnet  den  leitenden  Gmndzug  des  Cha- 
rakters der  Bergleute  im  östlichen  Schottland  als  einen  totalen  Mangel 
aller  Energie,  und  diesem  schreibt  er  es  zu,  dass  sie  keine  Verbrechen 
begehen.  Er  sagt:  „Deijenige  District,  den  ich  durchforscht  habe,  bietet 
den  Anblick  einer  arbeitsamen  unerzogenen  Bevölkerung  dar,  die  nicht  zu 
klagen  pflegt  und  wenig  Laster  hat,  aber  sowohl  an  religiösem  als  intellec- 
tuellem  Wissen,  an  mondischem  Math  und  Untemehmungskraft,  an  jedem 
Sinn  für  Behaglichkeit,  selbst  häuslicher  Art,  allen  anderen  Classen  nach- 
steht; und  dennoch  weist  ihr  Znstand  im  Vergleich  mit  Anderen,  die  mo- 
ralisch und  intellectuell  höher  stehen,  einige  gute  Züge  auf.  Sie  sind  stets 
gegen  ihre  Arbeitgeber  nicht  nur  artig,  sondern  haben  dieselben  oft  herz- 
lich lieb,  und  niemals  kommt  bei  ihnen  ein  so  freches  und  unhöfliches  Be- 
nehmen vor  wie  bei  den  Fabrikarbeitern;  sie  hören  die  Geistlichen  gern 
und  sehr  ernsthaft  an;    sie  zeigen  und  empfinden  wahrscheinlich  auch 


744  Belegstellen. 

weniger  Neid  auf  den  Rang  und  Reichthum  ihrer  Vorgesetzten  als  andere 
Arbeiter,  und  sie  mischen  sich  weniger  in  politische  Streitfragen  ein."  Ich 
habe'',  fährt  er  fort,  „meine  Forschungen  inmitten  einer  Bevölkerung,  die 
7000— 8000  Familienhäupter  umfasste,  angestellt;  die  Existenz  dieser  Leute 
war  eine  rein  thierische  ohne  irgend  einen  religiösen  Charakter,  ohne  poL- 
tische  Richtung,  ohne  politische  Vertretung  —  kurz,  ohne  irgend  einen 
politischen  Status  überhaupt^ 


Die  Aenderung,  die  im  Forest  of  Dean  erzielt  worden  ist,  ist  so 
durchgreifend^  dass  die  Bergleute  dieser  Districte  im  Ganzen  und  Grossen 
jetzt  in  der  Erfüllung  ihrer  gesellschaftlichen  und  moralischen  Pflichten 
exemplarisch  sind,  und  es  ist  jetzt  ebenso  bemerkenswerth  ¥rie  fleissig  sie 
dem  Gottesdienst  beiwohnen,  wie  es  früher  auffallend  war,  wie  sie  den 
Sabbath  durch  Gesetzwidrigkeiten,  Gewaltthätigkeiten,  rohe  Vergnügungen 
und  wüste  Gelage  schändeten.  Mr.  H.  H.  Jones  sagt:  „Die  Aufgabe  die- 
ser Umgestaltung  hatten  die  Dissenters  sich  gestellt,  und  so  wenig  ver- 
heissend,  ja  hoffnungslos  sie  erschien,  so  hat  doch  durch  ein  treues  Fest- 
halten an  dem  einmal  gefassten  Plane  der  ganze  Volkscharakter  eine  Aen- 
derung erfahren,  und  mehr  ist  erreicht  worden,  als  man  anfangs  erwar- 
ten konnte. 

Die  Dissenters  haben  viele  Jahre  lang  aufs  Eifrigste  daran  gearbeitet, 
die  religiöse  Belehrung  den  Leuten  genehm  zu  machen,  sie  haben  die 
heilige  Schrift  zu  verbreiten  und  unter  den  niederen  und  Mittelclassen 
eine  Kenntniss  der  christlichen  Lehren  zu  pflegen  gesucht  Ueberall  zeigt 
sich  der  Erfolg  dieses  Eifers  in  den  zahllosen  Capellen,  welche  in  den 
letzten  dreissig  Jahren  entsUinden  sind.  Das  nöthigeGeld  dazu  haben  die 
Taschen  der  Farmers,  der  kleinen  Handwerker,  der  arbeitenden  Classen 
geliefert,  indem  in  den  Capellen  Penny-Subscriptionslisten  aufgelegt  waren, 
zu  welchen  sogar  Knaben,  die  schon  etwas  verdienten,  beitrugen.  Auch 
in  dem  äusserst  regen  Besuch  der  Capellen,  in  dem  Verlassen  der  Kir- 
chen sowie  in  den  veredelten  moralischen  und  religiösen  Gewohnheiten 
des  Volkes  wird  der  Einfluss  jener  Dissenters  ersichtlich. 

Obgleich  die  Geistlichen  in  North  Wales  sich  allmälig  aus  der 
Lässigkeit,  mit  der  sie  bis  dahin  ihre  kirchlichen  Angelegenheiten  betrie- 
ben hatten,  aufraffen,  so  ist  doch  trotz  dieser  Bemühungen  die  Kirche 
noch  ziemlich  schlecht  versehen,  sowohl  in  Bezug  auf  Gotteshäuser  als 
auf  Geistliche. 

Die  Dissenters  haben  überall  erreicht,  was  der  Staatskirche  noch  nicht 
zu  erlangen  möglich  war,  sie  haben  überall  Capellen  errichtet,  und  ihre 
trotz  aller  Schwierigkeiten  doch  erfolgreiche  Thätigkeit  liefert  den  Be- 
weis, „wie  sehr  es  von  sorgfältiger  und  dauernder  Belehrang  abhängt,  ob 
die  zu  grossen  Arbeiten  zusammenströmenden  Massen  sich  gut  auffuhren 


M.  Frauen  and  Kinder  in  den  Gewerben.  745 

und  moralisch  und  religiös  sind,  oder  ob  sie  zänkisch,  gottlos,  schamlos 
und  dem  Trünke  ergeben  sind.** 

Mr.  Waring  sagt  von  der  Aenderung,  die  bei  den  Bergleuten  in  South 
Gloncestershire  und  in  dem  Forest  of  Dean  erzielt  worden  ist: 

„Durch  die  Bestrebungen  jener  grossen  Eleformatoren  des  Lebens 
und  der  Sitten,  des  berOhmten  Wesley  und  Whitfield,  ward  ein  Werk  be- 
gonnen, welches  seitdem  in  stetem  Fortschreiten  begriffen  ist,  indem  nicht 
nur  ihre  Schüler,  sondern  auch  die  von  der  Nationalkirche,  von  ihrem 
Beispiel  angespornt  und  hingerissen,  in  ihre  Fusstapfen  traten.  Für  den- 
jenigen, der  die  Gegend  vor  vierzig  Jahren  kannte,  und  zu  diesen  gehöre 
ich  selbst,  ist  es  interessant,  die  Folgen  dieser  Thätigkeit  zu  sehen,  wenn 
man  den  jetzigen  Zustand  mit  dem  damaligen  vergleicht,  wt>  Scandale  an 
der  Tagesordnung  waren  und  man  in  einer  beständigen  Furcht  vor  ge- 
waltthätigen  Angriffen  auf  das  Eigenthum  und  die  allgemeine  Sicherheit 
lebte.  Man  konnte  damals  durch  einige  der  Dörfer  und  Weiler  nicht 
reiten,  ohne  sich  den  Beschimpfungen  der  Knaben  auszusetzen,  die  ohne 
jede  Provocation  Pferd  und  Reiter  mit  Steinen  warfen.  Die  „Kingswood- 
Bergleute*',  das  war  damals  ein  Ausdruck,  der  alles  in  sich  schloss,  was  im 
Gegensatz  zur  Bildung,  Ordnung  und  Religion  stand.  Jetzt  haben  die 
Leute  dort  vielleicht  eben  so  anständige  Manieren,  als  man  überhaupt  bei 
der  Mehrzahl  der  Bewohner  ländlicher  Districte  findet;  die  vielen  Stätten 
der  Andacht  sind  gut  besucht,  unter  den  Bergleuten  befinden  sich  viele 
Mitglieder  der  verschiedenen  religiösen  Gemeinden.  Jede  öffentliche  Ent- 
weihung des  Sabbaths  wird  sehr  ernstlich  gerügt',  sogar  von  Solchen,  die 
sich  nicht  zum  Glauben  bekennen,  die  aber  ehrbar  und  nüchtern  in  ihren 
Gewohnheiten  sind.  In  Verbindung  mit  den  meisten  der  parish-Kirchen 
sind  schon  seit  langer  Zeit  Nationalschulen  gegründet  worden ,  und  der 
von  ihnen  erzielte  Fortschritt  bei  der  heranwachsenden  Generation  steht 
im  Verhältniss  zu  dem  Umfang  ihrer  Bestrebungen.** 

Drei  freie  Kirchen  und  damit  in  Verbindung  stehende  Schulen  sind 
im  Forest  enstanden;  in  zwei  bestimmten  Orten  sind  es  Wesleyaner  und 
Independenten,  welche  durch  ihren  Einfluss  vielen  Nutzen  stiften,  während 
an  der  südwestlichen  Grenze  die  Baptisten  überwiegend  sind  und  sogar 
<;inige  der  wohlhabendsten  Kohlenbergwerkbesitzer  zu  den 'Ihrigen  zählen. 

In  Coleford,  Clearwell  und  Bream  sind  Capellen  und  Schulen  entstan- 
den. Die  aEnglish  Bicknor-National-School**  wird  von  vielen  Kindern  aus 
dem  Kohlendistrict  bei  Lydbrook  und  von  Kindern  aus  den  2iinnwerken 
in  jenem  Dorfe  besucht  Zwei  Kleinkinderschulen  hängen  damit  zusammen. 
„Im  Ganzen  können  die  Nationalschulen  in  den  Grenzen  des  Forest  un- 
gefähr 1500  Kinder  versorgen  und  in  diesem  Augenblick  werden  factisch 
ungefähr  850  Kinder  dort  unterrichtet** 


746  Belegstellen. 

5.    ZosammenfassuDg  über  den  moralischen  Zustand  der  Kinder  in 

Bergwerken,  Gewerben  nnd  Manufactoren. 

Children's  Employment  Report  II,  1848,  S.  199  ff. 

1.  Es  giebt  nur  wenige  Classen  dieser  „in  numbers"  zusammenarbeiten- 
den Kinder  und  jungen  Leute,  die  nicht  grossentheils  in  einem  Zu- 
stand beklagenswerther  moralischer  Verkommenheit  leben. 

2.  Diese  niedrige  Stufe  des  moralischen  Zustands  prägt  sich  in  einer  all- 
gemeinen  Unkenntniss  der  moralischen  Pflichten  und  Vorschriften  aus, 
wie  in  dem  Mangel  an  moralischer  und  religiöser  Zucht,  wie  dies  bei 
einigen  sich  hauptsächlich  durch  gemeine  Manieren  und  ruchlose  und 
ungeziemende  Reden  äussert,  bei  andern  durch  eine  grobsinnliche  Un- 
moralität,  die  schon  in  sehr  jungen  Jahren  bei  beiden  Geschlechtem 
vielfach  vorkommt. 

8.  Dieser  gänzliche  Mangel  an  sittlicher  Zucht  kommt  daher,  dass  es  im 
Allgemeinen  an  jeglicher  moralischer  und  religiöser  Erziehung  fehlt; 
dass  es  verhältnissmässig  selten  in  diesen  Classen  ist,  dass  die  Kinder 
das  Glück  haben,  moralische  religiöse  Eltern  zu  besitzen,  die  sie  be- 
lehren und  leiten;  im  Gegentheil  wurzelt  ihr  trauriger,  moralischer 
Zustand  oft  gerade  in  der  Verkommenheit  der  Eltern,  die  ihren  Kin- 
dern weder  ein  gutes  Beispiel  zu  geben,  noch  irgend  welche  wohl- 
thätige  Aufsicht  über  deren  AufifÜhrung  zu  fllhren  vermögen,  da  sie 
selbst  aufgewachsen  Rind,  ohne  dass  ihnen  tugendhafte  Sitten  gelehrt 
worden  wären. 

4.  Da  sich  die  Eltern  gewöhnlich  durch  Unbedachtsamkeit  in  Noth  be- 
finden, so  werden  sie  dadurch  gezwungen,  die  Kinder  an  die  Arbeit 
zu  stellen,  sobald  sie  nur  den  allergeringsten  pecuniären  Nutzen  dar- 
aus ziehen  können;  der  aus  dieser  in  so  zartem  Alter  begonnenen 
Arbeit  wahrscheinlich  entstehende  schädliche  Eiufluss  auf  die  Ge- 
sundheit der  Kinder  macht  ihnen  wenig  Sorge,  und  noch  weniger 
kümmern  sie  sich  darum,  dass  die  geistige  Ausbildung  der  Kinder  da- 
durch, diiss  sie  die  Schule  so  frühzeitig  wieder  verlassen  müssen,  sehr, 
wenn  nicht  ganz  vernachlässigt  werden  muss.  Wenn  man  sie  fragt, 
so  sprechen  sie  selten  in  Hinsicht  auf  den  Scliutz  und  das  Wohl  ihrer 
Kinder  den  Wunsch  nach  geregelten  Arbeitsstunden  aus,  wohl  abor 
geben  sie  beständig  ihren  Befürchtungen,  irgend  eine  gesetzliche  Be- 
stimmung könne  ihnen  den  Profit  von  der  Arbeit  ihrer  Kinder  rau- 
ben, den  lautesten  Ausdruck.  Der  natürliche  elterliche  Trieb,  während 
der  frülien  Kinderjahre  für  des  Kindes  Unterhalt  zu  sorgen,  ist  in 
sehr  vielen  Fällen  gänzlich  erloschen,  ja,  die  Ordnung  der  Natur  wird 
umgekehrt,  indem  die  Kinder  ihre  Eltern  unterhalten,  anstatt  von 
ihnen  unterhalten  zu  werden. 

5.  Weil  die  Mädchen  so  früh  ihr  Heim  und  die  Tagesschulen  verlassen, 
um  irgend  eine  Arbeit  zu  erlernen,  so  fehlt  ihnen  Gelegenheit  und 


M.  Frauen  und  Kinder  in  den  Gewerben.  747 

Zeit,  sich  die  Fähigkeiten  zu  erwerben,  die  ihnen  später  am  nothwen- 
digsten  sind,  wenn  sie,  zu  Frauen  herangewachsen,  eigene  Familie 
haben  und  dann  den  Verdienst  ihres  Mannes  zusammenhalten  und  es 
in  ihrer  Häuslichkeit  nett  und  behaglich  machen  sollen.  Sie  sind  nicht 
im  Stande,  Handarbeiten  zu  erlernen  und  sich  Sinn  für  Reinlichkeit, 
Nettigkeit  und  Ordnung  anzugewöhnen.  Dieser  Mangel  an  hausfrau- 
licher Befähigung  unter  den  Frauen  dieser  Klasse  wird  von  Geist- 
lichen, Lehrern,  Aerzten,  Arbeitgebern  und  andern  Zeugen  als  eine 
mächtige  und  allgemein  herrschende  Ursache  von  viel  Elend  und  Ver- 
brechen unter  den  arbeitenden  Classen  bezeichnet 

6.  Es  ist  selbst  bei  den  Besten  unter  den  Arbeitgebern  selten,  dass  sie 
für  das  moralische  Wohl  ihrer  jungen  Arbeiterbevölkerung  mehr  thun, 
als  in  den  Werkstätten  gedruckte  Statuten  aufzuhängen,  in  welchen  die 
Pflichten  und  das  Benehmen  der  Kinder  vorgeschrieben  sind  und  worin 
den  erwachsenen  Arbeitern  das  Schlagen  oder  sonstige  Misshandeln 
derselben  untersagt  wird.  Allein  weder  die  Arbeitgeber  selber  noch 
ihre  Agenten  kümmern  sieb  persönlich  darum,  dass  auch  diesen  Sta- 
tuten gemäss  gehandelt  werde.  In  den  meisten  Fällen  geschieht  aber 
selbst  dies  Wenige  nicht ;  sondern  jede  Verbindung  zwischen  Arbeit- 
geber und  jugendlichen  Arbeitern  hört  auf,  sobald  die  Letzteren,  nach- 
dem sie  zu  bestimmter  Stunde  in  die  Werkstatt  gekommen  sind,  wäh- 
rend der  Arbeitszeit  ununterbrochen  fortgearbeitet  und  ihr  Tagewerk 
vollendet  haben,  den  Heimweg  antreten. 

7.  Es  giebt  Beispiele,  wo  sowohl  Knaben  und  Mädchen,  ¥rie  junge  Männer 
und  junge  Frauenzimmer  ihre  Arbeit  in  getrennten  Räumen  verrich- 
ten, allein  es  ist  dies  sehr  selten;  gewöhnlich  arbeiten  sie  nicht  nur 
in  demselben  Zimmer,  sondern  sie  kommen  bei  der  Arbeit  oft  in  noch 
grössere  Nähe  zu  einander,  wie  in  den  Leinwand-,  Wollen-,  Seiden- 
oder Flachsfabriken,  und  es  stimmen  alle  Zeugen  darin  Qberein,  die- 
sem Umstand  eine  sehr  demoralisirende  Wirkung  zuzuschreiben. 

8.  In  den  meisten  Fällen  stehen  die  juiigen  Leute,  so  lange  sie  in  der 
Werkstatt  sind,  unter  der  Controlle  und  Fürsorge  der  erwachsenen 
Arbeiter,  sind  deren  Diener  und  werden  von  ihnen  gedungen  und  be- 
zahlt; nach  der  Arbeit  aber  finden  sie  keinerlei  Art  von  Au&icht 
mehr  sondern  können  ihre  Zeit  nach  Belieben  benutzen. 

9.  Trotzdem  sie  ihre  Jugendzeit  in  so  höchst  ungünstiger  und  verderb- 
licher Atmosphäre  zubringen,  entgehen  doch  viele  dieser  Kinder  und 
jungen  Leute  einem  permanenten  Verkommen  und  werden  im  späteren 
Leben  ebenso  achtbar  und  anständig,  wie  andere  Leute  ihrer 
Classe;  doch  ist  dies  nicht  der  gewöhnliche  Verlauf;  denn  bei  sehr 
grossen  Massen  dieser  Kinder  und  jungen  Leute  zeigen  sich  die  viel 
natürlicheren  Wirkungen  eines  Zustandes,  in  welchem  sie  schon  in  so 
jungen  und  unreifen  Jahren  die  vollständigste  Unabhängigkeit  besitzen 
und  folglich  in  ihrer  Kindheit  Gewohnheiten  annehmen,  die  f&r  die 


748  Belegstellen. 

Zukunft  ihre  Gesundheit,  Brauchbarkeit  und  Zufriedenheit  gänzlich 
untergraben. 

10.  Das  Unheil,  welches  aus  so  frühzeitig  betretenen  und  oH  bis  zum 
Lebensende  inne  gehaltenen  Abwegen  entspringt,  führt  nicht  selten 
ausser  dem  Ruin  des  Einzelnen  auch  den  Anderer  herbei,  die  das 
böse  Beispiel  angesteckt  hat;  es  werden  F&lle  erwähnt,  wo  sich  Jüng- 
linge verbündet  haben,  um  so  vereint  Verbrechen  und  Gewaltth&tig- 
heiten  auszuüben. 

11.  Viele  Zeugen,  unter  denen  besonders  viele  Arbeitgeber  und  Aufseher, 
schreiben  die  in  jüngster  Zeit  in  verschiedenen  Districten  aasgebro- 
chenen Putsche  der  noch  bei  weitem  verderblicheren  Unwissenheit  und 
Leichtgläubigkeit  der  Erwachsenen  zu,  welchen  die  jetzige  Generation 
vollständig  älmlich  werden  muss,  wenn  keine  Wege  zu  ihrer  mora* 
lischen  Hebung  eingeschlagen  werden.  In  dieser  Unwissenheit  und 
Leichtgläubigkeit  glauben  die  Zeugen  mit  Gewissheit,  die  wahre  Quelle 
dei^  einflussreichen  Macht  der  Agitatoren  zu  erkennen,  die  wahre  Ur- 
sache, warum  es  den  Unruhstiftern  gelingt,  eine  so  grosse  Volksmasse 
zu  gängeln  und  zu  täuschen. 

12.  Derjenige  Einflass,  von  dessen  Wirksamkeit  eine  Reaction  gegen  alle 
diese  schlechten  Tendenzen  zu  erwarten  wäre,  nämlich  der  einer  sowohl 
weltlichen  wie  religiösen  Bildung,  ist  von  solch  beklagenswerther 
Schwäche,  dass  in  allen  Districten  grosse  Einderschaaren  ohne  die  ge- 
ringste religiöse,  moralische  oder  intellectuelle  Zucht  aufwachsen;  es 
wird  nichts  gethan,  um  sie  an  Ordnung,  Massigkeit,  Ehrlichkeit  und 
Vorbedacht  zu  gewöhnen  oder  nur  um  sie  dem  Laster  und  Verbre- 
chen fcni  zu  halten. 

13.  Weder  in  den  neuen  Kohlen-  und  Bergwerkdistricten,  die  plötzlich  eine 
grosse  Menschenmenge  in  neuen  Oertlichkciten  versammelt  haben,  noch 
in  den  plötzlich  durch  den  grossen  Erfolg  irgend  eines  neuen  Gewerbs- 
zweiges emporgekommenen  Städten  findet  man  irgendwelche  Vorsorge 
fxir  Errichtung  von  Schulen  mit  gut  qualificirten  Lehrern  oder  für  die 
Beschaffung  der  erforderlichen  Mittel  zur  moralischen  und  religiösen 
Belehrung  und  Zucht  oder  für  die  Befriedigung  geistiger  Bedürfhisse 
des  Volkes.  Gewöhnlich  ist  auch  keine  Vorsorge  getroffen,  um  die 
bildenden  und  religiösen  Institutionen  in  das  richtige  Verhältniss  zu 
der  Grösse  der  Bevölkerung  zu  bringen. 

14.  In  nicht  einem  District  sind  die  f^  die  Schulen  bestimmten  Mittel 
den  Bedürfnissen  des  Volkes  entsprechend ;  in  einigen  Districten  aber 
ist  der  Mangel  so  augenfällig,  dass  Geistliche  und  andere  Zeugen  aus- 
sagen, dass  die  factisch  cxistirenden  Schulen  nicht  für  ein  Drittel 
der  Bevölkerung  ausreichend  seien. 

15.  Wären  die  Schulen  aber  auch  in  noch  so  grosser  Anzahl  vorhanden, 
und  noch  so  vortrefflich,  so  würden  sie  doch  für  einen  grossen  Theil 


M.  Fraoen  and  Kinder  in  den  Gewerben.  749 

der  arbeitenden  Kinder  so  gnt  wie  nicht  vorhanden  sein,  weil  die- 
selben schon  so'  früh  zur  Arbeit  angestellt  werden. 

16.  Viele  Kinder  und  jungen  Leute  besuchen  keine  Tagesschule,  ehe  sie 
anfangen  zu  arbeiten.  Diejenigen  selbst,  die  ftür  eine  kurze  Zeit  diese 
Schule  besuchen ,  müssen  sie  meistens  schon  im  Alter  von  fünf,  sechs 
sieben  oder  acht  Jahren  wieder  verlassen,  weil  sie  auf  Arbeit  geschickt 
werden;  sehr  selten  kommt  es  vor,  dass  sie  nach  einmal  begonnener 
regelmässiger  Arbeit  noch  eine  Abendschule  aufsuchen. 

17.  Die  Bildung  der  in  Gewerben  und  Manufacturen  beschäftigten  Kinder 
wird  so  sehr  vernachlässigt,  dass  in  mehreren  Districten  kaum  mehr 
als  die  Hälfte  aller  arbeitenden  Kinder  in  Wochen-  oder  Sonntagsschulen 
geschickt  werden;  in  anderen  zeigte  es  sich  bei  einem  Examen,  dass 
zwei  Drittel  nicht  lesen  konnten;  und  in  einem  District  erhielt  die 
grosse  Mehrzahl  gar  keinen  Unterricht. 

18.  In  allen  Districten  gehen  viele  Kinder  und  junge  Leute,  ob  sie  in 
Kohlen-  oder  Eisenbergwerken  oder  in  Handel  und  Grewerbe  thätig 
sind,  nie  zur  Schule  und  Einige  haben  überhaupt  nie  eine  Schule  be- 
sucht. 

19.  Es  ist  durchschnittlich  der  Fall,  dass  die  Kinder,  die  in  keine  Schule 
gehen,  auch  keinen  Gottesdienst  besuchen. 

20.  Diejenigen  Kinder,  welche  in  Kohlen-  und  Eisenbergwerken  arbeiten, 
sind  gewöhnlich  von  den  Anstrengungen  ihres  Tagewerkes  zu  er- 
schöpft, um  noch  mit  dem  geringsten  Nutzen  Abends  eine  Schule  be- 
suchen zu  können;  in  den  verschiedenen  Fällen,  wo  man  in  England 
versucht  hat  die  Kinder  daran  zu  gewöhnen  und  wo  Abendschulen  er- 
richtet worden  sind,  war  es  nicht  möglich,  die  in  Kohlen-  und  Eisen- 
gruben beschäftigten  Kinder  zum  Besuch  derselben  zu  bringen;  in 
den  das  Unterrichtswesen  betreffenden  Berichten,  die  wir  von  Schott- 
land erhalten,  wird  auch  gewöhnlich  erwähnt,  dass,  während  im  All- 
gemeinen Kinder  und  junge  Leute,  die  während  des  Tages  in  verschie- 
denen Gewerben  arbeiten,  die  Abendschulen  zu  besuchen  pflegen,  die 
Kinder  der  Bergleute  niemals  dahin  kommen. 

21.  Selbst  in  den  wirklich  existirenden  und  mit  entsprechenden  Mitteln 
versehenen  Schulen  haben  die  Lehrer,  mit  wenigen  überraschenden 
Ausnahmen,  nicht  im  geringsten  die  für  ihr  Amt  erforderlichen  Fähig- 
keiten, da  sie  gewöhnlich  selbst  während  zu  kurzer  Zeit  unterrichtet 
und  ausgebildet  worden  sind,  um  sich  viele  Kenntnisse  anzueignen 
oder  um  sich  mit  einer  richtigen  Lehrmethode  vertraut  zu  machen. 

22.  Fast  immer  hängt  von  den  Sonntagsschulen  allein,  nach  einmal  be- 
gonnener Arbeit  der  Kinder  und  jungen  Leute ,  die  Bildung  und  die 
sittliche  und  religiöse  Zucht  derselben  ab;  die  Lehrer  übernehmen  den 
Unterricht  an  den  Sonntagsschulen  in  höchst  verdienstlicher  Weise 
freiwillig;  doch  sind  ihre  Leistungen  stets  sehr  schwach  und  systemlos. 


750  Belegstellen. 

23.  In  allen  Distrikten  stellte  sich  beim  Examen  heraus,  dass  sehr  viele 
Kinder,  welche  während  eines  Zeitranmes  Ton  fünf  bis  neun  Jahren 
Jahren  regelmässig  die  Sonntagsschulen  besucht  hatten,  nicht  im 
Stande  waren,  ein  leichtes  Buch  zu  lesen  oder  das  gewöhnlichste 
Wort  zu  buchstabircn;  auch  kam  nicht  nur  die  grösste  Unkenntniss 
der  christlichen  Grundsätze,  Lehren  und  Vorscliriften  zu  Tage,  son- 
dern sie  wussten  auch  absolut  nichts  von  den  Erzählungen  der  hei- 
ligen Schrift  oder  von  den  dort  am  häufigsten  vorkommenden  Namen. 

24.  Beim  Examen  stellte  sich  femer  überall  heraus,  dass  viele  Kinder, 
welche  von  der  Schule  abgegangen  waren  mit  dem  Zcugniss,  dass  sie 
lesen  könnten,  nur  gerade  die  Buchstaben  des  Alphabets  kannten; 
nur  sehr  wenige  konnten  ein  leichtes  Buch  ohne  Mühe  lesen;  und  in 
Schottland  konnte  von  den  als  schreibenkönnend  Entlassenen  nicht 
der  fünfte  Theil  ihre  Namen  leserlich  niederschreiben;  unter  ftüi&ig 
Kindern  fand  sich  kaum  eines,  das  gut  genug  zu  schreiben  vermochte 
um  das  Erlernte  zu  irgend  welchem  nützlichen  Zw^ecke  zu  verwerthen. 

25.  Selbst  unter  denjenigen,  die  flüssig  lesen  konnten,  fanden  sich  bei 
Befragung  sehr  wenige,  die  irgend  eine  Vorstellung  mit  den  Worten^ 
die  sie  aussprachen,  verbanden,  oder  die  im  Stande  waren,  den  Exa- 
minatoren einige  anscheinend  sehr  leichte  und  einfache  Benennungen 
und  Dinge  irgendwie  verständlich  zu  erklären,  so  dass  diese  Kinder 
in  vielen  Fällen,  obschon  sieJalire  lang  so  zu  sagen  gebildet  worden 
waren,  ebenso  wenig  Yortheil  davon  hatten,  was  das  Erlernen  irgend 
welcher  nützlicher  Kenntnisse  oder  die  Ausbildung  zu  irgend  welchem 
durch  Bildung  erreichbaren  höheren  Zwecke  anbelangt,  als  wenn  sie 
die  Schule  niemals  besucht  hätten. 

26.  Einige  wenige  Kinder,  welche  in  den  besten  Schulen  gewesen  waren, 
bewiesen  zwar  beim  Kxamen,  dass  sie  sich  genug  Elementarbildung 
angeeignet  hatten,  um  darauf  hin  mit  einigem  Recht  hoffen  zu  dür- 
fen, dass  dieselbe  so  in  ihnen  nachreifen  werde,  um  ihnen  im  späteren 
Leben  von  walirhaftem  Nutzen  zu  sein;  doch  die  grössere  Masse  der 
Kinder  waren  über  alle  weltlichen  und  religiösen  Fragen  im  Zustand 
der  absolutesten  Unwissenheit. 

27.  Unter  den  Kindern,  welche  in  Zinn,  Kupfer-,  Blei-  und  Zinkbergwer- 
ken arbeiten,  und  die  in  sehr  viel  späterem  Alter  als  in  den  Kohlen- 
und  Eisenbergwerken,  oder  im  Handel  und  Gewerbe  üblich  ist,  erst 
zu  dieser  unterirdischen  Arbeit  lierangezogen  werden,  befinden  sich 
sehr  Vi(»le,  die  die  Tagesschulen  für  eine  kürzere  oder  längere  Dauer, 
gewöhnlich  während  einig(T  Jahre  besuchen,  ehe  sie  anfangen  zu  ar- 
beiten, und  selbst  nachlier  nocli  in  die  Abendschulen  gehen,  da  in 
di(»sen  Bergwerken  die  Krstlingsarbeiten  weniger  anstrengend  sind,  als 
in  den  Kohlen-  und  Eisengruben. 

28.  Obgleich  selbst  in  diesen  Districten  die  für  die  intellectuelle,  sittliche 
und  religiöse  Zucht  und  Ausbildung   der  Kinder  vorhandenen   Mittel 


M.    Frauen  und  Kinder  in  den  Gewerben.  751 

überall  unzulänglich  sind,  so  ist  es  doch  besser  darum  bestellt,  wie 
in  den  Kohlengruben- Districten ;  die  Zahl  der  in  ersteren  wohnenden 
Kinder,  welche  einen  elementaren  Unterricht  erhalten,  übersteigt  bei 
weitem  die  Zahl  der  die  Schule  besuchenden  Kinder  in  letzteren  und 
gewöhnlich  geht  damit  eine  entsprechend  grössere  Intelligenz  und 
weit  besseres  Betragen  der  jungen  Leute  Hand  in  Hand. 

29.  Wie  traurig  auch  der  Zustand  der  Unwissenheit  und  Demoralisation 
unter  den  Classen  sein  mag,  die  diese  Untersuchung  umfasst,  so  ist 
doch  in  allen  F&Uen,  wo  man  sich  beharrlich  Mühe  gegeben  hat,  ihre 
Lage  zu  verbessern,  im  allgemeinen  ein  Erfolg  zu  constatiren,  ¥rie 
sich  dies  unter  anderem  in  einigen  Grubendistricten ,  besonders  im 
westlichen  England  und  in  Nord- Wales  kund  giebt,  wo  es  den  eifirigen 
und  aufopfernden  Bemühungen  der  Wesleyanischen  und  anderen 
Geistlichen  gelungen  ist,  Leute,  die  früher  fast  gesetzwidrig  lebten, 
ihre  freien  Stunden  mit  Lärmen  und  Ausschweifungen  zubrachten, 
sich  in  allerlei  rohen  Scherzen  gefielen,  die  der  Schrecken  der 
benachbarten  Gegend  waren  und  die  in  Bezug  auf  crasse  Ignoranz, 
Rohheit  und  Irreligiosität  kaum  ihres  Gleichen  in  irgend  einem  christ- 
lichen Lande  fanden  —  diese  Leute  doch  in  so  weit  zu  heben,  dass 
sie  jetzt  ebenso  gute  und  anständige  Sitten  haben,  ¥rie  man  sie  in 
den  ländlichen  Districten  antrifft. 

30  Alle  Zeugenclassen ,  besonders  aber  Arbeitgeber  und  deren  Agenten, 
stimmen  in  der  Aussage  überein ,  dass  die  gebildetsten  Leute  immer 
zugleich  die  besten  Arbeiter  sind,  die  regelmässigsten  in  ihren  Ge- 
wohnheiten, die  zuverlässigsten,  die  thatkräftigsten  im  Falle  einer 
Geschäftsbedrängniss  und  im  allgemeinen  in  der  Erfassung  und  Aus- 
ftlhrung  der  ihnen  gegebenen  Weisungen  die  gewandtesten  und 
promptesten.  Diese  Arbeiter  setzen  oft  ihren  Stolz  darein,  ihre  Ar- 
beit tadellos  und  ohne  Materialverschwendung  auszuführen;  siezeigen 
stets  Yerständniss  und  Bereitwilligkeit  für  irgend  welche  Neuerung, 
sei  es  in  Bezug  auf  den  zu  fabricirenden  Gegenstand  oder  auf  die 
Methode  der  Fabrikation,  wenn  der  Arbeitgeber  dieselbe  einmal  als 
Versuch  anwenden  will  oder  wenn  er  überzeugt  ist,  dass  er  damit 
einen  Fortschritt  erzielt;  während  die  unwissenden  und  in  Vorurtheilen 
befangenen  Arbeiter  hingegen  sich  immer  aller  sich  ihnen  bieten- 
den Gelegenheiten  und  Mittel  bedienen,  um  den  Erfolg  des  Ver- 
suches zu  vereiteln  oder  der  Einführung  der  Neuerung  Schwierig- 
keiten zu  bereiten.  Die  gebildeteren  Leute  sind  im  Falle  einer  Dis- 
cussion  oder  eines  Streits  wegen  der  Löhne  oder  sonst  einer  Ursache 
stets  einer  vernünftigen  Ueberlegong  zugänglicher;  sie  üben  oft  einen 
äusserst  wohlthätigen  Einfluss  auf  ihre  ungebildeteren  und  weniger 
intelligenten  Mitarbeiter  aus;  und  sie  sind  ohne  Unterschied  stets 
respectvoller  in  ihrem  Betragen  und  in  ihrer  Gesinnung  gegen  Höher- 


752  Belegstellen. 

stehende,  weniger  misstraoisch  and  überhaupt  einer  gewissen  Zonei- 
gong  fähiger. 
81.  In  allen  Districten  sprechen  die  bestunterrichteten  Zeugen  dringend 
den  Wunsch  aus,  dass  bei  irgend  welcher  gesetzlicher  Anordnung 
behufs  Verkürzung  der  jetzigen  Arbeitszeit  der  Kinder  zugleich  toU- 
ständig  genügende  Mittel  angewiesen  würden,  um  den  Vielen,  die 
auf  diese  Weise  Zeit  gewinnen,  die  Schule  zu  besuchen,  üntoricht 
und  Bildung  angedeihen  lassen  zu  können. 

S2.  Selbst  auf  Kosten  persönlicher  Opfer  und  Entbehrungen  sind  viele 
Eltern  ängstlich  darauf  bedacht,  ihren  Kindern  nicht  nur  gute  und 
ausreichende  Kost  und  Kleidung,  sondern  auch  eine  bestmögliche 
Erziehung  zu  verschaffen  und  sie  überwachen  selbst  nach  besten 
Kräften  der  Kinder  Unterricht  und  Betragen;  doch  ist  dies  nicht  bei 
der  Mehrzahl  der  Fall.  Auch  unter  den  Vorstehern  grösserer 
Etablissements  und  den  Besitzern  von  Bergwerken  und  Fabriken 
treten  zuweilen  eifrige  Bestrebungen  zu  Tage  um  den  bei  ihnen  arbei- 
tenden Kindern  und  jungen  Leuten  nicht  nur  in  den  Zwischenzeiten 
unschuldige  und  gesunde  Vergnügungen  und  Zerstreuungen  zu  ermög- 
lichen, sondern  ihnen  auch  die  Mittel  zu  verschaffen,  sich  in  intelleo- 
tueller,  sittlicher  und  religiöser  Hinsicht  zu  belehren  und  zu  bilden; 
die  eigene  persönliche  Aufsicht  und  Vorsorge  der  Fabrikherren  trägt 
viel  dazu  bei,  die  Arbeiter  richtig  zu  lenken  und  sie  zu  vermögen, 
die  ihnen  gebotenen  Bildungsmittel  auch  zu  wirklichem  Nutzen  zu 
gebrauchen. 

84.  In  solchen  Fällen  ist  die  Aufführung  der  Arbeiter,  ob  jung  oder  alt, 
immer  die  beste  und  ordentlichste,  und  es  gehen  aus  ihnen  die  ge- 
schicktesten und  schätzbarsten  Leute  hervor;  und  diese  Classe  der 
Arbeitgeber  spricht,  neben  den  Klagen  über  die  grossen  und  entmuthi- 
genden  Schwierigkeiten,  mit  denen  sie  zu  kämpfen  haben,  da  gar 
kein  Zusammenwirken  der  Arbeitgeber  stattfindet,  doch  ihre  Ueber- 
zeugung  aus,  welche  sie  in  ihren  eigenen  erfolgreichen  Bestrebungen 
gewonnen  haben :  dass  ein  allgemeines:  Bildungssystem  zum  allergröss- 
ten    Segen  für   die   Arbeiterclassen   und   das    Land  werden  würde. 


N. 

Zu  Seite  612,  Anmerkung  1. 

Das  Gang-System. 

Report  on  the  employment  of  Women  and  Children  in  agri- 
culture,  London  1843,  S.  220  ff. 

Vor  einigen  Jahren  befanden  sich  die  arbeitenden  Classen  in  Suffolk 
und  Norfolk  in  weit  besseren  Verhältnissen  als  jetzt,  in  Folge  der  allge- 


K.    Das  Gang -System.  753 

meinen  Verwendung  der  Frauen  und  Kinder  bei  der  Handspinnerei.  Die- 
ser Beschäftigung  wurde  durch  die  Maschinen  ein  Ende  gemacht,  und 
keine  andere  häusliche  Beschäftigung  wurde  gefunden,  die  ihre  Stelle  er- 
setzen konnte.  Aus  diesem  Grunde  ist  die  Bevölkerung  ausschliesslich 
laudwirthschaftlich ,  und  da  die  Einnahmen  und  die  Beschäftigung  der 
Familie  so  sehr  durch  den  Verlust  des  Spinnens  verringert  ist,  so  fruS 
ich  vielfach  nach,  ob  es  irgend  eine  Art  häuslicher  landwirthschaltlicher 
Thätigkeit  gäbe,  bei  welcher  die  Frauen  und  Kinder  nützlich  beschäftigt 
werden  könnten.  Das  Einzige,  was  ich  entdecken  konnte,  das  in  irgend  ' 
einer  Weise  die  Stelle  des  Spinnens  einzunehmen  fähig  wäre,  war  das 
Allotmentsystem.  —  So  wie  ich  das  „Allotmentsystem*'  (um  die  Worte 
des  Mr.  Hardley,  ehemaligen  Parlamentsmitglieds  für  Lincolnshire,  zu  ge- 
brauchen) „als  das  wohlthätigste  System,  das  man  nur  fCir  die  Armen  er- 
finden konnte^,  erkannte,  so  fand  ich  auf  der  anderen  Seite  ein  System, 
welches  in  seiner  >)atur  und  seinen  Folgen  das  gerade  Gegen theU  war 
nämlich  das  „Gangsystem^.  Glücklicherweise  ist  dies  letztere  local  (bis 
jetzt),  das  erstere  ist  auf  dem  Wege,  allgemein  zu  werden. 

Da  im  Kirchspiel  von  Castle  Acre,  bei  Litcham,  in  Norfolk  das 
„Gangsystem"  besteht,  sowie  auch  noch  in  einigen  anderen  Pfarreien,  und 
man  dasselbe  als  die  Ursache  vieles  Elends  und  vieler  Unsittlichkeit  an- 
sieht, so  untersuchte  ich  die  Sache  so  genau  als  ich  konnte  und  glaube 
im  Folgenden  seine  Bedeutung  klar  legen  zu  können. 

Wenn  ein  Landvrirth  in  oder  bei  Castle  Acre  eine  Arbeit  gethan  zu 
haben  wünscht,  die  viele  Leute  erfordert,  so  wendet  er  sich  an  einen 
„gangmaster^,  der  die  Arbeit  übernimmt  und  die  Arbeiter  stellt.  Er  bringt 
so  viel  Leute  als  nöthig  sind,  zusammen  und  schickt  sie  in  einem  „Gang" 
an  ihre  Arbeit,  welcher  in  den  meisten  Fällen  aus  Leuten  beider  Ge- 
schlechter und  jedes  Alters  besteht,  wenn,  wie  gewöhnlich,  die  Arbeit 
sowohl  von  Frauen  und  Kindern  wie  von  Männern  geleistet  werden  kann. 
Diese  werden  von  einem  Aufseher  zur  Arbeit  geleitet  und  wieder  heim- 
geführt, während  der  Arbeit  beaufsichtigt  und  ihr  Betragen  controllirt 
Dieses  System  bewährt  sich  sehr  für  den  Arbeitgeber  und  Gangmaster, 
aber  es  taugt  nichts  für  den  Arbeiter.  Ich  erfuhr,  dass  es  im  Allgemeinen 
von  Grund  aus  schlecht  sei,  dass  aber  in  Castle  Acre  viele  der  Uebel- 
stände  hauptsächlich  mit  den  besonderen  Zuständen  dieser  Gemeinde  zu- 
sammenhängen. 

Castle  Acre  ist,  was  man  ein  „offenes''  Kirchspiel  nennt,  d.  h.  es 
ist  in  den  Händen  vieler  Besitzer,  während  die  umliegenden  Kirchspiele 
nur  sehr  wenige  Besitzer  haben.  Diese  letzteren  erlauben  nicht  nur  keine 
neuen  Käthen  (cottages)  zu  bauen,  sondern  lassen  die  alten  verfallen, 
theilweise  um  die)  Armenlast  niederzuhalten,  theilweise  weil  sie  kein 
Geld  in  Kathenbauten  anlegen  mögen;  und  so  ziehen  die  Einwohner  die- 
ser Kirchspiele  nach  Castle  Acre,  weil  sie  ihre  eigenen  verlassen  müssen. 

Held,  80c  Qesch.  Engl.  48 


754  Belegstellen. 

So  kommt  es,  dass  Castle  Acre  überfüllt  ist  nit  Bewohnern,  die 
eigentlich  nicht  dazu  gehören  und  gewöhnlich  die  schlechtesten  Subjecte 
der  von  ihnen  yerlassenen  Kirchspiele  sind,  während  diese  der  Arbeiter 
ermangeln.  Durch  diesen  Zuzug  von  aussen  (steigt  in  Castle  Acre  die 
Wohnungsmiethe  und  müssen  die  Neuhinzugekommenen  enorme  Preise 
zahlen,  da  sie  in  den  Händen  der  Landbesitzer  dort  sind. 

Das  Yerhältniss  der  Bewohner  von  Castle  Acie  zu  den  der  dort 
Angesiedelten  aus  anderen  Gemeinden  stellt  sich  folgendermaassen: 

1  Geistlicher, 

4  Farmers, 

80  Gewerbtreibende  und  Tagelöhner, 
49  Arbeiter  mit  Familien,  zu  Castle  Acre  gehörig; 
12  arme  Wittwen,  ebenfalls  dahin  gehörig; 
103  Arbeiter  mit  Familien,  zu  anderen  Gemeinden  gehörig. 

Wie  sehr  diese  Ursachen  gewirkt  haben,  die  Arbeiter  von  den  um- 
liegenden Gemeinden  fortzuscheuchen,  so  dass  dort  Arbeitermangel  ist, 
zeigen  die  Zahlen  der  Höfe  (farms),  wo  die  „Castle- Acre-Gangs"  beschäf- 
tigt werden. 

Auf  23  Höfen  in  10  Kirchspielen  werdeufGangs  von  Castle  Acre  ver- 
wendet. 

Da  dieses  System  sich  für  die  Arbeitgeber  als  sehr  brauchbar  er- 
wies, so  wurden  immer  mehr  Arbeiter  nach  Castle  Acre  gezogen ,  die  alle 
nach  Arbeit  suchten. 

So  wurde  diese  Gemeinde  allmälig,  wie  einer  der  Aufseher  sich  aus- 
drückte: „der  Unterschlupf  für  alle  die  in  der  Klemme  sassen;  wenn  eiu 
Mann  oder  eine  Frau  etwas  Unrechtes  gethan  haben,  so  kommen  sie  hier- 
her und  glauben,  dass  sie  hier  sicher  sind." 

Diese  Angabe  wird  erläutert  durch  einen  Brief  von  einem  Mr.  Hud- 
son aus  Castle  Acre,  der  unter  anderem  die  Schuld  der  Verkommenheit 
der  dortigen  Arbeiter  dem  Mangel  einer  genügenden  x\utorität  zuschreibt, 
da  die  Behörden  8V2  Meilen  entfernt  sind.  Er  sagt:  „Ich  glaube,  dass 
viel  zur  ^lilderung  des  Uebels  gethan  werden  könnte,  wenn  wir  einen  Be- 
amten (magistrate)  in  der  Gemeinde  wohnen  hätten." 

Um  die  Gründe  für  das  System  zuerst  anzugeben,  so  sagt  Mr.  Denison 

Es  ist  vortheilhaft : 

I.Für  den  Arbeitgeber;  er  bekommt  seine  Arbeit  schnell, 
gut  und  sehr  billig  gethan; 

2.  für  den  Gangmaster,  den  das  System  zum  Herren  macht, 
während  er  ausserdem  Arbeiter  wäre;  dem  es  grosse  Macht  und  eine  un- 
bestimmbare Art  von  Einfluss  gewährt;  den  es  in  den  Stand  setzt,  Geld 
zu  enverben,  nicht  nur  als  Gangmaster  sondern  auch  als  Verkäufer  von 
Lebensmitteln  an  die  Gang-Leute; 


N.    Das  Gang -System.  755 

8.  (da  es  kein  ungemischtes  Uebel  in  der  Welt  giebt)  in  einigem 
Maas 8  für  die  Arbeiter,  die  Dank  dem  System  im  Stande  sind, 
sich  ihr  Brod  zn  erwerben,  während  sie  sonst  bei  dem  jetzigen  Zustand 
in  Castle  Acre  theil weise  ganz  ohne  Arbeit  Fein  würden. 

Unvortheilhaft  dagegen  ist  es  für  die  Arbeiter,  weil,  da  der 
Gangmaster  die  Arbeit  nach  Stücklohn  („by  the  piece**)  zu  leisten  unter- 
nimmt, es  ein  Modus  ist,  in  einer  gegebenen  Zeit  die  möglichst  grösste 
Arbeitsleistung  bei  möglichst  geringem  Lohn  zu  erreichen.  Die  Arbeiter 
müssen  so  viel  leisten,  als  arbeiteten  sie  auf  eigene  Rechnung  nach  Stück- 
lohn; so  haben  sie  die  ganze  Mühe  dieser  Arbeit  ohne  deren  Extrabeloh- 
nung, welchen  Nutzen  der  Gangmaster  einsteckt. 

Da  der  Gangmaster  eine  bestimmte  Arbeit  an  einem  bestimmten  Tag 
zu  liefern  unternimmt  (z.  B.  in  einem  5  Meilen  entfernten  Feld  Rüben 
auszumachen),  so  müssen  die  Arbeiter,  wenn  es  an  dem  Tage  regnen 
sollte,  den  Weg  umsonst  machen,  ohne  bezahlt  zu  werden,  während  sie 
als  Hofarbeiter  doch  irgend  eine  Art  von  Arbeit  im  Hause  möglicher- 
weise bekommen  oder  auch,  selbst  unbeschäftigt,  doch  einen  halben  Tage- 
lohn erhalten  würden. 

Oft  müssen  6jährige  Kinder  5,  6,  7  Meilen  zu  ihrer  Arbeit  gehen, 
um  im  Falle  des  Regens,  ohne  etwas  zu  verdienen,  wieder  umzukehren. 
Auch  werden  die  Kinder  fortwährend  in  sehr  jungem  Alter  zur  Arbeit 
gezwungen  und  so  ist  jede  Möglichkeit  des  Schulunterrichts  abgeschnitten, 
weil  in  der  natürlicherweise  sehr  dichten  Bevölkerung  von  Castle  Acre 
sehr  viele  Kinder  jeden  Alters  sind,  die  man.  Dank  dem  Gangsystem 
streng  zur  Arbeit  anhalten  kann. 

Sodann  dies  in  den  Worten  eines  der  Zeugen: 

„Wenn  die  Arbeiter  an  einem  Tage  nicht  eine  bestimmte  Arbeits- 
menge leisten,  so  erhalten  sie  gar  nichts;  sie  sollen  Mann  für  Mann 
so  und  so  viel  als  Tagesarbeit  liefern.  Wenn  sie  am  ^lorgen  fort- 
gehen und  sich  nur  etwas  wegen  Regens  oder  irgend  einer  anderen  Ur- 
sache aufhalten,  so  werden  sie  nicht  bezahlt  Deshalb  lassen  die  Gang- 
masters einen  Jeden  „short  work"  thun  und  bezahlen  sie  dann  nicht :  die 
Arbeit  ist  aber  gethan  und  dies  ist  der  Vortheil  des  Gangmasters.  Der 
Tag  wird  in  Viertel  eingetheilt:  halten  sie  die  Zeit  aus,  so  werden  sie 
bezahlt;  wenn  nicht,  so  erhalten  sie  nichts.^ 

Da  es  das  einzige  Ziel  des  Gangmasters  ist,  seinen  Contract  zu 
halten,  so  betrachtet  er  den  Arbeiter  nur  als  ein  lebendiges  Werkzeug, 
das  er  je  nach  dessen  Arbeitsfähigkeit  schätzt;  aus  diesem  Grunde  sind 
in  einem  ^Gang"  stets  viele  Weiber,  grösstentheils  erwachsene  Mädchen, 
deren  Moral  durch  dieses  stete  Zusammenarbeiten  mit  jungen  Burschen 
sehr  leidet,  mit  welchen  sie  dann  Nachts  zusammenzutreffen  pflegen. 
(Unter  100  „Gang*-Mädchen  sind  70  Huren).  Wenn  die  Stelle,  wo  ge- 
arbeitet werden  soll,   10  Meilen  oder  mehr  entfernt  liegt,  so  werden  sie 

48* 


756  Belegstellen. 

in  Karren  dort  hingescliickt  und  müssen  dann  die  Nacht  dort  bleiben, 
wobei  sie  in  Scheunen  übernachten. 

Natürlicherweise  wird  die  ganze  Bevölkerung  in  Folge  dieses  Systems 
dem  Gangmaster  in  die  Hände  geliefert,  der,  wenn  er  ein  roher  Mensch 
ist,  seine  Macht  sehr  ausbeuten  kann. 

So  schlecht  sich  also  das  System  in  jeder  Beziehung  ausweist,  so 
würde  ein  plötzliches  Ende  desselben  doch  gefiüirlich  sein,  weil  es  viele 
Leute  ausser  Brod  setzen  und  das  dadurch  entstehende  Elend  der  Un- 
moralität  und  dem  Verbrechen  die  Thür  öfi&ien  würde. 

Mr.  Denison's  Ansicht  geht  dahin,  dass  es  allein  in  der  Macht  der 
benachbarten  Landbesitzer  liege,  dem  UebeUabzuhelfen.  Das  Gangsystem 
würde  von  selber  aufhören,  wenn  die  103  Familien,  die  jetzt  in  Castle 
Acre  lagern,  wieder  in  ihren  eigenen  Kirchspielen  wohnten,  dort  der  Con- 
trolle  der  Grundherren  unterworfen,  von  deren  Sorge  und  Güte  untere 
stützt,  durch  deren  Beispiel  geleitet  und  endlich  auch  durch  die  Berührung 
mit  Gebildeten  allmälig  veredelt  und  zum  richtigen  Gefühl  des  Anstands 
erzogen  würden,  welches  gar  manchen  ^zu  Hause**  in  Zucht  hält,  der  aus- 
wärts sicher  vorkommt.  Castle  Acre  würde  dann,  befreit  von  diesen 
Eindringlingen,  wieder  aufathmen  und  sich  von  seinem  Elend  erholen 
können. 


Verzeichniss 

der  angeführten  Gesetze- 

Die  Gesetze  sind  aogeföhrt  nach  den  „Statutes  at  Large^,  Sammlung 
von  Owen  RuiThead,  10  Bände  in  4",  1786  nebst  deren  Fortsetzungen  bis 
zur  Gegenwart.  In  den  altem  Theilen  sind  von  den  Gesetzen,  welche  zur 
Zeit  der  Herausgabe  nicht  mehr  in  Geltung  waren,  nur  die  Ueberschriften 
abgedruckt  („nicht  ganz  abgedruckt*');  manche  Gesetze  sind  aber  in  den 
gedruckten  Sammlungen  überhaupt  nicht  zu  finden,  was  in  dem  genannten 
Werk,  bei  Gelegenheit  der  Abschaffung  solcher  Gesetze,  häufig  erwähnt  wird. 

Die  Seitenzahlen  beziehen  sich  auf  das  vorliegende  Werk. 

25.  Eduard  HI.  stat.  1.  (1350).  —  S.  20. 

12.  Richard  IL  cap.  7.  (1388).  —  S.  28  [nicht  ganz  abgedruckt]. 

12.  Richard  IL  cap.  9.  [?]  (1388).  —  S.  21  [nicht  ganz  abgedruckt]. 

13.  Richard  IL  cap.  8.  (1389).  —  S.  22. 

7.  Heinrich  IV.  cap.  17.  (1405).  —  S.  21  [nicht  ganz  abgedruckt]. 

4.  Eduard  IV.  cap.  1.  (1464).  —  S.  555. 
19.  Heinrich  VIL  cap.  7.  (1503).  —  S.  20. 
27.  Heinrich  VIH.  cap.  25.  (1535).  —  S.  29. 
37.  Heinrich  VHI.  cap.  9.  (1545).  —  S.  569. 

2.  und  3.  Eduard  VI.  cap.  15.  (1548X  —  S.  27. 

5.  und  6.  Eduard  VL  cap.  20.  ((1552),  —  S.  569  [nicht  ganz  abgedruckt], 
5.  und  6.  Eduard  VL  cap.  22.  (1552).  —  S.  605. 

2.  und  3.  Philipp  und  Maria  cap.  11.  (1555),  —  S.  443.  554  bis  555. 

565.  571.  674. 
5.  Elisabeth  cap.  4.  (1562).  —  S.  23.  415  ff.  (Zweites  Buch,  Cap.  1,  §  2). 

S.  694. 

8.  Elisabeth  cap.  11  (1565X  —  S.  417. 
18.  Elisabeth  cap.  3.  (1576).  —  S.  32. 
43.  Elisabeth  cap.  2.  (1601X  —  S.  29. 

2.  [vulgo  1.]  Jacob  L  cap.  6.  (1604X  —  S.  31. 
2.  [vulgo  1.]  Jacob  I.  cap.  22  (1604).  —  S.  470. 


758  VerzeichnisB  der  angeftlhrten  Gesetze. 

7.  Jacob  I.  cap.  4.  (1609).  —  S.  32. 
21.  Jacob  I.  cap.  8.  (1623)  —  S.  12. 

21.  Jacob  I.  cap.  31.  (1623).  —  S.  490.  491  [nicht  ganz  abgednickt]. 
3.  Karl  I.  cap.  4.  [5]  (1627).  -  S.  30. 

3.  Karl  I.  cap.  5.  (1628).  —  S.  32  [nicht  gefunden,  vom  Jahr  1628  sind 
keine  Gesetze  da]. 

13.  Karl  I.  [cap.  ?].  —  8.  489  [fehlt  ebenfaUs  bei  Roffhead]. 

16.  Karl  L  cap.  4  (1640).  —  S.  30. 
Navigationsacte  von  1651.  —  S.  10  [fehlt  bei  Roffhead]. 
12.  Karl  II.  cap.  18.  (1660).  —  S.  10. 

18.  und  14.  Karl  U.  cap.  12.  (1662).  —  S.  32. 

15.  Karl  U.  cap.  7.  (1663).  —  S.  11.  522. 

15.  Karl  II.  [cap.  ?].  (1664).  —  S.  484  [fehlt  bei  Ruffhead]. 

22.  Karl  II.  cap.  13.  (1670).  —  Seite  33.  522. 

1.  Wilhelm  und  Maria  cap.  12.  (1688).  —  S.  522. 

8.  und  9.  Wilhelm  DI.  cap.  80.  (1697).  —  S.  36. 

9.  und  10.  Wilhelm  III.  cap.  11.  (1698).  —  S.  36. 
11.  und  12.  Wilhelm  III.  cap.  10.  (1700).  —  S.  499. 
11.  und  12.  Wilhelm  DL  cap.  20.  (1700).  —  S.  522. 

11.  und  12.  Wilhelm  HI.  cap.  21.  (1700).  —  S.  480. 

1.  Anna  stat  2,  cap,  18.  (1702).  —  S.  39.  559. 
5.  Anna  cap.  84.  (1706).  —  S.  478. 

7.  Anna  cap.  6.  (1708).  —  S.  478. 

8.  Anna  cap.  18.  (1709).  —  S.  473. 

9.  Anna  cap.  28.  (1710).  —  S.  482. 

10.  Anna  cap.  19.  (1711).  —  S.  503.  504. 

12.  Anna  stat.  1,  cap.  18.  (1713).  —  S.  36. 

12.  Anna  stat.  2,  cap.  23.  (1713).  —  S.  37  [nicht  ganz  abgedruckt . 

4.  Georg  I.  cap.  11.  (1717).  —  S.  39. 

5.  Georg  I.  cap.  8.  (1718).  —  S.  37. 

5.  Georg  I.  cap.  27.  (1718).  —  S.  519. 

7.  Georg  I.  stat.  1,  cap.  7.  (1720).  —  S.  503.  504. 

7.  Georg  I.  stat  1,  cap.  13.  (1720).  —  S.  39.  434.  435. 

9.  Georg  I.  cap.  7.  (1722).  —  S.  35.  37. 

11.  Georg  I.  cap.  24.  (1724).  —  S.  467.  468. 

12.  Georg  I.  cap.  34.  (1725).  —  S.  39.  437. 

12.  Georg  I.  cap.  35.  (1725).  —  S.  489  [nicht  ganz  abgedruckt]. 

13.  Georg  I.  cap.  23.  (1726).  —  S.  437. 

2.  Georg  II.  cap.  26.  (1729).  —  S.  480. 

3.  Georg  II.  cap.  26.  (1730).  —  S.  480.  482. 
9.  Georg  IL  cap.  4.  (1736).  —  S.  504. 

13.  Georg  II.  cap.  8.  (1740).  —  S.  559. 
15.  Georg  II.  cap.  29.  (1742).  —  S.  512. 

17.  Georg  II.  cap.  5.  (1744).  —  S.  38. 


Verzeicbniss  der  angeftthrten  Gesetze.  759 

20.  Georg  IL  cap.  19.  (1747).  — ^.  39.  486. 

22.  Georg  II.  cap.  27.  (1749).  — "s.  40.  559.  560. 

23.  Georg  II.  cap.  13.  (1750).  —  S.  519. 
26.  Georg  U.  cap.  21.  (1753).  —  S.  500, 

29.  Georg  ü.  cap.  33.  (1756).  —  S.  437. 

30.  Georg  U.  cap.  12.  (1757).  —  S.  439. 

31.  Georg  II.  cap.  11.  (1757).  —  S.  36. 
31.  Georg  IL  cap.  29.  (1757).  —  S.  473. 

31.  Georg  IL  cap.  76.  (1757).  —  S.  439.  481  [fehlt  in  den  gedruckten  Samm- 
lungegj. 

3.  Georg  IIL  cap.  21.  (1762).  —  S.  511. 

5.  Georg  IIL  cap.  31  und  32.  (1765).  —  S.  522  [beide  nicht  ganz  ab- 
gedruckt]. 

5.  Georg  III.  cap.  51.  (1765).  —  S.  468. 

6.  Georg  111.  cap.  23.  (1766).  —  S.  469. 
6.  Georg  lU.  cap.  28.  (1766).  -  S.  511. 

6.  Georg  IIL  cap.  35.  (1766).  —  S.  482. 

7.  Georg  IIL  cap.  23.  (1767).  —  S.  482. 
7.  Georg  III.  cap.  39.  (1767).  —  6.  420. 
«.  Georg  III.  cap.  17.  (1768).  —  S.  435. 

10.  Georg  lU.  cap.  53.  (1770).  —  S.  439.  481. 

13.  Georg  IIL  cap.  43.  (1773).  —  Ö.  523. 

18.  Georg  lU.  cap.  68.  (1773).  —  S.  417.  444. 

14.  Georg  IIL  cap.  72.  (1774).  —  S.  504. 

15.  Georg  UI.  cap.  28.  (1775).  —  S.  440. 
17.  Georg  UI.  cap.  55.  (1777).  —  S.  417. 
17.  Georg  111.  cap.  56.  (1777).  —  S.  560. 

21.  Georg  UI.  cap.  40.  (1781).  —  S.  513. 

22.  Georg  III.  cap.  40.  (1782).  —  S.  605. 

23.  Georg  UL  cap.  15.  (1783).  —  S.  490. 
28.  Georg  III.  cap.  48.  (1788).  —  S.  430. 
28.  Georg  IIL  cap.  53.  (1788).  —  S.  482. 

28.  Georg  UI.  cap.  55.  (1788).  —  S.  605. 

29.  Georg  UL  cap.  46.  (1789).  —  S.  605. 

31.  Georg  III.  cap.  58.  (1791).  —  S.  491  [nicht  ganz  abgedruckt]. 

32.  Georg  UI.  cap.  44.  (1792).  —  S.  444. 

35.  Georg  IIL  cap.  101.  (1795).  —  S.    36. 

36.  Georg  lU.  cap.  86.  (1796).  —  S.  472. 
87.  Georg  III.  cap.  98.  (1797).  —  S.  475. 
38.  Georg  IIL  cap.  62.  (1798).  —  S.  475. 
38.  Georg  lU.  cap.  69.  (1798).  -  S.  470. 
.38.  Georg  UL  cap.  73.  (1798).  —  S.  472. 
.39.  Georg  IIL  cap.  5ü.  (1799).  —  S.  440. 


760  Verzeichniss  der  angeführten  Gesetze. 

41.  Georg  III.  cap.  97.  (1801).  —  S.  491   [unter   den  local  and  personal 

acts;  nicht  ganz  abgedruckt]. 
48.  Georg  III.  cap.  68.  (1803).  —  S.  511. 

48.  Georg  III.  cap.  22.  (1808).  -  S.  511  [nicht  ganz  abgedruckt]. 
48.  Georg  lU.  cap.  60.  (1808).  —  S.  470. 
51.  Georg  TU.  cap.    7.  (1811).  -   S.  444. 

53.  Georg  III.  cap.  116.  (181 3X  —  S.  476. 

54.  Georg  III.  cap.  96.  (1814).  —  S.  415.  420.  426. 

55.  Georg  IH.  cap.  26.  (1815).  —  S.  525. 

55.  Georg  IIL  cap.  99.  (1815).  —  S.  476  [unter  den  local    and  personal 

acts,  declared  public]. 
59.  Georg  III.  cap.  86.  (18191  —  S.  476. 
59.  Georg  III.  cap.  90.  (1819).  —  S.  505. 

1.  und  2.  Georg  IV.  cap.  50.  (1821X  —  S.  477. 

8.  Georg  IV.  cap.  106.  (1822).  —  S.  477   [unter  den  local    and  personal 
acts,  declared  public]. 

5.  Georg  IV.  cap.  50  (1824).  —  S.  477. 

5.  Georg  IV.  ciip.  66.  (1824).  —  S.  451. 

1.  Wilhelm  IV.  cap.  17.  (1831).  -  S.  505. 
38.  und  39.  Victoria  cap.  90.  (Employers  and  workmen  act,  1875).  —  S.  18. 


Verzeichniss 

der  benutzten  amtlichen  Schriften. 

Bei  den  ^Journals  of  the  House  of  CommonB^  ist  jedem  Bande  in 
Klammern  beige  fti^,  welche  Jahreszahlen  aus  demselben  belegt  sind. 

Für  die  verschiedenen  „Reports"  mussten  die  Titel  so  angefahrt 
werden,  wie  sie  im  Manuscript  vorkamen,  also  meist  abgekürzt  und  nicht 
immer  gleichartig. 

Journals  of  the  House  of  Commons: 
Vol.  18.  (1715  bis  1718).  —  Seite  416.  467.  478.  499.  530. 
Vol.  19.  (1718  bis  1725).  —  Seite  434.  488.  501.  502.  510.  515.  519.  530. 

554. 
Vol.  20.  (1725).  —  Seite  437.  467.  477.  510.  514. 

Vol.  21.  (1728  bis  1732).  —  Seite  416.  467.  480.  489.  506.  510.  514.  559. 
Vol.  22.  (1733  bis  1737),  —  Seite  468.  470.  473.  503.  504.  514.  516.  55s. 

562. 
Vol.  23.  (1737  bis  1789).  —   Seite  468.  472.  477.  478.  481.  483.  506.  512. 

516.  555. 
Vol.  24.  (1742  bis  1746),    -    Seite  416.  434.  506.  512.  514.  561. 
Vol.  25.  (1746  bis  1753).  —  Seite  481.  485.  489.  506.  507.  510.  516. 
Vol.  26.  (1750  bis  1754).  —  Seite  4S5.  4.%.  468.  512. 
Vol.  27.  (1756  und  1757).  —  Seite  437.  438. 
VoL  28.  (1758  bis  1760).  —  Seite  439.  478.  481. 
Vol.  29.  (1762  bis  1764).  —    Seite  472.  481.  515.  614. 
Vol.  30.  (1765  und  1766).  —  Seite  468.  469.  478.  482.  507.  510.  55S. 
Vol.  31.  (1767).  —  Seite  485.  436.  482. 
Vol.  34.  (1773  und  1774).  —  Seite  504.  529.  592. 
Vol.  35.  (1775  und  1776).  —  Seite  439.  593. 
Vol.  36.  (1776  bis  1778).  —  Seite  416.  439.  559.  604. 
Vol.  87.  (1779  bis  1790).  -    Seite  417.  440.  486.  604. 
Vol.  88.  (1781  und  1782).  —   Seite  470.  513.  591. 
Vol.  89.  (1783  und  1784).  —  Seite  489.  555. 
Vol.  40.  (1784  und  1785).  —  Seite  478.  505.  555.  578. 


762  Yerzeichniss  der  benatzten  amtlichen  Schriften. 

Vol.  41.  (1786).  —  Seite  478.  507.  513.  561. 

Vol.  42.  (1787).  —  Seite  482.  489. 

Vol.  43.  (1788).  —  Seite  429.  482.  489.  508. 

VoL  44.  (1789).  —  Seite  417.  478.  489.  490. 

Vol.  45.  (1790).  —  Seite  417.  490. 

Vol.  46.  (1787  bis  1791).  —  Seite  491.  513. 

Vol.  47.  (1792).  —  Seite  558. 

Vol.  48.  (1783  bis  1793).  —  Seite  513.  561.  572. 

Vol.  49.  (1794>  —  Seite  555.  605. 

Vol.  50.  (1795).  —  Seite  478.  513. 

Vol.  51.  (1796).  —  Seite  439.  472.  473.  478. 

Vol.  52.  —  Seite  472. 

Vol.  53.  (1798).  —  Seite  470.  472. 

Vol.  54.  (1799)  —  Seite  440. 

Report  on  Manufacturers  of  Linen.  1744.  —  S.  512. 

Report  on  the  Petition  of  the  Dealers  in  and  Manufacturers  of  Linens. 

1744  (vgl.  den  voransgehenden  Titel).  —  S.  558. 
Report   on  Traders    and   Dealers    in  the  Linen   Manufeu^tory.    1751.  — 

S.  466.  512.  513. 
Report  on  the  Laws  being  relative  to  the  assize  of  Bread.  1772.  —  S.  478. 
Report  on  Linen  Trade  of  Great  Britain  and  Ireland.  1773.  —  8.  513. 
Report  on  the  Present  State  of  the  Linen  Trade.  1773  (vgl.  den  voraoi»- 

gehenden  Titel).  —  S.  558. 
Reports  on  Methods  practised  in  making  flour  from  Wheat  etc.  1774.  — 

S.  474. 
Report  on  the  laws  relating  to  the  exportation  of  Live  sheep  etc.  1778.  — 

S.  508. 
Report  ou  the  illicit  exportation  of  Wooll,  Live  sheep  etc.  1786.  —  S.  507. 
Report  on  the  Manner  of  Oonducting  the  several  Assay  Offices  in  London. 

1793.  —  S.  490. 
Fourth  and  Fifth  Report  on  the  High  Price  of  Com.  1796.  —  S.  474. 
Report  on  the  State  of  Copper  mines  and  Copper  Trade.  1799.  —  S.  51Ö. 

517.  549.  596. 
Zwei  Reports  on  the  Coal  Trade  Juni  u.  Decbr.  1800.  —  S.  4aS.  596. 
Second  Report  on  the  Assize  and  Making  of  Bread.  1800.  —  S.  475. 
Report  on  the  High  Price  of  Provisions.  1800  und  1801.  —  S.  475. 
Report  on  WooUen  Clothiers' Petition.  1802—1803.  —  S.  421. 441. 554. 602. 
Report  on  Com  Trade.  1804.  —  S.  524. 
Report  respecting  Calico   Printers.    1806.   (Minutes  of  evidence   dazu  von 

1804).  —  S.  421.  452.  458.  454. 
Report  on  the  WooUen  Manufacture   of  England.    1806.  —  S.  422.  423. 

441.  442.  444.  469.  550-554.  GOl.  602.  628.  694.    Minutes  of  Evidence 

dazu,  S.  552.  553 


Vcrzeicbniss  der  benutzten  amtlichen  Schriften.  763 

Report  on  Tanners,  Shoemakers  and  other  Artificers  occupying  the  Catting 

of  Leather.  1807.  —  S.  471. 
Report  on  Dr.  Cartwright's  Petition.  1808.  —  S.  594.  600. 
Report   on  Petitions    of   several  Cotton   Manofactorers   and  joumeymen 

Cotton  weavers.  1808  und  1809.  —  S.  455. 
Report  on  Petitions  of  several  Weavers.  1811.  —  S.  455.  456.  457. 600. 607. 
Framework-Knitters  Report  1812.  —  S.  462. 

Report  on  Framework-Knitters'  Petition  27.  Mai  1812.  —  (vgl.  den  voraus- 
gehenden Titel).  S.  484.  487. 
Second  Report  on  Framework-Knitters.  16.  Juli  1812.  —  S.  487. 
Report  from  the  committee  of  Secrecy  on  certain  violent  proceedings,  Juli 

1812.  —  S.  112. 
Report  on  London  ßakers.  1813.  —  S.  475. 
Report  on  the  Petitions  of  Country  Bakers   1818  (auch  Minutes  of  Evidence 

dazu).  —  S.  475. 
Report  on  Com  Trade.  1813.  —  S.  522.  525  (528?). 
Report  on  Petitions  relating  ^  Com  Laws.  1814.  —  S.  525. 
Report  on  the  Laws  relative   to  the  Manufacture,   Säle  and  Assize  of 

Bread.  1815.  -  S.  476. 
Report  on  Parish  Apprentices,  1815.  —  S.  420. 
Report  on   the   State   of  C^ldren  employed  in  Manufacturies.   1816.  — 

S.  420.  616.  618.  619.  620.  621.  622.  623.  624.  625.  706. 
Drei  Reports  on  the  Import  of  foreign  Seeds,  the  Trade  in  Wool  and 

Growth  of  Tobacco.  1816.  —  S.  509. 
Report  from  the  committee  of  Secrecy  or  Papers  presented  to  the  House 

by  Lord  Castiereagh.  Febr.  1817.  —  S.  112. 
Report  on  the  Employment  of  boys  in  sweeping  of  chimneys.  1817.  — 

S.  430. 
Report  on  the  Petitions  of  Watchmakers  of  Coventry.  1817.  —  S.  429. 692. 
Report  on  Dnties  payable  on  printed  cotton  goods.  1818.  —  S.  505. 
Report  on  Petitions  of  Country  Bakers.  1818.  —  S.  476. 
Report  on  Framework-knitters.  1818.  —  S.  422.  424. 
Report  on  the  Laws  relating  to  Watchmakers.  1818.  —  S.  428. 
First  Report  on  Silk  Ribbon  Weavers.  1818.  —  S.  445.  448.  449.  450. 
Second  Report  on  Ribbon  weavers.   1818.  —  S.  427.  445.  446.  447.  448. 

449.  450.  451.  559.  689.  695. 
Report  on  Silk  Ribbon  weavers.   1818  (vgl.  die  vorausgehenden  Titel).  — 

S.  426. 
Report  on  Ribbon  Weavers  Petition.  1818  (vgl.  die  vorausgehenden  Titel).  — 

S.  558. 
Minutes  before  the  Committee  of  the  Privy  Council  for  the  Affairs  of  trade 

regarding  the  Wool  tax.  1819  (nebst  Fortsetzung).  —  S.  508. 
Report  on  Framework-knitters'  Petition.  1819.  —  S.  487. 
Report  on  Agricultural  Distress.  1^20.  —  S.  525. 


764  Verzeicbniss  der  benutzten  amtlichen  Schriften. 

First  Report  for  the  Lords  on  Timber-Trade.  1820.  —  S.  516. 

Report  on  Foreign  Trade.  1820.  —  8.  516. 

Report  on  the  depressed  State  of  Agricoltore.  1821.  —  S.  526.  527.  528. 

Report  of  the  Lords  on  Silk-  and  Wine-Trade.  1821.  —  S.  511. 

First  Report  on  Foreign  Trade.  1821.  —  S.  516. 

Report  on  the  existing  regalations  relative  to  the  making  and  the  Säle  of 

Bread-  1821.  —  S.  476. 
Report  on  the  Laws  relating  to  the  stamping  of  Woollen  Cloth.  1821.  — 

S.  469. 
Report  on  the  distressed  State  of  Agricalture.  1822.  —  S.  528. 
Report  on  the  Laws  which  regulate  the  Linen  Trade  in  Ireland.  1822.  — 

S.  466. 
Fünf  Reports  on  Artizans  and  Machinery.  1824.  —  S.  520. 
First  Report  on  Artizans  and  Machinery.  1824.  —  S.  596.  600. 
Second  Report  on  Artizans  and  Machinery.  M&rz  1824.  —  S.  225.  425.  463. 
Third  Report  on  Artizans  and  Machinery.  1824.  —  S.  425. 
Fourth  Report  on  Artizans  and  Machinery.  1824.  —  S.  426.  463.  621. 
Fifth   Report    on  Artizans    and  Machinery*  1824.   —  S.  425.  456.  463. 

607.  619. 
Report  on  Labourers  Wages.  1824.  —  S.  464. 
Report   on   the  Laws   relating  to  the  Export  of  Tools  and  Machinery. 

1825.  -  S.  518.  520. 
Zwei  Reports  on  the  Linen  Trade  of  Ireland.  1825.  —  S.  466. 
Report  on  Butter  Trade  in  Ireland.  1826.  —  S.  472. 
Accounts  and  Papers.  1800—1826,  Vol.  34.  —  S.  505. 
Report  on  the  Means  of   lessening  the   evils  arising  from  the  fluctuation 

of  employment  in  manufacturing  districts.   1830.  —  S.  600.  656 — 65b. 
Report  on  the  Bill  to  rejrulate  the  Labour  of  Children  in  Mills  and  Fac- 

tories.  1882.  —  S.  626. 
Reports,  four,  on  Real  Property,  1829,  30,  32,  33.  -  S.  7. 
First  Report  of  the   Central  Board   of  bis  Majest/s  Commissioners  for 

inquiring   into   the  Employment  of  Children  in  Factories.    18i^3.  — 

S.  626.  (>27.  637.  638.  643. 
Serond  Report  etc.  on  the  Employment  of  Children  in  Factories.  1833.  — 

S.  iV^. 
Report  on  Manufactures,  Commerce  and  Shipping.  1833.  —  S.  600. 
Second  Report  on  Tumpike-Road-Trusts.   1838.  —  S.  571. 
Handloom  weavers   report.    1884.  —  S.  418.  455.  458.  459.  4r>0.  461.  462. 

568.  598.  000.  H96.  699.  703. 
Retum  of  the  Names  of  the  Inspectors  of  Factories  and  Copies   of  the 

Reports  presented  by  them.  1834.  —  S.  627. 
Handloom  weavers  Report  von  1841.  —  S.  599. 
Poor  Law  Commissioners  Report  on  the  Sanitary  Condition  of  the  labouring 

Population.  1842.  —  S.  038.  639.  720. 


Verzeichniss  der  benatsten  amtlichen  Schriften.  765 

Children'ä  Employment  Report  I.  1842.  —  S.  419.  628.  629.  680.  709. 
CMdren's  Employment  Report  II.   1848.  —  S.  418.   630.  631.  632.  640. 

650.  714.  736.  739.  740.  741.  746. 
Report  of  special  assistant  Poor-Law-Commissioners  on  the  employment 

of  Women  and  Children  in  Agriculture.  1843.  —  S.  610.  611.  752. 
Retum  of  owners  of  Land  in  England  and  Wales,  exd.  the  Metropolis, 

presented  to  both  Houses  of  Parliament.  2  Voll.  London  1875.  —  S.  6. 


Verzeichniss 

der  vorkonimenden  Namen  und  Werke. 

Die  ganz  unwichtigeo  Namen  sind  nicht  aufgenommen.  Die  Werke, 
welche  im  Ersten  Buch  bei  Darstellung  der  Schriftsteller  zusammenhängend 
besprochen  sind,  sind  hier  nicht  einzeln  angeftihrt 

Aikin,  A  description  of  the  country  round  Manchester.  1795.  —  S.  392. 

581.  556.  562.  571.  572.  573.  589.  590.  592.  593.  597.  605.  615.  618. 

635.  637. 
Alfred,  History  of  the  Factory-Movement  1857.  —  S.  617. 
Allen.  —  S.  349.  364. 
Anderson,  Deduction  of  the  origin  of  commerce  etc.  1801  (und  früher).  — 

S.  391.  392.  661. 
Anonymus,  An  Essay  on  the  improvement  of  the  Wo  ollen  Manufactnre  etc. 

1741.  _  s.  507. 

Anonymus,  Considerations  upon  the  present  State  of  the  Wool-Trade,  by 

a  Gentleman.  1781.  —  S.  507. 
Anonymus,    The  propriety  of  allowing  a  qualified  cxportation   of  WooL 

1782.  —  S.  507. 
Anonymus,  The  Contract  or  a  Comparison  between  Woolen,  Linen,  Cotton 

and  Silk  Maiiulactures.  1782.  —  S.  507. 
Anonymus,  Claims  of  labour,  1844.  —  S.  400. 
Anonymus,  Life  of  Robert  Owen    1866.  —  S.  343. 
Arkwright.  —  S.  347.  390.  394.  397.  401.  486.  504.  548.  572.  579.  591.  592. 

594.  595.  604.  (^05.  608.  614.  615.  623.  679. 
Arnold,  Dr.  —  S.  400. 

Ashworth,  Henry;  Cotton,  its  cultivation  etc.  1858.  —  S.  393. 
— ,    Statistical    illustratious  of  the  past  and    present    of  Lancashire. 

1842.  —  S.  393. 
Attwood,  Thomas.  —  S.  319.  322.  Schriften  323-325.  —  3^5.  366. 
Babbage,    On   the   economy   of  machinery   and  manufactures.    1832.   — 
S.  394.  593. 


VerzeichniBs  der  Namen  und  der  Werke.  767 

Baboeut  —  S.  105.  338. 

Baco.  —  S.  243.  355. 

Baines,  £.  jun.,  History  of  the  cotton  manufacture  in  Great  Britain.  1835.  — 

S.  395.  589.  591.  595.  605. 
— ,  The  social,    educational  and  religious  State  of  the  nianufiacturing 

districts.  1843.  —  S.  642.  644.  645. 
Bamford,  Selbstbiographie.  —  S.  288.  291.  295. 
Baumstark,  ücbersetzer  Ricardo's.  —  S.  176. 
Bear,  W.  E.,  The  Relations  of  Landlord  and  Tenant,  1876  (Cobden-Club- 

Broschüre).  —  S.  7. 
Bell.  —  S.  349. 
Bellers,  John.  —  S.  344. 
Bentham,  Jeremias.  —  S.  47.  48.  57.  58.  59.  63.  66.  68.   76.  82-85.  87. 

90.  91.  99.  102.  104. 106.  117.  120.  121.  126.  131—182.  165.  175.  202. 

203.  206.  213.  221.  231.  245.    Leben  und  Schriften  S.  246-278.  — 

278.  279.  280.  286.  312.  319.  822.  328.  329.  330.  337.  341.  349.  352. 

353.  354.  362.  378.  379. 

Bemhardi,  Versuch  einer  Kritik  der  Gründe  für  grosses  und  kleines  Grund- 

eigenthum.    Petersburg  1849.  —  S.  8.  177—178. 
Bevan,  Philips,  British  manufaoturing  Industries.  1877.  —  S.  394. 
Blackstone,  Commentaries  on  the  laws  of  England,  4  Bände.  15.  Auflage. 

London  1809.  —  S.  17.  250.  251. 
Blanc,  Louis.  —  S.  340. 
Bolingbroke.  —  S.  135. 
Bosanquet  —  S.  196.  199. 
Boulton.  —  S.  593. 
Bowring,  John,   Herausgeber  der  Werke  Bentham's.  —  S.  246.  —  Re- 

dacteur  der  Westminster  Review.  —  S.  279. 
Brash,  Richard,  A  general  account  of  Cobbett's  Conspiracy  against  public 

confidence.  1826.  —  S.  303. 
Brentano,  Lujo.  —  S.  158.  410. 
— ,  Arbeitergilden  der  Gegenwart,  2  Bde,  1871  und  1872.  —  8.  17.  89. 

405.  432.  436.  438.  439.  441.  486.  491. 
— ,  Das    Arbeitsverhältniss    gemäss    dem    heutigen    Recht     1877.    — 

S.  17. 
— ,  Arbeiterversicherung.  —  S.  658. 

Bridgewater,  Herzog  von,  S.  572. 

Brien,  William.  —  S.  384. 

Brindley  (Ingenieur).  —  8.  572.  677. 

Bromley.  —  S.  371. 

Brougham.  —  S.  385. 

Buckle.  —  S.  156. 

Bulwer.  —  8.  297. 

Burckhardt,  Cultur  der  Renaissance,  2.  Auflage,  1869.  —  S.  46. 


768  Verzeichniss  der  Namen  und  der  Werke. 

Burdett,  Sir  Francis.  —  S.  279.  298.  300.  315.  335.  845. 

Burgh.  —  S.  290. 

Burke,  Edmund,  —  S.  51.  63.  69.  70.  76.  87.  112.  115.  125.    Leben  und 

Schriften  131-153.  —  231.  234.  240.  245.  289.  312.  315. 
Byron,  Lord.  —  S.  488. 

Canning.  —  S.  286.  298. 

Carey.  —  S.  156.  18:3. 

Carlile,  R.,  Schriften  322—323.  —  332. 

Carlyle,  Thomas,  Chartism.  Fast  and  Present.  —  S.  400. 

Carpenter.  —  S.  3-32.  335.  376. 

Cartwright,  Dr.,  (Erfinder).  —  S.  594.  595.  600. 

Cartwright,  Edmund.  —  S.  606. 

Cartwright,  John.  —  S.  269.  —  Leben  und  Schriften  S.  288—293.  —  295. 

29i<.  315.  322.  323.  335.  341.  345. 
Chalmers,  Thomas;  Leben  und  Schriften.  —  S.  234^241.  244. 
Ciiffe  Leslie,   Land  Systems   and  industrial  economy,   London  1^0.  — 

S.  6.  —  Ueber  A.  Smith  (Fortoightly  Review  1870).  S.  155.    Political 

economy  and  sociology  (Fortnightly  Review  1879).  —  S.  157. 
Cobbett,  WiUiam.  —  S.  74.   106.   126.   127.  130.  199.  225.  266.  269.  279. 

280.  281.  —  Leben  und  Schriften  S.  293-522.  —  822.  328.  824.  326. 

327.  380.  332.  334.  341.  343.  345.  366.  381.  886. 
Cobden.  —  S.  7.  121.  123.  165.  261.  264.  325. 
Cohn.  —  S.  177. 
Colbert.  —  S.  165.  168. 

Combe,  Abraham.  —  S.  364.  Schriften  S.  378.  —  385. 
Concordia,  Zeitschrift  fiir  die  Arbeiterfrage.  —  S.  464. 
Condorcet,    Esquisse    d'un   tableau    historique   des    progräs    de    Tesprit 

humain.  —  S.  215. 
Conrad,   Job.,   (Uildebrand  und  Conrad,  Jahrbücher  für  Nat-Oek.  und 

Stiitistik).  —  S.  6. 
Cooke  Taylor,    Notes  of  a  tour  in  the  manufacturing  districts  of  Lan- 

cashire.  1842.  —  S.  39«  bis  399.  617.  621. 
— ,  Factories  and  the  factory   System.  1844.  —  S.  399.  632.  633.  642. 

644.  656. 
Craik,  History  of  British  Commerce.  1844.  —  S.  569. 
Crompton,  Samuel.  —  Ö.  593.  595. 

Dahlmann,  Geschichte  der  englischen  Revolution.  —  S.  51. 

D'Alembert.  —  S.  112. 

Dale.  -  S.  347.  619. 

Dabrymple,  Sir,  The  Question  considered  wether  wool  should  be  allowed 

to  be  exported  etc.  1782.  —  S.  507. 
Darwin.  —  S.  214. 
.Davenport,  Allen.  —  S.  111. 
De  Gennes.  —  S.  594. 


VerzeiclmisB  der  Namen  und  der  Werke.  769 

Doundonald,  Lord.  —  S.  628. 

Dudley  Baxter.  —  S.  574. 

Dumont,  Uebersetzer  Bentham's.  —  S.  246.  255.  257. 

P^arnshaw,  Lawrence.  —  S.  590. 

Economist,  the;  Zeitschrift  im  Sinne  Owens.  —  S.  365. 

Eden,  Sir  Frederic,  The  State  of  the  Poor,  London  1797,  8  Bände.  — 

S.  17.  19.  20.  37.  38.  392. 
Elliott,  Ebenezar.  —  S.  322.  325.  Schriften  328—329. 

EmminghauB.  —  541. 
— ,  Armenwesen  und  Armengesetzgebung  in  europäischen  Staaten.  Berlin. 
1870.  —  S.  19. 

Engel,  Dr.  E.  —  S.  669. 

Engels,  Friedrich;  S.  111.  341.  395.  396.  617. 

— ,  Lage   der  arbeitenden    Classen    in   England,    1845  und  1848.   — 
S.  400-401.  403.  404.  640. 

—  und  Marx,  Communis tisches  Manifest.  1847—1848.  —  S.  536. 

Faücher,  L6on,  Etudes  sur  TAngleterre,  2.  Aufl.  1856.  —  S.  403.  595. 

640.  644.  648. 
Felkin,  William,  A  history  of  the  machine  wrought  hosiery  etc.  1867.  — 

S.  393.  484.  485.  487. 
Fichte.  —  S.  277.  367. 
Fielden.  —  S.  335.  373. 
Filmer.  —  S.  49. 
Forster,  Nathanael,  An  Answer  to  Sir  Dalrymple's  Pamphlet  1782  (vgl. 

Dalrymple).  —  S.  507. 
Fourier,  Charles.  —  S.  105. 

— ,  Theorie  des  quatre  mouvements.  —  S.  843. 
Francis,  ffistory  of  the  Bank  of  England.  1862.  —  S.  574. 
FrankUn.  —  109. 

Front  de  Fontpertuis  (im  Journal  des  ^onomistes,  August  1877).  —  S.  6. 
Fulton,  Robert.  —  S.  346. 

Gaskell ,  The  manufacturing  population  of  England.  1833.  —  S.  395.  400 
bis  401.  595.  616.  624.  625.  626.  633.  634.  642. 

Gentz,  F.  von,  Edmund  Burke's  Rechtfertigung,  Berlin  1796.  —  S.  132.  364. 
Gervinus.  —  S.  247.  248.  277. 
Gneist.  —  S.  3.  4.  22.  23.  36. 
— ,  Selfgovemment  in  England,  Berlin  1871.  —  S.  19. 

Godwin,  William.  —  Leben  und  Schriften  S.  89—110.  -  111.  112.  242.  379. 
Gould,  Nathanael.  —  S.  622.  624. 
Gray,  John.  —  S.  367;  Schriften  S.  385. 
Grimshaw.  —  S.  595. 

Gülich,  von,  Geschichtliche  Darstellung  des  Handels,  der  Gewerbe  und  des 
Ackerbaues.  1830  - 1845.  —  S.  402. 

Hold,  Soc.  Gescb.  Engl.  49 


770  Verzeichniss  der  Namen  und  der  Werke. 

Guest,  Richard,  A  compendious  history  of  the  cotton  manufactore.  1823.  — 
S.  394.  589.  591.  692. 

Guyau,  La  Morale  anglaise  contemporaine.  1879.  —  S.  2.56.  257.  260. 

Haie,  A  discourse  toucbing  Provision  for  the  Poor.  1683.  —  S.  37. 

Hamilton,  National  Debt  1814.  —  S.  574.  575. 

Hargreaves.  —  S.  591.  679. 

Hartley.  —  S.  61.  89. 

Held,  Adolf;  Besprechung  von  Quetclet's  „Physique  sociale".  —  S.  93. 
— ,  Aufsätze  über  Owen ,  in  der  Concordia,  Zeitschrift  für  die  Arbeiter- 
frage. 1876.  —  S.  343. 
— ,  Socialismus,  Socialdemokratie  und  Socialpolitik.  1878.  —  S.  367. 
— ,  Einkommensteuer.  1872.  —  S.  576. 

Helvetius.  —  S.  254. 

Hermann,  F.  W.  B.  —  S.  158.  193. 

Hetherington.  —  S.  333. 

Hettner,  Literaturgeschichte  des  18.  Jahrhunderts.  —  S.  46. 

Highs.  —  S.  rm,  591. 

Hildebrand,  Bruno.  —  S.  155. 

Hillebrand,  Karl,  über  Burke  (Deutsche  Rundschau  Decb.  1879).  —  S.  132. 

Hobbes.  —  S.  51.  59. 

Holyoake,  History  of  Cooperation,  Bd.  1.  1875.  —  S.  343. 

Hume,  David.  —  S.  61.  79.  89.  156.  254. 

Hume  (ein  Radicaler).  —  335. 

Humphrey,  James.  —  S.  280. 

Hunt.  —  S.  298.  335.  345. 

Huskisson.  —  S.  286.  511. 

James,  John,  History  of  the  worsted  manufacture.  1857.  —  S.  393.  552.  509. 
Inama  Sternegg,  von.  —  S.  156. 

— ,  Deutsche  Wirthschaftsgeschichte.  —  S.  411. 
Ingram,  Present  condition   —  S.  160. 
Johnson,  Thomas.  —  S.  595. 
Jones  —  siehe  Liidlow. 
Junius-Briefe.  —  S.  72. 

Kant.  ~  S.  58.  155.  Vyl.  165.  277.  278. 

Kautski,  Einfluss  der  Volksvermehrung.  1880.  —  S.  209. 

Kay.  —  S.  401.  590. 

Kay,  John.  —  S.  590. 

— ,  The  social  Condition  and  Education  of  the  People.  1S50.  —  S.  645. 
Kay,  Robert.  —  S.  590. 
Kennedy,  John;   über  die  Erfindungen  in  der  Weberei   und  Spinnerei.  — 

S.  393. 
Kettle.  —  S.  433. 
Klcinschrod,   Grossbritanniens  Gesetzgebung   über  Gewerbe,   Handel   und 

innere  Communicationsmittel.  1836.  —  S.  10.  17.  401. 


Verzeichniss  der  Namen  und  der  Werke.  771 

Kleinschrod,  Pauperismus  in  England    1845.  —  S.  19. 
Knapp,  G.  F.,  über  Quetelet's  Schriften.  —  S.  94. 
Knies,  Der  Credit  —  S.  179. 
Kries,  Die  englische  Armenpflege,  Berlin  1863.  —  S.  19. 

Lancaster,  Joseph.  —  S.  349.  350. 

Lange,  F.  A.,  Geschichte  des  Materialismus.  —  S.  59. 

Langford,  J.  A.,  A  Century  of  Birmingham  life.  1868.  —  S.  392.  593. 

Laplace.  —  S.  94. 

Law.  —  S.  81.  660. 

Leaser,  Robert  —  S.  328. 

Ledru  Rollin.  —  S.  276. 

Lee.  —  S.  518. 

Levi,  Leone,  History  of  British  Commerce.  1872.  —  S.  548. 

Leigh,  Evan,  The  science  of  modern  cotton  spinnery.  1877.  —  S.  393.  595. 

Le  Play,  Les  ouvriers  europöens.  —  S.  404. 

Leser,  Der  Begriff  des  Reichthums  bei  Adam  Smith.  1874.  —  S.  155.  156. 

174.  193. 
Leslie  Stephen,  English  Thought  in  the  Eighteenth  Century.  —  S.  60.  62. 

77.  116. 
List,  Friedrich.  -  S.  156.  165. 
Locke.  —  S.  47.  52-57.   59.  63.  68.  70.  72.  89.  92.  106.  146.   156.  250. 

291.  329.  355. 
— ,  Treatise  on  Civil  Government.  —  S.  52. 
Lovett  —  S.  261.  295.  333.  379. 
Ludlow  (und  Jones),  Progress  of  the  working  class  (1832—1867).  1867.  — 

8.  404. 

Macaulay,  Geschichte  Englands.  —  S.  12.  49. 
Mac-CuUoch.  —  S.  177.  188.  201. 
— ,  Statistical  acxrount  of  the  british  empire.  1837.  —  S.  232.  392! 
— ,  Dictionary  of  commerce.  —  S.  392. 
Macpherson,  Annais  of  commerce,  London  1805.  —  S.  391.  392. 
Malthus,  Robert  —  S.  85   98.  108.  142.  156.  163.   186.  189.  191.    Leben 
und  Schriften:  S.  204—232.  —  S.  234.  235.  236.  237.  239.  240.  241. 
242   243.  244.  266.  279.  284.  305.  316.  318.  324.  352.  362.  610. 
Martineau,   Miss,  History   of  England   during   the    thirty   years'   peace, 

(1816—1846),  2  Bde.,  1849  und  1850.  —  8.  404. 
Marx,  Karl.  -    S.  111.  179.  181.  182.  184.   195.  302.   337.  340.  366.  367. 
370.  376.  381.  617. 
— ,  Zur  Kritik  der  politischen  Oekonomie.  1859.  —  S.  172. 
— ,  Das  Capital   1867.  -  S.  172.  404—405.  579.  656. 
—  und  Engels,  Communistisches  Manifest  1847—1848.  —  S.  5-36. 
Memoirs  of  the  literary  and  philosophical  society  of  Manchester.  —  S.  393. 

589.  593. 
Metcalf,  J.  —  S.  571. 

49* 


772  Verzeichniss  der  Namen  und  der  Werke. 

Meyer ,  Rudolf  (Redacteur  in  Berlin).  —  S.  366. 

Mill,  J.  St  -  S.  59.  149.  247.  258—259.     Sein  Werk  über  ütilitaria- 

nismuB.  —  S.  258.  —  Seine  Autobiographie.  —  S.  278-279.  280. 
Milton.  —  S.  49.  70. 
Mobl,  Robert  von,   Geschichte  und  Literatur  der  Staatswissenschaften.  — 

S.  247. 
Monatsschrift,  österreichische,  für  Gesellschaftswissenschaft.  1879.  —  670. 
Montesquieu.  —  S.  3. 
Montfort,  Simon  de.  —  S.  277. 

Moreau,  Wollhandel  und  WoUmanufactur.  A.  d.  Englischen.  1829.  —  S.  393. 
Morley,  Biographie  Burke's.  —  S.  132. 
Müller,  Adam.  —  S.  156. 
Mundella.  —  S.  433. 
Nasse,   E.     Mittelalterliche    Feldgemeinschaft    etc.    in    England.     Bonn 

1869.  -  S.  7. 
— ,  über  Adam  Smith  (preuss.  Jahrbücher).  —  S   156. 
National  Reformer,  radicale  Zeitschrift.  —  S.  333. 
Nicholls,  Sir  George,  A  History  of  the  English  Poor  Law,  2  Bde.,  London 

1854.  —  S.  19.  37. 
Noorden,  C.  von.  Europäische  Geschichte  im  18.  Jahrhundert  1870.  —  S.  51. 

Oastier.  —  S.  373. 

O'Bricn,  Bronterre.  -  S.  333. 

Ochenkowski,  Englands  wirthschaftliche  Entwicklung  im   Ausgange   des 
Mittelalters.  1879.  —  S.  410.  471.  569. 
— ,  Ueber  Locke,  in  Hildebrands  Jahrb.  —  S.  500. 

O'Connell.  —  S.  335. 

O'Connor.  —  S.  121.  301.  328.  343. 

Oncken,  Aug.  —  S.  157.  105.  167.  171. 

Owen,  Robert.  —  S.  90.  91.  96.  98.  130.  218.  225.  228.  261.  279.  284. 
29:>.  342.  —  Leben  und  Schriften  8.  :^3  bis  378.  -  S.  381.  384.  — 
Leben  und  Schriften,  Scbhiss  S.  385  bis  386.  —  618.  619.  620.  622. 

Owen,  Robert  Dale,  Sohn  des  Vorigen.  —  8.  372. 

Paine,  Thomas.  —  S.  61.  63.  81.  100.  106.  114.  —  Leben  und  Schritten 
S.  115-131.  -  S.  131.  216.  225.  269.  288.  291.  293.  'J97.  299.  .301. 
305.  315.  322.  323.  330.  338.  341.  343.  340. 

Paloy,  'William.  —  S.  60.  Leben  und  Scliriftcn  S.  76-89.=  —  S.  77.  212. 

Paul,  Lewis.  —  S.  589. 

Pauli.  —  S.  247. 

Peel,  Sir  Robert.  -  S.  306-307.  349.  366.  423.  424.  616.  618.  619.  620. 
621.  622.  620.  636.  706. 

People'a  Charter,  thp-,  radicales  Blatt.  —  S.  aSl.  332. 

Pitt  —  S.  313.  314   315.  317.  497.  617. 

Political  ünionist's  Catechism;  radicale  Flugschrift.  —   S.  33:3. 

Poor  Man's  Guardian;  radicale  Zeitschrift.  —  S.  333-338. 


VerzeiclmisB  der  Namen  und  der  Werke.  773 

Porter,  Progress  of  the  Nation,  1851.  —  S.  392.  401. 

Price,  Richard.  —  Leben  und  Schriften.  S.  71—76.  -  80.  291. 

Priestiey,  Joseph.  —  S.  59.    Leben  und  Schriften.  S.  61—71.  —  72.  76. 

89.  93.  112.  254.  297.  312.  356t 
Proudhon,  Gontradictions  ^conomiques.  —  S.  870. 

Quesnay.  —  S.  156. 

Quetelet,  Adolf.  —  S.  93.  214. 

Rashleigh,  W.  (Herausgeber),  Stubbom   facts  from  the   factories;  by  a 

Manchester  operative,  1844.  —  S.  393. 
Reformer's  Catechism,  the;  radicales  Blatt.  —  S.  331. 
Republican,  the;  ein  radicales  Blatt  —  S.  330. 
Reybaud,  L.,  Etudes  sur  les  r^formateurs,  1864.  S.  343.  344.  365. 
Ricardo,  David.  —   S.   90.   156.   157.   160.   163.     Leben  und   Schriften 

S.  175—204.  —  205.  206.  207.  211.  218.  221.  222.  227.  231.  2.S3.  284. 

235.  237.  268.   279.  283.  301.  823.  324.  825.  826.  327.  366.  370.  608. 
Richmond,  Narrative  of  the  condition  of  the  manufacturing  population, 

1825.  —  S.  457. 
Richmond,  Herzog  von.  —  S.  290. 
Rights  of  Nations,  the;  radicales  Blatt   —  S.  331. 
Robespierre.  —  S.  833.  336. 
Rodbertus.  —  S.  179.  366.  867.  370. 
Röscher,  Wilhelm.  —  S.  155. 176. 
Rössler,  H.  —  S.  156. 

Rousseau.  —  S.  47.  56.  58.  63.  65.  67. 68. 89. 104. 139. 149. 245. 277. 278.  344. 
Russell,  Lord  John.  —  S.  305. 

Sadler,  Thomas.  —  Leben  und  Schriften.  S.  241—245.  —  335.  682. 
Sargant,  W.  Lucas ;  Owen  and  his  social  philosophy,  1860.  —  S.  343.  364. 
Say,  J.  B.  -  S.  160. 

Scheel,  Hans  von.  Unsere  social-politischen  Parteien,  1878.  —  S.  105. 
Scherzer,  Weltindustrien.  1880.  —  S.  394. 
Schmoller,  Gustav,  Geschichte  der  Strassburger  Tucher-  und  Weberzunft, 

1879.  —  S.  408-409.  412. 
Schönberg,  Gustav,  Finanzgeschichte  von  Basel.  —  S.  538. 
Searle,  January,  Memoirs  of  Ebenezar  Elliott.  1852.  —  S.  328. 
Senior,  Introductory  Lecture.  —  S.  284. 
Shaw  Lefevre,  Economic  Law  and  English  Landownership  (Fortnightly 

Review  1877).  —  S.  6. 
Sismondi.  —  S.  583. 
Skarzguski,    Dr.   Witold   von,    Adam    Smith    als    Moralphilosoph   und 

Schöpfer  der  Nationalökonomie,  1878.  —  S.  160. 
Smiles,  Life  of  Telford,  1867.  —  S.  571. 
Smith,  Adam.   —   S.   6.   10.  35.  39.  57.  106.    126.     Leben  und  Schriften 

S.  154—175.  —  176.  177.  180.  181.  188.  191.  193.  207.  211.  214.  233. 

286.  246.  263.  267.  326.  828.  522.  529.  579. 


774  Vcrzcichniss  der  Naincn  and  der  Werke. 

Smith,  John,  Memoirs  of  Wool,  1757.  —  S.  892.  498. 
Spence,  Thomas.  ~  Leben  und  Schriften.  S.  110    115.— S.  225. 319.  367. 
Stein,  Frh.  vom.  —  S.  282. 

Stein,  Lorenz  von,  Socialismus  und  Communismus.  —  S.  106. 
— ,  Die  Volkswirthschaftsiehre,  2.  Auflage,  1878.  —  S.  160. 
Stephens.  —  S.  373. 

Steuart,  Grundgesetze  der  Staatswirthschaft,  1769.  —  S.  155. 
St  Simon.  —  S.  128.  265   341. 
Strauss,  David.   -   S.  249. 
Süssmilch,  J.  P.  —  S.  210.  218. 
Swift.  —  S.  112.  114. 

Sybel,  H.  von,  über  Burke  (Allg.  Zeitschrift  ftir  Geschichte  Bd.  7  und  8; 
auch  V.  Sybel,  Kleine  historische  Schriften,  Bd.  1).  —  S.  182. 

Thompson,  William.  —  Schriften.  S.  878  bis  385. 

Thomson,  Perronet  (so  zu  lesen)  S.  285  (statt  R.  Thompson);  Catechism 
on  the  Comlaws  S.  284.  —  322.     Schriften  325  bis  828. 

Thun,  Alfons,  Die  Industrie  am  Niederrhein,  1879.  —  S.  541. 

Toplis,  William  —  S.  606. 

Treitschke,  H.  von.  —  S   133. 

Tucker,  Abraham.  —  S.  81. 

Tucker,  Josiah,  Four  tracts  on  political  and  commercial  subjccts,  8.  Auf- 
lage, 1776.  —  S.  155. 
— ,  Reflcctions   on  the  present  low  price   of  coarse  wools,   1782.  — 
S.  507. 

Tuckett,  J.  D.,  A  history  of  the  pust  and  present  State  of  the  labouring 
Population,  1846.  —  S.  399.  570. 

Turgot.  —  57.  156. 

Ure.  —  S.  898. 
— ,  Philosophy  of  manufactures ,  3.   Auflage,   1861.  —  S.  895  bis  397. 

592.  617.  632.  G33. 
—  History  of  Cotton  Manufacture,  2  Bde.,  183().  —  S.  397.  595. 
Vansittart,  Nicliolas.  —  S.  323. 
Venedey,  Enj?land,  3  Bde.,  1845.  -   S.  402. 
Viebahn,  Der  cnglischo  Gcwcrbfleiss,  1852.  —  S.  567. 
Villormo,  Tableau  de  Totat  physique  et   morale  des  ouvriers,   1840.  — 

S.  404. 
Voltaire.  —  S.  65. 

Wade,  John,  History  of  the  middle  and  working  classes,  London  1835.  — 

S.  17.  398. 
Wagnor,  Adolf.  -  S.  367. 
Wardel.  -  S.  335. 
Watson,  J.    -  S.  3^2. 
Watt.  —  S.  401.  593.  679. 
Wcdgwood,  Josiah.  —  S.  596.  619. 


VerzeichDiss  der  Namen  und  der  Werke.  775 

Weitling.  -  S.  111. 

Westminster-Review,  die  Zeitschrift  der  Benthamiten.  —  S.  279--287.  290. 

Wilke.  —  S.  136. 

Wilts,  Washington,  The  half  Century,  1853.  —  S.  404. 

Wirth,  Max,  Handelskrisen.  —  S.  659. 

Working  num's  friend  etc. ;  radicales  Blatt  —  S.  332. 

Wren  Hoskyns,  The  Land  Laws  of  England  (in :  Systems  of  Land  Tenure 
in  various  countries,  published  by  the  Cobden  Club,  2.  Auflage, 
London  1870).  —  S.  5. 

Wyatt.  —  S.  589.  591.  593. 

Young,  Arthur.  —  324.  579. 
— ,  Political  Arithmetic,  1774.  -  S.  7. 

— ,  A  six  weeks  tour  through  the  southem  counties  of  England,  3.  Auf- 
lage, 1772.  —  S.  570. 


Verbesserungen. 

Seite    37,  Zelle  14.    Lies:  12.  Anna  stat  2,  cap.  23  statt  13.  Anna  stat  2, 

cap.  26. 
,,       61,     „      14.    Lies:  weil  er  vor  Bentliam  statt  von  Bentham. 
,,      89,     „        6.    Lie$:  ableitete  statt  ableite. 
„     111  unten  und  112  oben.    Lies:    lessons   for   the    people  or    alias, 

according  to  Burke,  for  the  Swinish  Multitude. 
„     111,  Anmerkung  2,  letzte  Zeile.    Lies:  1796  statt  1776. 
„     132  und  133  letzte  Zeile.    Lies:  Edmund  statt  Eduard. 
„     235,  Zeile  26.    Lies:  Perronet  Thomson  statt  K.  Thompson. 
„     248,  Zeile  14.    Lies:  den  Glauben  statt  die. 
„     284,     „     19.    Lies:  P.  Thomson's  statt  Thompson's. 
;,     286,     ,,       6  von  unten.    Lies:  Huskisson  statt  Huskinson. 
„     322  in  der  Ueberschrüt  und  folgende  Seiten.    Lies:   Thomson  statt 

Thompson. 
„     328,  Anmerkung  1.    Lies:  Searle  statt  Seasle. 
„     331,  Anmerkung  1,  zweite  Strophe.    Lies:  Prepared  statt  Prepaired. 
„    332,  Zeile    3.    Lies:  can  save  the  earth  from,  statt  can  save  from. 
„     343,  Anmerkung  1.    Das  Werk  von  Holyoake  ist  1875  (nicht  1878) 

erschienen. 
„     377,  Zeile    9.    Lies:  Die  Schrift 'statt  In  der  Schrift. 
„     378,     „      13  von  unten.    Lies:  Metaphorical  statt  Metaphysical. 
„     392,     „     19  von  unten,    Das  Werk  von  Langford  ist  1868  (nicht 

1861)  erschienen. 
„     417,     „        6.    Lies:  8.  Eliz.  c.  11  statt  c.  2. 
„     428,  Anmerkung  3.    Lies:  Report  on  the  Petitions  of  Watchmakers, 

1817  statt  a.  a.  0. 
„     473,  letzte  Zeile    des    Textes.      Lies:    31.    Georg   II.    c.    29    statt 

31.  Georg  II. 
„     477,  Zeile    7  von  unten.  Lies:  das  Vorkommen  statt  das  Verkommen. 
„     481,     „       4  von  unten.    Lies:  31.  Georg  II.  c.  7(3  stiitt  31.  Geoi^  II. 
„     482,     „      15.    Lies:  die  Kohlenbereiter  statt  der. 
„     489,     ,,       2.    Lies:  12.  Georg  I.  statt  12.  Georg  II. 
,,     504,  Zeile    12   von   unten.     Lies:   7.   Georg  I.  stat.   1,    c.   7    statt 

7.  Georg  I.  c.  7. 
„     513,     „         8  von  unten.  Lies:  21.  Georg  III  c.  40  statt  21.  Georg  III. 
„     519,     „        11  von  unten.    Lies:  Januar  1718  statt  1781. 
„     522,     .,        11.     Lies  :  22.  Karl  II  statt  22.  Karl. 
.,     547,     ,,        13  von  unten.    Lies:  mit  keinem  statt  kleinem. 
„     509,     „        18.     Lies:  5.  und  6.   Eduard  VI.  c.  20  statt  5.    und  6. 

Eduard  VI. 
„     631,  Anmerkung  6.    Lies:  Anhang  unter  L.  statt  K.;  und  vergleiche 

S.  722. 
„     684,  Zeile  18.    Lies:  letzteren  Jurisdiction  statt  bessere. 


Pierer'flche  üofbachdruckerei.    Stephan  Goibel  &  Co.  in  Altenborg. 


Im  Verlage  von  Duncker  &  Humblot  in  Leipzig  erschienen 
folgend«'  Schriften  von 


Adolf  Held: 


Sozialismus,  Sozialdemokratie 

und 

Sozialpolitik. 

J.\.  I5ß  S.     S.     li»7S.    Prt'is  M.  3.—. 

Die  Deutsche  Arbeiterpresse 

der  Gojjeiiwart. 

m 

VIII,   11)6  S.     irr.  8.     1873.     Preis  M.  3.60. 


Im  ,, Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volks- 
wirthfichaft,  herausgejreben  vt)n  v.  Holtzendorff  nnd  L.  Brentano" : 

Der    Yolkswirllisclianiiclie  Konirress    nnd   der  Verein    filr   Soeial- 
poütiU.     (N.  F.  15d.  I.  Roi'i  1;  Preis  5  M.) 

Die    fitnfte    (■eneralverstinimlun^    des    Vereins    filr    Soeiulpolitik. 

(N.  F.  IM.  I.  IToCt  4;  Preis  4  M.  40  Pf.) 

Dr.  M.  Block,  Die  Qiiinl essen/,  des  Kaliiedersocialisnius. 

(X.  F.  IM.  III.  ll.'ft  1;  Preis  r,  M.  40  Pf.) 

Seliulzzoll  nnd  Freihandel.    (X.  F.  Hl   HF.  Heft  2.  3.     Pnrij^  C>  M.) 


In  „Schriften  dev.  Vereins  für  Socialpolitik'' : 

IMe  !*i»rsonalbestenernnj?«  (riit.H'lit«'u  anf  Veranhi^smifr  der  F.is(.'n;n"lu>r 
\'«rfi:iininlunfC  /."r  l>«'^i»nTlmii^  dor  sooinh'ii  Fra^e  (Hand  III. 
WvU  2  M  ) 

Herieh!   über  verseliiedene    Ansichten,   betr.    die   Haftpfliehtfrairi'. 

(H:md  XIX.  VviU  -1  M.  '30  Pf.) 


i'icrier'Mh«  \V'<VV>«u\idvv\(VLrit\.    ^\cvv<-&fv  Uciliet  •&  Co.  in  Allcnliuri. 


liiiiniiii 

3  9015  01370  7347